Freitag, 7. September 2018

# 166 - Tödliche Männerfeindschaft

Im Spaßgeschäft geht es ernst zu

 


Johnny Quadt hat es geschafft und ist auf Sylt die Größe unter den Event-Unternehmern. Wenn da nur nicht sein Konkurrent Alf Leefmann wäre, der versucht, ihm auf der Insel das Wasser abzugraben. Die Feindschaft zwischen den beiden Männern, der eine enge Freundschaft vorausgegangen ist, bestimmt Johnnys Leben wie fast kein anderes Thema. Bisher war er für die beliebte Veranstaltung 'Sylter Sommernachtsträume' verantwortlich, doch die Ausschreibung für das nächste Jahr ist Alf praktisch auf den Leib geschnitten, und Johnny sieht seine Felle davonschwimmen. Mit diesem Einstieg beginnt Countdown in Westerland, der neueste Krimi der Autorin Ulrike Busch.

Ein Anschlag zerstört den Inselfrieden

 

Johnny pflegt einen verschrobenen Tick: Er hat sich vor Jahren seine verbleibende Lebenszeit auf die Sekunde genau voraussagen lassen. Seitdem zeigen ihm eine Wanduhr im Firmenbüro und eine App auf seinem Smartphone an, wann für ihn die letzte Stunde schlägt. Als er eines Morgens wie immer als Erster seine Firma betritt, blickt er auf die Uhr und stutzt: Sie steht auf null. Im selben Moment wird durch das Fenster auf ihn geschossen. Doch die Kugel verfehlt ihr Ziel und trifft nur einen alten Pokal. Für Johnny gibt es keinen Zweifel: Da hatte Alf seine Finger im Spiel. Die erfahrenen Kriminalbeamten Kuno Knudsen und Arno Zander übernehmen die Ermittlungen und stoßen bald auf etliche Ungereimtheiten. Hat der Schütze absichtlich danebengeschossen oder den Unternehmer versehentlich verfehlt? Überraschenderweise ist Quadt nur begrenzt zur Zusammenarbeit bereit. Alle Überlegungen, die sich jenseits von Alf Leefmann bewegen, werden von ihm zurückgewiesen. Sein verschrobenes Wesen lässt ihn auch nicht zum Sympathieträger werden: Sein Haus ist komplett vernetzt und wird mithilfe von 'Amanda' auf Zuruf ferngesteuert, und im Firmenbüro sorgt eine heimlich installierte Spionagesoftware dafür, dass ihm nichts entgeht - auch nicht das, was seine Lebensgefährtin Eta Smid, die in praktisch allem das Gegenteil von ihm ist, tut.
Die Situation spitzt sich weiter zu, als Johnny auf seinem Grundstück von einer mit einem Messer bestückten Drohne angegriffen wird. Doch die Entwicklung nimmt ihren Höhepunkt, als tatsächlich ein Mensch erschossen wird, den man als Leser nicht als gefährdet eingeschätzt hat.

Wie war's?

 

Ulrike Busch bietet ihren Lesern mit Countdown in Westerland wieder einen Krimi, bei dem alles "rund" ist: Wer hinter den Anschlägen steckt, offenbart sich erst fast zum Schluss. Grundsätzlich kommen eine ganze Reihe von Personen aus Johnnys Umfeld in Betracht: seine Tochter Isa, deren Freund Alex, zwei von Johnnys Mitarbeitern und nicht zu vergessen Alf Leefmann. Für alle, die bereits die vorigen Bände der Reihe 'Kripo Wattenmeer' kennen: Kunos Bruder Okko und der praktisch allgegenwärtige Inselreporter Friedrich Fliegenfischer sind auch wieder mit dabei.

Countdown in Westerland kostet als Taschenbuch (BoD) 10,99 Euro und als ePUB- oder Kindle-Edition 3,99 Euro. 

Sonntag, 2. September 2018

Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2018 - diese Titel sind im Rennen

Vor einem Jahr hatte ich die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 vorgestellt, nun liegt der Reader mit der Longlist 2018 in den Buchhandlungen aus. 105 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben 165 Bücher eingereicht, aus denen zwanzig Titel in die engere Wahl gekommen sind. Der Reader beinhaltet eine kurze Vorstellung der Autoren einschließlich eines Fotos sowie einen fünfseitigen Textausschnitt der nominierten Titel. Die Jury hat die Werke von dreizehn Autorinnen und sieben Autoren nominiert, die ihre Wurzeln nicht nur in D/A/CH, sondern auch in Osteuropa und in einem Fall in Argentinien haben.

Meine Favoriten

Immerhin zwölf der 20 Leseproben haben mir gut gefallen.Die Kurzbeschreibung zu jedem Buch bezieht sich nur auf das, was die Textausschnitte beinhalten.  Ich fange einfach mal an:

  • María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten. Das Buch spielt in Buenos Aires, der Geburtsstadt der Autorin. In diesem Abschnitt erfährt die elfjährige Teresa, dass ihre Mutter ein Kind erwartet. Auf die Frage des Vaters, ob sie sich freue, sagt sie pflichtschuldig "Ja", ahnt aber, dass es für sie nicht mehr die ungeteilte Liebe der Eltern geben würde. Schlimmer noch ist für Teresa aber die Vorstellung, wie es zu der Schwangerschaft gekommen ist: Die Harmlosigkeit, die in der Mitteilung über den Nachwuchs enthalten ist, lenkt aus ihrer Sicht nur von der Anzüglichkeit, die dahinter steht, ab. Der Roman ist im August 2018 im S. Fischer Verlag erschienen. 
  • Maxim Biller: Sechs Koffer. Mai 1965, Prag: Der erzählende fünfjährige Junge blickt in der kurzen Szene auf seinen Vater, einen Übersetzer. Das Kind schildert einen Konflikt, der seit einer Weile durch die gesamte Familie zu geistern scheint. Onkel Dima, einer der Brüder des Vaters, sitzt im Gefängnis, und für den kleinen Jungen ist klar: Dort sitzen nur Leute, die jemanden umgebracht haben. Der Junge tippt darauf, dass der Großvater das Opfer war. Bei den anderen Brüdern des Vaters ist er sich sicher, dass sie Menschen umgebracht haben, schließlich waren sie in der Roten Armee. Doch schon der nächste - und letzte - Absatz dieses Textauszugs lässt vermuten, dass Onkel Dima kein Menschenleben auf dem Gewissen hat, sondern durch seine ungeschickte Vorbereitung seiner Flucht nach Westberlin aufgeflogen und verhaftet worden ist. Erscheint bei Kiepenheuer & Witsch.
  • Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind.
    Die Autorin hat sich mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt. Im Textausschnitt nimmt sie zum polnischen Staatsarchiv Kontakt auf, um Einblick in die Akten über ihre Mutter zu erhalten, die 1945 als Vierzehnjährige von der sowjetischen Geheimpolizei GPU verhaftet wurde und mit 15 im Straflager Potulice inhaftiert war. Sie begibt sich auf die Suche nach dem gefangenen Kind, das ihre Mutter damals gewesen ist. Fritz ist erschüttert, als sie die Akte aufschlägt und ihr Blick auf den Fingerabdruck ihrer Mutter fällt. Doch die Unterlagen enthalten auch Angaben zu ihren Großeltern, die bereits vor ihrer Geburt verstorben sind. Die Trauer der Mutter um die eigenen Eltern war immer so präsent, dass Susanne Fritz während ihrer Kindheit immer das Gefühl hatte, dass die Großeltern geisterhaft mit am Tisch sitzen. Das, was sie in den alten Akten findet, ist wie ein Ruf aus der Vergangenheit, der eine Brücke in die Gegenwart schlägt. Das Buch ist im März 2018 im Wallstein Verlag erschienen.
  • Arno Geiger: Unter der Drachenwand. Arno Geiger hat bei mir quasi Vorschusslorbeeren, seitdem ich sein Buch Es geht uns gut gelesen habe, mit dem er 2005 den damals erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis gewann. Ein verwundeter Wehrmachtssoldat will sich 1944 am Mondsee am Fuße der Drachenwand erholen. Er kommt im Ort Mondsee an und erhält eine ungemütliche Unterkunft bei einer sehr unfreundlichen Quartiersfrau. Geiger schafft es bereits in diesem kurzen Textauszug, eine sehr dichte Atmosphäre zu erzeugen, die den Leser das Dorf mit den Augen des Soldaten sehen lässt. Erschienen im Carl Hanser Verlag.
  • Nino Haratischwili: Die Katze und der General. In diesem Buch geht es um die Kriege in Tschetschenien und Georgien. Im Mittelpunkt
    steht ein junger Mann aus Moskau, dessen Vater in Afghanistan gekämpft und dafür als Held verehrt wurde - auch von seinem Sohn. Doch der Vater ist tot, und die Mutter hat ihr Leben als Witwe damit verbracht, ihren Mann zu heroisieren. Der Sohn kann dem nichts mehr abgewinnen. Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt.
  • Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin. 2011: Die Mutter der Erzählerin ist mit 79 Jahren plötzlich verstorben. Beim Kaffeetrinken nach der Beerdigung singen die älteren Trauergäste
    Lobeshymnen auf die Verstorbene und ihren Mann, der schon länger nicht mehr am Leben ist. Doch die Töchter wollen das nicht so stehen lassen. Sie deuten an, dass sich der Vater an ihnen sexuell vergriffen hat, woraufhin sie von den Gästen als Nestbeschmutzer bezeichnet werden. Erschienen im Eichborn Verlag.
  • Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser
    steigen
    . Die Autorin schreibt über das harte Leben auf einer Bohrinsel im Atlantik. Schon der kurze Abschnitt überzeugt durch die authentische Atmosphäre.






  • Gert Loschütz: Ein schönes Paar. Ein Paar flüchtet 1957 mit seinem Kind  aus der DDR und trennt sich nicht lange danach. In der ausgewählten Szene erhält der Vater vor der Flucht einen auffällig adressierten Brief vom Bundesministerium der Verteidigung, in dem es um seine Bewerbung um eine Stelle dort geht. Das Paar fragt sich, warum der Brief nicht von der Stasi abgefangen wurde. Will man ihnen eine Falle stellen? Erschienen im Verlag Schöffling & Co.
  • Susanne Röckel: Der Vogelgott. Die Menschen
    einer abgelegenen Berggegend fühlen sich von einem Aas fressenden Riesengeier bedroht. Im Textausschnitt sucht die Erzählerin als Fremde in einem Dorf dieser Region eine Unterkunft, weil die Lok ihres Zuges ausgefallen ist. Der Ort wirkt rückständig, aber was am meisten auffällt, sind die allgegenwärtigen Vögel. Erschienen im Jung und Jung Verlag.
  • Matthias Senkel: Dunkle Zahlen. In Moskau
    findet 1985 eine Programmier-Spartakiade statt. Hier ist die kubanische Dolmetscherin gerade dabei, sich auf die Suche nach ihrer Mannschaft zu machen. Wen sie auch fragt, sie erntet nur Ratlosigkeit. Auch das Verhalten der Organisatoren ist merkwürdig. Erschienen im Verlag Matthes & Seitz.

  • Stephan Thome: Gott der Barbaren. Die
    Handlung des gezeigten Abschnitts setzt im Mai 1885 an Bord der HMS Nimrod im Golf von Zhili (ca. 280 km östlich von Peking) ein. Die Szene beschreibt den Angriff von britischen und französischen Kriegschiffen auf ein chinesisches Fort. Das Geschehen wird aus der Sicht des britischen Befehlshabers, des 8th Earl of Elgin, erzählt, der hier wie ein vom Schicksal Getriebener wirkt. Erschienen im Suhrkamp Verlag.
  • Christina Viragh: Eine dieser Nächte. Das Buch spielt während eines Flugs von Bangkok nach
    Zürich. Der eher unsympathisch wirkende und Whisky trinkende Amerikaner Bill erzählt Geschichten, die ihm die Aufmerksamkeit der Mitreisenden einbringen. In der im Reader abgedruckten Szene drängt er sich mit seinem Mitteilungsbedürfnis seiner Sitznachbarin Emma auf. Noch hat sie kein Mittel gefunden, ihn zum Schweigen zu bringen. Erschienen im Dörlemann Verlag.

    Womit ich nichts anfangen konnte

     

    Seit der unseligen Plagiatsgeschichte um ihr Buch Axolotl Roadkill kann ich mit Helene Hegemann nichts mehr anfangen, zumal sie das auch nie bedauert, sondern ihr Verhalten als normal und völlig in Ordnung eingeschätzt hat. Ihr nominiertes Buch Bungalow hat es nun auch nicht in meine persönliche Top-Liste geschafft. Ich habe mir den Textauszug natürlich ebenfalls angesehen, aber es ist wohl keine Überraschung, dass er mir nicht gefallen hat. Mich hat schon auf diesen wenigen Seiten gestört, dass der Protagonistin in ihrem Alltag ständig seltsame Dinge passieren, die sie emotionslos wahrnimmt und erzählt. Eine ziemlich verkopfte Schreibe, die mich nicht anspricht.

    So geht's weiter

     

    Am 11. September wird sich zeigen, wer es eine Runde weiter geschafft hat: Die Shortlist wird veröffentlicht.
    Am 8. Oktober wird der Deutsche Buchpreis auf der Frankfurter Buchmesse verliehen. Ich habe einen Favoriten, behalte ihn diesmal aber für mich.
       

     









Freitag, 31. August 2018

# 165 - Der zweite Fall für Kommissar Frei

Auf den Spuren eines Serienmörders

 

Kommissar Henry Frei hat bereits im Thriller Böses
Kind zusammen mit seiner Kollegin Louisa Albers in Berlin ermittelt. In Stille Schwester, dem neuesten Buch von Martin Krist, verfolgen die beiden in der winterlichen Hauptstadt einen Serienkiller. Seine Opfer scheinen nichts miteinander gemeinsam zu haben, zumindest solange sie noch lebten. Im Tod gibt es jedoch einige Übereinstimmungen: Alle wurden mit einer Drahtschlinge erdrosselt, gewaschen, auf ihre Betten drapiert und hielten in einer Hand einen Zettel mit der Telefonnummer des nächsten Opfers. In den Wohnungen finden sich keine Spuren, die Wohnzimmer und Bäder sind jedes Mal akribisch gereinigt. Erst nach und nach entdecken die Ermittler die Vorgehensweise des Täters: Da es nie Einbruchspuren gab, müssen die Opfer ihn selbst in die Wohnungen gelassen haben - aber dem zweiköpfigen Polizeiteam, das vor den Häusern Wache hielt, ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen. 
Als die junge Rebecca erfährt, dass es nach dem letzten Mord einen deutlichen Hinweis darauf gegeben hat, dass sie das nächste Opfer sein könnte, laufen ihre Gedanken Amok und sie findet heraus, dass ihr Freund sie in einigen Dingen belogen hat. Ist er es, der kaltblütig Menschen tötet? Wird sie die Nächste sein?
Nicht nur Rebecca macht sich Sorgen, sondern auch Henry Frei ist in Alarmstimmung: Schwebt seine Kollegin Louisa in Lebensgefahr?

Parallel zur Handlung wird abschnittsweise eine an Frei gerichtete E-Mail gezeigt, deren Bedeutung sich erst fast zum Schluss erschließt. Es geht darin um die zerrüttete Familie der Absenderin, die die Ursache hierfür in der Bevorzugung der Schwester sieht. Die E-Mail wirkt zunächst so, als wollte sich mit ihr jemand den Frust von der Seele schreiben, aber es steckt weit mehr dahinter.

Das spurlose Verschwinden der Tochter von Freis ehemaligem Kollegen Marek, das schon in Böses Kind angesprochen wurde, wird wieder aufgeriffen, bleibt aber offen. Ich gehe davon aus, dass man im nächsten Frei-Thriller mehr darüber erfahren wird.

Wie war's?

 

Sehr spannend, authentisch, mitreißend. Ich will doch mal hoffen, dass sich Herr Krist gerade an seinem nächsten Titel die Finger wund schreibt.  Das Erscheinungsdatum für Kalte Hölle ist mit 'demnächst' angegeben.

Stille Schwester kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als epub- oder Kindle-Ausgabe 3,99 Euro.

Mittwoch, 29. August 2018

Ich war bei "meinem" Buchhändler - ein Suchtbericht

Habt Ihr ein Geschäft, in das ihr so richtig gern geht? In dem Ihr aufpassen müsst, nicht wieder mal viel mehr Geld auszugeben, als Ihr Euch vorgenommen habt? Bei mir ist das seit meiner Kindheit der Buchhändler an meinem Wohnort. In dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich damals reichlich Taschengeld in das Geschäft geschleppt. "Aber es gibt doch auch Stadtbüchereien! Da kostet es doch (fast) nichts!". Stimmt, da war ich auch. Auch! Aber Bücher, die mir gefallen, möchte ich selbst haben. Ich bin da völlig irrational. 
Vor Kurzem war ich wieder mal in "meinem" Buchladen ganz in meiner Nähe. Ich hatte mir den Reader für die Longlist des Deutschen Buchpreises zurücklegen lassen und hatte einen Geschenkgutschein dabei. Gibt es etwas Besseres als dem Konsum frönen zu können, ohne selbst Geld ausgeben zu müssen? Dreimal nein! Dieses Glücksgefühl - und da übertreibe ich nicht - wird bei mir nur inmitten von Büchern ausgelöst.

Deshalb beobachte ich mit Sorge das langsame Sterben des stationären Buchhandels. "Aber im Internet zu bestellen ist doch so bequem", höre ich da den ersten leisen Protest. Ja, ist es. Aber es gibt mittlerweile Angebote, die es möglich machen, im Internet zu bestellen und sich das Buch dann beim Buchhändler abzuholen oder es über ihn bringen zu lassen. Wenn ich weiß, was ich will, schreibe ich "meinem" Buchhändler eine E-Mail und er meldet sich, wenn meine Bestellung im Laden ist. Wenn es Probleme gibt, also z. B. ein Buch vergriffen ist, wird diese Information mit allem, was dazugehört (Wann ist das Buch wieder erhältlich? Welche Alternativen gibt es?) ebenfalls elektronisch ausgetauscht. 
Wenn ich nur ganz ungefähr weiß, wonach ich suche, gehe ich in den Laden und lasse mich beraten. Bei Büchern, die ich verschenken will, hat mein Buchhändler noch nie danebengelegen. Und: Wenn der Beschenkte das Buch schon hat, kann ich es im Laden zurückgeben und ein anderes mitnehmen. Ich gehe immer in denselben Laden. Man kennt mich dort, weiß, was ich gern lese, und ich habe schon mal den Händler in meiner Ratlosigkeit um Hilfe gebeten: "Sie kennen doch Frau XY, eine Freundin von mir. Können Sie mir einen Tipp geben, was ihr gefallen könnte?" Konnte er, meine Freundin hat sich über die Auswahl gefreut.

Eigentlich wollte ich einen Buch-Sucht-Text schreiben, jetzt ist es während des Tippens doch ein Plädoyer für den
örtlichen Buchhandel geworden. Ich habe eine Grafik des Portals Statista gesehen, aus der hervorging, dass die Zahl der Buch-Einzelhändler zwischen 2006 und 2016 von etwas mehr als 5.000 auf nicht ganz 3.700 zurückgegangen ist. Zum Teil sind Buchhändler auch selbst schuld: Wer sich nur hinter seinen Tresen stellt, den Kopf einzieht und hofft, dass das Schlimmste an ihm vorüber geht, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Nur vom Weihnachts- und Schulbuchgeschäft kann ein Buchhändler auch dann nicht leben, wenn er an Mitarbeitern spart. Bei "meinem" Buchhändler sehe ich über die letzten Jahre hinweg die Zeichen des schleichenden Niedergangs: Die Außenbeleuchtung, auf der der Geschäftsname steht, wird nicht mehr angeschaltet, das Lesesofa hat seine besten Tage hinter sich (was mit einem Überwurf kaschiert wird), der Laden wird von Montag bis Samstag pünktlich geöffnet und geschlossen, von Sonderaktionen habe ich nichts bemerkt und die letzte Lesung, von der ich weiß, war im November 2017, als einer unserer Ratsherren seinen zweiten Krimi vorstellte. 

Sollte es eines Tages Geld vom Himmel regnen oder ich doch noch mal den Eurojackpot knacken, werde ich dieses Trauerspiel aufhalten. Bis dahin bleibe ich treue Kundin und hoffe, dass andere es ebenfalls bleiben. Damit das Sterben der Buchhandlungen, das die USA erfasst hat und weswegen es ganze Landstriche ohne einen einzigen Buchhändler gibt, nicht auch hier derart gravierende Folgen hat. Drückt mir die Daumen für einen satten Gewinn.

Dieser Text erscheint parallel bei Tägliches auf drei Beinen.

Freitag, 24. August 2018

# 164 - Das Hauen und Stechen am Panamakanal

DIE berufliche Chance für einen Ingenieur

 

Der Brite Max Burns ist ein angesehener Geomatik-Ingenieur, ein Spezialist für den Kanal- und Brückenbau. Er lässt in Christoph Martins Buch Die Expansion für die Erfüllung seines großen beruflichen Traums buchstäblich alles stehen und liegen, als er von seinem alten Kumpel Godfredo Roco überredet wird, am Großprojekt der Erweiterung des Panamakanals als Chefingenieur mitzuarbeiten: Er hat die Zusage, in der Firma seines künftigen Schwiegervaters eine Stelle anzutreten, zurückgezogen, was gleichzeitig auch das Aus für seine Verlobung mit dessen Tochter Sarah war.

Auf alte Freunde ist doch immer Verlass...

 

Godfredo Roco und Max Burns kennen sich aus Schultagen. Die Freundschaft wurde durch den Selbstmord von Max' Eltern jäh beendet, weil dann kein Geld mehr für das teure Internat da war. Max wuchs bei seinem Onkel Alan in bescheidenen aber behüteten Verhältnissen auf. Godfredo und dessen Vater Paco, die bei dem Projekt die Fäden in der Hand halten, haben für das Team um Max luxuriöse Unterkünfte bereitgestellt und treten mit dem Habitus von Menschen auf, die es gewohnt sind, zu gewinnen. Die Ausschreibung für das Großprojekt wird denn auch von ihnen gewonnen, obwohl jedem Experten angesichts des niedrigen Preises klar sein muss, dass da etwas ganz gewaltig zum Himmel stinkt. Das finden auch Max und Godfredo, die in die Hinterzimmerspielchen, die Paco inszeniert hat, nicht eingeweiht wurden.
Doch auch die Amerikaner hatten ihr Gebot abgegeben: einerseits aus historischen Gründen aber auch, um einen Gegenpart zu den Chinesen zu bilden. Merkwürdigerweise nimmt China jedoch gar nicht an der Ausschreibung teil.
Was Max noch nicht ahnt: Er ist hier nur das Bauernopfer in einem groß angelegten Betrugs- und Unterschlagungsszenario. Die Strippenzieher haben eingeplant, dass der Ingenieur seinen Kopf für Dinge herhalten muss, die er nicht getan hat und schrecken auch vor einem Mord nicht zurück.
Der panamaische US-Botschafter nimmt in der Handlung eine zwielichtige Rolle ein, und auch die Installation des Defense Clandestine Services, einer US-Geheimdiensteinheit, wird zunehmend undurchsichtiger. Die enorm ehrgeizige Chefin Fisher ist bereit, für ihr Land alles zu geben und dabei auch Wahrheit und Gerechtigkeit zu opfern.

Auch dieses Buch kommt nicht völlig ohne Romantik aus. Am Schluss wird es zwei Paare geben, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen, aber die körperliche Anziehungskraft kann da vielleicht einiges überdecken.

Wie war's?

 

Mein Eindruck fällt gemischt aus. Der Plot ist sehr gut, auch wenn es hier um ein Ereignis geht, das bereits stattgefunden hat: Die Erweiterung des Panamakanals erfolgte zwischen 2007 und 2016, die wesentliche Handlung von Die Expansion spielt im Jahr 2008. Ich hätte mir allerdings einen stärkeren Bezug auf das Bauprojekt gewünscht, und auch der Blick auf Panama fällt sehr dezent aus. Kurz: Land und Projekt sind austauschbar. Das Buch hat mich gut unterhalten, für einen Thriller halte ich es jedoch nicht, da ich dafür mehr Spannung erwarte. Manche der Figuren hätte genauer gezeichnet werden und Korrektorat und Lektorat gern aufmerksamer ausfallen dürfen. Max Burns wird beispielsweise als Geomantik-Professor bezeichnet, obwohl wenig wahrscheinlich ist, dass die Durchführung eines Großprojekts von Esoterik und Hellseherei profitieren könnte.
Die Expansion ist zunächst in einer englischen Version erschienen. Informationen hierzu gibt es unter www.theexpansionbook.com
Der Autor, der mit vollem Namen Christoph Martin Zollinger heißt, ist nach eigenen Angaben ein Schweizer Unternehmer, der nach seinem Jura-Studium lange in Panama gearbeitet hat. Seine Co-Autorin ist die Australierin Libby O'Loghlin. 

Was ich zum Schluss noch anmerken möchte: Normalerweise gehe ich auf Buchcover hier nicht ein, aber dieses Mal mache ich eine Ausnahme. Mir stößt wirklich auf, dass hier die Rechtschreibung zugunsten einer halbwegs gleichmäßigen Buchstabenverteilung geopfert wurde. Hätte ich das Buch im Regal eines Buchhändlers gesehen, hätte ich es ganz sicher nicht gekauft, weil ich davon ausgegangen wäre, dass sich diese Schludrigeit im Text fortsetzt. 

Die Expansion kostet als Taschenbuch 11,95 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 7,99 Euro.
Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

Freitag, 17. August 2018

# 163 - Neue Ermittlungen am Bodensee

Ines Fox ist wieder unterwegs

 

Die Hobbyermittlerin Ines Fox, der von der Autorin Christiane Kördel Leben eingehaucht wird, ist den Lesern dieses Blogs schon bekannt: In den ersten beiden Bänden Seezeichen 13 und Seeblick kostet extra hat die Inhaberin einer kleinen Webdesign-Agentur in Konstanz bereits eindrucksvoll ihr Talent bewiesen, sich durch ihre bodenlose Neugier immer wieder selbst in tödliche Gefahr zu bringen. Warum sollte das im neuesten Buch Seekoller - Eine Bodensee-Miami-Komödie anders sein? 

Urlaub oder Ermittlungen?

 

Ines Fox und ihr Dr. Frieder, ein Rechtsmediziner, haben eigentlich einen gemeinsamen Urlaub an der Nordsee geplant, doch der fällt buchstäblich ins Wasser: In einer Fahrradrikscha wird ein totes Ehepaar aus den USA gefunden, das sich gerade in den Flitterwochen befunden hat. Vanessa wurde mit einem Giftpfeil getötet, Jeff ist offenbar beim Anblick seiner frisch gemeuchelten Gattin an gebrochenem Herzen gestorben. Kurz nach dem Eintreffen der Polizei explodiert am Ufer des Bodensees ein Boot.
Merkwürdig ist, dass der Fahrer der Rikscha ein früherer Verehrer der Toten gewesen ist, der sie angeblich sogar gestalkt haben soll.  
Ines Fox erfährt im noblen Inselhotel, dass Vanessa dort an der Rezeption und im Büro gearbeitet hat. Alle Mitarbeiter wussten, dass ihre Eltern in ihrer Heimat Miami ein edles Luxushotel besitzen, das 'The Charmond'. Die junge Frau hatte berichtet, dass sie in Nobelhotels auf der ganzen Welt Erfahrungen sammeln wolle, um später das elterliche Haus zu übernehmen. 
Als ob zwei Tote noch nicht genug wären, stolpert Ines auf der Suche nach dem Ort, von dem der Giftpfeil abgefeuert wurde, buchstäblich über eine abgetrennte Hand. Liegt hier ein weiteres Mordopfer?

Ines' Neugier siegt auch dieses Mal über die Vernunft und sie beschließt, nach Miami zu fliegen, sich das 'The Charmond' selbst anzusehen und mit Vanessas Eltern zu sprechen. Aber die Hoteleigentümerin eröffnet der Hobbyermittlerin, dass sie gar keine Kinder hat. Spätestens jetzt wird klar, dass hier etwas oberfaul ist. Durch ihren Leichtsinn bringt sich Ines zu allem Überfluss in Lebensgefahr. Wie soll sie den Verbrechern entkommen, die sie gefangen halten?

Wie war's?

 

Wer bereits Seezeichen 13  und Seeblick kostet extra gelesen hat, weiß, wie Ines Fox tickt: Die Webdesignerin strauchelt in immer neue verfängliche und oft gefährliche Situationen hinein. Christiane Kördel macht da auch bei Seekoller - eine Bodensee-Miami-Komödie keine Ausnahme. Ihre Leser werden von der ersten bis zur letzten Seite gut und humorvoll unterhalten, und mit dem aus Norddeutschland stammenden und mit einem staubtrockenen Humor ausgestatteten Dr. Frieder hat die Autorin einen guten Gegenpart zur quirligen und impulsiven Ines Fox geschaffen, über die man nördlich von Hannover wohl sagen würde: "Die hat Hummeln im Mors!"

Seekoller - eine Bodensee-Miami-Komödie ist als Taschenbuch (Books on Demand) für 9,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition für 2,99 Euro erhältlich. 
 

Freitag, 10. August 2018

# 162 - Ex-US-Ministerin denkt über aktuelle Lage nach

Hat der Faschismus (wieder) eine Chance?

 

Vor Kurzem hat Madeleine Albright, die unter dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton von 1997 bis 2001 Außenministerin war, ein Buch herausgebracht, das ihr besonders am Herzen liegt: Faschismus - Eine Warnung. Albright, die gebürtig aus Prag stammt und 1937 als Marie Jana Korbelová geboren wurde, hat mit diesem politischen Prinzip eigene Erfahrungen gemacht: 1939 floh sie mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten nach London und kehrte mit ihrer Familie zurück, als der zweite Weltkrieg beendet war. Doch die Familie floh 1948 erneut, als in der Tschechoslowakei die Kommunisten an die Macht kamen. Diesmal waren die USA ihr Ziel, eine erneute Rückkehr in die Heimat gab es nicht. 

Was macht den Faschismus aus?

 

Albright hat in ihrem Leben reichlich politische Erfahrungen gesammelt: Bevor sie Außenministerin wurde, war sie drei Jahre Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat (NSC) sowie vier Jahre US-Botschafterin bei den UN. Heute leitet sie ein Consulting-Unternehmen und hält Politik-Vorlesungen an der Georgetown-University in Washington. 
Die Politik hat sie ihr ganzes Leben begleitet: Ihr Vater war tschechoslowakischer Diplomat und wurde in den USA Politik-Professor. Dieses Wissen über ihre Person hilft, ihre Beweggründe, dieses Buch zu schreiben, zu verstehen. Es hilft auch, ihre Sicht nachzuvollziehen und sie Ernst zu nehmen. 

Albright betrachtet in ihrem Buch, wie sich unterschiedliche Staaten in den letzten Jahren politisch entwickelt haben und zeigt an vielen Beispielen deutlich und plausibel auf, woran sich heute faschistische Tendenzen erkennen lassen. Ihr Blick reicht zunächst in die Vergangenheit, wo sie noch einmal den Aufstieg der europäischen Faschisten in Erinnerung ruft: Nicht nur Hitler in Deutschland, sondern auch Mussolini in Italien und Franco in Spanien bauten ihren politischen Werdegang auf der desolaten Situation in ihren Ländern auf.
Albright erinnert sich an den Lauf der Geschichte in ihrer tschechoslowakischen Heimat und die Rolle ihres Vaters als Botschafter im jugoslawischen Belgrad, als sich ihr Heimatland in einen kommunistischen Staat verwandelte. Diese Verwandlung trug Merkmale, die man auch bei faschistischen Machtübernahmen beobachten konnte: "eine einzige Partei, die mit einer Stimme spricht, sämtliche staatlichen Institutionen kontrolliert, zudem behauptet, das ganze Volk zu repräsentieren und diese Scheinwelt als Triumph des Volkes bezeichnet."

Und heute?

 

Albright beschreibt die Schwächen einer Demokratie: Sie ist korruptionsanfällig, schwerfällig und erfordert eine große Kompromissbereitschaft. Eine Gesellschaft bringt in guten Zeiten die Geduld auf, die Dauer von Entscheidungsprozessen und dem Zurateziehen von Experten auszuhalten, aber sobald etwas so dringend zu sein scheint, dass sofort eine Entscheidung gefällt werden soll, ist es mit ihrer Geduld vorbei. In solch einer Situation plädieren viele Menschen dafür, auf demokratische Prozesse zu verzichten und sich sagen zu lassen, welcher Weg eingeschlagen werden soll. Doch die Macht in einer Gesellschaft nur einer einzigen Partei oder Person zu übertragen heißt, dass im Falle eines Machtmissbrauchs nicht mehr legal eingegriffen und diese Entwicklung gestoppt werden kann. Auch etliche Staatschefs, die zu Beginn ihrer Regierungszeit in aller Welt für aufrichtig gehalten wurden, haben ihre Länder ruiniert und wurden zu brutalen Autokraten, die sich an ihre Macht klammerten.

Lesen?

 

Madeleine Albright erklärt, wo sie heute Tendenzen zu autokratischen Systemen erkennt. In den von ihr benannten Ländern wie z. B. Ungarn, der Türkei, Nordkorea oder den Philippinen sieht sie eine Entwicklung nach dem Muster, nach dem bereits Mussolini vorgegangen ist: Der Diktator empfahl, wer Macht an sich bringen wolle, müsse dabei so klug vorgehen wie jemand, der ein Huhn rupft, nämlich Feder um Feder. Dann gebe es kein lautes Gegacker und alles gehe unbemerkt vor sich. 
Wer sich heute in der politischen Landschaft umsieht, kann feststellen, dass dieser Tipp immer noch beherzigt wird. Faschismus - eine Warnung ist schon deshalb lesenswert, weil Albright ihren Lesern die Parallelen zwischen früheren Faschisten und heutigen politischen Tendenzen aufzeigt. Es hilft dabei, die ersten Anzeichen zu erkennen.

Faschismus - eine Warnung ist bei Dumont erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro.

 

Mittwoch, 8. August 2018

Sieht so unsere Zukunft aus?

Dystopische Perspektiven, die sich bald erfüllen könnten

 

Jens Thaele ist auf diesem Blog bereits mit seinem Buch Vom Yin und Yang der Digitalisierung vertreten, vor Kurzem hat er sich wieder zu Wort gemeldet: In Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. verpackt Thaele seine Kritik am Umgang mit der Digitalisierung in eine Kurzgeschichte. 

2017 - eine Bundestagswahl mit Schnarcheffekt

 

Thaele beginnt seine Dystopie mit dem Ergebnis der Bundestagswahl 2017, das vor allem bedeutete: Egal, um welche bedeutende Zukunftsfrage es gehen mag, die Regierung pflegt ein trantütiges "Weiter so" und verpasst wieder mal ihre Chancen und die des ganzen Landes. Doch der Diesel-Skandal führt dazu, dass ein vordergründig innovatives Thema auf den Schild gehoben wird: die Elektromobilität. Immerhin gilt es, so rasch wie möglich die Emissionsvorgaben der EU zu erfüllen. Das geht nach Ansicht der Bundesregierung nur mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen, die als der automobile Heilsbringer propagiert werden. Doch Thaele sieht auch für 2025 nicht, dass es mit dem Umweltschutz und der Klimarettung nennenswert voran gegangen wäre: Wie schon acht Jahre zuvor sind Stromtankstellen Mangelware, die Entwicklung einer geeigneten Speichertechnologie tritt ebenfalls auf der Stelle. Es fehlt außerdem an der intelligenten Vernetzung sowie leistungsfähigen Glasfaser-Netzen. Es rächt sich, dass sich Politik und Forschung auf strombetriebene Fahrzeuge festgelegt und nicht mehrere Möglichkeiten in den Fokus genommen haben. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst. Um dem Bürger eine erfolgreiche Energiewende vorzugaukeln, werden in der staatlich gelenkten Propagandazeitung positive Artikel veröffentlicht.

Der nächste Schritt: die Zensur der Medien

 

Nicht nur das voraussichtliche Versagen der Energiewende nimmt Thaele aufs Korn, sondern er zeigt auch auf, was passieren kann, wenn mit der Begründung, Fake-News, Hasskommentare und Kriminalität bekämpfen zu wollen, die Meinungs- und Pressefreiheit unter den Tisch fallen. Es entsteht eine Regierungsform, die der Autor als "Diktatur des politisch verordneten Wohlfühlens" bezeichnet. Sogar für das rauf und runter diskutierte Thema, wie man mit den ankommenden Flüchtlingen umgehen soll, wurde eine Lösung gefunden - die leider nicht den Flüchtlingen, sondern nur den Industrieländern nutzt und an Zynismus kaum zu überbieten ist. Doch die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte holen Deutschland und seine Nachbarn letztendlich ein.

Wie war's?

 

Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. ist eine Mini-Dystopie, in der sich Jens Thaele kritisch mit der aktuellen Politik auseinandersetzt. An der einen oder anderen Stelle hätte das Szenario meiner Meinung nach etwas mehr ausgestaltet werden können, aber es wird deutlich, was er uns mitteilen will: Mit der derzeitigen Entwicklung und Schwerpunktsetzung sind wir auf dem Holzweg.

Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. ist für 0,99 Euro als im Kindle-Format erhältlich.

  

Freitag, 3. August 2018

# 161 - Wie entsteht eine Diktatur?

Berlin in der Zerreißprobe zwischen Demokratie und Diktatur

 

Brigitte Krächan hat mit ihrem Roman Heute keine Schüsse ein Buch in einem interessanten Format vorgelegt. Ihr Protagonist Walter Schachtschneider ist der jüngste Sohn einer Wittener Fabrikantenfamilie. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern scheint er keine besonderen Begabungen außer dem Interesse an der Kunst zu haben. Das sieht zumindest sein Vater so, der ihm keine größere Beachtung schenkt. Doch Walter wird im 1. Weltkrieg auf eigenen Wunsch zunächst Soldat. Er ist sicher, so das Wohlwollen und die Anerkennung des Vaters zu bekommen und soll damit Recht behalten. Aber das Grauen auf dem Schlachtfeld macht ihn im Gegensatz zu manch anderen Soldaten zu einem Menschen, der den Krieg ablehnt. 
Entgegen der Erwartungen der Deutschen wird der Krieg verloren, wofür die konservativen Parteien den Befürwortern einer friedlichen Lösung die Schuld geben. Die völlig verschiedene Einschätzung über den Sinn und Erfolg dieses jahrelangen Massensterbens treibt Walter und seinen Vater wieder auseinander.

Berlin als Tor zur Freiheit?

 

Walters Wunsch, als Angestellter in der Berliner Galerie Radke zu arbeiten, wird von seinem Vater befürwortet. Er ist grundsätzlich mit seiner Tätigkeit zufrieden und genießt es, fern des Elternhauses sein eigenes Leben leben zu können, ohne ständig kritisiert zu werden. Der junge Mann nutzt die kulturellen Möglichkeiten, die die Hauptstadt bietet, doch es dauert nicht lange, bis die ersten Schatten auf diese Unbeschwertheit fallen. Der Versailler Vertrag verhindert, dass das in Trümmern liegende Deutschland wieder auf die Beine kommt. In der Zeit der Weimarer Republik geht es mit der Wirtschaft stetig bergab, die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch an, der armen Bevölkerung fehlt es am Notwendigsten. Die politischen Gruppierungen versuchen, die Lage für sich zu nutzen. Das, was zum Ende dieser Zeit bis zur Machtergreifung durch Hitler mit seiner NSDAP passiert, ist bekannt. Walter Schachtschneider ist jedoch nicht in der Lage, sich aktiv auf eine Seite zu schlagen und für seine politische Sicht einzutreten. 

Während in Berlin Aufmärsche und teils massive Handgreiflichkeiten unter den politischen Gegnern zum Alltag werden, sieht er sich als neutralen Chronisten und geht weiter seinem Beruf nach. Seine Unentschlossenheit führt sogar dazu, dass Menschen, die ihm wichtig sind, sterben. Erst einer dieser Todesfälle sowie das Fortschreiten der Gleichschaltung, das sich auch in den öffentlichen Bücherverbrennungen niederschlägt, bringen Walter dazu, sich für andere Menschen einzusetzen und holen ihn aus seiner selbst gewählten passiven Rolle heraus. Dass sich angesichts der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der Riss in der Gesellschaft auch in seiner eigenen Familie und der seines Arbeitgebers fortsetzt, macht ihn eher hilflos.

Lesen?

 

Brigitte Krächan hat für ihren Roman eine interessante Erzählform gewählt: Walter Schachtschneider schildert seine eigene Geschichte und die seiner Familie in Form eines Tagebuches. Dabei berichtet er auch über das tagesaktuelle Geschehen im Deutschen Reich und ganz speziell in Berlin. Zu Beginn der Aufzeichnungen nimmt er sich noch vor, möglichst neutral zu schreiben, aber dieser Vorsatz löst sich mit dem Fortgang der Geschichte nach und nach in Luft auf. Die Tagebucheintragungen werden mal täglich, mal aber auch im Abstand von mehreren Wochen gemacht. Heute keine Schüsse wird durch diese Form der Darstellung zu einer Mischung aus einem Geschichtsbuch und einem Roman. Walters Leben ist zwar bis zum Schluss durch Kunst und Kultur geprägt, aber es wird immer deutlicher, dass die Veränderungen, die in Deutschland passieren, auch ihn persönlich bedrohen.  

Heute keine Schüsse ist ein sehr lesenswertes Buch, das zwar auch unterhält, aber durch die Einbindung der historischen Ereignisse in die Handlung auch Einzelheiten in Erinnerung ruft, die fast schon vergessen waren. Die Parallelen zur aktuellen Politik und zu gesellschaftlichen Strömungen sind dabei nicht zu übersehen. 

Heute keine Schüsse ist bei tredition erschienen und kostet als gebundenes Buch 24,99 Euro, als Taschenbuch 16,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 5,99 Euro. 

Freitag, 27. Juli 2018

# 160 - Die Uni: Ein Ort der Intrigen und Eifersüchteleien

Wo ist Professor Halm?

 

Im Institut für Eiweiß-, Woll- und Pelzforschung einer nicht benannten Universität bezieht Professor Raabsilber auf Anweisung des Dekans Professor Baiersgrund das Büro von Professor Halm. Halm ist seit einem Jahr spurlos im Himalaya verschwunden, wohin er mit einem Kollegen aus Neuseeland für eine dreiwöchige Wanderung aufgebrochen war. Die dortigen Behörden haben die Vermisstensache mittlerweile zu den Akten gelegt, mit Halms Auftauchen rechnet niemand mehr. Raabsilber möchte für das verwohnte Büro jedoch einen neuen Teppichboden haben; als der alte weinrote Bodenbelag herausgerissen wird, entdeckt er auf dessen Unterseite einen großen roten Fleck. Ist das Blut? Oder doch nur Rotwein? 

Aufbruch nach Nepal

 

Raabsilber kann einen guten beruflichen Erfolg verbuchen: Die Deutsche Forschungsförderung hat seinen Antrag auf Unterstützung eines Forschungsprojekts in einem Umfang bewilligt, der es dem Professor ermöglicht, einen Assistenten für das Projekt einzustellen. Raabsilber wählt unter den Bewerbern Max Anton Kabina aus, der nicht nur durch seine fachlichen Kompetenzen überzeugt, sondern zu dem sich Raabsilber sofort hingezogen fühlt. Doch Raabsilber verliebt sich nicht nur in den jungen Mann, sondern mit der gleichen Intensität in eine Kollegin. Um es noch etwas komplizierter zu machen, hat diese ein Kind von Professor Baiersgrunds Sohn, der sie aber schon während der Schwangerschaft verlassen hat.
Als Halms Tochter beschließt, ihren Vater in Nepal zu suchen und sein Schicksal aufzuklären, erklären sich Raabsilber und Kabina bereit, sie zu begleiten. Sie erfahren eine Menge über sich selbst, die Mitreisenden und über Land und Leute, jedoch nichts über den Verbleib von Professor Halm. Der tragische Höhepunkt dieser Reise ist der Tod von Kabina. Raabsilber gelingt es erst nach seiner Rückkehr ans Institut, Halms Verschwinden zu klären. Er wird erfahren, dass es im Institut jemanden gibt, der von Anfang an wusste, was mit Halm passiert ist.

Wie war's?

 

Wie deine grüngoldenen Augen leuchten gehört zu den Büchern, bei denen ich mir unschlüssig bin, wie ich sie beurteilen soll. Feurle beschreibt die Forschungsarbeit im Institut und lässt seine Leser die Reise nach Nepal einschließlich der philosophischen Diskussionen fast hautnah miterleben. Ein Quellenverzeichnis klärt die Herkunft der zahlreichen Zitate. Ich habe jedoch Schwierigkeiten, der Einschätzung des Verlags zu folgen, dass es sich bei diesem Buch um eine Kriminalgeschichte handelt. Die Bestandteile der Handlung, die man als kriminell einstufen könnte, sind nur in einem sehr geringen Umfang vertreten. 
Die philosophischen Diskurse, in denen die westlich-sachliche auf die fernöstlich-spirituelle Sichtweise trifft, sind interessant, es wirkt auf mich an manchen Stellen allerdings unrealistisch, dass sie innerhalb der geschilderten Situationen stattfinden könnten.
Man merkt dem Roman an, dass Gerhard E. Feurle sowohl über fundierte Kenntnisse von Hochschulinterna als auch Landeskenntnisse über Nepal verfügt: Er ist emeritierter Professor und hat Nepal und den Himalaja im Rahmen von privaten Reisen kennengelernt. Wenn man sich von den Erwartungen, die im Allgemeinen an eine Kriminalgeschichte gestellt werden, löst, bietet Wie deine grüngoldenen Augen leuchten interessante Lesestunden.

Wie deine grüngoldenen Augen leuchten ist bei Königshausen & Neumann erschienen und kostet als Taschenbuch 19,80 Euro. Ich bedanke mich bei der Literaturagentur SCHWINDKOMMUNIKATION, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.