Der italienische Journalist und Autor Roberto Saviano
wurde 2006 schlagartig auch außerhalb seines Heimatlandes bekannt, als sein erstes Buch erschien: Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra. Er deckte darin die mafiösen Strukturen in seiner Heimatstadt Neapel auf und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Seitdem ist Savianos vorheriges Leben beendet: Er braucht ständig Personenschutz und verlässt nur selten das Haus. Die Mafia vergisst nicht.
In diesem Monat ist Savianos neuestes Buch erschienen: Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia. Der Hanser Verlag, der das Buch herausgebracht hat, schreibt auf seiner Homepage, es sei "erstmals ein Buch über die Rolle der Frau in der Mafia". Dass das nicht den Tatsachen entspricht, zeigen Titel wie zum Beispiel die der österreichischen Journalistin Mathilde Schwabenender-Hain Die Stunde der Patinnen: Frauen an der Spitze der Mafia-Clans (erschienen 2014) oder Sie packen aus - Frauen im Kampf gegen die Mafia (erschienen 2020) sowie Ich war eine Mafia-Chefin: Mein Leben für die Cosa Nostra von Guiseppina Vitale (erschienen 2010).
Der Klappentext ist da eindeutig: Es ist Savianos erstes Buch über die Frauen der Mafia. Er erzählt in zwölf Kapiteln von ebenso vielen Frauen, die in eine Mafia-Familie hineingeboren wurden oder einen Mafiosi geheiratet haben. Auf viele von ihnen trifft beides zu: Sie wurden als Töchter wie eine Handelsware von einer Mafia-Familie in die andere weitergereicht, um einen der Söhne zu heiraten. Viele waren mit dreizehn oder vierzehn Jahren noch sehr jung, als sie schwanger wurden und geheiratet haben. Ihre Hauptaufgabe: Kinder bekommen (selbstverständlich vom eigenen Mann) und sie großziehen - in der Regel die eigenen, aber in seltenen Fällen auch die, die der untreue Gatte mit seiner Geliebten gezeugt hat, die auf Anweisung der betrogenen Ehefrau jedoch ihr Leben lassen musste.
Jungen sind in diesem Umfeld wertvoller als Mädchen, weil sie später die Führungsrolle des Vaters übernehmen und/oder ihm die Konkurrenz vom Hals halten sollen. Das Muster erinnert stark an die Gebräuche des europäischen Adels im Mittelalter. Oberstes Gebot für die Ehefrauen: immer den Mund halten und tun, was von ihnen erwartet wird. Liebe ist in diesem Umfeld völlig unwichtig, ganz oben steht die Treue zum eigenen Clan und natürlich die Ehre.
Doch es gibt auch für die Frauen Grenzen des Erträglichen. Da ist beispielsweise die Ehefrau eines spielsüchtigen rangniederen Mafioso. Als er beim Pokern knapp bei Kasse ist, wirft er anstelle von Geld ein Foto seiner Gattin auf den Tisch. Er verliert und seine Frau muss seinen Einsatz in seinem Beisein "bezahlen". Sie wendet sich an ihren Bruder, einen Polizisten. Der frischt seinen alten Kontakt zu einem Mafioso aus einer anderen Stadt auf, der die Dinge final "regelt" - im Sinne der missbrauchten Frau und ihrem Bruder, aber auch hinsichtlich der Ehrvorstellungen der Mafiosi. In deren Kodex steht nicht etwa die Misshandlung der Frau im Vordergrund, sondern die Unzuverlässigkeit ihres Mannes:
"Weil er zur Gefahr geworden ist. Weil er zum Verräter werden könnte. [...] Wie hätte er sich einem Polizisten gegenüber verhalten, der erdrückende Beweise gegen ihn gehabt hätte? Oder gegenüber dem Capo einer rivalisierenden Familie, der mit einem Handkoffer voller Geld, [...], vor ihm gestanden hätte?"
Saviano schildert nicht nur das Leben von Mafia-Frauen, die aus Angst um ihr Leben oder davor, dass sie bei einem Fehlverhalten ihre Kinder nie mehr wiedersehen würden, ihr Leben lang den Mund halten und sich geräuschlos in die Clanhierarchie einfügen. Er greift auch die Fälle heraus, in denen Frauen aktiv nach der Macht gegriffen haben, wenn sich ihnen die Gelegenheit bot. Sie waren dabei nicht weniger zimperlich als ihre männlichen Pendants.
Die einzelnen Mafia-Gruppierungen gehen mit Frauen allerdings nicht einheitlich um: Die Camorra schätzt es, wenn ihre Anführer promiskuitive Frauenhelden sind. Die Ehefrauen haben jedoch ihren Männern immer treu zu sein. Die Mitglieder der Cosa Nostra leben hingegen monogam, lassen sich nicht scheiden und sind homophob. Schon ein entfernter homosexueller Verwandter kann für sie ein Problem sein. Von einer Frau zurückgewiesen zu werden, wird von Mafiosi grundsätzlich als Ehrverletzung angesehen, die gerächt werden muss.
Roberto Saviano schreibt über Ereignisse, die zwischen den 1980-er Jahren und zu Beginn dieses Jahrhunderts passiert sind. Anders, als es der Titel vermuten lassen können, kommt aber keine der von ihm genannten Frauen selbst zu Wort. Die Informationen hat der Autor aus zweiter Hand erhalten, was an seiner sehr zurückgezogenen Lebensweise liegen dürfte.
Lesen?
Roberto Saviano versteht es, seinen Lesern die Denk- und Handlungsweise der Mafiosi näherzubringen. Es geht um ein archaisches System, das keine Gnade kennt, sondern nur den Machterhalt in den Mittelpunkt stellt. Er verwendet einen romanhaften Stil, der durch hervorgehobene und sachlich formulierte Abschnitte unterbrochen wird. Die eingestreuten Metaphern stören allerdings den Lesefluss und wären inhaltlich nicht nötig gewesen.
Im Grunde handelt Savianos Buch doch wieder von Männern. Männer sind es, die über das Schicksal von Frauen den Daumen heben oder senken, und Männer sind es auch, die die Mafia-Frauen dazu bringen, sich selbst aktiv um die "Geschäfte" zu kümmern, weil der eigene Mann wegen des soundsovielten Mordes Jahre oder Jahrzehnte im Gefängnis sitzt.
Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist vor einem Jahr in der italienischen Originalausgabe erschienen. Dort heißt das Buch Noi due ci appartaniamo. Sesso, amore, violenza, tradimento nella vita dei boss. Auf Deutsch: Wir zwei gehören zusammen. Sex, Liebe, Gewalt, Verrat im Leben von Chefs.
Der Originaltitel beschreibt besser, was Leserinnen und Leser erwartet.
Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist wie oben erwähnt 2025 im Hanser Verlag erschienen. Das Buch kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.
Nachtrag: Im letzten Jahr war Italien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Kurz zuvor hatte Roberto Saviano die Regierung von Giorgia Meloni kritisiert. Er gehörte danach nicht zur italienischen Delegation, die nach Frankfurt reiste. Saviano war jedoch trotzdem vor Ort, eine Einladung des Hanser Verlags hatte es möglich gemacht. In einem Interview mit dem SWR warnt er vor einem verharmlosenden Umgang mit der italienischen Regierungschefin: "Europa unterschätzt die Regierung Meloni. Sie halten sie für eine einfache konservative Regierung. Dabei ist es eine rechtsextreme Regierung, die die Institutionen manipuliert. Europa muss also aufpassen, dass das nicht zu anderen herüber schwappt." Saviano hatte zuvor in einem Prozess wegen Beleidigung gegen Meloni verloren und seine Sendung war aus dem staatlichen Fernsehsender RAI hinaus gedrängt worden. Man darf gespannt sein, wie sein weiteres Leben verlaufen wird.