Wer fällt über eine Schwangere her?
Die Pilsumerin Franziska Hinrichs ist 40 Jahre alt, seit vier Jahren glücklich mit ihrem Mann Bodo verheiratet und schwanger. Die Freude darüber ist bei den beiden groß, weil sie nach jahrelangem Warten nicht mehr mit Nachwuchs gerechnet hatten. Franziska und Bodo arbeiten in der Immobilienbranche: Sie für einen großen Ferienhausvermieter, er als Projektentwickler bei einem international tätigen Immobilieninvestor. Das Paar sieht sich allerdings nur an den Wochenenden, weil Franziska eine Autostunde entfernt in Wittmund arbeitet. Mit einer Ausnahme: Eine Woche pro Monat ist Franziska geschäftlich in Nordfriesland. Das tut dem Eheglück aber keinen Abbruch. Doch dann geschieht das Unfassbare: Jemand passt die werdende Mutter in der abendlichen Dunkelheit an einer uneinsehbaren Stelle direkt an ihrem Haus ab, erschlägt sie mit einer Weinflasche und hinterlässt ein Pappschild mit der Aufschrift "2008". Wer hasst Franziska so, dass er sie umbringt? Und vor allem: warum? Die Kriminalbeamten Tammo Anders und Fenna Stern nehmen in Mordsrevanche von Ulrike Busch die Ermittlungen auf.
Eine weiße Weste mit einem Grauschleier?
Das miteinander verheiratete Ermittlerteam der Polizeidienststelle Greetsiel kennt das Ehepaar Hinrichs gut: Franziska war das Patenkind von Tammos Onkel Frido. Ihnen ist klar, dass sie ihre persönliche Betroffenheit zurückstellen müssen, um objektiv nach Franziskas Mörder zu fahnden. Die beste Freundin der Toten gibt den Polizisten einen wertvollen Hinweis: 2008 hatte Franziska einen Verehrer aus Nordfriesland, der sie gestalkt hat. Der Mann namens Umo Hanke hatte Bodos Frau sogar vor ihrem Haus in Pilsum aufgelauert. Frido hat einen weiteren Tipp: Ebenfalls 2008 hatte Franziska eine Kollegin verdrängt, als ihr die Stelle einer Abteilungsleiterin angeboten wurde. Die Konkurrentin hatte damals unmittelbar danach das Unternehmen verlassen. Tammo und Fenna verfolgen diese Spuren und finden nach und nach Dinge heraus, die Franziska, von der sie immer so eine hohe Meinung hatten, in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Doch die beiden können nicht ungestört arbeiten: Ihre Dienststelle wird kurzfristig aufgelöst und auf sie wartet die Versetzung an zwei weit auseinander liegende Polizeibehörden. Da sie von ihrem Vorgesetzten aus dem LKA bis zum Dienstantritt beurlaubt werden, beschließen sie kurzerhand, zusammen mit Frido und dessen Frau Magda in Nordfriesland Urlaub zu machen. Kaum angekommen, lesen sie in der Zeitung von einem Mord an einem Husumer Immobilieninvestor. Auch er wurde erschlagen, und neben seiner Leiche wurde ein Pappschild mit der Aufschrift "2013" gefunden. Können diese beiden Morde miteinander in Zusammenhang stehen?
Es soll nicht bei diesen beiden Taten bleiben, und auch im Privatleben von Fenna und Tammo sowie Frido und Magda wird es einschneidende Veränderungen geben.
Wie war's?
Mordsrevanche ist wie die anderen Bücher von Ulrike Busch, die hier bereits vorgestellt wurden, ein sehr flüssig geschriebener Krimi, der seine Leser bestens unterhält. Langeweile kommt hier nicht auf.
Das Buch ist der Beginn einer neuen Serie und knüpft an die vorangegange fünfteilige Serie "Kripo Greetsiel ermittelt" an. Um der Handlung von Mordsrevanche folgen zu können, ist es aber nicht nötig, die vorigen Bücher um Fenna Stern und Tammo Anders zu kennen. Es schadet aber auch nicht.
Mordsrevanche ist als Taschenbuch für 11,99 Euro oder epub- oder Kindle-Ausgabe für 3,99 Euro erhältlich.
Von Ulrike Busch wurden hier bereits diese Bücher besprochen:
Der Pfauenfedernmord
Mord auf der Hallig
In meinem Buch kann ich schreiben, was ich will!
Dass es so einfach nicht ist, stellt der Anwalt René Jorde in seinem Buch Recht für Selbstverleger und Autoren klar. Wenn man weder vertraglich über den Tisch gezogen werden noch Adressat von Anzeigen werden will, sollte man einen Blick hinein werfen.
Urheberrecht, Markenrecht, Titelschutz und noch mehr
Viele Selfpublishing-Autoren haben sich mit diesen Themen noch nie beschäftigt. Sie haben ihr Buch geschrieben, es in den meisten Fällen über einen Distributor veröffentlicht und freuen sich, wenn sie positive Rückmeldungen bekommen und sich ihr Werk gut verkauft. Doch noch während der Schreibphase sollten sie darüber nachdenken, ob ihr Text rechtlich unangreifbar ist: In welchen Fällen darf eine Marke nicht genannt werden? Wann wird eine Formulierung zu einer Persönlichkeitsverletzung? Darf für ein Buch der Liedtext einer Band oder ein kopierter Stadtplan verwendet werden?
Zu dem, was einen Autor für andere angreifbar macht, kommt hinzu, worauf er achten muss, um nicht selbst benachteiligt zu werden. Jorde gibt gedankliche Hilfestellungen bei der Frage, ob sich für das eigene Buch ein klassischer Buchverlag oder eher das Selfpublishing eignet, weist auf Fallstricke in Verlagsverträgen hin und gibt Tipps für eine rechtlich einwandfreie Autorenhomepage.
Das Buch wird durch Zusammenfassungen, Checklisten und hilfreiche Links abgerundet.
Lesen?
Recht für Selbstverleger und Autoren gibt wertvolle Hinweise, die helfen, das eigene Buch und alles, was damit zusammenhängt, kritisch unter die rechtliche Lupe zu nehmen und für mögliche Stolpersteine sensibel zu werden. Es ersetzt aber im Zweifel keine individuelle Rechtsberatung, sondern kann sich nur mit den Fragestellungen beschäftigen, die sich den meisten Selfpublishern stellen.
Recht für Selbstverleger und Autoren ist bei tredition erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,50 Euro sowie als Taschenbuch 9,90 Euro.
Das Buch wurde mir von Indie Publishing
zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Vielschichtige Handlung mit zahlreichen Personen
Drecksspiel des Autors Martin Krist (Pseudonym des Schriftstellers Marcel Feige) ist der erste Thriller aus der Reihe um den Ex-Polizisten und Privatermittler David Gross. Ab der ersten Seite wird klar: Dieses Buch ist nichts für empfindliche Gemüter.
Ist Berlin der Hort des Schreckens?
Schon der Einstieg in die Handlung ist der pure Horror: Caro wird in einem Verlies gefangengehalten und ihre Peiniger ermorden vor ihren Augen Ilanka, die vorher offensichtlich gefoltert worden ist. Die Mörder wollen eine Information, die Caro ihnen jedoch nicht geben kann. Wer Caro ist, klärt sich im Verlauf des weiteren Geschehens.
Unbekannte entführen Shirin, die Tochter eines schwerreichen Berliner Ehepaares. Dessen Anwalt Richard Graubner bittet David Gross, der von ihm immer wieder Aufträge erhält, alles zu tun, um die Jugendliche zu finden. Aber Shirin ist nicht die Einzige, die verschwindet: Philip und Hannah fahren mit ihrer kleinen Tochter Millie, die noch ein Säugling ist, und ihrem Hund Bootsmann spontan in einen Kurzurlaub. Hannah wundert sich zwar über diese Abwechslung, weil sie weiß, dass ihr Mann mit seinem Graphikstudio "Pixelschubser" kurz vor der Pleite steht und das Geld sehr knapp ist, aber Philip spricht von einem großen Auftrag, mit dem nun alles wieder gut werde. In einem abgelegenen Ferienhäuschen lässt Philip seine Frau allein, um mit dem Hund raus zu gehen. Doch der, der nach einer Weile die Haustür aufschließt und Hannah von hinten mit der Hand sanft über den Nacken streicht, ist nicht ihr Mann. Für Hannah und Millie beginnt eine Zeit des Martyriums. Hannah ist klar, dass der Fremde ihren Tod will. Aber nicht sofort, sondern erst, nachdem er seinen Sadismus an ihr ausgelebt hat.
In einem Bordell wird die Prostituierte Leyla ermordet aufgefunden. Für den Rechtsmediziner ist klar, dass die Frau vor ihrem Tod Drogen erhalten hat, die nur einen Zweck hatten: Sie sollte die Grausamkeiten, die der Killer an ihr verübte, möglichst lange bewusst miterleben. Der Polizist Toni Risse und sein Kollege Frank Theis übernehmen die Ermittlungen. Was Theis und auch sonst niemand nicht weiß und niemals wissen darf: Leyla war Tonis Freundin und der Polizist war die letzte Person, die die Prostituierte lebend gesehen hat - kurz, bevor ihr Mörder sie tötete. Auch sein Lebenswandel sollte lieber sein Geheimnis bleiben. Toni ist klar, dass alle Indizien gegen ihn sprechen würden, wenn auch nur der Hauch eines Verdachts auf ihn fiele.
Viele Personen und Handlungsstränge
In Drecksspiel taucht eine ganze Reihe von Personen auf, die in unterschiedlichsten Beziehungen zueinander stehen. Es gelingt jedoch gut, den Überblick zu behalten und den einzelnen Verläufen zu folgen. Obwohl es um viele Vorgänge geht, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, steuert die Handlung auf ein gemeinsames Finale zu. Rätselhaft bleibt allerdings, was es mit der Vergangenheit von David Gross auf sich hat, über die nicht einmal seine Frau bescheid weiß. Es wird nur deutlich, dass David seinen Namen geändert ein neues Leben angefangen hat und keinen Wert darauf legt, gefunden zu werden.
Lesen?
Ja! Drecksspiel ist sehr spannend, hat jedoch eine ganze Reihe brutaler Szenen. Der Thriller kann schon deshalb nur schwer aus der Hand gelegt werden, weil es der Autor meisterhaft versteht, nicht nur am Ende des Buches, sondern am Ende jedes Abschnitts Cliffhanger zu produzieren.
Drecksspiel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2018 bei epubli herausgegeben worden und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Asugabe 3,99 Euro. Das Buch wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt.
Der zweite Teil der Reihe um den Privatdetektiv David Gross ist der Thriller Brandstifter. Außerdem wurde in der Bücherkiste das Buch Böses Kind vorgstellt, in dem Kriminalhauptkommissar Henry Frei die Ermittlungen leitet. Beide stehen Drecksspiel in nichts nach.
Steckt nicht den Kopf in den Sand!
Das könnte die Botschaft sein, die der französische Psychologe und ehemalige Dozent an der Universität Paris Ouest-Nanterre La Défense mit seinem Buch Der Welt geht es besser, als Sie glauben vermitteln will. Lecomte zieht für seine Betrachtungen Statistiken und belastbare Studien heran.
Es ist ja alles so furchtbar! Ach, doch nicht?
Wir alle werden von schlechten Nachrichten überflutet: In Zeitungen, im Radio und Fernsehen und auch im Internet jagt eine Krise die nächste, zahllose Menschen sterben und unsere Umwelt ist offenbar so stark verseucht, dass wir nur noch abgekochtes Wasser trinken und flach atmen sollten. Die Welt ist zu einem Schmelztiegel von Gefahren geworden, und bei vielen Menschen macht sich das Gefühl breit: So schlimm wie jetzt war es noch nie! Aber Lecomte weist nach: Es gibt keinen Grund, vor Panik zu hyperventilieren. Im Gegenteil: In den letzten Jahren und Jahrzehnten ging es mit der Erde und ihren Bewohnern bergauf.
In vier Kapiteln greift Lecomte die Bereiche allgemeine Lebensqualität, Gesundheit, Umwelt und Gewalt auf und teilt diese in ihre verschiedenen Ausprägungen auf. So gliedert sich beispielsweise das Kapitel über die Gewalt in Kriege, Terrorismus, Kriminalität und Todesstrafe. Gerade der Terrorismus ist es, der vielen Menschen Angst macht, obwohl die Wahrscheinlichkeit, in Europa einem Terrorakt zum Opfer zu fallen, denkbar gering ist. Lecomte zieht hier die französischen Statistiken aus dem Jahr 2015 heran, die ungünstiger sind als diejenigen für Deutschland, weil in Frankreich mehr Menschen bei einem Attentat gestorben sind: 147 (in Deutschland niemand). 2015 kamen in Frankreich 3.616 Menschen durch Autounfälle und damit 25 Mal so viele wie durch Terrorismus ums Leben, an den Folgen des Rauchens verstarben dort 73.000 Menschen. Die Angst vor diesen beiden Risiken ist jedoch deutlich geringer als die vor dem Terrorismus.
Der Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 in Paris ließ die Angst der Franzosen vor einem Terroranschlag nach oben schnellen - menschlich verständlich, aber nicht rational. Lecomte zitiert den renommierten Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan, der der Meinung ist, dass es ohne die Medien keinen Terrorismus gäbe. Der Terrorismus lebt von der öffentlichen Aufmerksamkeit und der Angst der Menschen. Wenn ein Terroranschlag kein breites Publikum finden würde, wäre er für die Attentäter völlig sinnlos. Aber die mediale Aufmerksamkeit steigt, je mehr Opfer ein Anschlag gefordert hat. Das ist für Terroristen ein Anreiz, Anschläge mit immer mehr Toten und Verletzten zu planen und so das Medienecho am Leben zu erhalten.
Lecomte nimmt ein Zitat von Osama bin Laden aus einem 2004 veröffentlichten Video, das sich an die USA und deren damaligen Präsidenten George W. Bush richtete: "(Es ist) leicht für uns, diese Regierung zu provozieren und zu ködern. Wir müssen nur zwei Mudschaheddins an einen Ort ganz im Osten schicken, wo sie ein Stück Stoff mit der Aufschrift Al-Quaida hochhalten, und schon drehen Generäle durch und ergreifen Maßnahmen, die menschliche, wirtschaftliche und politische Schäden für Amerika verursachen."
Lesen?
Wer bislang glaubte, dass wir einem Armageddon nahe sind, sollte dieses Buch zur Hand nehmen. Jacques Lecomte vertritt eine optimistisch-realistische Weltsicht, die er mit harten Fakten untermauert. Er sitzt jedoch nicht auf einer rosa Wolke, sondern beendet jeden Abschnitt mit deutlichen Hinweisen darauf, wo es noch Handlungsbedarf gibt.
Der Welt geht es besser, als Sie glauben ist 2018 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 13,99 Euro. Es wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Nachtrag:
In diesem Text geht es ebenfalls um die Angst, die wir vor einigen Dingen haben, und die Frage, wie begründet diese ist. Auch hier zählen nur Fakten.
Was haben ein Bäcker, ein Richter und ein Mathematiker miteinander zu tun?
Ferdinand von Schirach ist Strafverteidiger, aber er ist weniger wegen seines Berufs, als vielmehr wegen seiner zahlreichen Bücher bekannt geworden. In Carl Thorberg versammeln sich drei kurze Erzählungen, die davon berichten, wann und unter welchen Umständen ein Mensch zum Mörder werden oder komplett die Seite wechseln kann. Diese Rezension wird kurz, denn das Buch ist es mit seinen 63 Seiten auch.
Enttäuschungen und ein Seitenwechsel
Die drei Protagonisten in von Schirachs Kurzgeschichten sind auf den ersten Blick unauffällige Mitmenschen, die ihr Leben ohne größere Höhen und Tiefen leben. Doch der Berliner Bäcker hat eine dunkle Vergangenheit, die ihn wieder einholen wird. Eine dunkle Vergangenheit hat der unter scheinbar wohlhabenden Umständen aufgewachsene Carl Thorberg zwar nicht, aber ein Erlebnis aus seiner Kindheit hat sich tief in seine Seele eingegraben und wartet nur darauf, daraus wieder hervorzubrechen. Das geschieht auch, und zwar ausgerechnet zu Weihnachten. Und dann ist da noch der Amtsrichter Seybold, der jahrzehntelang pflichtbewusst und unspektakulär seine Arbeit macht, bevor er in den zunächst ebenfalls unspektakulären Ruhestand geht. Doch dann beobachtet er zufällig, wie sich zwei Jugendliche mit einem Draht an einem in einer Garage abgestellten Auto zu schaffen machen. Er sperrt sie kurzerhand ein und ruft die Polizei. Dieses Ereignis soll sein ganzes Leben umkrempeln.
Lesen?
Ja. Ferdinand von Schirach erzählt die drei Geschichten in einer schnörkellosen und klaren Sprache und hält jeweils überraschende Finale bereit. Ein kleines Buch über menschliche Untiefen.
Carl Tohrberg kostet als Klappenbroschur 8 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 6,99 Euro. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Dienen uns die Maschinen oder ordnen wir uns ihnen unter?
Früher war Alexandra Borchardt Chefin vom Dienst bei der Süddeutschen Zeitung, heute forscht sie als Director of Strategic Development am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford. In ihrem neuesten Buch Mensch 4.0 - Frei bleiben in einer digitalen Welt geht sie der Frage nach, welches Leben der einzelne Mensch und die Gesellschaft angesichts der fortschreitenden Digitalisierung wahrscheinlich zu erwarten haben.
Immer im Fokus: Chancen und Risiken
Alexandra Borchardt nimmt sich bei ihrer Betrachtung praktisch alle Lebensbereiche des modernen Menschen vor. Die Bandbreite ihres Buchs reicht von Künstlicher Intelligenz über das Verschmelzen der analogen Realität mit der Cyber-Reality, der Manipulationen bei Wahlen, der bedrohten Privatsphäre bis zu Sex mit Robotern. Sie erläutert, inwieweit unser Leben durch Algorithmen gesteuert wird und welche Konsequenzen ein Fortschreiten dieser Entwicklung haben kann. Ist es noch möglich, in einer immer stärker überwachten und gesteuerten Welt Mensch zu sein? Emotional, ideenreich, oft spontan und von Zufällen geleitet? Geht die Aussicht der wachsenden Digitalisierung nicht auch damit einher, dass wir im täglichen Leben einen Gutteil unserer Kreativität abgeben? Algorithmen sind hierbei nicht nur keine Hilfe, sondern sogar eine Bremse: Das, was in sie hinein programmiert worden ist, sind rückwärtsgewandte Erkenntnisse, die die Zwecke, für die sie geschrieben wurden - z. B. Personalauswahl, Reise- oder Buchvorschläge etc. - nur in eine bestimmte Richtung bringen. Von den Versprechungen, die die Pioniere des Internetzeitalters damals gegeben haben, sind nicht nur die positiven Effekte wie die Vereinfachung des Lebens, sondern auch die unerwünschten Nebeneffekte wie z. B. die Datensammelwut der Großkonzerne wie Amazon oder Facebook, die Konzentration auf einige wenige Big Player und deren Marktmacht sowie das langsame Erodieren der Demokratie übrig geblieben. Über allen Überlegungen steht die Frage: Sind wir wirklich noch frei oder längst ein Bestandteil eines riesigen Manipulationsmechanismus'?
Lesen?
Alexandra Borchardt bietet ihren Lesern einen guten Überblick über die Problematik, die die Digitalisierung grundsätzlich mit sich bringt. Es wird jedoch schnell klar, dass sie vor allem befürchtet, dass diese technische Entwicklung bei allen Vorzügen, die sie hat, sich überwiegend zu unserem Nachteil auswirken wird. Das Aussterben ganzer Berufsgruppen von gering qualifizierten Beschäftigten bis zu Akademikern, das von Regierungen betriebene Durchleuchten der eigenen Bevölkerung, Hackerangriffe mit enormem Schadenspotenzial und die Fokussierung auf möglichst hohe Einnahmen für einige wenige Unternehmen haben beinahe dystopischen Charakter. Vieles von dem, was in Mensch 4.0 - Frei bleiben in einer digitalen Welt beschrieben wird, ist längst bekannt und wird schon eine ganze Weile diskutiert. Um die Abkehr vom persönlichen Kontakt zu belegen, greift Borchardt mitunter zu Beispielen, die nur schwer nachvollziehbar sind. So zitiert sie beispielsweise die MIT-Psychologin Sherry Tukle, die beklagte, dass immer weniger Studenten in ihre Sprechstunde kommen und ihr lieber perfekt formulierte E-Mails schicken. So könnten sich die Studenten immer seltener als Mensch präsentieren und eine Beziehung zu ihrem Gegenüber aufbauen. Dass die Studenten kein Interesse an langen Wartezeiten auf dem Uni-Flur haben könnten oder ihnen Turkle schlicht nicht sympathisch ist, kam in den Überlegungen nicht vor.
Manche von Borchardts Tipps, die sie teilweise von anderen Fachleuten übernimmt, lesen sich wie aus einem Erziehungsratgeber für Eltern: Smartphonefreie Zonen oder Situationen sollen dazu beitragen, die menschliche Empathie zu trainieren. Dass das Smartphone nicht vor dem real existierenden Menschen, der einem direkt gegenüber sitzt, den Vorrang haben sollte, sollte ein Gebot der Höflichkeit sein, aber muss nicht mehrere Buchseiten füllen. Andere Aussagen sind hingegen berechtigt und wichtig: Die Digitalisierung hat so starke Auswirkungen auf unser Wirtschaftssystem und den Sozialstaat, dass das Verhältnis zwischen Mensch, Kapital und Maschine neu definiert werden muss.
Ich bin unentschlossen, wie ich dieses Buch für mich bewerten soll. Mich hat der Strom an Zitaten gestört, weil Borchardts eigene Ansichten oft so nur unklar dargestellt wurden. In vielen Fällen schien sie sich außerdem trotz des Abwägens von Für und Wider nicht festlegen zu wollen, welche Haltung sie selbst zu dem einen oder anderen Sachverhalt hat. Ich hätte mir häufiger eine klarere Positionierung gewünscht.
Gerade im letzten Kapitel hat sie sich jedoch damit beschäftigt, was wir selbst tun können, um einer ungünstigen Entwicklung der digitalen Welt vorzubeugen.
Mensch 4.0 - Frei bleiben in einer digitalen Welt ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 15,99 Euro. Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung stellte.
Wer sich für die Digitalisierung und ihre Folgen interessiert, dem kann ich das Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde empfehlen.
In Sachsen wird gemordet und geliebt
Auf der Leipziger Buchmesse habe ich den Autor Rainer Böhme kennengelernt, der mir zwei seiner Bücher empfohlen hat. Ich hatte schon in meinem Messebericht angekündigt, sie vorzustellen, und heute ist es soweit.
Eines der beiden Bücher ist Rainer Böhme besonders wichtig, weil ihm das Thema am Herzen liegt: Der Buchtitel Die Türken kommen weckt zuerst die Befürchtung eines bewaffneten Überfalls der Heerscharen eines osmanischen Sultans, aber der Roman spielt im Hier und Jetzt, und anstelle eines Heeres geht es um nur drei Türken. Die in Berlin lebende türkische Familie Güzel gewinnt bei einem Fernsehquiz einen zweiwöchigen Urlaub in der Sächsischen Schweiz. Die Mutter und ihre zwei erwachsenen Kinder Sevim und Tunc machen auf dem Weg zur Pension eine Pause in einem Burger-Restaurant in Pirna, wo Tunc versehentlich mit einer Spielerin eines Handballvereins zusammenstößt und sich die Getränke über seine Hose und die der jungen Frau ergießen. Ein kurzes, heftiges Kennenlernen, das beiden die Laune verdirbt.
Marsianer? Romulaner? Nein, nur Türken in Sachsen
Die Wirte der Pension in der Nähe von Bad Schandau hatten mit deutschen Gästen gerechnet, aber dass sie nun für zwei Wochen eine türkische Familie beherbergen würden, löst - gelinde gesagt - Irritationen aus. Vor allem dem Sohn der Eheleute sind die türkischen Urlauber ein Dorn im Auge: Mit seiner politischen Gesinnung am äußersten rechten Rand sind für ihn alle Nicht-Deutschen Untermenschen. Doch in der Pension läuft Tunc die Handballspielerin aus dem Burger-Restaurant wieder über den Weg: Sie ist die Tochter der Pensionseigentümer. Obwohl Hanna und Tunc sich zunächst gegen ihre Gefühle, die sie füreinander empfinden, wehren, werden sie ein Paar. Das ruft Hannas Bruder auf den Plan, der gemeinsam mit seinen Freunden aktiv wird. Die Lage wird für Tunc gefährlich.
Die Türken kommen ist mit 84 Seiten eine relativ kurze Geschichte, in der Rainer Böhme den Hass und die Vorurteile beschreibt, die der türkischen Familie in einem sächsischen Dorf entgegenschlagen. Beim Lesen fühlte ich mich an die BRD der 1970er Jahre erinnert, als das "Anderssein" noch deutlich schwieriger war als heute. Ich habe mich gefragt, ob türkische Urlauber in der sächsischen Provinz heute tatsächlich noch so viel Aufsehen erregen, wie es Rainer Böhme beschreibt. Ein Buch, das dem einen oder anderen den Spiegel vorhält.
Mysteriöser Mord in Südsachsen
Das zweite Buch ist aus einem ganz anderen Genre: Rainer Böhme, der früher Kripochef in Berlin-Marzahn war, hat mit Mord in Zittau einen Krimi geschrieben, in den sicher so manche Erfahrung aus seinem damaligen Berufsleben eingeflossen ist. Im sächsischen Zittau wird das Model Alexa Faber tot in im Auto aufgefunden, den Mund voller Geldscheine. Die Tatumstände lassen den Schluss zu, dass ihr Ex-Mann Steffen der Täter ist. Steffen wird verhaftet, beteuert aber seine Unschuld und bittet die befreundete Anwältin Liane Hempel um ihre Hilfe. Ihr steht der frühere Berliner Kriminalbeamte Jürgen Grahl zur Seite, der als Privatdetektiv arbeitet, um seinem Leben als Rentner und Witwer zu entfliehen. Dieses Duo stellt erfolgreich eigene Recherchen an, was den Zittauer Kriminalbeamten nicht immer gefällt. Doch letztlich sind es ihre Beharrlichkeit und Grahls teils leichtsinnige Risikofreude, die dem Fall zum Durchbruch verhelfen und klären, wer Alexa Faber getötet hat und warum.
Beinahe parallel zu diesem Mordfall wird Alexas Tochter Frederike vermisst. Dieser Umstand wird zwar immer wieder in die Handlung eingestreut, die Polizei scheint sich aber nicht vor Eifer zu überschlagen, die Minderjährige wiederzufinden. Das ist irritierend, da bei vermissten Kindern und Jugendlichen üblicherweise alle polizeilichen Register gezogen werden, um die Verschwundenen zu finden.
Der Krimi ist flüssig geschrieben, das Lesevergnügen wird allerdings etwas durch Fehler getrübt, die durch ein aufmerksames Korrektorat und Lektorat hätten vermieden werden können.
Die Türken kommen ist im Selbstverlag erschienen und kann per Mail über den Autor bezogen werden (boehme.sebnitz@t-online.de).
Mord in Zittau ist im Dresdner Verlag herausgegeben worden und als Taschenbuch für 12,80 Euro erhältlich.
Ein Jagdopfer zuviel
John Moon ist das, was man gemeinhin als "arme Sau" bezeichnet: Seine Frau hat ihn vor Kurzem verlassen und den gemeinsamen kleinen Sohn mitgenommen; die Farm, die sein Vater bewirtschaftet hatte, musste dieser verkaufen, weil er völlig pleite war, und John schafft es einfach nicht, einen Job länger durchzuhalten. Er wohnt in einem Trailer-Haus auf dem letzten Stück Land, das von der früheren Farm noch übrig geblieben ist. Damit überhaupt noch Geld reinkommt und der Kühlschrank nicht leer bleibt, geht er wildern. Auch an diesem frühen Sonntagmorgen macht er sich bewaffnet mit seiner Kaliber-12-Flinte noch vor Sonnenaufgang auf den Weg ins Naturschutzgebiet. Ein einziger Schuss von Matthew F. Jones beginnt trotz der bedrückenden Lebenssituation der Hauptfigur mit einer ruhigen Szene, die vom weiteren dramatischen Verlauf des Krimis noch nichts ahnen lässt.
Ein Schuss, der alles ändert
John verfolgt einen Zehnender, doch obwohl er ein guter Schütze ist, ist sein erster Schuss nicht tödlich. Das verletzte und verängstigte Tier kann fliehen und läuft in die Richtung eines ehemaligen Steinbruchs, wo John es aus den Augen verliert. Doch da knackt es neben ihm und er erkennt, wie sich etwas Braun-Weißes hinter einem dichten Busch bewegt. John zielt und trifft offenbar sofort. In diesem Moment prescht der Hirsch hinter ihm auf ihn zu, und John kann ihn nur noch mit einem Schlag seines Gewehrkolbens abwehren. Es gelingt ihm, das Tier zu töten, aber er kommt erst jetzt zum Nachdenken: Auf wen, wenn nicht auf den Hirsch, hat er gerade geschossen? Er umrundet den Busch und findet die Leiche einer jungen Frau - mit einer Schusswunde in der Brust. Von einer Sekunde auf die andere ist Moon zum Mörder geworden.
Ein Gewissenkonflikt: nehmen oder gehen?
Nicht nur Johns Leben gerät in diesem Moment vollends aus den Fugen, sein Verstand tut es auch. Er wird von Schuldgefühlen überwältigt und versucht anhand der Dinge, die das Mädchen bei sich hatte, herauszufinden, wer sie war. Doch er findet weder Hinweise auf ihren Namen noch auf ihren Wohnort. Aber einem Brief, den er bei der jungen Frau findet und der an eine Freudin adressiert ist, entnimmt er, dass sie offenbar mit ihrem Freund unterwegs ist. John begreift, dass dieser Freund nicht weit weg sein kann und womöglich bald wieder auftauchen wird. Er beschließt, die Tote in eine Höhle zu schleppen. Doch er entdeckt Hinweise darauf, dass sich jemand dort zu schaffen gemacht hat. Da es in der Höhle zu dunkel ist, um etwas zu erkennen, beschließt er, in dem Unterstand, den früher die Arbeiter des Steinbruchs benutzt haben, nach etwas Brennbarem zu suchen und findet eine prall mit Geldscheinen gefüllte Metallkassette. Für einen Moment zögert John, ob er das Geld behalten sollte und entscheidet sich dann dafür: Mit dieser großen Summe könnte er vielleicht seine Frau dazu bringen, zu ihm zurückzukehren. John weiß, dass er das tote Mädchen so verschwinden lassen muss, dass es niemand findet. Aber seine Schuldgefühle lassen es nicht zu, die Leiche zu vergraben. Die Entscheidungen für das Geld und gegen eine "Beerdigung" sind es, die die weitere Handlung ins Rollen bringen und John sich wie ein Blatt im Wind fühlen lassen.
Wie war's?
Ein einziger Schuss ist ein sehr spannender Krimi, in dem die Polizei nur eine Randerscheinung ist. Hier geht es nicht ums "Whodunit?" und Ermittlungsarbeit. Der Leser weiß, wer die Guten und die Bösen sind, wobei John Moon irgendwo dazwischen anzusiedeln ist. Matthew F. Jones beschreibt sehr authentisch, wie die Entwicklung eine Eigendynamik annimmt und sich die Bedrohung durch die, die das (gestohlene) Geld zu Recht bei John vermuten, immer mehr zuspitzt. Schließlich wird auch eine Unbeteiligte mit hineingezogen und John muss seine letzten Kräfte aufbieten, um sie und sich zu retten. Spannend bis zur letzten Seite.
Ein einziger Schuss ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 14,90 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 9,99 Euro.
Ja, seine ewige Ruhe!
Mord auf der Hallig ist der neueste Nordseekrimi
von Ulrike Busch, in dem, wie es sich für einen "ordentlichen" Krimi gehört, Menschen aus niederen Beweggründen anderen Menschen nach ihrem Leben trachten. Kurz: Sie morden. Diesmal wird die Idylle der Hallig Langeneß getrübt und treibt die Polizei für ihre Ermittlungen auf die Warften.
Déjà-vu für Kriminalhauptkommissar Kuno Knudsen
Mord auf der Hallig ist der vierte Fall der Reihe "Ein Fall für die Kripo Wattenmeer". Der erste, Der Pfauenfedernmord, wurde hier bereits vorgestellt. Kuno Knudsen und sein Kollege Arne Zander von der Kripo Wattenmeer haben ein paar Tage Urlaub und wollen sich auf der Hallig Langeneß einfach nur erholen. Doch dann wird nach einer Nacht, während der eine heftige Sturmflut getobt hat, die Naturschützerin Beeke Klock tot in einer Bucht gefunden, kurz danach auch ihr Fahrrad. Knudsen und Zander beginnen mit ihren Ermittlungen, die sich auch wegen der norddeutschen Zurückhaltung der Halligbewohner ziemlich schwierig gestalten. Die Kriminalbeamten erfahren von einer Informationsveranstaltung, die am Vorabend im Forschungsinstitut "Nordfriesische Halligen" stattgefunden hatte, dessen Gründerin eben jene Frau Klock ist, die nun leblos im Sand von Langeneß liegt. Es drehte sich um ein aufwendiges Warftenzukunftsprogramm, das von der verantwortlichen Mitarbeiterin des Landesamts für Küstenschutz, Britta Tjaden, vorgestellt worden war. Britta stammt selbst von Langeneß, sodass man hätte meinen können, dass sie bei ihren früheren Nachbarn auf offene Ohren gestoßen war. Doch das Gegenteil war der Fall: Dem Grundanliegen, die Warften zu erhöhen und die Häuser darauf auch für die nächsten Jahrzehnte hochwassersicher zu machen, stimmten die Bewohner grundsätzlich zu. Aber der Teufel lag auch hier im Detail: Das Land Schleswig-Holstein wollte lediglich die Erhöhungen bezahlen, für die Abriss- und Wiederaufbaukosten ihrer Häuser sollten die Halligbewohner selbst aufkommen. Als ob diese Zumutung nicht schon reichen würde, wurden den Einheimischen die Entwürfe der Architektin Babsi Manhardt, wie ihre neuen Häuser aussehen sollten, vorgestellt: Keine mit Reet gedeckten roten Backsteinhäuser, wie sie für die Nordseeküste typisch sind, sondern Flachdachgebäude mit großen Glasfenstern. Die Volksseele im Saal brodelte so laut wie das Meer um die Hallig.
Das Leben auf Langeneß kann ungesund sein...
Etwa zeitgleich mit dem Fund der Leiche von Beeke Klock wird das spurlose Verschwinden von Britta Tjaden bekannt. Erste Mutmaßungen machen die Runde: Ist sie für Beekes Tod verantwortlich, weil sich die Naturschützerin vehement gegen Brittas Projekt ausgesprochen hatte? Aber wie hätte Britta Langeneß dann verlassen sollen? Klar ist nur: Sie ist kurz nach dem Ende der Informationsveranstaltung noch per Fahrrad auf der Hallig unterwegs gewesen, um Fotos von deren Zustand vor der Sturmflut zu machen. Ihre Schwester Tilda hatte ihr wegen des immer stärkeren Windes davon abgeraten, aber Beeke hatte das Risiko auf sich genommen.
Tilda meldet ihre Schwester jedoch erst am Morgen nach dem Unwetter als vermisst, ihre persönliche Betroffenheit hält sich in Grenzen. Auch Brittas Ehemann Paul, der telefonisch von der Polizei über das Verschwinden seiner Frau informiert wird, ist eher mäßig besorgt. Doch das Rätselraten dauert nur kurz: Im Deichvorland von Pellworm wird eine Frauenleiche angespült. Nach kurzer Zeit steht fest, dass es sich um die Vermisste handelt. Hat ihr Ehemann, der sich als spielsüchtiger und hoch verschuldeter, aber leider erfolgloser Unternehmensberater entpuppt, etwas mit ihrem Tod zu tun? Und was macht dieser Tourist Mario Meier eigentlich wirklich auf der Hallig? Sucht er tatsächlich nach seltenen Pflanzen und Tieren oder treibt ihn etwas anderes nach Langeneß?
Die Liste der Verdächtigen wird immer länger, aber nach und nach kommen immer mehr Sachverhalte ans Licht, die Zweifel an Britta Tjadens Integrität aufkommen lassen: Hat die Landesbedienstete tatsächlich Bestechungsgelder von einem wohlhabenden Halligbewohner entgegengenommen, wie es Babsi Manhardt gesehen haben will? Oder war alles doch ganz anders?
Kuno Knudsen und Arne Zander haben alle Hände voll zu tun, die beiden Todesfälle aufzuklären. Doch Knudsen ist noch nicht fertig mit Langeneß: Vor sieben Jahren schaffte er es nicht, die Gründe für das Verschwinden einer jungen Dänin zu ermitteln. Wird es ihm jetzt gelingen?
Wie war's?
Mit Mord auf der Hallig gelingt es Ulrike Busch, ihren Lesern nicht nur einen spannenden Krimi zu präsentieren, sondern sie auf authentische Weise an die Nordsee zu entführen und ihnen das Leben und Wesen der Halligbewohner nahezubringen. Das Buch ist sehr unterhaltsam geschrieben und lässt sich flott lesen. Die Autorin nimmt auf ein aktuelles Thema Bezug, mit dem sich die Halligbewohner und die zuständigen Behörden beschäftigen: Das Ansteigen der Meeresspiegel und die Häufung von schweren Sturmfluten zwingt zum Handeln, Aufwarftungen haben bereits stattgefunden und weitere werden folgen. Auf der Seite Biospäre Die Halligen gibt es weitere Informationen hierzu.
Mord auf der Hallig wurde über Books on Demand Norderstedt herausgegeben und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 3,99 Euro.
"Ich will zeigen, wie der Westen den Krieg erzählt"
Dieses Zitat stammt von Viet Thanh Nguyen, der mit seinem Roman Der Sympatisant einen neuen Blick auf das Geschehen im Vietnamkrieg geschaffen hat. Der Autor stammt aus Vietnam und floh 1975 im Alter von vier Jahren kurz vor dem Fall Saigons mit seinen Eltern in die USA. Sein Buch ist der Versuch, den Vietnamkrieg aus einer nicht-amerikanischen Perspektive zu beschreiben. Das ist sowohl in der Literatur als auch beim Film eine große Ausnahme. Viet Thanh Nguyen erhielt dafür 2016 den Pulitzerpreis und den Edgar Allan Poe Award.
Wohin gehöre ich?
Der namenlose Erzähler in diesem Roman ist als Hauptmann die rechte Hand eines südvietnamesischen Generals und kann mit ihm und dessen Frau in letzter Minute aus Saigon in die USA fliehen, bevor der Vietcong die Hauptstadt einnimmt. Dem General ist nicht klar, dass sein Adjutant ein kommunistischer Spion des Vietcong ist, der seine verschlüsselten Aufzeichnungen regelmäßig an eine Kontaktperson in Europa schickt. Der Erzähler hält sich auch in den USA immer in der Nähe des Generals auf und empfindet sein Leben in Kalifornien als zwiespältig: "Die Mehrheit der Amerikaner begegnete uns mit gemischten Gefühlen, wenn nicht sogar mit unverhohlener Abneigung, da wir die personifizierte Erinnerung an ihre schmerzhafte Niederlage waren." So erklärt sich auch, dass sich die Mehrheit der Exil-Vietnamesen auf einem niedrigen sozialen Niveau einrichten muss: Der früher geachtete General eröffnet einen Schnapsladen, andere Landsleute gehen putzen oder arbeiten als Tankwart.
Das ganze Leben des Mannes ist geprägt von Zerrissenheit. Er ist als Sohn einer Vietnamesin und eines französischen Missionars in Südvietnam geboren worden, was zur ersten Ausgrenzung in seinem Leben führte: Er sah nun mal nicht aus wie ein richtiger Vietnamese. Da er als junger Mann in den USA studiert hatte, wurde ihm bei seiner Rückkehr in die Heimat von den Kommunisten Misstrauen entgegengebracht: War er nicht viel zu westlich, um einer der ihren zu sein?
Der ehemalige Hauptmann hat in seiner Zeit in Kalifornien das Glück, als früherer Student einen Aushilfsjob an seiner ehemaligen Universität am Institut für Orientalistik zu bekommen. Während dieser Zeit wird er auch Berater für einen Film, der sich mit dem Vietnamkrieg beschäftigt. Sein Ziel ist es, die Situation auch aus der Sicht des vietnamesischen Volks zu erklären und ein Stück weit von der amerikanisch geprägten Sichtweise abzurücken. Er widmet sich dieser Aufgabe mit vollem Einsatz, muss dann aber feststellen, dass seine berechtigten Einwände nicht berücksichtigt wurden und sein Name trotz seines intensiven Mitarbeit nicht den Sprung in den Abspann schaffte, wo sogar ein Hund aufgeführt wurde. Die Parallelen zu Francis Ford Coppola und dem bekannten Film "Apocalypse Now" sind da nicht zu übersehen.
Später dann, als der Erzähler nach Südvietnam zurückkehrt, begleitet er eine revanchistische Gruppe dabei, über Laos in das Vereinte Vietnam einzudringen, wo sie dem Widerstand gegen das neue Regime Nahrung geben soll. Dieser Auftrag ist ein gefährliches Himmelfahrtskommando, das die Gruppe zum Teil in den Tod führt. Die Überlebenden werden in ein entlegenes Lager des Vietcong gebracht, wo der Erzähler gefoltert wird, obwohl er die Aktion an den Vietcong verraten hat. Man erwartet von ihm, dass er seine wahre Gesinnung bekennt und ein Geständnis aufschreibt, dass er vom Westen infiziert worden sei. Er weigert sich jedoch, Klischees zu formulieren und wird nach einem Jahr Einzelhaft fast zu Tode gefoltert.
Wie war's?
Der Sympathisant schafft es, das Geschehen rund um den Vietnamkrieg mit all seinen Gräueltaten auf amerikanischer und vietnamesischer Seite neu aufzurollen. Viet Thanh Nguyen schildert, wie sein Erzähler zwar unter seinem Doppelleben leidet, sich aber auch nicht klar für eine Lebenswelt entscheiden kann. Interessant sind dabei die Parallelen zu einem vietnamesischen Doppelagenten, der in der Zeit des Vietnamkriegs in den USA als Reporter für die Nachrichtenagentur Reuter und die TIME arbeitete und nach Feierabend Berichte nach Hanoi schickte: Pham Xuan An hatte Kontakte, die bis in die höchsten Kreise des südvietnamesischen Militärs sowie der US-Armee und dem CIA reichten, ohne dass jemand von seiner geheimen Arbeit für die Befreiungsarmee wusste. Er starb 2006.
Der Sympathisant ist ein sehr vielschichtiger und anspruchsvoller Roman, der viele Themen aufgreift und auch da, wo es ans "Eingemachte" geht, kein Blatt vor den Mund nimmt.
Der Sympathisant ist im Blessing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Wer noch mehr über das Thema lesen möchte, dem empfehle ich dieses Buch: Vietnam - Gesichter und Schicksale von Anna Mudry. Die DDR-Journalistin ist zwischen den Vietnamkriegen in das Land gereist und schildert ihre Eindrücke.