Freitag, 17. Juli 2020

# 249 - Leere Herzen

In Juli Zehs 2017 erschienenem Roman Leere Herzen werden dystopische Zukunftsentwürfe Wirklichkeit.

Wir sind im Jahr 2025. Angela Merkel wurde vor acht Jahren aus dem Amt gejagt und von Regula Freyer von der BBB - Besorgte Bürger Bewegung - nach einer demokratischen Wahl abgelöst. Die BBB legt seitdem immer neue 'Effizienzpakete' auf, die das bisherige politische System Zug um Zug verwässern und aufweichen.
Die Bürger sind in politischer Hinsicht so träge, dass sie die allmähliche Auflösung von demokratischen Standards eher gleichgültig registrieren: Eine Umfrage hat ergeben, dass sich die meisten Menschen bei der Wahl zwischen einer Waschmaschine und  ihrem Wahlrecht für die Waschmaschine entscheiden würden.

Die Hauptfigur des Buches ist Britta Söldner. Sie ist verheiratet, hat eine noch junge Tochter und ist in ihrem Beruf wirtschaftlich äußerst erfolgreich: Mit ihrem Geschäftspartner Barak, einem IT-Experten, betreibt sie Die Brücke, eine nach außen psychotherapeutische Heilpraxis, deren Hauptzweck es ist, Menschen mit einem ausgeprägten Todeswunsch an Organisationen zu vermitteln, die finden, dass ihren Zwecken mal wieder ein ordentliches Selbstmordattentat guttäte. Die Nachfrage ist immer da, der Laden brummt. Die geeigneten Attentäter werden in einem 12-stufigen Auswahlverfahren auf die Ausgeprägtheit ihres Selbstmordwunsches getestet. 
Brittas Mann und Freunde haben keine Ahnung, was tatsächlich hinter der Brücke steckt.

Britta findet nichts Verwerfliches an ihrem Tun, eher im Gegenteil: Der "klassische" Terrorismus ist am Ende, der 'Daesh' - der 'Islamische Staat' - existiert de facto nicht mehr, die Splittergruppen bekennen sich aber bereitwillig zu praktisch jedem Anschlag. Mit ihrem Geschäftskonzept hat sie eine Nische besetzt, in der sie und Barak ein Monopol inne haben. Anschläge laufen jetzt schön geordnet und strukturiert ab. Britta fehlt jede moralische Leitlinie und Empathie. Rücksichtslos verfolgt sie ihre Interessen, Skrupel sind ihr fremd. Das Interesse an der Gesellschaft und der Politik ist ihr im Laufe der letzten Jahre abhanden gekommen.

Doch dann wird am Leipziger Flughafen ein Anschlag verübt, der an Dilettantismus kaum zu überbieten ist. Gibt es da einen Konkurrenten, der Die Brücke aus dem Geschäft verdrängen will? Unvermittelt tritt der zwielichtige Multimillionär Guido Hatz auf den Plan, der sich ihrem Mann als Geschäftspartner anbietet. Hat dieser merkwürdige selbsternannte Geo-Heiler in Wirklichkeit Britta im Visier? Britta fühlt sich von Hatz beobachtet und verfolgt, schließlich gibt er ihr den "Rat", sich doch einfach mal eine Weile aus dem Geschäft zurückzuziehen. Dann wird in die Geschäftsräume der Brücke eingebrochen. Das Tempo der Handlung beschleunigt sich, plötzlich fühlt sich Britta existenziell bedroht. Sie begreift, dass sie und ihre Brücke von einer anderen Organisation für deren Zwecke missbraucht werden sollen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod.

Lesen?

Ja. Juli Zeh hält ihren Lesern den Spiegel vor. Schon ihre Widmung weist darauf hin: "Da. So seid ihr." Und das, was Zeh schon vor drei Jahren beobachtet und kritisiert hat, ist bis heute nicht besser geworden: Das um sich greifende Phänomen, das gern freundlich als 'Politikverdrossenheit' bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Gleichgültigkeit der saturierten Bürger, die allzu gern bereit sind, ihre demokratischen Rechte einzutauschen, wenn ihr Leben nur schön bequem verläuft. Ihr Roman ist ein Plädoyer dafür, die Beschäftigung mit der Politik nicht nur denen zu überlassen, die dies aus beruflichen Gründen tun.

Leere Herzen  ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als Taschenbuch 11 Euro (btb Verlag) sowie als E-Book 9,99 Euro.

 

Freitag, 10. Juli 2020

# 248 - Money, Money, Money...

Aus irgendwelchen Gründen, die ich nicht kenne, ist es in unserem Kulturkreis verpönt, übers Geld zu reden. Dem zu seiner Zeit reichsten Mann der Welt, dem amerikanischen Öl-Milliardär Jean Paul Getty, wird das Zitat zugeschrieben: "Über Geld spricht man nicht, man hat es."

Getty ist 1976 gestorben, in der Zwischenzeit hat sich hinsichtlich dieser sehr speziellen Sprachlosigkeit etwas geändert. Heute ist es vielen Menschen möglich, auch ohne eine sprudelnde Erdöl-Quelle ihr Vermögen zu vermehren, nämlich mit Wertpapieren. Wie genau, das erklären zahlreiche Bücher, Blogs und Börsenseiten. 

Aus der Fülle der Bücher möchte ich zwei herausgreifen und euch vorstellen. Beide haben einen unterschiedlichen Ansatz und sprechen ihre Leser auf verschiedene Weise an. Gemeinsam haben sie allerdings, dass sie auch Menschen erreichen, die sich zwar für das Thema interessieren, deren Kenntnisse bislang aber gering sind. Man kann es auch anders formulieren: Beide Titel haben das Zeug dazu, die Angst vor der Börse zu verlieren und zu erklären, wie man sich einer guten Kaufentscheidung nähert. Sie öffnen eine Tür für alle, die vor der Lektüre vielleicht gar nicht gewusst hätten, wo deren Klinke ist.

Ich beginne mit dem Buch einer jungen Frau, die sich
schon mit Mitte 20 auf diesem Feld einen Namen gemacht hat: Aya Jaff. Jaff sagt über sich selbst, dass Mathe in ihrer Schulzeit nicht zu ihren starken Fächern gehört hat. Das hielt sie nicht davon ab, ein Wirtschaftsinformatik-Studium zu beginnen und als Programmiererin und Gründerin tätig zu sein. Als Keynote-Speakerin spricht sie u. a. über Digitalisierung.  In  ihrem Buch Moneymakers wendet sie sich der Börse zu. Wer jetzt hofft, ein paar Kauftipps für den schnellen Reichtum zu finden, sollte sich einer anderen Veröffentlichung widmen, denn Aya Jaff geht es um etwas anderes: Sie möchte ihre Leser dazu ermuntern, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Das geht nicht ohne einige Grundkenntnisse darüber, wie die Wirtschaft und insbesondere die Börse funktioniert.

Sie lenkt den Blick nicht nur auf eine bekannte Influencerin, die im Allgemeinen als wandelnder Kleiderbügel wahrgenommen wird, aber eine clevere Geschäftsfrau ist; Jaff zeigt am Beispiel von China auch, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten Asiens in Europa noch immer deutlich unterschätzt werden. Sie greift eine Reihe von "Moneymakers" beispielhaft heraus, um zu dokumentieren, wodurch deren Erfolg begründet wurde. Da kommen natürlich die bekannten Börsen-Gurus André Kostolany und Warren Buffett vor, aber auch die Influencerin Madame Moneypenny oder die chinesischen Unternehmer Jack Ma und Pony Ma.

Aya Jaff zeigt auch auf, wohin die Trends gehen: Biotech, KI oder Blockchain sind nur einige Stichworte. Alles wird leicht nachvollziehbar erläutert, zurückliegende Finanzereignisse werden anschaulich dargestellt. Völlig zu Recht kritisiert die Autorin, dass uns unser Bildungssystem diese Zusammenhänge nicht vermittelt.

Wenn man sich für dieses Buch etwas wünschen dürfte, dann wäre das ein aufmerksameres Lektorat, das bei der einen oder anderen Zahl stutzig wird. Jack Ma wäre sicher begeistert, wenn sein Unternehmen 31 Millionen Mitarbeiter hätte, tatsächlich sind es aktuell aber "nur" etwas mehr als 117.000. Richtig ist statt dessen, dass bis 2017 31 Millionen Stellen im Zusammenhang mit den Alibaba-Aktivitäten geschaffen wurden. Mit den Umsatzzahlen, die seinem Unternehmen zugeschrieben wären, wäre er aber sicher nicht zufrieden. Das soll mich jedoch nicht davon abhalten, dieses Buch zu empfehlen.

Moneymakers ist im Mai 2020 beim Finanzbuchverlag erschienen und kostet als Taschenbuch 16,99 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro. 

Weiter geht's mit dem zweiten Buch:
"Schatz, ich habe den Index geschlagen!" Wie ich auszog, die besten Aktien der Welt zu kaufen von Christian Thiel. Thiel ist "eigentlich" Philosoph und arbeitet als Single- und Paarberater. Die Welt der Aktien ist jedoch seine Leidenschaft, die er so fachkundig betreibt, dass es sein Finanzblog Grossmutters Sparstrumpf 2016 auf die Shortlist für den 'comdirect finanzblog award' schaffte. 

Nennenswertes Vorwissen ist auch bei diesem Buch nicht nötig. Thiel verfolgt wie schon Jaff das Ziel, den Lesern die Sorge zu nehmen, beim Aktienhandel handele es sich um Hexenwerk. In zwölf Kapiteln erläutert er, warum Aktien entgegen aller Unkenrufe eine lohnende Anlage sind, was von anderen Anlageformen (Gold, selbstbewohnte Immobilien, Lebensversicherungen) zu halten ist und dass man bei der Beurteilung einer Aktie nicht nur durch die Front-, sondern auch durch die Heckscheibe schauen soll: Wie hat sie sich in den letzten fünf, zehn, 20 oder auch 30 Jahren entwickelt? 

Thiel rät Anlegern zu Geduld, gepaart mit profunden Kenntnissen über die Unternehmen, deren Wertpapiere sie kaufen wollen. Er räumt auch mit so manchen Mythen aus der Aktienszene auf: Diejenigen, die wir für wirtschaftlich erfolgreich halten, sind es in der Mehrzahl gar nicht. Die Rede ist hier zum Beispiel von Tradern, von denen die meisten Zocker sind, was sich fatal auf ihren Anlageerfolg auswirkt. Und am Rande merkt Thiel an: Auch die große Mehrheit der Drogendealer hat ein so geringes Einkommen, dass es nur für das Kinderzimmer im Hotel Mama reicht.

Und was ist, wenn man nicht ständig auf volatile Börsenkurse starren will, immer in der Angst, das eingesetzte Vermögen könnte quasi über Nacht verglühen? Auch hier hat Thiel praktikable Vorschläge in petto. Nebenbei verrät er seinen Lesern, mit welchen Aktien es ihm gelungen ist, den Index zu schlagen. Das Buch ist zwar schon Anfang 2017 erschienen, hat aber seine Gültigkeit und Aktualität nicht verloren. Einziger Nachteil von Thiels Strategie: Junge Aktien haben hier das Nachsehen, weil sich ihre Entwicklung nun mal nicht Jahre oder Jahrzehnte zurückverfolgen lässt.


"Schatz, ich habe den Index geschlagen!" Wie ich auszog, die besten Aktien der Welt zu kaufen ist im Campus Verlag erschienen und kostet broschiert 17,95 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.

Freitag, 3. Juli 2020

# 247 - Wenn die Toten zu Wort kommen

Das Feld hat der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler sein 2018 erschienenes Buch genannt. Das Feld: Das ist das frühere Brachgelände eines Viehbauern, das die (fiktive) Gemeinde Paulstadt irgendwann gekauft und zu einem Friedhof gemacht hat. Hier liegen sie nun, die toten Paulstädter: Sie denken über ihr Leben nach, versuchen einen Dialog mit ihren Besuchern oder stoßen einfach nur einen kurzen Fluch aus.

Oder besser: Ein alter Mann, der alle Toten gekannt hat und wusste wie sie leben, hört sie sprechen. Er ist der Meinung, man könne erst dann über sein Leben urteilen, wenn man es hinter sich gebracht habe. 30 Paulstädter kommen zu Wort, und so wie die Menschen unterschiedlich sind, ist auch ihre Art, sich zu äußern unterschiedlich.

Da sind der Pastor, der im Wahn die Paulstädter Kirche angezündet hat und die Lehrerin mit der verkrüppelten Hand, die sich daran erinnert, dass ihr Mann ihre Hand immer gehalten hat, auch in der Stunde ihres Todes.

Eine andere Frau hat sich in einen Mann verliebt, von dem ihr ihre Großmutter abgeraten hat. Es kam, wie es dann so oft kommt: Die Frau hat den Mann trotzdem geheiratet. Und man ahnt es schon: Es war ein Fehler. Er wurde spielsüchtig, steckte sein Geld in Automaten und vergaß darüber seine Frau, die er doch eigentlich liebte. Eigentlich.
Seine Frau kommt ebenfalls zu Wort. Manches, was man schon von ihrem Mann weiß, sieht sie in einem anderen Licht. Auch das ist ein Phänomen, das jeder schon dutzendmal erlebt haben dürfte.

Lesen?

Das Feld wurde in der Presse hoch gelobt. Nach der letzten Seite dachte ich jedoch: Kann man lesen, muss man aber nicht. 
Die Verstorbenen waren zum Teil miteinander verwandt oder bekannt, einige hatten jedoch keine Verbindung zu ihren "Nachbarn". 
Ein Stück der Paulstädter Geschichte spiegelt sich in den Erinnerungen wider, aber wie schon bei den Erinnerungen der Verstorbenen werden Themen nur angerissen und nicht vertieft. Die Grundidee dieses Buches ist sehr spannend, die Umsetzung hat jedoch Schwächen.

Das Feld ist bei Hanser erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 11,99 Euro.

In der Bücherkiste ist bereits eine Rezension zu Robert Seethalers Roman Ein ganzes Leben erschienen, der mir sehr gut gefallen hat (Klick auf Buchtitel).

Freitag, 26. Juni 2020

# 246 - Eine besondere Freundschaft

Der kanadische Autor Denis Thériault veröffentlichte 2010 den Roman Das Lächeln des Leguans, mit dem ich meine Reihe mit Büchern kanadischer Autoren beginne. Anlass ist die diesjährige Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengast Kanada sein wird. Ich werde bis zum Beginn der Messe daher in unregelmäßigen Abständen Titel aus Kanada vorstellen.

Darum geht es

Thériault schreibt über die Freundschaft zweier elfjähriger Jungen aus der Sicht des einen, der hier als Ich-Erzähler auftritt. Er lebt nach dem schweren Unfall seiner Eltern, bei dem sein Vater ums Leben kam, bei seinen Großeltern und hofft auf die Genesung seiner im Koma liegenden Mutter.

In dieser schweren Zeit lernt er den kauzigen Luc kennen, der auf ihn zunächst wie ein Fremdkörper wirkt. Die beiden freunden sich an und Luc erschließt seinem neuen Begleiter nach und nach seine Welt: Da ist der alkoholkranke, gewalttätige und heruntergekommene Vater, der sein Geld mit der Fischerei im Sankt-Lorenz-Strom verdient. Und da ist Lucs Mutter, die vor vielen Jahren spurlos verschwand und deren Kleidung am Ufer des Stroms gefunden wurde. Der Junge glaubt fest daran, dass seine Mutter eines Tages wiederkehren wird und flüchtet sich in eine maritime Traumwelt, in der phantasievolle Figuren eine Rolle spielen.

Luc glaubt fest an die Macht des Leguans. Er hat das vor langer Zeit präparierte Tier mit den eindringlich funkelnden Augen zufällig gefunden und huldigt ihm nun wie einem Gott. Luc hat für den Leguan eine einsame Höhle eingerichtet, das tote Reptil gibt ihm Halt und Hoffnung und verhilft ihm seiner Meinung nach zu mitreißenden und visionären Träumen.

Die Freunde verbringen schon bald fast die ganze Zeit miteinander und überstehen gemeinsam einige dramatische Erlebnisse. Nicht nur, dass dem Erzähler der Geist seines toten Vaters erscheint, der ihm eine schwierige Aufgabe stellt; auch Luc findet etwas über seine Vergangenheit und die seiner Eltern heraus, was ihn innerlich zerbrechen lässt. Sein Freund hält auch dann zu ihm und erweist ihm einen letzten Dienst. Eine sehr schwere Entscheidung, die man nicht einmal einem Erwachsenen zumuten möchte und schon gar nicht einem elfjährigen Jungen.


Lesen?

Das Lächeln des Leguans ist ein sehr anrührender und phantasievoller Roman, der von der Kraft der Freundschaft und der Magie erzählt. Leseempfehlung!

Das Lächeln des Leguans ist 2010 bei dtv erschienen und kostet als E-Book 11,99 Euro. Die broschierte Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Freitag, 19. Juni 2020

# 245 - Die Ladenhüterin


Mit Die Ladenhüterin feierte die japanische Autorin Sayaka Murata in ihrer Heimat große Erfolge. Was dazu beigetragen haben dürfte: Sie weiß, wovon sie schreibt.

Keiko Furukura ist 36 Jahre alt, ledig und arbeitet seit 18 Jahren als Aushilfe in einem Konbini, einem japanischen Gemischtwarenladen, der das ganze Jahr rund um die Uhr geöffnet hat. Der Besitzer hat in der Zwischenzeit gewechselt, von den Kollegen der ersten Stunde ist niemand mehr da und Keiko erlebt den mittlerweile achten Filialleiter.

Keiko ist zufrieden mit ihrer Arbeit, oder besser: Sie geht in ihr auf. Alles, was ihr Leben ausmacht, tut sie im Dienste des Konbinis. Sie ist eins geworden mit dem Laden. Er gibt ihr das, was das Leben außerhalb des Geschäfts ihr nicht bieten kann: Stabilität und Gleichförmigkeit.

Die Verkäuferin war schon in ihrer Kindheit anders als ihre Mitmenschen: Unfähig, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen um sie herum hineinzuversetzen, eckte sie mit ihrer eigenen Logik immer wieder an. Sie war nie zu tiefen Gefühlen anderen gegenüber in der Lage und wurde zum Sorgenkind ihrer Eltern.

Der Job im Konbini wirkte damals auf ihre Familie wie ein Schritt in eine gute Zukunft: Endlich tat Keiko etwas aus eigenem Antrieb. Doch der fast zwei Jahrzehnte dauernde Stillstand behagt ihnen nicht: Warum lernte die Tochter nicht endlich einen Mann kennen, heiratete und bekam Kinder? Warum suchte sie sich nicht endlich eine richtige Arbeitsstelle?

Keiko spürt, dass die Menschen um sie herum von ihrer Lebensweise irritiert sind. Weil sie so weit wie möglich als normal wahrgenommen werden möchte, imitiert sie die Verhaltensweisen ihrer Kolleginnen und Bekannten.

Doch dann tritt Shiraha in ihr Leben. In dem nörgelnden Drückeberger, der für kurze Zeit ihr Kollege wird, erkennt sie Parallelen zu sich selbst: Beide sind sie Ausgestoßene der japanischen Gesellschaft. Warum sollte man sich da nicht einfach zusammentun?


Lesen?


Sayaka Murata greift in ihrem Roman das Korsett der gesellschaftlichen Konventionen in Japan auf. Das Leben hat in bestimmten Bahnen zu verlaufen, anderenfalls wird es als nicht erfolgreich angesehen. 

Der Buchtitel kann hier doppeldeutig verstanden werden: Da Keiko mit 36 immer noch nicht verheiratet ist, ist sie nach den Vorstellungen der Gesellschaft eine Ladenhüterin. Doch sie hütet auch "ihren" Konbini wie ihren Augapfel, nichts darf dort das Wohlergehen der Kundschaft beeinträchtigen.

Die Autorin arbeitete selbst lange Zeit in einem Konbini und beschreibt die Atmosphäre und Arbeitsweise dort in einer einfachen und klaren Sprache. Die Ladenhüterin war in Japan ein sehr großer Erfolg, Murata wurde für ihr Buch mit mehreren japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Klare Leseempfehlung!

Die Ladenhüterin ist 2018 im Aufbau Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 18 Euro sowie als E-Book 7,99 Euro.

Sonntag, 14. Juni 2020

# 244 - Und wieder mal Corona...

Man sollte meinen, dass es in den letzten Monaten genug Veröffentlichungen und Äußerungen im Zusammenhang mit Covid-19 gegeben hat. Ich finde das übrigens auch und hatte eigentlich nicht vor, noch mehr als die tagesaktuellen Meldungen darüber zu lesen. Aber der Zufall spülte mir beim Durchsehen des Angebots der Onleihe die Anthologie Corona und wir auf den Bildschirm. Da war meine Neugier, was die 32 Autorinnen und Autoren der geneigten Leserschaft zum Thema zu sagen haben, dann doch geweckt.

Es gibt grundsätzlich Einigkeit darüber, dass die uns bekannte Welt sich "nach Corona" anders präsentieren wird. Wie genau, darüber gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Die Äußerungen der Experten aus den verschiedensten Disziplinen könnte man vielleicht so zusammenfassen, wie es schon Sokrates vor mehr als 2.400 Jahren getan hat: "Ich weiß, dass ich nicht weiß." Ein Grund, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um sich ein bisschen mehr Orientierung und Überblick zu verschaffen.

Corona und wir ist nicht einseitig ausgerichtet; es kommen Fachleute zu Wort, die die aktuelle und (mutmaßliche) künftige Situation aus verschiedenen Blickwinkeln einschätzen und zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. 

Da ist zum Beispiel die Journalistin und Historikerin Anne Applebaum, die die drastischen Beschränkungen anlässlich der Pandemie sehr kritisch betrachtet und insbesondere die Grenzschließungen nicht befürwortet: Sie kritisiert die aktionistische Art und Weise der nationalen Abschottungen, hinter der keine Planung steckte. Sie weiß um die Popularität dieser Handlungsweise, die jedoch die Verbreitung des Virus' nicht aufhalten konnte. Viele Menschen können sich für hartes staatliches Durchgreifen begeistern und beugen sich, wenn sie vor etwas Angst haben.

Mit dieser Haltung ist Applebaum nicht allein. Aber die MIT-Professorin Esther Duflo und und der ebenfalls am MIT lehrende Professor Abhijit V. Banerjee weisen auch auf die Notwendigkeit eines Staates hin, der funktioniert: "Damit in Notzeiten ein gut regierter Staat für uns da ist, müssen wir in normalen Zeiten einen solchen Staat fördern und auch erwarten."

Doch auch Schriftsteller wie Luca D'Andrea kommen zu Wort. Er macht sich über den Unterschied zwischen Angst und Panik Gedanken, sein Leben vor und nach Covid-19 und die Verbreitung der Krankheit in seiner Heimat Italien.

Ich will an dieser Stelle nicht auf jede/n Einzelne/n in diesem Buch eingehen. Aber den Hinweis des Psychologen Gerd Gigerenzer möchte ich noch aufgreifen: Er hält unsere Risikokompetenz für nicht ausreichend. Die Gesellschaft muss lernen, mit Ungewissheiten zu leben und darf sich nicht von ihnen in Geiselhaft nehmen lassen. Er erläutert, warum ausgerechnet Covid-19 sowie in den vergangenen Jahren die Vogel- oder die Schweinegrippe der Bevölkerung Angst gemacht haben, nicht aber in diesem Ausmaß die Bedrohung durch beispielsweise Krankenhauskeime, mit denen sich jährlich in Deutschland bis zu 600.000 Menschen infizieren und an denen 10.000 bis 20.000 Menschen versterben - ebenfalls Jahr für Jahr.

Lesen?

 

Corona und wir habe ich zunächst skeptisch zur Hand genommen. Wie das so ist mit unterschiedlichen Ansichten, haben mich einige Texte nicht überzeugt, weil mir die Argumente nicht schlüssig erschienen. Aber das ist ein normaler Prozess, wenn man sich verschiedenen Positionen nähert. Ich empfehle das Buch, weil es dazu beiträgt, die eigenen Ansichten zu hinterfragen und möglicherweise neu auszurichten.

Die Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie gehen an das Sozialwerk des deutschen Buchhandels. Mit ihnen werden unverschuldet in Not geratene Buchhändler unterstützt und die berufliche Aus- und Weiterbildung bedürftiger junger Buchhändler gefördert.

Corona und wir ist im Penguin Verlag erschienen und wurde nur als E-Book herausgegeben. Es kostet 9,99 Euro.

Samstag, 6. Juni 2020

# 243 - Über das Unfassbare sprechen, solange es noch geht

"Ich habe noch nie jemanden so sterben gesehen." Das sagte der Henker Johann Reichhart mit Bewunderung über Hans und Sophie Scholl. Reichhart hat während der NS-Zeit 3.165 Menschen hingerichtet, für ihn war das Töten nichts anderes als ein Broterwerb. Sein Satz ist einer von vielen sehr eindringlichen Sätzen in dem Buch Jahrhundertzeugen - Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler des Journalisten Tim Pröse.

Pröse hat sich den Schicksalen von 18 Menschen genähert, die während der Zeit des deutschen Nationalsozialismus' Widerstand geleistet, Verfolgung erlitten und überlebt oder Verfolgten das Leben gerettet haben. Der Autor hat mit ihnen oder, sofern sie bereits verstorben waren, ihren nahen Angehörigen gesprochen, in manchen Fällen hat es sogar mehrere Treffen gegeben. Einige dieser Menschen sind der Öffentlichkeit bekannt, andere bekommen mit ihren Schicksalen erst durch dieses Buch Aufmerksamkeit.

Das Foto auf dem Schutzumschlag zeigt den Essener Industriellen Berthold Beitz. Als 26-jähriger Mann war Beitz Direktor der Karpaten-Öl AG in Boryslaw; der Ort befand sich im Zweiten Weltkrieg im deutsch besetzten Generalgouvernement Polen und gehört heute zur Ukraine. Die Firma galt als 'kriegswichtiger Betrieb'. Diesen Umstand nutzte Beitz, um Juden direkt aus den Waggons, die bereits am Bahnhof von Boryslaw auf ihre Abfahrt warteten und ihre 'Fahrgäste' in die Konzentrationslager bringen sollten, herauszuholen. Er behauptete, ihre Arbeit bei der Karpaten-Öl AG sei ebenfalls kriegswichtig und rettete damit einer großen Zahl von Menschen das Leben. Pröse widmet sich nicht nur dieser riskanten Rettung, sondern besuchte auch den wahrscheinlich letzten von Beitz Geretteten, der zu dem Zeitpunkt, als das Buch entstand, noch am Leben war: Jurek Rotenberg. Rotenberg war 14, als Beitz ihn als 'Arbeitsjude' im Unternehmen unterbrachte und vor der Gaskammer bewahrte. Anlässlich des 99. Geburtstages von Beitz trafen sich die beiden Männer nach 70 Jahren zum ersten Mal wieder - und Pröse war dabei. Er schildert sehr empathisch diese Begegnung, beschreibt die Umstände und die ersten Reaktionen. Es ist, als sei man dabei gewesen.

Nicht weniger berührend und tief schockierend sind die weiteren Berichte. Da ist zum Beispiel der von Franz J. Müller. Er gehörte zu den letzten Überlebenden der Weißen Rose. Zusammen mit den Geschwistern Hirzel, die ebenfalls wegen ihrer Aktivitäten in der Widerstandsgruppe angeklagt waren, saß er 1943 dem berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofs Roland Freisler gegenüber. Im Gegensatz zu den Geschwistern Scholl, die in München hingerichtet wurden, erhielten die Drei nur geringe Strafen. Vor allem die wegen ihrer blonden Haare und blauen Augen als 'germanisches Mädchen' (O-Ton Freisler) bezeichnete Susanne Hirzel hatte es Freisler mit ihrem Aussehen angetan. Davon profitierten vermutlich auch die beiden mitangeklagten jungen Männer, die nur zu Haftstrafen verurteilt wurden und mit dem Leben davonkamen.

Eine andere Lebensgeschichte ist die des früheren Soldaten Kurt K. Keller. Am 6. Juni 1944 war er am sog. "Omaha Beach", dem Ort in der Normandie, an dem der D-Day stattgefunden hat. Er erzählt von seinem Erlebnis, das er sein Leben lang nicht losgeworden ist und das ihn auch nach mehr als 70 Jahren nachts hochschrecken lässt: dem Moment, als er einen auf ihn zustürmenden amerikanischen GI erschossen hat. Der tödlich getroffene Soldat sank in den letzten Sekunden seines Lebens in den Sand, legte Helm und Gewehr ab und betete. Dieser Anblick hatte Kellers Haltung zu Hitler auf einen Schlag verändert. Kurz danach desertierte er.

Jede einzelne Lebensgeschichte berührt. Manche sind so erschütternd, dass man nicht sofort weiterlesen kann. Alle Menschen, die Pröse noch selbst schildern konnten, wie ihr Leben während der NS-Disktatur verlaufen ist, berichteten von Albträumen, die sie den Rest ihres Lebens verfolgt haben. Viele haben ihre Erfahrungen weitergegeben, indem sie beispielsweise vor Schulklassen gesprochen haben. Die Zahl der Menschen, die das noch können, wird immer kleiner. In absehbarer Zeit wird es niemanden mehr geben, der aus erster Hand und damit authentisch berichten kann. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, die uns das Grauen des Nationalsozialismus' zeigen und die dazu beitragen, dass das, was damals passiert ist, nicht vergessen wird.

Jahrhundertzeugen - Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler ist im Heyne Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.

Nachtrag: Die Zeit berichtete 1966 über den Prozess gegen den SS-Obersturmführer Fritz Hildebrand, in dessen Verlauf sich Berthold Beitz und seine frühere Sekretärin Hilde Olsen nach 22 Jahren zum ersten Mal wiedersahen. Auch Olsen wurde von Beitz vor dem sicheren Tod gerettet.

Freitag, 29. Mai 2020

# 242 - Wer hat den Toten wirklich gekannt?

Nach Mattias ist kein klassischer Roman, der eine Geschichte halbwegs übersichtlich erzählt. Das Buch des niederländischen Autors Peter Zantingh ist eine Abfolge von Beobachtungen von acht Menschen, die in einem unterschiedlichen Verhältnis zu Mattias standen. Standen, denn Mattias ist tot. Ganz plötzlich kam er ums Leben. Manche dieser Menschen kennen sich gar nicht.

In jedem Kapitel wird Mattias von einer anderen Person beschrieben. Da sind Menschen wie seine Freundin Amber, die den Verstorbenen sehr gut kannten, aber auch ein junger Mann, der mit ihm nur über ein Online-Spiel verbunden gewesen ist. Falls man dabei überhaupt von "verbunden" sprechen kann.

Mit jedem Kapitel und damit jedem sozialen Kontakt zu Mattias schält sich ein Stück von seiner Persönlichkeit heraus. Dabei stellen Einzelne fest, dass es an dem Toten Seiten gab, die sie nicht an ihm kannten. Manchmal bemerkt man aber auch, dass Eigenschaften, die man an Mattias mochte und schätzte, von anderen nicht oder anders wahrgenommen wurden.  

Nach Mattias handelt nicht nur von der Titelfigur, sondern auch von der Erkenntnis, dass es auch Verbindungen zwischen Menschen geben kann, die es ohne eine dritte Person so nicht gegeben hätte -  und das, obwohl diese Menschen nicht unbedingt Kontakt zu dieser dritten Person gehabt haben.
Erst spät wird deutlich, warum Mattias gestorben ist. Und dass dies der Grund dafür ist, dass die Trauer den privaten Bereich verlässt und öffentlich wird.

Nach Mattias beschäftigt sich zwar mit der Trauer und dem Tod, strahlt aber Hoffnung aus: Das Leben der acht Menschen wird 'nach Mattias' weitergehen, auch wenn Mattias Sterben eine Lücke hinterlassen hat.

Der Roman ist bei Diogenes erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Freitag, 22. Mai 2020

# 241 - Wegen Arroganz geschlossen: Dieses Buch wurde abgebrochen

Ein Schriftsteller erhält eine Einladung zu einer Karibikkreuzfahrt: Für zwei Wochen mit Vollverpflegung, Außenkabine und gern auch mit einer Begleitperson möchte die Arkadia-Line ihn als Teil des abendlichen Unterhaltungsprogramms buchen. Zur besten Zeit soll er aus seinen Büchern lesen.

Was sich zunächst so verlockend liest, hat hier und da seine Haken. Der Schriftsteller nimmt sich die Zeit, um seiner Ansprechpartnerin Frau Faber-Eschenbach eine Antwort-Mail zu schreiben. Die gerät so lang, dass das Buch Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt von Bodo Kirchhoff im E-Book-Format fast 170 Seiten einnimmt. Ich schiebe meine sich hier aufdrängende Frage, ob Frau Faber-Eschenbach den Brief bis zum letzten Punkt gelesen hat, einfach mal zur Seite.

Die Kreuzfahrt soll auf einem Schiff der mittlerweile üblichen Größe stattfinden: Fünftausend Passagiere plus zweitausend Mitarbeiter. Der Autor sieht gleich zu Beginn seiner E-Mail Probleme heraufziehen: Würden sich genug Gäste für ihn und seine Bücher interessieren? Würde er die vorzulesenden Texte selbst aussuchen können? Käme sein Gesicht auf den Plakaten zwischen den Fotos der anderen engagierten Künstler ausreichend positiv zur Geltung? 

Mit Eitelkeiten beginnt dieses Buch, mit irrlichternden Gedankengängen macht es weiter: Will er zwei Wochen damit verbringen, Menschen beim Verstreichen der Zeit zuzusehen? Der Tagesablauf der Kreuzfahrttouristen wird banalisiert als eine Abfolge von Besuchen an überladenen Buffets, dem In-der-Sonne-Liegen auf dem Sonnendeck und den Überlegungen der Gäste in der Kabine, welche Berufe die Menschen haben mögen, die die Kabinen neben, über und unter der eigenen Unterkunft bewohnen.

Zwanzig Buchseiten weiter springen seine Überlegungen vom Kreuzfahrtschiff zum mit Flüchtlingen überladenen Schlauchboot, das eventuell am Horizont auftauchen könnte. Wie würde die Besatzung reagieren? Von diesem Gedanken geht der Schriftsteller nahtlos zu einer Fernsehsendung über, deren Gast er kurz zuvor gewesen war. Die Moderatorin wird als Schmollmündchen bezeichnet, während sich der Autor über "das Sexuelle" und dessen Einfluss auf Sprache auslässt.
Es bleibt unklar, ob sich Bodo Kirchhoff mit der Figur des Schriftstellers selbst gemeint hat, spielt aber auch keine große Rolle mehr.

Nach zehn weiteren Seiten habe ich das Buch auf Seite 60 beendet. Der Inhalt troff vor Arroganz und Selbstgefälligkeit, der Text kam mit nur wenigen Absätzen aus und bestand fast nur aus Bandwurmsätzen.

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt ist 2017 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen und kostet als gebundenes Buch 18 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Samstag, 16. Mai 2020

# 240 - Bei diesem Buch muss es niemandem kalt den Rücken hinunterlaufen

Rolf-Bernhard Essig ist Literaturwissenschaftler und hat sich bereits in mehreren Büchern Gedanken über Redensarten gemacht. Der Bayerische Rundfunk hat ihn deshalb auch als "Sprichwortpapst" bezeichnet. 

Vor wenigen Wochen ist sein neuestes Buch erschienen. In Hand aufs Herz spürt Essig Redensarten nach, die sich auf unseren Körper beziehen und erklärt ihre Bedeutung und Herkunft. Da geht es um Arme und Beine, den Kopf mit seinen Bestandteilen, den Rumpf, die inneren Organe, die Haut, die Nerven und - ja - auch die Körperausscheidungen. Über 500 Redewendungen stellt Essig vor und sorgt mit so mancher Erläuterung für eine Überraschung:
Wenn jemand sagt, dass ihm plötzlich etwas klar wird und ihm "wie Schuppen von den Augen fällt", dann geht das auf die biblische Figur Saul (oder Saulus) zurück. Der Verfolger der Christen erblindete plötzlich in Damaskus, nachdem er ein helles Licht gesehen und Jesus' Stimme gehört hatte. In Damaskus wurde er drei Tage später vom Jünger Hananias wieder sehend gemacht. In der Apostelgeschichte 9, 18 heißt es: "Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er sah wieder". 

Wer jemandem absolut vertraut, würde wohl für ihn "seine Hand ins Feuer legen". Für diese Redewendung bietet Essig gleich zwei mögliche Erklärungen an: Im Mittelalter waren Gottesurteile ein beliebtes Verfahren, um die Schuld oder Unschuld eines Menschen herauszufinden. Gern ließ man die Verdächtigen bei der Feuerprobe eine Hand in ein Feuer halten. Die Unschuld war erwiesen, wenn die Hand nicht oder nur wenig verletzt wurde. Auch für jemanden zu bürgen, war auf diese Weise möglich. So hatte man ruckzuck ein Urteil ohne langes Gerede, denn wer konnte schon mehr wissen als Gott der Allmächtige, der oben im Himmel den Daumen hob oder senkte?
Die zweite Erklärung ist ein richtiges "Männer-können-so-tapfer-sein"-Ding: Der Etruskerkönig Lars Porsenna soll 508 v. Chr. Rom belagert haben. Der Römer Gaius Mucius schlich sich mit dem Plan, Porsenna zu töten, in das Lager der Etrusker. Doch er kam nicht weit: Man nahm ihn gefangen und Porsenna fragte Mucius, ob alle Römer so mutig seien. Als Antwort legte der Gefangene seine rechte Hand in ein Kohlebecken und ließ sie verbrennen, ohne einen Mucks von sich zu geben. DAS sind wahre Heldensagen.

So haben weder Saulus (der zu Paulus wurde) noch Mucius ihre Köpfe in den Sand gesteckt, sondern das Herz in die Hand genommen. An ihnen hat sich vielleicht mancher die Zähne ausgebissen, aber sie haben die Nerven behalten. Doch sie haben bestimmt Blut und Wasser geschwitzt.

Hand aufs Herz ist im Dudenverlag erschienen und als Taschenbuch für 10 Euro erhältlich.