Der Schriftsteller Arno Geiger ist bereits mit Es geht uns gutauf diesem Blog vertreten und hat 2005 für den Roman den ersten Deutschen Buchpreis bekommen. Mit seinem für den Deutschen Buchpreis 2018 nominierten Roman Unter der Drachenwand begibt er sich in die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs.
Endsieg oder Untergang?
Im Mittelpunkt des Romans steht der fast 24-jährige Soldat Veit Kolbe. Er wird direkt nach dem Abitur zum Kriegsdienst eingezogen, in Russland mittelschwer verwundet und zur Erholung nach Hause nach Wien geschickt. Fünf Jahre sind seit seiner Abreise vergangen. Er lehnt aufgrund seiner Erfahrungen den Krieg strikt ab, was ihn in Konflikt mit seinen Eltern bringt. Die Jahre als Soldat betrachtet er als vergeudete Zeit. Um der angespannten Atmosphäre zu Hause zu entgehen, flüchtet er sich Anfang 1944 in den Wohnort seines Onkels, nach Mondsee. Er kommt bei einer zänkischen Vermieterin in einem Dachzimmer unter, direkt nebenan wohnt die junge Darmstädterin Margot mit ihrem Säugling, die sich hier in Sicherheit gebracht hat.
Es herrscht an fast allem Mangel, aber Veit kann sich hier erholen. Er versucht erfolglos, mit der Lehrerin Margarete Bildstein, die eine Wiener Mädchengruppe in die Kinderlandverschickung ins Lager Schwarzindien begleitet, anzubandeln und verliebt sich schließlich in die mit einem Soldaten verheiratete Margot. Je länger der Krieg dauert, desto ungeduldiger wird Veit. Für ihn ist klar, dass der Krieg bereits verloren und dessen Ende eine Frage der Zeit ist. Es laut auszusprechen, ist aber nicht zu empfehlen. Veit hofft, dass er nicht erneut an die Front muss und ist kreativ darin, seinen Aufenthalt in Mondsee auszudehnen. Doch seine Anwesenheit in dem kleinen Ort, der fern ist von allen Bomben und Gräueln, erfährt einen dramatischen Höhepunkt, bei dem der junge Mann zum Mörder wird.
Was es in dieser Zeit heißt, nicht den Mund zu halten, erlebt Veit bei seinem Nachbarn, der nur "der Brasilianer" genannt wird. Es ist zwar nur von "H." und "dem F." die Rede, aber der Bruder der grantigen Zimmerwirtin macht keinen Hehl daraus, dass er von den Nazis nichts hält; ganz im Gegensatz zu seiner Schwester und seinem Schwager. Seine offenen Worte haben schon bald Konsequenzen. Immer wieder kommt auch der aus Wien stammende Jude Oskar Meyer zu Wort, der versucht, seine Familie zu retten und doch zu oft falsche Entscheidungen trifft. Ihn hat es genauso wie Veit Kolbe, Margot, Margarete Bildstein und einige andere Personen im Buch gegeben. In den Nachbemerkungen zeichnet Arno Geiger ihre Lebensläufe nach, soweit das nach so langer Zeit noch möglich war.
Lesen?
Den Anstoß für Unter der Drachenwand gab der Zufallsfund einer umfangreichen Korrespondenz von Kindern, Eltern und Behörden, in der es um die Kinderlandverschickung ins Lager Schwarzindien ging. Das historische Material wurde von Geiger zu einem authentischen Roman verwoben, der mit seiner klaren Sprache überzeugt. Lesen? Ja! Der Roman kostet gebunden 26 Euro, als E-Book 19,99 Euro und in der Taschenbuchausgabe 12,90 Euro.
Da ich selbst in meinem Leben viel Kontakt zu Ärzten hatte und eine geraume Zeit in Krankenhäusern verbracht habe, hat mich dieses Buch interessiert. Geschädigt statt geheilt: Große deutsche Medizin- und Pharmaskandale von Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt dokumentiert eine ganze Reihe von Skandalen aus der BRD und der DDR, deren umfassende Aufbereitung und Darstellung vor allem der ausdauernden Recherche der Autoren zu verdanken ist. Sie schreiben über fast vergessene medizinische Dramen wie das Lübecker Impfunglück von 1930, dem etwa 70 Säuglinge zum Opfer fielen, und bekannte Skandale, die monate- oder sogar jahrelang die Medien beschäftigt haben. Der Fall von Gustl Mollath, der zu Unrecht über sieben Jahre in der Psychiatrie festgehalten wurde, erschüttert ebenso wie der unfassbare Umgang der Kliniken, in denen der mordende Krankenpfleger Niels Högel sein tödliches Unwesen trieb.
16 Skandale werden von den Autoren sehr genau geschildert. Immer wieder kommt zwischen den Zeilen ihre Fassungslosigkeit angesichts der langen Dauer, in denen beispielsweise verunreinigte Impfdosen gegeben wurden (Anti-D-Impfungen in der DDR) oder die Schädlichkeit eines Medikaments vom Hersteller ausdauernd geleugnet wurde (Contergan-Skandal), zum Ausdruck. Auch die langen Prozesse mit einem insbesondere für die geschädigten Patienten unsicheren Ausgang werden von ihnen kritisiert. Mich hat das Kapitel über den OP-Roboter Robodoc besonders interessiert, der ab Mitte der 1990-er Jahre in erster Linie bei Hüftprothesen-OPs eingesetzt wurde. Damals hat man auch mir den Vorschlag gemacht, mich solch einem Robodoc-Eingriff zu unterziehen, was ich, nachdem ich eine Menge darüber gelesen hatte, dankend abgelehnt habe. Wie ich nicht erst seit der Lektüre dieses Buches weiß, war das eine gute Entscheidung.
Lesen?
Roloff und Henke-Wendt schreiben über die Pharma- und Medizinskandale so, dass es auch für Laien verständlich ist. Das Buch kann keine vollständige Aufzählung aller Skandale dieser Branche sein; ohne mich früher näher damit beschäftigt zu haben, fallen mir noch weitere Vorkommnisse ein, die durchaus das Zeug zu einem Skandal gehabt hätten. Auch wenn man am Ende des Buches angesichts der zum Teil ungeheuerlichen Vorgänge ein mulmiges Gefühl haben könnte, sollte das nicht dazu führen, dass man grundsätzlich das Vertrauen in die Medizin verliert: Wie überall gibt es großartige Vertreter ihres Berufsstandes und solche, die man am liebsten in ein Kämmerlein schließen und den Schlüssel wegwerfen möchte, damit diese Leute kein weiteres Unheil anrichten können. Wer damit umgehen kann, für den ist Geschädigt statt geheilteine sehr interessante Lektüre, die Patienten auch dazu anregen kann, sich umfassend zu informieren, bevor sie einer Behandlung zustimmen, und alles zu hinterfragen, was ihnen unklar geblieben ist. Das ist heute viel einfacher als vor zwanzig oder dreißig Jahren, als es noch kein Internet gab. Geschädigt statt geheilt ist 2018 im S. Hirzel Verlag erschienen und kostet als Taschenbuchausgabe 22 Euro.
Axel Hacke ist den Lesern der Süddeutschen Zeitung
als Kolumnist bekannt. Wer seine Bücher gelesen hat, weiß, dass seine Geschichten von absurden Begebenheiten nur so wimmeln. Da macht Die Tage, die ich mit Gott verbrachte keine Ausnahme.
Gott hat Selbstzweifel
Hackes Erzähler ist verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Wenn er tagsüber in seinem Büro ist, hat er Gesellschaft von seinem Büroelefanten. Das handliche Tier war früher in seinem Kopf, wo es ihn vom Arbeiten abgehalten hat. Deshalb hat er ihn kurzerhand dort herausgeholt. Seitdem folgt ihm der Büroelefant beinahe auf Schritt und Tritt, unsichtbar für alle anderen.
Eines Tages sitzt der Erzähler auf einer Bank vor einem Wohnhaus, als sich ein älterer Herr neben ihm Platz nimmt. Aus einem offenen Fenster über ihnen ist ein Streit zu hören. In einer plötzlichen Bewegung schubst der Alte den Erzähler von der Bank, auf die nur einen Augenblick später ein großer Globus prallt, der aus dem geöffneten Fenster geworfen worden ist. Ohne den Einsatz des Seniors hätte der Erzähler von der schweren Kugel erschlagen werden können. Mit diesem Ereignis beginnt der Kontakt zwischen den beiden Männern. Der alte Herr gibt schon bald zu, dass er derjenige ist, der hier auf der Erde als "Gott" bezeichnet wird. Aber der Erzähler erkennt bald, dass seine Vorstellung von Gott, dem Allmächtigen, ein paar Schönheitsfehler hat. Zunächst zeigt der Alte mit ein paar unterhaltsamen Tricks, was er so drauf hat, aber wenig später geht es ans Eingemachte. Er bringt seinen Gesprächspartner dazu, über sich, sein Leben und sein Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater nachzudenken. Dabei bleibt es aber nicht: Gott ist mit sich selbst alles andere als im Reinen, er hadert mit der Entwicklung seiner Schöpfung. Irgendwie ist alles so anders gekommen, als er es sich einmal vorgestellt hatte. Und das, obwohl die Welt, wie wir sie kennen, nicht seine erste war! Gott ist auch mit dem Verhalten der Menschen ihm gegenüber unzufrieden. Reden sie, wenn sie beten, wirklich zu ihm oder nicht doch eher mit sich selbst? Haben sie an ihm wirklich Interesse? Auch mit dem Selbstbild, das die Menschen von sich haben, ist er nicht zufrieden. Sie sind schließlich nur ein Nebenprodukt seiner Schöpfung und nehmen sich jetzt viel zu wichtig. "Eines Tages werdet ihr weg sein, aber die Welt wird es immer noch geben", stößt Gott prophetisch aus.
Lesen?
Das ist nicht die einzige philosophische Betrachtung, die Hacke Gott sagen lässt. Es wird auch um die Notwendigkeit des (augenscheinlich) Bösen gehen, die Gleichgültigkeit, die Überwindung der Angst und den Wert der Freiheit. Jede dieser Überlegungen kommt federleicht daher und ist von Hackes typischem Humor durchzogen. Die Tage, die ich mit Gott verbrachte ist ein im Kern heiteres Buch, das man nach dem Lesen lächelnd, aber auch nachdenklich zuklappt.
Die Tage, die ich mit Gott verbrachte wurde mit sehr schönen Zeichnungen von Michael Sowa illustriert. Das Buch ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen und kostet in der gebundenen Ausführung 18 Euro, als Audio-CD 6,46 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 14,99 Euro.
China und seine Geschichte sind aus unserer Perspektive von einem Hauch
des Geheimnisvollen umweht. Wer sich nicht intensiv mit der Vergangenheit des riesigen Reichs beschäftigt hat, hat meist nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sich dort vor 150 oder 200 Jahren ereignet hat. Ganz anders ist das mit Stephan Thome. Er hat u. a. Sinologie studiert und mit einer Dissertation promoviert, in der das konfuzianische Denken eine zentrale Rolle spielte. Thome lebt seit etlichen Jahren in Taipeh. Mit seinem vierten Buch Gott der Barbaren widmet er sich in Romanform dem China des 19. Jahrhunderts. Der Roman schaffte es 2018 bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises.
China auf dem absteigenden Ast?
Gott der Barbaren ist der Versuch, eine ereignisreiche Zeit, die vom Niedergang der Qing-Dynastie, ihrer Konfrontation mit der religiös-politischen Taiping-Bewegung und den beiden Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt war, in Romanform zu schildern. Das Buch wird von den Erlebnissen des fiktiven Charakters Philipp Johann Neukamp, einem Zimmermannssohn aus dem Märkischen, der Tagebuch schreibt und dem Leser seine Erlebnisse berichtet, durchzogen.
Neukamp hat eigentlich vor, nach Amerika auszuwandern. Zufällig trifft er auf den Missionar Karl Gützloff, der ihn dazu bringt, den christlichen Glauben in China zu verbreiten. Gützloff hat es gegeben; er betrieb in China eine Missionsschule, in der Chinesen zum christlichen Glauben bekehrt werden und diesen dann verbreiten sollten. Neukamp ist jedoch nur mäßig erfolgreich. Im Verlauf der Handlung irrt er durch das Land und wirkt eher wie ein Spielball der Ereignisse, aber nicht wie jemand, der sein Leben aktiv in die Hand nimmt. Er lernt den Mystiker Hong Xiuquan kennen, der sich für Jesus' jüngeren Bruder hält und später den Taiping-Aufstand anführen wird. Dieser Bürgerkrieg gehörte mit seinen 30 Millionen Toten zu den blutigsten Kriegen der Menschheitsgeschichte. Neukamp erliegt zunächst dem charismatischen Sektenführer und wird für eine Weile in den Aufstand mit hineingezogen. Hong war durch Visionen und eine Bibel, die er von einem amerikanischen protestantischen Pfarrer bekommen hat, zum Christentum gekommen. Neukamp wird ihm im Verlauf des Buches immer wieder begegnen. Eine weitere wichtige Figur, die das Geschehen aus britischer Perspektive beurteilt, ist Lord Elgin. Auch ihn hat es gegeben, er war u. a. Sonderkommissar für China. Als die Qing-Regierung sich nach dem Ende der ersten Phase des Zweiten Opiumkrieges weigerte, die mit den Briten vereinbarten Bedingungen einzuhalten und die britischen Verhandlungspartner folterte, ordnete Lord Elgin einen Rachefeldzug an, der in der Zerstörung des Alten Sommerpalastes in Peking mündete. Die Anlage gilt als ein architektonisches Meisterwerk, sodass Lord Elgin bis heute in China für diese Tat als Barbar gilt. Er wird im Roman als Mensch beschrieben, der dem chinesischen Volk mit großem Unverständnis und reichlich Ignoranz und Arroganz begegnet. Warum sollte man mit Männern verhandeln, die wie Frauen in Kleidern herumlaufen? Gleichzeitig fühlte er sich jedoch von vielem, was er im Grunde ablehnte, auf seltsame Weise angezogen. Ein Beispiel für diese ambivalente Haltung ist der "goldene Lotus": Der Begriff beschrieb die gebundenen Füße der chinesischen Frauen, die damals üblich waren. Der Sonderbotschafter verachtete einerseits diese Verstümmelung, die die Frauen daran hinderte, normal zu gehen, konnte aber andererseits seinen Blick nicht von ihnen abwenden. Und dann ist da noch eine Person, die im China dieser Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat: General Zeng Guofan. Er war der Anführer der Hunan-Armee, die aus Freiwilligen bestand und den kaiserlichen Truppen zu Hilfe geeilt ist, als diese sich als zu schwach erwiesen, um den Taiping-Rebellen noch etwas entgegenzusetzen. Zeng gehörte zu den gebildetsten Menschen des Landes, wurde jedoch wegen seiner Erfolge und seines Status' von manchen als Gefahr angesehen. Der General wird von Thome als ambivalente Persönlichkeit beschrieben: Er legte zwar Wert auf Kultur und Menschlichkeit, nahm aber 1864 den Tod von 100.000 Menschen in Kauf, als die von den Taiping-Rebellen eroberte Stadt Tianjing (heute: Nanjing) von seiner Hunan-Armee zurückerobert wurde.
Lesen?
Thome transportiert in seinem Roman das gegenseitige Unverständnis der aufeinandertreffenden Kulturen und erklärt, wie eine irritierend falsch ausgelegte und übersetzte Bibel gepaart mit dem - nicht nur in China betriebenen - missionarischen Eifer der Europäer es vermochte, eine fatale Entwicklung ins Rollen zu bringen, an deren Ende zahllose Tote und ein zerrüttetes Land standen. Für Leser, die sich (wie ich) mit dieser Epoche der chinesischen Geschichte jedoch bislang nicht beschäftigt haben, wird es schwer, den Überblick zu behalten. Thome hat sein Buch um ein Personenregister ergänzt, das insbesondere bei den einander sehr ähnelnden chinesischen Namen sehr hilfreich ist. Der Gott der Barbaren ist mit einer Menge Details angefüllt, zugunsten der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Handlung wäre aber oft weniger mehr gewesen. Trotz dieser Einschränkung ist es für alle, die sich für die chinesische Geschichte interessieren und bereit sind, sich ein bisschen durch die mehr als 700 Seiten durchzubeißen, ein lesenswertes Buch.
Die damaligen Ereignisse werfen ihre Schatten bis in die heutige Zeit. Sie werden in chinesischen Schulen, Museen etc. als die 100 Jahre der nationalen Demütigung bezeichnet, die von der Kommunistischen Partei beendet wurden. In diesem Kontext steht auch die Niederschlagung des Volksaufstands auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz mit 2.600 Toten und 7.000 Verletzten im Jahr 1989: Die Demonstrationen wurden als unpatriotisches Verhalten und als Folge einer schlechten Erziehung betrachtet. Weitere Hinweise auf die Hintergründe des Romans gibt ein Interview, das der Deutschlandfunk mit Stephan Thome geführt hat. Gott der Barbarenist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 25 Euro, als Kindle- oder epub-Ausgabe 21,99 Euro sowie als Taschenbuch 14 Euro.
Seit 1967 wird an jedem 2. April der Internationale Kinderbuchtag begangen. Dieser Blog ist nicht gerade als erste Adresse bekannt, wenn es um Empfehlungen für Kinderbücher ging, aber ich habe mich erinnert, was mich begeistert hat, als ich selbst noch ein Kind war, und welche Bücher ich mit meinen Kindern angesehen oder ihnen vorgelesen habe.
Damals: Bücher in den 1960-er und 1970-er Jahren
Ich konnte schon sehr früh lesen. Nicht weil meine Eltern all ihren Ehrgeiz dort hineingelegt hätten oder ich die intellektuelle Überfliegerin gewesen wäre, sondern weil es Phasen in meinem Leben gab, die lesend am besten zu überstehen waren. Woran ich mich sehr gern erinnere, sind die Bücher, in denen der Igel Mecki die Hauptrolle spielte. Mit dem Pinguin Charly, dem Schrat und den sieben Goldhamstern,
die immer wieder gerettet werden mussten, hat er praktisch die ganze Welt bereist. Sprachlich waren die Bücher so, wie es damals üblich war: Am Titel des Buches "Mecki bei den Negerlein" stieß sich früher niemand. Das kam erst später. Ich glaube, ich habe heute noch ungefähr zehn Mecki-Bände. Jeden Band habe ich mehrmals gelesen.
Ganz klare Favoriten waren auch die Bücher von Astrid Lindgren. Nur Karlsson vom Dach war mir unsympathisch, aber Pippi als Kontrast zu den eigentlich kreuzbraven Geschwistern Annika und Tommy war super.
Später zählten Krabat von Otfried Preußler und Die unendliche Geschichte von Michael Ende zu meinen Lieblingsbüchern. Und ich bekenne, auch wenn jetzt manche vor Entsetzen vom Stuhl fallen sollten: Ich war ein echter Fan von Hanni & Nanni. In meinem Mädchen-Bücherregal standen alle Bände! Irgendwann habe ich die Serie allerdings auf dem Flohmarkt verhökert. Meine Begeisterung hat damals nur in einer bestimmten Zeit gehalten. Die anderen Bücher habe ich immer noch und habe auch nicht vor, mich von ihnen zu trennen.
Kinderbücher in den 1990-er Jahren und Anfang der 2000-er Jahre
Was damals für kleine Kinder vor dem eigentlichen Vorlesealter total angesagt war, waren die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch. Szenen, die ein Kind auch aus dem eigenen Alltag kennt, waren da zeichnerisch umgesetzt und jedes einzelne Bild mit zahllosen Personen und Details angefüllt. Meine Kinder fanden das sehr spannend, ganz nebenbei war das gemeinsame Angucken eine gute Konzentrationsübung.
In den 1990-ern hat Markus Osterwalder einen großen Erfolg mit Büchern der Figur Bobo Siebenschläfer gehabt. Ob dieser Erfolg angehalten hat, weiß ich nicht. Alle Kinder um uns herum und auch meine eigenen waren als Dreijährige hin und weg von diesem gezeichneten Tier. Ich war für jeden Tag dankbar, an dem die beiden nicht daraus vorgelesen haben wollten. Kurz: Ich habe das Vieh gehasst. Wo die drei Bobo-Bücher abgeblieben sind, weiß ich nicht. Mögen sie mir nie wieder über den Weg laufen.
Richtig, richtig toll waren die Bücher von Sven Nordqvist mit dem alten, grantelnden Pettersson und seinem cleveren Kater Findus. In der schwedischen Einöde gehen sich die beiden zwar hin und wieder auf die Nerven, aber letztendlich sind sie einander die besten Freunde. Unvergessen das Buch Morgen, Findus, wird's was geben, in dem sich Pettersson den Fuß verstaucht und keinen Weihnachtsbaum schlagen kann. Doch da wird flugs einer selbst gebastelt. In unserem Regal standen mehrere Bücher dieser Reihe, und ich könnte jetzt nicht sagen, welches das beste von ihnen ist.
Sehr amüsant und auf eine besondere Weise liebevoll war die Buchreihe rund um Mama Muh. Unverkennbar war wieder Sven Nordqvist am Werk, hier gibt es aber nur tierische Hauptfiguren. Mama Muh mag sich nicht mit dem ihr zugedachten Leben als Milchlieferantin abfinden und kommt auf immer neue Ideen, die sie tatkräftig und unerschrocken umsetzt. Selbstverständlich kann eine Kuh zum Beispiel ein Baumhaus bauen oder wie die Kinder, die sie den ganzen Tag beobachtet hat, rutschen. Ihr Freund Krähe beäugt sie zu Anfang immer skeptisch, ist dann aber immer zur Stelle, wenn Mama Muh Unterstützung braucht.
Harry Potterlöste hier nur gedämpfte Begeisterung aus. Ich habe meinen Kindern die ersten drei Teile vorgelesen, dann hatten sie genug vom Zauberschüler.
Mein Sohn wurde dann ein großer Fan von Die Chroniken von Narnia von Clive S. Lewis. Als ich ihm alle sieben Bände vorgelesen und den allerletzten Satz beendet hatte, sagte er: "Noch mal!" Ein besseres Kompliment kann ein Kinderbuch doch nicht bekommen, oder?
Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit!
Der Bosnienkrieg hat die Welt von 1992 bis 1995 in
Atem gehalten. Unvergessen sind die grausamen Gemetzel wie in Srebrenica, die nicht nur gegen Soldaten, sondern auch gegen Zivilisten gerichtet waren und von den anwesenden Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen nicht gestoppt wurden. Erst das Ende 1995 geschlossene Friedensabkommen von Dayton beendete den Kriegszustand.
2001 macht sich Juli Zeh auf den Weg nach Bosnien-Herzegowina. Ihr einziger Begleiter: ihr Hund Othello, der wie sie unterwegs eine Menge auszuhalten hat. In ihrem 2002 erschienenen Buch Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnienbeschreibt Juli Zeh, wie sie versucht, die selbst gestellten Fragen zu beantworten. Eine davon heißt: Wer hasst wen und wie sehr? Es ist eine Frage, die ihr dabei helfen soll, den wahren Hintergründen, die den Krieg ausgelöst haben, auf den Grund zu gehen. Die Antworten, die sie von den Menschen, denen sie auf ihrer Reise zufällig begegnet, haben eine Gemeinsamkeit: Die Erklärung der Weltpresse, dahinter habe ein ethnischer Konflikt gestanden, wird ganz überwiegend für Unsinn gehalten. Die genannten Gründe könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. Das Land ist zerstört, manches wurde wieder aufgebaut, anderes blieb in Trümmern. Mittendrin ist die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh, die ihre Reise so beginnt wie jemand, der im Freibad auf dem Zehn-Meter-Brett steht und sich kurz vor dem Sprung einen Ruck gibt: ziemlich kurzentschlossen und - so scheint es - ohne größere Vorbereitungen. Wie wenig Bosnien-Herzegowina als touristisches Ziel gilt, merkt sie bereits im Reisebüro an der Reaktion der Angestellten: "Was wollen Sie da? Da ist doch Krieg!" Der Versuch, bei einem der größten deutschen Autovermieter für einen Monat ab Sarajevo einen Pkw zu mieten, scheitert an den horrenden Kosten: 3.500 $ werden verlangt. Vermutlich geht man in dem Unternehmen davon aus, dass man das Fahrzeug angesichts des Reiseziels auf die Verlustliste setzen muss. Der Roadtrip beginnt zunächst mit einer Zugfahrt, die von Wien über das slowenische Maribor nach Zagreb führt. Dort bekommt sie von einem Freund eines Freundes eine Kurzinfo in bosnischer Staats- und Gesellschaftskunde und Verhaltenstipps. Später, auf dem Weg nach Sarajevo, erfindet sie eine neue Sprache, um mit den Kommunikationsschwierigkeiten fertig zu werden: Endepol ist eine Mischung aus Englisch, Deutsch und Polnisch, erweist sich im Laufe der Reise aber nicht immer als zuverlässige Verständigungshilfe. Sie macht Halt in Jajce, einer Kleinstadt, deren Bevölkerung sich infolge des Bosnienkrieges neu zusammenstzte. Weitere Stationen sind Mostar, Sarajevo, Pale, Fojnica, Čapljina, Tuzla, Srebrenica, Travnik, Banja Luka, Zagreb und einige kleinere Orte, die hier praktisch unbekannt sind. Innerhalb Bosnien-Herzegowinas legt sie die Strecken mit einem Auto zurück. Die Namen der meisten Städte, die sie besucht, sind hier durch die damalige Berichterstattung in den Nachrichten bekannt.
Juli Zeh verbringt körperlich anstrengende Wochen in Bosnien-Herzegowina. Eine für Touristen geeignete Infrastruktur gibt es nicht, Unterkünfte findet sie unterwegs eher zufällig, ihre Ernährung ist - gelinde gesagt - ungesund. Sie lässt sich treiben und entschließt sich oft spontan, die eine oder andere Richtung einzuschlagen. In den größeren Städten erlebt sie eine andere Stimmung als in den kleinen Ortschaften: Während die Städter sich offen geben und abends gepflegt durch das Zentrum flanieren, ist in den Kleinstädten und Dörfern der Wiederaufbau noch nicht weit gekommen und der Krieg in den Köpfen der Menschen noch deutlich präsenter. Da
Juli Zeh als Deutsche zur sog. "intrenational crowd" gehört, ist das
Orgaisieren eines SFOR-Ausweises kein Problem. Dieser Ausweis erweist sich
etliche Male als Türöffner. Das schützt sie aber nicht vor der fast allgegenwärtigen Gefahr, Opfer einer Mine zu werden. Besonders bewusst wird ihr das, als auf einer Bergkuppe bei Mostar einen großes aus Steinen gelegtes "H" irrtümlich als Zeichen für "Helikopter" interpretiert. Erst bei näherem Hinsehen wird Zeh klar, dass es sich um ein großes "M" handelt und sie sich mitten in einem abgesperrten Minengebiet befindet.
Lesen?
Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien ist in mehrerer Hinsicht ein lesenswertes Buch. Juli Zeh hat keinen der üblichen Reisebrichte geschrieben, sondern ihre Beobachtungen notiert: über die Menschen, das, was der Krieg mit ihnen gemacht hat und nicht zuletzt über sich selbst. Sie haucht auch dem, was auf den ersten Blick tot wirkt, noch Leben ein und verzichtet bei aller Empathie darauf, von ihrem vom Krieg geschundenen Reiseland ein Bild des Entsetzens zu zeichnen. Lesen!
Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnienist in der mir vorliegenden Ausgabe bei Schöffling & Co. erschienen. Die Taschenbuchausgabe kostet 10 Euro, die epub- oder Kindle-Edition 9,99 Euro. Das gebundene Buch ist nur noch antiquarisch zu bekommen.
Mediation: Oft ruft dieses Wort noch ratlose Gesichter
hervor. Worum es sich bei einer Mediation handelt, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Doch dieser Weg, mit Streitigkeiten umzugehen, wird immer bekannter. Nicht zuletzt trägt dazu die sehr gute Erfolgsquote von außergerichtlich beigelegten Konflikten bei.
Mit Kein Grund zur Klage! hat eine Expertin, die als Anwältin und Mediatorin beide Arten, mit Streitigkeiten umzugehen, kennt, ein aufschlussreiches Sachbuch geschrieben. Manuela Reibold-Rolinger ist manchen vielleicht aus der Sendereihe "Die Bauretter" bekannt. Dort verhilft sie Bauherren, die von ihrem Bauunternehmen hängengelassen wurden, gemeinsam mit einem Bauexperten zu einem intakten und wohnlichen Eigenheim.
Manuela Reibold-Rolinger schildert zu Beginn ihres Buches sehr genau, woran sich Streitigkeiten entzünden können. Ein häufiger Anlass sind mündlich getroffene Vereinbarungen, die nicht oder nur unvollständig in einen Vertrag aufgenommen wurden. Aber was dort nicht steht, gilt nun mal als nicht vereinbart. Das ist in allen Bereichen so, in denen Verträge eine Rolle spielen. Die Anwältin schildert dann auch konkret, warum sich Gerichtsprozesse oft über Jahre erstrecken, was sie teuer machen kann und erläutert den Nachteil eines richterlichen Urteils: Es gibt immer einen Verlierer, und manchmal fühlen sich sogar beide Konfliktparteien so, als hätten sie das Nachsehen.
Um ihren Lesern das Thema Mediation näherzubringen, nähert sie sich ihm nach und nach. So geht sie auch mit dem Verhalten mancher Anwaltskollegen kritisch um, die ein Mandat verzögern oder ihren Mandanten zu einem Prozess raten, obwohl sie wissen, dass dessen Erfolgsaussichten gering sind. Diese Anwälte sind die Ausnahme, aber es gibt sie. Auch Deeskalation ist bei diesem Berufsstand nicht jedermanns Sache. Kommt es zu einem Gerichtsprozess, geschieht dies nur auf Wunsch der klagenden Partei.
Die Mediation ist hier das Kontrastprogramm. Die Kontrahenten entschließen sich aus freien Stücken zur Teilnahme und kümmern sich eigenständig um eine Lösung, die von beiden Seiten akzeptiert wird. Dabei werden sie vom unparteiischen Mediator unterstützt, der keinen der Streitenden unter Druck setzt oder ihm eine Lösung aufzwingt. Reibold-Rolinger geht auch auf den Unterschied zwischen einem Mediationsverfahren und den gerichtlich angeordneten Güteterminen oder den Terminen in offiziell anerkannten Schlichtungsstellen ein. Letztlich kommt sie zu den zahlreichen Vorteilen, die eine Mediation hat. Die Erfolgsquote der von ihr durchgeführten Mediationen liegt bei etwa 80 %, nur bei 10 % der Verfahren kam es nicht zu einer Einigung. Sie räumt auch ein, dass es Fälle und/oder Menschen gibt, die sich nicht für eine Mediation eignen. Äußerungen von Mandanten wie z. B. "Ich mache das nur, weil meine Frau es will" oder "Ich will auf keinen Fall etwas zahlen" sind keine guten Vorzeichen für eine erfolgreiche Mediation.
Kein Grund zur Klage! ist ein auch für Laien sehr verständliches Buch, das seinen Lesern die Vorteile einer Mediation - insbesondere als Alternative zu einer Klage vor Gerciht - deutlich vor Augen führt. Wer sich über diesen Weg, Streitigkeiten beizulegen, informieren möchte, ist mit diesem Buch sehr gut beraten.
Kein Grund zur Klage! ist bei Goldmann erschienen und kostet broschiert 18 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 14,99 Euro.
Buches geschrieben, über das seit seiner Veröffentlichung viel diskutiert wurde. Die Kulturseiten der allermeisten Printmedien haben es praktisch in der Luft zerrissen, etliche Buchhändler weigerten sich, es zu verkaufen, während einige ihrer Kollegen Werk und Autor in Schutz nahmen und das Gegenteil zusagten. Es geht um den Roman Stella von Takis Würger. Ich war von der Lesung, die de facto keine war, ziemlich enttäuscht und hatte danach nicht mehr vor, das Buch zur Hand zu nehmen. Aber dann lief es mir über den Weg und ich beschloss, mir nun doch selbst ein Bild zu machen, was an den Anwürfen gegen Würger und sein Werk dran ist.
Die titelgebende Stella Goldschlag hat es tatsächlich gegeben, und es ist ihr Gesicht, das uns auf dem Buchcover entgegenlächelt. Sie war eine junge Jüdin, die in Berlin lebte und sich ihren Lebensunterhalt auf mehreren Wegen verdiente. Einen davon wird man im Verlauf der Handlung näher kennenlernen. Stellas Reaktion auf die Erpressung der Nazis und den Wunsch, ihre Eltern zu schützen, hat Takis Würger recherchiert. Fiktion sind hingegen die Figur des jungen Friedrich, der gutsituiert in der Schweiz in der Nähe des Genfer Sees aufwächst, sowie seine Liebesgeschichte mit Stella.
Friedrichs Mutter ist gebürtige Deutsche und macht ihrem Sohn von klein auf klar, dass sie Juden für Untermenschen hält. Die ohnehin zerrüttete Ehe der Eltern erlebt ihren Tiefpunkt, als die von ihrem Leben enttäuschte Frau auf dem Dach der Familienvilla eine Hakenkreuzfahne hisst, die der Vater aufgebracht entfernt. Friedrichs Vater wiederum ist geschäftlich ständig unterwegs, zu einem Gutteil wohl aber auch, um seine ständig betrunkene Gattin nicht täglich aushalten zu müssen. Mit 19 entschließt sich Friedrich, das, was man über das Geschehen in Deutschland und insbesondere in Berlin hört und liest, selbst anzusehen. Er reist im Januar 1942 als Tourist in die deutsche Hauptstadt, mietet sich in ein Grand Hotel ein, dessen Kosten von seinem Vater übernommen werden, lernt die gutaussehende Kristin kennen und verliebt sich in sie. Erst spät begreift er, welches Geheimnis die junge Frau verbirgt: Um die Eltern vor dem KZ zu bewahren, arbeitet sie für die Nazis als sogenannte Greiferin, verrät also untergetauchte Juden an die Gestapo. Ich hatte mit Stellaeinige Schwierigkeiten. Mich hatte bereits irritiert, dass Takis Würger im Verlauf der Lesung geäußert hatte, sich mit Stella Goldschlag beschäftigt, sich für das Buch jedoch von ihr gelöst zu haben. Aber unabhängig davon, wie viel Verständnis man der tatsächlichen Stella entgegenbringt, kann ich nicht nachvollziehen, warum solch eine Persönlichkeit, die ihren Verrat auch fortsetzte, nachdem ihre Eltern getötet worden waren, eine der Hauptfiguren in einer problematischen Liebesbeziehung wird. Ihr Tun wird im Romantext nur angedeutet, das Leid ihrer Opfer wird nur angerissen, indem Würger aus den Ermittlungsakten zitiert, die im Zusammenhang mit dem späteren Gerichtsverfahren gegen Stella Goldschlag angelegt wurden. Jeder Verrat wird hier bürokratisch wie ein behördlicher Vorgang abgewickelt. Warum Würger diesen Weg wählt, obwohl er zu Beginn seines Buches selbst darauf hinweist, dass sein Urgroßvater 1941 im Rahmen der Aktion T4 den Nazis zum Opfer gefallen ist, erschließt sich mir nicht. Hinter diesem Kürzel steckt immerhin die systematische Ermordung von etwa 70.000 behinderten Menschen zwischen 1940 und 1945. Warum also diese Distanziertheit, obwohl es doch eine persönliche Betroffenheit gibt? Oder soll diese Information den Autor dazu legitimieren, sich als Nachkomme eines Opfers des nationalsozialistischen Regimes zum Thema äußern zu dürfen? Wenn es so wäre, hätte ich ebenfalls diese Art von Legitimation; ich halte mich aber nicht für ausreichend kompetent, etwas über den Holocaust zu schreiben, nur weil ein körperlich eingeschränkter Verwandter in gleicher Weise "entsorgt" wurde wie Würgers Urgroßvater. Auch nicht nach einer Recherche wie der, die der Autor durchgeführt hat. Der gemeinsame Nenner der damaligen massenhaften systematischen Ermordung von Juden und der Beseitigung des unwerten, weil behinderten Lebens ist die gewaltsame Auslöschung. Vom einen auf das andere zu verweisen, empfinde ich als schwierig. Unbegreiflich ist mir auch die Figur des Friedrich geblieben. Sein Handeln zeugt von einer kaum nachvollziehbaren Naivität, die schon mit der Abreise aus der neutralen Schweiz nach Berlin beginnt und von der ihn niemand zu Hause ernsthaft abzuhalten versucht. Um einen Vergleich zu bemühen: Muss man sich in die Nähe eines hungrigen Löwen begeben, weil man gehört hat, dass die Tiere mit leerem Magen besonders angriffslustig sind, man das jetzt aber doch mal selbst live und in Farbe erleben will? Auch der Weg zur Erkenntnis ist bei dem jungen Mann lang: Bis er realisiert, was die Frau, in die er so verschossen ist, wirklich tut und dass sie nicht Kristin, sondern Stella heißt, ist das Buch zur Hälfte gelesen. Friedrich ist ein naiver Vollidiot, um es deutlich zu sagen. Sein kritikloses Verhalten gegenüber Stella ist nur schwer zu ertragen. Es gibt keinen Moment, in dem er gegen ihr lange Zeit rätselhaft wirkendes Benehmen aufbegehren oder wenigstens konkrete Fragen stellen und auf einer klaren Antwort bestehen würde. Statt dessen registriert er beispielsweise, dass Stella ständig mit Pervitin gefüllte Pralinés nascht und kauft ihr für viel Geld mehrere Packungen, um ihr eine Freude zu machen. Pervitin war der Handelsname eines seit 1938 vertriebenen Präparats, das heute unter dem Namen Methamphetamin oder den kürzeren Bezeichnungen "Meth" und "Crystal Meth" bekannt ist. Auch Friedrichs Versuch, Stellas Eltern zu befreien, scheitert an seinem Glauben daran, dass eine getroffene Abmachung gilt - auch wenn es sich dabei um den Bestechungsversuch eines Nazis handelt. Stella konnte mich nicht überzeugen. Mir fehte es an vielen Stellen an der Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit. Ich habe auch Schwierigkeiten damit, ein historisch monströses Ereignis wie die Massentötung der Juden während des Dritten Reichs in eine (seltsame) Liebesgeschichte hineingezwängt zu sehen. Durch den sachlichen Schreibstil scheint Würger eine Distanz zwischen sich und der Handlung seines Buches aufbauen zu wollen, so dass es wirkt, als sei er hier nur der Chronist, den das alles nicht wirklich etwas anginge. Doch wie passt das mit dem Hinweis auf seinen Urgroßvater zusammen? Ich habe darauf keine Antwort. Stellaist bei Hanser erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als epub- oder Kindle-Ausgabe 16,99 Euro sowie als Audio-CD 13,27 Euro.
Das passiert mir selten, dass ich ein Buch lese, bei dem ich
gegenüber einer der Hauptfiguren einen solchen Groll entwickle, dass ich ihr am liebsten eine runterhauen würde, wenn das denn möglich wäre, aber trotzdem durchhalte bis zum Schluss. Warum ich das Werk nicht in die nächste Ecke geschleudert habe? Ich bin mir nicht sicher, aber vermutlich, weil ich darauf gewartet habe, dass es im Laufe der Handlung jemanden geben würde, der dem, der im Buchtitel der "Ich" ist, mit Schwung...
Das Buch, um das es heute geht, ist bereits 2003 erschienen und bedeutete für den damals noch unbekannten Schriftsteller Daniel Kehlmann den Durchbruch: Ich und Kaminski heißt es, und beim Lesen des Buchtitels dachte ich fast schon reflexartig an einen Ausspruch meiner Mutter, wenn ich als Kind einen Satz mit: "Ich und..." begonnen hatte. Sie sagte dann: "Der Esel nennt sich immer zuerst." Aber die Reihenfolge passt hier genau: Bei 'Ich' handelt es sich um Sebastian Zöllner, einen mäßig erfolgreichen, dafür aber sehr von sich überzeugten Kunstkritiker. Er heftet sich an die Fersen des greisen Malers Manuel Kaminski, der den Höhepunkt seiner künstlerischen Schaffensphase schon lange hinter sich hat, aber dessen Name in Kunstkreisen immer noch mit einer gewissen Ehrfurcht ausgesprochen wird. Seine Spezialität: Kaminski ist blind und hat die Komposition seiner Werke erspürt. Zöllner plant, ein Standardwerk über den einst berühmten Maler zu schreiben und so seinen Ruf als Kunstexperte aufzupolieren.
Zöllner schafft es mit einem Versprechen, den von seiner Tochter abgeschirmten Maler aus seinem abgelegenen Haus in den Bergen zu locken. Vor der Fahrt sieht er sich genau im Haus um und öffnet Zimmer- und Schranktüren, um so viel wie möglich über den Maler zu erfahren. Seine Interviews mit Kaminskis Zeitgenossen ergaben ein uneinheitliches Bild, das sich schwer verwerten lässt. Zöllner bringt den alten Mann dazu, sich ihm für eine längere Fahrt anzuschließen, indem er ihm etwas über einen geliebten und von Kaminski totgeglaubten Menschen erzählt. Damit werden in dem Künstler uralte Wunden wieder aufgerissen und Hoffnungen genährt, für die es keine Grundlage gibt. Doch so einfach, wie es sich Zöllner vorgestellt hat, macht es ihm Kaminski nicht. Die Geschichte um den Gernegroß Zöllner und den Maler Kaminski nimmt für beide ein Ende, mit dem am Beginn ihrer Roadtour nicht zu rechnen war.
Ich und Kamninskihat mir als Buch sehr gut gefallen, aber die Figur des Sebastian Zöllner ist ein wahrer Kotzbrocken: Er ist selbstverliebt, distanzlos, rücksichtslos und gnadenlos aufdringlich. Die Spur seines Lebens ist eine Abfolge von zahllosen Fettnäpfchen. Er ist jemand, den man bedenkenlos zum Mond schießen möchte. Aber die Handlung ist interessant erzählt und man wartet im Grunde immer darauf, was sich Zöllner wohl als nächstes einfallen lässt, um seinem Ziel näher zu kommen. Und darauf, wer ihm denn endlich die überfällige... na, Ihr wisst schon.
Ich und Kaminskiist bei Suhrkamp erschienen und als Taschenbuch (8 Euro), epub- oder Kindle-Ausgabe (7,99 Euro) und Audio-CD (4,99 Euro) erhältlich. Das Buch wurde 2015 verfilmt, die Rolle des Sebastian Zöllner spielte Daniel Brühl, Jesper Christensen übernahm den Part des Manuel Kaminski. Hier geht es zum Trailer:
Heute ist der Welttag des Hörens - wie an jedem 3.
März. In Deutschland gelten etwa 16 Prozent der Erwachsenen als schwerhörig, bei den über 70-Jährigen ist es sogar die Hälfte. Merkwürdig ist allerdings, dass Menschen geringe Probleme damit haben, eine Fehlsichtigkeit einzugestehen und eine Brille oder Kontaktlinsen zu tragen. Geht es aber um ein vermindertes Hörvermögen, wird heftig abgewehrt: "Ich und schwerhörig? Ich bin doch noch nicht alt!" Schwerhörigkeit ist aber nicht unbedingt eine Frage des Alters: Sie kommt bereits bei Säuglingen vor und kann die verschiedensten Ursachen haben.
Auch Thomas Sünder hat sein Hörproblem jahrelang verharmlost: Er war früher ein erfolgreicher und gefragter DJ, der nach einem Hörsturz eine so deutliche Reduzierung seines Hörvermögens erlitt, dass eines seiner Ohren mit einem Hörgerät versorgt werden musste. Den ärztlichen Rat, in Zukunft Hör-Risiken zu vermeiden und sich beruflich neu zu orientieren, ignorierte er. Das rächte sich: Einige Jahre nach dem Hörsturz brach er während einer Party, bei der er aufgelegt hatte, mit starkem Schwindel und Übelkeit hinter dem Mischpult zusammen und verbrachte mehrere Tage im Krankenhaus. Die Diagnose Morbus Menière, eine Erkrankung des Innenohrs, die mit Hörverlust und Tinnitus einhergeht, bedeutete das endgültige Aus für seine Selbstständigkeit als DJ.
Aber Sünder ist mit seinen Fragen und Problemen nicht allein. Über Jahre hinweg steht ihm sein Freund, der Mediziner und Psychologe Dr. Andreas Borta, mit Ratschlägen und Erläuterungen immer dann zur Seite, wenn sich Sünder bei den Ärzten, auf die er trifft, weniger gut aufgehoben fühlt. Diese sehr persönliche Geschichte der beiden Männer wird in ihrem gemeinsamen Buch Ganz Ohr - Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält von allem, was es zum Thema Hören Wissenswertes gibt, eingerahmt. Der Leser erfährt nicht nur, warum zum Zeitpunkt des Urknalls nichts zu hören war, sondern auch, was es mit dem Satz "Dass Sie diese Zeilen lesen können, verdanken Sie Ihren Ohren" auf sich hat. Es geht außerdem um den Zusammenhang zwischen einer verminderten Hörfähigkeit und dem Risiko einer Demenz (ohne Hörgeräte um 400 Prozent erhöht), der motorischen Probleme von Schwerhörigen und der Frage, wie sinnvoll das Tragen von Hörgeräten bei einer Schwerhörigkeit ist und worauf man bei der Wahl des passenden Geräts achten sollte.
Für diejenigen, die zu eitel sind, um Hörgeräte zu benutzen, sei ganz plakativ gesagt: Eine ignorierte Schwerhörigkeit fördert signifikant eine Demenz und führt zu sozialer Isolation. Die Fähigkeit, zu hören und damit auch, zu verstehen, ist der Schlüssel für eine funktionierende soziale Interaktion.
Das Buch ist nicht nur für diejenigen zu empfehlen, die sich bislang um ihre Schwerhörigkeit herumgedrückt oder sich ihre Situation schön geredet haben, sondern wendet sich auch an Leser, die sich umfassend über das Hören informieren wollen. Die beiden Autoren sorgen mit ihrem flüssigen und lockeren Schreibstil dafür, dass es nicht langweilig wird und auch komplexere Zusammenhänge gut verständlich sind.
Zum Buchtrailer geht es hier:
Und die Aktionsseite zum Welttag des Hörens ist hier.
Ganz Ohr - Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält ist bei Goldmann erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 11,99 Euro.