Sonntag, 26. November 2023

# 419 - Solmeckes juristischer Adventskalender

Christian Solmecke ist Rechtsanwalt und vielen YouTube-Nutzern durch seinen Kanal WBS LEGAL bekannt. Dort nimmt er zu Rechtsfragen Stellung, die ein breites Publikum interessieren. Fast 950.000 Abonnenten sind ein deutliches Indiz, wie groß das Interesse an juristischen Alltagsfragen ist.

Mit seinem Buch Recht besinnlich - Der juristische Adventskalender richtet sich Solmecke an alle, die sich die Zeit bis zum Weihnachtsfest nicht mit dem täglichen Verzehr von Süßigkeiten vertreiben wollen, sondern ihren juristischen Horizont erweitern möchten. Solmecke geht dabei durchaus kreativ vor. An manchen Tagen nimmt er die Weihnachtsgeschichte genauer unter die Lupe und fragt seine Leserinnen und Leser, wie sie den einen oder anderen Sachverhalt mithilfe ihres sog. Bauchgefühls beurteilen würden: Stören Engel durch ihr unkoordiniertes Herumfliegen den Luftraum? Durfte der unfreundliche Herbergsvater Maria und Josef seines Hauses verweisen, obwohl sie sich in einer Notlage befanden? 

Selbstverständlich wird jede dieser Rechtsfragen von Solmecke beantwortet, sodass nichts unklar bleibt. Aber ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass das Bauchgefühl bei juristisch strittigen Sachverhalten nicht der beste Ratgeber ist.

Solmecke belässt es in seinem besonderen Adventskalender aber nicht bei der Weihnachtsgeschichte, sondern wendet sich auch Ereignissen zu, die in den letzten Jahren stattgefunden und einen Bezug zum christlichen Glauben haben. Da ist die das Wort "Jesus" enthaltende Grußformel eines Callcenter-Mitarbeiters ebenso zu nennen wie der Tod eines evangelikalen Missionars, der sich dazu berufen fühlte, trotz eines Kontaktverbots der indischen Regierung die völlig von der Außenwelt isoliert lebenden Sentinelesen zu bekehren. Er schlug nicht nur das Regierungsverbot, sondern auch die unübersehbar ablehnende Reaktion der Bewohnerinnen und Bewohner auf North Sentinel Island in den Wind. Die juristische Frage, die sich nun stellt: Kann man die Sentinelesen für die Tötung des Missionars zur Rechenschaft ziehen?

Lesen?

Recht besinnlich - Der juristische Adventskalender ist eine unterhaltsame Abwechslung zu den üblichen Adventskalendern und beweist, dass Jura nicht "trocken" sein muss.

Das Buch ist 2023 bei Yes Publishing erschienen und kostet 12 Euro.

Sonntag, 19. November 2023

# 418 - Von Menschen und Krähen

Der Schriftsteller Alexander Höch hat gerade eine
Chemotherapie hinter sich. Aber anstatt sich um ihn zu kümmern, beschließt seine Frau Eva, gerade jetzt das gemeinsame Haus renovieren zu lassen. Alexander wird in der Wohnung seines Bruders Georg untergebracht, der gerade auf Reisen ist. Eva duldet keinen Widerspruch, die dominante Psychotherapeutin weiß, wie sie ihren Mann "überzeugen" kann. Christina Walker gibt in ihrem Roman Kleine Schule des Fliegens einen tiefen Einblick in den Seelenzustand eines Mannes, der eine große Lebenskrise (vorläufig) überstanden hat und sich ungewollten neuen Herausforderungen gegenübersieht.

Alexander fühlt sich abgeschoben, lästig und alleingelassen. Georgs Wohnung ist ihm fremd. Fremd ist ihm auch Melitta Müller, die immer wieder kurz vorbeikommt, um die Blumen zu gießen, ein bisschen zu putzen und kleine Besorgungen zu erledigen. Sie steht jedes Mal unverhofft in der Wohnung, was Alexander als ein Eindringen in seine Privatsphäre empfindet. Melitta behauptet jedoch jedes Mal, vorher geklingelt zu haben.

Eine Abwechslung bieten die Krähen, die auf der gegenüberliegenden Platane dabei sind, Nester zu bauen. An den Tieren scheiden sich allerdings die Gemüter der Nachbarschaft: Bewohnerinnen und Bewohner eines Altenheims füttern die Vögel heimlich, andere Nachbarn - allen voran Melitta - setzen alles daran, sie zu vertreiben.

"Das ist eine der schönsten Straßen der Stadt", sagte die Frau mit den kurzen blonden Haaren, "eine Krähenkolonie hat hier einfach keinen Platz."
Kommt einem dieser Satz nicht aus anderen Zusammenhängen bekannt vor?

Es ist Eile geboten, denn sobald die Nester fertig sind, müssen die Krähen in Ruhe gelassen werden. Der Eifer der Krähengegner scheint keine Grenzen zu kennen: Es beginnt mit einem gelben Vergrämungsballon, der in den Zweigen der Platane hängt und dessen eckige Augen den Krähen Angst machen sollen. Statt weniger kommen jedoch mehr von ihnen. Die Krähenhasser versuchen es mit dem gesamten Sortiment des Vergrämungsmarktes, haben aber keinen Erfolg. Eines Morgens findet Alexander auf dem Küchentisch einen Revolver. Er gehört Melitta, die auch die passende Schreckschussmunition dabei hat. 

"Wo sich eine Saatkrähe niederlässt", erwiderte Melitta Miller, "folgen bald die nächsten. Das ist der Beginn einer Migrationsbewegung, wenn wir nichts tun." 

Lesen?

Kleine Schule des Fliegens ist ein sensibler Roman über die Einsamkeit eines Menschen und die Parallelen zwischen zwischen dem Wesen Alexanders und dem der Krähen. Nicht zuletzt verbirgt sich in dem Roman auch eine Portion Gesellschaftskritik, die aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt.

Kleine Schule des Fliegens ist 2023 im Braumüller Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 22 Euro. Das Buch stand auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises 2023.


Sonntag, 12. November 2023

# 417 - Männer töten

Absicht oder Zufall? Je nachdem, ob man im Titel von Eva Reisingers Debütroman Männer töten das erste oder zweite Wort betont, ergibt sich ein völlig entgegengesetzter Sinn. Grund genug, sich dieses Buch genauer anzusehen.

Anna Maria ist 30 Jahre alt, Österreicherin und lebt in Berlin. Sie arbeitet seit drei Jahren für ein Praktikantinnen-Salär in einer Agentur für Online-Marketing und hat in der Hoffnung, dort beruflich aufsteigen zu können, ihr Studium geschmissen. Sie hat in Berlin zwei enge Freundinnen, fühlt sich dort aber immer unwohler. Die On-Off-Beziehung mit dem selbstbezogenen Friedrich ist eine Belastung. Anna Marias Leben fühlt sich an, als sei es in einer Sackgasse. 

In dieser Situation lernt sie in einem Club Hannes kennen. Er ist ebenfalls Österreicher und hat in dem abgelegenen oberösterreichischen Dorf Engelhartskirchen den Hof der Eltern übernommen. Kurz, nachdem die beiden einen One-Night-Stand haben, hat Anna Maria einen Fahrradunfall. Der einzige, der ihr auf die Frage des Krankenhausarztes: "Wer kann sie abholen?" einfällt, ist Hannes.

Anna Marias neues Leben beginnt in Engelhartskirchen an Hannes' Seite. Insbesondere die Frauen des Dorfes nehmen sie in ihrer Mitte auf. Gleich zu Beginn wird sie zum Junggesellinnenabschied von Sabine und Josepha eingeladen, dessen wichtigstes Merkmal der maßlose Alkoholkonsum ist. Anna Maria registriert zunächst alles, was ein österreichisches Dorf klischeehaft ausmacht: die idyllische Landschaft, die Kühe auf den Weiden, die Kirche. Doch dann wundert sie sich über die ihr fremden Gepflogenheiten wie die Arbeit der selbsternannte Pastorin, aber nach und nach begreift sie, was diesen Ort von allen anderen im Land unterscheidet: Hier wird das Matriarchat gelebt, und zwar bis zur letzten Konsequenz. Im Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen hält die weibliche Dorfgemeinschaft eisern zusammen: die mit Verächtlichmachung gepaarte Homophobie des Hausarztes, Friedrichs in einer Vergewaltigung mündendes Stalking, ein der Frauengemeinschaft gefährlich werdender Journalist... Sie alle geben Anlässe, sich gegen Männer zu wehren. 

Lesen?

Es ist nicht schwer zu erkennen, welchen roten Faden Eva Reisinger in ihrem Roman verfolgt. In Engelhartskirchen wird die Umkehrung des andernorts vorherrschenden Patriarchats gelebt. Eines Patriarchats, das in Österreich zu durchschnittlich einem Femizid alle zwei Wochen und jährlich 50 Mordversuchen an Frauen führt. In Deutschland verliert im Durchschnitt alle drei Tage eine Frau durch einen Femizid ihr Leben.

Im Unterschied zu den Männern, die einen (versuchten) Femizid begehen, weil sie Frauen nicht als gleichwertig ansehen, verachten die Frauen von Engelhartskirchen die Männer jedoch nicht grundsätzlich. Sie haben allerdings kollektiv beschlossen, sich nicht mehr kleinmachen zu lassen. Und wenn das doch passiert...

Männer töten ist ein gedankliches Experiment, das nicht zur Selbstjustiz aufrufen will. Der Roman dient eher dazu, der Gesellschaft - insbesondere dem männlichen Teil - den Spiegel vorzuhalten. Das hat das Buch sehr gut geschafft. Das schien auch die Jury des Österreichischen Buchpreises so zu sehen, das den Titel auf die Shortlist des Debütpreises 2023 setzte.

Männer töten ist 2023 im Leykam Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Sonntag, 5. November 2023

# 416 - Ein Sommer vor 50 Jahren

Thomas Oláh, der in der Film- und Theaterbranche als Kostüm- und Bühnenbildner bekannt ist, hat mit Doppler sein Romandebüt veröffentlicht.

Sein namenloser Ich-Erzähler ist ein Junge, der an einem Sommertag mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder mit dem Auto ins Wochenende fährt. Doch die Familie wird ihr Ziel nicht erreichen: Der Wagen kommt von der Straße ab, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Der Junge hat, wie er im Krankenhaus erfährt, eine Gehirnerschütterung. Was aus den Eltern und dem Bruder geworden ist, erfährt er nicht. Ein Onkel holt ihn aus dem Krankenhaus ab und bringt ihn zu seinen Großeltern, die er kaum kennt.

Die Handlung spielt 1970 im fiktiven österreichischen Dorf Frankenhayn, in dem die Großeltern des Jungen und weitere Verwandte wohnen. Der Ort ist geprägt vom Weinanbau. Oláh beschreibt das Leben der österreichischen Landbevölkerung, wie es vor rd. 50 Jahren auch in Deutschland oft üblich war. Es werden nicht mehr Worte als nötig gemacht, dem sozialen Miteinander haftet etwas Archaisches an, Zärtlichkeiten gibt es nicht.
Die oft grausame Art, mit Menschen und Tieren umzugehen, findet ihre Erklärung in der Geschichte und den Erfahrungen jedes einzelnen Familienmitglieds, wobei Oláh den Bogen in seinem Roman bis zurück in die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spannt. Der Hang zur Brutalität wird an die nächste Generation, hier an die beiden Cousins des Jungen, weitergegeben.

Die Großeltern werden als gefühlte Konstante von allen nachfolgenden Generationen mit "Mutter" und "Vater" angesprochen, ebenso konstant ist die Möblierung: Die beiden Alten schlafen in kastenähnlichen Bauernbetten mit hohen Rahmen, die von dem Jungen als Sarkophage bezeichnet werden.
Der Katholizismus wird mit seinen Ritualen gelebt, ihm haftet jedoch etwas Bigottes an. 
Das Leben ist vom Rhythmus der anstehenden Arbeiten und vom ausgiebigen Verkosten des selbst hergestellten Weins geprägt, der in großen Zweiliter-Flaschen, den Dopplern, abgefüllt wird. Dieses Verkosten folgt ebenso wie der katholische Glauben festen Abläufen.

Und dann ist da das Gefühl des Jungen, von seiner Familie, die mit ihm verunglückt ist, vergessen worden zu sein: Eines Nachts bemerkt er die Gespräche der Erwachsenen, die wie dort üblich nur aus einzelnen Worten und Halbsätzen bestehen. Er sieht seinen Vater und seinen kleinen Bruder, die beiden scheinen gemeinsam mit den Großeltern die Mutter besuchen zu wollen. Der Junge ist jedoch nicht sicher, niemand spricht mit ihm darüber oder tröstet ihn. Er hat keine Ahnung, wie lange er in Frankenhayn bleiben muss und wie es mit ihm weiter geht.

Lesen?

Thomas Oláh ist im selben Jahr geboren wie ich. Vieles von dem, das er beschreibt, habe ich so oder so ähnlich selbst in Erinnerung. Oláh schafft es sehr gut, die Haltlosigkeit des in dem Winzerdorf gestrandeten Jungen zu dokumentieren, sodass man durchweg auch in den positiven Szenen Mitgefühl empfindet.

Oláh setzt neben dem Jungen einen Erzähler ein, der die ihm unbekannten Familienhintergründe beschreibt. Dadurch geraten Leserinnen und Leser in die etwas kuriose Situation, dass sie im Gegensatz zur Hauptfigur, dem Jungen, das große Ganze überblicken, das Kind jedoch keine Chance hat, das ebenfalls zu tun und Zusammenhänge zu verstehen.

Unverständlich bleibt, dass der Junge ein sehr guter Beobachter ist und das Erlebte in seiner Rolle als Erzähler in passende Worte kleiden kann, er aber nicht den Antrieb aufbringt, Fragen nach seinen Eltern und seinem Bruder sowie seiner eigenen Zukunft zu stellen.

Thomas Oláh hat in drei eigenen Kapiteln Texte über heute (fast) vergessene Forscher oder Künstler eingefügt: Nikolaus Winkel (Erfinder des Metronoms), Christian Doppler (Entdecker des nach ihm benannten Doppler-Effekts) und Marcel Mariën (belgischer Schriftsteller und Kunstkritiker). Den Zusammenhang zwischen der Handlung und den drei Männern konnte ich nur mühsam konstruieren, die Exkurse lenkten von der eigentlichen Handlung eher ab.

Insgesamt hinterlässt Doppler bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Den im Klappentext angekündigten Humor habe ich nicht wahrgenommen, über die über der Kernhandlung stehenden Themen wurde in den letzten Jahren bereits oft geschrieben. Der Roman ist trotz dieser Kritik interessant geschrieben und bringt für alle, denen das Landleben vor 50 Jahren und die Prägungen durch den Zweiten Weltkrieg noch fremd ist, etliche Erkenntnisse.

Doppler ist 2023 im Verlag Müry Salzmann erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro.

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 und ist im Rahmen des Österreichischen Buchpreises für den Debütpreis nominiert.


Montag, 30. Oktober 2023

# 415 - Der diesjährige Gewinner des Deutschen Buchpreises: Wie überzeugend ist "Echtzeitalter"?

Mit seinem Debütroman Nicht wie ihr hatte es Tonio
Schachinger 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, mit Echtzeitalter hat er den Preis in diesem Jahr gewonnen. Doch worum geht es in dem Roman?

Till Kokorda besucht eine Wiener Eliteschule. Sein Klassenlehrer wird während der folgenden acht Jahre der konservative, despotische und von sich eingenommene Bruno Dolinar sein. Aus Sicht der Klasse hat der Lehrer nicht nur äußerlich Ähnlichkeit mit Lord Voldemort.

Die Schule ist in der ehemaligen Sommerresidenz der Habsburger untergebracht, das Schulklima passt perfekt zu dem alten Gebäude: Die Lehrkräfte sehen ihre Aufgabe darin, die Schülerinnen und Schüler auf das BWL-, Medizin- oder Jurastudium vorzubereiten. Diese kommen überwiegend aus reichen Familien, viele haben Eltern oder Großeltern, die in Österreich Ansehen und Einfluss haben oder hatten.

Till besucht die Schule mit gebremstem Ehrgeiz. Seine Leidenschaft gilt dem Echtzeit-Strategiespiel Age of Empires 2, in dem er mit der Zeit so gut wird, dass er zu den weltweiten Top 10-Spielern aufsteigt. In seinem Umfeld weiß lange jedoch nur sein Freund Georg davon, der ebenfalls ein Fan des Spiels ist, an Tills Fähigkeiten aber nicht heranreicht.

Till lebt mit seiner Mutter zusammen. Sein Vater ist verstorben, als Till 14 war. Das Spielen füllt Tills gesamte Freizeit aus. Gespräche mit der Mutter, die keine Ahnung hat, was ihr Sohn da an seinem Computer macht, beschränken sich auf Organisatorisches. 

Seinem Klassenlehrer Dolinar missfällt Tills mangelnde Sprachbegabung, sodass es der Junge in dessen Deutsch- und Französischunterricht schwer hat. Dass seine Begabungen im mathematischen Bereich liegen, zählt für Dolinar nicht.
Als Till 18 ist und die Gelegenheit hat, sich auf der Gaming-Messe ChinaJoy in Shanghai mit den besten AoE-Spielern der Welt zu treffen und zu messen, ergreift er die Gelegenheit und meldet sich bei Dolinar erst kurz vor dem Abflug per SMS ab. Diese in dessen Augen falsche Priorität verärgert den Lehrer dermaßen, dass er seinen Zorn an Till mit den Mitteln der schwarzen Pädagogik auslässt und ihn vom Rest der Klasse isoliert. 

Zu Tills Glück bricht Anfang 2020 die Corona-Pandemie auch über Österreich hinein. Die Schulen schließen für zwei Monate, die Matura-Vorbereitungen finden zu Hause statt. Mit dem Beginn der schriftlichen Matura-Prüfungen, die landesweit zeitgleich und inhaltlich identisch durchgeführt werden, endet das Angstregiment von Dolinar, denn wegen der Pandemie werden ausnahmsweise keine mündlichen Matura-Prüfungen abgenommen.

Lesen?

Tonio Schachinger gibt durch die Figur des Till Einblicke in das Österreich der 2010-er Jahre bis einschließlich 2020. Der Roman verfolgt nicht nur Tills Erwachsenwerden, sein Schließen von neuen und dem Verlust von alten Freundschaften, seiner ersten Liebe und dem Verarbeiten des Todes des Vaters; Schachinger greift auch Schlagworte wie den Austrofaschismus und die Ibiza-Affäre um den damaligen Vize-Kanzler Strache, die 2019 einen großen Skandal auslöste, auf. 

Immer wieder wird auf die österreichische Titelhörigkeit und auf die relativ große Gruppe der politisch Rechten angespielt, die auf das gesellschaftliche und politische Leben Einfluss nimmt. Doch während es lange den Anschein hat, dass diese Verhältnisse von Schachinger hingenommen werden, weil es nie anders war, wird dieser Eindruck zum Schluss gerade gerückt: Till trifft nach dem Ende der Schulzeit einen früheren Mitschüler wieder, der gerade den sechsmonatigen Grundwehrdienst ableistet. Als der Dolinars Schikanen mit den Worten: "Es war schon super, eigentlich", verklärt, weist Till das deutlich zurück. "Spinnst du?", entgegnet er. "Es war die Hölle, du Idiot!"

So gut mir der Roman gefallen hat, so sehr habe ich mich immer wieder mit österreichischen Besonderheiten abgemüht, die in Deutschland unbekannt sind. Ob es um 'WEGA' geht, die Lila Villa, den Begriff 'sekkieren', die BVT-Affäre, Grätzl oder das Schikaneder: Echtzeitalter lässt sich mit dem Anspruch, den Roman vollständig zu verstehen, nur lesen, wenn man die Lektüre immer wieder für eine Recherche unterbricht. Das Buch richtet sich an Österreicher, besser noch an Wiener. Da es jedoch im ganzen deutschen Sprachraum herausgegeben wurde, wäre ein Glossar hilfreich gewesen.

Echtzeitalter ist 2023 im Rowohlt Buchverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.



Freitag, 20. Oktober 2023

# 414 - Erinnerungen an die Mutter: Liebe sieht anders aus

Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk blickt in ihrem Roman Maman auf die Lebensgeschichte ihrer verstorbenen Mutter Renée und zeigt, wie sich deren Erfahrungen seit ihrer frühen Kindheit auf die Erziehung ihrer eigenen Kinder ausgewirkt haben. Sie hat ihren Töchtern beigebracht, Angst vor Männern und Sexualität zu haben und Männer zu verachten. Aber warum?

Schenk weiß nur wenig über ihre Mutter, die sie als schweigsamen und kaum zugewandten Menschen erlebt hat. Renée wurde 1916 in einem Lyoner Krankenhaus geboren, ihre Mutter Cécile starb bereits eine Stunde später. Cécile wurde nur 45 Jahre alt, ihre Mutter war Seidenarbeiterin und wahrscheinlich eine Prostituierte.

Renée wird als Säugling von einer Bauernfamilie in der Ardèche als Pflegekind aufgenommen. Das Motiv der Familie ist nicht altruistisch, sondern ökonomisch: Man braucht das Pflegegeld als Zusatzeinkommen und rechnet damit, das Kind in einigen Jahren als kostenlose Arbeitskraft einsetzen zu können. Die "Erziehung" der Pflegeeltern ist von Gefühlskälte und Vernachlässigung geprägt.

Erst als Renée fast sechs Jahre alt ist, ist ihre Verwahrlosung auch für die Behörden nicht mehr zu übersehen, und sie wird aus der Familie herausgenommen. Die neuen Pflegeeltern, die sie später adoptieren werden, gehören zum bürgerlichen Milieu: Charles ist Apotheker, Marguerite geht in der Aufgabe auf, sich um Renée zu kümmern. Trotz aller Hingabe gelingt es ihr nicht, das Mädchen aus seiner Schweigsamkeit und Verschlossenheit herauszuholen. Das Kind hat Albträume und ist kognitiv schlechter als Gleichaltrige entwickelt. Daran ändert auch der Besuch einer Privatschule nichts. 

Renées Leben verläuft weitgehend fremdbestimmt. Bis zu ihrer Hochzeit 1936 mit dem jungen Zahnarzt Jean sagt ihr Marguerite, was gut und richtig ist. Nach der Eheschließung wird das Renées Mann übernehmen. Die Ehe ist nicht von Liebe, sondern Konventionen geprägt. Renées Aufgabe ist ganz traditionell eine gute Ehefrau und Mutter zu sein. Sie bringt vier Töchter und einen Sohn zur Welt, die ohne ihre besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge groß werden. Jean ist immer seltener zu Hause; die Lieblosigkeit, von der Renée in ihrer frühen Kindheit geprägt wurde, findet in ihrer Ehe ihre Fortsetzung. Das liegt auch daran, dass Renée für ihren Mann nur Abneigung empfindet.
Doch dann, in der Zeit der sich ausbreitenden Resistance, fühlt sich Renée zu einem Mann wirklich hingezogen und ist bereit, für ihn ihr bisheriges Leben hinzuwerfen und mit ihm durchzubrennen. Sie erkennt, dass sie auf eine Täuschung hereingefallen ist.

Das, was Sylvie Schenk über ihre Mutter weiß, hat sie aus Akten, in denen sie und ihre Geschwister recherchiert haben. Was sich nicht mehr ermitteln ließ, hat die Autorin durch fiktionale Inhalte ergänzt. Man spürt den Schmerz darüber, die Eltern und Großeltern nicht genauer nach deren früheren Lebensumständen befragt zu haben. 

Die Mutter hat aus ihrer Herkunft, über die sie selbst nicht viel wusste, ein gut gehütetes Geheimnis gemacht. Mit ihrem Roman geht Sylvie Schenk der Frage nach, inwieweit ihr eigenes Leben durch das distanzierte Verhalten ihrer Mutter geprägt wurde. Die Leserinnen und Leser von Maman bekommen nicht nur Einblick in die sehr spezielle familiäre Situation, sondern auch in die bis in die 1960-er Jahre in Frankreich geltenden Konventionen, die oft nur als Fassade für ein gesellschaftlich nicht akzeptiertes Leben dienten.

Lesen?

Maman ist eine Aussöhnung mit der Mutter und deren nicht-mütterlichem Verhalten. Sylvie Schenk kann ihrer Mutter nun Verständnis für deren fehlende Wärme und Zuneigung entgegen bringen. Kurz vor ihrem Tod öffnet sich Renée kurz und gibt ihrer schreibenden Tochter einen Einblick in ihr Wesen. "Du darfst alles aufschreiben, ich weiß, dass du es aufschreiben wirst", sind die letzten Worte von der Mutter an die Tochter. Es ist, als würden sie einander die Hände reichen. Zum ersten und zum letzten Mal.

Maman ist 2023 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.
Der Roman stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2023.

 

Sonntag, 15. Oktober 2023

# 413 - Eine Familiengeschichte, die nach Schuld und Verantwortung fragt

Anne Rabe ist 1986 in Wismar geboren und aufgewachsen. Sie war drei Jahre alt, als ihr Land, die DDR, unterging. In ihrem Roman Die Möglichkeit von Glück versucht sie die Frage zu klären, wann jemand ein Mitläufer ist und ab welchem Punkt man zum Mit-Täter wird.

Die Hauptperson ist Stine. Sie wurde im selben Jahr und Ort wie die Autorin geboren. An die DDR hat sie wie diese also keine Erinnerungen. Aber die erwachsene Stine, die verheiratet und Mutter von zwei Kindern ist, blickt zurück auf ihre Kindheit und Jugend. Durch die Rückschau erlebt und beobachtet sie in ihrem familiären und beruflichen Umfeld die Folgen, die zwei aufeinanderfolgende Diktaturen für die Persönlichkeiten der Menschen gehabt haben.

Im Fokus stehen dabei ihre Eltern Sven und Monika sowie ihre Großeltern Eva und Paul. Das Verhältnis zu den Eltern ist zerrüttet, weil Stine und ihr jüngerer Bruder Tim unter der Gefühlskälte der Mutter gelitten haben und sich ihre Hoffnung, dass ihr Vater sich für seine Kinder einsetzen würde, nie erfüllt hat. Niemand in der Familie bemerkt, dass das Kind Stine im Alter von fünf oder sechs Jahren anfängt, sich selbst zu verletzen. Doch woher kommt die Eiseskälte der Mutter, deren pädagogisches Motto einem Zitat aus einer Rede Hitlers vor dem Reichsparteitag (1935) zu entsprechen scheint: hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder? Die Kinder haben zu funktionieren, ihre Bedürfnisse spielen keine Rolle.

Rabe schlägt eine Brücke in die Vergangenheit und erzählt von Stines Großvater Paul, der in der DDR Propagandist, Schuldirektor und danach Hochschuldozent war. Ein Mensch, der in ärmliche Verhältnisse hineingeboren worden war und das Beste aus seinem Leben machen wollte. Ein Mensch, der sich in die Nazi-Maschinerie einfügte, Soldat wurde und in russische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er floh. Wie er das geschafft hat, bleibt unklar. 

Paul wollte das Ziel des sozialen Aufstiegs erreichen und hat nach dem Untergang des Deutschen Reichs im Sozialismus der DDR sein Glück gesucht. Als auch die zu einem Teil der Vergangenheit wurde, blieb sie in den Augen der Eltern und Großeltern das bessere Deutschland.

Stine beginnt, über gezielte Recherchen so viel wie möglich über das Leben von Opa Paul herauszufinden. Sie ist davon überzeugt, dass er als Reichs- oder DDR-Bürger Schuld auf sich geladen hat. Fragen kann sie ihn nicht mehr, weil er bereits verstorben ist.
Die junge Frau liest Studien, die von sogenannten Entlastungserzählungen berichten: Die Deutschen wissen zwar um die Verbrechen, die im Nationalsozialismus begangen wurden, aber aus der eigenen Familie war - selbstverständlich! - niemand daran beteiligt. Diese Erzählungen gibt es auch in der eigenen Familie, doch was stimmt daran? Stines Recherchen werfen neue Fragen auf, beantworten aber nur wenige.

Und nach der Wende? Für die DDR-Bürger bleibt praktisch nichts, wie es war. Ihre Gewissheiten lösen sich in Rauch auf, sie finden sich innerhalb kurzer Zeit in neuen Strukturen wieder. Durch die Abwicklung zahlreicher VEB und LPG wird eine Massenarbeitslosigkeit ausgelöst, in deren Fahrwasser sich Neonazis breitmachen. Oder waren die nie wirklich weg?

Lesen?

Anne Rabe schildert, wie sich die DDR im Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger ein Stück weit fortsetzt und an ihnen klebt - wie etwas, was man unter dem Schuh hat, aber partout nicht los wird. Die DDR und die Erfahrungen, die die älteren Generationen in und mit ihr gemacht haben, verortet die Autorin als Fortführung des Erlebten aus der Nazi-Diktatur. Kurios: Wer von der DDR zum Beispiel durch einen hohen Bildungsabschluss profitiert hatte, konnte diesen für seine weitere berufliche Laufbahn einsetzen. Dieses Privileg hatten aber nur diejenigen, die sich dort systemkonform verhalten hatten. Wer sich gegen den Staat gestellt hatte, wurde dafür abgestraft: durch Ausschluss vom Abitur oder Studium oder auch durch die Vorgabe des künftigen Berufs. Mit dieser Hypothek starteten die Menschen, die sich gegen das System gestemmt hatten, in die neue Zeit nach der Wende.

In ihrer Betrachtung spart Rabe den Westen Deutschlands fast völlig aus, so, als hätte er auf die Ereignisse im Osten keinen Einfluss (gehabt). Sie wirft nur einen kurzen Blick nach "drüben", als es um Opa Pauls Bruder geht, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg für ein Leben in der BRD entschieden und dort Karriere gemacht hat.

Um Situationen zu verdeutlichen, setzt Rabe einen alternativen Erzähler ein, dessen Passagen kursiv gedruckt sind. Er reflektiert Geschehnisse, indem er Stine direkt anspricht und ihr diese in Erinnerung ruft.

Letztendlich bleiben die Dinge im Ungefähren. Stine verurteilt ihren Opa für Taten, die sie ihm nicht nachweisen kann. Opa Paul kann sich naturgemäß nicht mehr verteidigen und nichts erklären, und so bleibt am Ende der Eindruck, dass viel zu viel geschwiegen wurde und wird - wie so oft.

Die Möglichkeit von Glück ist interessant zu lesen, lässt aber zu viele Fragen offen.
Gegen Ende des Romans versucht Stines Mutter ein letztes Mal, Macht über ihre längst eigenständig lebende Tochter auszuüben. Warum das bei der Protagonistin nicht nur Wut, sondern auch Angst auslöst, bleibt offen, weil die Mutter zu diesem Zeitpunkt im Leben von Stines vierköpfiger Familie keine Rolle mehr spielt. Das zu erklären, dürfte die Aufgabe von Psychologen oder Psychologinnen sein.

Die Möglichkeit von Glück ist 2023 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Der Roman steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023.

Samstag, 7. Oktober 2023

# 412 - Wie ist das Kindsein im Krieg? Ein Roman über Entwurzelung, Sprachlosigkeit und Euthanasie

Sepp Malls Roman Ein Hund kam in die Küche ist
eine Zeitreise nach Südtirol und Oberösterreich Anfang der 1940-er Jahre. 
Die Südtiroler Familie Gruber entschließt sich 1942 auf Drängen des Vaters, die Heimat zu verlassen und nach Österreich auszuwandern, das nach dem sog. "Anschluss" des Alpenlandes ein Teil des Deutschen Reichs wurde. Hitler und Mussolini hatten eine als "Option" bezeichnete Möglichkeit vereinbart, dass die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Italiens (was im Wesentlichen der Bevölkerung Südtirols entsprach) sich entweder für ein Leben im Deutschen Reich oder den Verbleib in Italien entscheiden konnte. Die Ausreisewilligen werden in den Augen vieler Südtiroler zu Heimatverrätern.

Der Vater des im Roman als Ich-Erzähler auftretenden elfjährigen Ludi ist von der Vorstellung begeistert, Reichsdeutscher werden und der deutschen Sache dienen zu können. Doch die Familie, die außerdem noch aus der Mutter und dem sechsjährigen Hanno besteht, ahnt nicht, was da auf sie zukommt.

Die erste Station ist Innsbruck. Dort werden die Vier zunächst in einem Hotelzimmer untergebracht, danach folgt eine genaue ärztliche Untersuchung. Während sie für Ludi und seine Eltern komplikationslos verläuft, muss sich Hanno einer weiteren medizinischen Begutachtung unterziehen. Er ist wegen seiner körperlichen und geistigen Einschränkungen aufgefallen.

Der Vater meldet sich kurz nach der Ankunft zum Kriegsdienst an die Front. Er ist überzeugt davon, dass Deutschland den Krieg schnell gewinnen und er bald wieder bei seiner Familie sein wird. Es wird jedoch Jahre dauern, bis er zurückkehrt.

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse muss Hanno in ein Behindertenheim. Die Familie geht davon aus, dass es ein Aufenthalt von einigen Wochen oder vielleicht einem Monat wird und Hanno danach besser sprechen und laufen kann. Man ahnt, dass es anders kommt.

Lesen?

Sepp Mall beschreibt die Folgen der krassen Fehlentscheidung des Vaters, die Heimat zu verlassen, brutal, aber dennoch empathisch. Szenen wie die, in denen es der Mutter und Ludi im Behindertenheim durch einen Trick verwehrt wird, sich von Hanno zu verabschieden, gehen sehr nahe. Ludi, der zu seinem Bruder ein enges und liebevolles Verhältnis hat, hofft, diesen noch einmal durch eines der Fenster zu sehen: "Und doch wurde ich den Gedanken nicht los, dass Hanno uns noch gesehen hatte. [...] Er musste uns gesehen haben, als wir davongingen." Die Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung, die von Ludis Worten ausgeht, ist deutlich zu spüren. Später hört er den Kommentar des Dorfladenbesitzers nach Hannos Tod, dass alle Opfer bringen müssten und man das dem gesunden Volkskörper schuldig sei.

Mall spricht nicht nur die Euthanasie an, der Hanno im Zuge der "Aktion T4" zum Opfer fiel, sondern auch das Gefühl der Heimatlosigkeit. Ludi hat Heimweh nach seinem Tal in Südtirol, und seine Mutter verspricht ihm, dass sie beide so bald wie möglich dorthin zurückkehren werden. Er fühlt sich in Österreich im "Niemandsland": "Meine Mutter war die Einzige, die wusste, wer in der Schulbank neben mir gesessen hatte oder wen ich meinte, wenn ich der Schneider sagte. [...] Hier an diesem Ort gab es keine Erinnerungen, die mir gehörten und die ich mit jemandem teilen konnte."
Doch zunächst werden sie ins sog. Oberdonaugau (heutiges Oberösterreich) geschickt. Die Familie wird wegen ihrer italienischen Herkunft mit Vorurteilen konfrontiert, die geflüchteten Sudetendeutschen, denen sie begegnet, werden von den Einheimischen aber deutlich schlechter behandelt. 

Und dann ist da diese Sprachlosigkeit. Nichts wird Ludi erklärt, oft muss er sich die Wahrheit aus den wenigen Äußerungen und Gesten seiner Eltern zusammenreimen. Auf Nachfragen, warum man ihm nichts gesagt habe, kommt häufig die stereotype Antwort: "Es ist besser so." Begriffe, die in der Sprachwelt der Erwachsenen eine Bedeutung haben, sind dem Jungen fremd und er gibt ihnen einen neuen Inhalt.

Mit einem sprachlichen Kniff lässt Sepp Mall den getöteten Hanno lebendig werden: Er erscheint seinem Bruder sowohl im Traum als auch im Alltag und erzählt ihm, was ihm im Behindertenheim widerfahren ist.

Ein Hund kam in die Küche wurde für den Deutschen Buchpreis 2023 nominiert. Zu Recht, denn der Roman schildert eindringlich und mit klaren Worten, wie sich Entwurzelung und Krieg für ein Kind anfühlen. 

Das Buch 2023 in der Leykam Buchverlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,-- Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Freitag, 29. September 2023

# 411 - Eine verhängnisvolle Liebe

Muna oder Die Hälfte des Lebens von Terézia
Mora ist die Geschichte einer Frau, die in der DDR im fiktiven Ort Jüris aufgewachsen ist. Der Roman beginnt Ende 1988 mit Munas Vorsatz, ihrer Heimatstadt und der Mutter so bald wie möglich den Rücken zu kehren.
Muna Appelius steht kurz vor dem Abitur. Sie lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter, einer Theaterschauspielerin, zusammen, der Vater ist vor zehn Jahren an Lungenkrebs verstorben. Die finanzielle Situation der beiden Frauen ist prekär, denn Munas Mutter hat den Höhepunkt ihrer Karriere schon vor längerer Zeit überschritten. Beziehungen hat Muna bislang in Verbindung mit Trennung und Schmerz wahrgenommen.

Im Herbst 1988, ein halbes Jahr vor dem Ende ihrer Schulzeit, beginnt Muna ein Praktikum bei einem Magazin der Tageszeitung Volksstimme. Dort lernt sie Magnus Otto kennen. Magnus ist hauptberuflich Gymnasiallehrer, im Nebenberuf Bildredakteur beim Magazin und deutlich älter als Muna. Er steuert dem Magazin von ihm selbst aufgenommene Fotos bei. Muna verliebt sich sofort in den introvertierten und geheimnisvoll wirkenden Mann und beginnt, ihm nachzuspionieren.

Im Juli 1989 verbringt Muna eine Nacht mit Magnus. Er fährt am nächsten Tag angeblich für eine Radtour nach Rumänien, aber in Wahrheit nutzt er die Situation in Ungarn, um sich in den Westen abzusetzen. Er bricht alle Brücken hinter sich ab, Muna sucht vergeblich nach ihm. Sie wird zum ersten Mal vor einer Beziehung mit Magnus gewarnt, versteht jedoch nicht den Grund dafür, denn sie sieht in Magnus "den schönsten Mann, den ich je im Leben sehen würde".

Muna beginnt in Berlin ein Literaturstudium. Weitere Stationen führen sie nach Wien und London. Sie hat Affären mit verschiedenen Männern, keine davon befriedigt sie. Ihr Leben finanziert sie mit schlecht bezahlten Jobs. Magnus ist immer in ihrem Hinterkopf, allerdings sucht sie nicht mehr nach ihm. Doch dann, sieben Jahre nach ihrem One-Night-Stand, treffen sie sich zufällig in Berlin bei einer Open-Air-Veranstaltung. Sie nehmen den abrupt gerissenen Faden ihrer Beziehung wieder auf. 

Ohne, dass sie es zunächst spürt, nimmt das Verhängnis für Muna seinen Lauf: Sie, die intelligente und sehr gut aussehende Frau, der viele Türen offen stehen würden, richtet ihr Leben an Magnus' Wünschen und Bedürfnissen aus. Sie vernachlässigt die Arbeit an ihrer Dissertation, folgt ihm bei jedem Ortswechsel und achtet penibel auf jeden Stimmungswechsel ihres Liebsten, um diesen nicht zu reizen. Wenn man sich bislang fragte, wie es dazu kommen kann, dass sich ein Mensch von einem anderen Menschen völlig abhängig macht und ihm psychisch und sexuell ergeben ist, bekommt man beim Lesen von Muna oder Die Hälfte des Lebens eine Ahnung von den Mechanismen, die dazu führen. Magnus manipuliert Muna auf eine Weise, die deren Selbstbewusstsein aushöhlt und sie an sich zweifeln lässt.

Muna sehnt sich danach, mit ihrem Traummann eine Familie zu gründen. Doch Magnus ist beim Thema Kinder klar: Er will weder jetzt noch irgendwann Vater werden. In das "irgendwann" legt Muna ihre Hoffnung, dass sie und Magnus nun ein Paar sind. Sie baut darauf, seine Meinung mit der Zeit zu ändern. Vor den Zeichen, die auf eine deutliche Schieflage in dieser Beziehung hindeuten, verschließt sie die Augen.

Man ahnt es: Nach der ersten wüsten Beschimpfung, die Magnus Muna wegen einer Kleinigkeit an den Kopf wirft, dauert es nicht mehr lange bis zur ersten Handgreiflichkeit. Es wird nicht die letzte bleiben.

Lesen?

Muna oder Das halbe Leben ist ein sehr bewegender und oft verstörender Roman, und man möchte der jungen Frau, die am Ende des Buches ihr halbes Leben hinter sich hat, immer wieder zurufen: "Verlass ihn! Renn, so schnell du kannst!"
Terézia Mora erzeugt jedoch Verständnis für Munas irrationales Verhalten, das dazu führt, dass sie ihre Beziehung zu Magnus auch dann noch verteidigt, als er immer gewalttätiger und rücksichtsloser wird. Doch es führt ein Weg aus dieser unheilvollen Beziehung hinaus, auch wenn er nur über Munas psychischen Zusammenbruch und ein unheilvolles Wiedersehen möglich ist.

Muna oder Das halbe Leben steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2023, und das völlig zu Recht. Terézia Mora hat den Deutschen Buchpreis bereits 2013 gewonnen und hat mehr als ein Dutzend weitere Preise erhalten.

Der Roman ist 2023 im Luchterhand Verlag erschienen und kostet gebunden 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro. Terézia Mora hat das Buch als den ersten Teil einer Trilogie angekündigt. Man darf also gespannt sein, wie es weitergeht.


Sonntag, 24. September 2023

# 410 - Eine urbane Liebesgeschichte in Kreuzberg

Quelle Cover: Kanon Verlag
Der Erfolg von Tim Staffels in Berlin spielendem Buch Südstern hat den Autor selbst möglicherweise am meisten überrascht. Seine ersten vier Romane hat Staffel zwischen 1998 und 2008 veröffentlicht und dafür mehrere Literaturpreise erhalten, danach folgten zahlreiche Theaterstücke und Hörspiele. In einer Lebensphase, in der er sich aus dem Kulturbetrieb zurückgezogen hatte, um herauszufinden, ob er auch dann noch schreiben kann, wenn er nicht davon leben muss, hat Staffel dieses Buch neben seinem Brotjob geschrieben - und es damit auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 geschafft.

Vanessa Paschke und Deniz Aziz sind die zentralen Figuren der Handlung. Sie ist 27, Pharmakologin, Barfrau und seit Kurzem Drogenkurierin - was sie scherzhaft als Apothekenservice bezeichnet. Vanessa ist mit Olli, einem Bundestagsabgeordneten und Gesundheitsexperten, der sich für saubere Drogen engagiert, liiert.
Deniz ist ähnlich alt, Streifenpolizist aus Überzeugung und mit der Pflege seines an Parkinson erkrankten Vaters angesichts von Doppelschichten und gefährlichen Einsätzen und trotz der regelmäßigen Hilfe durch eine ambulante Pflegerin heillos überfordert.

Die beiden begegnen sich zufällig vor dem Mehrfamilienhaus in Kreuzberg, in dem Deniz mit seinem Vater Markus wohnt. Vanessa hat Markus nach Hause begleitet, als der den Weg nicht mehr fand. Seit diesem ersten Zusammentreffen gehen Vanessa und Deniz einander nicht mehr aus dem Kopf. Staffel beschreibt, wie sie sich langsam aneinander herantasten und nicht wissen, wie weit sie gehen und wie viel sie über sich erzählen dürfen. Es dauert einige Zeit, bis das Vertrauen zwischen ihnen so weit gewachsen ist, dass es auf dem Niveau ihrer Gefühle füreinander angekommen ist.

Sowohl Vanessa als auch Deniz kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Beide sind in Kreuzberg aufgewachsen, Deniz' Vater stammt aus der Gegend um den Südstern, einem im 19. Jahrhundert angelegten Platz, über den mehrere Kreuzberger Straßen verlaufen und unter dem sich eine gleichnamige U-Bahn-Station befindet. Markus passiert diesen Platz immer dann, wenn er das Grab seiner verstorbenen Frau Selda besuchen will. Es ist der einzige längere Weg, den er noch ohne Begleitung machen kann und für ihn ein bisschen ein Kurztrip in die eigene Vergangenheit.

Südstern greift das Leben vieler Menschen in Kreuzberg auf, die in Staffels Roman oft nur kurz und als Stellvertreter vieler Menschen auftreten, die ein ähnliches Schicksal haben. Da geht es um  Schutzgelderpressung in der Gastronomie ebenso wie um Probleme im Kleinbürgermilieu.
Vanessa sieht schnell, wo die wahren Nöte der Leute liegen und wird von manchen direkt um ihre diskrete
 "Hilfe" gebeten. Ärzte, Politiker und Sportler, die den Druck, der auf ihnen lastet, nicht mehr aushalten, sind ihre typischen Kunden. Aber sie ist auch da, wenn ihre empathische Unterstützung gebraucht wird: Sobald sie den Eindruck hat, dass ihr durch Bundeswehreinsätze traumatisierter Bruder Felix dem Tod näher als dem Leben ist, lässt sie alles stehen und liegen. Dessen Depression und Gewaltbereitschaft sind so stark, dass er für die Arbeit als Justizvollzugsbeamter im Gefängnis Tegel nicht mehr geeignet ist und schon mit 29 Jahren frühpensioniert wird. 

Deniz hat als Polizist zwar seinen Traumberuf gefunden, kämpft aber darum, als Beamter mit Migrationshintergrund ernst genommen zu werden. Er muss sich nicht nur gegen Pöbeleien, sondern auch massive tätliche Angriffe im Dienst wehren. Dass er ausgerechnet mit seiner Kollegin Jovanna auf Streife ist, die nicht nur eine Angststörung, sondern auch ein ausgewachsenes Rassismusproblem hat, macht sein Leben nicht leichter.

Trotz aller Unterschiede bewegen sich Vanessa und Deniz aufeinander zu. Vanessa realisiert jedoch lange nicht, in welchem Konflikt sich Deniz befindet: Er liebt Vanessa, kann aber als Polizist schlecht damit umgehen, dass sie dealt. Werden sie den Konflikt lösen können?

Lesen?

Südstern ist ein Buch mit einer sehr urbanen Atmosphäre. Tim Staffel hält seine Sätze so kurz wie möglich und verzichtet auf sprachliche Schnörkel. Die Perspektivwechsel von Vanessa zu Deniz und umgekehrt passieren oft von einem Satz zum nächsten, was manchmal nur aus dem Zusammenhang erkennbar wird. Das irritiert zunächst, man gewöhnt sich jedoch daran.

Die Frage "Kriegen sie sich?" wird genauso hochgehalten wie die Beschreibung des besonderen Umfelds, in dem sich die beiden Protagonisten bewegen. Das macht den Roman von der ersten bis zur letzten Seite interessant. Insbesondere Vanessa stellt sich immer die Frage, was ein Zuhause und was Heimat ist. In ihrer Kindheit hatte sie beides nicht, jetzt als Erwachsene scheint sie erneut heimatlos zu sein. Aber die Hoffnung auf einen Platz, wo sie hingehört, ist ihr geblieben.

Kritik habe ich an einigen Ungenauigkeiten, die vermeidbar gewesen wären. Da geht es um Felix' üppige Pension, die nach wenigen Dienstjahren im mittleren Dienst die Durchschnittspension aller Beamten übersteigt.
Es geht auch um Deniz' pflegebedürftigen Vater Markus, der bereits einen Pflegegrad hat, der im Roman aber nicht hoch genug ist, um den Einbau einer bodengleichen Dusche zu bezahlen - was schlicht falsch ist.
Und dann ist da noch die offenbar prekäre Situation mit der für Markus dringend nötigen Physiotherapie, für die der Arzt nur ein Rezept über zehn Behandlungen ausgestellt hat, was er nur einmal pro Quartal darf. Allerdings gehört Parkinson zu denjenigen Erkrankungen, für die eine Dauerverordnung möglich ist. 
Gegen diese Kritik ist die Szene, in der Vanessa und Deniz Ende April Pflaumen, Aprikosen und Kirschen aus Gärten klauen, eine Kleinigkeit. 

So hoffnungslos und dramatisch etliche Szenen in Tim Staffels Roman sind, so positiv ist es, dass sich für die Hauptpersonen etliches in ihrem Leben zum Guten wendet. Die Leserinnen und Leser erwartet ein Happy End, mit dem in dieser Form nicht zu rechnen war.

Südstern ist 2023 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.