Samstag, 18. Mai 2024

# 437 - Das, was am Ende von uns übrig bleibt - Kodokushi in Japan

Der Roman Oben Erde, unten Himmel der österreichischen Schriftstellerin Milena Michiko Flašar ist eines der sensibelsten Bücher, das mir in der letzten Zeit untergekommen ist. Flašar stellt ein gesellschaftliches Phänomen in den Mittelpunkt, das nicht nur in Japan, wo die Handlung angesiedelt ist, sondern auch in vielen anderen Industrienationen thematisiert, aber oft nicht ernst genug genommen wird: die Einsamkeit.

Aber ist es nicht ganz einfach, der Einsamkeit zu entfliehen, wenn man in Vereine eintritt, sich gesellschaftlich engagiert oder auf andere Weise mit Menschen in Kontakt kommt? Wenn es so banal wäre, gäbe es keine einsamen Menschen mehr. 

Milena Michiko Flašar hat sich in ihrem Buch einer besonderen Form der Einsamkeit gewidmet, für die es in Japan seit den 1980-er Jahren einen eigenen Begriff gibt: Kodokushi, den einsamen Tod. In Japan versteht man darunter das Versterben von Menschen, die über Wochen oder sogar Jahre von niemandem vermisst werden. 

Die 25-jährige Suzu ist grundsätzlich eine heiße Kodokushi-Kandidatin. Sie ist introvertiert und in einem Maße sozial inkompetent, dass sie ihren Aushilfsjob in einem typischen japanischen Familienrestaurant verliert.
Gleich zu Beginn charakterisiert sie sich treffend selbst: "Ich bin gerne allein. Und eigentlich hat sich daran auch nichts geändert. Nach wie vor bin ich kein Mensch, der viel Gesellschaft um sich braucht. Anders als früher brauche ich jedoch welche, und die Erkenntnis, dass dem so ist, hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben." 

Auf einen Schlag hat sie nun kein Einkommen mehr. Ihre Eltern, die auf dem Land leben, um Hilfe zu bitten, kommt nicht infrage: Suzu war für ein Studium, das sie nach kurzer Zeit abgebrochen hatte, in die Großstadt gezogen. Das und die Tatsache, noch immer keinen heiratswilligen Partner zu haben, sind genug Enttäuschungen, die sie ihnen zugemutet hat. Eine weitere will Suzu nicht hinzufügen.

Wenn es nicht ihren Hamster Punsuke gäbe, der auf ihre Fürsorge angewiesen ist, wäre jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen, an dem sich Suzu aufgegeben und womöglich einen einsamen Tod gestorben wäre. Aber die Verantwortung bringt sie dazu, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Das erste (und einzige) Vorstellungsgespräch bringt sie in die Reinigungsfirma von Herrn Sakai. Suzu begreift erst nach und nach, worauf sich dessen Unternehmen  spezialisiert hat: Der Chef reinigt mit seinem Team die Wohnungen von Verstorbenen, die erst nach langer Zeit entdeckt wurden. Wenn der Trupp kommt und seine Arbeit beginnt, sind die Leichen nicht mehr da, wohl aber die Spuren, die sie hinterlassen haben. Für diese Arbeit braucht man einen starken Magen und ein dickes Fell.

Für Suzu ist klar, dass sie diesen Job nur so lange machen wird, bis sie etwas Besseres gefunden hat. Doch sie fragt sich, wer sie wohl vermissen würde, wenn sie stürbe. Wann würde ihr Tod bemerkt werden?
Die Monate gehen dahin, und sie merkt, dass sie nicht nur wegen des Geldes zur Arbeit geht, sondern dort Teil einer Gemeinschaft geworden ist. Das ist vor allem Herrn Sakai zu verdanken, der seine Firma nicht nur ökonomisch, sondern auch hinsichtlich des sozialen Miteinanders zusammenhält. 

Die neuen Kontakte zu anderen Menschen führen bei Suzu zu ihr völlig neuen Einsichten. Angespornt von einem gleichaltrigen Kollegen steigt sie auf das Flachdach ihres Mehrfamilienhauses, von dem aus sich ihr das Panorama auf ihre Nachbarschaft offenbart: nicht einfach nur eine Ansammlung von Fassaden und Dächern, sondern Szenen aus den Leben der Menschen um sie herum. Bis zu diesem Tag kannte sie in diesem Haus nur den Weg von der Haustür bis zu ihrer Wohnung.
Aber dann gibt es in Herrn Sakais Firma eine Nachricht, die Suzu aus der Bahn werfen könnte. 

Lesen?

Ich habe die Antwort darauf gleich zu Beginn vorweggenommen. Oben Erde, unten Himmel ist ein durch und durch empathisches Buch, das von großer Kenntnis der japanischen Kultur zeugt. Das ist kein Wunder, denn Flašars Mutter ist Japanerin. Die Autorin hat in ihrer Kindheit mehrere Sommer in Japan verbracht und reist jedes Jahr für einige Wochen in das Land. 

Oben Erde, unten Himmel gehört zu den Büchern, die so berühren, dass man sie nach der letzten Seite nicht einfach beenden und das nächste Buch beginnen kann.

Oben Erde, unten Himmel ist 2023 im Verlag Klaus Wagenbach erschienen und kostet gebunden 26 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro.

Nachtrag: Die Japanerin Miyu Kojima hat selbst als Reinigungskraft in einer Firma, die sich um die Wohnungen einsam Verstorbener kümmerte, gearbeitet. Irgendwann kam ihr die Idee, deren Wohnungen so, wie sie vorgefunden worden waren, im Kleinformat nachzubilden. Wer mehr darüber wissen will: hier entlang.

Freitag, 10. Mai 2024

# 436 - Die Krise und der Schatz

Quelle Foto: Verlagsbuchhandlung Liebeskind 
Die Welt ist voller Krisen, die sich geradezu zu stapeln
scheinen. Zahlreiche Menschen empfinden diese Entwicklung als Bedrohung, und viele von denen, die es sich leisten können, lassen sich in ihre Eigenheime private komfortable Bunker für den Ernstfall einbauen - wie immer der am Tag X aussehen mag. Doch was ist mit den Leuten, die ebenfalls Angst, aber weniger Geld haben?

Segismundo García II. ist der Erzähler in dem Roman Ein sicherer Ort des spanischen Schriftstellers Isaac Rosa und hat für sie die Geschäftsidee: Er bietet ihnen den Einbau eines "Sicheren Ortes" an. Dafür eignen sich mehr Gebäudeteile als man ahnt: Segismundo empfiehlt hierfür nicht nur mit Gerümpel vollgestellte Kellerabteile oder Garagen, sondern auch winzige, mit einer Holzklappe abgedeckte Erdlöcher. Wo ein Wille ist, sollte auch ein Weg sein.
Die Nachfrage ist da, aber um seine Idee erfolgreich umzusetzen, braucht Segismundo vor allem Geld. Geld, das er nicht hat und ihm die Bank nicht geben wird. Denn: Sein Vater, Segismundo "der Große", hatte sich mit Billig-Zahnkliniken einst von ganz unten nach ganz oben gearbeitet, die Firmendaten etwas aus dem Blick verloren und war wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Ein sozialer Absturz, von dem er sich nicht mehr erholen sollte und der auch das Leben seiner Frau und seines Sohnes aus der Bahn warf. Wer also "Segismundo García" in eine Suchmaschine eingibt, findet zunächst Artikel über die kriminellen Machenschaften des alten Mannes. Der Name ist verbrannt.

Vor seinem Haftantritt hatte Segismundo I. allerdings vorgesorgt und einen Teil des ergaunerten Geldes versteckt. Mittlerweile wurde er zwar entlassen und lebt in einer Wohnung in Madrid, aber seine Demenz hat ihn seine Vergangenheit vergessen lassen. Er wird von einer Pflegerin rund um die Uhr betreut und ist als alter Mann so freundlich, wie er es früher nie war. Hoffnung geben dem Sohn jedoch die spontanen Gänge des Vaters durch die Straßen der Hauptstadt: Segismundo II. hofft, dass sein Vater sich irgendwann an das Geldversteck erinnert und damit unwissentlich die Geldprobleme seines Sohnes und Enkels löst. Ein Peilsender am Handgelenk des Seniors verrät, welche Route er nimmt.

Segismundo III. ist noch Schüler und ebenso schlitzohrig wie Vater und Großvater. Als noch genug Geld da war, hat man ihn auf eine Privatschule geschickt, um ihm die Chance auf ein gutes und erfolgreiches Leben zu geben. Doch Segis, wie er von seinem Vater genannt wird, investiert seine Zeit lieber in Sportwetten und sammelt von seinen reichen Mitschülern Wetteinsätze ein. Aktuell befindet er sich jedoch wie sein Vater in Schwierigkeiten und braucht wie er dringend Geld.

Lesen?

Isaac Rosa greift sehr gekonnt die Ängste auf, die Teile der Gesellschaft umtreiben: Der Wunsch nach dem sozialen Aufstieg geht Hand in Hand mit der Angst vor dem Abstieg; die allgemeine Panikmache befördert die Sorge, es könnte zu Ereignissen kommen, die die Menschheit ins Elend stürzen oder gar auslöschen. Rette sich, wer kann.

Diesen Ängsten wird in diesem Roman entweder mit dem egoistischen Einbunkern oder mit dem Gegenteil, einer auf Zusammenhalt und Kooperation basierenden Gesellschaft, die Segismundo II. spöttisch als "Tonkrügler" bezeichnet, begegnet. Er erzählt seinem dementen Vater in der seltenen "Du-Form" seine Sicht auf dessen Leben und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Am Ende schimmert so etwas wie Versöhnlichkeit gegenüber dem alten Vater durch - oder ist es Resignation?

Ein sicherer Ort ist 2022 in der Originalausgabe unter dem Titel Lugar Seguro erschienen und wurde in der deutschen Übersetzung von Luis Ruby 2024 von der Verlagsbuchhandlung Liebeskind herausgebracht.
Der Roman kostet als gebundenes Buch 24 Euro und als E-Book 18,99 Euro.


Freitag, 3. Mai 2024

# 435 - Über die Vergänglichkeit

Die Romane von Maria Borrély sind die Wiederentdeckung in der französischen Literatur. Nach Mistral wurde nun auch der 1931 erschienene Roman La dernier feu für die deutschsprachige Leserschaft übersetzt und unter dem Titel Das letzte Feuer veröffentlicht.

Wie schon in Mistral hat Borrély auch dieses Buch in der Haute-Provence angesiedelt - einer idyllischen Berggegend, in der sie selbst lange bis zu ihrem Tod lebte. 

Das kleine Dorf Orpierre-d'Asse liegt oberhalb des Flusses Asse. Das Leben dort ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschwerlich: Die Böden sind so karg, dass die Menschen gerade so über die Runden kommen. Der Weg dorthin ist für Fuhrwerke sehr gefährlich; der Fuhrmann hat bei jeder Lieferung Angst, sein Karren könnte hinab ins Tal stürzen.
Die Sommer sind heiß und trocken, Teile des Ackerlandes werden immer wieder vom Riou-Sec weggespült. Die Dorfbewohner leiden so sehr, dass sie von den Nachbardörfern den Spitznamen "die Schmalhänse" bekommen haben. 
Die Kinder erben Steine anstatt Äcker und Weinberge.
Die Alten in Orpierre-d'Asse, die keine Kraft mehr für die Feldarbeit haben, leben fast alle vom Schnorren oder geben "geliehene" Lebensmittel nicht zurück.

Nur die alte Pélagie Arnaud tut das nicht. Auch ihr Leben ist von Entbehrungen geprägt, aber sie zieht sogar noch ihre Enkelin Berthe groß, nachdem deren Mutter gestorben ist. Pélagie ist seit langer Zeit verwitwet und nutzt alles, was die Natur, die Ziege und der dürftige Anbau hergeben, um zu überleben.

Das Leben der Menschen von Orpierre-d'Asse ändert sich drastisch, als die Asse eingedeicht wird. Sie wollen das neu entstandene fruchtbare Land nutzen und ziehen nach und nach ins Tal. Es entsteht ein neues Dorf. Nur Pélagie weigert sich, ihr Haus zu verlassen. Sie misstraut trotz der Eindeichung der rauschenden Asse und befürchtet, der Fluss könnte über seine Ufer treten und alles, was sich ihm in den Weg stellt, mit sich reißen. Als ihre Enkelin heiratet und ebenfalls in das neue Dorf zieht, lebt Pélagie allein zwischen verfallenen Gebäuden und den Erinnerungen an die Toten. In ihrem Haus brennt das letzte Feuer.

Lesen?

Maria Borrély hat einen besonderen Schreibstil, der die Schlichtheit und Kargheit des dörflichen Lebens in der entlegenen Gegend der Haute-Provence greifbar macht. Die Hoffnung der Bewohnerinnen und Bewohner auf ein besseres Leben ist so plastisch beschrieben, dass Pélagies Warnungen wie die einer ewig Gestrigen wirken. Der Roman steuert langsam auf ein nicht überraschendes Ende zu und erfüllt den letzten Herzenswunsch der alten Frau. Das letzte Feuer überzeugt durch seine berührende Schlichtheit.

Das Dorf Orpierre-d'Asse gibt es unter einem anderen Namen: In Bras d'Asse wurden Steindeiche gebaut, um die Bedrohung durch die Asse zu besiegen. 1913 wurde das alte Dorf vollständig aufgegeben. Zwanzig Familien gründeten 1979 eine private Initiative mit dem Zweck, das Vieux Bras d'Asse wieder aufzubauen. Vom heutigen Bras d'Asse führt ein Wanderweg hinauf ins alte Dorf.
(Quellen: 
Agence de Développement des Alpes de Haute Provence und Randomania.fr)

Das letzte Feuer ist 2024 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro. Der Roman wurde übersetzt von Amelie Thoma.


Montag, 29. April 2024

# 434 - Die Erinnerungen von Deutschlands dienstältestem Parlametarier

Wolfgang Schäuble gehörte 51 Jahre dem Deutschen
Bundestag an. Er war 19 Jahre Bundesminister in den Regierungen Kohl und Merkel in verschiedenen Ministerien, verhandelte die deutsche Wiedervereinigung, ist vier Jahre Bundestagspräsident gewesen und hatte in seiner Partei, der CDU, unterschiedliche Ämter inne. Als Schäuble 1972 im Alter von 30 Jahren zum ersten Mal als Abgeordneter im Bundestag Platz nahm, saß ganz in seiner Nähe der "Vater des Wirtschaftswunders" Ludwig Erhard.


Wer so einen Werdegang hat, hat eine Menge zu erzählen. Und das tut Wolfgang Schäuble in seinem letzten Buch Erinnerungen - Mein Leben in der Politik. Auf rd. 620 Seiten (zuzügl. einer editorischen Notiz und eines mehrteiligen Anhangs) nimmt er kein Blatt vor den Mund und nutzt diese Gelegenheit, seine Sicht auf die deutsche Geschichte von den 1970-er Jahren bis heute deutlich zu machen. Seit 2006 litt er an einer Krebserkrankung, die ihn im Laufe der Zeit in die Knie zwang. Das Schreiben seiner Erinnerungen mithilfe der Historiker Hilmar Sack und Jens Hacke war ein Wettrennen mit der Zeit, das er knapp gewann: Die drei Männer trafen sich am 14. Dezember 2023 zum letzten Mal im Schäubles Abgeordnetenbüro, um einige Feinheiten des Buches zu besprechen. Nur zwölf Tage später ist Wolfgang Schäuble verstorben.

Freundschaften und Abneigungen im Politikbetrieb

Schäuble beschreibt sein Verhältnis zu Helmut Kohl und die Art ihres Umgangs miteinander. Dabei gab er sich keinen Illusionen hin: Er bewundert die humanistische Bildung des Kanzlers und dessen schnelle Auffassungsgabe. Kohls wiederholten öffentlichen Äußerungen, Wolfgang Schäuble werde sein Nachfolger als Bundeskanzler sein, maß er keine größere Bedeutung bei. Die Rolle des ewigen Kronprinzen, ähnlich der des heutigen britischen Königs Charles III., lag ihm nicht.
Die Parteispendenaffäre hat das Verhältnis der beiden Politiker im Jahr 2000 allerdings derart erschüttert, dass es nicht mehr zu kitten war. Kohl war nicht zu bewegen, die Namen der Spender zu nennen. Dass er damit seine Partei durch einen Rechtsbruch in eine problematische Situation brachte, spielte für den Parteipatriarchen keine Rolle. Schäuble wollte sich nicht an diesem Gebaren beteiligen und trat von seinen Ämtern als Partei- und Fraktionsvorsitzender der CDU zurück. Die beiden einstmals Vertrauten haben nie mehr miteinander gesprochen.

Natürlich geht es auch um das Verhältnis zwischen Wolfgang Schäuble und Angela Merkel. Er bezeichnet sie als "Glücksfall". Schäuble hat die unter seiner Zeit als CDU-Parteichef zur Generalsekretärin gewählte spätere Bundeskanzlerin immer menschlich gemocht, aber "Merkels Führungsstil hat meine Loyalität strapaziert, auch wenn ich jedes Ansinnen, ihr in den Rücken zu fallen, kategorisch abgelehnt habe."
Loyalität: Diese Eigenschaft prägte neben Ehrgeiz, Leistungsbereitschaft, Erfolgswillen und Bodenständigkeit das Handeln des Politikers Wolfgang Schäuble. Als Schäuble 2015, in der Hochzeit der Flüchtlingskrise, vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber aufgefordert wurde, sich an einem Putsch gegen Merkel zu beteiligen, lehnte er das Ansinnen ab. 
Sowohl Helmut Kohl als auch Angela Merkel waren 16 Jahre Bundeskanzler bzw. -kanzlerin. Schäuble deutet an, dass die langen Amtszeiten in ihren letzten Phasen bei beiden gewisse Abnutzungserscheinungen mit sich gebracht haben. Ob diese Einschätzung die Empfehlung einer Amtszeitbegrenzung beinhaltet, bleibt offen. Man wird jedoch den Eindruck nicht los, dass Schäuble einen großen Anteil an diesen langen Amtszeiten hatte.

Auffallend ist, dass Schäuble seine Kolleginnen und Kollegen in der Politik nicht nach ihrer Parteizugehörigkeit beurteilte. Über Abgeordnete der SPD oder den Grünen urteilte er oft positiv und wertschätzend. 

International

Wolfgang Schäuble bezeichnete sich selbst als Atlantiker. Die politische Nähe zu den USA war ihm immer wichtig.
Als mindestens ebenso wichtig hat er die Europäische Union sowohl für Deutschland als auch Europa eingeschätzt. In seine Amtszeit als Bundesfinanzminister fiel der Beginn der Eurokrise, in der mehrere EU-Staaten vor der Pleite gerettet werden mussten. Den sich damals abspielenden Finanz- und Wirtschaftskrimi erläutert Schäuble so ausführlich wie nötig und gut nachvollziehbar. Sein Urteil über die Banken fällt dabei wenig schmeichelhaft aus: In einer Passage heißt es "man dürfe nicht zu lange Bundesfinanzminister sein, wenn man nicht als grundsätzlicher Kapitalismuskritiker enden wolle". Wenn es um seine Beobachtung geht, wie sich das Verantwortungsbewusstsein führender Manager im Laufe der Zeit verändert hat, wird Schäuble deutlich: "Das früher ehrbare Wort 'Bankier' war längst durch 'Banker' ersetzt worden. Und das entspricht in etwa dem Weg zwischen Alfred Herrhausen und Josef Ackermann." Im selben Kontext erwähnt er, dass die Bankenrettung 30 Milliarden Euro gekostet hat, davon entfielen 18 Milliarden Euro auf die Commerzbank. Schäuble ärgert sich deutlich darüber, "wie hochbezahlte Manager [...] in einer mir zunehmend widerlich erscheinenden Weise am eigenen finanziellen Vorteil interessiert waren. Ich erinnere mich daran, wie der Vorstandsvorsitzende eines Instituts [...] sehr bald die politisch durchgesetzte Deckelung der Managergehälter zu ändern versuchte. Eine halbe Million war nicht genug - der Vorstand bewilligte sich selbst bereits 2012 wieder über 1,3 Millionen. [...] Anstand ist offenbar auch in diesen Kreisen zu einer knappen Ressource geworden." Wolfgang Schäuble hat den Namen des Managers, der ihn mit seiner Gier derart in Rage gebracht hatte, in seinem Buch nicht genannt. Wer sich jedoch an die Nachrichten aus dieser Zeit erinnert, weiß, dass es sich um den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank Martin Blessing gehandelt hat.

Das Attentat

Am 12. Oktober 1990, als in Deutschland wegen der Wiedervereinigung eine euphorische Stimmung herrschte, wurde Wolfgang Schäuble durch die Schüsse eines psychisch kranken Attentäters so schwer verletzt, dass er eine Querschnittslähmung erlitt. Überlebt zu haben verdankte er seinem Personenschützer, der mit seinem Körper die dritte Kugel abfing. Schäubles Leben teilte sich fortan in ein "Vorher" und "Nachher": Die Verletzungen führten zu einer Querschnittslähmung und einem Leben im Rollstuhl. Das ganze Land nahm an Schäubles Schicksal Anteil. 

Der Politiker schildert seine damaligen Selbstzweifel, die in die Frage mündeten, ob er gelähmt leben will. Die Behinderung brachte viele Probleme mit sich, doch Wolfgang Schäuble kommt zu dem Schluss, dass er nach dem Attentat "nicht weniger glücklich als vorher" ist. So optimistisch und positiv diese Aussage ist, so irritierend ist eine andere: "Meine Popularität über die vielen Jahre gründet auch in der sichtbaren Behinderung. Ich hätte gern darauf verzichtet, zumal ich bevorzuge, an meinen politischen Leistungen gemessen zu werden." 'Woran denn sonst?', würde man ihn hier gern fragen.

Lesen?

Erinnerungen - Mein Leben in der Politik ist so etwas wie ein subjektives Geschichtsbuch. Durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit und die Fülle an Informationen, denen wir täglich ausgesetzt werden, geraten die Details vieler zurückliegender Ereignisse etwas in Vergessenheit. Beim Lesen des Buches gibt es einige Aha-Momente.

Mit Wolfgang Schäuble ist einer der erfahrensten Politiker Deutschlands gestorben - wenn nicht sogar der erfahrenste. Er hat viele Politikerinnen und Politiker kommen und gehen gesehen. Zum Schluss schloss sich sein persönlicher politischer Kreis dort, wo er begonnen hatte: auf den Hinterbänken des Bundestages. Er nahm den großen Altersunterschied zwischen sich und vielen heutigen Abgeordneten wahr ("Sie könnten nicht mehr nur meine Kinder, sondern längst meine Enkel sein."), monierte die immer noch zu wenigen weiblichen Abgeordneten, bedankte sich mehrfach bei seiner Frau für die Unterstützung seiner Karriere, die sie nie gewollt hatte, und riet den jungen Abgeordneten zu mehr Zuhören und weniger Selbstdarstellung.

Egal, ob man den Menschen Wolfgang Schäuble und/oder seine Politik und die der CDU gutheißt: Dieses Buch ist schon wegen seiner vielen Einblicke lesenswert. Schäubles Schreibstil ist klar und beinahe so, als würde er einem Besucher aus seinem Leben erzählen. Trotz seines großen Einflusses auf die deutsche Politik findet sich nirgends eine Stelle, an der sich der Politiker selbst überhöhen würde.

Ich wurde in den 1960-er Jahren geboren. Mir sind Personen und politische Ereignisse aus den 1970-er Jahren mindestens in groben Zusammenhängen geläufig. Für jüngere Leserinnen und Leser könnte es jedoch schwierig werden: Es fallen viele Namen und werden zahlreiche Begebenheiten genannt, die entweder nicht oder lediglich andeutungsweise erklärt werden. Einen erläuternden Anhang hält das Buch allerdings nicht bereit. Niemand sollte sich hiervon jedoch entmutigen lassen.

Erinnerungen - Mein Leben in der Politik ist im April 2024 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet 38 Euro.



Dienstag, 23. April 2024

Gedanken zum Welttag des Buches

Quelle Logo: s. u.
Heute ist der 23. April und damit der Welttag des
Buches. 1995 wurde er von der UNESCO eingeführt und wird seitdem jedes Jahr durch Feierlichkeiten und Leseaktionen begangen.

Was im allgemeinen Rascheln der Buchseiten seit geraumer Zeit etwas untergeht ist der Umstand, dass es sich bei diesem Welttag nicht nur um einen Termin handelt, an dem man das Kulturgut Buch hochleben lässt. Es wird viele erstaunen, dass die vollständige Bezeichnung dieses Tages "World Book and Copyright Day" heißt, also Welttag des Buches und des Urheberrechts. Mich hat das ebenfalls erstaunt.

Interessanterweise ist in der Proklamation der Generalkonferenz zwar von Copyright die Rede, nicht aber davon, wie der Welttag gestaltet werden könnte, um dem Anliegen gerecht zu werden. Um das Bücherlesen voran zu bringen, werden in der Proklamation immerhin Buchmessen und -ausstellungen vorgeschlagen. Doch hinsichtlich der Ausgestaltung des Urheberrechts ist hier Stille.

In Deutschland wurde in den vergangenen Jahren immer wieder über die Notwendigkeit und Grenzen des Urheberrechts gestritten. Es geht dabei um die Frage, ob und inwieweit ein Werk vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben werden darf. Die Materie ist kompliziert und wohl nur von Fachleuten komplett zu durchschauen. Vor etwas mehr als zehn Jahren begann sogar eine Diskussion, in der es um die vollständige Abschaffung des Urheberrechts ging. Sie ist in der Zwischenzeit im Sande verlaufen.

Doch das Thema "Bücher und Urheberrecht" ist damit keinesfalls tot. Im Gegenteil: Durch die Verbreitung von Künstlicher Intelligenz nimmt es gerade richtig Fahrt auf. Im Sommer 2023 verklagten zwei US-Autoren vor einem Bundesgericht in San Francisco OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, weil sie davon ausgehen mussten, dass die KI mit ihren Büchern trainiert wird - ohne ihr Einverständnis. Der Vorwurf ist nicht unberechtigt, denn bereits 2018 gab OpenAI bekannt, dass für das Training von GPT-1 7.000 Romane benutzt wurden, die ein KI-Forscherteam ausgewählt hatte. Es ist keine Überraschung, dass auch damals niemand die Autoren um Erlaubnis gefragt hat.
Im September 2023 strengte die Autorengewerkschaft Authors Guild eine Sammelklage vor einem Bundesgericht in New York an, der sich u. a. bekannte Schriftsteller wie George R.R. Martin, Jonathan Franzen oder John Grisham anschlossen.
Aber da war noch nicht Schluss: Drei Monate später verklagte die New York Times OpenAI und Microsoft, da ungefragt Millionen von Zeitungsartikeln zum Trainieren der Software benutzt und so zum Aufbau einer geschäftlichen Tätigkeit verwendet worden waren.

Da der Wind OpenAI nach der Klageeinreichung im September 2023 ins Gesicht blies, hat man dort Gespräche mit Verlagen und der Authors Guild begonnen. Hierbei geht es um Lizenzvereinbarungen, die vereinzelt bereits abgeschlossen werden konnten. Vor der Klage ist man leider nicht auf diese Idee gekommen.  

In Deutschland hat es meines Wissens bislang keine Klagen gegen ChatGPT gegeben, obwohl davon ausgegangen werden kann, dass hier nach demselben Prinzip verfahren wird. In Frankreich wurde hingegen im März 2024 gegen Google ein Bußgeld in Höhe von 250 Millionen Euro verhängt, weil sich der Konzern nicht an verpflichtende urheberrechtliche Absprachen mit französischen Agenturen und Verlagen gehalten hat. 
Anfang April 2024 wurde der Klage von Austro Mechana, gewissermaßen die GEZ Österreichs, gegen einen Cloud-Anbieter stattgegeben. 

Was das gerade verabschiedete KI-Gesetz der Europäischen Union tatsächlich bringt, bleibt abzuwarten. Vielleicht gucke ich mir das am nächsten Welttag des Buches und des Urheberrechts an. Oder ich lasse mir einen Text von ChatGPT schreiben. 😉



Quelle Logo: Homepage "Welttag des Buches"


Montag, 22. April 2024

# 433 - Mit diesem Roman ging's zum Nobelpreis

Der norwegische Autor Jon Fosse hat 2023 den Nobelpreis für Literatur bekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt - das muss ich zu meiner Schande gestehen - hatte ich noch nichts von ihm gehört. Mit welchem Buch fängt man an, wenn man sich einem Schriftsteller nähern will? Denis Scheck empfahl in einem Interview mit SWR Kultur die kurze Novelle Das ist Alise. Diesen Rat habe ich beherzigt.

Normalerweise stelle ich hier in der Bücherkiste nur "richtige" Bücher vor. Mit Hörbüchern habe ich so meine Probleme. Aber wenn das gebundene Buch nur 120 Seiten hat, wie lange wird dann das Hörbuch dauern? Zweieinhalb Stunden, das weiß ich jetzt, denn ich habe beides gemacht: zuerst das Hörbuch begonnen (sehr gut gelesen von Max von Pufendorf) und etwa ab der Hälfte mit dem E-Book weitergemacht. Hätte ich mit dem E-Book begonnen, hätte ich es nicht bis zur letzten Seite geschafft. Aber der Reihe nach.

Das Haus von Asle und Signe steht einsam an einem Fjord. Zwanzig Jahre hat das Paar darin gemeinsam gelebt, doch dann, an einem sehr kalten und dunklen Tag Ende November 1979, verschwand Asle. Wie fast jeden Tag war er nach draußen gegangen, um mit seinem kleinen Ruderboot in den Fjord zu fahren. Doch diesmal kehrte er nicht zurück. Sein beschädigtes Boot wurde angespült.
Dreiundzwanzig Jahre ist das her. Dreiundzwanzig Jahre, in denen sich Signe nicht mit Asles Tod abfinden konnte und noch immer auf seine Rückkehr hofft.

Das Haus hat Asles Eltern, Großeltern und sogar schon den Urgroßeltern gehört. Hundert Jahre ist es alt und atmet förmlich die Familiengeschichte. 
An dem unwirtlichen Tag seines Verschwindens sieht Asle auf dem Weg zu seinem Boot seine längst verstorbene Ururgroßmutter Alise mit ihrem einjährigen Sohn Kristoffer. Die beiden wirken für Asle so real, als würden sie noch leben und wären wirklich da vor ihm. Er denkt an seine anderen Verwandten, die nicht mehr am Leben sind: Kristoffers Söhne Asle und Olav. Asle ertrank an seinem siebten Geburtstag.

Signa, die ewig Wartende, sieht ebenfalls in ihrer Vorstellung Asles Angehörige. Sie erlebt als passive Zuschauerin den Tod des kleinen Asle, der von seiner Mutter Brita aus dem Wasser gezogen und nach Hause getragen wird. Es ist der 17. November 1897. Alise, die gerade ihren Enkel verloren hat, gibt sich pragmatisch und beherrscht. Seid nicht traurig, sagt sie, Gott ist barmherzig.

Lesen?

Das Lesen von Das ist Alise habe ich als Herausforderung empfunden. Jon Fosse verzichtet konsequent auf Gänsefüßchen für die wörtliche Rede und den Punkt am Satzende. Wortwiederholungen, sonst eher verpönt, sind eines seiner Stilmerkmale. Sätze ziehen sich über viele Zeilen hin. Absätze oder Kapitel, die den Text übersichtlicher gestalten würden, fehlen. Zusammen mit der reduzierten Sprache wird eine dichte und gleichzeitig beklemmende Atmosphäre erzeugt. Diese Atmosphäre ist es, die mich beim Lesen bei der Stange gehalten hat.

Um noch einmal auf meine oben gemachte Aussage über das Hörbuch zurückzukommen: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das Buch zur Seite gelegt hätte, wenn ich mit ihm begonnen hätte.
Ansicht Hörbuch

Kann ich Das ist Alise nun empfehlen? Ich will ehrlich sein: Ich weiß es nicht. Ich weiß allerdings, dass es mir insgesamt zu viel Reduktion war.

Das ist Alise ist vor mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal im mare Verlag erschienen. Anlässlich der Auszeichnung Fosses mit dem Nobelpreis für Literatur hat der Verlag 2023 eine Neuauflage auf den Markt gebracht, die als gebundenes Buch (übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel) 20 Euro kostet. Das Hörbuch ist für 14,99 Euro,  das E-Book 11,99 Euro erhältlich.


Montag, 15. April 2024

# 432 - Der Platz - ein Buch über die innere Distanz zum Vater

Die Literaturnobelpreis-Trägerin Annie Ernaux hat in
ihrem Buch Der Platz über ihr Verhältnis zu ihrem Vater geschrieben, der 1967 gestorben ist - genau zwei Monate nach ihrer Prüfung für den höheren Schuldienst an Gymnasien. Sein Tod war der Anstoß, sich über sein Leben und das, was zwischen Vater und Tochter stand, Gedanken zu machen.

Ernaux hat sich einmal als "Ethnologin meiner selbst" bezeichnet. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wie in Eine Frau geht es auch hier um den sozialen Aufstieg der Eltern, insbesondere aber um den Aufstieg der Tochter Annie, den die Eltern immer gewollt hatten.
Der Vater hat nur eine geringe Schulbildung und wächst unter einfachsten Verhältnissen auf dem Land auf. Nach der Schule wird er zunächst Knecht. Nach dem Ersten Weltkrieg findet er eine Stelle in einer Seilerei. Dort lernt er Ernaux' Mutter kennen. Sein Leben wird von dem Wunsch bestimmt, es einmal besser zu haben und sich einen bescheidenen Wohlstand zu erarbeiten. Er ist sich mit seiner Frau einig, dass sie nur ein Kind haben würden. Das konnten sie sich finanziell erlauben, mehr nicht.

Nach einigen Rückschlägen schafft es das Paar, in Yvetot einen renovierungsbedürftigen Hof mit einem Lebensmittelladen und einer Kneipe zu übernehmen. Das Leben von Ernaux' Eltern ist um die Selbstständigkeit herum aufgebaut, Laden und Kneipe werden auch sonntags geöffnet. Um den Erhalt des erreichten sozialen Status' kämpft der Vater bis zum Schluss; es geht ihm darum, seinen Platz im Leben zu verteidigen. Emotionale Zuwendung und Kommunikation sind beiden Eltern jedoch fremd. Die Fürsorge für ihre Tochter drückt sich darin aus, dass sie ihr eine gute Schulbildung ermöglichen, mit der es Annie Ernaux auf die Hochschule schafft.

Je älter Ernaux wird, desto fremder werden ihr die Eltern; das gilt sicher auch in die andere Richtung. Dieses auf dem Bildungsaufstieg des Kindes beruhende Phänomen gibt es heute ebenso wie damals und kann zu einem Kontaktabbruch zwischen den Eltern und ihren Kindern führen. Auch zwischen Annie Ernaux und ihren Eltern gab es Phasen, in denen sie sich kaum sahen, weil sie sich nichts zu sagen hatten oder sich nur stritten. Die Eltern sind stolz auf ihre gescheite Tochter, während diese sich ihrer oft schämt - um sich dann für ihre Scham zu schämen. Diese Scham fühlt sich an wie ein Verrat an den Eltern. Gerade dem Vater ist seine unterprivilegierte Herkunft in seiner Sprache und seinem Habitus anzumerken.

Wie ein dunkler Schatten liegt der Tod von Ernaux' Schwester über der kleinen Familie, die zwei Jahre vor Ernaux' Geburt gestorben ist. Annie ist das Ersatzkind. Auch darüber wird nur einmal gesprochen und danach nie wieder.

Lesen?

Annie Ernaux blickt auf ihr Leben und das ihrer Kernfamilie zurück, indem sie es fragmentiert. Jedem Fragment oder jeder Person wird eines ihrer Bücher gewidmet. So bleibt es nicht aus, dass sich deren Inhalte oft überschneiden. Wer also Eine Frau gelesen hat, dem kommt auch vieles in Der Platz bekannt vor.

Ernaux schreibt auch hier sachlich und schnörkellos. Diese Direktheit ermöglicht es, sich in die Familie einzufühlen und ihre Emotionen nachzuvollziehen. Diese strikte Sachlichkeit führt jedoch dazu, dass auch in schicksalhaften Momenten wie dem Tod des Vaters man als Leser oder Leserin mit Befremden auf das Abspulen des üblichen Alltags blickt, der doch gerade erst erschüttert wurde. Nur der Besuch des Pfarrers und die Beisetzung unterbrechen den gewohnten Tagesablauf.

Einen Hinweis auf den Grund, der Ernaux dazu bewogen hat, über ihren Vater zu schreiben, gibt ein Zitat des französischen Schriftstellers Jean Genet, das der Handlung vorangestellt ist:
"Ich wage eine Erklärung: Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat."

Die Originalausgabe erschien 1983 unter dem Titel La Place. Das mir vorliegende E-Book folgt der 3. Auflage der Ausgabe des Suhrkamp Taschenbuchs 5108 und wurde von Sonja Finck übersetzt.
Der Platz kostet als gebundenes Buch 20 Euro, als Broschur 11 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Freitag, 5. April 2024

# 431 - Ein Film

Der Roman Ein Film (3000 Meter) ist aus verschiedenen Gründen etwas Besonderes. Er erschien 1926 in Barcelona in der katalanischen Originalausgabe und auf seinem Cover stand der Name des Autors Víctor Català. Doch hierbei handelte es sich um ein Pseudonym der Schriftstellerin Caterina Albert i Paradís. Man kennt das auch von anderen Autorinnen, denen es nicht möglich war, ihre Werke unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen, weil sie Frauen waren, und die deshalb den Umweg über ein männliches Pseudonym gehen mussten: George Sand beispielsweise wäre unter ihrem Namen Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil wohl für immer unbekannt geblieben. Das gilt auch für die englische Schriftstellerin Mary Ann Evans, deren Roman Middlemarch 2015 von mehr als 80 Kritikern zum bedeutendsten Roman aller Zeiten gekürt wurde. Sie hat das Buch 1872 unter dem Pseudonym George Eliot veröffentlicht.

Die Handlung des Romans spielt um 1910 herum. In Europa werden Kinos gerade populär, ihre Wirkung wird in literarischen Kreisen diskutiert. 
Auch politisch durchlebte Spanien unruhige Zeiten. Es kam vermehrt zu sozialen Spannungen, und das Land stürzte sich in Nordafrika in den verlustreichen Rif-Krieg, um seinen Status als Kolonialmacht auszubauen. Als das zunächst misslang, kam es in Spanien zu innenpolitischen Problemen, die mit Billigung von König Alfonso XIII. 1923 zur Errichtung einer rechtsgerichteten Diktatur unter General Miguel Primo de Rivera führten.
Im Sommer 1909 gab es in Barcelona einen Arbeiteraufstand, der in mehreren Tausend Verhaftungen und einigen Todesurteilen mündete. In der Folge wurden mehrere Bürgerrechte ausgesetzt.

In dieser Atmosphäre der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheit ist Ein Film (3000 Meter) angesiedelt. Im Mittelpunkt steht der 22-jährige Nonat Ventura, der als Säugling in einem Waisenhaus in einer ländlichen Gegend Kataloniens abgegeben wird. Er ist intelligent und entwickelt sich zu einem gutaussehenden jungen Mann. Ein Waisenkind zu sein, empfindet er jedoch als Makel und fühlt sich vom Leben benachteiligt. Er ist sich sicher, wohlhabende Eltern zu haben und fühlt sich um ein schönes Leben betrogen. 

Ein kinderloser Schlossermeister aus Girona nimmt den Jungen bei sich auf und behandelt ihn wie einen eigenen Sohn. Doch Nonat strebt nach Höherem: Er liebt schöne Kleidung und den Lebensstil der wohlhabenden Bürger und weiß, dass er niemals deren Status erreichen kann, wenn er ein Leben als Schlosser lebt. Deshalb verlässt er seinen Ziehvater, der ihm zum Abschied eine Goldunze schenkt, die diesem immer Glück gebracht hat. Die Münze soll nun Nonats Talisman sein.

Nonat findet den Namen seiner Taufpatin heraus. Diese lebt mit ihrem Mann in einem Dorf und spürt schnell, dass der Schönling, der an ihre Tür geklopft hat, Ärger mit sich bringen könnte. Da sie vor 22 Jahren geschworen hat, das Geheimnis von Nonats Herkunft für sich zu behalten, tischt sie diesem eine offensichtliche Lüge auf, um ihn rasch loszuwerden. Der sieht sein Heil nun in Barcelona. Sein Gefühl sagt ihm, dass er dort die Antwort auf seine Herkunft finden wird und die Chance hat, mehr aus sich zu machen. Viel mehr.

Nonat schafft es schnell, dank seiner Cleverness und seines guten Aussehens in Barcelona Fuß zu fassen. Er übernimmt eine Werkstatt, die bald gute Kunden hat, und wird in seinem Umfeld geachtet. Aber das ungelöste Rätsel um seine Herkunft treibt ihn um. Außerdem hat die katalonische Hauptstadt Verlockungen, die Nonat von Girona nicht kannte. Wer es sich leisten kann, fährt mit der Straßenbahn oder sogar Droschke, es gibt viele gute Restaurants und auch kulturell ist Barcelona Girona weit überlegen. Doch diese Möglichkeiten, die Nonat gerne wahrnimmt, übersteigen seine Finanzen. Hat er bislang nur gelegentlich etwas in großen Menschenmengen mitgehen lassen, schart er schon bald einige Kleinkriminelle um sich, die das schnelle und leicht verdiente Geld wittern. Was sie nicht wissen: Alle Menschen, die den jungen Mann für ihren Freund hielten, wurden von ihm massiv enttäuscht. Einige, die ihn früher liebten und bewunderten, hassen ihn nun. Nonat ist das gleichgültig, er sieht nur seinen eigenen Vorteil. Aber wie lange kann er sein Glück, das ihm bisher treu war, strapazieren? 

Dann kommt der Tag, an dem Nonat die Goldunze seines Ziehvaters gestohlen wird...

Lesen?

Ein Film (3000 Meter) wirft ein Licht auf das Leben der Menschen in Katalonien, die vor etwa einhundert Jahren knapp ihr Auskommen hatten oder am Rand der Gesellschaft standen. Nonats brennender Wunsch, ein Mitglied der wohlhabenden Klasse zu sein, zeigt immer wieder, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich war. Doch es war nicht nur das Geld, das ihn von denen "da oben" trennte, sondern auch seine Herkunft, die sich unter anderem in seinem schlechten Spanisch widerspiegelte. 

Catarina Albert i Paradís bettet ihren Roman in ein zeithistorisches Umfeld ein, in dem es in Katalonien und Spanien etliche Erschütterungen gab und man sich neu orientieren musste. Sie gehörte zu den Anhängern des Noucentisme, einer kulturellen und ideologischen Strömung, die mit dem Beginn der Diktatur von Miguel Primo de Rivera ihr abruptes Ende fand. In diese Zeit fiel ihre kreative Krise. Die wenigen Male, in denen sie in ihrem Roman direkt Bezug auf das Kino nimmt, das immer mehr Menschen begeisterte, sind wohl als Annäherung an das neue Medium zu sehen. Catarina Albert i Paradís wird beobachtet haben, welchen Einfluss das Kino auf das Leben und die Gewohnheiten der Menschen nahm. Davon blieb auch die Literatur nicht unberührt.

Einziger Kritikpunkt ist das Fehlen eines Nachworts, das den Kontext für die Romanhandlung liefert. 

Ein Film (3000 Meter) ist 2024 im Kupido Literaturverlag erschienen und wurde sehr lebendig von Petra Zickmann übersetzt.
Der Roman kostet gebunden 29,80 Euro.

Sonntag, 24. März 2024

# 430 - Alles heiter, oder was?

Der durch seine Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung bekannt gewordene Journalist und Schriftsteller Axel Hacke beschäftigt sich in seinem Buch Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte mit der Frage, was es eigentlich mit der Heiterkeit auf sich hat: Stellt sie sich von selbst ein? Muss man einen entsprechenden Charakter haben, um sein Leben heiter zu verbringen? Wie wichtig ist Heiterkeit im Alltag?

Es soll hier nicht um bierselige Festzelt-Heiterkeit gehen oder den Nachbarn, der einen schlüpfrigen Witz nach dem anderen vom Stapel lässt und sich lachend auf die Schenkel schlägt. Was Hacke meint, ist so etwas wie eine Lebensheiterkeit, eine grundsätzliche Einstellung, die das Gegenteil dessen verkörpert, was wir zum Beispiel von der von Charles Dickens geschaffenen Figur Ebenezer Scrooge kennen: einen ständig missgelaunten Menschen, der anderen stets abweisend gegenüber tritt.

Dass sich ausgerechnet Axel Hacke diesem Thema widmet, verwundert zunächst. Seine regelmäßigen oben erwähnten Kolumnen vermitteln Heiterkeit und eine gewisse Leichtigkeit des Seins, ohne oberflächlich zu sein. Doch er sagt tatsächlich über sich, dass er sich im Alltag um die Heiterkeit bemühen muss und kein heiterer Mensch ist.

Den Anstoß zu diesem Buch gab ein Auftrag zu einem Artikel, den er spontan zugesagt hat, dessen Bedeutung für ihn selbst sich Hacke aber erst später erschloss. Es sollte um die Heiterkeit gehen. Aber Hacke merkte rasch, dass dieses auf den ersten Blick luftig-leicht wirkende Wort seine Tücken hat; erst recht, wenn es um Heiterkeit in schwierigen Lebensphasen geht.

Axel Hacke ist nicht mehr weit weg von seinem 70. Geburtstag und damit rund zehn Jahre älter als ich. Beim Lesen seines Buches denke ich immer wieder, dass seine Bewertung von Ereignissen, die er rückblickend als heiter einstuft, auch an seinem Alter und den damaligen "Highlights" liegen mag: Beispielsweise ging es in der mit einer mehrjährigen Pause gesendeten Quiz-Show "Was bin ich?" mit dem Moderator Robert Lembke darum, möglichst rasch den Beruf des jeweiligen Kandidaten zu erraten. Die Sendung hatte in den 1970-er Jahren sehr gute Einschaltquoten und war so wie später "Wetten dass...?" eine Familiensendung. Was der Popularität sicher half, war die geringe Zahl der Fernsehsender: Je nachdem, ob man auch die DDR-Sender empfangen konnte, waren es nur drei oder eben fünf Kanäle. Als ich selbst so alt war wie Hacke zur besten "Was bin ich?"-Zeit, riss mich das Format nicht mehr vom Hocker. Es wirkte auf mich verstaubt und überholt.

Axel Hacke sieht sich bei zahlreichen Fachleuten, die aus verschiedenen Perspektiven etwas über die Heiterkeit geäußert haben, um. Da ist zum Beispiel die Kolumnistin Doris Knecht, die er zitiert, als er sich Gedanken darüber macht, ob es angesichts von Krisen wie dem Krieg in der Ukraine in Ordnung ist, sich seine Heiterkeit zu bewahren. Knecht reagiert 2022 auf die Kritik einer Leserin mit einem Fluchthintergrund und vermittelt hier eine pragmatische Haltung:
"Sie, Knecht, habe etwas über ihre Lieblingsspeisen geschrieben. Die Leserin fand es lächerlich und oberflächlich, angesichts der aktuellen Situation (vor allem des Krieges in der Ukraine) etwas über Essensvorlieben lesen zu müssen. Knecht schrieb die klaren und eleganten Sätze: »Natürlich hat sie recht. Aber ich finde, sie hat auch ein bisschen nicht recht."
Sie schrieb weiter: "Wir haben diesen Krieg nicht angefangen, keiner von uns wollte ihn, alle sind entsetzt. Ich finde nicht, dass wir uns Tag und Nacht dafür schuldig fühlen sollten, dass wir weiter das tun, was auch die Menschen in der Ukraine taten und weiter tun wollten: ganz normal in Frieden leben." Dieser Krieg höre nicht auf, wenn wir aufhörten uns zu freuen an unseren Kindern, an einem guten Essen, an Kunst. Den Menschen in der Ukraine und den Flüchtenden gehe es nicht besser, wenn wir den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen hätten wegen unserer Ohnmacht.
"Was stattdessen passiert: Wir lassen Putin auch Krieg führen gegen uns", schrieb sie. Dann gewinne Putin. Dann bestimme Putin auch über unser Leben und nehme auch uns die Freiheit. "Helfen wir den Menschen in der Ukraine und auf der Flucht, wie und wo wir können, aber lassen wir Putin nicht bestimmen: wie wir leben wollen, woran wir uns freuen und was wir schreiben."

Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich brachte ihre Haltung über das Zulassen von Heiterkeit angesichts von Krisen noch knapper zum Ausdruck, als sie 2008 im Alter von 91 Jahren während eines Vortrags in Frankfurt einem Zuhörer antwortete, der sich länger über die düstere Lage der Nation, den Werteverfall und die unfähigen Politiker ausließ:
"Das ist mir alles viel zu wehleidig, junger Mann. Sie sind ja nur am Jammern. Lassen Sie es mich so sagen: Jedes Leben hat seine Erschütterung, jede Zeit auch. Diese Selbstverständlichkeit zu beklagen - da machen Sie es sich sehr einfach."

Lesen?

Es fällt mir schwer, für dieses Buch eine klare Empfehlung zu geben. Axel Hacke zitiert so viele Wissenschaftler, Autoren, Philosophen und Künstler, dass es an einigen Stellen schwer fällt, den Überblick zu behalten. Dabei drohen seine eigenen Gedankengänge beinahe unterzugehen.

Manchmal kommt es auch vor, dass der Autor einen interessanten Gedanken aufgreift, ihn aber nicht bis zum Ende ausführt. Ein Beispiel hierfür sind die Überlegungen über Weltuntergangsphantasien: Die Vorstellung der Vernichtung alles Lebendigem kennt man in dieser Ausprägung nur in den sog. westlichen Ländern. In China oder Japan ist solch eine Idee einer Komplettvernichtung unbekannt. Die sich für mich automatisch stellende Frage, wie dieser Unterschied zu erklären ist, wird von Axel Hacke nicht beantwortet.

Und zu welchem Ergebnis kommt Axel Hacke nach seinen ausführlichen Überlegungen zu Heiterkeit? Ja, er gibt eine Antwort auf die Frage, wie man ein heiterer Mensch sein kann. Aber ich bezweifle, dass sie das ist, was seine Leserinnen und Leser am Ende dieses Buches erwartet haben.

Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte ist 2023 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.




Samstag, 16. März 2024

# 429 - Ein Krimi, der auf das Leben in Japan im beginnenden 20. Jahrhundert blickt

Der bereits 1981 verstorbene Krimi-Autor Seishi Yokomizo ist in Japan sehr bekannt, außerhalb des Landes war er es bis vor Kurzem nicht. Das änderte sich zumindest für den deutschen Buchmarkt, nachdem der Aufbau Verlag 2022 unter seiner Marke Blumenbar die Übersetzung des ersten Teils der Reihe um den Detektiv Kosuke Kindaichi, Die rätselhaften Honjin-Morde, herausbrachte. Das erstmals 1946 erschienene Buch war so erfolgreich, dass Yokomizo noch 76 weitere Male seinen Detektiv durch Japan schickte, um scheinbar unlösbare Kriminalfälle aufzuklären.

Die Handlung spielt im November 1937 in einer ländlichen Gegend in der Präfektur Okayama. Kenzo, der älteste und bereits 40-jährige Sohn einer begüterten Familie, hat am Vortag im kleinen Kreis geheiratet, als die Familie in der Nacht durch schreckliche Schreie geweckt wird. Kurz erklingt das schnelle Anschlagen einer Koto [Anm.: japanisches Saiteninstrument], gefolgt vom Geräusch eines Aufpralls. Als die Familie das vor Kenzos Haus liegende Gartentor gewaltsam öffnen will, sind wieder die Töne einer Koto und kurz darauf ein sirrendes Geräusch, das von einer gerissenen Saite stammen könnte, zu hören.

Die Familie findet Kenzos Haus verschlossen vor. Auf dem Grundstück sind auf dem frisch gefallenen Schnee keine menschlichen Spuren außer ihren eigenen zu sehen - und ein Schwert, das im Schnee steckt. Mithilfe eines Beils verschaffen sich einige der Männer Zutritt zum Gebäude und finden das Brautpaar getötet in einer großen Blutlache vor. Neben der toten Braut Katsuko steht eine blutverschmierte Koto mit einer gerissenen Saite. Außerdem ist ein Wandschirm umgestürzt. Auf ihm befinden sich ebenfalls Blutspuren: Es ist der Abdruck einer Hand zu sehen, allerdings nur des Daumens, des Zeige- sowie des Mittelfingers. Und offenbar hatte sich der Mörder Koto-Plektren über die Finger gestreift. Ist der mysteriöse Fremde, der im Dorf am Tag der Hochzeit nach dem Weg zum Anwesen der Familie gefragt hatte, der Mörder?

Katsukos Onkel, der Teil der Hochzeitsgesellschaft gewesen ist, registriert, dass der anwesende Kriminalkommissar und sein Assistent an ihre Grenzen stoßen und schickt seiner Frau ein Telegramm: Katsuko tot. Schick Kindaichi.
Wird der Privatdetektiv, der Kriminalfälle nur nach logischen Gesichtspunkten löst, es schaffen, auch hinter das Geheimnis dieses Falls zu kommen?

Lesen?

Die rätselhaften Honjin-Morde ist insbesondere für europäische Leserinnen und Leser ungewöhnlich. Nicht nur, dass Seishi Yokomizo hier ein Locked Room Murder Mystery konstruiert und sein Publikum zwischendurch gekonnt in die Irre führt; der Krimi gibt außerdem einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen Regeln und Lebensumstände im Japan der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - eine Welt, die uns kaum fremder sein kann. Wer normalerweise keine Krimis liest, sollte diesen allein deshalb zur Hand nehmen.

Allerdings ist auch Yokomizos Stil etwas gewöhnungsbedürftig, sodass sich sein Krimi nicht durchgehend flüssig lesen lässt. Aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben.

Um den Überblick aufgrund der Vielzahl von japanischen Ausdrücken und auftretenden Personen nicht zu verlieren, sind dem Buch ein Personenregister und ein Glossar angefügt.

Die rätselhaften Honjin-Morde ist gebunden für 20 Euro, als Taschenbuch für 12 Euro, als Audio-Download für 14,99 Euro sowie als E-Book für 9,99 Euro erhältlich.

Anmerkung: Honjins waren während der Edo-Zeit Gasthäuser, in denen nur gehobene Regierungsbeamte und Adelige einkehrten. Wer solch einen Gasthof betreiben durfte, stieg sowohl wirtschaftlich als auch sozial auf. Die Familie des getöteten Kenzo betrieb ein Honjin bis zum Sturz des Shoguns und der Wiederherstellung des kaiserlichen Systems Ende der 1860-er Jahre. Diese Zeit bildet die Grundlage ihres Ansehens und Wohlstands.