Mittwoch, 23. August 2017

Mal neugierig einen Blick in die Longlist geworfen

Frankfurter Buchmesse: Alle Jahre wieder gibt's den Deutschen Buchpreis

 

In dieser Woche habe ich mal wieder "meinen" Buchhändler besucht, der seinen Laden erfreulicherweise nur wenige Hundert Meter von mir entfernt hat. Beim Bezahlen fiel mir dann das in die Hände, was ihr hier seht: Der Reader zum diesjährigen Deutschen Buchpreis mit Leseproben aller Bücher, die diesmal nominiert sind, lag auf dem Tresen. Der musste einfach mit. Den Reader gibt es übrigens kostenlos bei ausgewählten Buchhandlungen. Wenn ihr zum Lesen keine Lust habt, euer Buchhändler keine Reader vorrätig hat oder ihr eher der hörende als der lesende Typ seid, ist auch das kein Problem: Alle Leseproben können auch gehört werden.
Bevor die Preisverleihung in die Zielgerade geht, möchte ich euch meinen Eindruck schildern, den ich nach dem Lesen der sehr unterschiedlichen "Häppchen" gewonnen habe. 


Ohne ein paar Zahlen geht nichts

 

200 Titel waren vorgeschlagen worden, 20 von ihnen haben es in die engere Wahl, die Longlist, geschafft. Unter den Autoren sind 13 Männer und sieben Frauen; vermutlich hat es einfach nicht genügend Autorinnen gegeben, die gut genug schreiben können, um den erhöhten Anforderungen zu genügen und näherungsweise eine Parität herzustellen. Genug der Ironie.
Der Deutsche Buchpreis wird keineswegs nur an deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller verliehen, sondern die Autoren kommen aus deutschsprachigen Ländern, also neben Deutschland auch aus Österreich und der Schweiz. Von Verlagen aus diesen Ländern kamen Vorschläge für 174 Bücher, die übrigen 26 steuerte die Jury bei. 


Meine Favoriten

 

Ich gebe zu: Fünf Seiten aus jedem Buch, die einen ersten Eindruck vermitteln sollen, sind nicht besonders viel. Geht das überhaupt? Lassen sich solche Textschnipsel in "Hopp" oder "Top" einteilen? Ich hätte es vorher nicht geglaubt ("Man muss dem Autor doch eine Chance geben, dass sich die Handlung entwickeln kann" usw.), aber ich habe tatsächlich ein paar Favoriten, die ich euch gern vorstellen möchte. Die Auswahl ist - wie kann es anders sein - an Subjektivität kaum zu überbieten. Ich habe mich dabei nur an die jeweils fünf Seiten gehalten und keine Klappentexte gelesen.
  • Romeo oder Julia von Gerhard Falkner: Der Schriftsteller Kurt Prinzhorn reist zu einem Autorentreffen nach Innsbruck und bemerkt, dass jemand in sein Hotelzimmer eingedrungen ist. Nur ein Schlüsselbund fehlt. Was dazu gekommen ist, sind fremde lange, schwarze Haare, die in der Badewanne kleben. Im Textausschnitt wird Prinzhorn von einem Polizisten zu den Begleitumständen befragt, und es reiht sich eine Absurdität an die andere. Mehr als diese beiden Männer können Menschen kaum aneinander vorbei reden. Das Buch erscheint im September 2017 im Berlin Verlag.
  • Das Floß der Medusa von Franzobel: Das Buch erzählt auf der Grundlage einer wahren Begebenheit von einem Schiffsunglück im Jahr 1816, in dessen Folge fast 150 Menschen vor der afrikanischen Küste auf einem Floß treiben. Als sie gerettet werden, sind nur noch 15 von ihnen übrig. Ihr Zustand ist erbärmlich: Sie sind bis auf die Knochen abgemagert, überwiegend apathisch und ein paar sind schlicht wahnsinnig geworden. Augenscheinlich hat sie nur der Umstand, dass sie ihre Mitreisenden nach und nach verspeist haben, vor dem sicheren Tod gerettet. Aber warum sind so viele Menschen dem Kannibalismus zum Opfer gefallen? Der Roman ist im Paul Zsolnay Verlag erschienen.
  • Schau mich an, wenn ich mit dir rede! von Monika Helfer: Der Textausschnitt beginnt mit einer Szene in der U-Bahn. Die erzählende Beobachterin schildert, wie eine Mutter ihre zehn- oder elfjährige Tochter versucht, nach der neuen Freundin ihres Ex-Manns auszufragen. Das verschüchterte Kind hat keine Chance, dem selbstmitleidigen Gegreine der Mutter und deren Vorwürfen etwas entgegenzusetzen. Viele Mitfahrende sind ebenfalls unfreiwillige Zeugen des Wortwechsels, doch es ergreift niemand Partei für das überforderte Kind. Der Textausschnitt ist so authentisch geschrieben, als säße man direkt neben den beiden. Die Frau hat sich augenscheinlich bereits aufgegeben, weil ihr Leben nicht so verlaufen ist, wie sie es sich erträumt hat. Der Roman ist im Jung und Jung Verlag erschienen.
  • Schreckliche Gewalten von Jakob Nolte: Die Zwillinge Edvard und Iselin werden 1953 geboren und wachsen die ersten 20 Jahre ihres Lebens in einem Elternhaus auf, in dem Gefühlsäußerungen nicht vorkommen oder unterdrückt werden. Der Vater, ein Arzt, konnte zwei seiner Söhne nicht retten: Sie starben trotz seiner Bemühungen an Tuberkulose. Aber es wird nicht darüber gesprochen, die Trauer findet hinter geschlossenen Türen statt. Doch dann scheint die Atmosphäre überzukochen: Die Mutter tötet den Vater 1973 offenbar im Affekt, und ihre beiden Kinder erleben sie im Krankenbett des Gefängniskrankenhauses in einer Gemütsverfassung, die zwischen Reue, Verwirrung und Wahnsinn schwankt. Das Buch ist im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen.
  • Außer sich von Sasha Marianna Salzmann: Der in Deutschland lebende Ich-Erzähler fährt mit seinem Vater und seiner Schwester zu den Großeltern nach Moskau. Die Drei sind mit Geschenken aus West-Produktion beladen und freuen sich darauf, in Moskau auch die alten Freunde wiederzusehen. Aber der Erzähler und die einstigen Freunde sind einander fremd geworden und beschimpfen ihn, der ihnen sogar Geschenke verspricht, als Judensau und Schwuchtel. Das, was in der alten Heimat einmal vertraut war, fühlt sich jetzt fremd an. Das Buch erscheint im September 2017 im Suhrkamp Verlag.
  • Peter Holtz von Ingo Schulze: Peter Holtz wächst in der DDR in einem Kinderheim auf und ist von der Idee des Kommunismus' überzeugt. Diese Überzeugung überträgt er wie selbstverständlich in seinen Alltag. Im Sommer 1974 sitzt der fast zwölfjährige Peter in einem Ausflugslokal und wird aufgefordert, die Rechnung von 4,50 Mark zu bezahlen. Doch er sieht das ganz anders: Die Gesellschaft hat die Pflicht, jederzeit und überall für ihre Kinder zu sorgen. Die Rechnung muss also entweder durch jemand anders oder gar nicht beglichen werden. Er erntet kein Verständnis, und bei dem Versuch, "seine" Kellnerin zu finden, drückt ihm ihr Kollege das Gästebuch in die Hand, in dem sich Beschwerden der Gäste finden. Peter schreibt seine sozialistische Botschaft hinein und stellt sich vor, wie sie in der Gaststätte Diskussionen auslöst und zur Läuterung beiträgt. Der Roman erscheint im September 2017 im S. Fischer Verlag.
  • Katie von Christine Wunnicke: Es geht im London des Jahres 1870 um die Frage, ob es sich beim Spiritismus um eine ernstzunehmende Wissenschaft oder einfach nur Hokuspokus handelt. Der britische Physiker, Chemiker, Wissenschaftsjournalist und Parapsychologe William Crookes will der Sache mithilfe des 200 Jahre alten Mediums Katie auf den Grund gehen. In der hier präsentierten Szene besucht der Forscher den Physiker Michael Faraday (bekannt durch den faradayschen Käfig), der sich zu diesem Zeitpunkt geistig mehr im Jenseits als in der Gegenwart befindet. Er möchte von dem erfahrenen Kollegen einen Rat, doch Faraday erkennt ihn nicht. Ein sehr eindringlicher Monolog, der den Leser in die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Wie es zu diesem Gespräch kommen konnte, obwohl Faraday bereits seit drei Jahren tot war, weiß ich nicht. Dazu muss ich das ganze Buch lesen, das im Berenberg Verlag erschienen ist. 












Den Textproben aus den Büchern der bekanntesten nominierten Autoren Sven Regener (Wiener Straße) und Feridun Zaimoglu (Evangelio - Ein Luther-Roman) konnte ich nichts abgewinnen: Bei Regener war es ein Dialog, den ich als nichtssagend und langweilig empfunden habe; Zaimoglu hat mich mit dem eigens für seinen Roman kreierten Sprachstil, der sich an das Frühneuhochdeutsch Luthers anlehnt, nicht überzeugen können.
 

Wie geht es weiter?

 

Am 12. September wird die Shortlist bekannt gegeben, auf der sich nur noch sechs Titel befinden werden. Am 9. Oktober werden wir erfahren, wer den Deutschen Buchpreis 2017 gewonnen hat und sich über ein Preisgeld von 25.000 Euro freuen darf. Aber auch die fünf Autorinnen und Autoren, die den Endspurt nicht für sich entscheiden können, gehen nicht mit leeren Händen nach Hause: Immerhin 5.000 Euro stehen für jede/n bereit.

Samstag, 19. August 2017

# 113 - Es geht ums Geld

Den Durchblick haben - mit diesem Buch klappt's

 

Manche Menschen werfen es sinnbildlich zum Fenster raus, andere hüten es wie ihren Augapfel und die Dritten haben ein entspanntes, problemloses Verhältnis zu ihm: Die Rede ist vom Geld. In seinem Buch Verstehen Sie Geld? beginnt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl mit seiner Erklärung, was es mit dem, wonach so viele streben, auf sich hat. Er schaut zurück in die Zeit, als die Menschheit noch kein Geld kannte, sondern nur Waren gegeneinander tauschte. Ab 500 v. Chr. tauchten die ersten Gold- und Silbermünzen auf, doch auch sie mussten noch weiter verbessert werden, denn Betrüger gibt es nicht nur heute, sondern sie hat es schon immer gegeben. Aber dieser Rückblick nimmt nur einen kleinen Teil seines Buches ein. Çöl kommt zügig in der Gegenwart mit ihren Geldströmen und Finanzmarktmechanismen an.


Wachstum über alles?

 

Ohne Geld geht heute rein gar nichts: Wir können keine Miete zahlen, uns keine Lebensmittel kaufen, uns nicht einkleiden und nichts leisten, was über unsere Grundbedürfnisse hinausgeht. Und was passiert, wenn wir am Ende des Monats ein paar Euros übrig haben? Früher war alles klar: "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" haben noch viele von uns im Ohr. Soll heißen: Halt dein Geld zusammen, kauf nur, was du dir leisten kannst und mach nach Möglichkeit keine Schulden. Wenn man sich umsieht, kann man sich jedoch leicht so fühlen, als gehörte man damit zu den ewig Gestrigen: Konsum ist angesagt, und die unschlagbar niedrigen Sollzinsen lassen bei vielen Menschen die Bereitschaft, einen Kredit für Konsumgüter aufzunehmen, steigen. Wem kommt das zugute? Zuerst den produzierenden Unternehmen, keine Frage, aber eben nicht nur ihnen. Doch was passiert, wenn viele oder wenige Güter nachgefragt werden? Und warum greift der Staat wirtschaftlich schlingernden Konzernen immer wieder unter die Arme? Wie groß ist die Verbundenheit von Staat und Wirtschaft? Und was hat es eigentlich mit der sogenannten Rettung der ökonomisch schwachen EU-Mitgliedsländer wie z. B. Griechenland durch die Europäische Zentralbank (EZB) auf sich? Wie kann es sein, dass da immer wieder neue "Rettungspakete" geschnürt werden, aber sogar Bürger, die das Ganze nur am Rande mitbekommen, ahnen, dass das alles mit dem, was man sich im Allgemeinen unter einer Rettung vorstellt, herzlich wenig zu tun hat?

Die Deutschen - ein total konservatives Anlegervolk

 

Die Deutschen sind in puncto Geldanlagen so flexibel wie Eisenbahnschienen. So oder so ähnlich klingt der sich stetig wiederholende Vorwurf aus der Finanzwirtschaft - also aus der Ecke, wo die sitzen, die sich in Gelddingen angeblich viel besser auskennen als der durchschnittliche Normalbürger. Aktien werden als die Anlageform der Stunde propagiert, das Sparbuch mit seinen insbesondere aktuell mikroskopisch kleinen Zinsen ist nur etwas für Leute, die sich vom Totgesagten nicht trennen mögen. Çöl erläutert in klaren und leicht verständlichen Sätzen, was hinter diesen Aussagen steckt und dass man von den Verbrauchern ihr Bestes will - ihr Geld. Er erklärt auch, warum Regierungen und Unternehmen die Zahlen zum Wirtschaftswachstum so wichtig sind und weshalb es aus ihrer Sicht hier nur eine Richtung geben darf: aufwärts. Der Autor erläutert jedoch auch, was gegen die Rettung von Firmen mithilfe von Steuerngeldern spricht, warum die Zinspolitik der EZB zutiefst ungerecht ist, was man gegen die Anfeuerung des Wirtschaftswachstums haben kann oder wieso das Heil für den Einzelnen nicht unbedingt in Aktien liegt. Und: Er spricht sich deutlich und mit gut nachvollziehbaren Argumenten gegen die Abschaffung des Bargelds aus und plädiert an seine Leser, sich beim Konsum auf ihre Selbstverantwortung zu besinnen.

Lesen?

 

Davut Çöl bietet in Verstehen Sie Geld? einen sehr informativen Rundumblick: Nach der Lektüre seines Buches ist klar, wozu Geld dient, welche Marktmechanismen und Geldkreisläufe für unsere Wirtschaft eine Rolle spielen, wie Konsumenten gelenkt werden und wie der Autor die künftige Entwicklung des Geldmarkts einschätzt. Das alles in auch für Laien gut verständlicher Sprache und mit Erklärungen, die das zunächst kompliziert Erscheinende mit einfachen Beispielen aus dem Alltag verständlich werden lassen. Das Buch eignet sich also nicht nur für am Thema Wirtschaft Interessierte, sondern auch für alle, die den Wirtschaftsteil der Zeitung bislang immer rasch zur Seite gelegt haben.

Verstehen Sie Geld? ist bei tredition erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 19,90 €, als Hardcover 27,90 € sowie als E-Book 14,90 €.

Freitag, 11. August 2017

# 112 - Ein irrer Killer terrorisiert London

Detectiv Sergeant Brant ist das genaue Gegenteil dessen, was sich der Bürger unter einem Polizisten vorstellt: Er säuft bis zum Umfallen, ist kinderleicht korrumpierbar und ganz sicher nicht der Typ Mensch, den man sich als Schwiegersohn wünscht. Der Krimi Brant des irischen Schriftstellers Ken Bruen ist nach den Titeln Füchsin und Kaliber der dritte Band der in London spielenden Romanreihe um den Polizeibeamten Tom Brant.

Polizeiarbeit eines unsympathischen Ermittlers

Brant muss sich wieder einem ungewöhnlichen Fall widmen: Ein Unbekannter ruft Chefreporter Dunphy des Käseblattes  Tabloid an, um ihm mitzuteilen, dass er vorhat, Polizisten zu ermorden. Er bräuchte jetzt nur noch einen Tipp, wie viele es insgesamt werden sollten. Dunphy wittert seine berufliche Chance und denkt nicht im Traum daran, die Polizei zu informieren. Was noch niemand weiß: Bei diesem Typen handelt es sich um einen kokainsüchtigen Verrückten, der auch zu Wodka oder Red Bull greift, wenn gerade kein Koks zur Hand ist. So geistig unterbelichtet Barry Weiss auch ist, er meint seine Drohung todernst. Er giert nach Aufmerksamkeit und will unbedingt in die Zeitung oder noch besser: ins Fernsehen. Und dann summiert sich Barrys Bullenhass auf: Durch den Hinweis eines örtlichen Streifenpolizisten wird die Steuerfahndung auf seinen Marktstand an der Waterloo Station aufmerksam, was ihn sein Geschäft kostet. Dann verliert er nach der Anzeige eines Verkehrspolizisten wegen Trunkenheit am Steuer seinen Führerschein, und als ob das noch nicht reichen würde, taucht eine schwarze (!) Polizistin bei Barry auf, weil die Nachbarn sich über ihn wegen Lärmbelästigung beschwert haben, und liest ihm die Leviten. 

Zum Schluss dann quasi das Sahnehäubchen der polizeilichen Verfolgung: Als Barry gerade aus der Kneipe kommt, erleichtert er sich an der Mauer einer Kirche. Die Folge: Verhaftung wegen öffentlichen Ärgernisses. Das Maß ist voll. Barry will sieben Polizisten töten. Der achte soll erst ganz zum Schluss an die Reihe kommen: Brant. Der hatte Barry vor ein paar Jahren in einer Billardhalle mit einem Queue niedergeschlagen, als er ein paar Pakistani aufmischen wollte. Mit einem Fußtritt hatte Brant Barry vor die Tür befördert und vorher daran gedacht, dem Krawallmacher eine Billardkugel zwischen die Kiefer zu schieben. Für Brant muss es etwas ganz Besonderes, etwas Spektakuläres sein.

Wenn man erstmal dabei ist, geht es ganz leicht

Die erste Polizistin erschießt Barry buchstäblich im Vorbeigehen auf der Straße. Niemand hält ihn auf. Kurz darauf erschießt er einen Streifenpolizisten, noch ehe der sein Fahrzeug verlassen kann. Auch diese Aktion kommt so unvermittelt, dass Barry unbehelligt in den nächsten Bus steigen kann. Doch Brant, der die Polizistenmorde aufklären soll, arbeitet nicht mit klassischen Mitteln. Er nutzt sein Spitzelnetzwerk und bekommt schon bald einen ersten, aber noch vagen Hinweis auf Barry Weiss.

Barry macht derweil Inventur und merkt, dass ihm die Munition ausgegangen ist. Doch es geht doch nichts über einen guten, schweren Hammer. Der wird dann auch gleich für den nächsten Mord an einem pensionierten Streifenpolizisten eingesetzt: Barry erschlägt den Alten brutal in seiner Wohnung, die er dann in Brand setzt, um die Spuren zu verwischen. Bei diesem Überfall erbeutet er zufällig etwas Wertvolles: das Adressbuch des Toten, in dem sich eine ganze Reihe von Privatanschriften Londoner Polizisten befindet - auch die von Tom Brant. Er ahnt noch nicht, dass man ihm auf der Spur ist, auch wenn die Ermittlungen eher in Trippelschritten vorangehen. Barrys durch Drogen und Alkohol vernebeltes Hirn und sein übersteigertes Ego verhindern eine klare Sicht auf die Realität. Das Schicksal, das auf ihn wartet, ist mindestens so gnadenlos wie er selbst.

Wie war's?

Brant gehört in die Kategorie der Crime Noir, die sich durch eine düstere Grundstimmung und ein unklares Ende auszeichnet. Die Personen - allesamt Menschen, die ein ganzes Stück von dem entfernt sind, was man als "normal" ansehen würde - sind charakterlich klar gezeichnet, im Laufe der Handlung wird nichts beschönigt. Den Ekel bei besonders blutigen Szenen gibt's obendrauf. Trotz der finsteren Grundstimmung sind da jedoch immer wieder hoffnungsvolle Momente, die wie ein dünner Lichtstrahl die Düsternis zerteilen: Ein sehr gegensätzliches Paar findet sich, einem frisch verwitweten Polizisten wird beigestanden, indem man mit ihm nicht nur zur armseligen Beisetzung seiner verstorbenen Frau geht, sondern mit ihm gleich danach zu einem Saufgelage aufbricht.

Dieser Krimi gehört in eine Kategorie, über die man sagen könnte "Muss man mögen". Dass Brant Geschmackssache ist, trifft in besonderem Maße zu. Das Buch ist es auf jeden Fall wert, sich diesem Genre einmal zu nähern.

Brant ist im Polar Verlag erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt. Der Titel kostet als Klappenbroschur 16 € und als epub- oder Kindle-Edition 10,99 €.

Freitag, 4. August 2017

# 111 - Ein Gepeinigter setzt sich zur Wehr

Ein Kinderleben vor 100 Jahren im Deutschen Reich 

 

Karl Reitz wird im März 1920 als achtes Kind von Eduard, einem verbeamteten Bahnheizer, und seiner Frau Mathilde im hinterpommerschen Jadrow geboren. Er ist seine ganze Kindheit und Jugend hindurch deutlich kleiner als alle anderen Gleichaltrigen, was seine Mutter insgeheim auf ihre Affäre mit dem Dorfkrämer zurückführt: Auch der ist sehr viel kleiner als die anderen Männer im Dorf. Doch dass Karl ein Kuckuckskind sein könnte, soll nicht zu ihrem oder Karls größten Problem werden. 
Edelhard Callies schildert in seinem Roman Es brennt das ganze Kind sogar, wie man im Nationalsozialismus mit Behinderten umging und dass es oft schon reicht, nicht ganz der Norm zu entsprechen, um von seinen Mitmenschen aussortiert zu werden.

Kinder sind grausam? Nicht nur sie

 

Seine Körpergröße verfolgt Karl wie ein Fluch: Der Dorflehrer macht von Anfang an Witze über ihn, und bei den Nachbarn reicht das Repertoire der "Nettigkeiten" von Schrumpfgermane bis zu Wurzelzwerg. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird über die Körpergröße des Jungen gefrotzelt. Karl leidet sehr darunter, aber er hat zu Hause keine große Unterstützung: Sein Vater ist ein zur Gewalt neigender und aufbrausender Despot, der keinen Widerspruch und schon gar keine Abweichung von den von ihm aufgestellten Regeln duldet. Seiner Frau und seinen Kindern räumt er keinerlei Mitspracherechte ein; 1937 beschließt er beispielsweise, dass Karl eine Lehre als Schriftsetzer machen muss und die Familie ihr Haus verkauft und in die Stadt zieht. Seine Mutter ist eine charakterlich zu schwache Person, um ihren Jüngsten gegen den Vater und die hänselnden Dorfbewohner in Schutz zu nehmen. Nur seine zwei Jahre ältere Schwester Marlene, die von allen Lenchen gerufen wird, ist ihm ans Herz gewachsen: Sie ist immer fröhlich und freundlich, aber wegen eines Herzfehlers körperlich nicht sehr leistungsfähig  - wie viele Menschen mit einem Down-Syndrom. Die Großeltern, die ebenfalls in Jadrow wohnen, sind für den Jungen eine Zuflucht. Zu ihnen kann er sich retten, wenn er es zu Hause gar nicht mehr aushält.
Als Karl zehn Jahre alt ist, zieht eine neue Familie aus Bayern ins Dorf und deren Sohn Hans wird zu Karls bestem und einzigem Freund. Mit Hans ist endlich jemand da, der sich auch dann vor Karl stellt und sich für ihn einsetzt, wenn es mal brenzlig wird und die anderen Jungen Karl mal wieder aufs Korn genommen haben. Doch diese Freundschaft findet ein jähes Ende, als Hans im Dorfweiher ertrinkt. Karl hatte noch versucht, ihn zu retten, aber es nicht geschafft. 
Karl hat schon lange davor beschlossen, die ständigen Demütigungen nicht mehr auf sich beruhen zu lassen und beginnt, sich für jede einzelne zu rächen. Dabei gehen Gebäude in Flammen auf, die Besucher des Dorffests erleiden Brechdurchfall und ja: Tote gibt es auch.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

 

Das Jahr 1934 bringt für die Familie Reitz eine Zäsur mit sich: Schon vor einiger Zeit hatte der Dorflehrer, ein strammer Nationalsozialist und HJ-Untergruppenführer, den Eltern  zu verstehen gegeben, dass Lenchen wegen ihrer geistigen Einschränkung zu Hause nicht mehr gut aufgehoben sei und deshalb lieber in einem Behindertenheim untergebracht werden sollte. Die mit der Situation überforderten Eltern stimmen dem Lehrer, der in der damaligen Zeit zum Kreis der Respektspersonen gehörte, zu. Die Mutter begleitet ihre Tochter auf dem Weg in ihr künftiges Zuhause und beruhigt ihren jüngsten Sohn, der sich schon bei Lenchens Abreise Sorgen um sie macht. Karl soll recht behalten: Fünf Jahre später erhält die Mutter einen Brief des Behindertenheims, in dem ihr mitgeteilt wird, dass ihre Tochter verstorben ist. Die angebliche Todesursache: ein perforierter Blinddarm. Karl erkennt die Lüge sofort: Seine Schwester hatte schon keinen Blinddarm mehr, als sie in die Anstalt gebracht worden war. Für den jungen Mann ist klar, dass Lenchen ermordet wurde. Beweisen lässt sich das allerdings nicht mehr: Ihre Leiche wurde bereits verbrannt, die Familie kann ihre Asche jedoch bekommen, wenn sie vorher eine Gebühr für den Versand entrichtet. Für Karl ist es völlig klar: Der Tod der Lieblingsschwester darf nicht ungesühnt bleiben.

Tragik und Verzweiflung gehen Hand in Hand

 

Edelhard Callies zeichnet in seinem Buch das Porträt eines in jeder Hinsicht im Leben zu kurz Gekommenen: Seine Körpergröße macht Karl Reitz in jeder Phase seines Lebens einen Strich durch die Rechnung. In ihm brennt die Flamme des Hasses, die mit jeder Erniedrigung immer größer wird.
Es brennt das ganze Kind sogar ist wegen seiner Nähe zu historischen Fakten lesenswert: Behinderte galten im Dritten Reich als unwertes Leben. Viele von ihnen wurden in Heimen, die sich als Heil- und Pflegeanstalten bezeichneten, weggesperrt und dort getötet. In zahlreichen Fällen gingen ihrem Tod medizinische Experimente voraus. Tausende Behinderte wurden so zugunsten der "Volksgesundheit" eliminiert. Der Autor greift auch eine Rechenaufgabe auf, die es an deutschen Schulen tatsächlich gegeben hat: Sie soll schon Kindern vor Augen führen, wie teuer es das deutsche Volk kommt, "Geisteskranke" durchzufüttern.
Mit der "Aktion T4" leiteten die Nationalsozilisten in Deutschland ihr Vernichtungswerk ein: 1939 begonnen, forderte die Aktion innerhalb eines Jahres etwa 70.000 Tote - allesamt Kranke und Behinderte. Wie im Buch beschrieben wurden die Leichen rasch verbrannt, um Nachforschungen der Angehörigen zu verhindern.
Es brennt das ganze Kind sogar ist ein Buch, das den Leser in seinen Bann zieht, auch wenn einzelne Szenen etwas besser hätten ausformuliert werden können.  
Der Roman ist 2017 bei epubli als Taschenbuch erschienen und kostet 10,99 Euro. Er wurde mir als Rezensionsexemplar von indie publishing zur Verfügung gestellt.

Mittwoch, 2. August 2017

Eine Besonderheit aus Afrika, ein totes Kind, ein starker König und ein zweifelndes Paar

Viel Abwechslung im Juli


Der mit den Glasaugen von Marta Monti machte in diesem Monat den Anfang: Der fünfjährige Jan verschwindet aus dem Haus seiner Mutter, und die Kripo Bern, allen voran das Ermittlerduo Beta und Bertschi, machen sich auf die Suche nach dem Kind. Was zu Beginn der Fall eines Ausreißers hätte sein können, entpuppt sich später als Mord. Dieser Krimi kam bei mir nicht besonders gut weg: Der Spannungsbogen hat ein paar Dellen, und an Logik und Schlüssigkeit besteht durchaus Optimierungsbedarf. Auch der Umgang mit der Grammatik war ein Kritikpunkt.










In Die verborgene Schönheit der Sterne steht ein kinderloses Ehepaar aus Berlin im Mittelpunkt, das sich in und mit seinem Leben arrangiert hat. Doch dann platzt eine todbringende Diagnose in ihr Leben, die alles verändert: Ihre Vorstellungen von Treue und Zusammenhalt und darüber, was im Leben wirklich wichtig ist, werden auf die Probe gestellt. Karen Hilgarth hat einen einfühlsamen Roman geschrieben, der glücklicherweise nie ins Kitschige oder Gefühlsduselige abgleitet. Karen Hilgarth stellt sich auf ihrer Autorenseite bei Facebook vor.













An diesem Buch konnte ich nicht vorbeigehen: Libreville von Janis Otsiemi ist der erste Roman aus dem westafrikanischen Gabun, der jemals ins Deutsche übersetzt wurde. Mein Eindruck: Die Struktur dieses Krimis hat nichts mit dem gemeinsam, was wir gewohnt sind. Auch wenn der Klappentext diesen Eindruck vermittelt, geht es nicht nur um einen einzigen Fall, dem die Polizei hier auf der Spur ist, sondern auch um drei weitere, die nichts miteinander zu tun haben. Wie nebenbei lernt der Leser eine Menge über die Geschichte des Landes, die sozialen Verhältnisse und darüber, dass Machos und Korruption an der Tagesordnung sind, gern auch miteinander verbunden. Letzteres ist etwas, was nicht wirklich überrascht. In der WDR-Reihe "Noller liest" wurde ein Interview mit dem Autor veröffentlicht.




Die Bestsellerautorin Rebecca Gablé hat mit Die fremde Königin einen weiteren historischen Roman vorgelegt, der diesmal die deutsche Geschichte zwischen 951 und 962 abdeckt, als König Otto I. regierte und sich zum Kaiser krönen ließ. Die wahren und erfundenen Anteile der Geschichte strotzen vor Intrigen, Morden, Liebe und Verrat. Das Buch hat ein stilistisches Merkmal, das Gablé-Fans schon aus der Waringham-Reihe wie z. B. dem Band Der Palast der Meere kennen. Welches? Lest selbst! Der Verlag hat ein Video bereitgestellt, in dem Rebecca Gablé über ihr neuestes Buch spricht:













Vom Deutschland des Mittelalters geht es mit Jugend ohne Gott von Ödön von Horváth in das Deutschland des Nationalsozialismus'. Ein Lehrer an einem Gymansium erlebt, wie die braune Ideologie in das gesamte Leben der Deutschen einsickert und auch die Schule nicht davon verschont bleibt. Der Roman erzählt von Verrohung, Gefühlskälte und Mitläufertum und beschäftigt sich mit der Frage, ob unter solchen Bedingungen Gott überhaupt eine Chance hat. Trotz dieses Hinweises handelt es sich nicht um ein unbedingt religiöses Buch. Bereits vor 80 Jahren erschienen, aber immer noch aktuell.
Der Roman wurde 1991 mit Ulrich Mühe verfilmt, hier gibt es den Trailer.


War für euch ein Buch dabei?

Freitag, 28. Juli 2017

# 110 - Mal wieder ein Klassiker

Wie weit kann sich ein Mensch moralisch verbiegen?

 

Der im damaligen Österreich-Ungarn und heutigem Kroatien geborene Schriftsteller Ödon von Horváth ist den meisten Menschen heute allenfalls noch in Zusammenhang mit der Schullektüre bekannt, die irgendwann einmal beschafft und im Unterricht gelesen werden musste. Doch das Leben des Autors und die Bedingungen, unter denen seine Bücher erschienen sind, sind nahezu in Vergessenheit geraten. Mit Jugend ohne Gott gelang ihm ein schriftstellerischer Erfolg, der jedoch kommerziell gesehen nur kurz anhalten sollte: 1938, nur ein Jahr nach dem Erscheinen des Titels, wurde das Buch auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt und auf dem Gebiet des Deutschen Reichs vernichtet.

Konformismus als Richtschnur des Lebens

 

Ein Lehrer an einem Gymnasium, der im Buch namenlos bleibt, muss während der Zeit des Dritten Reichs einen Stapel Aufsätze zum Thema "Warum müssen wir Kolonien haben?" korrigieren. Die Vorstellung der Schulaufsichtsbehörde, wie an diese Frage heranzugehen ist, ist ihm klar und deckt sich nicht zufällig mit der der Machthaber. Der Lehrer hat zu diesem Zeitpunkt bereits resigniert, um sich nicht ständig ärgern zu müssen. Doch dann ist da in einem der Aufsätze dieser eine Satz, der ihn stocken lässt: "Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul." Er unterdrückt seinen ersten Impuls, diese Aussage als Verallgemeinerung zu tadeln, denn erst kurz zuvor hat er sie in einem Restaurant gehört, wo sie als Teil der Propaganda aus einem Lautsprecher tönte. Doch bei der Rückgabe der Hefte kann sich der Lehrer den Hinweis nicht verkneifen, dass die Neger doch Menschen sind. Das soll nicht ohne Folgen bleiben: Der Vater des Schülers beschwert sich umgehend bei ihm und wirft ihm "Sabotage am Vaterland" vor. Der Hinweis auf die Bibel, in der stehe, dass doch alle Menschen Menschen sind, verpufft und der aufgebrachte Vater begründet die offizielle Sichtweise auf die Neger damit, dass es damals, als die Bibel geschrieben wurde, noch keine Kolonien gegeben habe. Er scheut sich auch nicht, seiner Empörung bei der Aufsichtsbehörde Luft zu machen. Der Lehrer wird daraufhin von seinem Rektor darauf hingewiesen, dass die Schule in erster Linie die Aufgabe hat, ihre Schüler für den Krieg zu erziehen. Auch dem Rektor gefällt diese eingeschlagene politische Richtung nicht, aber er hat sich für die Aussicht auf eine volle Pension entschieden und ist dafür bereit, seine eigenen moralischen Grundsätze über Bord zu werfen. 

Früh übt sich, was ein guter Soldat werden soll

 

Direkt nach Ostern beginnt anstelle von Ferientagen ein einwöchiges Zeltlager der ganzen Klasse, das den Zweck einer vormilitärischen Ausbildung hat. Der Lehrer sowie ein pensionierter Unteroffizier haben die Aufsicht über die Jungen, doch in dieser Woche geschieht ein Drama: Einer der Schüler wird im nahen Wald tot aufgefunden. Er wurde offensichtlich erschlagen. Die polizeilichen Ermittlungen fokussieren sich rasch auf einen Klassenkameraden, sodass sich dieser schon kurz danach nur aufgrund von Indizien vor Gericht wiederfindet. Der Fall erregt großes öffentliches Aufsehen, in der Presse wird der angeklagte Schüler bereits wie ein überführter Täter behandelt, obendrein legt er ein Geständnis ab. Doch man ahnt es bereits: Der Prozess nimmt plötzlich einen ganz anderen als den erwarteten Verlauf, und der Leser blickt in menschliche Abgründe, die sich wie ein Krater vor ihm auftun. Die Aussage des Lehrers, die ein entscheidendes Detail enthält, soll die Wende bringen.

Lesen?

Jugend ohne Gott ist auch 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung ein sehr lesenswertes und aktuelles Buch. Ödön von Horváth stellt hier nicht nur die Frage, inwieweit der Einzelne bereit ist, Unrecht zugunsten des persönlichen Vorteils zu ignorieren, sondern macht auch auf soziale Mechanismen aufmerksam, die bis heute Bestand haben. Das beginnt mit nicht hinterfragten Vorurteilen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen und hört mit einer "Hängt ihn höher"-Denkweise noch lange nicht auf. Das Buch ist durchzogen von der Frage, ob es möglich ist, angesichts einer Kälte und Härte in der Gesellschaft noch an einen Gott zu glauben. Der Lehrer beantwortet diese Frage am Ende des Buches für sich und trifft eine Entscheidung, die sein bisheriges Leben völlig verändert.
Jugend ohne Gott erschien 1937 im Allert de Lange-Verlag, der deutschsprachigen Exil-Schriftstellern, deren Werke im Deutschen Reich verboten waren, die Möglichkeit bot, weiter zu veröffentlichen. Näheres über diesen Verlag und die Hintergründe seines Entstehens habe ich in meiner Rezension des Buches Schreiben im Exil - 1933-1935 erläutert.
Die mir vorliegende Ausgabe von Jugend ohne Gott ist 1983 als Suhrkamp-Taschenbuch herausgegeben worden und kostete 7,-- DM. Heute ist der Titel u. a. in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp für 7,50 € und im Anaconda-Verlag erhältlich.

Freitag, 21. Juli 2017

# 109 - Eine Geschichte aus dem Mittelalter

Spannender Historienroman 

 

Rebecca Gablé ist bekannt für ihre lebendig geschriebenen historischen Romane, und Die fremde Königin fügt sich nahtlos in die Reihe der erfolgreichen Bücher der Autorin ein. Diesmal geht es um Adelheid von Burgund, die ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes König Lothar II. von Italien König Otto I. heiratet. Diese auch aus taktischen Gründen geschlossene Ehe rief erwartungsgemäß einige Gegner auf den Plan und führte auch in der eigenen Familie zu Verwerfungen. Die fremde Königin knüpft an die Handlung des Romans Das Haupt der Welt an. 

Historische Fakten geschickt verwoben mit Erfundenem

 

König Lothar II. von Italien wird 950 Opfer eines Giftmordes, und so ist seine Frau Adelheid im Alter von 19 Jahren plötzlich verwitwet. Markgraf Berengar von Ivrea steckt hinter dem Anschlag: Sein halbwüchsiger Sohn Adalbert soll die junge Witwe heiraten und so zum König von Italien aufsteigen. Doch auch die Kerkerhaft in Garda unter widrigsten Umständen kann Adelheid nicht dazu bringen, sich ein Ja-Wort abzuringen. Mithilfe des Panzerreiters Gaidemar gelingt ihr 951 zusammen mit ihrer kleinen Tochter Emma und ihren Begleitern die Flucht aus dem Verlies, und die Gruppe findet in der Burg des Grafen von Canossa Unterschlupf. Währenddessen ist König Otto I. über die Alpen gezogen, hat Berengar aus Pavia vertrieben und seinen Bruder Heinrich Herzog von Bayern ausgesandt, um Adelheid nach Parvia zu eskortieren. Der Zweck ist klar: Wie im Adel des Mittelalters üblich, soll auch diese Verbindung eine Zweckehe sein, die Otto zum König von Italien macht. Außerdem braucht Otto mehr Söhne, damit es nach seinem Tod kein Problem bei der Thronfolge gibt. Doch Otto und Adelheid haben ein weiteres großes Ziel: Der König plant die Errichtung einer prächtigen Pfalz in Magdeburg und die Gründung des Erzbistums Magdeburg, und sowohl er als auch seine Frau streben die Kaiserkrönung an. Doch zuvor müssen zahllose Intrigen überstanden und überlebt werden, ehe es in Rom dazu kommen kann. Auch die Pest, an der Otto 956 in Köln erkrankt, ist eine schwere Prüfung.

Pageturner bis zur letzten Seite

 

Rebecca Gablé spannt den Bogen von August 951 bis Januar 962, dem Zeitpunkt der Krönung des Königspaares zum Kaiser bzw. zur Kaiserin durch Papst Johannes XII. Wie schon in ihren anderen Romanen verwebt sie gekonnt historisch belegte Tatsachen mit selbst erdachten Personen und Handlungen. Am Ende ihres Buches weist sie jedoch detailliert auf alles hin, was ihrer Phantasie entsprungen ist.
Ebenfalls typisch für die Autorin sind Personen oder Personengruppen, die dem gesamten Verlauf einen roten Faden geben. In der fünfteiligen Reihe um die Familie Waringham (siehe auch Der Palast der Meere) war es eben diese, die alle Titel der Reihe durchzog und die Handlung zusammenhielt, die es aber nie gegeben hat. In Die fremde Königin ist es der Panzerreiter Gaidemar, der für den Fortgang des Romans unverzichtbar ist: Der junge Mann ist insbesondere gegenüber Adelheid sehr loyal, mutig und ehrlich und hat einen weichen Kern unter seiner harten Schale. Schade, dass auch er nicht gelebt hat.

Die fremde Königin ist bei Bastei Lübbe erschienen, hat inkl. des Nachworts ca. 760 Seiten und kostet in der gebundenen Ausgabe 26,-- €, als Audio-CD 20,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 19,99 € und als Hörbuch 44,95 € (ungekürzt) oder 20,95 € (gekürzt). 

Vielen Dank!

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorrätige Titel innerhalb eines Werktages.  
  

Dienstag, 18. Juli 2017

Veröffentlichung Marta Monti bei Indie Publishing

Zum Monatsbeginn hatte ich den Roman Der mit den Glasaugen der schweizerischen Autorin Marta Monti vorgestellt. Wer die Rezension gelesen hat weiß, dass das Buch bei mir nicht besonders gut weggegkommen ist. Das hat Indie Publishing, ein Angebot der Fachzeitschrift buchreport, jedoch nicht gehindert, sie zu veröffentlichen. Die Rezension ist im Indie-Publishing-Katalog bereits online lesbar und erscheint außerdem mit der nächsten gedruckten Ausgabe des Katalogs im Dezember 2017.

Freitag, 14. Juli 2017

# 108 - Eine deutsche Premiere: ein Krimi aus Gabun

Ein Reporter wird ermordet

Der Krimi Libreville von Janis Otsiemi ist der erste Roman eines Schriftstellers aus Gabun, der je ins Deutsche übersetzt wurde. Die Gelegenheit, auf diesem Weg einen Blick auf das westafrikanische Land zu werfen, wollte genutzt werden.

Korruption und Skrupellosigkeit sind an der Tagesordnung

An einem Montag des Jahres 2008 wird morgens um drei Uhr in der gabunischen Hauptstadt Libreville ein Toter in der Nähe des Präsidentenpalastes ins Meer geworfen. Einen Tag später wird er von Spaziergängern gefunden: Es handelt sich um den Investigativjournalisten Robert Missange, der der stellvertretende Chefredakteur des Échos du sud ist und sich durch seine Reportagen etliche Feinde gemacht hat. Er starb durch einen Schuss in den Hals, von seiner Schreibhand wurden ihm zwei Finger abgetrennt. Die Vermutung, dass es einen Zusammenhang zwischen seinem Tod, den Folterspuren und seinen regierungskritischen Artikeln gibt, liegt nahe: In einem Jahr sollen die nächsten Wahlen stattfinden, der Sohn des derzeitigen Machthabers ist dazu vorgesehen, das Amt seines Vaters zu "erben". Da ist eine zügige Aufklärung nötig, mit der natürlich aufgrund der politischen Brisanz nicht einfache Polizisten, sondern Beamte der Police Judiciaire (PJ) beauftragt werden. 

Bei der Leiche wird eine Patronenhülse gefunden, die darauf hindeutet, dass Missange mit einer Maschinenpistole aus tschechoslowakischer Herstellung ermordet wurde. In Gabun benutzen nur die Leibwächter des Verteidigungsministers Waffen dieses Typs. Mit der Tatwaffe wurde jedoch schon einmal ein Mord begangen: Fünf Jahre zuvor wurde der Sicherheitschef des Verteidigungsministers mit dieser Pistole getötet. Aber die Ermittler haben den Verdacht, dass die Spuren absichtlich so gelegt wurden, dass sie von den wahren Tätern ablenken sollen.

Die Polizeiarbeit findet unter Verhältnissen statt, für die das Attribut "veraltet" noch geschmeichelt ist: Die technische Ausstattung der PJ besteht aus einer Schreibmaschine aus den 1960er Jahren, und es läuft viel über Informanten, das Verprügeln der Verdächtigen im sog. Purgatorium und Bauchgefühl.

Kein klassischer Krimi 

Libreville entspricht nicht dem, was sich europäische oder US-amerikanische Leser unter einem Kriminalroman vorstellen. Wer also gut ausgearbeitete Charaktere und jede Menge Spannung erwartet, sollte um dieses Buch einen Bogen machen. Janis Otsiemi stellt den Mord an Robert Missange zwar an den Anfang der Handlung und weist ihm so die größte Wichtigkeit zu, die Kriminalbeamten bearbeiten jedoch auch noch weitere Fälle: Da gibt es eine Fahrerflucht mit Todesfolge, einen pädophilen Pornoproduzenten und einen Ex-Minister, dem in einem Moment der Unachtsamkeit sein Scheckheft gestohlen und anschließend von den Dieben ausgiebig genutzt wird. Diese Fälle nehmen ebenso viel Raum ein wie der eigentliche Hauptfall und dienen wie dieser dazu, das Land und seine Strukturen zu beschreiben: Korruption ist so normal, dass man sich dort wohl fragen könnte, wie man ohne sie auskommt, die Verkommenheit nimmt mit jeder Stufe in der Polizeihierarchie zu und wie selbstverständlich "hält" sich jeder der Kriminalbeamten eine Art Zweitfrau, die er für ihre Dienste bezahlt, indem er die Kosten für Miete und Lebensführung übernimmt. Die Organisation dieses Nebenhaushalts und dessen Geheimhaltung finden während der Dienstzeit statt, da muss die Ermittlungsarbeit schon mal warten.


Der Autor hat derart viele Informationen über die Geschichte und aktuelle Situation Gabuns in den Text hineingearbeitet, dass sich unweigerlich die Frage stellt, für wen er dieses Buch eigentlich geschrieben hat. Für den Leser, der vor der Lektüre Gabun gerade mal buchstabieren und in Afrika verorten konnte, reichen die neuen Kenntnisse allemal für ein Kurzreferat. Aber: Ist es das, was ein Krimi haben sollte? Erwarte ich ein verkürztes Geschichtsbuch, wenn ich einen Kriminalroman kaufe?
Für dieses Buch spricht, dass es sich in seiner Erzählweise deutlich von typischen Krimis unterscheidet: Otsiemi fängt sehr gut die Stimmung ein, in der die Menschen leben und bedient sich Redewendungen, die eine Situation auf den Punkt bringen. Wenn eine Äußerung wie "Ein Mann so lang wie ein Tag ohne Brot" fällt, ist alles gesagt.
Wer also damit leben kann, dass Libreville nicht in das gewohnte Krimi-Muster passt, sondern sich etwas ganz Anderem öffnen will, sollte dieses Buch lesen.

Libreville ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 10,99 Euro. 


 




Freitag, 7. Juli 2017

# 107 - Was ist schon perfekt?

Was ist schon "normal"

 

Eine bislang unspektakulär und in festen Bahnen verlaufende Ehe wird plötzlich einer Bewährungsprobe ausgesetzt, die alles, was bisher als gut und richtig galt, infrage stellt. Um dieses Grundproblem dreht sich die Handlung in Karen Hilgarths Roman Die verborgene Schönheit der Sterne. Liebe und Vertrauen sind wichtige Elemente dieses Buches, es gleitet jedoch nicht ins Kitschige ab.


Schlechte Nachrichten werfen das Lebenskonzept um


Martina und Leonhard leben in Berlin, sind seit zehn Jahren verheiratet, und als sie "Ja" zueinander sagten, war ihr fester Vorsatz, sich gegenseitig beizustehen, wenn das Leben es mal nicht gut mit ihnen meinen sollte. Sie haben keine Kinder, weil sie davon ausgehen, eine klassische Familie passe nicht in die Lebensplanung des anderen. In ihren Berufen fühlen sich beide zu Hause: Leonhard ist mit seinen 47 Jahren ein erfolgreicher und anerkannter Astrophysiker, er steuert als Wissenschaftler der Universität Berlin den deutschen Anteil am Large Hadron Collider (LHC) in Genf bei. Der LHC ist ein Prestigeobjekt, das den an ihm beteiligten Forschern ein großes Renommee verspricht: Mit dem Teilchenbeschleuniger soll unter geregelten Bedingungen der Urknall simuliert werden. Dieses Projekt ist Leonhard wichtig, aber noch wichtiger ist ihm Martina.
Martina nimmt den gefühlvollen Part der Beziehung ein: Sie ist 33 und arbeitet als Sozialarbeiterin im Trebercafé, einem Treffpunkt für Obdachlose. Dort versucht sie, den Menschen am unteren Rand der Gesellschaft Hoffnung oder doch wenigstens ein offenes Ohr zu geben. Genau wie ihr Mann hat sich auch Martina in ihrem Leben eingerichtet.
Doch dann wird Leonhard krank. Sein Zustand verschlechtert sich so rapide, dass er sich an Cornelius wendet, einen Bekannten aus der Studienzeit, der jetzt Professor an der Charité und Experte für Onkologie ist. Claudius stellt die erschütternde Diagnose: Leonhard leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs, er wird nur noch höchstens ein Dreivierteljahr zu leben haben.

Was ist normal angesichts des nahenden Todes?

 

Leonhard geht mit der Aussicht, nur noch wenige Monate zu leben, auf eine sehr spezielle Art um: Er stürzt sich noch mehr in seine Arbeit, als gelte es, der Welt ein wissenschaftliches Vermächtnis zu hinterlassen, das eng mit seinem Namen verknüpft ist. Martina, die ihm beistehen und ihn so gut wie möglich unterstützen will, kommt in seinen Planungen nicht vor. Auch der Inhalt der Gespräche mit Cornelius bleibt seine Angelegenheit, die er nicht mit seiner Frau teilt. Durch die Ehe zieht sich ein Riss, der Martina in ein emotionales Loch fallen lässt. Kurz vor der Diagnose lernt sie zufällig den katholischen Priester Jarek kennen. Jarek und Martina fühlen sich zueinander hingezogen, und Martina beginnt mit dem Geistlichen eine Affäre - dem Zölibat zum Trotz. Für Jarek fällt diese Begegnung in eine Zeit des Zweifelns: Er ist mit sich und Gott nicht im Reinen und fühlt sich in der von ihm betreuten Gemeinde, in der Beerdigungen an der Tagesordnung und Trauungen eine seltene Ausnahme sind, fehl am Platz. Doch Jarek ist ein empathischer Mensch und merkt, dass Martina mit der Erkrankung ihres Mannes und allen ihren Begleiterscheinungen überfordert ist. Er kommt Martinas Wunsch nach, sich um Leonhard zu kümmern. Jarek besucht den Todkranken und ficht mit ihm in mehreren Gesprächen eine scharfsinnige Diskussion über die Bedeutung von Wissenschaft und christlichem Glauben aus. Die Beziehung zwischen den drei Personen erinnert immer stärker an die Bewegungen eines Kugelstoßpendels.

In einer Nebenhandlung wird ein Blick auf das Leben des Obdachlosen jungen Mannes Mike geworfen, der von Martina im Trebercafé die Unterstützung bekommt, die er braucht, um noch mal neu anzufangen. Während er seinen Schulabschluss nachholt, lernt er Jenny kennen und lieben. Auch sie kommt aus einem sozial schwierigen Milieu, ist aber deutlich willensstärker als ihr Freund, der seine Tage bislang mit seinem besten Kumpel, dem Alkohol, verbracht hat. Ihre Geschichte zeigt Martina, dass man das Erlebte nicht auslöschen kann, aber dass das Leben immer weitergehen würde.


Wie war's?

 

Die verborgene Schönheit der Sterne ist ein ungewöhnlicher Roman. Jedes der 39 Kapitel wird von einem Exkurs in die Welt der Astrophysik eingeleitet. Diese Zeilen stellen eine Verbindung zum Verlauf der Handlung dar, was sich jedoch manchmal erst auf den zweiten Blick erschließt. Karen Hilgarth hat die Figuren ihres Romans klar gezeichnet, ihr Hang zu langen Sätzen erschwert jedoch manchmal das flüssige Lesen. Dennoch ist das Buch keines, das man nach dem Lesen einfach zur Seite legt: Es gibt seinen Lesern Anregungen, über sich, ihr Leben und ihre Rolle, die sie darin einnehmen, nachzudenken.

Die verborgene Schönheit der Sterne ist im ProTalk Verlag erschienen und wurde mir von der Fachagentur für Kultur- und Medienkommunikation Kongking.de zur Verfügung gestellt. Der Titel wird nur als E-Book vertrieben und ist für 8,99 Euro erhältlich.