Dienstag, 22. Dezember 2015

Das war 2015

2015 ist bald vorbei - was gab es zu lesen?

 

Am 15.Juni 2015 habe ich meinen Blog gestartet. Meine Vorkenntnisse und Erfahrungen "mit so etwas" lagen bei praktisch null. Aber nach dem ersten halben Jahr kann ich sagen: Es hat Spaß gemacht! Ich habe sowohl in den Kommentaren als auch den sozialen Netzwerken viele positive Rückmeldungen bekommen und weiß, dass etliche meiner Leser an jedem Freitag nachsehen, was sich in meiner Bücherkiste getan hat. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken!

Im Laufe der Monate sind ständig neue Leser hinzugekommen. Da ich sehe, dass meine ältesten Rezensionen seltener gelesen werden, sondern für die meisten nur die Bücher der jeweils letzten Wochen interessant sind (wie schade!), habe ich mir für heute überlegt, einen kurzen Jahresrückblick zu machen. Das, was Fernsehsender können, kann ich schon lange...



Der Juni - im Startmonat gab es diese Bücher

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war - CoverbildWann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff war gleich zum Start ein tolles Buch. Der Autor erzählt von seinem Leben in einer psychiatrischen Einrichtung, in der sein Vater Chefarzt war. Es geht lustig, aber auch nachdenklich zu.








Herr der Krähen CoverAm 22. Juni ging es um das Buch Herr der Krähen des Autors mit dem unaussprechlichen Namen: Ngũgĩ wa Thiong’o. Er steht immer wieder auf der Liste der Anwärter für den Literatur-Nobelpreis, auch für dieses Buch. Sein Roman ist von vorn bis hinten eine Persiflage auf die afrikanischen Despoten, die sich mit aberwitzigen Aktionen selbst erhöhen wollten und von A....kriechern dabei unterstützt wurden. Liest sich wie an eine Aneinanderreihung von Übertreibungen, entspricht aber im Kern der Wahrheit.





Am schönsten Arsch der Welt CoverDarauf folgte von Bernhard Hoëcker und Tobias Zimmermann mit Am schönsten Arsch der Welt ein Reisebericht, in dem der Comedien seine Tour durch Neuseeland schildert, die er im Auftrag des dortigen Tourismusverbandes unternommen hat. Hoëcker muss dabei mehrere von Fernsehzuschauern ausgewählte Aufgaben bewältigen.







NovecentoEin sehr berührendes Buch war Novecento von Alessandro Baricco. Ein Mann, der im Jahr 1900 auf einem Ozeandampfer geboren wurde, verlässt diesen sein ganzes Leben lang nicht ein einziges Mal. Er bringt sich selbst das Klavierspielen bei und übertrifft sogar den größten Pianisten seiner Zeit. Doch der Erfolg ist nicht alles, und er versucht, sich seine größte Sehnsucht zu erfüllen. Das Buch wurde unter dem Titel "Die Legende vom Ozeanpianisten" verfilmt, hier ist ein kurzer Trailer.






Juli 2015

Es geht uns gut - CoverbildAm 3. Juli habe ich über den Roman Es geht uns gut des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger geschrieben. Es geht um das Leben der Familie Erlach, die in Wien lebt. Geiger schildert die Jahre 1938 bis 2001 und lässt seine Leser die Zerrissenheit sowie den geschäftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg der Erlachs, aber auch deren Misserfolge miterleben. Sehr lebensnah und authentisch geschrieben. Hier ein Auszug aus dem Hörbuch,das von Matthias Brandt gelesen wird.





Paula CoverIn der darauffolgenden Woche habe ich euch Paula von Isabel Allende vorgestellt. Die aus Chile stammende Schriftstellerin schreibt darin schonungslos und offen über das langsamen Sterben ihrer Tochter Paula, die an einer unheilbaren Stoffwechselerkrankung litt. Aber auch sich selbst verschont sie nicht und berichtet über die Geschichte ihrer Familie und ihr eigenes Leben, das unzählige Höhen und Tiefen hatte. Sehr emotional, aber keine Spur kitschig.Der damalige Präsident der Georgetown University spricht 1997 über das Buch.




Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle - Coverbild 
Da geht es in Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle des finnischen Autors Arto Paasilinna wesentlich entspannter zu. Die beiden Freunde Kalli und Lauri wollen eine viersprachige Gebetsmühle international vermarkten und gründen nebenher eine neue Weltreligion. Das Buch ist ein Feuerwerk an absurdem Humor.






Produkt-Information
Am 24. Juli ging es mit Lachsfischen im Jemen weiter, das von Paul Torday geschrieben wurde. Ein jemenitischer Scheich möchte in seiner heißen Heimat den kälteliebenden Lachs ansiedeln, um auch zu Hause dem geliebten britischen Angelsport frönen zu können. Wird dieser Plan mithilfe des renommierten Experten Dr. Alfred Jones gelingen? Wer meint, mit dem gleichnamigen Film genug über das Buch zu wissen, irrt: Die Filmhandlung ist ähnlich, das Buch wartet aber nicht mit dessen leicht vorhersehbarem Happy End auf.



Von Juli Zeh stammt Corpus Delicti. Mit diesem Roman wirft die Autorin einen Blick in das Jahr 2057: Die Menschen leben in einer Welt, in der sogar ihre Ausscheidungen in der Toilette überwacht und analysiert werden. Das Dogma dieser Zeit: Die Regierung hat immer recht. Die Naturwissenschaftlerin Mia Holl beschäftigt sich hingegen mit den Umständen, unter denen ihr Bruder wegen einer angeblichen Vergewaltigung verurteilt wurde. Kann sie an den Grundpfeilern des Systems sägen?

 

 

Der August

Cliffhanger CoverCliffhanger von Tim Binding ist ein Roman, der randvoll mit britischem, trockenem Humor ist. Ein mit seiner Ehe unzufriedener Taxiunternehmer will seine Frau umbringen, doch als er nach der Tat nach Hause zurückkehrt, sitzt sie quicklebendig auf dem Sofa. Wen hat er nun tatsächlich von der Klippe geschubst? Die Ereignisse entgleiten ihm immer mehr, was er jedoch erst ganz zum Schluss realisiert.





Am 14. August habe ich mir das Buch Vom Geist der Gesetze des Autors Georg M. Oswald vorgenommen. Ungebremster Egoismus, Kaltblütigkeit und die "Verhandelbarkeit" von Gerichtssachen werden hier von einem geschildert, der es wissen sollte: Oswald ist selbst Jurist.






 
God's Pocket von Pete Dexter ist da ein ganz anderes Kaliber. Ein junger, gewalttätiger Mann kommt bei einem "Unfall" auf einer Baustelle während der Arbeit ums Leben. Außer seiner Mutter weint ihm niemand eine Träne nach, aber es kommen Zweifel an den Umständen seines Todes auf. Die Handlung spielt in einem Stadtteil von Philadelphia, in dem jeder ums Überleben kämpft und keinem etwas geschenkt wird. Es geht sehr ungeschminkt und zum Teil brutal zu, aber wenn ein Toter versehentlich im Lieferwagen durch die Stadt kutschiert wird, ist das sehr witzig.


 

Der 28. August brachte mit Kälteschlaf  einen Krimi des isländischen Schriftstellers Arnaldur Indriðason. Eine Frau wird tot in einem Wochenendhaus an einem idyllischen See aufgefunden. Kommissar Erlendur ermittelt auf eigene Faust, weil der Fall offiziell als abgeschlossen gilt: Die Staatsanwaltschaft geht von einem Selbstmord aus. Die Ermittlungen bringen eine traurige Familiengeschichte und mehrere lange vermisste Tote zutage. 






 

Der September

Am 4. September habe ich über ein Buch geschrieben, das das beliebteste dieses Blogs werden sollte: Road Dogs von Elmore Leonard. Zwei Ex-Häftlinge versuchen in der Freiheit, ihr Leben quasi neu zu starten. Es kommt zu Verwicklungen, Misstrauen und Verrat, keiner weiß mehr, wem noch zu trauen ist. Am Ende gibt es Tote und ein überraschendes Finale.






 
Unerkannt durch Freundesland, herausgegeben von Cornelia Klauß und Frank Böttcher, gehört zu meinen persönlichen Favoriten. In sehr unterschiedlichen Texten schildern ebenso unterschiedliche Menschen, wie es ihnen gelang, auf verbotenen Wegen von der DDR aus in die damalige UdSSR einzureisen und auf eigene Faust durchs Land zu streifen. Eine Zeitreise zurück in die 1970er, 1980er und 1990er Jahre mit sehr vielen von den Autoren aufgenommenen Fotos. Videos hierzu findet ihr direkt bei der Rezension.





In Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert des Schweizers Joël Dicker ging es um einen berühmten Schriftsteller, der in seiner Wahlheimat, einer Kleinstadt in New Hampshire, plötzlich verdächtigt wird, ein Mörder zu sein. 33 Jahre nach seinem Verschwinden wird ein junges Mädchen tot aufgefunden, ausgerechnet im Vorgarten des Schriftstellers. Doch Quebert erhält Hilfe von einem seiner früheren Literaturstudenten, der bei seinen Ermittlungen in ein Wespennest stößt und persönliche, lange verdrängte und vertuschte Taten der Einheimischen wieder in die Gegenwart spült.





Das Auf und Ab im Leben eines Musikproduzenten und Ex-Punk-Rockers schildert Jennifer Egan in ihrem Roman Der grössere Teil der Welt. Früher ein bekannter Star mit Einfluss in der Musikszene, muss sich Bennie Salazar nun eingestehen, dass sein Name niemanden mehr hinterm Ofen hervorholt. Doch sein alter Kumpel Scotty taucht unversehens wieder auf. Schaffen die beiden ein Comeback? 






Der Oktober

Der 2. Oktober hielt ein außergewöhnliches Buch bereit: Die Menschheit hat den Verstand verloren - Tagebücher 1939 bis 1945 ist dem Fund der Tagebücher der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren zu verdanken. Ihre Aufzeichnungen ermöglichen uns heute einen Blick in eine bürgerliche Familie, die im relativ sicheren Schweden den 2. Weltkrieg erlebt. Notizen über den Kriegsverlauf sind ebenso enthalten wie persönliche Einschätzungen und Einblicke ins das Privatleben der Familie Lindgren. Mit Faksimiles.



 

Und weil's so schön war, kamen eine Woche später gleich die nächsten Tagebücher, diesmal vom eher als Krimiautor bekannten Arthur Conan Doyle: In Heute dreimal ins Polarmeer gefallen werden uns umfassende Einblicke gegeben, wie es ist, mit einem Walfänger Ende des 19. Jahrhunderts Kurs auf den Nordpol zu nehmen. Auch die Frage, ob sich ein Medizinstudent im dritten Studienjahr als Schiffsarzt eignet, wird beantwortet. Faksimiles gehören wie schon bei Astrid Lindgrens Kriegstagebüchern ebenfalls dazu. 




 
Am 16. Oktober wurde mit Demenz - Abschied von meinem Vater ein Thema angeschnitten, das man ganz gern von sich schieben würde: Der Autor Tilman Jens schreibt über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters Walter Jens, der als Professor und Altphilologe einst zu den gefragtesten Gesprächspartnern Deutschlands gehörte. Es geht ums Vergessen, drastische Persönlichkeitsveränderungen und einen Anlass in Walter Jens Leben, der vermutlich für den Ausbruch der Erkrankung mitverantwortlich gewesen ist. Auch die Frage, wann Sterbehilfe geleistet werden sollte, wird hier aufgeworfen.




 
Danach gab es mit Der Palast der Meere von Rebecca Gablé einen richtigen Schmöker. Gablé gehört zu den besten Autorinnen von historischen Romanen und hat mit diesem Buch den fünften Band der Waringham-Saga vorgelegt. Vor dem Hintergrund der britischen Geschichte der Jahre 1560 bis 1588 wird hier der weitere Werdegang der Familie Waringham, die eine seit Generationen erfolgreiche Pferdezucht betreibt, weitererzählt. Der Schwerpunkt liegt diesmal jedoch auf der Seefahrt: Königin Elizabeth I. hatte zugunsten ihrer Kriegskasse die Piraterie erlaubt.



Am 30. Oktober habe ich euch einen Krimi von Friedrich Ani vorgestellt: In Der namenlose Tag ermittelt der frisch pensionierte Kriminalhauptkommissar Franck im Fall eines vor 21 Jahren gestorbenen Mädchens. Ging damals alles mit rechten Dingen zu? Die Ermittler gingen von einem Selbstmord aus, doch der Vater des Mädchens hat daran erhebliche Zweifel.







Der November

Gleich am 6. November ging es los mit dem Buch eines Mannes, der die Welt ein bisschen besser machen will: Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage von Joachim Ackva  erklärt, wie jeder mit einem Tausendstel seines Vermögens wirksam dazu beitragen kann, die drängendsten Probleme der Menschheit zu lösen. Kein dröges Wirtschaftsbuch, sondern nachvollziehbare Erläuterungen. 






 
Eine Woche später habe ich Werbung für ein ganz besonderes Kochbuch gemacht: Fadi kocht syrisch, das vom früheren syrischen Fernsehkoch Fadi Alauwad geschrieben wurde, ist nicht nur ein Kochbuch mit leicht nachzukochenden Rezepten, sondern auch ein Reiseführer, der seinen Lesern die schönsten Seiten Syriens zeigt. Sehr hochwertige Fotos runden dieses Buch ab. Die Verkaufserlöse fließen an den Verein Syrienhilfe e. V., der mit dem Geld notleidende Kinder in Syrien mit Kleidung, Lebensmitteln sowie ärztlicher und psychologischer Hilfe unterstützt.


 


Am 20.November ging es um ein Buch des Journalisten Christoph Reuter, der ein Kenner des Islam und des Islamismus ist: Die schwarze Macht ist ein besonderes Sachbuch das anschaulich erklärt, wie der "Islamische Staat" entstanden ist und wie es zu seinem Aufstieg kommen konnte. 






 
Der letzte Freitag im November: Detlev F. Neufert unterhält sich in Jesus - Das Interview in gelöster Atmosphäre über Themen, die man mit Gottes Sohn immer schon mal besprechen wollte. Gibt es Engel? Ist Gott immer gut? Der Erlöser weiß die Antworten auf diese und viele andere Fragen.








Der Dezember 

 

 

Blogger.com behauptet zwar, dass das nächste Buch im November vorgestellt wurde, aber tatsächlich habe ich die Rezension zu Zu richten die Lebenden von Erica Spindler am 4. Dezember veröffentlicht. Ein spannender Thriller um eine junge Glasmalerin aus New Orleans, die aufgrund mysteriöser Vorkommnisse in den Verdacht gerät, hinter noch mysetriöseren Mordfällen zu stecken. 

 

 

 

 

 

 

In Cop Town - Stadt der Angst von Karin Slaughter gibt es eine Mordserie an Polizisten des Atlanta Police Departments. Zwei Polizistinnen nehmen sich auf eigene Verantwortung der Fälle an und kämpfen dabei ständig gegen die Vorurteile ihrer männlichen Kollegen. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der 1970er Jahre, in denen Rassenhass, Homophobie, Kriminalität und Verachtung gegenüber Frauen in Atlanta an der Tagesordnung waren. 

 

 

 

 

 

 

In ihrem Buch Artgerechte Haltung macht sich Birgit Gieger Steiner Gedanken, wie man der Ungleichbehandlung der Jungen begegnen kann. Sie ist Leiterin einer Grundschule und beschreibt die zu weiblich geprägte Sicht auf Jungen aus ihrer Perspektive. 

 

 

 

 

 

 

 

Das letzte Buch in diesem Jahr habe ich ein paar Tage vorgezogen, weil am regulären Freitag Weihnachten (gewesen) ist. Ein ganzes Jahr von Robert Seethaler ist ein Roman, der eher leise, aber deshalb auf keinen Fall langweilig daherkommt. Das Buch erzählt das Leben von Andreas Egger, der nach dem Tod seiner Mutter auf den Hof des Onkels in einem Bergdorf gebracht wird. Ein Leben, das von Erschütterungen beeinflusst und von Egger mit einer stoischen Gemütsverfassung betrachtet wird. 

 

 

 

 

 

Das besondere Buch

Am 26. August habe ich ein Buch aus meinem Bücherschrank geholt, das ich schon seit mindestens 25 Jahren habe. Das Mädchen aus der Volkskommune zeigt anhand von Originalzeichnungen, wie das chinesische Volk während der Regierungszeit von Mao Tse-Tung mithilfe von Comics, die von Hand zu Hand gingen, für dessen Kurs eingenommen werden sollte. 


 

 

 

 

 

 

Das war das Jahr 2015 in Inas Bücherkiste. Ich habe mich über jeden "alten" und neuen Leser sehr gefreut und hoffe, dass auch 2016 viele von euch wieder hierher finden. Ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht euch

Ina   

Foto: Maria Reinfeld/pixelio

 

Montag, 21. Dezember 2015

# 30 - Seilbahnbau und Stillstand

Ein Leben wie in einem Mikrokosmos


Da Weihnachten vor der Tür steht, ziehe ich die Rezension für diese Woche ein paar Tage vor. So ist noch genug Zeit, um das heutige Buch zu besorgen - als Geschenk für andere oder sich selbst.
Als letztes Buch in diesem Jahr stelle ich euch den Roman Ein ganzes Leben von Robert Seethaler vor, der bei Hanser 2014 erschienen ist.

Du bleibst was du bist


In einem Milieu aufzuwachsen und ein Leben lang nicht daraus entrinnen zu können, ist das Schicksal des kleinen Andreas Egger. Er wird 1902 mit vermutlich vier Jahren als uneheliches Waisenkind aus einer namenlosen Stadt zu seinem ihm fremden Onkel in ein ebenfalls namenloses Bergdorf gebracht, der dort einen großen Hof hat. Den Onkel interessiert vor allem der Inhalt des Brustbeutels um Andreas' Hals, das Kind selbst ist ihm ziemlich gleichgültig. Andreas begreift schnell, dass es für ihn besser ist, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und spricht deshalb so wenig wie möglich. Als er alt genug ist, um auf dem Hof mitzuhelfen, wird er als Hilfsknecht ausgenutzt und ständig verprügelt. Bei einer dieser Prügelattacken verletzt der Bauer seinen Neffen so schwer, dass dieser sein Leben lang eine Gehbehinderung zurückbehält. Erst einen Tag nach seinem 18. Geburtstag, als er dem Onkel körperlich überlegen ist, lehnt Egger sich gegen den brutalen Bauern auf und hat dann zumindest Ruhe vor dessen Gewaltausbrüchen.


Marie - das Leben kann doch schön sein

 

Andreas Egger verdient sein Geld als Tagelöhner und macht praktisch alle Arbeiten, die im Dorf anfallen. Mit 29 hat er genug Geld für die Pacht eines kleinen, steinigen Grundstücks knapp unterhalb der Baumgrenze. Erst sechs Jahre später lernt er Marie kennen, die als Bedienung beim Dorfwirt arbeitet. Sie wird die Frau seines Lebens und er möchte nichts lieber, als bis ans Ende seiner Tage mit ihr zusammen sein. Um Marie etwas mehr als ein Leben in ständiger Armut und Ungewissheit bieten zu können, arbeitet er nun bei einer Firma, die Seilbahnen für Touristen baut und kurz zuvor ins Tal gekommen ist. Auch dort macht er trotz seiner Gehbehinderung die schweren Arbeiten. Als er Marie einen Heiratsantrag machen will, überlegt er sich eine ganz besondere Aktion, die an Romantik kaum zu überbieten ist und wofür er die Hilfe seiner Kollegen benötigt. Doch zur Hochzeit kommt es nicht mehr: Marie kommt bei einem nächtlichen Lawinenabgang ums Leben. Die Schneemassen begraben sie in ihrem Bett unter sich. Auch Egger wird von der Lawine mitgerissen, kann sich aber trotz eines gebrochenen Beins wieder aufrappeln und versucht vergeblich, Marie mit bloßen Händen aus dem verschütteten Haus zu retten. Egger braucht mehrere Wochen, um wieder so gesund zu werden, dass er weiter arbeiten kann. Fast ein halbes Jahr später verlässt er das Tal, um mit der Seilbahnfirma weiterzuziehen und in anderen Tälern Lifte zu bauen. 


Die Zeit geht weiter, Egger bleibt, wie er ist

 

Nach Maries Tod geht es Egger nur noch darum, irgendwie zu leben. Als der 2. Weltkrieg ausbricht, meldet er sich freiwillig zum Fronteinsatz, wird aber wegen seines Gehfehlers nicht angenommen. Doch Ende 1942 werden dann auch Leute wie er gebraucht, und er wird zur Wehrmacht eingezogen. Ins Kriegstreiben ist er kaum verwickelt: Nach nur zwei Monaten an der Front gerät er in russische Kriegsgefangenschaft und verbringt die nächsten acht Jahre in einem kaukasischen Gefangenenlager. Als das Lager endlich aufgelöst wird, geht er zurück in sein Dorf. Doch der Plan, sich wieder bei der Seilbahnfirma zu verdingen, scheitert: Das Unternehmen hatte im Krieg seine Produktion auf Waffen umgestellt, die sich allerdings als untauglich erwiesen hatten. Nach dem Selbstmord des Firmengründers ging das Unternehmen zugrunde.
Egger wird aus seinem Dorf mit Ausnahme eines kurzen Ausflugs nicht mehr hinauskommen und seiner Marie noch ein letztes Mal begegnen.  

Ein Buch, das perfekt zu Weihnachten passt

 

Ein ganzes Leben beschreibt das Leben eines Mannes, wie es für das beginnende 20. Jahrhundert typisch war. Noch mehr als heute waren damals Erfolg und Wohlstand oder eben Niederlagen und Armut davon abhängig, in welche soziale Schicht Menschen hineingeboren worden waren. Andreas Eggers lebt ein unspektakuläres Leben, das jedoch von Robert Seethaler sehr anrührend und feinfühlig erzählt wird. Die Sprache des Buchs ist einfach gehalten, was die Umstände, unter denen die Ereignisse passieren, dem Leser noch näher bringt. Im ganzen Roman geht es zwar kein einziges Mal um Weihnachten oder Glauben, aber dennoch passt diese Erzählung perfekt zum Fest, weil auch die tragischsten Momente sehr empathisch, aber völlig unaufgeregt geschildert werden.
Seethalers Roman hat 156 Seiten und kostet als gebundene Ausgabe 17,90 € (Taschenbuch: 9,90 €, Hörbuch oder eBook 13,99 €).



Vielen Dank!

Das Buch Ein ganzes Leben wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung



 


Freitag, 18. Dezember 2015

# 29 - Ein Plädoyer für die Jungen

Was läuft falsch im Umgang mit Jungen?

Da ich selbst Mutter eines Sohnes bin, hat mich das Buch Artgerechte Haltung - Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung von Birgit Gegier Steiner sehr interessiert. Sowohl im Kindergarten als auch während der Schulzeit hatte ich nicht unbedingt den Eindruck, dass sich Erzieherinnen und Lehrerinnen - ja, Männer waren in diesen Institutionen lange Jahre kaum präsent - an den Bedürfnissen von Jungen orientierten, sondern überwiegend ihre eigene Sichtweise einnahmen. Kleine Rangeleien auf dem Schulhof der Grundschule? Sofort wurde eingegriffen, der Streit (welcher Streit?) "geschlichtet" und oft eine Sanktion ausgesprochen, die auf mich in vielen Fällen wie das Schießen mit Kanonen auf Spatzen wirkte. Und nun dieses Buch, das von einer Autorin stammt, die es wissen muss: Birgit Gegier Steiner ist Leiterin einer Grundschule in der Nähe von Konstanz.


Was ist los mit der Jungen-Erziehung?

 

Das ist die Frage, um die das ganze Buch kreist. Die Autorin hat darauf, wie mit Jungen, die als "anstrengend" empfunden werden, umgegangen werden sollte, die Antworten: Mehr Bewegung in der Freizeit und im Unterricht, in der Schule mehr Möglichkeiten zum aktiven Tun anstelle des passiven Frontalunterrichts. Das alles gepaart mit klaren Regeln und Konsequenzen.

Doch  Birgit Gegier Steiner verlässt gerade im ersten Teil ihres Buchs immer wieder die Jungen mit ihren spezifischen Problemen und schweift ab: zu der Benennung von Ministerien, die das Wort "Frauen" im Namen führen oder der Sinnhaftigkeit des jährlichen "Boysdays", der Jungen zeigen soll, dass es auf dieser Welt auch noch andere als nur technische oder naturwissenschaftliche Berufe gibt. Meiner Ansicht nach verliert sie sich immer wieder in Kleinigkeiten, die man zwar zur Kenntnis nehmen kann, aber die nicht so wichtig sind, dass sie in einem Buch genannt werden müssten.

Richtig ärgerlich wird es, wenn  Birgit Gegier Steiner über die Folgen der zahlreichen Ehescheidungen für die Trennungskinder - oder besser: Trennungsjungs - schreibt. "Die" alleinerziehende Mutter ist der Grund dafür, dass den Jungen nur weibliche Rollenmuster vorgelebt werden. Früher seien Väter zwar "tagsüber weniger präsent" gewesen, aber "sie lebten eine männliche Rolle vor und beschäftigten sich auf ihre Weise mit ihren Kindern, besonders mit den Jungen." Die Autorin mag ja in so einer Familie großgeworden sein, in der der Vater pünktlich Feierabend gemacht hat und dann noch Zeit und Muße hatte, sich mit seinen Kindern zu beschäftigen. Da sie nur wenige Jahre älter ist als ich selbst, vermute ich, dass sie mit ihrer Aussage ihre eigene Generation gemeint hat. In meinem damaligen Freundes- oder Bekanntenkreis waren Väter, die sich in der Erziehung ihrer Kinder engagierten, die Ausnahme. Die meisten waren tagsüber bei der Arbeit und wollten danach ihren Feierabend haben. Das Wochenende war dann für die Familie da, wenn es nichts anderes zu erledigen gab. Die Mütter waren mindestens von montags bis freitags de facto alleinerziehend.
Die Generation davor kann sie nicht gemeint haben: Sie war geprägt vom Krieg und/oder seinen Folgen. Wenn die Väter überhaupt lebend von den Schlachtfeldern zurückgekommen waren, ging es darum, zu überleben. Um die Traumata der Kriegsheimkehrer und der Menschen, die in Bombennächten um ihr Leben gefürchtet hatten, kümmerte sich kein Mensch. Woher kommt also diese Sozialromantik bezogen auf die damalige Entwicklung von Jungen?


Weiterlesen?


An dieser Stelle war ich schon so verärgert, dass ich überlegt habe, ob ich dieses Buch überhaupt bis zum Ende lesen möchte. Aber ist es nicht unfair, schon auf Seite 22 abzubrechen? Ja, eben.
Auch wenn ich zahlreiche ihrer weiteren Forderungen wie z. B. den Weg zur Grundschule zu Fuß und nicht im Mama-Taxi zurückzulegen, ebenfalls richtig finde, fällt mir über weite Strecken auf, dass der Autorin der konkrete Bezug zum Thema Jungen immer wieder abhanden kommt: Es wird von Kindern gesprochen, was ja auch in der Sache richtig ist. Aber sollte es nicht in erster Linie um die Jungen gehen? Auch die Betonung, dass die Gehirnleistung durch Bewegung deutlich gesteigert werden kann, ist keine Neuigkeit mehr, trifft aber auf Jungen ebenso wie auf Mädchen zu. Sollte dann nicht der Unterricht generell an diese Erkenntnisse angepasst werden, wenn Bewegung allen Kindern guttut?

Erst später findet sie zum eigentlichen Schwerpunkt zurück als sie beispielsweise beschreibt, wie schwer es für Frauen ist, bei einer Rauferei unter Jungen einzuschätzen, wann eingegriffen werden sollte. Doch diese Fragestellung wird nur gestreift und nicht weiter vertieft.


Kaufempfehlung?

Ich muss leider sagen, dass ich von Artgerechte Haltung - Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung etwas enttäuscht war. Da ich auch eine Tochter habe, hatte ich auch immer einen Vergleich: Wie ist der Umgang mit Jungen und Mädchen im Kindergarten und den Schulen? Wie reagieren die Kinder auf die oft sehr unterschiedlichen Bewertungen ihres Tuns dort? Birgit Gegier Steiner vertritt Ansichten, die ich durchaus unterstütze wie beispielsweise den Wunsch nach mehr altersgerechtem Loslassen durch die Eltern, mehr Bewegung, das Zusammenspiel von Grenzen und Konsequenzen etc. Aber das sind Forderungen, die für alle Kinder gelten sollten.

Mir ist das Buch insgesamt nicht stringent genug. Würde man nur die Passagen, die sich ausschließlich mit den Jungen beschäftigen, herausschreiben, wäre es höchstens halb so dick. Auch die ständigen Pauschalierungen gingen mir beim Lesen ziemlich auf die Nerven: Jungs werden bestimmte Verhaltensweisen zugewiesen, Mädchen hingegen andere. Alleinerziehende Mütter und Helikoptereltern bekommen immer wieder ihr Fett weg. Zwischendurch wird Selbsterlebtes aus dem eigenen Alltag als Grundschullehrerin eingestreut.
Vor allen Dingen wegen einiger häufig durchschimmernder Einstellungen zum Thema Familie, die auf mich sehr konservativ wirkten, und der Bewertung von einigen Personengruppen fällt meine Begeisterung leider ziemlich gedämpft aus. 


Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Artgerechte Haltung - Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung kann beim Gütersloher Verlagshaus bestellt und in jeder Buchhandlung zum Preis von 17,99 € gekauft werden (Klappenbroschur). Die Kindle-Edition kostet 13,99 €.

 

Freitag, 11. Dezember 2015

# 28 - Ein Serienkiller macht Jagd auf Cops

Atlanta in den 1970ern: Rassismus, Fanatismus und Frauenhass


Auch in dieser Woche wird es um einen Thriller gehen, der Fans dieses Genres sicher gefallen wird: Mit Cop Town - Stadt der Angst  von Karin Slaughter stelle ich euch ein Buch vor, mit dem man sich gern die Nächte um die Ohren schlägt.


Dreh dich nicht um, der Atlanta-Shooter geht um ...

1974 geht in Atlanta ein Serienkiller um, der bereits mehrere Cops erschossen hat. Jedes Mal sah die Szene, die die Kollegen vorfanden, wie nach einer Hinrichtung aus, und jede Tat folgte dem gleichen Muster: Jemand meldete einen Überfall, das diensthabende Team übernahm und wurde kurze Zeit später tot aufgefunden. Die Verurteilung eines Verdächtigen war ein Jahr zuvor vor allem daran gescheitert, dass offenbar etliche Beweisstücke von der Polizei fingiert worden waren.


Im Atlanta Police Department treffen an einem Tag im November 1974 zwei sehr unterschiedliche Frauen aufeinander: Kate Murphy ist seit zwei Jahren verwitwet, ihr Mann fiel im Vietnamkrieg. Sie sieht ungewöhnlich gut aus, ist Jüdin und stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus - über ihre Herkunft und ihren Glauben schweigt sie sich wohlweislich aus.
Um sich nach mehreren abgebrochenen Jobs selbst zu beweisen, dass sie auf eigenen Füßen stehen kann, hat sich Kate an der Polizeiakademie ausbilden lassen und just an dem Tag ihren Dienstantritt, als der in der Presse als Atlanta-Shooter bezeichnete Polizistenmörder erneut zuschlägt.

Maggie Lawson ist 23 Jahre alt und seit fünf Jahren einer der wenigen weiblichen Cops in Atlanta. Sie stammt aus einer desolaten Familie, in der zwei Männer die Frauen dominieren und terrorisieren: Ihr stockkonservativer und ständig besoffener Onkel Terry, der seine gewalttätige Ader als Sergeant auslebt, und ihr Bruder Jimmy, selbst ein Cop in Atlanta.
Jimmy wird um Haaresbreite selbst das nächste Opfer des Shooters, während seinem Partner Don Wesley das halbe Gesicht weggeschossen wird und er im Krankenhaus stirbt.

Kate wird an ihrem ersten Tag eigentlich Jimmy, der trotz dieses Mordes wieder im Dienst ist, als Partnerin zugeteilt, aber nach einem Konflikt ist der junge Mann froh, sie an seine Schwester Maggie abschieben zu können. Die beiden Kolleginnen können zunächst rein gar nichts miteinander anfangen. Maggie hält Kate für einen blöden Frischling und ist sicher, dass sie keine Woche durchhält. Kate hingegen hat Probleme mit der ungehobelten und feindseligen Art, die ihr nicht nur von Maggie entgegengebracht wird, somdern die so etwas wie das Grundrauschen des ganzen Reviers ist.

Kinder, Küche, Kirche - SO hat eine Frau zu leben

 

Cop Town - Stadt der Angst ist nicht einfach nur ein Thriller, sondern wird von Karin Slaughter auch dazu genutzt, den Menschen, unter denen sie selbst aufwuchs, einen Spiegel vorzuhalten. Atlanta: Das ist in den 1970er Jahren eine Stadt, die von Rassenhass, Homophobie, Kriminalität, Gewalt und tiefer Verachtung gegenüber Frauen geprägt ist. Die Stadtteile sind aufgeteilt: hier die Huren, Dealer und sonstiges "Volk", dort die reichen Einwohner, die in ihren Villen mit den gepflegten Vorgärten in ihrer eigenen Welt leben. Das Atlanta P. D. ist weit davon entfernt, so etwas wie eine neutrale und gerechte Instanz zu sein: Verdächtige, von denen man mutmaßt, dass sie ohne Strafe davonkommen könnten, bekommen von den Cops einen ganz individuellen "Denkzettel". Korruption und Vetternwirtschaft werden quasi als Teil einer gottgegebenen Ordnung begriffen, bei so manchem Cop hängt ein Umhang des Ku-Klux-Klan zu Hause ganz hinten im Kleiderschrank. Muss erwähnt werden, dass weibliche Cops lieber keine eigene Meinung haben sollten und von einer Polizeikarriere so weit entfernt sind wie die Erde vom Mars? Die wenigen schwarzen Polizisten werden selbstverständlich nicht zusammen mit weißen Kollegen eingeteilt und dürfen auch keine Weißen festnehmen.

Doch dann bricht über die alte Ordnung im Atlanta P. D. eine Zeitenwende herein: Der neu gewählte schwarze Bürgermeister setzt einen neuen Polizeichef ein. Ebenfalls schwarz, ohne eine Vergangenheit bei der "Truppe". Er beginnt, dem Strippenziehen und Begünstigen ein Ende zu machen und ist deshalb bei Cops wie Terry Lawson verhasst. In diese Phase fällt der Beginn der  Mordserie, in deren Ermittlung Kate, Maggie und ihre erfahrene Kollegin Gail eingreifen. Auf eigene Faust, weil sie nach Ansicht ihrer männlichen Kollegen als Frau zu nichts anderem taugen als zum Streifendienst, und auch das mehr recht als schlecht.

Ermittlungen? Wer braucht schon ordentliche Polizeiarbeit?

 

Maggie fallen an Jimmys Darstellung des Überfalls auf ihn und seinen Kollegen mehrere Ungereimtheiten auf: Warum behauptet ihr Bruder, auf den Shooter geschossen zu haben, wenn seine Waffe offensichtlich nicht vor Kurzem benutzt wurde? Wieso hat er Knochensplitter des getöteten Don in seinen Koteletten? Und wo ist sein Funkgerät?
Doch diese Fragen stellt Maggie nur sich selbst. Onkel Terry, der auch ihr Vorgesetzter ist, hat ihr unter Androhung von Schlägen untersagt, darüber nachzudenken, weil Frauen so etwas sowieso nicht können. Statt dessen wird die in solchen Fällen übliche Treibjagd auf alle stadtbekannten Kriminellen angezettelt mit dem Ziel, wegen des durch die Polizei ausgeübten Drucks irgendjemanden zum "Singen" zu bewegen.

So unterschiedlich Maggie und Kate auch sind, raufen sie sich doch während ihrer Ermittlungen zusammen. Durch ein zufälliges Wiedersehen mit einem Jugendfreund bekommt Kate neue Erkenntnisse, die sie zunächst für sich behält: Philipp, der sie schon als 15-Jähriger angehimmelt hatte, ist jetzt Arzt in dem Krankenhaus, in das Jimmy einen Tag nach dem Überfall des Shooters mit einer Schusswunde eingeliefert wird. Er weist Kate auf Auffälligkeiten hin, die auf Jimmys Röntgenbild zu erkennen sind und den Cop in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Doch dann verschwindet Jimmy plötzlich und hinterlässt einen Abschiedsbrief: "Ich bin der Atlanta-Shooter. Ich habe all die Männer umgebracht, weil ich mit ihnen dreckige Schwulensachen gemacht habe." Das ist für Terry das Startsignal, die Jagd auf seinen Neffen zu eröffnen. Nicht Jimmys Geständnis, Menschen ermordet zu haben, ist für den Sergeant das Schlimmste, sondern dass sein Neffe ein Schwuler ist. Abschaum.


Ende gut, alles gut?

 

Es ist kaum zu glauben, aber die Handlung von Cop Town - Stadt der Angst erstreckt sich nur über Kate Murphys erste vier Arbeitstage und den achten Tag. Die Vielzahl der Ereignisse hätte jedoch problemlos für mehrere Wochen Polizeiarbeit gereicht. Der Atlanta-Shooter wird gestellt, aber das erwartet man ja auch von einem solchen Buch. Doch erst kurz vor dem Showdown wird klar, wer hinter dem Shooter steckt und welche Motive ihn zu seiner Mordserie bewogen haben. Der Verlauf der Ermittlungen, die von Maggie und Kate ziemlich unkonventionell geführt werden, bringt ebenfals eine ganze Reihe unangenehmer Wahrheiten ans Licht. 
Das Ekelpaket Terry Lawson befindet sich am Ende in einer Situation, die man seinem ärgsten Feins nicht wünschen würde.

Dieser Thriller gehört zu den spannendsten Büchern, die ich bisher gelesen habe, und ich finde ihn noch besser als "Zu richten die Lebenden" aus der letzten Woche.

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Cop Town - Stadt der Angst kann beim Blanvalet Verlag bestellt und in jeder Buchhandlung zum Preis von 14,99 € gekauft werden (Klappenbroschur). 

 

Montag, 30. November 2015

Der November hielt eine gute Mischung bereit

Aktuelles, Spirituelles, Spannendes, Weltbewegendes...

 

Dieser November hielt eine ziemlich breite Palette von völlig verschiedenen Büchern bereit. Es lag allerdigs ein klarer Schwerpunkt auf informativen Büchern.


Am 6. November ging es los mit Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage. Joachim Ackva, der mit spektakulären Geldverschenkungen in deutschen Großstädten auf sich aufmerksam gemacht hatte, macht sich darin Gedanken, wie man die wichtigsten Weltprobleme lösen könnte. Seine Idee sieht auf den ersten Blick fast schon zu banal aus, um zu funktionieren, lohnt aber auf jeden Fall näheres Hinsehen. In einem Interview beim WDR erklärt er, was es mit einem Weltkonto auf sich hat.

Da ich der Meinung bin, dass Ackvas Theorie weiterverfolgt werden sollte, aber bislang noch ein paar Schwächen hat, vergebe ich für dieses Buch

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Für das Buch, das ich eine Woche später vorgestellt habe, wünsche ich mir, dass es besonders viele Leser erhält. Mit dem Kochbuch Fadi kocht syrisch setzen sich der ehemalige syrische Fernsehkoch Fadi Alauwad und seine zehn ehernamtlichen Helfer dafür ein, dass den notleidenden Kindern in Syrien geholfen wird. Die Erlöse aus dem Buchverkauf werden komplett an den Verein Syrienhilfe e. V. weitergeleitet, der davon Lebensmittel, Unterkünfte sowie medizinischen und seelischen Beistand für Kinder in Syrien finanziert. Auch hierüber hat der WDR einen Fernsehbeitrag ausgestrahlt, diesmal in der Sendung Lokalzeit aus Aachen vom 26. November 2015.
Daran, wie ich dieses Kochbuch bewerte, gibt es nicht nur wegen des Hilfsprojekts, sondern auch wegen der tollen Rezepte und brillanten Fotos keinen Zweifel:

 


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Am 13. November 2015, eine Woche vor der Veröffentlichung des Blogbeitrags, schlug der "Islamische Staat (IS)" in Paris zu: Bei mehreren Anschlägen kamen insgesamt 130 Menschen ums Leben. Grund genug, das Buch Die schwarze Macht von Christoph Reuter vorzuziehen. Der Journalist beschäftigt sich darin nach vielen Recherchen mit den Anfängen und Strukturen des IS und beleuchtet anschaulich und sachlich die Hintergründe, die dessen rasanten Aufstieg seit 2010 erst möglich gemacht haben. Wer sich wirklich mit diesem Thema beschäftigen und es verstehen will, kommt nicht um dieses Buch herum. Christoph Reuter hat für Die schwarze Macht am 25. November 2015 den Sachbuchpreis von NDR Kultur erhalten.Der NDR hat zur Preisverleihung ein kurzes Video veröffentlicht.
Über die Bewertung für dieses Sachbuch muss ich nicht lange nachdenken:








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Der letzte Freitag im November hielt ein Buch für Menschen bereit, die sich nicht im Klaren waren, ob die Botschaften der Bibel richtig interpretiert werden und was Gott von ihnen erwartet - oder sie von ihm erwarten können. Detlev F. Neufert sorgt mit Jesus - Das Interview hier für Abhilfe. In einem Interview, das er mit Gottes Sohn führt, werden viele der Themen besprochen, die zahlreichen Menschen auf der Seele brennen: Gibt es Engel? Was kommt, wenn wir gestorben sind? Ist Jesus Kommunist? 
Einen ersten Eindruck gibt es mit dieser Leseprobe: 







Da ich nicht rundum zufrieden mit diesem Buch war, gibt es hierfür

und 1/2 Daumen.





Ich freue mich auf die Bücher im Dezember und auf eure Besuche bei Inas Bücherkiste.


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Sonntag, 29. November 2015

# 27 - Morden im Namen Gottes?

Ein Thriller mit "Page-Turner"-Effekt

 

Nachdem ich vor zwei Wochen über ein Sachbuch, das die Hintergründe des "Islamischen Staats" beleuchtete (Die schwarze Macht) und vor einer Woche über ein Autoren-Zwiegespräch mit Jesus (Jesus - Das Interview) geschrieben habe, soll es nun etwas zum "Durchatmen" sein. Deshalb habe ich heute Zu richten die Lebenden von meinem Bücherstapel genommen. Dies ist der neueste Thriller der US-amerikanischen Schriftstellerin Erica Spindler, der im Oktober 2015 in deutscher Übersetzung erschienen ist.


Eine Glasmalerin steht vor den Trümmern ihres Lebens

 

 

Mira Gallier ist eine junge Witwe und betreibt in New Orleans einen kleinen Betrieb für Glasmalerei. Ihren Mann Jeff verlor sie während des verheerenden Hurrikans Katrina, der 2005 weite Teile New Orleans' dem Erdboden gleich gemacht hat. Seinen Tod, an dem sie sich eine Mitschuld gibt, hat sie nie verwunden. Doch dann passieren im August 2011 Schlag auf Schlag dramatische Ereignisse: Ein beliebter Priester wird im Altarraum seiner Kirche brutal ermordet. Doch der Mörder hat sich nicht einfach so nach der Tat davongemacht, sondern auf den kunstvollen zwölf Glasfenstern im Kirchenschiff, die Szenen aus dem Leben Christi erzählen, eine Botschaft hinterlassen: "Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten." Spencer Malone vom New Orleans Police Department und seine ihm neu zugeteilte Partnerin Karin Bayle nehmen die Ermittlungen auf.

Doch was zunächst wie eine Einzeltat eines verwirrten Menschen aussieht, der der Priester zufällig zum Opfer fiel, weitet sich aus. Kurz darauf wird ein Obdachloser, der wegen seines religiösen Fanatismus' den Spitzmamen "Preacher" hatte, getötet auf einer öffentlichen Toilette aufgefunden. Das Tatwerkzeug: Eine Scherbe aus dem Glasmüll von Mira Gallier. Auch zwischen dem Mord an dem Priester und der Glasmalerin gibt es eine Verbindung: Alle Fenster in der Kirche waren von ihr restauriert worden. 


Ein Monat voller Leichen

 

 

Aber die Serie ist damit noch lange nicht vorbei. Innerhalb weniger Tage kommen Miras Schwiegervater, mit dem sie in tiefer gegenseitiger Abneigung verbunden war, ihre neugierige Nachbarin und ihre Psychologin, bei der sie nach dem Verschwinden ihres Mannes jahrelang in Behandlung war, ebenfalls auf teilweise brutale Art und Weise ums Leben. Daran, dass hier ein Serienmörder am Werk ist, besteht kein Zweifel mehr. 

Mira gerät immer mehr in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Vor allem Karin Bayle macht keinen Hehl aus ihrem Misstrauen gegen die Witwe. Doch Mira weiß bald selbst nicht mehr, wo ihr der Kopf steht: Ihre geliebte Halskette, die ihr ihr Mann geschenkt hatte,  wird ihr bei einem Überfall in ihrer Werkstatt gestohlen und kurz darauf nachts zurückgebracht - Mira findet sie an ihrer Nachttischlampe. Jemand ist dazu in ihr Haus eingedrungen und hat offensichtlich dicht neben ihr an ihrem Bett gestanden, während sie schlief. Sagt Mira. Doch an den Außentüren und Fenstern gibt es keine Einbruchspuren, und die Glasmalerin ist sich sicher, überall abgeschlossen zu haben. Da sich die Merkwürdigkeiten um Mira häufen und sie der einzige Mensch ist, der zu allen Toten eine Verbindung hat, wird ihr klar, dass ihre Lage immer aussichtsloser wird. Doch sie erhält Unterstützung: Wie aus dem Nichts taucht plötzlich der beste Freund ihres Mannes, Connor, bei ihr auf. Er war noch vor Jeffs Tod von einem Tag auf den anderen verschwunden und steht nun vor ihrer Tür. Sein Verhalten ist freundschaftlich, aber Mira spürt, dass er etwas vor ihr verbirgt. Auch ihre Assistentin Dani, die für Mira eine gute Freundin ist, steht ihr zur Seite, verhält sich dann aber so merkwürdig, dass Mira an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln beginnt.


Noch zwei Tote...

 

 

Malone und Bayle finden heraus, dass es tatsächlich einen Zusammenhang gibt zwischen den Morden und Mira, aber auf eine andere Weise, wie sie es zuvor vermutet hatten. Diese Erkenntnis lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Der oder die große Unbekannte will noch zwei weitere Menschen töten. Aber das noch junge Team arbeitet nicht reibungslos zusammen, und nach einem Streit zwischen den beiden Ermittlern verschwindet Karin Bayle plötzlich spurlos. Hat auch sie bei diesen mysteriösen Vorgängen irgendwie ihre Finger im Spiel?

Erica Spindler hat die Handlung um Mira Gallier sehr spannend aufgezogen. Bis wenige Seiten vor dem Finale kommen tatsächlich mehrere Personen als Mörder oder Mörderin infrage, und auch Miras Verhalten macht sie immer wieder verdächtig.
Zu richten die Lebenden ist ein Buch, das man bis zum Ende nicht mehr aus der Hand legen möchte. Die Autorin schafft es nicht nur, einen guten Spannungsbogen aufzubauen, sondern gibt nebenbei Einblicke in das vom verheerenden Hurrikan Katrina zerstörte New Orleans, dessen Bewohner auch Jahre nach der Katastrophe noch um Normalität kämpfen und die Toten betrauern.

Mir war Erica Spindler vor diesem Buch völlig unbekannt, obwohl sie bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht hat. Aber jetzt werde ich sicher mehr von ihr lesen.

Zu richten die Lebenden ist erschienen bei books2read und kann über HarperCollins Germany GmbH bestellt werden.
Das Buch wurde mir von Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
 
 

Freitag, 27. November 2015

# 26 - Der Schleier wird gelüftet: Das denkt Jesus wirklich!

Mit Gottes Sohn über "Gott und die Welt" diskutieren

 

Um die Bibel ranken sich einige strittige Fragen, die immer wieder aufs Neue von Theologen und Laien (verbal) ausgefochten wurden und werden. Jeder scheint für sich eine Deutungshoheit zu beanspruchen, was die Christen in dieser Hinsicht nicht von der einen oder anderen Religion unterscheidet. Detlev F. Neufert hat sich in seinem im Februar 2015 erschienenen Buch Jesus - Das Interview mit Gottes Sohn über alle Themen unterhalten, die sich immer wieder aufdrängen: Wie eng soll man die Zehn Gebote auslegen? Ist das Zölibat nicht dafür verantwortlich, dass es immer wieder verheimlichte uneheliche Kinder gegeben hat und sich Priester aus Verzweiflung umbrachten? Ist Gott immer gut und gerecht?


Auf einen Plausch mit Jesus

 

Auf 256 Seiten erfährt man, wie Jesus wirklich "tickt". Neufert führt mit ihm ein ziemlich launiges, aber immer wieder auch kritisches Interview, wobei sich die beiden Herren nichts schenken. Anhand des Covers und des Titels hatte ich zunächst ein eher lustiges Buch erwartet, die Absicht des Autors ist aber eine ganz andere. Das Interview ist in einzelne Kapitel aufgeteilt, wobei ein Kapitel fließend in das nächste über geht. Kein Zweifel, dass da immer wieder Neuferts persönliche Ansichten durchschimmern, zumal er selbst u. a. Theologie studiert hat. So äußert er sich zu der Frage, wie sinnvoll eine Babytaufe ist, obwohl der Täufling noch keine Ahnung haben kann, woran er glauben sollte (sinnvoll!). 

Auch das Thema Zwangsheirat, das in Deutschland immer wieder im Zusammenhang mit muslimischen Frauen in den Medien auftaucht, wird angesprochen. Jesus - oder Neufert? - ist selbstverständlich dagegen, denn er ist nicht der Meinung, dass ein Leben nicht nur dazu da ist, um der Fortpflanzung zu dienen. Diese Haltung passt auch zum Thema Homosexualität:

Im Gegensatz zu manch kirchlichem Würdenträger ist Jesus kein Gegner von Eheschließungen unter homosexuellen Paaren. Er hängt die "Idee der Heirat" von gleichgeschlechtlichen Partnern, die vor allem in der katholischen Kirche auf großen Widerstand stößt, bei Weitem nicht so hoch auf wie die, die Gottes Stellvertreter auf Erden sind. "Der Wille  meines Vaters ist, dass die Liebe siegt." Das darf sich gern jeder auf die Fahnen schreiben.


Was macht eine gute Religion aus?

 

Diese Frage ist ja eigentlich immer aktuell: Jede Religion verkörpert für ihre Anhänger die besten Werte und Weltsichten. Schwierig wird es jedoch, wenn religiöse Vorstellungen einen dogmatischen Drall bekommen und als allein seligmachend angesehen werden. Jesus definiert hier einige Kriterien, die man anlegen kann, um den wahren Wert einer Religion zu erkennen: Wird die Freiheit der Erkenntnis unterdrückt? Werden Andersgläubige akzeptiert? Sind Männer und Frauen gleichberechtigt? Das sind nur einige der Maßstäbe, die zur Beurteilung einer Religion herangezogen werden.

Immer wieder ist auch von Luzifer und der Hölle die Rede. An diesen Stellen, in denen es darum geht, dass Sünder in die Hölle kommen, weht ein Hauch Mittelalter durch die Buchseiten. Aber auch das Prinzip und die Häufigkeit der Wiedergeburt werden besprochen und von Jesus erläutert.
Neufert lässt kaum ein Thema aus, das sich mit der Bibelauslegung, religiösen oder ethischen Fragen beschäftigt. Wie beurteilt Gott den Kindesmissbrauch durch Priester? Zitat Jesus: "Gott kotzt!" Das ist ja schon mal ganz beruhigend, dass Gott aufgefallen ist, dass da etwas völlig aus dem Ruder gelaufen ist, aber an solchen Stellen finde ich angesichts der lebenslang verletzten Seelen diese göttliche Reaktion zu dürftig. Aber das mag jeder anders sehen.


Kann ich das Buch empfehlen?

 

Das ist eine schwierige Frage. Das Frage-Antwort-Prinzip ist eine interessante und ungewöhnliche Möglichkeit, sich theologischen  und ethischen Themen zuzuwenden. Neufert hat Jesus eine ziemlich coole Aura gegeben, sodass er nicht vergeistigt und unnahbar wirkt. Jesus - Das Interview lässt sich dank Neuferts flottem Schreibstil flüssig lesen und verzichtet auf religiöses Fachvokabular. So kann man jedem Gedankengang problemlos folgen. Der Autor spricht jedoch so viele verschiedene Themen an, dass sich die Diskussion zwischen den beiden Herren zum Teil jeweils nur kurz mit ihnen auseinandersetzen kann. Die meisten Fragen hätten es jedoch verdient, ausführlicher behandelt zu werden als ein Abrissblatt auf einem Tageskalender.
Religiösere Menschen als ich könnten auch durchaus auf die Idee kommen, warum sich jemand dazu aufschwingen kann, uns mitteilen zu wollen, wie Jesus die Welt und die Menschen beurteilt. Aber das kann jeder für sich selbst entscheiden.
Hin und wieder hätte ich mir einen aufmerksameren Lektor gewünscht, wie zum Beispiel an der Stelle, an der es hieß, dass Kain Adam erschlagen haben sollte.
Meine Bilanz fällt insgesamt etwas gemischt aus. Im Gegensatz zu einigen anderen Büchern, die ich hier schon vorgestellt habe, würde ich dieses zumindest kein zweites Mal lesen. 

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist über die Verlagsseite des Gütersloher Verlagshauses oder den Buchhandel zum Preis von 17,99 € erhältlich. Die Ausgabe im Kindle-Format kostet 13,99 €.
 

Freitag, 20. November 2015

# 25 - Alle sprechen davon, aber wer weiß, was dahintersteckt?

Von ISIS zu IS - der tiefe Blick in die islamistische Terrorszene

 

Sie treten nur in schwarzer Kleidung und mit vermummten Gesichtern auf: Die Mitglieder des "Islamischen Staates (IS)", die sich nicht nur in martialischen Posen, sondern insbesondere in ihren Rollen als grausame Henker von "Ungläubigen" sowie Terroristen im Auftrag Allahs gefallen. Die meisten Menschen können sich noch an den Namen erinnern, den die Organisation bis Juni 2014 trug: "Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS)". Doch wie hat sich der IS zu dem heutigen Gebilde entwickelt und wer steckt genau dahinter? Diese und noch zahlreiche andere Fragen beantwortet Christoph Reuter in seinem im April 2015 bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) erschienenen Buch Die schwarze Macht. 


Die Anfänge übersteigen die eigene Fantasie

 

Christoph Reuter studierte u. a. Islamwissenschaften und Politologie, spricht fließend Arabisch und arbeitet als Journalist für das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. 2002 schrieb er mit "Mein Leben ist eine Waffe" ein Buch über Selbstmordattentäter, das als Standardwerk zu diesem Thema gilt. Er kann also als Experte auf dem Gebiet des islamistische Terrors bezeichnet werden. 
Reuter schlägt den Bogen von den Anfängen und Vorläuferorganisationen bis heute: Seit den 1970er Jahren hatten immer wieder dschihadistische Bewegungen versucht, ihren Einfluss in ihren jeweiligen Heimatländern auszubauen und zu erweitern, waren jedoch vollständig am Staatsapparat gescheitert. Das galt für Syrien ebenso wie für Afghanistan, den Irak oder Libyen. Die US-Armee löste 2003 im Irak nicht nur die dortige Armee, sondern auch die Regierung mit allen ihren Behörden auf. Sie schaffte es damals allerdings, eine Machtübernahme durch die Terrororganisation al-Qaida abzuwehren.
Doch in Syrien entwickelte sich die Situation im Laufe des Bürgerkriegs anders: Als die Staatsmacht 2010 die Kontrolle über den Norden verlor, wurde sie mehr oder weniger gut von unzähligen Ortsräten und Rebellengruppen ersetzt. Jede Gruppe tat, was sie für richtig hielt, es war ein großes Durcheinander und damit der perfekte Ausgangszustand für die im Laufe der folgenden Jahre immer größer werdende Macht von gewalttätigen Islamisten.


Bespitzelung - keine neue Idee, aber effektiv


Der Islamische Staat begann zunächst vorsichtig, die Fühler auszustrecken und errichtete in zahlreichen Dörfern islamische Missionszentren, die zunächst harmlos daherkamen. Was man heute kaum glauben kann: Überall dort, wo die Bevölkerung ihren Unwillen über derartige Büros zum Ausdruck brachte, verschwanden sie so schnell und leise, wie sie gekommen waren. Doch dort, wo es eine grundsätzliche Akzeptanz oder zumindest keinen Protest gab, rekrutierte man aus der Mitte der Einwohner einige Informanten, die anhand einer Kriterienliste auch kleine Details über ihr Dorf herausfinden und melden sollten. Das alles diente dem Ziel, einen sog. "Islamischen Geheimdienst-Staat" aufzubauen. Ein Modell, was sicher in den Grundzügen vielen bekannt vorkommt.
Loyalität mit anderen Gruppierungen oder Regierungen war und ist dem IS fremd: Er handelte immer so, wie es für ihn nützlich erscheint und wechselte zum Teil so schnell die Allianzen, dass dies aus unserer Perspektive nur schwer nachzuvollziehen ist.

Das, was wir heute als IS kennen, entstammt einer Reihe mehr oder weniger "erfolgreicher" islamistischer Terrorgruppen und ihren Anführern. Christoph Reuter beschreibt hier beispielsweise den Werdegang des später zu den Topterroristen gehörenden Abu Musab al-Zaraqiwi, dessen Leben schon früh ins Schlingern geriet: Der Jordanier beendete mit 17 Jahren seine Schulausbildung, war Alkoholiker und schaffte es nicht, eine Arbeitsstelle länger zu behalten. Wegen verschiedener Gewaltdelikte erhielt er mehrmals Gefängnisstrafen. Als er 1989 beschloss, sich gegen die Sowjets dem Dschihad in Afghanistan anzuschließen, kam er erst dort an, als die Rote Armee bereits abgezogen war. Weil er nach seiner Rückkehr in seinem Wohnhaus Granaten versteckt hatte, wurde er erneut zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Was macht so einen Menschen, der zwar ein gewalttätiges Potenzial hat, aber völlig planlos durchs Leben geht, zu einem der meistgesuchten Teroristen, auf dessen Kopf Interpol 25 Millionen Dollar ausgesetzt hatte? Er wurde Teil des vom damaligen US-Außenminister Colin Powell 2003 vor der UN-Vollversammlung verkündeten Märchens, Zarqawi gehöre zur Führungsspitze von al-Qaida und sei das Verbindungsglied zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden. Wie Powell auf Zarqawi kam, ist offenbar nicht bekannt. Tatsache jedoch ist, dass diese Aussage die Bekanntheit Zarqawis und dessen Popularität unter den Islamisten in die Höhe schnellen ließ und ihm den Weg zu einer terroristischen "Karriere" ebnete.


Wer sollte das Buch lesen?

Die schwarze Macht ist ein Sachbuch, das Licht in das Dunkel des Aufstiegs des islamistischen Terrors und viele Einblicke in dessen Hintergründe gibt. Christoph Reuter erläutert u. a., aus welchen Quellen sich der Terror finanziert, welche Staaten ihre Hände im Spiel haben und den Terror aus taktischen Gründen unterstützen oder wie der IS organisiert ist. Der Autor hat mit sehr großer Sachkenntnis in 12 Kapiteln beschrieben, wie der sich seit 2010 rasant vollzogene Aufstieg des IS überhaupt geschehen konnte und warum es ihn heute nicht geben müsste. Jede der 330 Seiten (zuzügl. ausführliches Quellenverzeichnis und Register) ist randvoll mit Informationen und hochinteressant. Das sieht der Norddeutsche Rundfunk offenbar auch so: Kurz vor den IS-Anschlägen in Paris am 13. November 2015 wurde dort beschlossen, Christoph Reuter am 25. November 2015 für sein neuestes Buch mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis auszuzeichnen. Wenn das keine Leseempfehlung ist, was muss dann noch kommen?

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist über die Verlagsseite der DVA oder den Buchhandel zum Preis von 19,99 € erhältlich. Die Ausgabe im Kindle-Format kostet 15,99 €.

Freitag, 13. November 2015

# 24 - Ein Herzensprojekt

Ein syrischer Fernsehkoch schreibt und kocht für seine Landsleute

 

Heute ist für mich eine Premiere: Ich stelle euch ein Kochbuch vor, dessen Rezepte vom über die syrischen Grenzen hinaus bekannten Fernsehkoch Fadi Alauwad stammen: Mit Fadi kocht syrisch hat er mit der Unterstützung von zehn professionell arbeitenden ehrenamtlichen Helfern ein einzigartiges Projekt auf die Beine gestellt.

Ein Kochbuch für die Sinne

 

Es geht hier natürlich ums Kochen und ums Essen. Das ist es, was man von jedem Kochbuch erwartet. Aber Fadi Alauwad möchte seinen Lesern noch viel mehr vermitteln: Er nimmt sie mit auf eine Reise durch Syrien und vermittelt so das Lebensgefühl seiner Heimat. Gastfreundschaft gehört unbedingt dazu, aber auch Tipps, was sich Reisende nicht entgehen lassen sollten. Oder wusstet ihr, dass sich die berühmteste Eisdiele des Orients in Damaskus befindet und das Eis dort von Hand geschlagen wird? Zu jedem dieser Hinweise gehört ein Foto, das das Geschehen noch näher bringt.

Die Fotos gehören neben den Rezepten und Reiseeindrücken zu den Highlights dieses ungewöhnlichen Kochbuchs: Auch Kochmuffel bekommen durch sie Lust, sich selbst an den Herd zu stellen und die traditionellen syrischen Gerichte nachzukochen. Fadi Alauwad zeigt seinen Lesern mit einfach zuzubereitenden Rezepten nicht nur die typische syrische Küche, sondern erläutert auch anschaulich, worauf dort Wert gelegt wird: Frische Lebensmittel, gesunde Ernährung, die richtigen Gewürze und das Essen in Gesellschaft spielen eine große Rolle.
Die Zubereitung der einzelnen Gerichte wird sehr genau erklärt, sodass das Buch auch für Koch-Anfänger geeignet ist. Die Zutaten sind im Supermarkt erhältlich und können deshalb problemlos besorgt werden.

Der Hintergrund

 

Fadi Alauwad ist mit seiner Frau und seinen drei Töchtern 2014 aus Syrien geflohen. Er lebt und arbeitet heute in Aachen. Sein Kochbuch Fadi kocht syrisch ist sein Gastgeschenk, jedoch auch der Wunsch, den Kindern in Syrien zu helfen, die dort in zum Teil erbärmlichen Verhältnissen leben: Die Erlöse aus dem Buchverkauf gehen an Kinderhilfsprojekte des Vereins SyrienHilfe e. V., der für Lebensmittel, ärztliche Versorgung und medizinische Hilfe sorgt. So kann die Not dort zumindest gelindert werden.

Fadi kocht syrisch ist ab 18. November 2015 unter der ISBN 978-3-00-051062-5 zum Preis von 19,90 € erhältlich und enthält neben 30 Rezepten viele aufwändig gestaltete Fotos. Ihr könnt es entweder versandkostenfrei bei Mayersche.de oder über die Seite Fadi kocht syrisch (ab 10 Exemplaren) bestellen und bekommt ein hochwertiges Hardcover-Buch.


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