Freitag, 4. Januar 2019

# 180 - Über die Liebe und den Mut

Die Überschrift hätte auch "Über den Mut zur Liebe" heißen können, denn darum geht es in der Geschichte von Anna Gavalda: In Das Wetter ist schön, das Leben auch ist der stille Buchhalter Olivier mit Haut und Haaren Sarah, der Verkaufsleiterin in seiner Firma, verfallen. So sehr, dass er in einem Pariser Kaufhaus schöne Dessous für sie aussucht und sich dabei vorstellt, mit Sarah verheiratet zu sein.
Leider ist er nicht der Einzige, der Sarah unwiderstehlich findet, was seinen Mut, ihr seine Liebe zu gestehen nicht gerade steigert.

Olivier wohnt mit seinen Schwestern Fanny und Myriam in einer gemütlichen WG. Doch als Fanny ihr Examen besteht und der Anlass in der Wohnung gefeiert wird, passiert etwas, das Olivier glasklar vor Augen führt, dass sich in seinem Leben etwas ändern muss.

Das Wetter ist schön, das Leben auch ist ein - so kitschig dieses Wort auch ist - herzerwärmendes Buch, das zeigt, dass es sich lohnen kann, seinem Leben eine neue Richtung zu geben.  

Diese Rezension fällt so kurz aus, weil auch das Buch kurz ist: Die Erzählung stammt ursprünglich aus dem Buch Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet und hatte dort den Titel "Klick-Klack". Mit nur rund 45 Seiten ist sie schnell gelesen, hat aber das Potenzial, immer mal wieder aus dem Bücherschrank geholt zu werden. Die mir vorliegende Ausgabe stammt denn auch aus einem Bücherschrank, nämlich dem des Hotels, in dem wir diesmal Silvester gefeiert haben.
Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich, was auf den einschlägigen Websites aber kein Problem ist.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Ein spezieller Jahresrückblick

Ich habe auf dem Blog Frauenleserin von Kerstin Herbert einen besonderen Jahresrückblick gesehen, der für Kerstin gleichzeitig der Start einer Blogparade ist. Den Anstoß gab eine Pilotstudie mit dem Titel "Sichtbarkeit von Frauen in den Medien und im Literaturbetrieb", die das Ergebnis des Projekts #Frauenzählen gewesen ist. Hinter der von der Universität Rostock wissenschaftlich begleiteten Studie stand eine verbandsübergreifende Arbeitsgemeinschaft. Im März 2018 wurden über 2.000 Literaturkritiken und Rezensionen, die aus 69 deutschen Medienformaten (TV, Radio, Print) stammten, analysiert und ausgewertet. Dabei stellte sich u. a. heraus, dass in allen Medien (Ausnahme: Frauenzeitschriften) nur ein Drittel der Buchbesprechungen sich Titeln widmeten, die von einer Frau stammten. Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Kritikern betrug dabei 4 : 3; drei Viertel der von männlichen Kritikern besprochenen Werke stammten von Männern, bei Kritikerinnen ist das Verhältnis ausgewogen. 

Kerstin hat diese Ergebnisse nun zum Anlass genommen, ihr eigenes Blogverhalten näher zu betrachten und sich fünf Fragen gestellt, die sie nicht nur beantwortet hat, sondern mit ihrer Blogparade auch an andere Buchblogger weitergibt: 

  1.  Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wie viele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wie viele davon wurden von Autorinnen verfasst?
  2.  Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)
  3.  Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?
  4.  Welche  weibliche Lebensgeschichte oder Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)
  5.  Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Das habe ich mir für meine Bücherkiste gleich mal näher angesehen. Die Antworten:
  1. Ich habe 50 Bücher vorgestellt - vom Thriller bis zum Sachbuch. Hätte man mich vor meiner Zählung gefragt, ob die Rezensionen von Büchern weiblicher oder männlicher Autoren überwiegen, hätte ich geschätzt, dass sie gleich oft vertreten gewesen sind. Irrtum. 20 Titel wurden von Autorinnen und 29 von Autoren verfasst. Ein Sachbuch stammt von zwei Autorinnen sowie zwei Autoren. Die Quote ist nicht so haarsträubend wie die, die in der Pilotstudie ermittelt wurde, aber Fairness sieht anders aus.
  2. Ein einzelnes Buch einer Autorin zum Lesehighlight 2018 zu küren, schaffe ich nicht. Madeleine Albright mit Faschismus - eine Warnung gehört aber sicher dazu. Aus eigener Anschauung weiß sie, wie sich die Anfänge einer Entwicklung hin zum Faschismus zeigen und weist auf Parallelen zu historischen Entwicklungen hin, die in einer Vielzahl von Ländern - auch in Deutschland - bereits erkennbar sind.
  3. Zu meinen persönlichen Entdeckungen gehören die Krimi-Autorinnen Petra Ivanov und Estelle Surbranche. Beide schreiben spannende Bücher; bei Ivanov spielen die persönlichen Beziehungen der Figuren untereinander eine Rolle, Surbranche ist die Autorin für alle, die es mögen, wenn es "ans Eingemachte" geht.
  4. In Hidden Figures geht es um den Einfluss schwarzer Mathematikerinnen auf die US-Raumfahrt vor allem in den 1960-er Jahren. Mich hat die Zähigkeit dieser Frauen sehr beeindruckt, die für ihr Studium gekämpft haben und sich in der frauen- und schwarzenfeindlichen Berufswelt täglich aufs Neue durchbeißen mussten.
  5. Für 2019 steht Michelle Obama mit Becoming ganz weit oben auf meiner Wunschliste.

Das Ungleichgewicht  bei meinen rezensierten Büchern hat mich nachdenklich gemacht. Ich werde aber nicht dazu übergehen, künftig Strichlisten zu führen, um einen zu großen Vorsprung der einen oder anderen Seite zu vermeiden. Aber ich nehme mir vor, genauer hinzusehen und in dieser Hinsicht grundsätzlich aufmerksamer zu sein. In einem Jahr werde ich wieder nachzählen.

Ich freue mich auf ein neues Buchjahr mit vielen neuen Titeln und hoffe, dass ich euch Bücher zeigen kann, die euch interessieren. Schau'n wir mal. 😉

Samstag, 29. Dezember 2018

# 179 - Der kinderliebe Herr Pfarrer

Die Farbe von Milch der britischen Schriftstellerin Nell Leyshon beginnt 1831, als Mary gerade fünfzehn geworden ist. Sie will erzählen, was ihr seit dem Frühling 1830 widerfahren ist. 

Mary ist die jüngste Tochter eines armen Bauernpaares. Auch ihr Großvater lebt im Haus. Er ist aber nach einem Unfall nicht mehr arbeitsfähig und fristet seine Tage im Apfelkeller.
Das Leben der vier Mädchen wird von den Aufgaben bestimmt, die auf dem kleinen Hof täglich erfüllt werden müssen. Der Vater ist enttäuscht, dass seine Frau keinen Sohn geboren hat und darüber, dass Mary mit einer Gehbehinderung zur Welt gekommen ist. Er treibt seine Töchter ununterbrochen zur Arbeit an und hat die Familie fest im Griff. Die Mutter fügt sich; auch dann, wenn eines ihrer Kinder unter der Gewalttätigkeit ihres Mannes zuleiden hat. Aber Mary hat sich mit all dem arrangiert, sie kennt nichts anderes.

Marys Leben ändert sich gründlich, als ihr Vater mit dem Pfarrer eine Abmachung trifft: Die Pfarrersfrau ist schwer krank, und Mary soll bei ihr sein und außerdem die Haushälterin unterstützen. Der Pfarrershaushalt ist für das Mädchen wie das Eintauchen in eine fremde Welt: Im Pfarrhaus gibt es viele Zimmer mit schönen Möbeln und etlichen Regeln, die sie nach und nach lernt. Um Ralph, den Sohn des Hauses, macht sie wenn möglich einen Bogen: Sie hat ihn nachts mit einer ihrer Schwestern beobachtet und hält ihn für einen Schürzenjäger - was stimmt. 
Mary fällt durch ihre spitze Zunge und ihren wachen Verstand auf. Nachdem seine Frau gestorben ist, unterrichtet sie der Pfarrer deshalb im Lesen und Schreiben. Doch sie merkt schnell, dass er dafür eine Gegenleistung erwartet. Das eigentliche Drama fängt mit dieser Erkenntnis erst an.

Nell Leyshon lässt Mary in ihrer einfachen und direkten Sprache erzählen. Zu Beginn ist der Mangel an Satzzeichen irritierend, aber je mehr die Handlung voranschreitet, umso deutlicher wird der Grund dafür. 
Der Buchtitel Die Farbe von Milch bezieht sich auf Marys Haare; sie selbst bezeichnet sie so.
Der Zeitpunkt der Handlung fällt in die Hochphase der britischen Industrialisierung und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungen, in deren Folge die Einwohnerzahl Großbritanniens rasant zunahm. Standesunterschiede waren in dieser Zeit wie in Stein gemeißelt: Was eine Respektsperson wie der Pfarrer sagte, zählte. Tat er Unrecht, wurde der Mantel des Schweigens darübergelegt. Mary hat nicht die Möglichkeit, der bedrohlichen Situation zu entkommen, weil ihre Familie das Geld braucht, was sie beim Pfarrer verdient. Doch alles hat einmal ein Ende.


Lesen?

 

Ja. Gerade die einfache Sprache macht Die Farbe von Milch zu einem authentischen Roman und lässt das Leben der bitterarmen Landbevölkerung nahe heranrücken.
Das Buch wurde mir von Netgalley zur Verfügung gestellt. Es kostet gebunden 18 Euro, als Taschenbuch 10 Euro, als Audio-CD 13,45 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 16,99 Euro.

Freitag, 21. Dezember 2018

# 178 - Der Beginn einer neuen Thriller-Reihe

Martin Krist ist den regelmäßigen Besuchern dieses Blogs längst gut bekannt; am Ende dieses Textes werde ich Euch die Rezensionen verlinken, die ich bisher über Bücher von ihm geschrieben habe.

Nun also etwas Neues. Martin Krist hat mit Freak City eine neue in New York spielende Thriller-Serie gestartet, an die man durchaus hohe Erwartungen knüpfen kann. Und die habe ich. Mitte November 2018 ist nun der erste Teil erschienen: Hexenkessel. Die Hauptfigur ist Pearl, ein Mann mit indianischen Wurzeln, dessen Vergangenheit im Nebel liegt. An seinen Narben, die er auch im Gesicht hat, ist jedoch abzulesen, dass in seinem Leben nicht immer alles eitel Sonnenschein war. Pearl hat eine Affäre mit der Frau eines bekannten TV-Moderators und lässt sich engagieren, wenn es darum geht, Schwerkriminelle oder deren Opfer aufzuspüren. Das Wort "Privatdetektiv" würde auf ihn aber nicht passen: Es ist zu seriös, um ihn zu beschreiben. Was andere immer wieder zu spüren bekommen, ist seine schnell aufschäumende Wut, die sich in brutalen Handgreiflichkeiten entlädt.

Pearl wird von Dagobert Trump, einem Musical-Regisseur angeheuert, der seit Tagen seine Hauptdarstellerin Francine Sharpio vermisst. Nach seiner Darstellung hatte die Künstlerin eine große Karriere vor sich, ein Selbstmord scheidet deshalb aus. Francines Gatte macht sich indessen keine großen Gedanken um den Verbleib seiner Frau.

Zeitgleich hat sich die geschiedene Mutter Patsy von ihrem Freund Milo dazu anstiften lassen, ihn bei einem völlig ungefährlichen Einbruch zu unterstützen. Milo hat schon ein paar Jahre Knast hinter sich, aber Patsy versprochen, ein ehrliches Leben zu führen - nach diesem Bruch.
Patsy macht nur dieses eine Mal mit, um mit ihrer Tochter aus dem Dunstkreis ihres Ex-Mannes verschwinden und mit dem Mädchen ein neues Leben anfangen zu können. Man ahnt es bereits: Der Plan geht gehörig in die Hose. Sie werden auf frischer Tat von Ivo Weitzman, dem Hauseigentümer,  überrascht, der gleich mit der Flinte auf sie zielt. Doch die Drei sind nicht allein: Fast wie aus dem Nichts taucht ein Fremder auf, der eine Unachtsamkeit Weitzmans nutzt, um ihn niederzustechen. Auf ihrer Flucht vor dem Mörder finden Patsy und Milo im Schlafzimmer eine übel zugerichtete Tote, der die Augäpfel entfernt wurden. Die beiden sollen nicht die einzigen Mordopfer dieses Thrillers bleiben.

Die zwei Handlungsstränge bewegen sich langsam aufeinander zu, der Leser erfährt jedoch erst zum Schluss, ob es zwischen ihnen eine Verbindung gibt. Durch den Thriller zieht sich noch ein weiteres Thema, das vermutlich auch im nächsten Teil der Serie weitergeführt wird: Pearl hat mehr oder weniger freiwilligen Kontakt zu einem Polizisten, dessen herausragendste Eigenschaft seine Korrumpierbarkeit ist. 

Wie war's?

 

Hexenkessel hat meine Erwartungen an Handlung und Spannung voll erfüllt. Wer Thriller mag, die ihre Leser durchgehend bei der Stange halten, sollte diese Serie im Auge behalten. Wie es mit ihr weitergeht, erfahrt ihr hier.

Hexenkessel ist bei R&K erschienen und kostet als E-Book 0,99 € sowie als Taschenbuch 9,99 €. 

Über diese Thriller von Martin Krist habe ich bereits in der Bücherkiste geschrieben:
 
Böses Kind
Brandstifter
Drecksspiel
Kalte Haut 
Stille Schwester

Samstag, 15. Dezember 2018

# 177 - Eine Tote im Dachkoffer

Wer die Bücherkiste schon ein bisschen kennt, hat möglicherweise die Rezension des Buches Alte Feinde der schweizerischen Krimi-Autorin Petra Ivanov gelesen. Dieser Titel war der bislang letzte der Flint-und-Cavalli-Reihe. 
Heute geht es um den Krimi Fremde Hände, mit dem Ivanov 2005 die Serie um die Zürcher Bezirksanwältin Regina Flint und den Kriminalpolizisten Bruno Cavalli begonnen hat.

Eine Geschichte von Liebe und zerplatzten Träumen

 

In einer Zürcher Müllverbrennungsanlage wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie liegt in einem Dachgepäckträger, der mit Pistolenschaum fest verschlossen ist. Die Tote scheint von niemandem vermisst zu werden. Die Ermittlungen ergeben, dass hier ein skrupellos vorgehender Frauenhändlerring seine Hände im Spiel hat, der seine "Ware" aus Osteuropa herbeischafft. Ivanov beschäftigt sich mit den Umständen, unter denen die sehr jungen Frauen auf die Versprechen der Kriminellen hereinfallen und ihr Leben im Zürcher Rotlichtmilieu. Das Konzept derjenigen, die mit diesen Prostituierten ihr Geld verdienen, basiert in erster Linie auf Gnadenlosigkeit.
Als die Ermittler einen Verdächtigen aufspüren und festnehmen, wird dieser aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. 

Auch Regina Flint hat Grund, um ihr Leben zu fürchten: Ein Autofahrer versucht, sie zu überfahren. Da die Umstände für einen Anschlag spechen, organisiert Cavalli ihre Bewachung. Die beiden haben außerdem den Eindruck, dass der ihnen vorgesetzte Staatsanwalt etwas zu verheimlichen hat. Sollte er mehr über die mafiösen Strukturen der örtlichen Bordellszene wissen oder gar beteiligt sein?

Der Fall verlangt der Polizei einiges ab, es gibt mehrere Ermittlungspannen. Eine Zeugin hat die Tote zuvor in Begleitung einer weiteren jungen Frau gesehen. Doch die ist wie vom Erdboden verschluckt. Das Ermittlerteam sucht nach ihr wie nach der Nadel im Heuhaufen, weil es vermutet, dass sie wichtige Informationen beisteuern kann, die zu den Hintermännern führen.

Flint muss sich jedoch nicht nur mit diesem Fall, sondern auch mit einem anderen beschäftigen: Wieder einmal hat eine Frau ihren Mann wegen häuslicher Gewalt angezeigt, will ihre Anzeige nun aber wieder zurückziehen. Die Bezirksanwältin ist fest von der Gewalttätigkeit des Mannes überzeugt. Die Untersuchungen bringen allerdings noch mehr Erkenntnisse über ihn ans Licht.

Auch Privates kommt nicht zu kurz: Es wird deutlich, dass Flint und Cavalli eine problematische Beziehung hinter sich haben, sich aber immer noch stark zueinander hingezogen fühlen. Das gibt der Handlung noch mehr Würze, ohne dass sie in Gefühlsduselei abgleitet.

Wie war's?

 

Fremde Hände hat alles, was ein guter Krimi haben muss: Das Buch ist spannend und schlüssig aufgebaut. Ivanov wendet sich sensibel dem traurigen Schicksal vieler osteuropäischer Frauen zu, die mit oder ohne Gewalt und mit fadenscheinigen Versprechen aus ihrer Heimat nach Westeuropa gelockt werden, um dort brutal missbraucht zu werden. Unbedingte Empfehlung für Fremde Hände.

Fremde Hände ist in der mir vorliegenden Ausgabe im Unionsverlag erschienen und kostet als Taschenbuch 13,95 Euro. Als epub- oder Kindle-Edition kostet es 12,99 Euro.

 

Freitag, 7. Dezember 2018

# 176 - Eine Frau will hoch hinaus: Europas erste Flugbegleiterin

Mit Nelly Diener - Engel der Lüfte wirft die Autorin Pascale Marder einen Blick zurück auf das Leben der Frau, die den ihr nachfolgenden Frauen den Weg in den Beruf der Flugbegleiterin ebnete.

Die Schweizerin Nelly Diener war 22, als sie ihren Mut zusammennahm und sich bei der damals noch jungen Fluggesellschaft Swissair um eine Stelle als Flugbegleiterin bewarb. Im Gespräch mit dem Direktor verschwieg sie alles, von dem sie vermutete, dass es sie in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen könnte: ihren eigentlichen Vornamen Hedwig, der ihr zu altbacken war und dem sie ihren zweiten Vornamen Nelly vorzog; die fünf Halbgeschwister und nicht zuletzt den damals noch anrüchigen Umstand, dass ihre Eltern geschieden waren.

Pascale Marder erzählt die Geschichte von Nelly Diener aus deren Sicht und und aus der eines Reporters der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) jeweils in der Ich-Form und hält sich dabei an die historischen Fakten. Als die junge Frau 1934 als erste Flugbegleiterin Europas berufliches Neuland betrat, war das eine Sensation. Als Vorbild diente die amerikanische Krankenschwester Ellen Church, die bereits vier Jahre zuvor als weltweit erste im Service tätige Flugbegleiterin für Boeing das neue Berufsbild einführte.
Die (kurze) Geschichte von Nelly Diener ist eng mit der Geschichte des europäischen Linienflugs verknüpft und zeigt, unter welchen Bedingungen Crew und Pasagiere die Strecken zurücklegten. Diener war nicht nur dazu da, auf der Strecke Zürich - Berlin die Fluggäste zu beruhigen, wenn das Wetter mal nicht so mitspielte, sondern hat auch auf eigene Rechnung selbst geschmierte Brote und Cognac serviert. Sie tat das so charmant und umsichtig, dass die Piloten schon nach kurzer Zeit ihre Meinung, eine Frau habe an Bord eines Flugzeugs nichts zu suchen, revidierten.
Diener begegnet auf ihren Flügen vielen Prominenten und fand immer den richtigen Ton. Schon nach kurzer Zeit war sie selbst so bekannt, dass sie immer ein paar Autorammkarten bei sich trug, die sie auf Wunsch gern signierte.

Nelly Diener wurde von ihren Chefs ein langes Wochenende in Berlin versprochen, sobald sie ihre ersten 100.000 Flugkilometer hinter sich gebracht hatte. Wegen des engen Flugplans kannte sie bislang von der deutschen Hauptstadt nur den Flughafen. Für diese Tage und auch für künftige Abwesenheiten wählte sie selbst ihre Vertreterin aus. Sie konnte nicht ahnen, dass es zu dem Aufenthalt in Berlin nicht mehr kommen sollte und ihre Vertreterin schon bald ihre Nachfolgerin werden sollte.

Wie war's?

 

Pascale Marder hat mit Nelly Diener - Engel der Lüfte nicht nur einen Einblick in das Leben von Nelly Diener, sondern auch in die Anfänge der Verkehrsluftfahrt und nicht zuletzt in die in den 1930-er Jahren sehr engen Moralvorstellungen der Gesellschaft gegeben. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was es für Diener bedeutet haben mag, sich in dieser Umgebung zu behaupten.

Nelly Diener - Engel der Lüfte ist im bilgerverlag Zürich erschienen und kostet als gebundene Ausgabe mit Lesebändchen 20,-- Euro.

Freitag, 30. November 2018

# 175 - Das war 1949 der Neuanfang in Deutschland

Die ersten hundert Tage - das ist der Titel des neuesten Buches von Wolfgang Brenner, der bereits beschreibt, was den Leser erwartet: Der Autor schildert anhand von verschiedenen Episoden, wie es den Deutschen unter den Alliierten und in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in der ersten Zeit nach den Gründungen der BRD und der DDR ergangen ist. Die vierzehn von ihm vorgestellten Geschichten sind allesamt der breiten Öffentlichkeit praktisch unbekannt.

Von Zoodirektoren, einer gigantischen Explosion und Damenringkämpfen

 

Brenner spürt den kleinen und großen Geschichten des deutschen Alltags in der Zeit der Staatengründungen hinterher und berichtet über Intrigen, verheerende Fahrlässigkeiten oder politische Scharmützel. Da ist zum Beispiel das französische Munitionsdepot im Eifelort Prüm, das sich in einem Bergbunker befand. Kein Deutscher wusste so ganz genau, was genau dort eigentlich gelagert wurde, aber die Einwohner hatten bei dem Gedanken an eine unbekannte Sprengstoffmenge in ihrer direkten Nachbarschaft ein ungutes Gefühl. Zu Recht, wie sich dann herausstellen sollte: Am 15. Juli 1949 explodierten 500 Tonnen Munition mit einer derartigen Wucht, dass sich die Bergkuppe für einen Moment hob. Prüm, das vier Jahre lang aufgebaut worden war, lag in Schutt und Asche. Dass es nur zwölf Tote gab, war dem Einsatz des Landrats und des Gendarmerie-Hauptmanns zu verdanken. 

Auch die Frage, warum sich Schauspielerinnen und Operettensängerinnen als Ringkämpferinnen verdingten, wird beantwortet. Außerdem wird auch geklärt, warum ausgerechnet im Frankfurter Zoo, den damals Bernhard Grzimek leitete, so viele Tiere einen zunächst rätselhaften Tod starben. Gab es einen Zusammenhang zu seiner Vergangenheit als NSDAP-Mitglied? Brenner schildert diese und die weiteren Begebenheiten anschaulich, interessant und oft mit einem Augenzwinkern. 

Schwieriger wird es allerdings in den Abschnitten, die sich den Ereignissen in Berlin widmen und bei denen es um politische Scharmützel zwischen den Alliierten im West- und den Sowjets im Ostteil der Stadt geht. Die Tragweite, die manche Entscheidungen oder Vorfälle auf der einen oder anderen Seite offenbar gehabt haben, hat sich mir nicht durchgehend erschlossen. Manches hätte sicher etwas kürzer ausfallen dürfen, anderes etwas konkreter. Auch ein Personenverzeichnis wäre schön gewesen; viele Namen sagten mir noch etwas, andere waren mir völlig unbekannt. Ich vermute, dass die Zahl der Unbekannten bei jüngeren Lesern noch deutlich höher ist.

Die ersten hundert Tage wirft ein Schlaglicht auf den Neuanfang der beiden deutschen Staaten und erklärt, wie die Deutschen damals "tickten" und wer wirklich das Sagen hatte. Brenners Buch macht auch deutlich, dass sich die Deutschen kaum für politische Fragen interessierten. Das eigene Überleben war für die meisten weit wichtiger.

Die ersten hundert Tage ist im Herder Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 16,99 Euro. 

Sonntag, 18. November 2018

Statt einer Rezension: So war's auf der Buchlust 2018



Kennt Ihr die Buchlust in Hannover? Das ist eine kleine Buchmesse, die jedes Jahr im Künstlerhaus in Hannover stattfindet und auf der sich unabhängige Verlage präsentieren. In diesem Jahr hatte die Buchlust ihr 25-jähriges Jubiläum, und passend dazu waren 25 Verlage vor Ort.

Ich war dieses und letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse und 2017 auf der Leipziger Buchmesse. Auch, wenn die unabhängigen Verlage dort in einem separaten Bereich untergebracht sind, stehen sie in unmittelbarer Konkurrenz zu den großen Publikumsverlagen. Die meisten Besucher steuern zunächst deren Stände an und gucken bei den kleinen Unabhängigen nur dann vorbei, wenn sie noch ein bisschen Zeit übrig haben. Das ist sehr schade, weil sich unabhängige Verlage gern um Buchprojekte abseits des Mainstreams kümmern.

Dieser Konkurrenz müssen sich die Unabhängigen auf der Buchlust nicht aussetzen. Dort kommt man mit kompetentem Standpersonal ins Gespräch und kann in Ruhe stöbern.
Immer wieder habe ich mein Smartphone gezückt und Fotos der Bücher gemacht, die mich interessiert haben. Ich werde versuchen, sie Euch nach und nach vorzustellen. Hier ist meine "Ausbeute":


Mit diesem Buch liebäugele ich schon eine ganze Weile. Spätestens, seit diese Graphic Novel zu den zehn Gewinnern der Hotlist 2017 gehörte, war mein Interesse geweckt.













Was kann man anderes über dieses Buch sagen als "Toll!", wenn man sich diese Bilder ansieht?








Dieses Foto ist leider etwas verwackelt, aber es geht in diesem Buch um einen Prozess gegen eine Ärztin, der über Jahre hinweg den Raum Hannover beschäftigt hat. Dr. Mechthild Bach war viele Jahre niedergelassene Internistin und hatte Belegbetten in einem Krankenhaus bei Hannover. Eines Tages wurde sie von ehemaligem Krankenhauspersonal angezeigt: Sie sollte für den Tod von mehreren Patienten verantwortlich sein. Sie wurde wegen Mordes angeklagt und hat immer gesagt, sie würde auf keinen Fall eine Haft antreten. Das hat sie auch nicht, da sie ihrem Leben ein Ende setzte, bevor es soweit kommen  konnte. Alle, die sie als Patienten, Angehörige oder Freunde kannten, waren sich sicher, dass an den Vorwürfen gegen sie nichts dran war. Sie wurde durchgehend als kompetent und engagiert bezeichnet. Ein Gerichtsverfahren, das es wirklich in sich hatte.

Die weiteren Favoriten, nachdem ich ein bisschen in ihnen gelesen hatte:














  





Bei der nächsten Buchlust bin ich sicher wieder dabei.

Hier habe ich weitere Eindrücke von dieser Buchmesse geschildert, die die Atmosphäre dort beschreiben und auch erzählt, was mir besonders aufgefallen ist.



Freitag, 9. November 2018

# 174 - Wie starb der Irokesen-Chief?

Mit seinem Buch Ein Irokese am Genfersee bettet Willi Wottreng eine wahre Geschichte in einen fiktiven Rahmen. Die Zürcher Staatsanwältin Ursula Haldimann begleitet eine Hausdurchsuchung bei einem Antiquitätenhändler, der der Hehlerei verdächtigt wird. Der Verdacht stellt sich als falsch heraus, aber zu den beschlagnahmten Gegenständen gehört auch ein Fotoalbum, in dem Haldimann ein ungewöhnliches Bild findet: Ein Irokesen-Chief sitzt mit Kopfschmuck und traditioneller Kleidung in einer bürgerlichen Stube an einem Tisch. Um ihn herum befinden sich sitzend oder stehend fünf Frauen und Männer. 

Der Antiquitätenhändler weiß, was es damit auf sich hat: Der Mann mit dem Federschmuck ist Deskaheh, der im Auftrag der "Six Nations", der sechs kanadischen Irokesenstämme, 1923 nach Genf reiste, um dort vor dem Völkerbund ihr dringliches Anliegen vorzutragen und um Unterstützung zu bitten. Die im Gebiet des "Grand River" in der Provinz Ontario lebenden Irokesen erkannten den kanadischen Staat nicht an, sondern sahen sich als eigenes unabhängiges Volk, das die Kanadier als ihre Nachbarn tolerierte. Das führte zu Konflikten mit dem kanadischen Staat, die sich zu Beginn des 20. Jahrhuderts deutlich verschärften. Das Anliegen der Irokesen führten diese darauf zurück, dass König George III. 1784 Ländereien am Grand River erworben und die Six Nations dazu eingeladen hatte, dorthin auszuwandern; im Gegenzug wurde ihnen ihre Unabhängigkeit zugesichert. Das Foto wurde im Haus von Deskahehs Gastgeber in Zürich aufgenommen.

Deskaheh war zäh und ließ sich durch Misserfolge von seinem Vorhaben nicht abbringen. Auch die schlechten Nachrichten, die ihn aus seiner Heimat erreichten, brachten ihn nicht dazu, von seinem Ziel abzuweichen: Unter den Irokesen gab es Intrigen, und die Indianerbehörde machte ihnen das Leben schwer, um sie zum Aufgeben zu bringen. Deskahehs Kampf für die Six Nations trug Züge des Kampfes von Don Quijote gegen die Windmühlenflügel.

Von Deskaheh ist eine Rede aus dem März 1925 überliefert, die er drei Monate vor seinem Tod nach seiner Rückkehr aus der Schweiz in den USA im Radio gehalten hat:
 "My skin is not red but that is what my people are called by others. My skin is brown,
light brown, but our cheeks have a little flush and that is why we are called red skins.
We don’t mind that. There is no difference between us, under the skins, that any
expert with a carving knife has ever discovered."
Deskahehs Tod 1925 gibt Haldimann nun Anlass zu Spekulationen: Starb der Chief wirklich eines natürlichen Todes oder wurde er ermordet?

Wie war's?

Ein Irokese am Genfersee greift historisch belegte Tatsachen auf, von denen ich bislang nichts gewusst hatte. Wottreng hat die Geschichte um Deskaheh und den Sprung in die Gegenwart zur Staatsanwältin Haldimann zu einer interessanten Handlung verwoben. Der einzige Makel an diesem lesenswerten Buch ist, dass die Frage nach der wahren Todesursache des Chiefs leider nur kurz angerissen wird. 

Ein Irokese am Genfersee  ist im Bilgerverlag Zürich in einer gebundenen Ausgabe erschienen und kostet 24 Euro.

Samstag, 3. November 2018

# 173 - Ein Kind wird gefunden, das niemand vermisst

Die Geschichte vom alten Kind ist das erste Buch der bekannten und mit mehreren Preisen ausgezeichneten Autorin Jenny Erpenbeck und mein erstes, das ich von ihr gelesen habe. Das Kuriose: Obwohl es eine Handlung, eine Spannungskurve oder ein anderes stilistisches Merkmal, das einen Roman normalerweise ausmacht, nicht gibt, übt es so etwas wie eine Anziehungskraft aus.

Wenig Handlung, viel Atmosphäre

 

Eines Nachts wird ein Mädchen auf der Straße gefunden. Außer einem leeren Blecheimer hat es nichts bei sich. Man erfährt nur, dass es vierzehn Jahre alt ist, sonst nichts. Da das Mädchen nicht als vermisst gemeldet wurde und sich auch keine Angehörigen ausfindig machen lassen, wird es in ein Heim gegeben. Dort wird ihm alles, was es hat, weggenommen, und es wird neu ausgestattet. Eine deutliche Zäsur, die den alten vom neuen Lebensabschnitt trennt.

Das namenlose Mädchen ist größer als alle anderen Gleichaltrigen im Heim und in der Schule, aber auf eine seltsame Art kraftlos. Seine Statur ist konturlos und schwammig, sein Gesicht nichtssagend und es spricht so gut wie nie. Die saloppe Redewendung "Wenn sie reinkommt, denkt man, jemand sei hinausgegangen" passt hier genau. Das Mädchen schwimmt mit den Mitbewohnern und -schülern mit und ist froh, auf der untersten Stufe der Gruppenhierarchie zu stehen: Ist man dort, muss man um nichts kämpfen. Doch bald merken die Gleichaltrigen, dass sein Verhalten einen Vorteil hat: Das, was dem Mädchen erzählt wird, versinkt in ihm wie in einem schwarzen Loch und es erfährt garantiert niemand anders davon; das, womit man es beauftragt, erledigt es, ohne zu protestieren oder Fragen zu stellen.
Ihre Unscheinbarkeit und gewissermaßen Unsichtbarkeit ermöglichen es dem Mädchen, Dinge zu sehen und zu erfahren, die allen anderen verborgen bleiben. Aber auch Beobachtungen, die bei anderen Menschen dazu geführt hätten, dass sie sie wenigstens einem anderen Menschen anvertraut hätten, sinken folgenlos in ihr Bewusstsein hinab.

Die Kraftlosigkeit und Müdigkeit des Mädchens nehmen immer stärker von ihm Besitz. Eines Morgens sind sie so übermächtig, dass sie nicht mehr aufstehen kann. Wenn man in einem Leben, das derart von Schwäche und Stille geprägt ist wie das dieses Mädchens, überhaupt von einem Wendepunkt sprechen kann, dann ist er jetzt gekommen.

Wie war's?

 

Geschichte vom alten Kind wurde nach seinem Erscheinen 1999 hoch gelobt. Jenny Erpenbeck ist mit diesem Buch ein Roman gelungen, der sich von den meisten abhebt, die mit einer nachvollziehbaren Handlung aufwarten können. Wer Lust hat, sich auf eine ungewöhnliche "Schreibe" einzulassen, der sollte dieses Buch lesen.
Geschichte vom alten Kind ist in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 2001 bei btb zum Preis von 7,99 Euro erschienen. Als epub- oder Kindle-Edition kostet es 6,99 Euro.