Jede Woche stelle ich ein Buch vor, das ich gelesen habe und das mich auf irgendeine Weise berührt hat.
Freitag, 28. Februar 2020
# 231 - Das Leben der Gräfin: eine Biografie über eine der einflussreichsten Journalistinnen Deutschlands
Marion Gräfin Dönhoff war lange Jahre Herausgeberin und Chefredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT und eine einflussreiche Publizistin, die mit den Mächtigsten ihrer Zeit Kontakt hatte und mit vielen von ihnen befreundet war. Gleichzeitig wurde ihre eine etwas unterkühlte Aura nachgesagt. Die Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMMA, Alice Schwarzer, hat noch zu Lebzeiten Dönhoffs eine Biografie über sie geschrieben: Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben.
Marion Dönhoff wurde 1909 als jüngstes von sieben Kindern auf Schloss Friedrichstein in der Nähe von Königsberg geboren. Entgegen der damals üblichen Gepflogenheiten bestand sie darauf, das Gymnasium zu besuchen - als einziges Mädchen. So durchsetzungsstark, wie ihr Leben begonnen hatte, sollte es auch weitergehen. Alice Schwarzer hat im Laufe eines Jahres in zahlreichen Gesprächen mit Dönhoff sowie deren Angehörigen und Freunden viele kleine Puzzlestücke zusammengetragen, die sich in diesem Buch zu einem Bild zusammenfügen.
Die Biografie zeigt, unter welchen Umständen Marion Dönhoff die Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und den 2. Weltkrieg in Ostpreußen erlebt hat. Schwarzer schildert, dass es da einen kurzen Moment in Dönhoffs Leben gab, in dem dieser die Vorstellung, Sozialismus und Nationalismus miteinander zu verbinden, attraktiv erschien. Sie erlebte Adolf Hitler dann, als er in einer Schule eine Rede hielt:
"Er trat auf, tobte, geiferte und redete, wie ich fand, viel Unsinn. Angewidert kam ich zurück und erklärte (..): 'Ohne mich! Mit denen nie!'"
In dieser Zeit beobachtet sie, dass nur wenige Menschen wussten, was eine Demokratie ausmacht: "Alle hatten nur noch einen Wunsch: den starken Mann am Ruder zu sehen."
Unter abenteuerlichen Umständen musste Marion Dönhoff im Januar 1945 Ostpreußen in Richtung Westen verlassen. 1.200 Kilometer legte sie in klirrender Kälte auf ihrem Pferd zurück, bevor sie in Westfalen ankam. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch eine ganze Reihe Menschen verloren, die ihr wichtig waren: Ihr Bruder und ihre Neffen waren im Krieg gefallen, mehrere Freunde wurden als Verschwörer im Zusammenhang mit dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Dönhoff hatte sie unterstützt und es nur ihrem Glück zu verdanken, nicht selbst verhaftet worden zu sein. Die Witwen der Hingerichteten erhielten einige Tage später eine Rechnung über die 'Gebühr für die Todesstrafe' und die 'Kosten der Vollstreckung'. Die vielen schlimmen und existenziellen Erfahrungen hatten das Wesen von Dönhoff verändert, sie war hart geworden.
Alice Schwarzer beschreibt den Weg Marion Dönhoffs nach Hamburg in die Redaktion der ZEIT. Dönhoff berichtet über die Nürnberger Prozesse, die Demontage der Industriebetriebe und den Grund, der sie dazu veranlasste, sich kurzzeitig von der ZEIT abzuwenden: Einer der Mitbegründer und Chefredakteur der Wochenzeitung, Richard Tüngel, fand nichts dabei, dass der Staatsrechtler Carl Schmitt, ein seit 1933 aktives Mitglied der NSDAP, dort Artikel schrieb. Hier wird erneut ihr starke Abneigung gegen den Nationalsozialismus deutlich, der sie ihr ganze Leben lang schreibend Ausdruck gegeben hat.
Man wundert sich zunächst etwas, dass einer bekannten Feministin wie Alice Schwarzer so viel daran lag, sich biografisch einem Menschen wie Marion Dönhoff zuzuwenden, die vom Feminismus nie viel gehalten hat. Im zweiten Teil des Buches findet man ein Interview aus dem Jahr 1995, in dem Schwarzer ihre eigene Verwunderung darüber formuliert hat:
"Es sieht so aus, als würde unser Buch bald erscheinen. Meinen Sie nicht, dass einige Leute erstaunt gucken werden, wenn unserer beider Namen auf einem Buchdeckel stehen?" - Antwort Dönhoff: "Sicher ist das so. Aber das ist mir wurscht."
Wer Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben gelesen hat, erfährt nicht nur viel über die 2002 verstorbene Journalistin, sondern bekommt einen tiefen Blick in die deutsche Geschichte. Das Buch wird zum Schluss durch eine Auswahl an von Dönhoff zwischen 1950 und 1995 für die ZEIT verfassten Artikeln abgerundet, in denen sich sehr deutlich erkennen lässt, welche Themen sie bewegt haben.
Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben hat mir als vom Verlag Kiepenheuer & Witsch herausgegebenes E-Book vorgelegen. Der Titel wurde zuerst 1996 und dann erneut 2017 veröffentlicht. Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich, das gebundene Buch kostet 17,95 Euro und das Taschenbuch 9,99 Euro.
Sonntag, 23. Februar 2020
# 230 - Entlang der historischen Seidenstraße
In unserer Zeit ist immer wieder von der "Neuen
Seidenstraße" die Rede, einem Projekt, das von der chinesischen Regierung aus wirtschaftlichen Gründen vorangetrieben wird und in das derzeit schon mehr als 100 Länder eingebunden sind.
Im von Susan Whitfield herausgegebenen Buch Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte geht es allerdings um den Blick zurück bis ca. 200 v. Chr. Innerhalb der folgenden 1.600 Jahre bildeten sich im ganzen afrikanisch-eurasischen Raum überregionale Handelsnetzwerke - sowohl auf Flüssen oder Meeren als auch auf dem Landweg. Nicht nur Seide wurde transportiert, sondern u. a. auch Gewürze, Pelze, Früchte oder Sklaven. Die so entstandenen Handelsbeziehungen zogen den technologischen und kulturellen Austausch zwischen den Völkern nach sich.
Auf einer doppelseitigen Landkarte zu Beginn des Buches sind die Handelsrouten dargestellt. Hier wird deutlich, dass es sich bei der Formulierung "die Seidenstraße" lediglich um eine Vereinfachung handelt, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, und nur von einer einzigen Straße keine Rede sein kann.
Schon im 2. Jahrhundert n. Chr. begann die Zeit der Kartographie, die im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte immer besser und vollständiger wurde. So zeigte der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf Mallorca entstandene Katalanische Weltatlas die Welt zwischen China und dem Atlantik so, wie sie damals bekannt war. Der Atlas ist außerdem eine der ersten Fundstellen für die Kompassrose.
Über 80 Autorinnen und Autoren haben mit ihrem Wissen zur Entstehung dieses Buches beigetragen. Die Leser bekommen interessante Informationen über die wichtigsten Handelsstädte von Andalusien bis Osaka und vom Ural bis nach Afrika und Sumatra.
Susan Whitfield hat die Vielzahl der Informationen nicht chronologisch, sondern nach den Landschaften, die von den Handelswegen durchzogen wurden, strukturiert. So erfährt man im Kapitel, das sich der Steppe widmet, viel über die Völker, die in den chinesischen und iranischen Steppengebieten gelebt haben. Es geht hier zum Beispiel um Befestigungen der Römer, die transkaspische Verteidigungskette der Sasaniden vom Elburs-Gebirge im Iran bis zum Kaukasus oder die Herstellung von Goldschmuck mit Motiven aus den Steppen.
Doch Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte hat nicht nur hochinteressante Texte, sondern auch sehr viele schöne Fotos und Karten zu bieten, die das Geschriebene noch anschaulicher machen. Einige Fotos zeige ich hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Theiss.
Das Buch ist 2019 in der vorliegenden deutschen Ausgabe erschienen und kostet 50 Euro.
Bildnachweise:
Seidenstraße" die Rede, einem Projekt, das von der chinesischen Regierung aus wirtschaftlichen Gründen vorangetrieben wird und in das derzeit schon mehr als 100 Länder eingebunden sind.
Im von Susan Whitfield herausgegebenen Buch Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte geht es allerdings um den Blick zurück bis ca. 200 v. Chr. Innerhalb der folgenden 1.600 Jahre bildeten sich im ganzen afrikanisch-eurasischen Raum überregionale Handelsnetzwerke - sowohl auf Flüssen oder Meeren als auch auf dem Landweg. Nicht nur Seide wurde transportiert, sondern u. a. auch Gewürze, Pelze, Früchte oder Sklaven. Die so entstandenen Handelsbeziehungen zogen den technologischen und kulturellen Austausch zwischen den Völkern nach sich.
Auf einer doppelseitigen Landkarte zu Beginn des Buches sind die Handelsrouten dargestellt. Hier wird deutlich, dass es sich bei der Formulierung "die Seidenstraße" lediglich um eine Vereinfachung handelt, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, und nur von einer einzigen Straße keine Rede sein kann.
Schon im 2. Jahrhundert n. Chr. begann die Zeit der Kartographie, die im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte immer besser und vollständiger wurde. So zeigte der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf Mallorca entstandene Katalanische Weltatlas die Welt zwischen China und dem Atlantik so, wie sie damals bekannt war. Der Atlas ist außerdem eine der ersten Fundstellen für die Kompassrose.
Über 80 Autorinnen und Autoren haben mit ihrem Wissen zur Entstehung dieses Buches beigetragen. Die Leser bekommen interessante Informationen über die wichtigsten Handelsstädte von Andalusien bis Osaka und vom Ural bis nach Afrika und Sumatra.
Susan Whitfield hat die Vielzahl der Informationen nicht chronologisch, sondern nach den Landschaften, die von den Handelswegen durchzogen wurden, strukturiert. So erfährt man im Kapitel, das sich der Steppe widmet, viel über die Völker, die in den chinesischen und iranischen Steppengebieten gelebt haben. Es geht hier zum Beispiel um Befestigungen der Römer, die transkaspische Verteidigungskette der Sasaniden vom Elburs-Gebirge im Iran bis zum Kaukasus oder die Herstellung von Goldschmuck mit Motiven aus den Steppen.
Doch Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte hat nicht nur hochinteressante Texte, sondern auch sehr viele schöne Fotos und Karten zu bieten, die das Geschriebene noch anschaulicher machen. Einige Fotos zeige ich hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Theiss.
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| Foto 1: Safranfeld im heutigen Kaschmir |
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| Foto 2: Das Katharinenkloster am Fuß des Berges Sinai war früher eine Festung, die im 6. Jh. erbaut wurde; seit 2002 UNESCO-Weltkulturerbe |
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| Foto 3: Mausoleum des Öldscheitü (reg. 1304 bis 1306), Herrscher der Ilchane, in der damaligen Oasenhausptstadt Soltaniye (Iran); seit 2005 UNESCO-Weltkulturerbe |
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| Foto 4: Pilger an der Kaaba; aus einer für Sultan Iskandar 1140/1141 zusammengestellten Sammlung |
Lesen?
Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte ist ein tolles Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann. Auf mehr als 460 Seiten erfährt man alles Wissenswerte über die früheren Handelswege, was einem internationalen und renommierten Team aus Wissenschaftlern zu verdanken ist.Das Buch ist 2019 in der vorliegenden deutschen Ausgabe erschienen und kostet 50 Euro.
Bildnachweise:
- Foto 1: Roland and Sabine Michaud/akg images
- Foto 2: Robert Harding/Alamy Stock Photo
- Foto 3: Roland and Sabine Michaud/akg images
- Foto 4: Erich Lessing/akg- images
Freitag, 14. Februar 2020
# 229 - Zwischen Baum und Borke: über das Erwachsenwerden
Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat den Roman Selbstporträt mit Flusspferd 2015 veröffentlicht. Ich habe bisher zwei Bücher von ihm gelesen und auch hier vorgestellt: Es geht uns gut (wofür er 2005 den ersten Deutschen Buchpreis erhielt) und Unter der Drachenwand, ein Roman über den jungen Soldaten Veit Kolbe, der im 2. Weltkrieg alles versucht, um nach dem Ausheilen seiner Verwundung nicht mehr zurück aufs Schlachtfeld zu müssen.In irgendeiner Rezension über eines seiner Bücher habe ich gelesen, dass Arno Geiger ein sehr wandelbarer Autor ist. Das kann ich nach dem Lesen von Selbstporträt mit Flusspferd unterschreiben.
In diesem Roman steht der 22-jährige Tiermedizin-Student Julian Birk im Mittelpunkt. Er ist für das Studium aus dem ländlichen Vorarlberg nach Wien gezogen und hat sich nach einer längeren Beziehung von seiner Freundin Judith getrennt. Oder sie sich von ihm, das hängt von der jeweiligen Perspektive ab.
Mit Judith lief Julians Leben in geordneten Bahnen und war vertraut. Die Vertrautheit zwischen den beiden ist mit der Trennung schlagartig verschwunden. Julian fühlt sich einsam und unsicher und nimmt das Angebot seines Kommilitonen Tibor an, sich während dessen Urlaubs vertretungsweise um ein Zwergflusspferd zu kümmern. Der ehemalige Rektor der Universität, Prof. Beham, war bereit, das Tier bei sich aufzunehmen, bis eine geeignete Lösung für dessen Unterbringung gefunden sein würde.
Prof. Beham ist todkrank und verbringt seine Tage zu Hause im Rollstuhl. Seine ständigen Begleiter sind der Beaujolais und Schmerzmittel. Mit seiner Tochter Aiko, die in Paris als Journalistin arbeitet und ihn besucht, verbindet Beham eine Art Hassliebe. Julian verliebt sich in die fünf Jahre ältere Frau und versteigt sich in die von Anfang an aussichtslose Hoffnung, mit ihr eine dauerhafte Beziehung führen zu können. Als sie abreist, erzählt sie ihm von ihrer Schwangerschaft. Wer der Vater ist, bleibt offen.
Da das Geld knapp und das Wohnen in Wien teuer ist, teilt sich Julian mit der Studentin Nicki eine Wohnung in der Nähe des Naschmarkts. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr wird er von ihr in die Defensive gedrängt und fühlt sich in der Wohnung immer weniger zuhause.
Der Roman hat keine wirkliche Handlung. Es passiert zwar etwas, aber eher um Julian herum. Das Flusspferd, dass sich im Behamschen Garten im Schlamm suhlt, im Teich badet und ansonsten seine Tage mit fressen und schlafen verbringt, ist in seinem Tun zielgerichteter als Julian. Der junge Mann wartet darauf, dass sich etwas in seinem Leben ereignet, was diesem eine positive Wendung gibt, trudelt aber durch den Wiener Sommer wie ein Blatt im Wind.
Da ist da draußen, außerhalb Julians Dunstkreis, eine ganze Menge mehr los: In der nordossetischen Stadt Beslan werden Lehrerinnen und Schüler einer Schule als Geiseln genommen, in Weimar brennt die Anna Amalia Bibliothek, der Hurrikan Frances nimmt Kurs auf die Bahamas und in Athen finden die Olympischen Spiele statt. Julian nimmt diese Nachrichten zur Kenntnis, aber keine schafft es wirklich, seine Lethargie zu durchdringen und ihn zu erreichen. Er ist gedanklich voll mit seiner Selbstfindung, Ziellosigkeit und Orientierungslosigkeit beschäftigt.
Selbstporträt mit Flusspferd ist ein Coming-of-Age-Roman mit einem langweiligen, planlosen und passiven Protagonisten. Das ist zu viel Banalität auf einmal.
Lesen?
Arno Geiger ja, dieses Buch kann jedoch ausgelassen werden.
Selbstporträt mit Flusspferd ist 2015 im Hanser Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro, als E-Book 10,99 Euro.
Freitag, 7. Februar 2020
# 228 - Wie es sich zwischen den Fronten lebt
Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow beschreibt in seinem Roman Graue Bienen die Leiden der zivilen Bevölkerung in den Zeiten des Krieges in der Ukraine. Die Handlung ist in der sogenannten "Grauen Zone" angesiedelt: Das Gebiet mit einer Länge von ca. 450 Kilometern, in dem sich etwa 100 Dörfer befinden, ist so etwas wie eine Pufferzone zwischen der ukrainischen Armee und den für Russland kämpfenden Separatisten. Beide Seiten beanspruchen es für sich.
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Männer, die nach drei Kriegsjahren hier allein in einem Dorf im Niemandsland leben. Alle ihre Nachbarn sind längst geflohen. Seit ihrer Kindheit sind die beiden verfeindet, aber im Laufe der Zeit hat diese Feindschaft Rost angesetzt: Sie sind jetzt beide um die 50, Frührentner und allein. Der Mangel an vielem, was vor dem Krieg selbstverständlich war, zwingt sie zur Sparsamkeit und Improvisation. Auch die Einsamkeit und die Angst, unter Beschuss zu geraten, bringt sie einander allmählich näher. Der fast tägliche Geschützdonner ist längst Teil ihres normalen Alltags geworden.
Für den einen von ihnen, Sergej Sergejitsch, sind seine Bienen sein Lebensinhalt, nachdem er von seiner Frau und seiner Tochter verlassen wurde. Der Honig lässt sich gegen andere Lebensmittel tauschen und hin und wieder kommen zahlende Kunden, die von der Heilkraft der Bienen gehört haben und auf den Bienenkörben schlafen wollen.
Sergej interessiert sich nicht für die Ursachen des Krieges, er nimmt ihn nur als Dauerstörung seines Lebens wahr. Das scheinen auch die Bienen zu tun: Die häufigen Detonationen in der Umgebung stören die Tiere in den Bienenkörben in ihrer Winterruhe. Sergej befürchtet, dass die aufgeregten Bienen sich in alle Winde zerstreuen und er sie verlieren könnte, wenn er sie aus den Körben ließe. Also beschließt der Imker im anbrechenden Frühling, seinen Tieren einen ruhigen Platz zu suchen, und fährt mit den Bienenkörben im Anhänger Richtung Westen.
Sergej macht nach einigen Stunden Autofahrt auf einer Lichtung in der Nähe eines Dorfs halt. Zunächst lässt sich alles gut an: Den Bienen geht es gut, die Ladeninhaberin des Dorfes versorgt ihn mit Essen und menschlicher Nähe. Aber für die Einheimischen ist er ein Fremder, manche vermuten sogar, er sei ein Flüchtling. Als ihm ein vom Krieg traumatisierter junger Mann eines Nachts sämtliche Autoscheiben zertrümmert, reist Sergej mit seinen Bienen weiter.
Sergejs nächste Station ist auf der Krim. Dass er in dem von Russland annektierten Gebiet als Ausländer behandelt werden würde, war ihm vorher nicht bewusst. Sergej hat vor mehr als 20 Jahren während eines Bienenzüchterkongresses Achtem Mustafajew, einen Krimtartaren, kennengelernt. Dort angekommen erfährt er, dass sein damaliger Zimmergenosse zwei Jahre zuvor vom FSB verschleppt wurde und seine Familie seitdem kein Lebenszeichen von ihm erhalten hat. Achtems Frau und Kinder sind gegenüber Sergej hilfsbereit und gastfreundlich, aber die Situation der Familie verschärft sich während seiner Anwesenheit. So sehr ihm die Landschaft gefällt, so sehr spürt er, dass er auch hier ein Fremder ist: sowohl für die Tartaren als auch für die Russen, die ihm misstrauen, weil er zu Tartaren Kontakt hat. Sein Wunsch, alles möge wieder so sein wie vor dem Ausbruch des Krieges, verstärkt sich.
Die Bienen werden für den Imker mit jeder Erfahrung, die er während seiner Fahrt macht, zu einem immer größeren Vorbild: An ihnen lässt sich erkennen, wie ein geordnetes und produktives Staatswesen funktioniert. Ihr Leben ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu den ungeordneten und gewalttätigen Zuständen in der Ostukraine.
Lesen?
In Graue Bienen bringt Andrej Kurkow seinen Lesern das Leben der Menschen näher, die in der Öffentlichkeit fast nicht wahrgenommen werden. Die Bewohner der Grauen Zone sind von allem abgeschnitten, was das Leben, das wir für normal halten, ausmacht: Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, es gibt keine Läden, in denen Lebensmittel gekauft werden könnten, es gibt keine Post und keine Geldausgabe, viele Wohnhäuser und öffentliche Gebäude wurden zerstört. Wovon es reichlich gibt, ist die Angst, versehentlich in eine Tretmine zu geraten oder von einem Heckenschützen getötet zu werden. Diese dauerhaft angespannte Atmosphäre, gepaart mit einem großen Durchhaltewillen und einer gewissen Portion Phlegma wird von Kurkow sehr gut vermittelt.
Andrej Kurkow hat sich mit seinen russlandkritischen Büchern bei der dortigen Regierung keine Freunde gemacht. Seit einigen Jahren dürfen sie nicht mehr nach Russland eingeführt werden, weil der Autor auf einer schwarzen Liste steht. Es ist Kurkow zu wünschen, dass er mit seinem Buch sein Ziel erreicht: dass sich die Weltöffentlichkeit wieder dem Ukrainekonflikt zuwendet und ihn aus seinem aktuell eingefrorenen Zustand dem Frieden zuführt.
Graue Bienen ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.
Sonntag, 2. Februar 2020
# 227 - Michelle Obama: das Leben als FLOTUS
Becoming - meine Geschichte heißt die
Autobiographie der früheren First Lady der USA Michelle Obama. Der Titel beschreibt gut, was sie ausmacht: das Streben, allen zu zeigen, was in ihr steckt, über alle Widerstände, die sich ihr aufgrund ihrer Hautfarbe und sozialen Herkunft in den Weg stellen, hinweg.
Michelle Obama beschreibt in ihrem Buch ihre Herkunft so genau, dass man sich gut in ihre Welt als Kind und junge Frau hineinversetzen kann. Es ist in drei große Abschnitte eingeteilt: Becoming Me - Ich werden, Becoming Us- Wir werden und Becoming More - Mehr werden. Sie beginnt mit den Verhältnissen, in denen sie aufwuchs, zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einer beengten Wohnung im Chicagoer Stadtteil South Shore. Der früh an Multipler Sklerose erkrankte Vater arbeitete für die Wasserwerke, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Den Eltern lag sehr daran, dass es ihren Kindern trotz der Einfachheit an nichts fehlte und sie eine Ausbildung erhielten, die ihren Begabungen entsprach.
Michelle Obama beschreibt, wie sie an vielen Stationen ihres Lebens den nagenden Zweifel in sich spürte: Bin ich gut genug? Kann ich die in mich gesetzten Erwartungen erfüllen? Immer wieder wurde ihr deutlich vor Augen geführt, dass man einer Schwarzen weniger zutraute; wenn sie dazu auch noch arm war, waren die Chancen noch geringer, einen anspruchsvollen Bildungsweg einzuschlagen und einen ausfüllenden Beruf auszuüben. Die Selbstzweifel wurden der späteren First Lady praktisch in die Wiege gelegt: Ihr Ur-Urgroßvater war ein Sklave gewesen, ihr Großvater war bei dem Versuch, sich beruflich weiterzuentwickeln, gegen unsichtbare Wände gelaufen und hatte irgendwann resigniert.
Obama erzählt aus ihrem Leben mit einer großen Offenheit: wie sie es geschafft hat, durch Fleiß und Disziplin sozial aufzusteigen, wie sie Barack Obama kennengelernt hat und wie dieser begann, sich politisch zu betätigen. Sie schreibt über ihren beruflichen Erfolg als Ivy-League-Absolventin in einer renommierten Anwaltskanzlei und dem Gefühl, sich dort auf dem falschen Weg zu befinden. Ihre Leser erfahren von den Tragödien in der Familie und im Freundeskreis, von Zusammenhalt in diesem Umfeld und von Niedertracht, wenn es um politische Auseinandersetzungen ging. Vieles davon ist auch in den deutschen Medien ein Thema gewesen, einiges ist jedoch so persönlich, dass es erst durch dieses Buch den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat.
Michelle Obama hat ihre Nebenrolle als FLOTUS dazu genutzt, Initiativen aufzubauen, die benachteiligte Menschen unterstützen sollten. Dabei bekam sie prominente Unterstützung z. B. von Jill Biden, der Ehefrau des damaligen Vize-Präsidenten Joe Biden. Diese Initiativen nahmen einen erfolgreichen Verlauf, weil Michelle Obama es verstand, mithilfe ihres eigenen Stabes dicke Bretter zu bohren und sie beharrlich bei der Sache blieb. Doch an erster Stelle stand für sie immer das Wohlergehen ihrer beiden Töchter.
So sehr Michelle Obama lange Zeit an sich selbst gezweifelt hat, so sehr bewundert sie ihren Mann. Mit Ausnahme seines Hangs zur Unordnung und seiner Probleme mit der Pünktlichkeit hat sie für ihn nur Bewunderung übrig. Auch seine Arbeit als US-Präsident stellt sie in ein durchweg positives Licht. Mit vollem Unverständnis reagiert sie auf die Versuche der republikanischen Abgeordneten, Obamas Reformen nur deshalb zu torpedieren, weil sie von ihm als Präsidenten der Demokratischen Partei kamen. Mit dem Verstand war es schließlich nicht zu erklären, dass zum Beispiel einem Gesetz, in dem es um die Reduzierung des Übergewichts von Kindern und Jugendlichen ging, von den Republikanern Steine in den Weg gelegt wurden. Das sind allerdings Mechanismen, die sich auch außerhalb der USA beobachten lassen.
Obama beschreibt, mit welchen Einschränkungen, aber auch Privilegien es verbunden ist, als Präsidentenfamilie im Weißen Haus zu leben. Man wird rund um die Uhr versorgt, kann aber wegen der strengen Sicherheitsbestimmungen so gut wie keinen Schritt machen, der nicht unter den Augen des Secret Services stattfindet. Spontan zu sein ist nicht mehr möglich. Damit die Töchter einen halbwegs normalen Alltag hatten, wurden die sehr strengen Regeln für sie an manchen Stellen gelockert.
Es ist kein Geheimnis, dass Michelle Obama mit der Präsidentschaft von Donald Trump hadert. Als er den Wahlkampf gegen Hillary Clinton gewann, war ihr unbegreiflich, wie auch Frauen und Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe diesem frauenverachtenden Rassisten ihre Stimme geben konnten. Sie nimmt ihm besonders übel, das Gerücht, Barack Obama sei nicht in den USA geboren worden und darum kein US-Bürger, befeuert zu haben. Damit hatte er nicht nur den Präsidenten, sondern auch dessen Familie ins Fadenkreuz potentieller durchgeknallter Attentäter gerückt: "Mit seinen bösartigen Unterstellungen gefährdete Donald Trump die Sicherheit meiner Familie. Und das werde ich ihm nie verzeihen."
Obama betont an mehreren Stellen ihre Liebe zu ihrem Land, trotz seiner Widrigkeiten und Widersprüchlichkeit. Eine dieser Widrigkeiten hatte sich am Wahltag gezeigt, der Trump zum 45. Präsidenten der USA machte: Seine Gegnerin Clinton hatte zwar fast drei Millionen mehr Stimmen, aber der künftige POTUS konnte eine größere Zahl von Wahlmännern hinter sich vereinen.
Michelle Obama betont mehrmals, dass sie für ein politisches Amt nicht zur Verfügung steht. Diese reservierte Haltung gegenüber der Politik zieht sich durch ihr ganzes Buch. Die Jahre im Weißen Haus bewertet sie jedoch grundsätzlich positiv; lediglich die Amtsübergabe an den Nachfolger ihres Mannes nahm sie mit Sorge wahr: Auf der Tribüne, auf der sich die vom frisch gewählten Präsidenten ausgesuchten Gäste befanden, bemerkte sie eine Eintönigkeit, wie sie sie bei früheren Amtseinführungen beobachtet hatte - weiß und männlich dominiert. Doch sie hat sich vorgenommen, sich den Optimismus, der sie immer begleitet hat, zu bewahren.
Becoming - meine Geschichte ist ein sehr interessanter Blick in das Leben der Familie Obama und den Werdegang von Michelle. Der Titel ist flüssig geschrieben und dicht dran, ein Pageturner zu sein. Was ein bisschen bremst, ist die Kritiklosigkeit der Autorin, wenn es um ihren Mann geht (siehe oben) und dieser immer mal wieder aufflackernde spezielle US-amerikanische Heimat-Pathos, den man auch in von dort stammenden Heldenfilmen findet.
Becoming - meine Geschichte ist 2018 bei Goldmann erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.
Autobiographie der früheren First Lady der USA Michelle Obama. Der Titel beschreibt gut, was sie ausmacht: das Streben, allen zu zeigen, was in ihr steckt, über alle Widerstände, die sich ihr aufgrund ihrer Hautfarbe und sozialen Herkunft in den Weg stellen, hinweg.
Ein Leben mit Höhen und Abgründen
Barack Obama war von 2009 bis 2017 Präsident der USA. Ein Amt, das seine Familie unweigerlich mit ins Boot holte, insbesondere seine Frau Michelle. Und das, obwohl diese Rolle nicht das war, was sie sich ursprünglich für ihr Leben vorgestellt hatte.
Michelle Obama beschreibt in ihrem Buch ihre Herkunft so genau, dass man sich gut in ihre Welt als Kind und junge Frau hineinversetzen kann. Es ist in drei große Abschnitte eingeteilt: Becoming Me - Ich werden, Becoming Us- Wir werden und Becoming More - Mehr werden. Sie beginnt mit den Verhältnissen, in denen sie aufwuchs, zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einer beengten Wohnung im Chicagoer Stadtteil South Shore. Der früh an Multipler Sklerose erkrankte Vater arbeitete für die Wasserwerke, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Den Eltern lag sehr daran, dass es ihren Kindern trotz der Einfachheit an nichts fehlte und sie eine Ausbildung erhielten, die ihren Begabungen entsprach.
Michelle Obama beschreibt, wie sie an vielen Stationen ihres Lebens den nagenden Zweifel in sich spürte: Bin ich gut genug? Kann ich die in mich gesetzten Erwartungen erfüllen? Immer wieder wurde ihr deutlich vor Augen geführt, dass man einer Schwarzen weniger zutraute; wenn sie dazu auch noch arm war, waren die Chancen noch geringer, einen anspruchsvollen Bildungsweg einzuschlagen und einen ausfüllenden Beruf auszuüben. Die Selbstzweifel wurden der späteren First Lady praktisch in die Wiege gelegt: Ihr Ur-Urgroßvater war ein Sklave gewesen, ihr Großvater war bei dem Versuch, sich beruflich weiterzuentwickeln, gegen unsichtbare Wände gelaufen und hatte irgendwann resigniert.
Obama erzählt aus ihrem Leben mit einer großen Offenheit: wie sie es geschafft hat, durch Fleiß und Disziplin sozial aufzusteigen, wie sie Barack Obama kennengelernt hat und wie dieser begann, sich politisch zu betätigen. Sie schreibt über ihren beruflichen Erfolg als Ivy-League-Absolventin in einer renommierten Anwaltskanzlei und dem Gefühl, sich dort auf dem falschen Weg zu befinden. Ihre Leser erfahren von den Tragödien in der Familie und im Freundeskreis, von Zusammenhalt in diesem Umfeld und von Niedertracht, wenn es um politische Auseinandersetzungen ging. Vieles davon ist auch in den deutschen Medien ein Thema gewesen, einiges ist jedoch so persönlich, dass es erst durch dieses Buch den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat.
Michelle Obama hat ihre Nebenrolle als FLOTUS dazu genutzt, Initiativen aufzubauen, die benachteiligte Menschen unterstützen sollten. Dabei bekam sie prominente Unterstützung z. B. von Jill Biden, der Ehefrau des damaligen Vize-Präsidenten Joe Biden. Diese Initiativen nahmen einen erfolgreichen Verlauf, weil Michelle Obama es verstand, mithilfe ihres eigenen Stabes dicke Bretter zu bohren und sie beharrlich bei der Sache blieb. Doch an erster Stelle stand für sie immer das Wohlergehen ihrer beiden Töchter.
So sehr Michelle Obama lange Zeit an sich selbst gezweifelt hat, so sehr bewundert sie ihren Mann. Mit Ausnahme seines Hangs zur Unordnung und seiner Probleme mit der Pünktlichkeit hat sie für ihn nur Bewunderung übrig. Auch seine Arbeit als US-Präsident stellt sie in ein durchweg positives Licht. Mit vollem Unverständnis reagiert sie auf die Versuche der republikanischen Abgeordneten, Obamas Reformen nur deshalb zu torpedieren, weil sie von ihm als Präsidenten der Demokratischen Partei kamen. Mit dem Verstand war es schließlich nicht zu erklären, dass zum Beispiel einem Gesetz, in dem es um die Reduzierung des Übergewichts von Kindern und Jugendlichen ging, von den Republikanern Steine in den Weg gelegt wurden. Das sind allerdings Mechanismen, die sich auch außerhalb der USA beobachten lassen.
Obama beschreibt, mit welchen Einschränkungen, aber auch Privilegien es verbunden ist, als Präsidentenfamilie im Weißen Haus zu leben. Man wird rund um die Uhr versorgt, kann aber wegen der strengen Sicherheitsbestimmungen so gut wie keinen Schritt machen, der nicht unter den Augen des Secret Services stattfindet. Spontan zu sein ist nicht mehr möglich. Damit die Töchter einen halbwegs normalen Alltag hatten, wurden die sehr strengen Regeln für sie an manchen Stellen gelockert.
Es ist kein Geheimnis, dass Michelle Obama mit der Präsidentschaft von Donald Trump hadert. Als er den Wahlkampf gegen Hillary Clinton gewann, war ihr unbegreiflich, wie auch Frauen und Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe diesem frauenverachtenden Rassisten ihre Stimme geben konnten. Sie nimmt ihm besonders übel, das Gerücht, Barack Obama sei nicht in den USA geboren worden und darum kein US-Bürger, befeuert zu haben. Damit hatte er nicht nur den Präsidenten, sondern auch dessen Familie ins Fadenkreuz potentieller durchgeknallter Attentäter gerückt: "Mit seinen bösartigen Unterstellungen gefährdete Donald Trump die Sicherheit meiner Familie. Und das werde ich ihm nie verzeihen."
Obama betont an mehreren Stellen ihre Liebe zu ihrem Land, trotz seiner Widrigkeiten und Widersprüchlichkeit. Eine dieser Widrigkeiten hatte sich am Wahltag gezeigt, der Trump zum 45. Präsidenten der USA machte: Seine Gegnerin Clinton hatte zwar fast drei Millionen mehr Stimmen, aber der künftige POTUS konnte eine größere Zahl von Wahlmännern hinter sich vereinen.
Michelle Obama betont mehrmals, dass sie für ein politisches Amt nicht zur Verfügung steht. Diese reservierte Haltung gegenüber der Politik zieht sich durch ihr ganzes Buch. Die Jahre im Weißen Haus bewertet sie jedoch grundsätzlich positiv; lediglich die Amtsübergabe an den Nachfolger ihres Mannes nahm sie mit Sorge wahr: Auf der Tribüne, auf der sich die vom frisch gewählten Präsidenten ausgesuchten Gäste befanden, bemerkte sie eine Eintönigkeit, wie sie sie bei früheren Amtseinführungen beobachtet hatte - weiß und männlich dominiert. Doch sie hat sich vorgenommen, sich den Optimismus, der sie immer begleitet hat, zu bewahren.
Becoming - meine Geschichte ist ein sehr interessanter Blick in das Leben der Familie Obama und den Werdegang von Michelle. Der Titel ist flüssig geschrieben und dicht dran, ein Pageturner zu sein. Was ein bisschen bremst, ist die Kritiklosigkeit der Autorin, wenn es um ihren Mann geht (siehe oben) und dieser immer mal wieder aufflackernde spezielle US-amerikanische Heimat-Pathos, den man auch in von dort stammenden Heldenfilmen findet.
Becoming - meine Geschichte ist 2018 bei Goldmann erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.
Sonntag, 26. Januar 2020
# 226 - Schreib jetzt!
Schreibratgeber gibt es wie Sand am Meer. Sie beschäftigen sich meistens mit den "richtigen" Techniken oder geben Ratschläge, welche Orte sich möglicherweise fern des eigenen Schreibtischs zum Schreiben eignen. Viele dieser Titel tun genau das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen: Sie zerstören die Lust am Schreiben und zertreten den Willen derjenigen Menschen, die einen letzten Schubs benötigen, wie man eine zarte Flamme zum Erlöschen bringen würde.Doris Dörries Ansatz ist ein anderer. In Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben stößt sie die Tür zu ihrem eigenen Leben auf. In 50 kurzen Kapiteln lässt sie ihre Leser intensiv an Ereignissen teilhaben, die sie geprägt und zu dem Menschen gemacht haben, der sie ist. Es geht um die Höhen ebenso wie um die Tiefen: Dörrie beschönigt nichts und man hat den Eindruck, dass sie bei der Schilderung der sehr unterschiedlichen Situationen auch nichts auslässt. Sie geht dabei nicht chronologisch vor, sondern greift Erinnerungen auf, die nur einem Zweck zu dienen scheinen: den Leser aufzufordern, sich ebenfalls zu erinnern.
Alles ist es wert, aufgeschrieben zu werden: Schönes und Trauriges, Gewonnenes und Verlorenes, Erinnerungen innerhalb eines Lebensabschnitts, Erinnerungen an bestimmte Menschen, Orte oder Dinge. Indem Dörrie in ihren Kapiteln verschiedene Zeitformen anwendet, demonstriert sie deren Wirkung auf den Text und regt dazu an, das selbst auszuprobieren.
Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben ist das Buch, wenn es darum geht, Schreibhemmungen wirkungsvoll abzubauen. Es fordert außerdem dazu auf, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und sich nicht vom Schreiben abzuhalten oder abhalten zu lassen.
Doris Dörrie hat im letzten Absatz ihres Buches noch einmal deutlich darauf hingewiesen, worum es ihr geht:
"Schreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat. Man entfernt sich von der Welt über Wasser und darf nicht in Panik geraten. Man taucht ab in das eigene Leben. In das Leben, das man wirklich hat, nicht das, das man sich vielleicht wünscht. Man ist mit einem Mal dort, wo einem niemand zuschaut. Ganz bei sich. Ruhig weiteratmen! Weiterschreiben. Weitermachen. Jeder Tag ist ein guter Tag."
Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.
Samstag, 18. Januar 2020
# 225 - Ein Blick in den Maghreb
Während der Frankfurter Buchmesse habe ich mich mit der Mainzer Verlegerin Donata Kinzelbach unterhalten, die mit ihren Büchern eine Nische besetzt, zumindest für deutsche Verhältnisse. Seit mehr als 30 gibt sie Literatur aus dem Maghreb heraus. Ihr Schwerpunkt liegt auf Titeln aus Marokko, Algerien und Tunesien.
Der Maghreb: Das sind etwa 100 Millionen Menschen, die in den Mitgliedsstaaten der Arab Maghreb Union (AMU) leben - also Algerien, Libyen, Mauretanien, Marokko und Tunesien - sowie Gebieten in der West-Sahara und die Städte Ceuta und Melilla. Einige der Maghrebstaaten sind vielen Deutschen als Urlaubsziele bekannt, viel Aufmerksamkeit bekamen die Länder im Zuge des Arabischen Frühlings.
Ich stelle hier zum Einstieg zwei Bücher aus dem Kinzelbach Verlag vor, die einen ersten Eindruck von der Bandbreite bieten, die die Maghreb-Literatur zu bieten hat. Beide stammen von der algerischstämmigen Autorin Fatima Belhadj, sind jedoch sehr unterschiedlich.
In Leben in der Banlieue geht es vordergründig um zwölf Menschen, die es aus maghrebinischen Staaten in die Banlieu verschlagen hat. Aber hinter jedem Schicksal steht auch die Vorstadt mit ihrer Kriminalität, den Drogen und den verschiedenen Nationalitäten, die hier aufeinander treffen. Nicht nur aus dem Maghreb, sondern auch aus afrikanischen Ländern oder Osteuropa. Da ist zwar auch ein Zusammenhalt nach außen, aber eben auch die Abwesenheit von Lebensfreude.
Fatima Belhadj erzählt zum Beispiel von einem zwanzigjährigen Mann, der schon zwei Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, und von der fünfzigjährigen Tunesierin, die mit ihrem Mann bis zu dessen Tod in einer arrangierten Ehe lebte. Manche leben freiwillig in der Banlieu, anderen wurde dort von der Sozialbehörde eine Wohnung zugewiesen. Die beschriebenen Personen sind fiktiv, hinter ihnen stehen jedoch tatsächlich existierende Menschen. Mit ihrer klaren und unmittelbaren Sprache ermöglicht es die Autorin ihren Lesern, direkt in die Atmosphäre und besonderen Umstände, unter denen die beschriebenen Menschen leben, einzutauchen. Leben in der Banlieu stößt eine Tür auf, die in eine uns fremde Welt führt.
Das zweite Buch von Fatima Belhadj, das ich
vorstelle, hat den Titel Das Geheimnis des Mondes. Es handelt von einer auf einer berberischen Erzählung basierenden Geschichte: Die 16-jährige Massilya ist zusammen mit ihrer Mutter von Frankreich in den Osten Algeriens gereist, um dort bei den Chaouis, einem Berbervolk, die Ferien zu verbringen. Die Eltern stammen aus der Gegend, dem Mädchen ist sie fremd.
Es fehlt dort nicht nur an Strom und fließendem Wasser, sondern Massilya ist auch von den Anschauungen der Menschen befremdet: Das ganze Leben geschieht nach dem Willen Gottes und ist für jeden vorherbestimmt. Da die Ereignisse ohnehin Schicksal sind, hat es keinen Sinn, dagegen anzukämpfen.
Was Massilya nicht ahnt: Ihre Eltern haben sie dem wohlhabenden und deutlich älteren Aghilas versprochen. Als sie davon erfährt, wird ihr schlagartig klar, dass ihr Körper nicht ihr, sondern ihren Eltern gehört und nach der Hochzeit in das Eigentum von Aghilas übergehen würde.
Doch dann lernt sie auf dem Markt den jungen Wighlan kennen und beide verlieben sich sofort ineinander. Als Massilya schwanger wird, nimmt die Handlung einen dramatischen Verlauf und mündet in ein ungewöhnliches Ende.
Mit ihrem Buch tritt Fatima Belhadj deutlich für das Recht ein, dass sich Frauen ihren Ehepartner selbst auswählen und eigenständig über ihr Leben entscheiden können.
Sowohl Leben in der Banlieu als auch Das Geheimnis des Mondes sind als Taschenbuch für je 18 Euro erhältlich.
In Kürze wird es eine weitere Vorstellung eines Titels aus dem Kinzelbach Verlag geben. Das dann vorgestellte Buch wird einen sehr aktuellen Bezug haben.
Der Maghreb: Das sind etwa 100 Millionen Menschen, die in den Mitgliedsstaaten der Arab Maghreb Union (AMU) leben - also Algerien, Libyen, Mauretanien, Marokko und Tunesien - sowie Gebieten in der West-Sahara und die Städte Ceuta und Melilla. Einige der Maghrebstaaten sind vielen Deutschen als Urlaubsziele bekannt, viel Aufmerksamkeit bekamen die Länder im Zuge des Arabischen Frühlings.
Ich stelle hier zum Einstieg zwei Bücher aus dem Kinzelbach Verlag vor, die einen ersten Eindruck von der Bandbreite bieten, die die Maghreb-Literatur zu bieten hat. Beide stammen von der algerischstämmigen Autorin Fatima Belhadj, sind jedoch sehr unterschiedlich.
In Leben in der Banlieue geht es vordergründig um zwölf Menschen, die es aus maghrebinischen Staaten in die Banlieu verschlagen hat. Aber hinter jedem Schicksal steht auch die Vorstadt mit ihrer Kriminalität, den Drogen und den verschiedenen Nationalitäten, die hier aufeinander treffen. Nicht nur aus dem Maghreb, sondern auch aus afrikanischen Ländern oder Osteuropa. Da ist zwar auch ein Zusammenhalt nach außen, aber eben auch die Abwesenheit von Lebensfreude.Fatima Belhadj erzählt zum Beispiel von einem zwanzigjährigen Mann, der schon zwei Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, und von der fünfzigjährigen Tunesierin, die mit ihrem Mann bis zu dessen Tod in einer arrangierten Ehe lebte. Manche leben freiwillig in der Banlieu, anderen wurde dort von der Sozialbehörde eine Wohnung zugewiesen. Die beschriebenen Personen sind fiktiv, hinter ihnen stehen jedoch tatsächlich existierende Menschen. Mit ihrer klaren und unmittelbaren Sprache ermöglicht es die Autorin ihren Lesern, direkt in die Atmosphäre und besonderen Umstände, unter denen die beschriebenen Menschen leben, einzutauchen. Leben in der Banlieu stößt eine Tür auf, die in eine uns fremde Welt führt.
Das zweite Buch von Fatima Belhadj, das ich
vorstelle, hat den Titel Das Geheimnis des Mondes. Es handelt von einer auf einer berberischen Erzählung basierenden Geschichte: Die 16-jährige Massilya ist zusammen mit ihrer Mutter von Frankreich in den Osten Algeriens gereist, um dort bei den Chaouis, einem Berbervolk, die Ferien zu verbringen. Die Eltern stammen aus der Gegend, dem Mädchen ist sie fremd.
Es fehlt dort nicht nur an Strom und fließendem Wasser, sondern Massilya ist auch von den Anschauungen der Menschen befremdet: Das ganze Leben geschieht nach dem Willen Gottes und ist für jeden vorherbestimmt. Da die Ereignisse ohnehin Schicksal sind, hat es keinen Sinn, dagegen anzukämpfen.
Was Massilya nicht ahnt: Ihre Eltern haben sie dem wohlhabenden und deutlich älteren Aghilas versprochen. Als sie davon erfährt, wird ihr schlagartig klar, dass ihr Körper nicht ihr, sondern ihren Eltern gehört und nach der Hochzeit in das Eigentum von Aghilas übergehen würde.
Doch dann lernt sie auf dem Markt den jungen Wighlan kennen und beide verlieben sich sofort ineinander. Als Massilya schwanger wird, nimmt die Handlung einen dramatischen Verlauf und mündet in ein ungewöhnliches Ende.
Mit ihrem Buch tritt Fatima Belhadj deutlich für das Recht ein, dass sich Frauen ihren Ehepartner selbst auswählen und eigenständig über ihr Leben entscheiden können.
Sowohl Leben in der Banlieu als auch Das Geheimnis des Mondes sind als Taschenbuch für je 18 Euro erhältlich.
In Kürze wird es eine weitere Vorstellung eines Titels aus dem Kinzelbach Verlag geben. Das dann vorgestellte Buch wird einen sehr aktuellen Bezug haben.
Freitag, 10. Januar 2020
# 224 - Das Mittelalter ruft: Die Waringhams sind zurück
Leser von Rebecca Gablé, die die bislang fünf Bände
der Waringham-Saga kennen, dürfen sich den sechsten Band Teufelskrone nicht entgehen lassen. Wer die Saga noch nicht kennt, kann problemlos mit diesem Buch einsteigen: Der neueste Titel aus der Reihe spielt nicht etwa nach dem fünften Teil Der Palast der Meere, sondern ist zeitlich vor dem ersten angesiedelt: Gablé lässt die Handlung Ende Dezember 1192 mit der Festsetzung von König Richard "Löwenherz" von England durch den österreichischen Herzog Leopold V. beginnen.
Dieser Schachzug ist zwar taktisch gut überlegt, treibt aber in den darauffolgenden Jahrzehnten einen Keil zwischen die Brüder. Beide stehen loyal hinter ihren Dienstherren und verteidigen diese gegen Angriffe aller Art - auch untereinander. Die Situation verkompliziert sich, als sich Guillaume und Yvain in dieselbe Frau verlieben und der Ältere sie heiratet.
Rebecca Gablé verwebt das Schicksal der Familie Waringham - wieder einmal - gekonnt mit der englischen Geschichte, bis hin zur Mitwisserschaft an einem Mord, der Yvain of Waringham mit König John verbindet. Der Roman zeugt von den profunden historischen Kenntnissen der Autorin und ist gewohnt flüssig und spannend geschrieben. Die mehr als 900 Seiten sind schnell gelesen. Er endet im Jahr 1216 nach einer schicksalhaften Krise, die die Familie in mehrfacher Hinsicht heimgesucht hat.
Wenn es an diesem Buch überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass es so etwas wie der Teil 0 der gesamten Saga ist. Dadurch büßt eine der eigentlich spannendsten Begebenheiten etwas von ihrer Dramatik ein.
Auf jeden Fall. Teufelskrone hat keiner Stelle Längen; da die Zahl der Akteure geringer ist als bei den anderen Teilen der Saga, lässt sich der Verlauf etwas einfacher nachvollziehen. Ein Verzeichnis der wichtigsten Personen sowie ein Stammbaum des Hauses Plantagenet helfen dabei, den Überblick zu behalten.
Teufelskrone ist bei Lübbe erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro, als E-Book 19,99 Euro sowie als Audio-CD 24,98 Euro.
der Waringham-Saga kennen, dürfen sich den sechsten Band Teufelskrone nicht entgehen lassen. Wer die Saga noch nicht kennt, kann problemlos mit diesem Buch einsteigen: Der neueste Titel aus der Reihe spielt nicht etwa nach dem fünften Teil Der Palast der Meere, sondern ist zeitlich vor dem ersten angesiedelt: Gablé lässt die Handlung Ende Dezember 1192 mit der Festsetzung von König Richard "Löwenherz" von England durch den österreichischen Herzog Leopold V. beginnen.
Die Familie in zwei Lagern
Die fiktive Familie Waringham wird dieses Mal vom Vater Earl Jocelyn of Waringham und seinen Söhnen Guillaume und Yvain dominiert. Jocelyn behält nicht nur die Geschicke seiner Baronie im Blick, sondern beobachtet auch aufmerksam die politische Entwicklung in England. König Richard kann sich seiner Position nicht sicher sein, denn sein Bruder Prinz John "Ohneland" beansprucht die Krone ebenfalls für sich. Guillaume ist bereits ein Ritter des Königs, und als Yvain alt genug ist, schickt ihn sein Vater als Knappe an den Hof des Prinzen. Es ist schließlich immer gut, zwei Eisen im Feuer zu haben.
Dieser Schachzug ist zwar taktisch gut überlegt, treibt aber in den darauffolgenden Jahrzehnten einen Keil zwischen die Brüder. Beide stehen loyal hinter ihren Dienstherren und verteidigen diese gegen Angriffe aller Art - auch untereinander. Die Situation verkompliziert sich, als sich Guillaume und Yvain in dieselbe Frau verlieben und der Ältere sie heiratet.
Rebecca Gablé verwebt das Schicksal der Familie Waringham - wieder einmal - gekonnt mit der englischen Geschichte, bis hin zur Mitwisserschaft an einem Mord, der Yvain of Waringham mit König John verbindet. Der Roman zeugt von den profunden historischen Kenntnissen der Autorin und ist gewohnt flüssig und spannend geschrieben. Die mehr als 900 Seiten sind schnell gelesen. Er endet im Jahr 1216 nach einer schicksalhaften Krise, die die Familie in mehrfacher Hinsicht heimgesucht hat.
Wenn es an diesem Buch überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass es so etwas wie der Teil 0 der gesamten Saga ist. Dadurch büßt eine der eigentlich spannendsten Begebenheiten etwas von ihrer Dramatik ein.
Lesen?
Teufelskrone ist bei Lübbe erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro, als E-Book 19,99 Euro sowie als Audio-CD 24,98 Euro.
Samstag, 28. Dezember 2019
# 223 - Dem Tod ins Gesicht sehen
Fans von Fantasy-Büchern ist sein Name auf jeden Fall ein Begriff: Der 2015 verstorbene britische Schriftsteller Terry Pratchett ist vor allem für seine 41 Romane aus der Scheibenwelt-Reihe bekannt.
Im Herbst 2009 erfuhr Pratchett im Alter von nur 59 Jahren, dass er an
einer seltenen Variante von Alzheimer erkrankt war. Er gehörte nicht zu den Menschen, die Angst vor dem Sterben an sich hatten. Seine Ängste richteten sich gegen die Art des Sterbens: Pratchett hatte mit der Diagnose realisiert, dass ihm nun die Möglichkeit verwehrt sein würde, das Ende des Leidenswegs selbst zu bestimmen. Seine Wut über diesen Zustand kanalisierte er auf eine Weise, die er am besten beherrschte: schreibend.
Der kleine Band Dem Tod die Hand reichen ist 2016 erschienen und enthält eine Rede Pratchetts, die am 1. Februar 2010 von der BBC aus der Royal Society of Medicine ausgestrahlt wurde. Die Rede hielt Pratchett anlässlich der jährlich stattfindenden Richard Dimbleby Lecture, die sich gesellschaftlichen Themen widmet. Die Reihe wird zu Ehren des ersten Kriegsberichterstatters der BBC fast jedes Jahr gesendet. Der Journalist Dimbleby war 1965 an Krebs gestorben. Seine Familie hatte damals ein gesellschaftliches Tabu gebrochen, indem sie offen über die Todesursache gesprochen hatte. Das setzte in Großbritannien erstmals eine öffentliche Diskussion über diese Krankheit in Gang.
Möglicherweise hatte die BBC Pratchett genau deshalb gebeten, für die Ausgabe des Jahres 2010 einen Vortrag zu halten, weil sie sich eben diesen Effekt von 1965 erhoffte. Pratchett schonte in seiner Rede inhaltlich weder sich noch sein Publikum. Er berichtete davon, dass kein Arzt berechtigt war, ihm das einzige palliative Alzheimer-Medikament zu verschreiben, das erhältlich war. Er kritisierte, dass der Begriff der 'Sterbehilfe' ("assisted death") in Großbritannien immer noch unter dem Schlagwort 'Beihilfe zur Selbsttötung' ("assisted suicide") läuft.
Der Autor spricht sich deutlich für eine medizinische Sterbehilfe aus, wenn Patienten unter einer todbringenden Krankheit leiden und ihr Leben ausdrücklich beenden wollen. Pratchett greift auch die oft wiederholte Kritik der Sterbehilfe-Gegner auf, die auf den möglichen Missbrauch hinweisen. Er führt eine Studie aus dem US-Bundesstaat Oregon an, über die 2007 im 'Journal of Medical Ethics' berichtet wurde. Dort wurde die Sterbehilfe legalisiert, aber es gab keine Hinweise darauf, dass sie bei wehrlosen Patienten missbräuchlich angewendet wurde.
Pratchett machte in seiner Rede einen Vorschlag, wie mit dem Thema Sterbehilfe künftig umgegangen werden sollte und löste in seiner Heimat tatsächlich eine gesellschaftliche und politische Diskussion aus.
Dem Tod die Hand reichen ist im Manhattan Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 10 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.
Im Herbst 2009 erfuhr Pratchett im Alter von nur 59 Jahren, dass er an
einer seltenen Variante von Alzheimer erkrankt war. Er gehörte nicht zu den Menschen, die Angst vor dem Sterben an sich hatten. Seine Ängste richteten sich gegen die Art des Sterbens: Pratchett hatte mit der Diagnose realisiert, dass ihm nun die Möglichkeit verwehrt sein würde, das Ende des Leidenswegs selbst zu bestimmen. Seine Wut über diesen Zustand kanalisierte er auf eine Weise, die er am besten beherrschte: schreibend.
Der kleine Band Dem Tod die Hand reichen ist 2016 erschienen und enthält eine Rede Pratchetts, die am 1. Februar 2010 von der BBC aus der Royal Society of Medicine ausgestrahlt wurde. Die Rede hielt Pratchett anlässlich der jährlich stattfindenden Richard Dimbleby Lecture, die sich gesellschaftlichen Themen widmet. Die Reihe wird zu Ehren des ersten Kriegsberichterstatters der BBC fast jedes Jahr gesendet. Der Journalist Dimbleby war 1965 an Krebs gestorben. Seine Familie hatte damals ein gesellschaftliches Tabu gebrochen, indem sie offen über die Todesursache gesprochen hatte. Das setzte in Großbritannien erstmals eine öffentliche Diskussion über diese Krankheit in Gang.
Möglicherweise hatte die BBC Pratchett genau deshalb gebeten, für die Ausgabe des Jahres 2010 einen Vortrag zu halten, weil sie sich eben diesen Effekt von 1965 erhoffte. Pratchett schonte in seiner Rede inhaltlich weder sich noch sein Publikum. Er berichtete davon, dass kein Arzt berechtigt war, ihm das einzige palliative Alzheimer-Medikament zu verschreiben, das erhältlich war. Er kritisierte, dass der Begriff der 'Sterbehilfe' ("assisted death") in Großbritannien immer noch unter dem Schlagwort 'Beihilfe zur Selbsttötung' ("assisted suicide") läuft.
Der Autor spricht sich deutlich für eine medizinische Sterbehilfe aus, wenn Patienten unter einer todbringenden Krankheit leiden und ihr Leben ausdrücklich beenden wollen. Pratchett greift auch die oft wiederholte Kritik der Sterbehilfe-Gegner auf, die auf den möglichen Missbrauch hinweisen. Er führt eine Studie aus dem US-Bundesstaat Oregon an, über die 2007 im 'Journal of Medical Ethics' berichtet wurde. Dort wurde die Sterbehilfe legalisiert, aber es gab keine Hinweise darauf, dass sie bei wehrlosen Patienten missbräuchlich angewendet wurde.
Pratchett machte in seiner Rede einen Vorschlag, wie mit dem Thema Sterbehilfe künftig umgegangen werden sollte und löste in seiner Heimat tatsächlich eine gesellschaftliche und politische Diskussion aus.
Dem Tod die Hand reichen ist im Manhattan Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 10 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.
Sonntag, 22. Dezember 2019
# 222- Eine Geschichte vom Abschiednehmen
Vatersohn hat Monika Boldt ihr erstes Buch betitelt und damit in diesem einen Wort viel von dessen Inhalt gesagt.
Im Mittelpunkt steht die Familie Kampmann. Die
Handlung spielt in der Nähe von Düsseldorf in den 1970-er Jahren. Vater Kampmann ist Lokführer, die Mutter kümmert sich um die beiden Kinder und den Haushalt. Der Sohn Marten ist zehn Jahre alt, seine Schwester Liz einige Jahre älter. Auch die Oma, Vater Kampmanns Mutter, spielt eine Rolle.
Der Alltag ist berechenbar und läuft nach einem festen Muster ab. Jeder hat seine Pflichten zu erfüllen. Der Vater ist für seinen Sohn ein Vorbild, das Kind bewundert seine Fähigkeiten und Kenntnisse beim Umgang mit Zügen.
Doch dann kommt der Tag, der alles durcheinanderwirft. Ein Selbstmörder steht plötzlich auf den Gleisen, als Kampmann die Strecke fährt, die er längst auswendig kennt. Es dauert 48 Sekunden, bis der Zug nach der Vollbremsung zum Stehen kommt. Die längsten 48 Sekunden in Kampmanns Leben. Zu lang, um den unbekannten Mann zu retten.
Der Lokführer ist seelisch tief erschüttert und versucht, den Vorfall zu verarbeiten. Dabei ist er praktisch auf sich allein gestellt. Diese Belastung ist zu viel für ihn, er stirbt wenige Wochen nach dem Unfall.
Sein Tod bringt seine Familie an den Abgrund der Verzweiflung. Die Mutter schafft es in ihrem Schmerz nicht, für ihre haltlosen Kinder da zu sein. Marten versucht sich zu schützen, indem er sich einredet, dass sein Vater nur für eine Weile weg sei und irgendwann zurückkomme. Da bekommt er eine Nachricht, die seine Welt erneut ins Wanken bringt. Er fasst einen wahnwitzigen Plan.
Vatersohn erzählt von sich nach einem Schicksalsschlag lösenden familiären Bindungen, der Vorstellung der damaligen Gesellschaft, dass man mit Belastungen selbst fertig werden muss und die Zeit alle Wunden heilt und von der Erkenntnis, dass sich in der eigenen Familie keineswegs die besseren Menschen befinden. Die Leichen befinden sich allerdings nicht im Keller.
Monika Boldts Roman ist ein sehr gelungenes Debut, das nach dem Lesen der letzten Sätze noch nachhallt. Die Autorin liest hier einige Abschnitte aus ihrem Buch:
Vatersohn ist im Karl Rauch Verlag erschienen und kostet 20 Euro. Der Titel ist sehr schön mit einem strukturierten Bezugspapier und einem Lesebändchen ausgestattet.
Im Mittelpunkt steht die Familie Kampmann. Die
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| © Karl Rauch Verlag |
Der Alltag ist berechenbar und läuft nach einem festen Muster ab. Jeder hat seine Pflichten zu erfüllen. Der Vater ist für seinen Sohn ein Vorbild, das Kind bewundert seine Fähigkeiten und Kenntnisse beim Umgang mit Zügen.
Doch dann kommt der Tag, der alles durcheinanderwirft. Ein Selbstmörder steht plötzlich auf den Gleisen, als Kampmann die Strecke fährt, die er längst auswendig kennt. Es dauert 48 Sekunden, bis der Zug nach der Vollbremsung zum Stehen kommt. Die längsten 48 Sekunden in Kampmanns Leben. Zu lang, um den unbekannten Mann zu retten.
Der Lokführer ist seelisch tief erschüttert und versucht, den Vorfall zu verarbeiten. Dabei ist er praktisch auf sich allein gestellt. Diese Belastung ist zu viel für ihn, er stirbt wenige Wochen nach dem Unfall.
Sein Tod bringt seine Familie an den Abgrund der Verzweiflung. Die Mutter schafft es in ihrem Schmerz nicht, für ihre haltlosen Kinder da zu sein. Marten versucht sich zu schützen, indem er sich einredet, dass sein Vater nur für eine Weile weg sei und irgendwann zurückkomme. Da bekommt er eine Nachricht, die seine Welt erneut ins Wanken bringt. Er fasst einen wahnwitzigen Plan.
Lesen?
Monika Boldts Roman ist ein sehr gelungenes Debut, das nach dem Lesen der letzten Sätze noch nachhallt. Die Autorin liest hier einige Abschnitte aus ihrem Buch:
Vatersohn ist im Karl Rauch Verlag erschienen und kostet 20 Euro. Der Titel ist sehr schön mit einem strukturierten Bezugspapier und einem Lesebändchen ausgestattet.
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