Freitag, 5. August 2016

# 62 - Ein Leben im Großraumbüro


Ein hochgelobter Roman um den modernen Büroalltag


Björn ist die Hauptfigur im Roman Das Zimmer des schwedischen Autors Jonas Karlsson und ein Mensch, der von seinem Arbeitsverhalten restlos überzeugt ist. Er sieht sich als cleveren Mitarbeiter, zu dem die Kollegen aufschauen sollten. Tun sie es nicht, liegt das nur an ihnen.
So war es auch mit seinem letzten Job gewesen: Björn hatte sich ständig unterfordert gefühlt und sich nicht immer mit den Kollegen gut verstanden. Eines Tages hatte ihm sein ehemaliger Chef nahegelegt, an seiner Karriere zu arbeiten und etwas aus sich zu machen. Das leuchtete Björn ein. Er wechselte ohne Komplikationen zu einer neuen und sehr großen Behörde in Stockholm. Wäre man böswillig, könnte man Björn als einen "Wanderpokal" bezeichnen.

Kollegialität? Was soll das sein? Wer braucht das?


Björn stellt an seinem neuen Arbeitsplatz fest, dass er im Vergleich zu seinem alten mit einigen Verschlechterungen leben muss. Das trübt jedoch nicht seinen Optimismus. Wie gewohnt teilt er sich seine Arbeitszeit in ein festes Schema ein, das er strikt einhält: Nach 55 Minuten konzentrierter Arbeit folgen fünf Minuten Pause, in denen auch der Toilettengang erledigt werden muss. Er arbeitet sich intensiv in seine neuen Aufgaben ein und nutzt dafür sogar das Wochenende. Björn möchte sich möglichst schnell einen Vorsprung verschaffen, der ihn aus der Masse der Kollegen positiv heraushebt. Sein Ziel ist es, irgendwann zur Führungsebene dieser Behörde zu gehören.
Björn beginnt sofort, sein neues Umfeld zu analysieren und bei jedem Menschen dessen Stärken und Schwächen herauszufinden. Echte Sympathien kann er für keinen der 22 Kollegen aufbringen, die mit ihm in der Abteilung zusammenarbeiten.
Selbstverständlich fragt er auf der Suche nach Kopierpapier auch niemanden danach, wo es normalerweise aufbewahrt wird, sondern streift selbst auf der Etage herum. Dabei öffnet er zufällig die Tür zu einem kleinen Zimmer, das wie ein Büro eingerichtet ist und sich neben der Altpapiertonne und dem Fahrstuhl und hinter den Toiletten befindet. Der Raum ist akkurat aufgeräumt und staubfrei, alles ist genau an seinem Platz. Björn hat das deutliche Gefühl, dass dieses Büro auf jemanden wartet. Auf ihn.

Wer spinnt hier wirklich?


Niemand außer Björn scheint das Zimmer zu kennen. Aber für ihn wird es wie eine zweite Heimat: Dort kann er sich am besten konzentrieren und ungestört seine Akten bearbeiten. Doch Björn ist irritiert, dass niemand außer ihm dieses Zimmer zu sehen scheint. Sind um ihn herum tatsächlich alle zu blöd, um wahrzunehmen, was für ihn offensichtlich ist? Oder wollen sie ihn gemeinsam in den Wahnsinn treiben? Er überprüft den Grundriss seiner und der darüber liegenden Etage und muss feststellen, dass dieses Zimmer irgendwie nicht hineinpassen kann. Was wird da vor ihm verheimlicht?
Die Situation spitzt sich zu, als sowohl seine Kollegen als auch sein Chef ihn misstrauisch beäugen und ihm immer distanzierter begegnen. Björn kann sich ihr Verhalten zuerst nicht erklären, aber dann wird er von Håkan direkt gefragt, was er „da“ eigentlich mache, wenn er so im Toilettenflur herumstehe. Björn wird mit aller Deutlichkeit klar, dass seine Kollegen ihn für einen verschrobenen Spinner halten und ihm die Existenz des kleinen Zimmers nicht glauben. Doch er weiß sich zu helfen: Er beruft eine Versammlung aller Kollegen ein und fordert sie einer nach dem anderen auf, in diesen Raum, den sie angeblich nicht kennen, einzutreten. Als Björn sieht, dass sich die ganze Abteilung in dem kleinen Zimmer versammelt hat, ist er sicher, ihren Scherz entlarvt zu haben. Doch er irrt sich, und die Situation eskaliert.

Ausgewachsene Psychose oder ausgefeiltes Mobbing?


Björn ist ohne Frage ein Kollege, wie ihn sich niemand selbst freiwillig aussuchen würde. Er ist über alle Maßen von seiner Großartigkeit überzeugt und der Meinung, dass ihm keiner ernsthaft das Wasser reichen kann. Es bleibt ihm unbegreiflich, dass es anderen Menschen so schwer fällt, sein Genie zu erkennen. Eine Weihnachtsfeier, die die Kollegen als willkommene Abwechslung vom Arbeitsalltag betrachten, ist für ihn nur albernes Getue, das unnötig Zeit kostet. Ob sein Verhalten krankhaft oder er einfach nur eine Nervensäge ist, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen.
Im Klappentext wird davon gesprochen, dass sich der Autor „mit der Konformität in der modernen Arbeitswelt“ beschäftigt. Das, was Jonas Karlsson in Das Zimmer beschreibt, hat allerdings weniger mit Anpassung und Gleichheit, als vielmehr damit zu tun, dass die Hauptperson Björn eine ausgewachsene Klatsche hat.
Das Buch hat mich leider nicht überzeugt und ich habe mich gefragt, wo ich während meiner eigenen Jahre in verschiedenen Behörden war, dass ich nichts von dem, was Karlsson hier beschrieben hat, wiedererkannt habe. 

Das Zimmer ist im Luchterhand Literaturverlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet als gebundene Ausgabe 17,99 €, als Audio-CD 16,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 13,99 € und als Hörbuch-Download 12,95 €.

Freitag, 29. Juli 2016

# 61 - Ein Dorf ist gegen Windkraft - oder auch nicht

Manche Entscheidungen wollen wohlüberlegt sein. Auch die, in ein kleines, entlegenes Dorf zu ziehen. Alle, die von einem idyllischen Landleben, hilfsbereiten Nachbarn, einer Dorfkneipe und ganz viel Ruhe träumen, empfehle ich Unterleuten. Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh räumt nachhaltig auf mit der Dorfromantik, wie sie sich Stadtmenschen gerne erträumen.

Das Dorf Unterleuten mit seinen 250 Einwohnern mitten in Brandenburg gibt es zwar nicht, aber bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass es stellvertretend für zahlreiche andere Dörfer steht. So oder so ähnlich. Unterleuten wirkt wie aus der Zeit gefallen: Es gibt weder eine Arztpraxis noch eine Schule, kein Internet, und die Renten der alten Bewohner sind so klein, dass der Tauschhandel blüht. Doch da geht es nicht um Geld gegen Naturalien, sondern um „Eine Hand wäscht die andere“. Probleme werden innerhalb der Dorfgemeinschaft gelöst, die Polizei wird nicht gebraucht. Alles, was außerhalb des Dorfes passiert, ist für die Bewohner uninteressant.

Aber auch ein auf den ersten Blick so rückständiges Dorf verändert sich. Es kommen neue Menschen hinzu, die sich hier ein „neues Leben“ aufbauen wollen. Da ist zum Beispiel der frühere Soziologieprofessor Gerhard Fließ, der als neuer Mitarbeiter des Vogelschutzbunds Unterleuten Gefallen daran findet, bei jedem Bauantrag beinahe zwanghaft Einspruch einzulegen, weil er die Existenz des seltenen Kampfläufers bedroht sieht. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass er sich damit keine Freunde und das Leben zur Hölle macht. In seinem Schlepptau sind seine 22 Jahre jüngere Ehefrau Jule und ihre gemeinsame sechs Monate alte Tochter Sophie. Jule war bei Gerhard Studentin und muss im Verlauf der Handlung erkennen, dass ihr Mann ein anderer Mensch ist, als sie geglaubt hat.

Doch auch Linda Franzen, die mit ihrem Freund Frederik Wachs ein heruntergekommenes Gutshaus gekauft hat, das sie jetzt renovieren will, ist mit ihrem ausgeprägten Ehrgeiz ein Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft. Ihr ist fast jedes Mittel recht, um an eine Baugenehmigung zu kommen, die es ihr möglich macht, einen Stall für ihr Pferd Bergamotte zu bauen. Hat es etwas zu bedeuten, dass alle vorherigen Bewohner des Gutshofs nur kurz dort gelebt haben, weil es sie frühzeitig dahingerafft hat?
Konrad Meiler ist der große Unbekannte des Dorfes. Er hat bei einer Versteigerung riesige Flächen rund um Unterleuten gekauft, ohne zu wissen, was er damit tun soll. Doch seine Ratlosigkeit dauert nur kurze Zeit. Wohnen wird er dort nicht.

Die Zugezogenen sehen sich den Alteingesessenen gegenüber, die teilweise seit Jahrzehnten ihre Konflikte so ausdauernd pflegen wie andere Leute einen seltenen Bonsai. Die Unterleutener, die schon zu Zeiten der DDR dort gewohnt haben, sind in einem von außen nur mühsam zu durchschauenden Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflecht miteinander verbunden, in dem Alte gegen Junge, Frauen gegen Männer, Betriebsleiter gegen LPG-Veteranen und alle zusammen gegen ihr Leben arbeiten.

Erneuerbare Energien? Wer will das schon!


2010 wird für das fast 700 Jahre alte Unterleuten ein Schicksalsjahr. Das Flurstück „Schiefe Kappe“, eine bislang karge und uninteressante Anhöhe, rückt in den Mittelpunkt des Dorfinteresses, als es zum Eignungsgebiet für einen neuen Windpark erklärt wird. Die Aufregung ist groß, viele Einwohner befürchten eine Verschandelung der Landschaft. Doch es gibt auch Nachbarn, die sich davon ein einträgliches Geschäft versprechen, dessen Ertrag sie für den Rest ihres Lebens unabhängig machen würde. Es beginnt ein Krieg, in dessen Verlauf Konflikte, die bisher dicht unter der Oberfläche schwelten, aufbrechen. Die Situation eskaliert, es wird  intrigiert und gelogen, aber nicht wirklich kommuniziert. Der Dorffunk behält dabei immer die Oberhand; den Gerüchten, die er transportiert, wird vorbehaltlos geglaubt. Kein Wunder, dass Unterleuten sich mit jedem neuen Gerücht vom Frieden immer weiter entfernt. Da ist es fast schon zwangsläufig, dass auch gestorben wird. Schließlich kommt kein Krieg ohne Tote aus.

Lesen?


Unterleuten nimmt seine Leser mit in die Unterleutener Heide mitsamt aller zwischenmenschlichen Verwerfungen. Es ist egal, wo man das Dorf ansiedelt: Zerwürfnisse, wie sie in diesem Roman geschildert werden, gibt es zuhauf auch woanders. Auch das Thema, das hier wie der Funke an der Lunte wirkt, ist austauschbar: In Unterleuten ist es ein Windpark, in anderen Orten sorgen Neubaugebiete oder neue Straßen dafür, dass Nachbarn aufeinander losgehen. Juli Zeh hat ihren Roman spannend auf mehr als 630 Seiten inszeniert und durch überraschende Wendungen, von denen oft nur der Leser erfährt, dafür gesorgt, dass es nie langweilig wird.

Unterleuten wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Das Buch ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 19,99 €, als gekürztes Hörbuch (Download) 30,49 € sowie als MP3-Version 19,99 €.

Freitag, 22. Juli 2016

# 60 - Wenn nichts mehr ist, wie es mal war

"Wer bin ich?" - kein Ratespiel, sondern eine überlebenswichtige Frage

 

Eine Frau wacht auf der Intensivstation eines Krankenhauses aus dem Koma auf und erinnert sich an nichts: nicht an ihren Namen, nicht an ihr Leben, nicht an die Menschen, die ihr wichtig sein könnten. Mit diesem Szenario beginnt Fremdes Leben, der neueste Roman von Petra Hammesfahr.

Ein Stückwerk aus Erinnerungen

 

Sie ist sich völlig sicher: Die Frau, mit deren Namen sie die Ärztin im Krankenhaus anspricht, ist sie nicht. Mit "Claudia Beermann"  verbindet sie rein gar nichts. Sie ist Cilly Castrup, die Frau von Achim Castrup. Und sie ist sich sicher: Ihr Mann hat ihr eine Falle gestellt, um sie loszuwerden. Ganz deutlich kann sie sich daran erinnern, dass sie mit ihm in der Dunkelheit in ihrem SUV einen Aussichtspunkt angesteuert hatte, der sich in einem Steinbruch befand. Doch dann hatte Achim von einem merkwürdigen Geräusch im Motorraum gesprochen und angehalten. Sie hatte nichts dergleichen gehört, aber das musste ja nichts heißen. Achim war ausgestiegen, hatte die Motorhaube aufgeklappt, und dann hatte sich der Wagen rückwärts den steil abfallenden Weg hinunter in Bewegung gesetzt. Sie hatte es nicht mehr bis zur Bremse geschafft; wo sich der Schalter für die Handbremse befand, hatte sie nicht gewusst. Achim hatte nur dagestanden, mit hängenden Armen, und ihr ausdruckslos hinterhergesehen. Er hatte keinen Finger gerührt, um ihr zu helfen. Er hatte gewollt, dass sie stirbt. Das Letzte, an das sich die Frau, die mit "Frau Beermann" angesprochen wird, erinnern kann, ist der verschneite Steinbruch und ein einsamer Bauwagen. Und die kreischende Frauenstimme, die immer wieder "Mach sie tot! Mach sie tot!" schrie.

Erinnerungen sind wie ein Kartenspiel, das immer wieder neu gemischt wird

 

Je klarer sie wird, desto mehr Erinnerungsfetzen tauchen in ihrem Kopf auf. Die sie behandelnde Ärztin klärt sie über den Grund ihrer Einlieferung ins Krankenhaus auf: Sie hatte Ende 2012, also vor fast zwei Jahren, einen so schweren Autounfall, dass ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden gehangen hatte und sie nach dem damaligen Klinikaufenthalt in eine private Pflegestelle gebracht worden ist. Niemand hatte daran geglaubt, dass sie je wieder aus dem Koma erwachen würde. Ihr Sterben war die wahrscheinlichste Variante gewesen. 
Nachdem man sie in der Pflegestelle fast zu Tode "gepflegt" hatte, war sie mit dem Rettungswagen in dieses Krankenhaus gebracht worden. Ihr Mann hatte die private Betreuung bezahlt. 

Sie ist also verheiratet, und zwar mit einem Carsten Beermann. Doch der braucht ein paar Tage, ehe er sich zum ersten Mal an ihrem Krankenbett sehen lässt. Von ihm erfährt sie im Laufe mehrerer Besuche immer mehr Details aus ihrem Leben, an das sie sich fast nicht erinnern kann. Carstens Schilderungen zufolge war sie ein eitles, selbstsüchtiges Miststück, das auch als Mutter - einen Sohn gibt es also auch noch! - komplett versagt hat. Sie soll sogar fremdgegangen sein.
Wie, um noch alles zu verschlimmern, tauchen immer wieder Erinnerungen auf, die sie in einem noch schlechteren Bild erscheinen lassen: Sie sieht einen an der Decke baumelnden Mann, eine junge Frau, die erstochen in einem brennenden Bett liegt und einen kleinen Jungen, der sich in einem Gitterbettchen in der brennenden Wohnung befindet und weinend nach seiner Mama ruft. Ihr ist völlig klar, dass sie es war, die die Frau umgebracht hat und dass sie nichts getan hat, um deren Sohn vor dem sicheren Feuertod zu retten.

Ein Mordversuch ist nicht genug

 

Die Zeichen verdichten sich, dass es sich bei der Patientin tatsächlich um Claudia Beermann handelt, aber diese Erkenntnis führt zunächst nicht unbedingt dazu, dass ihre Erinnerungslücken aufgefüllt werden würden. Sie erfährt, dass sie mit ihrem Mann zwar noch verheiratet ist, er aber mittlerweile in einer neuen Beziehung lebt und sogar wieder Vater geworden ist. Claudia Beermann schafft es, in der Rehaklinik ein Stück Selbstständigkeit zurückzugewinnen und eine kleine Wohnung zu beziehen, die ihr ihr Mann besorgt hat. Sie ist finanziell von seiner Unterstützung abhängig, weiß allerdings von ihm, dass sie Carsten vor ihrem Unfall mehrere zehntausend Euro für Umbauten in seinem Autohaus geliehen hat. Warum hatte sie das getan, wenn ihre Ehe seiner Schilderung nach längst in Trümmern lag? Und woher hatte sie so viel Geld? Nicht nur hier stößt sie auf Ungereimtheiten und ist sich nicht sicher, wem sie überhaupt vertrauen kann.
Auf der Suche nach der Vergangenheit fährt sie zum Haus, in dem sich die Pflegestelle befunden hat. Im Ort wird sie fast von einem Pkw überfahren, der ihr bekannt vorkommt und findet ihr Auto an einer ganz anderen Stelle wieder, als sie es abgestellt hatte. Für sie steht fest, dass es jemanden gibt, der sie aus dem Weg räumen will. Doch sie lässt sich nicht einschüchtern und fährt in das Dorf, in dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen ist. Dort wird sie von Inge, einer früheren Nachbarin, angesprochen, die sie gut zu kennen scheint, an die sich Claudia allerdings nicht erinnern kann. Sagt Inge ihr die Wahrheit über ihr früheres Leben?

Guter Plot mit Schwächen

 

Fremdes Leben ist nicht der erste Roman, den ich von Petra Hammesfahr gelesen habe, alle vorangegangenen haben mir allerdings besser gefallen. Das Buch hatte wie erwartet einen starken psychologischen Einschlag, als Leser ist man angesichts der sehr unterschiedlichen Erinnerungen und Schlussfolgerungen von Claudia Beermann zunächst genauso ratlos wie sie. An manchen Stellen keimt eine Ahnung dessen auf, was sich an dem Tag, an dem sich das Leben der Hauptperson so grundlegend verändert hat, abgespielt haben könnte. Aber die Art, wie die Figur der Inge beschrieben wird, erinnert stark an einen selbstlosen Samariter. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau, die zwar im Haus gegenüber  der Großmutter wohnt, zu der der Kontakt aber immer eher oberflächlich gewesen ist, in einer Weise einsetzt, wie man sie von nahen Angehörigen oder der besten Freundin erwarten würde, finde ich relativ gering. Inge spielt allerdings eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung dessen, was Claudia Beermann zugestoßen ist. Sie weiß außerdem bestens über deren Lebensumstände seit ihrer Kindheit bescheid. An dieser Stelle wird mir die Handlung zu unglaubwürdig.
Auch die Art und Weise, wie Claudia letztendlich mit den gewonnenen Erkenntnissen umgeht und welche Entscheidung sie bezüglich des Umgangs mit den Tätern trifft, habe ich als unwahrscheinlich empfunden.
Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist Fremdes Leben ein Buch, das seine Leser durchgehend bei der Stange hält und für angenehme Lesestunden sorgt. 

Fremdes Leben ist im Diana-Verlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Das Buch kostet als Hardcover-Ausgabe 19,99 €, als Audio-CD (gekürzte Lesung) 17,99 €, als epub- oder Kindle-Edition 15,99 € sowie als Hörbuch-Download (gekürzt) 13,95 €.
  

Freitag, 15. Juli 2016

# 59 - Drei Fragen geben Auskunft über das Leben

Ein Buch, das eine Lebenseinstellung widerspiegelt

 

John Strelecky hat mit Das Café am Rande der Welt eine Erzählung geschrieben, mit deren Botschaft er nicht nur seine Leser erreichen will. Anhand einer Szene in einem Café will er deutlich machen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Ein reales Erlebnis?

 

Der gestresste Manager John (möglicherweise Strelecky selbst) will sich eine einwöchige Auszeit nehmen, gerät jedoch mit seinem Auto auf dem Highway in einen Verkehrsstau und beschließt, den Stau zu umfahren und die Route zu ändern. Doch da er darauf verzichtet hat, eine Straßenkarte mitzunehmen und sein Orientierungssinn zu wünschen übrig lässt, verirrt er sich. Navis waren 2003 zum Zeitpunkt der amerikanischen Erstveröffentlichung des Buches noch keine weitverbreiteten Hilfsmittel.
Als sich seine Tanknadel bedenklich nahe auf die 0 zubewegt und er bereits mehrere Dutzend Meilen auf unbekannten Straßen herumgeirrt ist, sieht er in der Dunkelheit die Lichter eines Cafés auftauchen: Das Café der Fragen. Das Lokal befindet sich irgendwo im Nirgendwo, aber immerhin stehen bereits drei PKWs auf dem Parkplatz.
Doch es beginnt merkwürdig zu werden, als die Kellnerin Casey dem neuen Gast die Speisekarte reicht: John bemerkt, dass sich die Buchstaben auf der vorderen Seite zuerst auflösen und sich anschließend wieder zusammensetzen. Doch das soll nicht die einzige bemerkenswerte Begebenheit der nächsten Stunden bleiben.

Eine Speisekarte, die dem Gast nicht nur Gerichte und Getränke anbietet

 

Bereits nach ein paar einleitenden Worten zur Begrüßung liest der Manager  in der Speisekarte die Aufforderung "Bitte lassen Sie sich von unserem Servicepersonal beraten, was Ihre Zeit hier bedeuten könnte". Doch auf der Rückseite wird der Wirt deutlicher und schlägt seinen Gästen vor, dass sie die Wartezeit auf ihr Essen dazu verwenden könnten, um sich diese drei Fragen zu beantworten: 
Warum bist du hier?
Hast du Angst vor dem Tod?
Führst du ein erfülltes Leben?

Die erste Frage verändert sich jedoch für einen kurzen Moment in "Warum bin ich hier?", bevor sie zu ihrer alten Formulierung "Warum bist du hier?" zurückkehrt.
Diese drei Fragen lösen bei John einen Denkprozess aus, der durch Gespräche mit Casey und Mike, dem Wirt und Koch des Cafés, intensiviert wird. Die beiden, die sich immer wieder sowohl mit ihm als auch den anderen Gästen unterhalten, bringen John nach einigen Stunden schließlich dazu, sich gedanklich in neuen Bahnen zu bewegen und seine derzeitige Art zu Leben zu hinterfragen.

Eine erkenntnisreiche Nacht

 

John verbringt die Nacht damit, sowohl mit den beiden als auch mit Anne, die ebenfalls Gast im Café ist, zu diskutieren und die Antworten auf die drei Fragen zu entwickeln. Eine Erkenntnis ist "Tue, was immer du willst und was deiner Bestimmung entspricht". Damit ist insbesondere die Wahl des Berufs gemeint. Casey und Mike haben dem Wissen der Menschen um ihren Daseinszweck einen Namen gegeben: "Zweck der Existenz" oder kurz "ZDE". Sie haben beobachtet, dass diejenigen Gäste, die sich über ihren ZDE im Klaren sind, ein erfüllteres Leben haben. Alle anderen tun irgendetwas, das allerdings keinen Zusammenhang zu ihrem ZDE hat. Um John die Bedeutung dieser Erkenntnis zu verdeutlichen, erzählt Casey ihm ihr Erlebnis mit einer grünen Meeresschildkröte. Sie hatte beim Tauchen versucht, dem Tier zu folgen, war aber mehrmals gescheitert: Die Schildkröte hatte die junge Frau offenbar mühelos und schnell hinter sich gelassen. Als Casey die Schildkröte jedoch genau beobachtete, verstand sie das Prinzip hinter deren Fortbewegung: Im Gegensatz zu ihr hatte sich das Tier an die Bewegungen des Wassers angepasst und nicht gegen es angearbeitet. Bewegte sich eine Welle ins Meer hinein, paddelte sie schneller; wenn eine Welle auf das Ufer zu rollte, machte die Schildkröte gerade so viele Paddelbewegungen, wie nötig waren, um die eigene Position zu halten. Übertragen auf das Leben heißt das, dass man viel Energie vergeudet, wenn man Dinge tut, die man eigentlich nicht gern tun möchte. Das kann dazu führen, dass die nötige Energie oder Zeit fehlt, Dinge zu tun, die man gern tun würde, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt.

Die Sinnfindung erstreckt sich die ganze Nacht und bringt noch weitere Erkenntnisse hervor. Aber obwohl John kein Auge zugetan hat, fühlt er sich am nächsten Morgen erholt und beginnt, sein Leben nach und nach zu ändern.


Philosophisches verpackt in eine Rahmenhandlung

 

In Das Café am Rande der Welt macht sich John Strelecky über den Sinn des Lebens Gedanken. Er hatte mehrere Jahre als Unternehmensberater gearbeitet, als er 2002 für ein Jahr zusammen mit seiner Frau eine Backpacker-Reise rund um den Globus unternahm. Die Eindrücke und Erkenntnisse, die er auf dieser Reise gewonnen hatte, inspirierten ihn, dieses Buch zu schreiben, das im Original den Titel The Why Are You Here Cafe hat. Er hatte damit so großen Erfolg, dass er weitere Bücher schrieb und seit 2009 sog. "Discovery-Seminare" anbietet, die in den USA, den Niederlanden und Deutschland stattfinden. Nähere Informationen über Streleckys Arbeit gibt es unter www.johnstrelecky.de.
Die Gedanken, die sich der Autor in  dieser Erzählung macht, sind nicht neu und wurden bereits vor deren Veröffentlichung immer wieder diskutiert - bis heute. Wer sich noch nie mit der Frage beschäftigt hat, welchen Sinn das eigene Leben haben könnte, sollte dieses Buch lesen. Es ist leicht verständlich geschrieben und mit seinen knapp 130 Seiten auch für Leser geeignet, die sich nur begrenzt mit dieser Thematik beschäftigen wollen. Menschen, die sich bereits solchen oder ähnlichen Fragen gestellt haben, werden aus diesem Buch voraussichtlich keinen tieferen Erkenntnisgewinn ziehen. Der Titel scheint aber grundsätzlich einen Nerv getroffen zu haben: Das Café am Rande der Welt ist in diesem Jahr in der 24. deutschen Auflage erschienen und führt derzeit die SPIEGEL-Bestsellerliste in der Kategorie Taschenbücher - Sachbuch an.

Das Café am Rande der Welt ist in der dtv Verlagsgesellschaft München erschienen und kostet in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 7,95 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 9,45 €.


Danke!

Das Buch Das Café am Rande der Welt wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

 

Freitag, 8. Juli 2016

# 58 - Gute Laune ist garantiert: Gruselwohnen leicht gemacht

Heute schon gegruselt?

 

Kürzlich ist mir ein Buch in die Hände gefallen, das an einem ungewöhnlichen Ort gelegen hat. Ein Restaurant in Hannover hatte im Eingangsbereich einen Büchertisch aufgebaut, auf dem auch dieses Buch lag, das mich sofort wegen seiner Coverfotos und des ungewöhnlichen Titels förmlich angesprungen hat: In Maklerfotos aus der Hölle von Andy Donaldson sind fotografische Todsünden versammelt, die die Kunden dieser Makler daran zweifeln lassen sollten, ob diese ihren Auftrag wirklich richtig verstanden haben.

Lachen ist garantiert!

 

Wie ich mittlerweile weiß, beruht die Idee zu diesem Buch auf den Erlebnissen, die der Autor bei dem Versuch, in London eine Wohnung zu finden, hatte. Er stieß in entsprechenden Internetportalen auf zahllose von Maklern erstellte Fotos, bei deren Anblick man sich unwillkürlich fragt, wovon diese professionellen Immobilienvermittler wohl leben mögen. Von der Immobilienvermittlung jedenfalls sicher nicht.
Die gefundenen Abstrusitäten hat Donaldson in einem Blog gesammelt, der den griffigen und einprägsamen Titel Terrible Real Estate Agent Photos trägt und jährlich acht Millionen Besucher zählt; ein paar hundert mehr als dieser.

Es sind nicht nur die Fotos, die den Betrachter am Sachverstand des Immobilienfachpersonals zweifeln lassen. Jedes Bild wurde von Donaldson so passend und treffsicher kommentiert, dass man sich lachend von Seite zu Seite blättert.


Los geht's: ein paar Fotos für den ersten Eindruck

 

An dieser Stelle habe ich genug über das Buch geschrieben und zeige euch einige der Fotos, die Andy Donaldson in Maklerfotos aus der Hölle versammelt hat:



Ideal for those of you with a particularly fast metabolism. -
Ideal für diejenigen von Ihnen mit einem besonders schnellen Stoffwechsel.



Meine persönlichen Favoriten:




Maklerfotos aus der Hölle ist im DuMont Buchverlag Köln erschienen und kostet 12,99 €. Ich bedanke mich beim Verlag für die Erlaubnis, die oben gezeigten Fotos auf diesem Blog veröffentlichen zu dürfen.

Nachsatz: Der Büchertisch im Restaurant wurde nicht nur aus purer Nettigkeit aufgestellt. Auf einem Schild, das zwischen den Büchern steht, die man sich kostenfrei mitnehmen kann, bittet der Wirt darum, die mitgenommenen Exemplare weiterzugeben. Das werde ich tun: In meiner Nähe steht ein öffentlicher Bücherschrank, in dem Maklerfotos aus der Hölle bald ein neues Zuhause finden wird. Wer den Büchertisch selbst in Augenschein nehmen möchte, dem kann ich das Restaurant Alte Hahnenburg empfehlen. Übrigens nicht nur wegen der Bücher.
 

Sonntag, 3. Juli 2016

Was gab es im Juni?

Self-Publisher haben mich am meisten beschäftigt

 

Der Monat begann mit einem SP-Titel: In Invocabit von Pierre Maurice erhält ein wandernder Augustinermönch in Deutschland 1250 Post von seinem Vater aus dem schweizerischen Wallis, die ihn dazu bringt, so schnell wie möglich den Heimweg anzutreten. Er wird vom Pech verfolgt, hat aber auch immer wieder Glück im Unglück: Als in den Alpen schon im Oktober der Winter heftig einbricht, wird er von einem greisen Paar aufgenommen und versorgt. Später gerät er in die Fänge einer Wirtin und Bordellmutter, deren behinderte Tochter als Prostituierte arbeitet und ihn für Zwecke benutzt, die seinem Ordensgelübde zuwiderlaufen. Er wird dort zudem Zeuge des illegalen Treibens eines hohen Geistlichen und gerät ins Visier der Inquisition.  
Die Idee war gut, die Umsetzung hätte gern mit weniger Psalmen auskommen dürfen, die in voller Länge sowohl in lateinischer als auch deutscher Sprache angeführt werden. Das machte das Lesen an manchen Stellen etwas zäh. Nach meiner Einschätzung reicht es aber für

  + 1/2 (von 5)


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Mit Die neuen zehn Gebote von Andreas Lehmann ging es dann weiter, allerdings weniger religiös, als der Titel erahnen lässt. Der Autor macht sich Gedanken darüber, wo wir Halt und Beistand finden, wenn uns der wahre Glaube abhanden gekommen ist. Er schreibt über die Ersatzgötter unserer Zeit, indem er sich jedes der zehn Gebote vornimmt und ihre Botschaft dem modernen Leben anpasst. Leider bleibt Lehmann nicht konsequent beim Thema, sondern opfert die Ernsthaftigkeit des Anliegens dem einen oder anderen Lacher, was das Niveau des Buches sehr verflacht.

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Am 17. Juni ging es mit Die Frau, die allen davonrannte von Carrie Snyder weiter: Die jetzt 104-jährige Aganetha Smart gewann als 20-Jährige 1928 bei den Olympischen Spielen in Amsterdam die Goldmedaille für Kanada im 800-Meter-Lauf der Damen - einer Disziplin, die damals erstmals auch für Frauen erlaubt war und bereits unmittelbar danach bis 1960 wieder verboten wurde. Zum Schutz der Frauen, versteht sich. Aganetha wird nun von zwei jungen, ihr unbekannten Leuten aus dem Altenheim geholt und unternimmt unversehens eine Reise in ihre Vergangenheit. Im Rückblick tut sich eine Familiengeschichte auf, die reich an Geschwistern, Konflikten, Konventionen und Geheimnissen ist. Ein sehr gut geschriebenes Buch, das insbesondere die 1920-er und 1930-er Jahre wieder auferstehen lässt.





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Der letzte Freitag im Juni bot all denen etwas, die Bücher fürs Herz als auch zum Lachen mögen: Jürgen Koller hat in seinem Buch 30 Dates in 30 Tagen geschildert, wie er im Laufe des Novembers 2013 versucht hat, mit einem Dating-Marathon die Frau fürs Leben zu finden. Es gab einige Anlässe zur Selbstreflexion, irritierende Momente sowohl für ihn als auch für die eine oder andere Frau und viele schöne Erlebnisse. Fairerweise wurden auch die jeweiligen Frauen nach ihrer Meinung befragt. Koller hat ein sehr unterhaltsames SP-Buch veröffentlicht, das sich bestens für einige entspannte Lesestunden eignet.




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Wie vielleicht manche von euch gelesen haben, wurden im Juni einige meiner Rezensionen von SP-Titeln in den Katalog von Indie-Publishing aufgenommen, und zwar Invocabit, Till Türmer und die Angst vor dem Tod sowie 30 Dates in 30 Tagen. Damit wird auch dazu beigetragen, gute SP-Bücher bekannter zu machen und es vielleicht irgendwann zu schaffen, dass diese Titel ihr schlechtes Image loswerden.


Ich freue mich, wenn ihr auch im Juli wieder hier vorbeischaut!




Freitag, 1. Juli 2016

# 57 - Blutige TV-Fahndung

Eine Tote und immer mehr Verdächtige

 

Susan Dempsey war 19 Jahre alt, als sie vor 20 Jahren ermordet im Laurel Canyon Park in den Hollywood Hills gefunden wurde. Weil sie offensichtlich vor ihrem Mörder fliehen wollte und dabei einen ihrer Schuhe verloren hatte, wurde die Tat von der Presse mit dem Etikett "Der Cinderella-Mord" versehen. Niemand hatte damals etwas über mögliche Feinde, die die Informatik-Studentin und angehende Schauspielerin gehabt haben könnte, ausgesagt. 
Die Polizei hatte schnell einen Verdächtigen ausgemacht: Der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Regisseur Frank Parker hatte Susan zum Vorsprechen für einen neuen Film in sein Haus gebeten. Doch er schien ein Alibi zu haben: Nachdem die junge Frau nicht aufgetaucht war, hatte er auf der Suche nach Ersatz ihre Freundin und Mitbewohnerin Madison Meyer zu sich gebeten, die diese Chance auch sofort erfolgreich genutzt hatte.
Aber Susans Mutter Rosemary hatte von Anfang an einen ganz anderen Verdacht: Keith Ratner war bis zu deren Tod der Freund ihrer Tochter, und ihre Antipathie gegen den Studenten war immer groß genug, um ihm eine solche Tat zuzutrauen. Mary Higgins Clark und Alafair Burke begleiten in So still in meinen Armen neue Ermittlungen, die dieses Mal nicht vom LAPD ausgehen.


Der Kreis der Verdächtigen vergrößert sich

 

Unter Verdacht ist der Titel einer TV-Sendereihe, die alte ungelöste Kriminalfälle untersuchen und die Täter ermitteln will. Die Produzentin Laurie Moran ist für das Konzept der Sendungen verantwortlich: Sie und ihr Team stellen zwar eigene Ermittlungen an, der Kern sind aber Interviews mit den nächsten Angehörigen und dem Freundes- und Kollegenkreis der Getöteten. Nach diesem Muster wird auch bei der Aufarbeitung des Mordfalls Susan Dempsey vorgegangen. Doch je tiefer Laurie und ihre Mitarbeiter in den Fall einsteigen, umso mehr Personen kommen als Täter infrage: Warum hat Susans Freundin Nicole kurz nach dem schrecklichen Ereignis ihr Studium an der University of California abgebrochen, sich einen anderen Nachnamen zugelegt und die Stadt verlassen? Was hat es mit dem Sektenführer Martin Collins auf sich, der alle Versuche staatlicher Institutionen, hinter die Kulissen der Fürsprecher Gottes zu schauen, mit fragwürdigen Mitteln abwehrt? Und welche Rolle spielte damals Susans Kommilitone Dwight Cook, ein Computer-Nerd, der zusammen mit seinem ehemaligen Professor Hathaway die sehr erfolgreiche IT-Firma REACH gegründet hatte und bis heute leitet? 

Wer geht hier über Leichen?

 

Rosemary hatte nach dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren ihr Haus verkauft und war in eine bewachte Wohnsiedlung gezogen. Dort hatte sie sich mit ihrer etwas redseligen Nachbarin Lydia angefreundet. Aber als die Ermittlungen des Fernsehteams Fahrt aufnehmen, wird Lydias Leiche gefunden - jemand hat die Seniorin in Rosemarys Garten erschlagen.
Doch das ist nur der Anfang einer unheilvollen Serie: Jerry, einer von Lauries Mitarbeitern, überrascht einen Einbrecher im Wohnhaus, das dem TV-Team von Dwight Cook für die Dauer der Dreharbeiten kostenlos zur Verfügung gestelt wurde. Er wird ins Koma geprügelt, der Eindringling entkommt mit den wichtigsten Aufzeichnungen.
Was Laurie nicht ahnt: Dwight war vor 20 Jahren heimlich in Susan verliebt und hat ihren brutalen Tod nie völlig verwunden. Ihm liegt sehr daran, dass ihr Mörder nun endlich gefunden wird, und er beginnt mit eigenen Nachforschungen. Doch als er auf eine Spur stößt, über die er Laurie telefonisch informieren will, nimmt sie seinen Anruf nicht entgegen. Das soll sich als gravierender Fehler erweisen: Dwight wird tot aufgefunden, die Anzeichen deuten zunächst auf einen Tauchunfall hin. Aber dann findet die Polizei heraus, dass er ermordet wurde. Steckt hinter diesen Verbrechen derselbe Täter, der auch Susan auf dem Gewissen hat?

Lesen?

 

Ich hatte mir So still in meinen Armen in erster Linie wegen Mary Higgins Clark ausgesucht, von der ich schon mehrere gute Krimis gelesen habe. Ihre Co-Autorin Alafair Burke war früher Staatsanwältin, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Von Higgins Clarks Verleger stammte die Idee zur Zusammenarbeit der beiden Schriftstellerinnen, mit der eine neue Romanreihe aus der Taufe gehoben wurde. Nach der Lektüre ist für mich klar, dass ich künftig nur noch dann Bücher von Mary Higgins Clark lesen werde, wenn sie sie allein geschrieben hat. Die Handlung tröpfelte teilweise so vor sich hin, dass kein Spannungsbogen, sondern eine flache Spannungswellenlinie entstand. Der Grundgedanke, mithilfe einer TV-Sendereihe alten Kriminalfällen nachzugehen, gefällt mir gut, die Ausführung ist allerdings steigerungsfähig. Die Beschreibung der Figuren bleibt ziemlich konturlos, der Verlauf ist zum Teil vorhersehbar. Wenn die Romanserie ein Erfolg werden soll, sollte sie sich noch deutlich steigern.

So still in meinen Armen wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Der Thriller ist im März 2016 im Heyne Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €, als epub- oder Kindle-Edition 15,99 €, als Hörbuch auf 6 CDs 19,99 € sowie als Download-Hörbuch 13,95 €.
 



Dienstag, 28. Juni 2016

Das ging schnell!

Auch Dating-Buch von Jürgen Koller im Katalog

 

Erst vor wenigen Tagen, am 24. Juni, habe ich euch hier das Buch 30 Dates in 30 Tagen des östereichischen Autors Jürgen Koller vorgestellt. Seit heute ist die Rezension nun in den Katalog von Indie-Publishing aufgenommen worden - so wie zuvor die Rezensionen für Invocabit von Pierre Maurice (Link zu Indie-Publishing), Till Türmer und die Angst vor dem Tod von Andreas Klaene (Text bei Indie-Publishing) und Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage von Joachim Ackva (hier bei Indie-Publishing).

Ich freue mich sehr, dass meine Rezensionen damit auch einem Leserkreis außerhalb dieses Blogs zugänglich werden.

Kleiner Exkurs zum Self-Publishing


Self- oder Indipendent-Publishing wird von den Publikumsverlagen immer noch als das Schmuddelkind der Buchbranche angesehen: Man geht dort davon aus, dass nur Autoren, die bei den "richtigen" Verlagen vor der Tür bleiben, sich an diesen Strohhalm klammern, um noch mit ihrem Werk irgendwie den Fuß in die Tür zu bekommen. Auch der stationäre Buchhandel weiß nicht so recht, was er von dieser Entwicklung halten soll und entscheidet sich bislang mit einer überwältigenden Mehrheit dafür, die Selfpublisher zu ignorieren. 
Damit wird sehr vielen von ihnen Unrecht getan: Von den vier hier gezeigten Büchern hat es keines verdient, so geschmäht zu werden. Außer diesen habe ich noch mehrere weitere SP-Bücher rezensiert. Da waren Vor dem Erben kommt das Sterben von Ulrike Blatter, Der Pfauenfedernmord von Ulrike Busch, La Vita Seconda von Charlotte Zeiler (erscheint jetzt im Drachenmond-Verlag) und Vom Yin und Yang der digitalen Revolution von Jens Thaele als Beispiele für gute und sehr lesenswerte Bücher. 
Als Beispiel, wie ein Buch nicht sein sollte, darf Boat People von Roland Künzel gelten: Nur wer auch daran glaubt, dass Frösche durch den zarten Kuss eines Tenagers zu Prinzen werden können, findet Gefallen an dieser zusammengerührten Handlung.
Ein SP-Buch, das mir für eine Rezension zur Verfügung gestellt wurde, war tatsächlich so miserabel und primitiv, dass ich es abgelehnt habe, darüber zu schreiben. Dieser Auffassung hat sich das Print-on-Demand-Portal angeschlossen und das Buch aus dem Programm genommen.

Ein anderer Vorwurf, der den SP-Autoren gern gemacht wird ist der, dass sie sich nicht genug um die Rechtschreibung und Zeichensetzung kümmern, was den Lesefluss erschwert. Nach allem, was ich aus diesem Bereich gelesen habe, habe ich den Eindruck, dass das nur bedingt richtig ist: Fast alle der von mir rezensierten SP-Bücher waren hier nicht schlechter als Titel aus großen Publikumsverlagen. Dort wird offenbar mittlerweile am Lektorat gespart, was z. B. dazu führt, dass sich im neuesten Roman des weltweit erfolgreichen Schriftstellers John Irving, Straße der Wunder, der in diesem Jahr im renommierten Diogenes Verlag erschienen ist, schon im ersten Satz ein Fehler befindet: Dort wurde ein ganzes Wort vergessen. Das Buch kostet in der gebundenen Ausgabe immerhin 26,-- Euro.

Ich werde hier auch in Zukunft über Bücher aus dem Self-Publishing-Bereich schreiben, weil diese Sparte die Chance verdient, bekannter und angesehener zu werden. Selbstverständlich werde ich auch über diese Titel das schreiben, was ich über sie denke, so wie ich das bisher mit allen Büchern getan habe. Wie alle Blogger freue auch ich mich über eure Kommentare.




Dies waren die Buchcover der Titel, die im Indie-Publishing-Katalog aufgenommen wurden:


http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2016/06/56-wie-lernt-man-die-frau-fuers-leben.html

http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2016/06/53-augustiner-auf-der-reise-seines.html

http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2016/05/52-wovor-haben-wir-die-grote-angst.html

http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2015/11/23-kann-man-so-die-welt-retten.html


Mit einem Klick auf die Cover kommt ihr zur jeweiligen Rezension. Viel Spaß beim Lesen!

Freitag, 24. Juni 2016

# 56 - Wie lernt man die Frau fürs Leben kennen?

Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht

 

30 Dates in 30 Tagen ist das Erstlingswerk des österreichischen Autors Jürgen Koller. Meine erste Assoziation zum Film mit dem Titel "50 erste Dates" war falsch, denn der Autor hat sich im November 2013 nicht 30 Mal mit derselben Frau, sondern den ganzen Monat hindurch täglich mit immer anderen Frauen getroffen.

Dating-Marathon vom Feinsten

 

Jürgen Koller ist Single. Die Frau, mit der er lange liiert war und von der er glaubte, sie wollte ebenso gern mit ihm alt werden wie er mit ihr, hat ihn verlassen. So traurig das ist, so normal ist es auch. Man kann mit solchen Lebenskrisen unterschiedlich umgehen: Manche Menschen schließen sich ein, tun sich unendlich leid und glauben, nach diesem Verlust könnte es nicht mehr schlimmer kommen. Andere bereuen ihre Fehler und wollen eine neue Chance, und die Dritten sind einfach nur wütend. Koller hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er ist 30 Jahre alt und hat den Wunsch, sein Leben mit einer Partnerin zu teilen. Seine Vorstellungen sind die, die auch unzählige andere Menschen für ihr Leben haben: eine Frau, ein Kind, ein Heim. Ein Ort, zu dem man nach der Arbeit nach Hause kommt und sich mit dem Menschen, den man liebt, austauschen und mit ihm gemeinsame Zeit verbringen kann. Das sind Dinge, die ihm als Single-Mann verwehrt sind. Doch Koller weiß sich zu helfen: Er kommt auf die Idee, sich an 30 aufeinanderfolgenden Tagen mit 30 verschiedenen Frauen an 30 verschiedenen Orten zu treffen. Sollte da nicht die Richtige dabei sein?

Nichts geht über eine gute Planung

 

Der 10. Mai 2013 ist der Tag, an dem Jürgen Koller genug davon hat, ständig verliebte Paare um sich herum zu sehen. An diesem Tag fällt die Entscheidung zu seinem privaten Partnerprojekt. Kurz darauf beginnen die Vorbereitungen, die eine Reihe von Fragen aufwerfen: Welche Locations sind so interessant, dass sich Frauen für ein Treffen mit ihm interessieren könnten, obwohl er selbst sich als "Mr. Durchschnitt" bezeichnet, dessen Foto nicht unbedingt dazu taugt, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen würden? Wie macht man die Projekt-Website und die Aktion bekannt? Dürfen die Damen vorab wissen, wie der einsame Koller aussieht? Woraufhin sich fast schon zwangsläufig die nächste Frage stellt: Darf Koller  vor dem Treffen wissen, wie seine Dating-Partnerinnen aussehen?

Jürgen Koller bereitet alles generalstabsmäßig vor. Da er als Selbstständiger in der New Media Branche arbeitet, ist die Erstellung der Website (http://www.30dates.at/) kein Problem. Er schafft es auch, die Presse für sein Vorhaben zu interessieren; bei der Anfrage eines Fernsehsenders zieht er seine Zustimmung zurück, als man versucht, die bereits getroffenen Absprachen zu umgehen.
Am 22. Oktober 2013 sind alle Dates vergeben. Bis dahin hatten sich 115 Frauen auf Kollers Website angemeldet. Die Unterschiedlichkeit der Unternehmungen hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Das Repertoire reicht vom Restaurantbesuch über eine Whisky-Verkostung bis zu Poetry-Slam, Sport, Bildung und Musik. Im Rückblick hatte die eine oder andere Idee ihre Tücken: Koller ist z. B. aufgefallen, dass sich zwei fremde Menschen, die sich mit einer bestimmten Absicht miteinander verabreden, ziemlich gehemmt verhalten, wenn sie sich bei ihrem ersten Treffen in Badekleidung gegenüberstehen.

Wie war es für "sie"?

 

Der Autor interessiert sich dafür, wie den Damen, mit denen er sehr unterschiedliche Dates hatte, die Treffen mit ihm gefallen haben, und er lässt jede von ihnen zu Wort kommen. In einem Fall schweigt die Dame, was wohl auch eine Art von Auskunft ist. Alle anderen äußern sich positiv. Bemerkenswert war dabei Date 6, ein Afterwork-Cocktail mit Roswitha: Jürgen Koller empfindet die junge Volksschullehrerin als wandelnde Wortkaskade, deren verästelten Ausführungen er immer weniger folgen kann, le länger das Treffen dauert. Er sehnt nach einer Weile das Ende des Abends herbei und bedankt sich im Geiste bei der Österreichischen Bundesbahn, die ausnahmsweise dafür sorgt, dass Roswitha pünktlich in den Zug einsteigen kann, der sie nach Hause bringt. Doch Roswitha sind Jürgens Befindlichkeiten völlig entgangen: Sie bedankt sich überschwänglich für das sehr schöne Date und hofft auf ein weiteres Treffen, "da wir auf der gleichen Wellenlänge sind". So ist das mit der Eigen- und Fremdwahrnehmumg.

Eine locker-leichte Sommerlektüre

 

Wer ein unterhaltsames Buch für laue Sommerabende oder den Urlaub sucht, liegt mit 30 Dates in 30 Tagen genau richtig. Jürgen Koller hat einen  lockeren Schreibstil und nimmt sich immer wieder auf die Schippe. Er selbst sagt über sein Buch, dass es kein literarisches Meisterwerk sei; aber wer braucht Meisterwerke, wenn es darum geht, die Seele baumeln zu lassen?
Sollte Herr Koller diese Zeilen lesen: Date Nr. 14 war ein No-Go und hat mich zwischenzeitlich an der Ernsthaftigkeit des Projekts zweifeln lassen.

30 Dates in 30 Tagen wurde mir von Indie Publishing über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet als Taschenbuch 14,30 € und in der epub- oder Kindle-Edition 6,99 €.