Donnerstag, 18. August 2022

# 360 - Eine fast vergessene Autorin, deren Buch zuerst von Toni Morrison gelesen wurde

Heute ist die deutsche Übersetzung des Romans
Corregidora erschienen, der in den USA bereits 1975 herausgegeben wurde und dort ein großer Erfolg war. Die Schriftstellerin Toni Morrison war vor fast fünfzig Jahren Lektorin im Verlag Penguin House und hat das Potenzial des Buches erkannt: "Gayl Jones hat die schwarze Literatur für immer verändert. Nach Corregidora kann kein Roman über eine schwarze Frau mehr sein wie vorher", urteilte sie damals.

Im Mittelpunkt steht die afroamerikanische Blues-Sängerin Ursa Corregidora, die in den 1940-er Jahren in Kentucky lebt und ihre Lieder in Bars singt. Ursa ist mit Mutt verheiratet, der ihren Gesang vor fremden Männern grundlos eifersüchtig beobachtet. Er begreift nicht, dass seine Frau nicht nur singt, um Geld zu verdienen, sondern in erster Linie, um das Trauma zu verarbeiten, das insbesondere die Frauen ihrer Familie seit Generationen mit sich herumtragen.

Ihre Mutter und ihre Großmutter haben als Sklavinnen unter dem brasilianischen Farmer Corregidora gelitten, von dem beide abstammen. Ihre Urgroßmutter wurde von ihm missbraucht. Der Sklavenhalter ist damit sowohl Ursas Großvater als auch ihr Urgroßvater. Insbesondere seine Sklavinnen hatten unter ihm ein furchtbares Leben: Tagsüber schufteten sie auf den Feldern, abends wurden sie gezwungen, sich zu prostituieren, um ihrem "Herrn" weitere Einnahmen zu verschaffen - und dessen sexuelle Befriedigung.

Mutt ahnt von dieser Tragik nichts, denn viel miteinander gesprochen wird in diesem Roman nicht. Es sind überwiegend kurze, harte und hin und wieder kryptische Sätze, die die Protagonisten miteinander wechseln. Manchmal muss auch ein hingeworfenes Wort reichen. Und so deutet Mutt den hingebungsvollen Gesang seiner Frau falsch und greift sie im Streit tätlich an. Die Folgen sind gravierend: Ursa wird nach dem durch ihren Mann ausgelösten Sturz unfruchtbar und verliert das Kind, mit dem sie schwanger war.

Das für sie ohnehin furchtbare Erlebnis führt zum Ende ihrer Ehe und zu einer weiteren Belastung: Sowohl Mutter als auch Großmutter hatten Ursa ihr ganzes Leben lang eingeschärft, sie müsse viele Kinder bekommen, ihnen ihre Familiengeschichte erzählen und so die Erinnerung an die schreckliche Zeit der Sklavenhaltung aufrecht erhalten. Diese Aufgabe hatten die beiden Frauen Ursa gegenüber wie ein Mantra immer wiederholt, doch nun kann sie diesen Auftrag nicht mehr erfüllen. Nur singend kann sie die Geschichte weitergeben.

Ursa findet zunächst Trost und Zuflucht bei Tadpole, dem das Lokal gehört, in dem sie singt. Sie schlittert in eine weitere Ehe und erlebt wieder ein Desaster. Der Schatten der Vergangenheit und ihre Unfruchtbarkeit verändern ihre Persönlichkeit. Mutt bleibt jedoch ein Teil ihres Lebens.

Lesen?

Corregidora ist ein Buch, bei dem man beim Lesen immer wieder tief durchatmen muss. Gayl Jones' Sprache ist direkt, schnörkellos und oft brutal. Da ist kaum etwas Weiches oder Gefälliges. Man spürt auf jeder Seite, wie die Geschichte der Versklavung ihrer Vorfahren sich wie ein roter Faden durch Ursas Leben zieht. Wer mit einer manchmal belastenden Atmosphäre umgehen kann, sollte dieses Buch lesen.

Corregidora ist im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 23 Euro, als E-Book 17,99 Euro sowie als Audio-Buch 23 Euro.

Freitag, 12. August 2022

# 359 - Daniela Dröscher wirft einen kritischen Blick auf ihre Kindheit

Dieses Buch hätte ich beim Lesen mehrmals aus dem
Fenster werfen können. Nicht, weil es schlecht ist (im Gegenteil), sondern weil mich die Erinnerungen von Daniela Dröscher in ihrem Buch Lügen über meine Mutter so aufgeregt haben.

Dröscher schreibt darüber, was sie in ihrer Kindheit in den 1980-er Jahren über das, was gern verklärend als "Familienleben" bezeichnet wird, wahrgenommen hat. Im Mittelpunkt steht die Mutter. Egal, welche Krisen und Herausforderungen auf die kleine Familie mit zwei Töchtern zukommen, versucht sie immer, für jedes Problem eine Lösung zu finden.

Aber ihr wird es sehr schwer gemacht: Sie lebt mit ihrer Familie in einer Wohnung im Haus ihrer Schwiegereltern im Hunsrück. Die berufstätige Mutter hatte dem Einzug zähneknirschend zugestimmt, weil ihre Schwiegermutter ihr die Betreuung von Daniela versprochen hatte. Doch diese Zusage wird sich als löchriges Erpressungspotenzial erweisen. 
Die Herkunft der Mutter passt den Schwiegereltern ebenfalls nicht: Einerseits sehen sie auf sie herab, weil sie das Kind schlesischer Flüchtlinge ist; andererseits ist ihnen das Vermögen, das die Eltern ihrer Schwiegertochter erarbeitet haben, suspekt.

Das würde bereits reichen, um das Leben schwer zu machen. Aber da ist noch Dröschers Vater: Er lässt kein gutes Haar an seiner Frau, im Zentrum seiner Kritik steht ihre Figur. Bei jeder Mahlzeit wird die Mutter von ihrem Mann beäugt, er kauft sogar eine Personenwaage, mit der sie unter seiner Aufsicht ihr Gewicht kontrollieren soll. Die Erniedrigungen, denen Dröschers Mutter tagtäglich ausgesetzt ist, nehmen kein Ende. Ihrem Übergewicht wird von ihrem Mann so viel Bedeutung beigemessen, dass es für alles, was ihm in seinem Leben nicht gelingt, verantwortlich gemacht wird. Doch die Situation ändert sich, als sie von ihren Eltern viel Geld erbt. Wird sich ihr Leben nun verbessern?

Lesen?

Lügen über meine Mutter beschreibt das Leben der Familie aus der Sicht des Kindes Daniela. Nach jedem Kapitel wechselt die Autorin die Perspektive und bewertet die Ereignisse aus ihrer heutigen Sicht als Erwachsene neu. Dabei fließt auch der Blick darauf ein, was damals als normal und üblich galt.

Hat sich in den vierzig Jahren, die seitdem vergangen sind, etwas geändert? Wenn man ehrlich ist: zu wenig. Frauen werden immer noch zu oft auf ihr Äußeres reduziert und verdienen nach wie vor im Durchschnitt weniger als Männer. Die Organisation des Haushalts und die Sorge um die Kinder bleiben nach wie vor mehrheitlich an ihnen hängen. Aber die Bereitschaft, sich dagegen aufzulehnen, ist stärker geworden. 

Deshalb kann Daniela Dröschers Roman als Aufruf verstanden werden, nicht nachzulassen, wenn es eine gesellschaftliche Veränderung zugunsten der Frauen geben soll.

Lügen über meine Mutter erscheint am 18. August bei Kiepenheuer & Witsch und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.
Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.

Freitag, 5. August 2022

# 358 - Brunhilde Pomsel war Goebbels Sekretärin - was trieb sie an?

Ein deutsches Leben ist ein Dokumentarfilm, der
2016 entstanden ist. Das gleichnamige Buch wurde ein Jahr später herausgegeben. Es enthält die 2013 und 2014 nahezu wortgetreu abgegebene Erzählung von Brunhilde Pomsel über ihr Leben im NS-Deutschland und ihre Versuche, sich zu erklären. Zu diesem Zeitpunkt war sie 103 Jahre alt. Das Besondere daran: Pomsel war eine der Sekretärinnen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels.

Es ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn es um die Entstehung und das Erstarken der Nazi-Diktatur in Deutschland geht: Wie um alles in der Welt konnte es so weit kommen? Und wie viele von den Verbrechen, die das Regime beging, waren in der Bevölkerung bekannt?

Pomsels Lebensbericht, der hier in ihren eigenen Worten wiedergegeben wird, löst beim Lesen Befremden aus. Sie war keineswegs eine Judenhasserin: Sie war eng mit einer Jüdin befreundet, hat eine Ausbildung in einem noblen Bekleidungshaus gemacht, das von einem jüdischen Prokuristen geführt wurde, und danach bei einem jüdischen Versicherungsmakler gearbeitet. Ihren Worten ist nicht zu entnehmen, dass sie aufgrund ihrer Religion gegen diese Menschen Vorbehalte gehabt hätte. Doch sie bemerkte 1933, dass der Versicherungsmakler immer weniger Kunden hatte und vermutete, dass er wohl nicht mehr lange bleiben wird.

Im Jahr zuvor ging sie mit ihrem Freund zu einer Veranstaltung im Sportpalast, ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde. Es erschien ein "dicker Mann in einer Uniform": Hermann Göring. Pomsel langweilte sich, weil es um Politik ging, und interessierte sich nicht für das, was Göring sagte. "Wieso auch. Bin ja auch eine Frau, muss ich ja auch nicht." Als sie mit ihrem Freund am 21. März 1933 in Potsdam den Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler verfolgte, verstand sie nicht dessen Bedeutung, hatte aber auch daran kein Interesse.

Durch ihre Bekanntschaft mit dem ehemaligen Fliegerleutnant und späteren Radiomoderator Wulf Bley bekam Pomsel eine Stelle beim Rundfunk, die für damalige Verhältnisse gut bezahlt war. Dafür musste sie in die NSDAP eintreten, was sie nicht störte.
Als das Reichspropagandaministerium 1942 eine Stenotypistin suchte, fiel die Wahl auf Brunhilde Pomsel. "Nur eine ansteckende Krankheit" hätte ihren Worten zufolge verhindern können, dorthin versetzt zu werden. Von da an hatte sie Einblick in verschiedene Vorgänge und hat beispielsweise gewusst, was mit Schriftstellern passiert, die sich kritisch äußerten.

Lange Zeit wollte sie nicht wahrhaben, was sich um sie herum veränderte. Es wurden jüdische Geschäfte geschlossen, aber Geschäftsaufgaben gibt es ja immer mal wieder. Sie hörte von Juden, die auf Lastwagen durch Berlin gefahren wurden, nahm das aber nicht ernst, weil sie in ihrem gutbürgerlichen Stadtteil Steglitz so etwas noch nicht gesehen hatte.

Brunhilde Pomsels Einstellung zur Poltik war eine Mischung aus Naivität und bodenloser Gleichgültigkeit. Sie beschönigte ihr damaliges Verhalten nicht, sondern räumte ein, dass sie bei jedem Arbeitsplatzwechsel das höhere Gehalt und der soziale Aufstieg gereizt hat. Um alles andere hat sie sich nie Gedanken gemacht. Doch sie sah bei sich keine Schuld, sondern sprach allenfalls von einer Kollektivschuld. Dass ihr Leben von Widersprüchen durchzogen ist, erkannte sie nicht - oder wollte es nicht erkennen.

Lesen?

Ich habe etliche Passagen des Buches mit  fassungslosem Staunen gelesen und mich gefragt, ob Pomsels Begründung für ihr politisches Desinteresse - "Bin ja auch eine Frau" - typisch für ihre Generation sein könnte. Auch heute fehlt es vielen Menschen an der Bereitschaft, sich ernsthaft mit politischen Themen auseinanderzusetzen und Hintergründe für das, was um uns herum passiert, zu verstehen. Wie fatal es enden kann, wenn zu viele so denken, zeigt die Geschichte.

Ein deutsches Leben endet nicht mit dem Untergang des sogenannten Dritten Reichs, sondern streift auch Pomsels Leben nach dessen Zusammenbruch. Sie geriet in sowjetische Gefangenschaft und arbeitete nach ihrer Freilassung beim Südwestfunk. Der RIAS, bei dem Pomsel zuerst nach einer Anstellung gefragt hatte, lehnte sie wegen ihrer Parteimitgliedschaft ab.
Brunhilde Pomsel ist 2017 im Alter von 106 Jahren verstorben - am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag.

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Thore D, Hansen analysiert in einem ausführlichen Nachwort Brunhilde Pomsels Schilderungen. 

Ein deutsches Leben ist 2017 bei Europa Pocket erschienen und kostet als gebundenes Buch 12,10 Euro sowie als Paperback 11 Euro.



Sonntag, 24. Juli 2022

# 357 - Man(n) muss sich nur zu helfen wissen - auf finnische Art

Antti Tuomainen ist ein in Finnland bekannter
Bestsellerautor, der mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Hier sagt sein Name den meisten Menschen nichts, aber das sollte sich ändern. Sein Buch Der Kaninchenfaktor war in kürzester Zeit auf Platz 1 der finnischen Buch-Charts.

Kann jemand, dessen ganzes 42-jähriges Leben bislang in geordneten Bahnen verlaufen ist und der sich in seinem Single-Dasein halbwegs gemütlich eingerichtet hat, von einem Moment auf den anderen eine 180°-Kehrtwende hinlegen? Wenn alle bisherigen Gewissheiten plötzlich nichts mehr gelten, wirft das so einen Menschen nicht völlig aus der Bahn? Der Versicherungsmathematiker Henri Koskinen hat keine Zeit, an diese Überlegung auch nur eine Sekunde zu verschwenden.

Henri hat einen ausgeprägten Hang zur Akribie. Ob es um seine Arbeit bei einem Versicherungsunternehmen oder sein Privatleben geht: Er berechnet alles, was sich berechnen lässt, bis auf die letzte Dezimalstelle. Doch die Situation im Büro hat sich sowohl zwischenmenschlich als auch räumlich geändert, und Henri weigert sich, sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Das hat Folgen: Er wird von einem auf den anderen Tag arbeitslos. Seine kleine Welt ist aus den Fugen geraten.

In diese ausweglos scheinende Situation platzt ein Anwalt, der Henri die Nachricht vom Tod seines Bruders Juhani überbringt. Die beiden Geschwister standen sich nicht besonders nah und sahen sich sehr selten. Deshalb fühlt Henri auch keine besondere Trauer. Doch der Jurist hat noch eine weitere Nachricht im Gepäck: Der Bruder hat Henri zum Alleinerben seines Vermögens bestimmt, das einzig aus einem Abenteuerpark mit dem sinnigen Namen DeinMeinFun besteht. Den ersten Hinweis, dass es mit dem Park Probleme geben könnte, gibt der Verstorbene in seinem Testament: "Die Finanzen des Parks sind in einer gewissen Schieflage", soll sich als Untertreibung des Jahres herausstellen. 

Der Fehlbetrag von rund 63.000 Euro ist Henri zunächst ein Rätsel, weil DeinMeinFun viele Familien anzieht, die die Kasse klingeln lassen. Die Erkenntnis, was der Grund für die rätselhaften Geldabflüsse sein könnte, kommt Henri, als sich zwei dubiose Herren in seinem Büro einfinden. Es stellt sich heraus, dass Juhani Spielschulden und sich bei der örtlichen Mafia zu Wucherzinsen Geld geliehen hatte. Der absurd hohe Zinssatz führt zu einem explosiven Anstieg der Schulden, die Henri nach Meinung der beiden Kriminellen nun geerbt hat. Aber Henri ist zu ihrem Ärger nicht bereit, klein beizugeben. Das hat Folgen: Nach Feierabend lauert ihm ein Killer auf dem Parkgelände auf. Henri tötet den Angreifer mit dem überdimensionalen Metallohr eines riesigen Deko-Kaninchens. Hat die Bedrohung damit ein Ende?

Lesen?

Der Kaninchenfaktor ist ein witziges Buch mit vielen unerwarteten Wendungen. Antti Tuomainen scheint sich an Murphys Law "Alles, was schiefgehen kann, geht schief", gehalten zu haben, als er den zu Anfang überkorrekten und eigenbrötlerischen Henri von einer Herausforderung in die nächste stolpern lässt. Aber auf den spröden Versicherungsmathematiker passt auch die Redewendung: "Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben." Henri verschreibt sich ganz der Rettung des Parks und findet überraschend die Liebe - die ihm kurze Zeit später schon wieder zwischen den Fingern zerrinnt.

Henris Hang zu Logik und Berechenbarkeit spielt für die Handlung eine große Rolle, aber Tuomainen lässt seinen Protagonisten nicht wie einen Fachidioten aussehen, sondern erklärt, wie dessen Wunsch, ein berechenbares Leben zu führen, entstanden ist. Da hat man Mitleid mit dem gebeutelten Mann.

Der Kaninchenfaktor ist 2021 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Paperback 16 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro. 
Im kommenden Herbst wird die Fortsetzung des Romans mit dem Titel Das Elch-Paradoxon erscheinen.

Freitag, 15. Juli 2022

# 356 - Hier werden Sprachschätze "gehoben"

Im letzten Monat hat der Duden Verlag seine 2021
begonnene Reihe Sprachschätze fortgesetzt, und zwar mit den Bänden Mode & Beauty sowie Sprache & Medien.

Wer denkt schon während des Sprechens darüber nach, woher der eine oder andere Ausdruck oder eine Redewendung kommt? Wir wissen zwar, dass eine Sprache immer im Fluss ist und sich ständig verändert, nehmen aber meistens das, was wir kennen und benutzen, hin, ohne es zu hinterfragen.

Den Ausdruck "Ich habe den roten Faden verloren" dürfte fast jeder kennen. Doch was hat es mit diesem "roten Faden" auf sich? Die britische Marine arbeitet seit dem 18. Jahrhundert in die ihr gehörenden Taue einen durchlaufenden roten Faden ein, um diese als ihr Eigentum zu markieren und Diebstähle zu erschweren.

Ihr verbindet mit Seife Sauberkeit? Heutzutage kann man das, aber das war nicht immer so. Das Wort Seife kommt aus dem Westgermanischen; den Germanen diente die Mischung aus Asche, Pflanzensäften und Talg nicht der Körperpflege, sondern der rituellen Rotfärbung der Haare.

Und was hat es mit dem Wort "verballhornen" auf sich? Geht es auf Bälle oder Hörner zurück? Nein, beides trifft nicht zu. Hier steht ein Buchdrucker aus Lübeck im Mittelpunkt, der Ende des 16. Jahrhunderts einen so peinlichen Fehler gemacht hat, dass man aus seinem Nachnamen Balhorn ein neues Wort kreiert hat. Um welchen Fehler es sich gehandelt hat, kann im Band Sprache & Medien nachgelesen werden.

Lesen?

Die zur Reihe Sprachschätze gehörenden Bände sind alphabetisch aufgebaut und erklären auf 127 Seiten moderne und traditionelle Wörter sowie ihre Herkunft und Abwandlungen. Wer sich für die Entwicklung der deutschen Sprache interessiert, wird die Bücher gern lesen.

Die Reihe Sprachschätze ist im Duden Verlag erschienen, jeder Titel kostet 10 Euro. 2021 wurden bereits die Bände Tiere & Pflanzen, Körper & Gesundheit, Essen & Trinken sowie Kunst & Kultur veröffentlicht.

Freitag, 8. Juli 2022

# 355 - Ein großer Roman über ein hundertjähriges Leben

Die chilenisch-amerikanische Erfolgsautorin Isabel Allende ist in ihrem neuesten Roman Violeta einem vertrauten Muster treu geblieben: Sie setzt sich auch hier für die Rechte der Frauen ein und hat folgerichtig eine Frau in den Mittelpunkt gestellt.

Violeta del Valle wird 1920 als jüngstes Kind einer bürgerlichen Familie in Südamerika geboren. Zu dieser Zeit bahnt sich die Spanische Grippe ihren Weg in ihre Heimat. Der Vater handelt jedoch vorausschauend und schickt die ganze Familie in häusliche Quarantäne. Alle überleben, aber die später folgende Weltwirtschaftskrise bricht ihnen finanziell das Genick. Die Schande treibt den Vater in den Selbstmord, die Familie ist nun nahezu mittelos. 

Violetas älterer Bruder schickt seine Schwester, die Mutter, die Tanten und das britische Kindermädchen in das wilde Hinterland, wo sie bei einem älteren Lehrerehepaar unterkommen. Die Lebensverhältnisse sind sehr einfach, doch die Familie gewöhnt sich irgendwann daran. Hier wächst Violeta zu einer jungen Frau heran, die ihrem Herzen folgt. Sie heiratet einen wohlhabenden deutschen jungen Mann und kommt so mit dem Nationalsozialismus in Berührung. Doch diese Ehe soll nicht ihre einzige bleiben.

Isabel Allende hat ihren Roman als Violetas Brief an ihren Enkel Camilo angelegt, in dem diese nicht nur über die Höhen und Tiefen schreibt, die sie im Laufe der Jahrzehnte erlebt hat, sondern auch historische Begebenheiten einflicht. Violeta entwickelt sich von einem Anhängsel ihres ersten Mannes zu einer eigenständigen Frau, die ihr eigenes Geld verdient, häusliche Gewalt erlebt und dagegen ankämpft. Immer wieder werden gesellschaftliche Themen aufgegriffen wie z. B. der Kampf der Frauen um das Wahlrecht und ein selbstbestimmtes Leben.

Violeta enthält unübersehbare Parallelen zu Allendes eigener Geschichte: Die Schriftstellerin ist zum dritten Mal verheiratet, hatte etliche Affären und hat ebenso wie ihre Protagonistin ein Kind verloren. Sogar die Situation, wegen einer Krise flüchten zu müssen, hat Allende selbst erlebt.

Lesen?

Violeta ist ein großer Familienroman, der in einer Pandemie beginnt und hundert Jahre später, kurz vor Violetas Tod, in einer anderen - der heutigen - Pandemie endet. Allende beschreibt Violeta sehr facettenreich, in Bezug auf deren Kinder sind allerdings nur wenige tiefe Emotionen spürbar. Violeta kümmert sich zwar um sie, doch das Verhältnis zu ihnen wirkt distanziert.

Der Schreibstil des Romans wirkt etwas irritierend: So, wie Allende formuliert, würde man nicht einen persönlichen Brief schreiben. Mit Ausnahme einiger hin und wieder eingestreuter Passagen, in denen Violeta ihren Enkel direkt anspricht, passt die Wortwahl zu einer romanhaften Erzählung, aber nicht zu einem persönlichen und sehr privaten Schriftstück. Davon unabhängig ist das Buch sehr lesenswert und bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte Südamerikas während der letzten einhundert Jahre.

Violeta ist 2022 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro, als E-Book 21,99 Euro sowie als Hörbuch-Download 18,95 Euro.


Freitag, 1. Juli 2022

# 354 - Inside BND: ein Roman aus dem Zentrum des deutschen Nachrichtendienstes

Der Name Carl Maria Ehrlicher ist ein Pseudonym. Der
Autor des Romans Das Tor der Tränen möchte aus einem nachvollziehbaren Grund unerkannt bleiben. Er kennt die Behörde, über die er schreibt, sehr genau: Etliche Jahre war er ein Agent des Bundesnachrichtendienstes (BND) im Außeneinsatz. Ehrlichers Dienstzeit war vor dessen Teil-Umzug von Pullach bei München nach Berlin im Jahr 2019.

Karl Häusler verkörpert (mutmaßlich) den damaligen Agenten Ehrlicher. Häusler rutscht Ende der 1960-er Jahre in den neuen Job beim BND hinein, ist zuerst neugierig, wird aber immer frustrierter, je länger seine Tätigkeit dauert. Seine Motivation, sich nach einer neuen Stelle in einer anderen Behörde oder einem Unternehmen umzusehen, ist dennoch bei null angekommen: Er ist der Überzeugung, im Grunde zu nichts anderem mehr als zur Spionage zu taugen.

Ehrlicher beschreibt sehr genau, wie der normale Agenten-Alltag aussieht. Spoiler: Von James Bond ist er himmelweit entfernt. Es geht um Dienstreiseanträge, Spesenabrechnungen, die kleinen Fluchten während der Dienstzeit und natürlich Vorgesetzte, die nicht unbedingt aufgrund ihrer großartigen Leistungen eine Leitungsfunktion bekommen haben. Das ist alles keine Überraschung, aber atmet den Geist der Zeit, in dem der Roman spielt.

Ehrlicher hat die Handlung zwischen Dezember 1978 und Oktober 1980 angesiedelt. Damals war Helmut Schmidt Bundeskanzler, Hans-Dietrich Genscher Außenminister und sein Parteifreund Klaus Kinkel BND-Präsident.
Aus einer hingeworfenen Bemerkung in der letzten Sitzung des außen- und sicherheitspolitischen Ausschusses vor der Weihnachtspause 1978, "was der Geheimdienst denn eigentlich zum Jemen wüsste", entsteht eine sich nach und nach aufbauschende Operation, deren zentrale Figur Agent Häusler ist. Die Informationen, die sein jemenitischer Kontakt mit dem Tarnnamen "Kalif" ihm bringt, werden von der BND-Aufklärung allerdings aktiv ignoriert. Erst als sich herausstellt, dass der Iran wie von "Kalif" vermutet Seeminen in den Hafen von Aden transportiert, die dann mit LKWs zu einem weiteren Ziel an der Küste gebracht werden, wird Häusler nachdenklich. Tatsächlich sind die Seeminen dazu bestimmt, die Schiffspassagen durch die Meeresstraße Babd al-Mandab (deutsch: Tor der Tränen) zu unterbinden, durch die vor allem Rohöl transportiert wird.

"Kalif" und Häusler treffen sich zum Informationsaustausch in verschiedenen Ländern. Der Informant ahnt erst allmählich, dass er vom jemenitischen Geheimdienst überwacht wird. Die Überwachung wächst sich zu einer ernsthaften Bedrohung aus. 
Häusler steht ganz anderen Problemen gegenüber: Während einer Dienstreise nach Stockholm, die wegen eines Treffens mit "Kalif" stattfindet, lernt er eine Schwedin kennen. Beide verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Die Probleme, die sein Beruf und die immer intensiver werdende Beziehung mit sich bringen, werden von Häusler zunächst ignoriert, verdichten sich jedoch schnell immer mehr.
Die Handlung läuft sowohl für ihn als auch seinen Informanten auf eine Katastrophe zu.

Lesen?

Das Tor der Tränen lässt bedeutsame Ereignisse der Zeit um 1980 wieder aufleben: die Flucht des letzten iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi ins US-Exil, die Rückkehr des schiitischen Führers Ruhollah Musawi Chomeini und die Geiselnahme von 52 Angehörigen der US-Botschaft in Teheran durch iranische Studenten werden wieder in Erinnerung gerufen. Auch die Rolle des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter wird in den Fokus gerückt. Der Roman ist ein interessanter weltpolitischer Rückblick und macht deutlich, wie der "alte" BND mit Krisen umgegangen ist. Wenn man den Schilderungen von Carl Maria Ehrlicher folgt, wurden viele von ihnen zu spät erkannt, weil man den Vorzeichen keine Bedeutung zugemessen hat. Daran waren oft Eitelkeiten und Ignoranz schuld.

Helmut Schmidt hat übrigens darauf verzichtet, sich Berichte des BND vorlegen zu lassen. Er war der Meinung, diese seien zu sehr von der politischen Ausrichtung des Berichterstatters gefärbt und hielt sich lieber an die Artikel der Neuen Zürcher Zeitung.

Das Tor der Tränen ist 2022 im Salon Literaturverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 21,50 Euro.

Donnerstag, 23. Juni 2022

# 353 - Vom ersten bis zum letzten Atemzug: Rechtsfragen, die das ganze Leben betreffen

Christian Solmecke ist vielen aus dem Internet bekannt: Bei YouTube erklärt der Rechtsanwalt seit fast zwölf Jahren in seinem Kanal Kanzlei WBS Rechtliches aus dem Alltag oder der aktuellen öffentlichen Diskussion.

Nun hat sich Solmecke entschlossen, die wichtigsten juristischen Fragen, die sich vielen von uns stellen, in einem Buch zusammenzustellen: Der Taschenanwalt. In 16 Kapiteln erklärt der Anwalt, ob unser Gefühl dafür, was richtig und gerecht ist, auch dem geltenden Recht entspricht. Ob es um die Geburt, die Familiengründung, den Urlaub, das Berufsleben, die Freizeit und nicht zuletzt auch den Tod geht: Alles wird so erklärt, dass es auch Menschen, die mit der Juristerei nichts am Hut haben, verstehen. Auch das Verhalten im Internet wird beleuchtet - ich glaube, so mancher ist sich nicht bewusst, dass er hier oft haarscharf an der Illegalität vorbeischrammt.

Jedes Kapitel wird von einer Einführung und einer Illustration des Cartoonisten Dirk Meissner eingeleitet.

Lesen?

Der Taschenanwalt ist auf jeden Fall eine Leseempfehlung: Christian Solmecke löst so einige Mythen und Gerüchte aus dem deutschen Recht auf, an die wir bislang fest geglaubt haben. Das Buch ist eine sehr erhellende Lektüre für (fast) alle Lebenslagen.

Der Taschenanwalt ist 2022 bei Yes Publishing erschienen und kostet als Taschenbuch 14,99 Euro und als E-Book 11,99 Euro.


Freitag, 17. Juni 2022

# 352 - 800 Jahre kriminelles Treiben in Mecklenburg und Vorpommern in einem Buch

Bert Lingnau hat es wieder getan: Vor vier Jahren hat er mit Rübe ab! den ersten Band mit tatsächlich geschehenen Kriminalfällen zwischen der Lübecker Bucht und Usedom herausgebracht, mit Singende Barsche folgt nun die Fortsetzung.

62 echte Kriminalfälle hat Lingnau zusammengetragen, die sich zwischen 1185 und 1985 ereignet haben. Auf der Grundlage umfangreicher Recherchen in Archiven, Büchern, Zeitungen und Websites schildert der Journalist lustige, aber auch schaurige Taten. Damit klar ist, in welche Kategorie jede Missetat fällt, hat Lingnau jede einzelne Schilderung mit verschiedenfarbigen Barschen gekennzeichnet. Wer sich nicht mit zu üblen Taten belasten will, kann die Fälle, die mit einem schwarzen Fisch versehen sind, einfach überschlagen.

Bert Lingnau erzählt zum Beispiel von einer 1983 gescheiterten "Republikflucht" aus der DDR und ihren Begleitumständen, einem Schmied, der 1885 seine herrische Schwiegermutter erdrosselte oder einem Fall, der sich 1985 zugetragen und diplomatische Verwicklungen ausgelöst hat: Ein US-Offizier wurde in der Nähe von Ludwigslust von einem sowjetischen Wachposten angeschossen, der dessen Fahrer daran hinderte, seinem Vorgesetzten Erste Hilfe zu leisten. Der Offizier starb an seiner Verletzung.

Das Buch greift auch Themen auf, die einem sehr bekannt vorkommen: Da geht es um Denunzianten, die ihre Mitmenschen der Hexerei bezichtigten, um sie loszuwerden; ein immer wiederkehrendes Tatmotiv - daran hat sich bis heute nichts geändert - ist die Gier, und viele kriminelle Übergriffe passierten im Vollrausch. Haben sich Kriminelle und ihre Motive im Laufe der letzten 800 Jahre denn gar nicht geändert? Oft kann man tatsächlich diesen Eindruck haben: Im Mittelalter flogen Diebe, Betrüger und Mörder häufig auf, weil sie ihre Taten vorher nicht geplant hatten oder der Plan diesen Namen nicht verdiente. Andere, insbesondere korrupte Amtsträger, hielten sich für cleverer, als sie waren. Und auch die Verfolgung der Juden ist ein Thema, das den Rahmen für Kriminalfälle bildet.

Einen deutlichen Unterschied zwischen dem Mittelalter und unserer Zeit gibt es allerdings in der Art und Weise, wie mit Verbrechen umgegangen wurde: Damals genügte ein Hinweis oder ein bloßer Anschein einer Straftat, um festgenommen und vor Gericht gestellt zu werden. Urteile wurden auch dann gesprochen, wenn die Beweislage so dünn wie ein Spinnennetz war. 'In dubio pro reo' war der mittelalterlichen Rechtsprechung fremd, es galt vielmehr der Rachegedanke. Dazu gehörte auch, dass der Henker jede Menge zu tun bekam - ein todsicherer Beruf also.

Auch Singende Barsche ist wie Rübe ab! in vier regionale Kapitel aufgeteilt und enthält zahlreiche von Bert Lingnau selbst gemachte Fotos, die die Landschaften zeigen, in denen sich "de Moorden" (plattdeutsch für Morde) und andere Missetaten ereignet haben. Im letzten Kapitel kommen Niederdeutsch-Fans auf ihre Kosten: Den Personen werden plattdeutsche Dialoge in den Mund gelegt, wie sie früher höchstwahrscheinlich stattgefunden haben.

Lesen?

Wer Rübe ab! mochte, wird auch Singende Barsche gern lesen. Viele Kriminalfälle sind kurios, oft muss man schmunzeln. Das Buch kann man auch zwischendurch zur Hand nehmen, den jeder Fall beschränkt sich auf drei Seiten. Die Übersichtskarte am Ende des Buches, aus der die einzelnen Tatorte hervorgehen, macht den Titel "rund".

Singende Barsche ist 2022 im Klatschmohn Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 11,80 Euro.


Mittwoch, 15. Juni 2022

Konfetti! Die Bücherkiste wird sieben Jahre alt

Vor genau sieben Jahren, am 15. Juni 2015, habe ich mir einen Ruck gegeben und einfach losgelegt. Vom Bloggen hatte ich keinen Schimmer, und eine ganze Weile waren die Rezensionen so ausführlich, dass man sich nach dem Lesen den Kauf des vorgestellten Buches im Grunde schenken konnte.

Viele Buchblogger haben einen Schwerpunkt, nach dem sich ihre Titelauswahl richtet. Kochbücher, Reisebücher, Fotobände oder Kinderbücher: Die Auswahl ist riesengroß. Ich hatte damals auch überlegt, mich auf ein Genre zu beschränken. Aber mein Ehrgeiz war, jede Woche ein Buch vorzustellen. Das hat auch meistens geklappt, aber allein die Vorstellung, ständig z. B. Krimis zu lesen, weil ich nun mal einen Krimi-Blog habe, hat mich abgeschreckt.

Meine Interessen sind damals breit gefächert gewesen und sind es noch. Das spiegelt sich in meiner Bücherkiste wider und wird auch in Zukunft so bleiben.

Sieben Jahre erscheinen lang, wenn man sie noch vor sich hat. In der Rückschau sind sie fast wie im Flug vergangen. Über 350 Bücher habe ich euch vorgestellt, die ihr alle in der Cover-Parade (Reiter oben) auf einen Blick habt. Werde ich in sieben Jahren - 2029 - immer noch vor dem Laptop sitzen und Rezensionen über Bücher schreiben, die mich interessiert haben? Okay, es waren auch einige dabei, die mir nicht gefallen haben. Aber in die meisten Titel habe ich mich gern vertieft.

Ich bedanke mich für eure Treue und hoffe, dass ihr auch in Zukunft immer mal wieder in der Bücherkiste vorbeischaut. Bis dann! 

Ach, ja: Das hier ist übrigens der allererste Blogtext.


via GIFER

Photo credit: Eva the Weaver on Visualhunt.com