Mittwoch, 29. August 2018

Ich war bei "meinem" Buchhändler - ein Suchtbericht

Habt Ihr ein Geschäft, in das ihr so richtig gern geht? In dem Ihr aufpassen müsst, nicht wieder mal viel mehr Geld auszugeben, als Ihr Euch vorgenommen habt? Bei mir ist das seit meiner Kindheit der Buchhändler an meinem Wohnort. In dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich damals reichlich Taschengeld in das Geschäft geschleppt. "Aber es gibt doch auch Stadtbüchereien! Da kostet es doch (fast) nichts!". Stimmt, da war ich auch. Auch! Aber Bücher, die mir gefallen, möchte ich selbst haben. Ich bin da völlig irrational. 
Vor Kurzem war ich wieder mal in "meinem" Buchladen ganz in meiner Nähe. Ich hatte mir den Reader für die Longlist des Deutschen Buchpreises zurücklegen lassen und hatte einen Geschenkgutschein dabei. Gibt es etwas Besseres als dem Konsum frönen zu können, ohne selbst Geld ausgeben zu müssen? Dreimal nein! Dieses Glücksgefühl - und da übertreibe ich nicht - wird bei mir nur inmitten von Büchern ausgelöst.

Deshalb beobachte ich mit Sorge das langsame Sterben des stationären Buchhandels. "Aber im Internet zu bestellen ist doch so bequem", höre ich da den ersten leisen Protest. Ja, ist es. Aber es gibt mittlerweile Angebote, die es möglich machen, im Internet zu bestellen und sich das Buch dann beim Buchhändler abzuholen oder es über ihn bringen zu lassen. Wenn ich weiß, was ich will, schreibe ich "meinem" Buchhändler eine E-Mail und er meldet sich, wenn meine Bestellung im Laden ist. Wenn es Probleme gibt, also z. B. ein Buch vergriffen ist, wird diese Information mit allem, was dazugehört (Wann ist das Buch wieder erhältlich? Welche Alternativen gibt es?) ebenfalls elektronisch ausgetauscht. 
Wenn ich nur ganz ungefähr weiß, wonach ich suche, gehe ich in den Laden und lasse mich beraten. Bei Büchern, die ich verschenken will, hat mein Buchhändler noch nie danebengelegen. Und: Wenn der Beschenkte das Buch schon hat, kann ich es im Laden zurückgeben und ein anderes mitnehmen. Ich gehe immer in denselben Laden. Man kennt mich dort, weiß, was ich gern lese, und ich habe schon mal den Händler in meiner Ratlosigkeit um Hilfe gebeten: "Sie kennen doch Frau XY, eine Freundin von mir. Können Sie mir einen Tipp geben, was ihr gefallen könnte?" Konnte er, meine Freundin hat sich über die Auswahl gefreut.

Eigentlich wollte ich einen Buch-Sucht-Text schreiben, jetzt ist es während des Tippens doch ein Plädoyer für den
örtlichen Buchhandel geworden. Ich habe eine Grafik des Portals Statista gesehen, aus der hervorging, dass die Zahl der Buch-Einzelhändler zwischen 2006 und 2016 von etwas mehr als 5.000 auf nicht ganz 3.700 zurückgegangen ist. Zum Teil sind Buchhändler auch selbst schuld: Wer sich nur hinter seinen Tresen stellt, den Kopf einzieht und hofft, dass das Schlimmste an ihm vorüber geht, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Nur vom Weihnachts- und Schulbuchgeschäft kann ein Buchhändler auch dann nicht leben, wenn er an Mitarbeitern spart. Bei "meinem" Buchhändler sehe ich über die letzten Jahre hinweg die Zeichen des schleichenden Niedergangs: Die Außenbeleuchtung, auf der der Geschäftsname steht, wird nicht mehr angeschaltet, das Lesesofa hat seine besten Tage hinter sich (was mit einem Überwurf kaschiert wird), der Laden wird von Montag bis Samstag pünktlich geöffnet und geschlossen, von Sonderaktionen habe ich nichts bemerkt und die letzte Lesung, von der ich weiß, war im November 2017, als einer unserer Ratsherren seinen zweiten Krimi vorstellte. 

Sollte es eines Tages Geld vom Himmel regnen oder ich doch noch mal den Eurojackpot knacken, werde ich dieses Trauerspiel aufhalten. Bis dahin bleibe ich treue Kundin und hoffe, dass andere es ebenfalls bleiben. Damit das Sterben der Buchhandlungen, das die USA erfasst hat und weswegen es ganze Landstriche ohne einen einzigen Buchhändler gibt, nicht auch hier derart gravierende Folgen hat. Drückt mir die Daumen für einen satten Gewinn.

Dieser Text erscheint parallel bei Tägliches auf drei Beinen.

Freitag, 24. August 2018

# 164 - Das Hauen und Stechen am Panamakanal

DIE berufliche Chance für einen Ingenieur

 

Der Brite Max Burns ist ein angesehener Geomatik-Ingenieur, ein Spezialist für den Kanal- und Brückenbau. Er lässt in Christoph Martins Buch Die Expansion für die Erfüllung seines großen beruflichen Traums buchstäblich alles stehen und liegen, als er von seinem alten Kumpel Godfredo Roco überredet wird, am Großprojekt der Erweiterung des Panamakanals als Chefingenieur mitzuarbeiten: Er hat die Zusage, in der Firma seines künftigen Schwiegervaters eine Stelle anzutreten, zurückgezogen, was gleichzeitig auch das Aus für seine Verlobung mit dessen Tochter Sarah war.

Auf alte Freunde ist doch immer Verlass...

 

Godfredo Roco und Max Burns kennen sich aus Schultagen. Die Freundschaft wurde durch den Selbstmord von Max' Eltern jäh beendet, weil dann kein Geld mehr für das teure Internat da war. Max wuchs bei seinem Onkel Alan in bescheidenen aber behüteten Verhältnissen auf. Godfredo und dessen Vater Paco, die bei dem Projekt die Fäden in der Hand halten, haben für das Team um Max luxuriöse Unterkünfte bereitgestellt und treten mit dem Habitus von Menschen auf, die es gewohnt sind, zu gewinnen. Die Ausschreibung für das Großprojekt wird denn auch von ihnen gewonnen, obwohl jedem Experten angesichts des niedrigen Preises klar sein muss, dass da etwas ganz gewaltig zum Himmel stinkt. Das finden auch Max und Godfredo, die in die Hinterzimmerspielchen, die Paco inszeniert hat, nicht eingeweiht wurden.
Doch auch die Amerikaner hatten ihr Gebot abgegeben: einerseits aus historischen Gründen aber auch, um einen Gegenpart zu den Chinesen zu bilden. Merkwürdigerweise nimmt China jedoch gar nicht an der Ausschreibung teil.
Was Max noch nicht ahnt: Er ist hier nur das Bauernopfer in einem groß angelegten Betrugs- und Unterschlagungsszenario. Die Strippenzieher haben eingeplant, dass der Ingenieur seinen Kopf für Dinge herhalten muss, die er nicht getan hat und schrecken auch vor einem Mord nicht zurück.
Der panamaische US-Botschafter nimmt in der Handlung eine zwielichtige Rolle ein, und auch die Installation des Defense Clandestine Services, einer US-Geheimdiensteinheit, wird zunehmend undurchsichtiger. Die enorm ehrgeizige Chefin Fisher ist bereit, für ihr Land alles zu geben und dabei auch Wahrheit und Gerechtigkeit zu opfern.

Auch dieses Buch kommt nicht völlig ohne Romantik aus. Am Schluss wird es zwei Paare geben, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen, aber die körperliche Anziehungskraft kann da vielleicht einiges überdecken.

Wie war's?

 

Mein Eindruck fällt gemischt aus. Der Plot ist sehr gut, auch wenn es hier um ein Ereignis geht, das bereits stattgefunden hat: Die Erweiterung des Panamakanals erfolgte zwischen 2007 und 2016, die wesentliche Handlung von Die Expansion spielt im Jahr 2008. Ich hätte mir allerdings einen stärkeren Bezug auf das Bauprojekt gewünscht, und auch der Blick auf Panama fällt sehr dezent aus. Kurz: Land und Projekt sind austauschbar. Das Buch hat mich gut unterhalten, für einen Thriller halte ich es jedoch nicht, da ich dafür mehr Spannung erwarte. Manche der Figuren hätte genauer gezeichnet werden und Korrektorat und Lektorat gern aufmerksamer ausfallen dürfen. Max Burns wird beispielsweise als Geomantik-Professor bezeichnet, obwohl wenig wahrscheinlich ist, dass die Durchführung eines Großprojekts von Esoterik und Hellseherei profitieren könnte.
Die Expansion ist zunächst in einer englischen Version erschienen. Informationen hierzu gibt es unter www.theexpansionbook.com
Der Autor, der mit vollem Namen Christoph Martin Zollinger heißt, ist nach eigenen Angaben ein Schweizer Unternehmer, der nach seinem Jura-Studium lange in Panama gearbeitet hat. Seine Co-Autorin ist die Australierin Libby O'Loghlin. 

Was ich zum Schluss noch anmerken möchte: Normalerweise gehe ich auf Buchcover hier nicht ein, aber dieses Mal mache ich eine Ausnahme. Mir stößt wirklich auf, dass hier die Rechtschreibung zugunsten einer halbwegs gleichmäßigen Buchstabenverteilung geopfert wurde. Hätte ich das Buch im Regal eines Buchhändlers gesehen, hätte ich es ganz sicher nicht gekauft, weil ich davon ausgegangen wäre, dass sich diese Schludrigeit im Text fortsetzt. 

Die Expansion kostet als Taschenbuch 11,95 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 7,99 Euro.
Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

Freitag, 17. August 2018

# 163 - Neue Ermittlungen am Bodensee

Ines Fox ist wieder unterwegs

 

Die Hobbyermittlerin Ines Fox, der von der Autorin Christiane Kördel Leben eingehaucht wird, ist den Lesern dieses Blogs schon bekannt: In den ersten beiden Bänden Seezeichen 13 und Seeblick kostet extra hat die Inhaberin einer kleinen Webdesign-Agentur in Konstanz bereits eindrucksvoll ihr Talent bewiesen, sich durch ihre bodenlose Neugier immer wieder selbst in tödliche Gefahr zu bringen. Warum sollte das im neuesten Buch Seekoller - Eine Bodensee-Miami-Komödie anders sein? 

Urlaub oder Ermittlungen?

 

Ines Fox und ihr Dr. Frieder, ein Rechtsmediziner, haben eigentlich einen gemeinsamen Urlaub an der Nordsee geplant, doch der fällt buchstäblich ins Wasser: In einer Fahrradrikscha wird ein totes Ehepaar aus den USA gefunden, das sich gerade in den Flitterwochen befunden hat. Vanessa wurde mit einem Giftpfeil getötet, Jeff ist offenbar beim Anblick seiner frisch gemeuchelten Gattin an gebrochenem Herzen gestorben. Kurz nach dem Eintreffen der Polizei explodiert am Ufer des Bodensees ein Boot.
Merkwürdig ist, dass der Fahrer der Rikscha ein früherer Verehrer der Toten gewesen ist, der sie angeblich sogar gestalkt haben soll.  
Ines Fox erfährt im noblen Inselhotel, dass Vanessa dort an der Rezeption und im Büro gearbeitet hat. Alle Mitarbeiter wussten, dass ihre Eltern in ihrer Heimat Miami ein edles Luxushotel besitzen, das 'The Charmond'. Die junge Frau hatte berichtet, dass sie in Nobelhotels auf der ganzen Welt Erfahrungen sammeln wolle, um später das elterliche Haus zu übernehmen. 
Als ob zwei Tote noch nicht genug wären, stolpert Ines auf der Suche nach dem Ort, von dem der Giftpfeil abgefeuert wurde, buchstäblich über eine abgetrennte Hand. Liegt hier ein weiteres Mordopfer?

Ines' Neugier siegt auch dieses Mal über die Vernunft und sie beschließt, nach Miami zu fliegen, sich das 'The Charmond' selbst anzusehen und mit Vanessas Eltern zu sprechen. Aber die Hoteleigentümerin eröffnet der Hobbyermittlerin, dass sie gar keine Kinder hat. Spätestens jetzt wird klar, dass hier etwas oberfaul ist. Durch ihren Leichtsinn bringt sich Ines zu allem Überfluss in Lebensgefahr. Wie soll sie den Verbrechern entkommen, die sie gefangen halten?

Wie war's?

 

Wer bereits Seezeichen 13  und Seeblick kostet extra gelesen hat, weiß, wie Ines Fox tickt: Die Webdesignerin strauchelt in immer neue verfängliche und oft gefährliche Situationen hinein. Christiane Kördel macht da auch bei Seekoller - eine Bodensee-Miami-Komödie keine Ausnahme. Ihre Leser werden von der ersten bis zur letzten Seite gut und humorvoll unterhalten, und mit dem aus Norddeutschland stammenden und mit einem staubtrockenen Humor ausgestatteten Dr. Frieder hat die Autorin einen guten Gegenpart zur quirligen und impulsiven Ines Fox geschaffen, über die man nördlich von Hannover wohl sagen würde: "Die hat Hummeln im Mors!"

Seekoller - eine Bodensee-Miami-Komödie ist als Taschenbuch (Books on Demand) für 9,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition für 2,99 Euro erhältlich. 
 

Freitag, 10. August 2018

# 162 - Ex-US-Ministerin denkt über aktuelle Lage nach

Hat der Faschismus (wieder) eine Chance?

 

Vor Kurzem hat Madeleine Albright, die unter dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton von 1997 bis 2001 Außenministerin war, ein Buch herausgebracht, das ihr besonders am Herzen liegt: Faschismus - Eine Warnung. Albright, die gebürtig aus Prag stammt und 1937 als Marie Jana Korbelová geboren wurde, hat mit diesem politischen Prinzip eigene Erfahrungen gemacht: 1939 floh sie mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten nach London und kehrte mit ihrer Familie zurück, als der zweite Weltkrieg beendet war. Doch die Familie floh 1948 erneut, als in der Tschechoslowakei die Kommunisten an die Macht kamen. Diesmal waren die USA ihr Ziel, eine erneute Rückkehr in die Heimat gab es nicht. 

Was macht den Faschismus aus?

 

Albright hat in ihrem Leben reichlich politische Erfahrungen gesammelt: Bevor sie Außenministerin wurde, war sie drei Jahre Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat (NSC) sowie vier Jahre US-Botschafterin bei den UN. Heute leitet sie ein Consulting-Unternehmen und hält Politik-Vorlesungen an der Georgetown-University in Washington. 
Die Politik hat sie ihr ganzes Leben begleitet: Ihr Vater war tschechoslowakischer Diplomat und wurde in den USA Politik-Professor. Dieses Wissen über ihre Person hilft, ihre Beweggründe, dieses Buch zu schreiben, zu verstehen. Es hilft auch, ihre Sicht nachzuvollziehen und sie Ernst zu nehmen. 

Albright betrachtet in ihrem Buch, wie sich unterschiedliche Staaten in den letzten Jahren politisch entwickelt haben und zeigt an vielen Beispielen deutlich und plausibel auf, woran sich heute faschistische Tendenzen erkennen lassen. Ihr Blick reicht zunächst in die Vergangenheit, wo sie noch einmal den Aufstieg der europäischen Faschisten in Erinnerung ruft: Nicht nur Hitler in Deutschland, sondern auch Mussolini in Italien und Franco in Spanien bauten ihren politischen Werdegang auf der desolaten Situation in ihren Ländern auf.
Albright erinnert sich an den Lauf der Geschichte in ihrer tschechoslowakischen Heimat und die Rolle ihres Vaters als Botschafter im jugoslawischen Belgrad, als sich ihr Heimatland in einen kommunistischen Staat verwandelte. Diese Verwandlung trug Merkmale, die man auch bei faschistischen Machtübernahmen beobachten konnte: "eine einzige Partei, die mit einer Stimme spricht, sämtliche staatlichen Institutionen kontrolliert, zudem behauptet, das ganze Volk zu repräsentieren und diese Scheinwelt als Triumph des Volkes bezeichnet."

Und heute?

 

Albright beschreibt die Schwächen einer Demokratie: Sie ist korruptionsanfällig, schwerfällig und erfordert eine große Kompromissbereitschaft. Eine Gesellschaft bringt in guten Zeiten die Geduld auf, die Dauer von Entscheidungsprozessen und dem Zurateziehen von Experten auszuhalten, aber sobald etwas so dringend zu sein scheint, dass sofort eine Entscheidung gefällt werden soll, ist es mit ihrer Geduld vorbei. In solch einer Situation plädieren viele Menschen dafür, auf demokratische Prozesse zu verzichten und sich sagen zu lassen, welcher Weg eingeschlagen werden soll. Doch die Macht in einer Gesellschaft nur einer einzigen Partei oder Person zu übertragen heißt, dass im Falle eines Machtmissbrauchs nicht mehr legal eingegriffen und diese Entwicklung gestoppt werden kann. Auch etliche Staatschefs, die zu Beginn ihrer Regierungszeit in aller Welt für aufrichtig gehalten wurden, haben ihre Länder ruiniert und wurden zu brutalen Autokraten, die sich an ihre Macht klammerten.

Lesen?

 

Madeleine Albright erklärt, wo sie heute Tendenzen zu autokratischen Systemen erkennt. In den von ihr benannten Ländern wie z. B. Ungarn, der Türkei, Nordkorea oder den Philippinen sieht sie eine Entwicklung nach dem Muster, nach dem bereits Mussolini vorgegangen ist: Der Diktator empfahl, wer Macht an sich bringen wolle, müsse dabei so klug vorgehen wie jemand, der ein Huhn rupft, nämlich Feder um Feder. Dann gebe es kein lautes Gegacker und alles gehe unbemerkt vor sich. 
Wer sich heute in der politischen Landschaft umsieht, kann feststellen, dass dieser Tipp immer noch beherzigt wird. Faschismus - eine Warnung ist schon deshalb lesenswert, weil Albright ihren Lesern die Parallelen zwischen früheren Faschisten und heutigen politischen Tendenzen aufzeigt. Es hilft dabei, die ersten Anzeichen zu erkennen.

Faschismus - eine Warnung ist bei Dumont erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro.

 

Mittwoch, 8. August 2018

Sieht so unsere Zukunft aus?

Dystopische Perspektiven, die sich bald erfüllen könnten

 

Jens Thaele ist auf diesem Blog bereits mit seinem Buch Vom Yin und Yang der Digitalisierung vertreten, vor Kurzem hat er sich wieder zu Wort gemeldet: In Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. verpackt Thaele seine Kritik am Umgang mit der Digitalisierung in eine Kurzgeschichte. 

2017 - eine Bundestagswahl mit Schnarcheffekt

 

Thaele beginnt seine Dystopie mit dem Ergebnis der Bundestagswahl 2017, das vor allem bedeutete: Egal, um welche bedeutende Zukunftsfrage es gehen mag, die Regierung pflegt ein trantütiges "Weiter so" und verpasst wieder mal ihre Chancen und die des ganzen Landes. Doch der Diesel-Skandal führt dazu, dass ein vordergründig innovatives Thema auf den Schild gehoben wird: die Elektromobilität. Immerhin gilt es, so rasch wie möglich die Emissionsvorgaben der EU zu erfüllen. Das geht nach Ansicht der Bundesregierung nur mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen, die als der automobile Heilsbringer propagiert werden. Doch Thaele sieht auch für 2025 nicht, dass es mit dem Umweltschutz und der Klimarettung nennenswert voran gegangen wäre: Wie schon acht Jahre zuvor sind Stromtankstellen Mangelware, die Entwicklung einer geeigneten Speichertechnologie tritt ebenfalls auf der Stelle. Es fehlt außerdem an der intelligenten Vernetzung sowie leistungsfähigen Glasfaser-Netzen. Es rächt sich, dass sich Politik und Forschung auf strombetriebene Fahrzeuge festgelegt und nicht mehrere Möglichkeiten in den Fokus genommen haben. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst. Um dem Bürger eine erfolgreiche Energiewende vorzugaukeln, werden in der staatlich gelenkten Propagandazeitung positive Artikel veröffentlicht.

Der nächste Schritt: die Zensur der Medien

 

Nicht nur das voraussichtliche Versagen der Energiewende nimmt Thaele aufs Korn, sondern er zeigt auch auf, was passieren kann, wenn mit der Begründung, Fake-News, Hasskommentare und Kriminalität bekämpfen zu wollen, die Meinungs- und Pressefreiheit unter den Tisch fallen. Es entsteht eine Regierungsform, die der Autor als "Diktatur des politisch verordneten Wohlfühlens" bezeichnet. Sogar für das rauf und runter diskutierte Thema, wie man mit den ankommenden Flüchtlingen umgehen soll, wurde eine Lösung gefunden - die leider nicht den Flüchtlingen, sondern nur den Industrieländern nutzt und an Zynismus kaum zu überbieten ist. Doch die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte holen Deutschland und seine Nachbarn letztendlich ein.

Wie war's?

 

Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. ist eine Mini-Dystopie, in der sich Jens Thaele kritisch mit der aktuellen Politik auseinandersetzt. An der einen oder anderen Stelle hätte das Szenario meiner Meinung nach etwas mehr ausgestaltet werden können, aber es wird deutlich, was er uns mitteilen will: Mit der derzeitigen Entwicklung und Schwerpunktsetzung sind wir auf dem Holzweg.

Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. ist für 0,99 Euro als im Kindle-Format erhältlich.

  

Freitag, 3. August 2018

# 161 - Wie entsteht eine Diktatur?

Berlin in der Zerreißprobe zwischen Demokratie und Diktatur

 

Brigitte Krächan hat mit ihrem Roman Heute keine Schüsse ein Buch in einem interessanten Format vorgelegt. Ihr Protagonist Walter Schachtschneider ist der jüngste Sohn einer Wittener Fabrikantenfamilie. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern scheint er keine besonderen Begabungen außer dem Interesse an der Kunst zu haben. Das sieht zumindest sein Vater so, der ihm keine größere Beachtung schenkt. Doch Walter wird im 1. Weltkrieg auf eigenen Wunsch zunächst Soldat. Er ist sicher, so das Wohlwollen und die Anerkennung des Vaters zu bekommen und soll damit Recht behalten. Aber das Grauen auf dem Schlachtfeld macht ihn im Gegensatz zu manch anderen Soldaten zu einem Menschen, der den Krieg ablehnt. 
Entgegen der Erwartungen der Deutschen wird der Krieg verloren, wofür die konservativen Parteien den Befürwortern einer friedlichen Lösung die Schuld geben. Die völlig verschiedene Einschätzung über den Sinn und Erfolg dieses jahrelangen Massensterbens treibt Walter und seinen Vater wieder auseinander.

Berlin als Tor zur Freiheit?

 

Walters Wunsch, als Angestellter in der Berliner Galerie Radke zu arbeiten, wird von seinem Vater befürwortet. Er ist grundsätzlich mit seiner Tätigkeit zufrieden und genießt es, fern des Elternhauses sein eigenes Leben leben zu können, ohne ständig kritisiert zu werden. Der junge Mann nutzt die kulturellen Möglichkeiten, die die Hauptstadt bietet, doch es dauert nicht lange, bis die ersten Schatten auf diese Unbeschwertheit fallen. Der Versailler Vertrag verhindert, dass das in Trümmern liegende Deutschland wieder auf die Beine kommt. In der Zeit der Weimarer Republik geht es mit der Wirtschaft stetig bergab, die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch an, der armen Bevölkerung fehlt es am Notwendigsten. Die politischen Gruppierungen versuchen, die Lage für sich zu nutzen. Das, was zum Ende dieser Zeit bis zur Machtergreifung durch Hitler mit seiner NSDAP passiert, ist bekannt. Walter Schachtschneider ist jedoch nicht in der Lage, sich aktiv auf eine Seite zu schlagen und für seine politische Sicht einzutreten. 

Während in Berlin Aufmärsche und teils massive Handgreiflichkeiten unter den politischen Gegnern zum Alltag werden, sieht er sich als neutralen Chronisten und geht weiter seinem Beruf nach. Seine Unentschlossenheit führt sogar dazu, dass Menschen, die ihm wichtig sind, sterben. Erst einer dieser Todesfälle sowie das Fortschreiten der Gleichschaltung, das sich auch in den öffentlichen Bücherverbrennungen niederschlägt, bringen Walter dazu, sich für andere Menschen einzusetzen und holen ihn aus seiner selbst gewählten passiven Rolle heraus. Dass sich angesichts der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der Riss in der Gesellschaft auch in seiner eigenen Familie und der seines Arbeitgebers fortsetzt, macht ihn eher hilflos.

Lesen?

 

Brigitte Krächan hat für ihren Roman eine interessante Erzählform gewählt: Walter Schachtschneider schildert seine eigene Geschichte und die seiner Familie in Form eines Tagebuches. Dabei berichtet er auch über das tagesaktuelle Geschehen im Deutschen Reich und ganz speziell in Berlin. Zu Beginn der Aufzeichnungen nimmt er sich noch vor, möglichst neutral zu schreiben, aber dieser Vorsatz löst sich mit dem Fortgang der Geschichte nach und nach in Luft auf. Die Tagebucheintragungen werden mal täglich, mal aber auch im Abstand von mehreren Wochen gemacht. Heute keine Schüsse wird durch diese Form der Darstellung zu einer Mischung aus einem Geschichtsbuch und einem Roman. Walters Leben ist zwar bis zum Schluss durch Kunst und Kultur geprägt, aber es wird immer deutlicher, dass die Veränderungen, die in Deutschland passieren, auch ihn persönlich bedrohen.  

Heute keine Schüsse ist ein sehr lesenswertes Buch, das zwar auch unterhält, aber durch die Einbindung der historischen Ereignisse in die Handlung auch Einzelheiten in Erinnerung ruft, die fast schon vergessen waren. Die Parallelen zur aktuellen Politik und zu gesellschaftlichen Strömungen sind dabei nicht zu übersehen. 

Heute keine Schüsse ist bei tredition erschienen und kostet als gebundenes Buch 24,99 Euro, als Taschenbuch 16,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 5,99 Euro. 

Freitag, 27. Juli 2018

# 160 - Die Uni: Ein Ort der Intrigen und Eifersüchteleien

Wo ist Professor Halm?

 

Im Institut für Eiweiß-, Woll- und Pelzforschung einer nicht benannten Universität bezieht Professor Raabsilber auf Anweisung des Dekans Professor Baiersgrund das Büro von Professor Halm. Halm ist seit einem Jahr spurlos im Himalaya verschwunden, wohin er mit einem Kollegen aus Neuseeland für eine dreiwöchige Wanderung aufgebrochen war. Die dortigen Behörden haben die Vermisstensache mittlerweile zu den Akten gelegt, mit Halms Auftauchen rechnet niemand mehr. Raabsilber möchte für das verwohnte Büro jedoch einen neuen Teppichboden haben; als der alte weinrote Bodenbelag herausgerissen wird, entdeckt er auf dessen Unterseite einen großen roten Fleck. Ist das Blut? Oder doch nur Rotwein? 

Aufbruch nach Nepal

 

Raabsilber kann einen guten beruflichen Erfolg verbuchen: Die Deutsche Forschungsförderung hat seinen Antrag auf Unterstützung eines Forschungsprojekts in einem Umfang bewilligt, der es dem Professor ermöglicht, einen Assistenten für das Projekt einzustellen. Raabsilber wählt unter den Bewerbern Max Anton Kabina aus, der nicht nur durch seine fachlichen Kompetenzen überzeugt, sondern zu dem sich Raabsilber sofort hingezogen fühlt. Doch Raabsilber verliebt sich nicht nur in den jungen Mann, sondern mit der gleichen Intensität in eine Kollegin. Um es noch etwas komplizierter zu machen, hat diese ein Kind von Professor Baiersgrunds Sohn, der sie aber schon während der Schwangerschaft verlassen hat.
Als Halms Tochter beschließt, ihren Vater in Nepal zu suchen und sein Schicksal aufzuklären, erklären sich Raabsilber und Kabina bereit, sie zu begleiten. Sie erfahren eine Menge über sich selbst, die Mitreisenden und über Land und Leute, jedoch nichts über den Verbleib von Professor Halm. Der tragische Höhepunkt dieser Reise ist der Tod von Kabina. Raabsilber gelingt es erst nach seiner Rückkehr ans Institut, Halms Verschwinden zu klären. Er wird erfahren, dass es im Institut jemanden gibt, der von Anfang an wusste, was mit Halm passiert ist.

Wie war's?

 

Wie deine grüngoldenen Augen leuchten gehört zu den Büchern, bei denen ich mir unschlüssig bin, wie ich sie beurteilen soll. Feurle beschreibt die Forschungsarbeit im Institut und lässt seine Leser die Reise nach Nepal einschließlich der philosophischen Diskussionen fast hautnah miterleben. Ein Quellenverzeichnis klärt die Herkunft der zahlreichen Zitate. Ich habe jedoch Schwierigkeiten, der Einschätzung des Verlags zu folgen, dass es sich bei diesem Buch um eine Kriminalgeschichte handelt. Die Bestandteile der Handlung, die man als kriminell einstufen könnte, sind nur in einem sehr geringen Umfang vertreten. 
Die philosophischen Diskurse, in denen die westlich-sachliche auf die fernöstlich-spirituelle Sichtweise trifft, sind interessant, es wirkt auf mich an manchen Stellen allerdings unrealistisch, dass sie innerhalb der geschilderten Situationen stattfinden könnten.
Man merkt dem Roman an, dass Gerhard E. Feurle sowohl über fundierte Kenntnisse von Hochschulinterna als auch Landeskenntnisse über Nepal verfügt: Er ist emeritierter Professor und hat Nepal und den Himalaja im Rahmen von privaten Reisen kennengelernt. Wenn man sich von den Erwartungen, die im Allgemeinen an eine Kriminalgeschichte gestellt werden, löst, bietet Wie deine grüngoldenen Augen leuchten interessante Lesestunden.

Wie deine grüngoldenen Augen leuchten ist bei Königshausen & Neumann erschienen und kostet als Taschenbuch 19,80 Euro. Ich bedanke mich bei der Literaturagentur SCHWINDKOMMUNIKATION, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

Freitag, 20. Juli 2018

# 159 - Rizzoli und Isles sind wieder auf Mörderjagd

Mordinszenierungen geben Rätsel auf

 

Blutzeuge ist der zwölfte Band der Rizzoli-&-Isles-Serie von Tess Gerritsen und spielt auch diesmal mit den Ängsten seiner Leser. 
In Boston geht offenbar ein Serienkiller um, der einen perfiden Hang zu Inszenierungen hat. Das erste Opfer ist die junge Horrorfilm-Produzentin Cassandra Coyle. Sie wird tot auf ihrem Bett gefunden und wirkt auf den ersten Blick so friedlich, als würde sie noch schlafen. Doch in ihren Händen liegen zwei Augäpfel - ihre eigenen, die ihr jedoch erst post mortem entfernt wurden. Der Zusammenhang zu ihrem Beruf ist schnell hergestellt, und so wird zunächst in diese Richtung ermittelt. Aber es dauert nicht lange, bis es wieder einen Toten gibt.

Noch ein Mord

 

Schon wenige Tage danach wird Timothy McDougal gefunden - ebenfalls tot, mit drei Pfeilen in seiner Brust. Auch sie wurden ihm erst in den Körper geschossen, nachdem er bereits tot war. Die Polizei sucht bis zurück in die Schulzeit nach Gemeinsamkeiten zwischen den gleichaltrigen jungen Leuten, doch die Nachforschungen verlaufen ergebnislos. Erst der Kontakt zwischen Maura und dem Polizeigeistlichen des Boston PD, Daniel Brophy, bringt die Ermittlungen einen großen Schritt voran: Der Pater stellt beim Anblick der Tatortfotos sofort eine Verbindung zu zwei Märtyrern her: zur heiligen Lucia, die wegen ihrer Zugehörigkeit zum Christentum mit dem Herausreißen ihrer Augen bestraft wurde, und zum heiligen Sebastian, der aus demselben Grund im Auftrag von Kaiser Diokletian von Bogenschützen erschossen werden sollte.
Die Parallele ist zu auffällig, als dass sie nicht von Bedeutung sein könnte. Und tatsächlich erkennt Maura, dass Cassandra und Timothy an den Tagen getötet wurden, an denen die beiden Märtyrer im 16. bzw. 3. Jahrhundert ebenfalls ermordet worden waren. Als die Kollegen des PD dann auch noch auf Filmaufnahmen der Trauerfeiern eine Frau entdecken, die beide Male anwesend war, haben sie so etwas wie eine heiße Spur, die weit in die Kindheit von Cassandra und Timothy zurückreicht.

Wie war's?

 

Tess Gerritsen schreibt wie gewohnt flüssig und spannend. Was diesen Krimi aus der Reihe um Rizzoli & Isles von manchen anderen unterscheidet ist, dass auch ihr Privatleben in die Handlung eingewoben wird. Maura Isles hatte eine Beziehung zu Pater Daniel Brophy, die das Paar wegen Brophys Gelübde nur versteckt gelebt hat. Ihr Wiedersehen nach mehr als sechs Monaten soll zwar nur rein dienstlich sein, aber ihre Gefühle füreinander flammen wieder auf.

Jane Rizzoli hadert mit ihrer eigentlichen Familie: Sie hatte bei ihren Adoptiveltern eine soglose Kindheit, ihre biologische Familie ist jedoch eine Ansammlung von Kriminellen, allen voran ihre Mutter Amalthea. Diese liegt nun im Sterben liegt, versucht aber immer noch, ihre Umgebung zu manipulieren. Jane entdeckt, dass es eine Verbindung zwischen den Mordfällen und ihrer leiblichen Mutter gibt. Kurzum: Blutzeuge ist ein gut gemachter Thriller mit einer Portion Grusel. 

Blutzeuge ist im Limes Verlag erschienen und  kostet als gebundene Ausgabe 19,99 Euro, in der epub-oder Kindle-Edition 15,99 Euro sowie auf CD-ROM 15,79 Euro. Ich bedanke mich beim Bloggerportal für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.

Freitag, 13. Juli 2018

Es ist wieder soweit: Die Hotlist 2018 geht in die nächste Runde

30 Bücher stehen zur Wahl

 

Zum zehnten Mal wird der Wettbewerb Hotlist veranstaltet, und aus den 161 Einsendungen unabhängiger Verlage hat eine Jury die ihrer Meinung nach besten 30 ausgewählt. Jetzt haben die Leser die Wahl: Alle Bücher werden mit Klappentext und Leseprobe vorgestellt (hier), sodass man sich einen Eindruck verschaffen kann. Ich habe mich schwer getan, meine Stimme abzugeben (hier), da man sich für ein Buch entscheiden muss.

Ich will euch natürlich nicht beeinflussen und werde nicht sagen, welcher Titel mir am besten gefallen hat, aber diese Bücher sind in meine engere Wahl gekommen (die Links neben dem Cover führen zur jeweiligen Buchbeschreibung):


Aluta
                                                        Das Buch der entbehrlichen Gedanken
 Der Sonnenschirm des Terroristen
                                  Die Himmelblauen Berge
 Hilde & Gretl
                                                Reise in ein tragikomisches Jahrhundert
 Shelleys Traum nach vorn
                                         Sonnenfinsternis










Hotlist: ein Rückblick

 

Ich habe bereits 2017 über die Hotlist geschrieben. Wenn euch die Hintergründe interessieren, könnt ihr sie hier und hier nachlesen.  

# 158 - Ein Gesellschaftsroman mit wahren Elementen

Ein mecklenburgisches Dorf als Zentrum des Geschehens

 

Machandel: Das ist der Name eines fiktiven mecklenburgischen Dorfes und des gleichnamigen Debutromans von Regina Scheer, der 2014, passend zum 25. Jahrestags des Falls der deutsch-deutschen Mauer, erschienen ist. Der Dorfame leitet sich vom niederdeutschen Wort für Wacholder ab, der rund um Machandel üppig wächst.

Deutschland von den 1930er bis zu den 1990er Jahren

 

So unbedeutend das winzige Dorf Machandel an sich ist, für die Hauptpersonen in Regina Scheers Roman ist es so etwas wie der Nabel ihres Lebens. Der russische Offizier Grigori strandet hier im 2. Weltkrieg für etwas mehr als ein Jahr ebenso wie die  Arztwitwe Emma aus Hamburg, die es sich zur Aufgabe macht, sieben verwaiste Kinder großzuziehen, deren Mutter verstorben ist, deren Vater als Soldat im Krieg kämpft und deren älteste Schwester in einer Nervenklinik ist - nachdem sie vom Stallarbeiter und späteren Gefangenenaufseher Wilhelm Stüwe vergewaltigt und dann als schwachsinnig denunziert wurde, damit sie ihm nicht gefährlich werden kann.

Doch im Mittelpunkt des Romans steht die 1960 geborene Clara. Wie die anderen Personen, die den Inhalt des Buches wesentlich prägen, spricht sie aus der Ich-Perspektive und zeigt ihre Sicht der Ereignisse. Sie ist die Schwester des 14 Jahre älteren Fotografen Jan Langner, der im Schloss von Machandel geboren wird und erst im Alter von sieben Jahren zu seinen Eltern nach Ost-Berlin zieht. Die beiden sind die Kinder des Kommunisten Hans Langner, der in der DDR verschiedene wichtige Positionen bis hin zum Minister inne hatte und sein Leben lang von einem kommunistischen Staat träumt. Er wird 1935 wie seine Lebensgefährtin Else als Mitglied der Kommunistischen Partei verhaftet und letztlich ab 1943 im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Als die Rote Armee immer näher rückt, treibt die SS über 30.000 Häftlinge nach Nordwesten. Auf diesem Todesmarsch gelingt Hans Langner gemeinsam mit zwei tschechischen Gefangenen die Flucht und er erreicht schwer krank Machandel. Dort wird er von der jungen Johanna gesund gepflegt, die selbst zusammen mit ihrer Mutter als Flüchtling in das Dorf gelangt ist. Johanna und Hans werden ein Paar.

Clara lernt Machandel erst 1985 kennen. Jan hat seine Ausreise aus der DDR beantragt, und sie wurde genehmigt. Kurz vor dem Abschied schlägt er vor, mit Clara und ihrem Mann Michael nach Machandel zu fahren und ihnen den Ort seiner frühen Kindheit zu zeigen. Ab diesem Zeitpunkt wird das Dorf für Clara zu einer Art Sehnsuchtsort: Sie und Michael kaufen die alte Kate, in der Emma etliche Jahre zuvor mit den sieben Kindern gelebt hat, und richten sie als Wochenendhaus her. Sie verbringen viel Zeit in Machandel, das gerade Clara wie eine Art Oase und Ruhepunkt erscheint. Doch im Laufe der Jahre erfährt sie immer mehr über die Bewohner - die früheren und die jetzigen - und die Geschichte des Dorfs. Flucht, Gewalt und Erniedrigung hat dieser Ort gesehen, aber auch Zusammenhalt und Liebe. Clara lernt im Laufe der Jahre auch immer mehr über ihre eigene Familie. In ihrem eigenen Leben geht es auf und ab, doch ein Wunsch begleitet sie immer: Sie würde gern ihren Bruder wiederfinden. Niemand aus der Familie oder von seinen Freunden hat Jan seit seiner Ausreise aus der DDR wiedergesehen. Doch es gibt Spuren, an die sich sein alter Freund Herbert heftet: Immer wieder werden seine Fotos in Zeitschriften veröffentlicht - aus Kuba, Nicaragua oder Bolivien. Aber die Fotos sind nicht mit seinem Namen gekennzeichnet: Unter jedem Bild steht einfach nur "Machandel".

Lesen?

 

Machandel ist ein äußerst vielschichtiger Roman, in den man förmlich eintaucht. Da es sich nicht um eine chronologische Handlung handelt, sondern die Personen nacheinander ihre Sicht auf die Vergangenheit erzählen, gelingt es sehr gut, sich in sie hineinzufühlen. Jeder hat ein Geheimnis oder leidet unter der Erinnerung an oft lange zurückliegende Ereignisse. Nur der Leser weiß, warum die Menschen auf die eine oder andere Art gehandelt haben. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie mehr miteinander geredet hätten?

Regina Scheer wurde 1950 in Ost-Berlin geboren und hat die DDR auch dann nicht verlassen, als sich die Möglichkeit ergeben hatte. Der Osten Deutschlands und vor allem Berlin ist darum auch der Schwerpunkt ihres Buchs. Wer in der DDR aufgewachsen ist oder die Situation dort verfolgt hat, wird auch viele Namen von einst wichtigen Personen wiedererkennen; auch die, die nicht explizit genannt, sondern nur beschrieben werden.

Machandel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2017 im Penguin Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro, als gebundene Ausgabe 22,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 8,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.