Freitag, 14. Februar 2020

# 229 - Zwischen Baum und Borke: über das Erwachsenwerden

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat den Roman Selbstporträt mit Flusspferd 2015 veröffentlicht. Ich habe bisher zwei Bücher von ihm gelesen und auch hier vorgestellt: Es geht uns gut (wofür er 2005 den ersten Deutschen Buchpreis erhielt) und Unter der Drachenwand, ein Roman über den jungen Soldaten Veit Kolbe, der im 2. Weltkrieg alles versucht, um nach dem Ausheilen seiner Verwundung nicht mehr zurück aufs Schlachtfeld zu müssen.

In irgendeiner Rezension über eines seiner Bücher habe ich gelesen, dass Arno Geiger ein sehr wandelbarer Autor ist. Das kann ich nach dem Lesen von Selbstporträt mit Flusspferd unterschreiben. 

In diesem Roman steht der 22-jährige Tiermedizin-Student Julian Birk im Mittelpunkt. Er ist für das Studium aus dem ländlichen Vorarlberg nach Wien gezogen und hat sich nach einer längeren Beziehung von seiner Freundin Judith getrennt. Oder sie sich von ihm, das hängt von der jeweiligen Perspektive ab.

Mit Judith lief Julians Leben in geordneten Bahnen und war vertraut. Die Vertrautheit zwischen den beiden ist mit der Trennung schlagartig verschwunden. Julian fühlt sich einsam und unsicher und nimmt das Angebot seines Kommilitonen Tibor an, sich während dessen Urlaubs vertretungsweise um ein Zwergflusspferd zu kümmern. Der ehemalige Rektor der Universität, Prof. Beham, war bereit, das Tier bei sich aufzunehmen, bis eine geeignete Lösung für dessen Unterbringung gefunden sein würde.

Prof. Beham ist todkrank und verbringt seine Tage zu Hause im Rollstuhl. Seine ständigen Begleiter sind der Beaujolais und Schmerzmittel. Mit seiner Tochter Aiko, die in Paris als Journalistin arbeitet und ihn besucht, verbindet Beham eine Art Hassliebe. Julian verliebt sich in die fünf Jahre ältere Frau und versteigt sich in die von Anfang an aussichtslose Hoffnung, mit ihr eine dauerhafte Beziehung führen zu können. Als sie abreist, erzählt sie ihm von ihrer Schwangerschaft. Wer der Vater ist, bleibt offen.

Da das Geld knapp und das Wohnen in Wien teuer ist, teilt sich Julian mit der Studentin Nicki eine Wohnung in der Nähe des Naschmarkts. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr wird er von ihr in die Defensive gedrängt und fühlt sich in der Wohnung immer weniger zuhause.

Der Roman hat keine wirkliche Handlung. Es passiert zwar etwas, aber eher um Julian herum. Das Flusspferd, dass sich im Behamschen Garten im Schlamm suhlt, im Teich badet und ansonsten seine Tage mit fressen und schlafen verbringt, ist in seinem Tun zielgerichteter als Julian. Der junge Mann wartet darauf, dass sich etwas in seinem Leben ereignet, was diesem eine positive Wendung gibt, trudelt aber durch den Wiener Sommer wie ein Blatt im Wind.

Da ist da draußen, außerhalb Julians Dunstkreis, eine ganze Menge mehr los: In der nordossetischen Stadt Beslan werden Lehrerinnen und Schüler einer Schule als Geiseln genommen, in Weimar brennt die Anna Amalia Bibliothek, der Hurrikan Frances nimmt Kurs auf die Bahamas und in Athen finden die Olympischen Spiele statt. Julian nimmt diese Nachrichten zur Kenntnis, aber keine schafft es wirklich, seine Lethargie zu durchdringen und ihn zu erreichen. Er ist gedanklich voll mit seiner Selbstfindung, Ziellosigkeit und Orientierungslosigkeit beschäftigt.

Selbstporträt mit Flusspferd ist ein Coming-of-Age-Roman mit einem langweiligen, planlosen und passiven Protagonisten. Das ist zu viel Banalität auf einmal.

Lesen?

 

Arno Geiger ja, dieses Buch kann jedoch ausgelassen werden.

Selbstporträt mit Flusspferd ist 2015 im Hanser Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro, als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 7. Februar 2020

# 228 - Wie es sich zwischen den Fronten lebt


Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow beschreibt in seinem Roman Graue Bienen die Leiden der zivilen Bevölkerung in den Zeiten des Krieges in der Ukraine. Die Handlung ist in der sogenannten "Grauen Zone" angesiedelt: Das Gebiet mit einer Länge von ca. 450 Kilometern, in dem sich etwa 100 Dörfer befinden, ist so etwas wie eine Pufferzone zwischen der ukrainischen Armee und den für Russland kämpfenden Separatisten. Beide Seiten beanspruchen es für sich.

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Männer, die nach drei Kriegsjahren hier allein in einem Dorf im Niemandsland leben. Alle ihre Nachbarn sind längst geflohen. Seit ihrer Kindheit sind die beiden verfeindet, aber im Laufe der Zeit hat diese Feindschaft Rost angesetzt: Sie sind jetzt beide um die 50, Frührentner und allein. Der Mangel an vielem, was vor dem Krieg selbstverständlich war, zwingt sie zur Sparsamkeit und Improvisation. Auch die Einsamkeit und die Angst, unter Beschuss zu geraten, bringt sie einander allmählich näher. Der fast tägliche Geschützdonner ist längst Teil ihres normalen Alltags geworden.

Für den einen von ihnen, Sergej Sergejitsch, sind seine Bienen sein Lebensinhalt, nachdem er von seiner Frau und seiner Tochter verlassen wurde. Der Honig lässt sich gegen andere Lebensmittel tauschen und hin und wieder kommen zahlende Kunden, die von der Heilkraft der Bienen gehört haben und auf den Bienenkörben schlafen wollen. 
Sergej interessiert sich nicht für die Ursachen des Krieges, er nimmt ihn nur als Dauerstörung seines Lebens wahr. Das scheinen auch die Bienen zu tun: Die häufigen Detonationen in der Umgebung stören die Tiere in den Bienenkörben in ihrer Winterruhe. Sergej befürchtet, dass die aufgeregten Bienen sich in alle Winde zerstreuen und er sie verlieren könnte, wenn er sie aus den Körben ließe. Also beschließt der Imker im anbrechenden Frühling, seinen Tieren einen ruhigen Platz zu suchen, und fährt mit den Bienenkörben im Anhänger Richtung Westen.

Sergej macht nach einigen Stunden Autofahrt auf einer Lichtung in der Nähe eines Dorfs halt. Zunächst lässt sich alles gut an: Den Bienen geht es gut, die Ladeninhaberin des Dorfes versorgt ihn mit Essen und menschlicher Nähe. Aber für die Einheimischen ist er ein Fremder, manche vermuten sogar, er sei ein Flüchtling. Als ihm ein vom Krieg traumatisierter junger Mann eines Nachts sämtliche Autoscheiben zertrümmert, reist Sergej mit seinen Bienen weiter.

Sergejs nächste Station ist auf der Krim. Dass er in dem von Russland annektierten Gebiet als Ausländer behandelt werden würde, war ihm vorher nicht bewusst. Sergej hat vor mehr als 20 Jahren während eines Bienenzüchterkongresses Achtem Mustafajew, einen Krimtartaren, kennengelernt. Dort angekommen erfährt er, dass sein damaliger Zimmergenosse zwei Jahre zuvor vom FSB verschleppt wurde und seine Familie seitdem kein Lebenszeichen von ihm erhalten hat. Achtems Frau und Kinder sind gegenüber Sergej hilfsbereit und gastfreundlich, aber die Situation der Familie verschärft sich während seiner Anwesenheit. So sehr ihm die Landschaft gefällt, so sehr spürt er, dass er auch hier ein Fremder ist: sowohl für die Tartaren als auch für die Russen, die ihm misstrauen, weil er zu Tartaren Kontakt hat. Sein Wunsch, alles möge wieder so sein wie vor dem Ausbruch des Krieges, verstärkt sich.

Die Bienen werden für den Imker mit jeder Erfahrung, die er während seiner Fahrt macht, zu einem immer größeren Vorbild: An ihnen lässt sich erkennen, wie ein geordnetes und produktives Staatswesen funktioniert. Ihr Leben ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu den ungeordneten und gewalttätigen Zuständen in der Ostukraine.

Lesen?

 

In Graue Bienen bringt Andrej Kurkow seinen Lesern das Leben der Menschen näher, die in der Öffentlichkeit fast nicht wahrgenommen werden. Die Bewohner der Grauen Zone sind von allem abgeschnitten, was das Leben, das wir für normal halten, ausmacht: Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, es gibt keine Läden, in denen Lebensmittel gekauft werden könnten, es gibt keine Post und keine Geldausgabe, viele Wohnhäuser und öffentliche Gebäude wurden zerstört. Wovon es reichlich gibt, ist die Angst, versehentlich in eine Tretmine zu geraten oder von einem Heckenschützen getötet zu werden. Diese dauerhaft angespannte Atmosphäre, gepaart mit einem großen Durchhaltewillen und einer gewissen Portion Phlegma wird von Kurkow sehr gut vermittelt.

Andrej Kurkow hat sich mit seinen russlandkritischen Büchern bei der dortigen Regierung keine Freunde gemacht. Seit einigen Jahren dürfen sie nicht mehr nach Russland eingeführt werden, weil der Autor auf einer schwarzen Liste steht. Es ist Kurkow zu wünschen, dass er mit seinem Buch sein Ziel erreicht: dass sich die Weltöffentlichkeit wieder dem Ukrainekonflikt zuwendet und ihn aus seinem aktuell eingefrorenen Zustand dem Frieden zuführt.

Graue Bienen ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.

Sonntag, 2. Februar 2020

# 227 - Michelle Obama: das Leben als FLOTUS

Becoming - meine Geschichte heißt die
Autobiographie der früheren First Lady der USA Michelle Obama. Der Titel beschreibt gut, was sie ausmacht: das Streben, allen zu zeigen, was in ihr steckt, über alle Widerstände, die sich ihr aufgrund ihrer Hautfarbe und sozialen Herkunft in den Weg stellen, hinweg.

Ein Leben mit Höhen und Abgründen

 

Barack Obama war von 2009 bis 2017 Präsident der USA. Ein Amt, das seine Familie unweigerlich mit ins Boot holte, insbesondere seine Frau Michelle. Und das, obwohl diese Rolle nicht das war, was sie sich ursprünglich für ihr Leben vorgestellt hatte.

Michelle Obama beschreibt in ihrem Buch ihre Herkunft so genau, dass man sich gut in ihre Welt als Kind und junge Frau hineinversetzen kann. Es ist in drei große Abschnitte eingeteilt: Becoming Me - Ich werden, Becoming Us- Wir werden und Becoming More - Mehr werden. Sie beginnt mit den Verhältnissen, in denen sie aufwuchs, zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einer beengten Wohnung im Chicagoer Stadtteil South Shore. Der früh an Multipler Sklerose erkrankte Vater arbeitete für die Wasserwerke, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Den Eltern lag sehr daran, dass es ihren Kindern trotz der Einfachheit an nichts fehlte und sie eine Ausbildung erhielten, die ihren Begabungen entsprach.

Michelle Obama beschreibt, wie sie an vielen Stationen ihres Lebens den nagenden Zweifel in sich spürte: Bin ich gut genug? Kann ich die in mich gesetzten Erwartungen erfüllen? Immer wieder wurde ihr deutlich vor Augen geführt, dass man einer Schwarzen weniger zutraute; wenn sie dazu auch noch arm war, waren die Chancen noch geringer, einen anspruchsvollen Bildungsweg einzuschlagen und einen ausfüllenden Beruf auszuüben. Die Selbstzweifel wurden der späteren First Lady praktisch in die Wiege gelegt: Ihr Ur-Urgroßvater war ein Sklave gewesen, ihr Großvater war bei dem Versuch, sich beruflich weiterzuentwickeln, gegen unsichtbare Wände gelaufen und hatte irgendwann resigniert.

Obama erzählt aus ihrem Leben mit einer großen Offenheit: wie sie es geschafft hat, durch Fleiß und Disziplin sozial aufzusteigen, wie sie Barack Obama kennengelernt hat und wie dieser begann, sich politisch zu betätigen. Sie schreibt über ihren beruflichen Erfolg als Ivy-League-Absolventin in einer renommierten Anwaltskanzlei und dem Gefühl, sich dort auf dem falschen Weg zu befinden. Ihre Leser erfahren von den Tragödien in der Familie und im Freundeskreis, von  Zusammenhalt in diesem Umfeld und von Niedertracht, wenn es um politische Auseinandersetzungen ging. Vieles davon ist auch in den deutschen Medien ein Thema gewesen, einiges ist jedoch so persönlich, dass es erst durch dieses Buch den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat.

Michelle Obama hat ihre Nebenrolle als FLOTUS dazu genutzt, Initiativen aufzubauen, die benachteiligte Menschen unterstützen sollten. Dabei bekam sie prominente Unterstützung z. B. von Jill Biden, der Ehefrau des damaligen Vize-Präsidenten Joe Biden. Diese Initiativen nahmen einen erfolgreichen Verlauf, weil Michelle Obama es verstand, mithilfe ihres eigenen Stabes dicke Bretter zu bohren und sie beharrlich bei der Sache blieb. Doch an erster Stelle stand für sie immer das Wohlergehen ihrer beiden Töchter.

So sehr Michelle Obama lange Zeit an sich selbst gezweifelt hat, so sehr bewundert sie ihren Mann. Mit Ausnahme seines Hangs zur Unordnung und seiner Probleme mit der Pünktlichkeit hat sie für ihn nur Bewunderung übrig. Auch seine Arbeit als US-Präsident stellt sie in ein durchweg positives Licht. Mit vollem Unverständnis reagiert sie auf die Versuche der republikanischen Abgeordneten, Obamas Reformen nur deshalb zu torpedieren, weil sie von ihm als Präsidenten der Demokratischen Partei kamen. Mit dem Verstand war es schließlich nicht zu erklären, dass zum Beispiel einem Gesetz, in dem es um die Reduzierung des Übergewichts von Kindern und Jugendlichen ging, von den Republikanern Steine in den Weg gelegt wurden. Das sind allerdings Mechanismen, die sich auch außerhalb der USA beobachten lassen.

Obama beschreibt, mit welchen Einschränkungen, aber auch Privilegien es verbunden ist, als Präsidentenfamilie im Weißen Haus zu leben. Man wird rund um die Uhr versorgt, kann aber wegen der strengen Sicherheitsbestimmungen so gut wie keinen Schritt machen, der nicht unter den Augen des Secret Services stattfindet. Spontan zu sein ist nicht mehr möglich. Damit die Töchter einen halbwegs normalen Alltag hatten, wurden die sehr strengen Regeln für sie an manchen Stellen gelockert.

Es ist kein Geheimnis, dass Michelle Obama mit der Präsidentschaft von Donald Trump hadert. Als er den Wahlkampf gegen Hillary Clinton gewann, war ihr unbegreiflich, wie auch Frauen und Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe diesem frauenverachtenden Rassisten ihre Stimme geben konnten. Sie nimmt ihm besonders übel, das Gerücht, Barack Obama sei nicht in den USA geboren worden und darum kein US-Bürger, befeuert zu haben. Damit hatte er nicht nur den Präsidenten, sondern auch dessen Familie ins Fadenkreuz potentieller durchgeknallter Attentäter gerückt: "Mit seinen bösartigen Unterstellungen gefährdete Donald Trump die Sicherheit meiner Familie. Und das werde ich ihm nie verzeihen."

Obama betont an mehreren Stellen ihre Liebe zu ihrem Land, trotz seiner Widrigkeiten und Widersprüchlichkeit. Eine dieser Widrigkeiten hatte sich am Wahltag gezeigt, der Trump zum 45. Präsidenten der USA machte: Seine Gegnerin Clinton hatte zwar fast drei Millionen mehr Stimmen, aber der künftige POTUS konnte eine größere Zahl von Wahlmännern hinter sich vereinen.

Michelle Obama betont mehrmals, dass sie für ein politisches Amt nicht zur Verfügung steht. Diese reservierte Haltung gegenüber der Politik zieht sich durch ihr ganzes Buch. Die Jahre im Weißen Haus bewertet sie jedoch grundsätzlich positiv; lediglich die Amtsübergabe an den Nachfolger ihres Mannes nahm sie mit Sorge wahr: Auf der Tribüne, auf der sich die vom frisch gewählten Präsidenten ausgesuchten Gäste befanden, bemerkte sie eine Eintönigkeit, wie sie sie bei früheren Amtseinführungen beobachtet hatte - weiß und männlich dominiert. Doch sie hat sich vorgenommen, sich den Optimismus, der sie immer begleitet hat, zu bewahren.

Becoming - meine Geschichte ist ein sehr interessanter Blick in das Leben der Familie Obama und den Werdegang von Michelle. Der Titel ist flüssig geschrieben und dicht dran, ein Pageturner zu sein. Was ein bisschen bremst, ist die Kritiklosigkeit der Autorin, wenn es um ihren Mann geht (siehe oben) und dieser immer mal wieder aufflackernde spezielle US-amerikanische Heimat-Pathos, den man auch in von dort stammenden Heldenfilmen findet.  

Becoming - meine Geschichte ist 2018 bei Goldmann erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

 

Sonntag, 26. Januar 2020

# 226 - Schreib jetzt!

Schreibratgeber gibt es wie Sand am Meer. Sie beschäftigen sich meistens mit den "richtigen" Techniken oder geben Ratschläge, welche Orte sich möglicherweise fern des eigenen Schreibtischs zum Schreiben eignen. Viele dieser Titel tun genau das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen: Sie zerstören die Lust am Schreiben und zertreten den Willen derjenigen Menschen, die einen letzten Schubs benötigen, wie man eine zarte Flamme zum Erlöschen bringen würde.


Doris Dörries Ansatz ist ein anderer. In Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben stößt sie die Tür zu ihrem eigenen Leben auf. In 50 kurzen Kapiteln lässt sie ihre Leser intensiv an Ereignissen teilhaben, die sie geprägt und zu dem Menschen gemacht haben, der sie ist. Es geht um die Höhen ebenso wie um die Tiefen: Dörrie beschönigt nichts und man hat den Eindruck, dass sie bei der Schilderung der sehr unterschiedlichen Situationen auch nichts auslässt. Sie geht dabei nicht chronologisch vor, sondern greift Erinnerungen auf, die nur einem Zweck zu dienen scheinen: den Leser aufzufordern, sich ebenfalls zu erinnern.

Alles ist es wert, aufgeschrieben zu werden: Schönes und Trauriges, Gewonnenes und Verlorenes, Erinnerungen innerhalb eines Lebensabschnitts, Erinnerungen an bestimmte Menschen, Orte oder Dinge. Indem Dörrie in ihren Kapiteln verschiedene Zeitformen anwendet, demonstriert sie deren Wirkung auf den Text und regt dazu an, das selbst auszuprobieren. 

Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben ist das Buch, wenn es darum geht, Schreibhemmungen wirkungsvoll abzubauen. Es fordert außerdem dazu auf, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und sich nicht vom Schreiben abzuhalten oder abhalten zu lassen. 

Doris Dörrie hat im letzten Absatz ihres Buches noch einmal deutlich darauf hingewiesen, worum es ihr geht:

"Schreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat. Man entfernt sich von der Welt über Wasser und darf nicht in Panik geraten. Man taucht ab in das eigene Leben. In das Leben, das man wirklich hat, nicht das, das man sich vielleicht wünscht. Man ist mit einem Mal dort, wo einem niemand zuschaut. Ganz bei sich. Ruhig weiteratmen! Weiterschreiben. Weitermachen. Jeder Tag ist ein guter Tag."

Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

 

Samstag, 18. Januar 2020

# 225 - Ein Blick in den Maghreb

Während der Frankfurter Buchmesse habe ich mich mit der Mainzer Verlegerin Donata Kinzelbach unterhalten, die mit ihren Büchern eine Nische besetzt, zumindest für deutsche Verhältnisse. Seit mehr als 30 gibt sie Literatur aus dem Maghreb heraus. Ihr Schwerpunkt liegt auf Titeln aus Marokko, Algerien und Tunesien.

Der Maghreb: Das sind etwa 100 Millionen Menschen, die in den Mitgliedsstaaten der Arab Maghreb Union (AMU) leben - also Algerien, Libyen, Mauretanien, Marokko und Tunesien - sowie Gebieten in der West-Sahara und die Städte Ceuta und Melilla. Einige der Maghrebstaaten sind vielen Deutschen als Urlaubsziele bekannt, viel Aufmerksamkeit bekamen die Länder im Zuge des Arabischen Frühlings.

Ich stelle hier zum Einstieg zwei Bücher aus dem Kinzelbach Verlag vor, die einen ersten Eindruck von der Bandbreite bieten, die die Maghreb-Literatur zu bieten hat. Beide stammen von der algerischstämmigen Autorin Fatima Belhadj, sind jedoch sehr unterschiedlich.

In Leben in der Banlieue geht es vordergründig um zwölf Menschen, die es aus maghrebinischen Staaten in die Banlieu verschlagen hat. Aber hinter jedem Schicksal steht auch die Vorstadt mit ihrer Kriminalität, den Drogen und den verschiedenen Nationalitäten, die hier aufeinander treffen. Nicht nur aus dem Maghreb, sondern auch aus afrikanischen Ländern oder Osteuropa. Da ist zwar auch ein Zusammenhalt nach außen, aber eben auch die Abwesenheit von Lebensfreude.

Fatima Belhadj erzählt zum Beispiel von einem zwanzigjährigen Mann, der schon zwei Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, und von der fünfzigjährigen Tunesierin, die mit ihrem Mann bis zu dessen Tod in einer arrangierten Ehe lebte. Manche leben freiwillig in der Banlieu, anderen wurde dort von der Sozialbehörde eine Wohnung zugewiesen. Die beschriebenen Personen sind fiktiv, hinter ihnen stehen jedoch tatsächlich existierende Menschen. Mit ihrer klaren und unmittelbaren Sprache ermöglicht es die Autorin ihren Lesern, direkt in die Atmosphäre und besonderen Umstände, unter denen die beschriebenen Menschen leben, einzutauchen. Leben in der Banlieu stößt eine Tür auf, die in eine uns fremde Welt führt.

Das zweite Buch von Fatima Belhadj, das ich
vorstelle, hat den Titel Das Geheimnis des Mondes. Es handelt von einer auf einer berberischen Erzählung basierenden Geschichte: Die 16-jährige Massilya ist zusammen mit ihrer Mutter von Frankreich in den Osten Algeriens gereist, um dort bei den Chaouis, einem Berbervolk, die Ferien zu verbringen. Die Eltern stammen aus der Gegend, dem Mädchen ist sie fremd.

Es fehlt dort nicht nur an Strom und fließendem Wasser, sondern Massilya ist auch von den Anschauungen der Menschen befremdet: Das ganze Leben geschieht nach dem Willen Gottes und ist für jeden vorherbestimmt. Da die Ereignisse ohnehin Schicksal sind, hat es keinen Sinn, dagegen anzukämpfen.

Was Massilya nicht ahnt: Ihre Eltern haben sie dem wohlhabenden und deutlich älteren Aghilas versprochen. Als sie davon erfährt, wird ihr schlagartig klar, dass ihr Körper nicht ihr, sondern ihren Eltern gehört und nach der Hochzeit in das Eigentum von Aghilas übergehen würde.
Doch dann lernt sie auf dem Markt den jungen Wighlan kennen und beide verlieben sich sofort ineinander. Als Massilya schwanger wird, nimmt die Handlung einen dramatischen Verlauf und mündet in ein ungewöhnliches Ende.
Mit ihrem Buch tritt Fatima Belhadj deutlich für das Recht ein, dass sich Frauen ihren Ehepartner selbst auswählen und eigenständig über ihr Leben entscheiden können.

Sowohl Leben in der Banlieu als auch Das Geheimnis des Mondes sind als Taschenbuch für je 18 Euro erhältlich.

In Kürze wird es eine weitere Vorstellung eines Titels aus dem Kinzelbach Verlag geben. Das dann vorgestellte Buch wird einen sehr aktuellen Bezug haben.

Freitag, 10. Januar 2020

# 224 - Das Mittelalter ruft: Die Waringhams sind zurück

Leser von Rebecca Gablé, die die bislang fünf Bände
der Waringham-Saga kennen, dürfen sich den sechsten Band Teufelskrone nicht entgehen lassen. Wer die Saga noch nicht kennt, kann problemlos mit diesem Buch einsteigen: Der neueste Titel aus der Reihe spielt nicht etwa nach dem fünften Teil Der Palast der Meere, sondern ist zeitlich vor dem ersten angesiedelt: Gablé lässt die Handlung Ende Dezember 1192 mit der Festsetzung von König Richard "Löwenherz" von England durch den österreichischen Herzog Leopold V. beginnen.

Die Familie in zwei Lagern

 

Die fiktive Familie Waringham wird dieses Mal vom Vater Earl Jocelyn of Waringham und seinen Söhnen Guillaume und Yvain dominiert. Jocelyn behält nicht nur die Geschicke seiner Baronie im Blick, sondern beobachtet auch aufmerksam die politische Entwicklung in England. König Richard kann sich seiner Position nicht sicher sein, denn sein Bruder Prinz John "Ohneland" beansprucht die Krone ebenfalls für sich. Guillaume ist bereits ein Ritter des Königs, und als Yvain alt genug ist, schickt ihn sein Vater als Knappe an den Hof des Prinzen. Es ist schließlich immer gut, zwei Eisen im Feuer zu haben.

Dieser Schachzug ist zwar taktisch gut überlegt, treibt aber in den darauffolgenden Jahrzehnten einen Keil zwischen die Brüder. Beide stehen loyal hinter ihren Dienstherren und verteidigen diese gegen Angriffe aller Art - auch untereinander. Die Situation verkompliziert sich, als sich Guillaume und Yvain in dieselbe Frau verlieben und der Ältere sie heiratet.

Rebecca Gablé verwebt das Schicksal der Familie Waringham - wieder einmal - gekonnt mit der englischen Geschichte, bis hin zur Mitwisserschaft an einem Mord, der Yvain of Waringham mit König John verbindet. Der Roman zeugt von den profunden historischen Kenntnissen der Autorin und ist gewohnt flüssig und spannend geschrieben. Die mehr als 900 Seiten sind schnell gelesen. Er endet im Jahr 1216 nach einer schicksalhaften Krise, die die Familie in mehrfacher Hinsicht heimgesucht hat.

Wenn es an diesem Buch überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass es so etwas wie der Teil 0 der gesamten Saga ist. Dadurch büßt eine der eigentlich spannendsten Begebenheiten etwas von ihrer Dramatik ein.

Lesen?


Auf jeden Fall. Teufelskrone hat keiner Stelle Längen; da die Zahl der Akteure geringer ist als bei den anderen Teilen der Saga, lässt sich der Verlauf etwas einfacher nachvollziehen. Ein Verzeichnis der wichtigsten Personen sowie ein Stammbaum des Hauses Plantagenet helfen dabei, den Überblick zu behalten.

Teufelskrone ist bei Lübbe erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro, als E-Book 19,99 Euro sowie als Audio-CD 24,98 Euro.


Samstag, 28. Dezember 2019

# 223 - Dem Tod ins Gesicht sehen

Fans von Fantasy-Büchern ist sein Name auf jeden Fall ein Begriff: Der 2015 verstorbene britische Schriftsteller Terry Pratchett ist vor allem für seine 41 Romane aus der Scheibenwelt-Reihe bekannt.

Im Herbst 2009 erfuhr Pratchett im Alter von nur 59 Jahren, dass er an
einer seltenen Variante von Alzheimer erkrankt war. Er gehörte nicht zu den Menschen, die Angst vor dem Sterben an sich hatten. Seine Ängste richteten sich gegen die Art des Sterbens: Pratchett hatte mit der Diagnose realisiert, dass ihm nun die Möglichkeit verwehrt sein würde, das Ende des Leidenswegs selbst zu bestimmen. Seine Wut über diesen Zustand kanalisierte er auf eine Weise, die er am besten beherrschte: schreibend.

Der kleine Band Dem Tod die Hand reichen ist 2016 erschienen und enthält eine Rede Pratchetts, die am 1. Februar 2010 von der BBC aus der Royal Society of Medicine ausgestrahlt wurde. Die Rede hielt Pratchett anlässlich der jährlich stattfindenden Richard Dimbleby Lecture, die sich gesellschaftlichen Themen widmet. Die Reihe wird zu Ehren des ersten Kriegsberichterstatters der BBC fast jedes Jahr gesendet. Der Journalist Dimbleby war 1965 an Krebs gestorben. Seine Familie hatte damals ein gesellschaftliches Tabu gebrochen, indem sie offen über die Todesursache gesprochen hatte. Das setzte in Großbritannien erstmals eine öffentliche Diskussion über diese Krankheit in Gang.

Möglicherweise hatte die BBC Pratchett genau deshalb gebeten, für die Ausgabe des Jahres 2010 einen Vortrag zu halten, weil sie sich eben diesen Effekt von 1965 erhoffte. Pratchett schonte in seiner Rede inhaltlich weder sich noch sein Publikum. Er berichtete davon, dass kein Arzt berechtigt war, ihm das einzige palliative Alzheimer-Medikament zu verschreiben, das erhältlich war. Er kritisierte, dass der Begriff der 'Sterbehilfe' ("assisted death") in Großbritannien immer noch unter dem Schlagwort 'Beihilfe zur Selbsttötung' ("assisted suicide") läuft.

Der Autor spricht sich deutlich für eine medizinische Sterbehilfe aus, wenn Patienten unter einer todbringenden Krankheit leiden und ihr Leben ausdrücklich beenden wollen. Pratchett greift auch die oft wiederholte Kritik der Sterbehilfe-Gegner auf, die auf den möglichen Missbrauch hinweisen. Er führt eine Studie aus dem US-Bundesstaat Oregon an, über die 2007 im 'Journal of Medical Ethics' berichtet wurde. Dort wurde die Sterbehilfe legalisiert, aber es gab keine Hinweise darauf, dass sie bei wehrlosen Patienten missbräuchlich angewendet wurde.
Pratchett machte in seiner Rede einen Vorschlag, wie mit dem Thema Sterbehilfe künftig umgegangen werden sollte und löste in seiner Heimat tatsächlich eine gesellschaftliche und politische Diskussion aus.

Dem Tod die Hand reichen ist im Manhattan Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 10 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.

Sonntag, 22. Dezember 2019

# 222- Eine Geschichte vom Abschiednehmen

Vatersohn hat Monika Boldt ihr erstes Buch betitelt und damit in diesem einen Wort viel von dessen Inhalt gesagt.

Im Mittelpunkt steht die Familie Kampmann. Die
© Karl Rauch Verlag
Handlung spielt in der Nähe von Düsseldorf in den 1970-er Jahren. Vater Kampmann ist Lokführer, die Mutter kümmert sich um die beiden Kinder und den Haushalt. Der Sohn Marten ist zehn Jahre alt, seine Schwester Liz einige Jahre älter. Auch die Oma, Vater Kampmanns Mutter, spielt eine Rolle.


Der Alltag ist berechenbar und läuft nach einem festen Muster ab. Jeder hat seine Pflichten zu erfüllen. Der Vater ist für seinen Sohn ein Vorbild, das Kind bewundert seine Fähigkeiten und Kenntnisse beim Umgang mit Zügen.

Doch dann kommt der Tag, der alles durcheinanderwirft. Ein Selbstmörder steht plötzlich auf den Gleisen, als Kampmann die Strecke fährt, die er längst auswendig kennt. Es dauert 48 Sekunden, bis der Zug nach der Vollbremsung zum Stehen kommt. Die längsten 48 Sekunden in Kampmanns Leben. Zu lang, um den unbekannten Mann zu retten.

Der Lokführer ist seelisch tief erschüttert und versucht, den Vorfall zu verarbeiten. Dabei ist er praktisch auf sich allein gestellt. Diese Belastung ist zu viel für ihn, er stirbt wenige Wochen nach dem Unfall.

Sein Tod bringt seine Familie an den Abgrund der Verzweiflung. Die Mutter schafft es in ihrem Schmerz nicht, für ihre haltlosen Kinder da zu sein. Marten versucht sich zu schützen, indem er sich einredet, dass sein Vater nur für eine Weile weg sei und irgendwann zurückkomme. Da bekommt er eine Nachricht, die seine Welt erneut ins Wanken bringt. Er fasst einen wahnwitzigen Plan. 

 

Lesen?


Vatersohn erzählt von sich nach einem Schicksalsschlag lösenden familiären Bindungen, der Vorstellung der damaligen Gesellschaft, dass man mit Belastungen selbst fertig werden muss und die Zeit alle Wunden heilt und von der Erkenntnis, dass sich in der eigenen Familie keineswegs die besseren Menschen befinden. Die Leichen befinden sich allerdings nicht im Keller.

Monika Boldts Roman ist ein sehr gelungenes Debut, das nach dem Lesen der letzten Sätze noch nachhallt. Die Autorin liest hier einige Abschnitte aus ihrem Buch:



Vatersohn ist im Karl Rauch Verlag erschienen und kostet 20 Euro. Der Titel ist sehr schön mit einem strukturierten Bezugspapier und einem Lesebändchen ausgestattet.

Freitag, 13. Dezember 2019

# 221 - Lanzarote, Politik, Selbstbestimmung & mehr: Essays 2005 - 2014

Bei diesem Buch habe ich schon beim Lesen des ersten Textes unwillkürlich zustimmend genickt. Es handelt sich um das Vorwort zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in einer 2005 von der Büchergilde Gutenberg herausgegebenen Edition. In 'Auf der anderen Straßenseite' beschäftigt sich Juli Zeh mit dem schleichenden Verlust der Menschenrechte. Nicht nur in Staaten, die hier schon länger unter Generalverdacht stehen wie z. B. China oder die Türkei, sondern auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern.

Der Text ist ein guter Auftakt zu der Essay-Sammlung Nachts sind das Tiere der Schriftstellerin und Juristin, in der einige ihrer Reden und Essays aus den Jahren 2005 bis 2014 vorgestellt werden. Es geht dort um die Gefahren, die die Rasterfahndung, die Registrierung bislang strafrechtlich nicht in Erscheinung getretener Bürger per Fingerabdruck oder die sich ausweitenden Abhörbefugnisse von Behörden für die Gesellschaft und den einzelnen Bürger mit sich bringen.

Dieser Faden wird in weiteren Texten aufgegriffen und das Thema um einige Facetten erweitert. Zeh markiert den zeitlichen "Startschuss" für die Maßnahmen, die die Politik für nötig hält, um die Bürger vor dem Terrorismus zu schützen. Sie zeigt auf, welchen Risiken wir tatsächlich ausgesetzt sind und was von Ankündigungen islamistischer Terroristen, zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Anschlag zu verüben, zu halten ist.

Die Autorin schafft es, mit ihrer klaren und eindringlichen Sprache auch diejenigen Leser zu sensibilisieren, die sich bislang über die Datensicherheit, die Sinnhaftigkeit der derzeitigen Terrorismusprävention und den Umgang mit ihren persönlichen Daten keine Gedanken gemacht haben.

Juli Zeh ist eine leidenschaftliche Verfechterin des Erhalts der freiheitlichen Grundsätze und der Demokratie. Sie stemmt sich gegen den schon seit Jahren währenden Trend, Menschenrechte als etwas anzusehen, dass man sich nur in guten Zeiten leisten kann, nicht aber "in Zeiten wie diesen", wie es Politiker und Lobbyisten immer wieder gern betonen. Und sie gibt ihrer Sorge Ausdruck, dass die Menschenrechte, die über mehrere hundert Jahre hinweg gewachsen sind, für als besonders schwerwiegend proklamierte Probleme geopfert werden.

Zeh zitiert Benjamin Franklin, einen der Gründerväter der USA, mit einer etwa 200 Jahre alten Äußerung: "They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety deserve neither liberty nor safety."* Also: "Wer die grundlegende Freiheit aufgeben kann, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erlangen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit."

Auch mit ihrer Kritik an Kanzlerin Angela Merkel hält Zeh nicht hinterm Berg. Merkel ist für sie die Vertreterin eines Schlingerkurses, die nichts tut, um dem deutschen Bildungsnotstand ernsthaft etwas entgegenzusetzen und das Thema Datenschutz konsequent ignoriert.

Man muss sich klar machen, dass die vorgestellten Reden und Essays zwischen fünf und 14 Jahren alt sind. Bei den meisten von ihnen wäre es problemlos möglich, klammheimlich das Datum ihres Entstehens zu löschen und das heutige einzusetzen. Dass sich so wenig in so langer Zeit bewegt hat, sollte uns wirklich Sorgen machen. Empfehlung: auf jeden Fall lesen!

Nachts sind das Tiere ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2016 bei btb erschienen. Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.
Der Titel kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.


* Zitat aus: Benjamin Franklin, William-Temple Franklin (1818). “Memoirs of the Life and Writings of (the Same), Continued to the Time of His Death by William Temple Franklin. - London, H. Colburn 1818”, p.270

Freitag, 29. November 2019

# 220 - Grenzerfahrungen

Brian Carey, ein Polizist der Garda Síochána na
hÉireann, der 'Hüter des Friedens von Irland', also der  Nationalpolizei der Republik Irland, wird an einem nebligen Tag leblos im Lough Neagh gefunden. Der nordirische Inspector Celsius Daly wird zu der Leiche gerufen. Dem ersten Anschein nach scheint es sich hier um einen Selbstmord zu handeln. Doch Daly, der nach einer Scheidung, der Ermordung seiner Mutter und dem Tod seines Vaters einsam ist und hinter jedem Strauch einen Verbrecher vermutet, hat daran Zweifel und stürzt sich in den Fall. Es muss einen Grund dafür geben, dass der irische Polizist in einem nordirischen See gefunden wurde. 

Der irische Schriftsteller Anthony J. Quinn greift in seinem Krimi Gestrandet den sich seit Jahrzehnten hinziehenden und heute unter dem Deckel köchelnden Nordirlandkonflikt auf.

Die IRA lebt weiter

Dalys Vermutung, dass Carey nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist, verdichtet sich. Er findet heraus, dass sein irischer Kollege an Ermittlungen gegen Tom Morgan, einem früheren IRA-Mitglied, gearbeitet hat. Morgan hat einen äußerst erfolgreichen Schmugglerring aufgebaut, in den zahlreiche Personen wie in ein Spinnennetz verwoben sind. Korruption, brüchige Loyalitäten und rücksichtslose Gewalt sind an der Tagesordnung. An diesem kaum zu entwirrenden System sind nicht nur Morgan und seine Helfer, sondern auch Polizisten, Politiker und einfache Bürger beteiligt. Doch je mehr sich Daly bei seinen Nachforschungen der Wahrheit zu nähern scheint, umso verworrener und undurchdringlicher erscheinen ihm seine Erkenntnisse zu sein - gerade wie in einem dichten Nebel, dem Eingangsmotiv von Quinns Buch.

Inspector Daly verkörpert die Figur des einsamen Wolfes, der nicht nur privat, sondern auch beruflich isoliert ist, seitdem er gegen einen Vorgesetzten ermittelt hatte. Dieser hatte sich umgebracht, und im Laufe der Handlung holt Daly die längst vergessen geglaubte Geschichte wieder ein.

Aktueller Bezug mit bedrückenden Zukunftsausichten

Anthony J. Quinn greift in Gestrandet nicht nur den (vermeintlich) abgeschlossenen Nordirlandkonflikt wieder auf, sondern weist auch auf Zustände hin, die einer breiten Öffentlichkeit bislang eher unbekannt sind: Die Figur des Tom Morgan steht stellvertretend für den intensiven und lukrativen Schmuggel mit Benzin und Heizöl im irischen Grenzgebiet. Kriminelle wie er, die sich und den Fortbestand ihrer illegalen Geschäfte mit allen Mitteln verteidigen, haben den sich nähernden Brexit längst fest im Blick. 

Quinn ist sich offenbar mit Fachleuten einig: Der Brexit wird die Situation an der irisch-nordirischen Grenze verschärfen. Der nordirische Polizeichef Hamilton spricht hinsichtlich des Schmuggels sogar davon, dass "die Lebensader der Kriminalität und des Terrorismus" sprunghaft ansteigen könne.

Lesen?

Ja. Vor allem, wenn man von einem Krimi mehr erwartet als eine Ansammlung von Leichen, literweise Blut, das durch Rinnsteine und Badewannenabflüsse entschwindet und einen verschrobenen Kriminalisten, der wieder Ordnung ins große Ganze bringt. In Gestrandet zeichnet Anthony J. Quinn einen spannenden Kriminalfall mit einem hochaktuellen Bezug.

Gestrandet ist im Polar Verlag erschienen und kostet 20 Euro.