Sonntag, 6. August 2023

# 404 - Schockwellen - ein Sachbuch, das Zusammenhänge verständlich erklärt

Claudia Kemfert ist seit fast zwanzig Jahren
Abteilungsleiterin für die Bereiche Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und lehrt seit drei Jahren an der Leuphana Universität Lüneburg "Energiewirtschaft und Energiepolitik". In ihrem Buch Schockwellen analysiert sie, in welcher Situation sich Deutschland im Hinblick auf seine Energieversorgung befindet und wie das Land dorthin geraten ist.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine am 22. Februar 2022 war in vielerlei Hinsicht eine Zäsur, nicht nur, was die Energiepolitik und ihre frühere und zukünftige Ausrichtung betrifft. Wir erinnern uns: Plötzlich stand auch Laien vor Augen, welche Folgen die enge Anbindung Deutschlands an Russland hat, wenn es um die Versorgung mit Erdöl und Erdgas und damit auch um Strom geht. Schlagartig wurde vielen klar, dass das nicht hätte sein müssen, wenn sich die Politik schon Jahre zuvor deutlich mehr auf den Ausbau von erneuerbaren Energien konzentriert und sich von Russland abgenabelt hätte. Statt dessen wurden Projekte wie Nord Stream 1 und 2 durchgeführt und die Bindung noch verstärkt. Und das, obwohl es zahlreiche Hinweise darauf gegeben hat, dass Putin Rohstofflieferungen als probate Druckmittel ansieht, um seinen politischen Einfluss in der Welt zu mehren.

Die für die Nord Stream 1 und 2 verantwortlichen Regierungen unter Kanzler Schröder und Kanzlerin Merkel beklatschten die beiden auf eine Lebensdauer von 50 Jahren ausgelegten Anlagen, mit denen so viel Erdgas transportiert werden kann, dass damit eine vollständige Versorgung ganz Deutschlands erreicht werden könnte. Gleichzeitig versprach die damalige Bundeskanzlerin Merkel, Treibhausgasemissionen bis 2050 um bis zu 95 Prozent zu reduzieren. Klingt seltsam? Ist es auch.

Aber was nützt das Jammern um frühere Fehler? Wir leben im Hier und Jetzt und müssen geeignete Strategien einsetzen, um unsere Energie-Zukunft zu sichern. Das kann nur ohne Russland passieren. Mit dem Beginn des Angriffskriegs wurden mehrere Sanktionen gegen Russland eingeleitet, zu einem 100 %-igen Bruch kam es aber nicht: Zu groß waren die Ängste der Politik vor einer Rezession und sozialen Verwerfungen. 

Claudia Kemfert hält Kritikern, die der Meinung sind, dass ein Industrieland wie Deutschland nicht mit Wind und Sonne überleben kann, eine Antwort bereit: Ihr habt recht! Ergänzend zu Wind- und Solarenergie führt ein Strauß von Maßnahmen dazu, dass eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien erreicht werden kann. Dazu sind der politische Wille, Bürokratieabbau sowie die Re-Kommunalisierung der Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung nötig.

Lesen?

Schockwellen führt auch denjenigen, die sich bisher nicht oder kaum mit dem Thema Energieversorgung beschäftigt haben, vor Augen, wo die Probleme in der Vergangenheit lagen, die heutigen liegen sowie man ihnen wirksam begegnen kann. Man bekommt mit den von Kemfert vorgeschlagenen Maßnahmen eine grüne Energieversorgung, die nach ihren Ausführungen sogar den Charme hat, preisgünstiger als die heutige zu sein. Die Dringlichkeit zu handeln, macht der Untertitel deutlich: Letzte Chance für sichere Energien und Frieden. Lesen? Ja!

Schockwellen ist 2023 im Campus Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 23,99 Euro.

Samstag, 29. Juli 2023

# 403 - Wen interessiert Eishockey? Wie ein kleiner Ort in Schweden um diesen Sport kreist

Der erfolgreiche schwedische Schriftsteller Fredrik
Backman hatte mit dem Bestseller Ein Mann namens Ove seinen Durchbruch, aber der Roman Björnstadt steht dem in nichts nach.

Backman siedelt den fiktiven Ort inmitten der schwedischen Einsamkeit an. Es gibt jede Menge Wald, einige Seen und ein paar Arbeitsplätze. Das, worauf die Einwohner stolz sind, ist der Eishockeyverein. Die "Björnstadter Bären" hatten ihren letzten nennenswerten Erfolg zwar schon vor etlichen Jahren, aber der Sport ist das, was die Menschen zusammenhält. 

In Björnstadt liegt neun Monate im Jahr Schnee. Wer sich an die langen kalten Winter und die Einsamkeit nicht gewöhnen kann, zieht woanders hin. Die, die bleiben, sind entweder hier aufgewachsen oder gestrandet. Auf der Juniorenmannschaft der "Bären" ruhen die Hoffnungen der Stadt, denn sie hat es geschafft, bei den nationalen Meisterschaften ins Halbfinale zu kommen. Wenn die Jungs dieses und das Finalspiel gewinnen, profitiert Björnstadt von einem Geldregen. Das würde bedeuten: Durch mehr Sponsoren- und Preisgelder wäre der Bau eines neuen Eishockeystadions und eine bessere Ausrüstung möglich. Das würde junge Talente aus anderen Landesteilen anziehen, die Siegchancen des Clubs würden steigen... Ein Erfolg der Juniormannschaft würde so etwas wie ein finanzielles Perpetuum Mobile in Gang setzen.

Der Star der Mannschaft ist der 17-jährige Kevin Erdahl. Seitdem er sechs Jahre alt ist und sein außergewöhnliches Talent erkannt wurde, wurde eine Mannschaft um ihn herum aufgebaut, die ihn unterstützt und eisern nach außen zusammenhält. Kevins Eltern sind wohlhabend und die Hauptsponsoren des Vereins. Ihr gefühlsarmer Umgang mit ihrem Sohn wird durch ein Leben kompensiert, in dem es an nichts fehlt, was mit Geld gekauft werden kann. Mit Skepsis blicken sie auf Kevins besten Freund Benji, mit dem er sich auch ohne Worte versteht. Die beiden Jugendlichen sind auch in der Mannschaft ein untrennbares Team, aber Kevins Eltern missfällt Benjis soziale Herkunft mit einer Mutter, die ihre vier Kinder allein großzog, nachdem sich der Vater erschossen hat.

Tatsächlich schafft das Juniorenteam der "Bären", was vor einiger Zeit niemand für möglich gehalten hätte, und gewinnt das Halbfinale. Die Hoffnungen von ganz Björnstadt liegen nun noch schwerer auf den Schulter der 15- bis 17-jährigen Spieler. Aber erstmal wird der Sieg im Haus der Erdahls gefeiert. Kevins Eltern sind - wie so oft - auf Geschäftsreise. Der Alkohol fließt in Strömen, und die in Kevin verliebte Tochter des Sportdirektors, Maya, hofft, ihrem Schwarm an diesem Abend näher zu kommen. Doch das, was dann passiert, wird sie ein Leben lang traumatisieren und die Stadt vor eine Zerreißprobe stellen, deren Ausgang entscheidend für ihre Zukunft sein wird.

Lesen?

Björnstadt ist der erste Teil einer Trilogie, die sich um die Stadt dieses Namens und ihre Bewohner dreht. Fredrik Backman hat mit diesem Buch einen Pageturner geschrieben, in dem es um Loyalität, Freundschaft, Homophobie und Misogynie geht. Der Autor beschreibt Verhaltensweisen der Jungen und Männer, die sich über Generationen hinweg etabliert haben und nie hinterfragt wurden. Wie sehr sich das rächt, wird durch das, was sich während der Party ereignet, deutlich.

Backman beschreibt die wichtigsten Charaktere sehr genau. Auch wenn das den Fortgang der Handlung etwas bremst, ist es wichtig, um die Atmosphäre in Björnstadt und die Handlungsweisen der Personen nachzuvollziehen und zu verstehen. 

Björnstadt ist in einer Neuauflage 2023 im Goldmann Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 16,95 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro. Unter dem Titel Kleine Stadt der großen Träume wurde der Roman bereits 2017 im S. Fischer Verlag veröffentlicht.
Die nachfolgenden Bände haben die Titel Wir gegen euch und Die Gewinner.

Sonntag, 23. Juli 2023

# 402 - Frauen, die schreiben, leben gefährlich

Der Autor und Lektor Stefan Bollmann hat schon
einige Bücher veröffentlicht, in denen es ums Schreiben oder Lesen geht, in der Mehrzahl spielen Frauen darin die Hauptrolle.

Das ist mit dem Buch Frauen, die schreiben, leben gefährlich nicht anders. Bollmann hat sich beispielhaft die Biographien von 36 schreibenden Frauen angesehen, die zwischen dem 12. (Hildegard v. Bingen) und 21. Jahrhundert (Arundhati Roy) leben oder gelebt haben. 

Der Buchtitel legt nahe, dass die schreibenden Frauen um ihr Leben fürchten mussten, wenn sie ihrer Passion nachgingen. Doch ganz so ist es nicht. Allen ist gemeinsam, dass sie durch ihr Schreiben oder das, was sie geschrieben haben, in Schwierigkeiten geraten sind: sei es, weil sie es neben den Pflichten, die ihnen die gesellschaftlichen Konventionen oder der Ehemann auferlegten, das, was sie am liebsten Taten, irgendwie zeitlich unterbringen mussten; sei es, weil ihnen kein geeigneter Platz zum Schreiben zur Verfügung stand; sei es, weil man das, was ihnen am Herzen lag, nicht ernst nahm. Einigen dieser Frauen setzte ihre unbefriedigende Situation so zu, dass sie sich das Leben nahmen.

Bollmann hat die Kurzporträts der schreibenden Frauen in chronologischer Reihenfolge angeordnet, jedoch thematisch auch in sieben Kapitel unterteilt, denen er jeweils eine Erläuterung vorangestellt hat. Da geht es um "Ahnherrinnen schreibender Frauen" oder auch "Weibliche Stimmen der Weltliteratur". 

Das von Elke Heidenreich stammende Vorwort nimmt den Buchtitel wörtlich und stellt Frauen, die das Schreiben in den Tod getrieben hat, in den Mittelpunkt. Dabei stellt sie die Frage, warum "gerade die klügsten, die schöpferischsten, die begabtesten Frauen so sehr am Leben [verzweifeln], dass sie es nicht mehr aushalten können?" Die Antwort, die sie postwendend gibt, zeigt das Dilemma, in dem sich Frauen sowohl in früheren Jahrhunderten als auch heute befinden, wenn sie sich selbst verwirklichen wollen - egal, ob sie schreiben oder etwas ganz anderes tun wollen, das ihnen wichtig ist. Und, ja: Der Schlüssel für diese Zerrissenheit lag und liegt überwiegend bei den Männern. Da ist es kein Wunder, dass Bollmann in seiner Betrachtung von Christine de Pizan (1365-1430), einer der ersten Schriftstellerinnen, die vom Schreiben leben konnte, diesen Ausspruch zitiert:

Liebe Frauen, denkt stets daran, wie sehr die Männer euch der Leichtfertigkeit und Schwäche bezichtigen, wie gewaltige Anstrengungen sie aber andererseits unternehmen, euch in Netzen einzufangen. Flieht, flieht, liebe Frauen."

In seinem Nachwort gibt Stefan Bollmann einen Überblick über die Entwicklung, die das Schreiben für Frauen genommen hat. Spoiler: Freiherr v. Knigge war im 18. Jahrhundert nicht begeistert, dass "Frauenzimmer" professionell mit Literatur umgehen wollten.

Lesen?

Frauen, die schreiben, leben gefährlich gibt einen sehr guten Eindruck über die Probleme, mit denen Frauen fertig werden mussten, die nicht nur daheim das eine oder andere Buch lesen, sondern sich selbst aktiv in die Literaturszene einbringen wollten. Da stellt sich natürlich die Frage, ob sich daran heute etwas entscheidend geändert hat. Bei manchen der Porträts kann man durchaus einen Bogen in die heutige Zeit schlagen und erkennt, dass zahlreiche Schriftstellerinnen bei der Ausübung ihres Berufs anderen Bedingungen unterworfen sind als ihre männlichen Kollegen: Eine Pilotstudie des Projekts #frauenzählen ergab 2018, dass zwei Drittel der in Feuilletons rezensierten Bücher von Männern geschrieben und in der Mehrzahl von Männern besprochen wurden. Kurzum, aus der Sicht der Frauen: Da geht noch was.

Frauen, die schreiben, leben gefährlich ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2014 als Insel-Taschenbuch 4295 im Insel Verlag Berlin erschienen und kostet 9,95 Euro.

Samstag, 15. Juli 2023

# 401 - Ein Komplott im Weinkeller fordert Todesopfer

Der Krimi Bittertrauben von Karin Joachim spielt wie
sein 2016 erschienener Vorgänger Krähenzeit im Ahrtal. Auch in diesem Buch steht die Kriminaltechnikerin Jana Vogt im Mittelpunkt des Geschehens. 

Jana wurde von ihrem Vorgesetzten in den Innendienst umgesetzt, weil er sie nach den Vorfällen des letzten Falls (Krähenzeit) für nicht belastbar hält. Sie ist mit ihrem Beruf nicht mehr glücklich und denkt deshalb über einen Neustart als Fotografin nach. Als sie am Wettbewerb einer Wein-Zeitschrift teilnimmt, gewinnt sie die Möglichkeit, in einem Weingut in Rech während eines Tages der offenen Weingüter ihre Landschaftsfotos auszustellen.

Während sie vor Ort die letzten Vorbereitungen trifft, hört sie zufällig ein Gespräch, in dem es um die Vorbereitung eines Komplotts zu gehen scheint. Da sie als nordrhein-westfälische Polizeibeamtin keine Befugnisse hat, in Rheinland-Pfalz tätig zu werden, wendet sie sich wieder an Hauptkommissar Clemens Wieland, einen Kollegen aus Koblenz.

So schwammig der Verdacht auch sein mag: Clemens vertraut Janas Instinkt und folgt ihr an die Ahr. Dort trifft sich im Weingut anlässlich der Veranstaltung eine sehr gemischte Gruppe. Der Redakteur der Wein-Zeitschrift übernimmt wortreich die Vorstellungsrunde, und außer zwei anderen Gewinnerinnen hat sich auch ein Krimi-Autor eingefunden. Doch Clemens erkennt auch einen Privatdetektiv wieder, der sich so gut wie möglich im Hintergrund hält. Etwas rätselhaft finden sowohl Clemens als auch Jana ein Ehepaar, das mit seinem Wohnmobil auf Urlaubsreise ist und sich unbedingt zur Weinprobe dazugesellen will.

Wenige Stunden später hat sich die Zahl der Übernachtungsgäste um einen verringert: Ein Mann wird tot auf der Brücke über die Ahr gefunden. Obwohl Jana nur aus privaten Gründen gekommen war, kann sie ihre Neugier nicht zügeln und hält die Augen auf. Wie bereits in Krähenzeit wird sie von ihrem Airdale Terrier Usti begleitet, dessen feine Nase sie schon bald zum zweiten Toten führt. Mehrere Gäste geraten in den Fokus der Ermittlungen, und es ist fraglich, ob der Tag des offenen Weinguts wie geplant stattfinden kann.

Lesen?

Bittertrauben hält die Leserinnen und Leser durchweg bei der Stange und vereint den Regional- mit dem Cosy-Krimi. Wie nebenbei beschreibt Karin Joachim nicht nur die eigentliche Handlung, sondern auch die Schönheit des Ahrtals, das wieder als Schauplatz des Verbrechens dient.

Das zerstörerische Ahr-Hochwasser ist nun zwei Jahre her, die Scheinwerfer der Medien richten sich nur noch selten auf die Gegend, in der viele Menschen ihr Leben und andere ihre wirtschaftliche Existenz verloren haben. Um den Wiederaufbau zu unterstützen, sollte das Weinanbaugebiet immer wieder Aufmerksamkeit erhalten. Dazu tragen auch Bücher wie dieses bei, die zwar vor der verheerenden Flut veröffentlicht wurden, aber beschreiben, wohin die Region letztendlich wieder will.

Bittertrauben wurde 2018 im Gmeiner Verlag veröffentlicht und kostet 12 Euro (Taschenbuch). Der Krimi ist der zweite Band einer mittlerweile fünfteiligen Reihe.

Sonntag, 9. Juli 2023

# 400 - Weisse Sonne - eine gelungene Mischung aus Krimi und Western

 J. Todd Scott setzt in seinem Buch Weisse Sonne die
in Die weite Leere begonnene Handlung fort und stellt Sheriff Chris Cherry in den Mittelpunkt. Cherry, der zuvor der Stellvertreter seines korrupten Vorgängers Stanford Ross gewesen war, will dessen Stil auf keinen Fall fortsetzen und schart Deputys um sich, denen er vertraut. Sein Zuständigkeitsbereich ist das Big Bend County, eine heiße, windige und staubige Gegend in Texas, ganz in der Nähe der mexikanischen Grenze.

Eigentlich gilt das County als ruhig und arm an Aufregungen. Doch in der verlassenen Siedlung Killing lassen sich Mitglieder der hochkriminellen Neonazi-Vereinigung Aryan Brotherhood of Texas (ABT) nieder. Was die Gruppe, die sich um einen Schwerverbrecher, der sein halbes Leben im Knast gesessen hat, sowie seine beiden ungeliebten Söhne, schart, hier vor hat, ist lange unklar. Doch dann stellt sich heraus, dass sie auf einen selbsternannten Prediger wartet, der in dieser Einöde eine reinweiße Stadt aufbauen will. Als ein junger Mann, der als Flussführer am Rio Grande gearbeitet hat, ermordet aufgefunden wird, führen alle Spuren zu den neuen "Mitbürgern".

Sheriff Cherry nimmt die Ermittlungen auf, doch dann wird er von einem FBI-Agent an seiner Arbeit gehindert: Der Anführer der ABT-Gruppe wurde von ihm als Spitzel angeheuert. Als Gegenleistung hatte der Agent dafür gesorgt, dass der Mann umgehend aus der Haft entlassen worden ist. Widerwillig fährt Cherry sein Engagement zurück, lässt die Nazis aber nicht aus den Augen. Was er zunächst nicht weiß: Eines der Mitglieder ist Danny Ford, der sich in die Gruppe eingeschleust hat, um dessen Anführer so nah wie möglich zu kommen. Das Ziel des Afghanistan-Veteranen und Ex-Miarbeiters des Texas Department of Public Safety ist, den Tod seines Vaters, der vor neunzehn Jahren von eben diesem Anführer in seiner Dienstausübung als Ranger erschossen wurde, zu rächen. 

Cherry ahnt auch nicht, was in seiner neuen Polizistin America Reynosa vorgeht, deren Einstellung er immer wieder gegenüber konservativen Kräften in der Gegend verteidigen muss, für die die junge Frau drei Makel hat: Sie ist weiblich, eine Mexikanerin und mit dem Boss eines Drogenkartells verwandt. Dass sie von Schuldgefühlen zerfressen wird, weil sie mit diesem Kartell vor einiger Zeit einen Deal gemacht hat, um ihren ermordeten Bruder zu rächen, macht sie mit sich selbst aus. Das soll später zu einem Problem werden.

Und dann ist da noch Deputy Ben Harper, der den Tod seiner Frau nicht verarbeiten kann und seine Trauer im Alkohol ertränkt. Er ist Cherry ein guter Ratgeber und Freund, hängt aber manchmal noch an den alten Gepflogenheiten, wie sie unter Sheriff Ross üblich waren. Sein Credo, das er seinem Boss, der ihn aus dem Ruhestand zurückgeholt hat, immer wieder unter die Nase reibt: Agieren statt reagieren.

J. Todd Scott hat sein Buch in zwei Perspektiven aufgeteilt: Danny Ford erzählt seinen Part der Geschichte aus der Ich-Perspektive und ermöglicht den Leserinnen und Lesern so Einblicke, die allen anderen in der Handlung genannten Figuren verborgen bleiben. 
Das übrige Geschehen wird aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters geschildert. So gelingt es Scott, den Verlauf seines Krimi-Westerns so aufzubauen, dass sich erst nach und nach erschließt, wie die einzelnen Geschichten der im Zentrum stehenden Personen, die zu Beginn nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, aufeinander zu laufen.

Lesen?

Schon der Umstand, dass es sich bei Weisse Sonne nicht "nur" um einen reinen Krimi handelt, sondern typische Western-Elemente verwendet werden, macht das Buch sehr interessant. Scott schafft es, dass man die sengende Hitze spürt, die auf allen und allem lastet, und die Angst bei den Polizisten als auch den Verbrechern, die sich immer weiter steigert, greifbar ist. Das Ende ist wie in einem klassischen Western: Feuer und Wasser sorgen für ein furioses Finale, und erneut lernt man, dass es gar nicht so einfach ist, immer zu den Guten zu gehören.

J. Todd Scott arbeitet seit über zwanzig Jahren als Agent bei der Drug Enforcement Administration (DEA). Seine Kenntnisse sind in dieses Buch eingeflossen. Bereits 2019 wurde der dritte Teil der Serie, This Side of Night, veröffentlicht. Man kann nur hoffen, dass die deutsche Übersetzung ebenfalls bald im Polar Verlag erscheinen wird.

Weisse Sonne ist 2023 im Polar Verlag erschienen und kostet 27 Euro, als E-Book 20,99 Euro.

Sonntag, 2. Juli 2023

# 399 - Unsichtbare Mauern - Die Autobiographie einer der wichtigsten politischen Journalistinnen

Hella Pick wurde als Kind jüdischer Eltern 1929 in
Wien geboren. Die Familie führte bis zur Scheidung der Eltern ein bürgerliches Leben, diese trennten sich jedoch, als ihre Tochter drei Jahre alt war. Hella wuchs bei ihrer Mutter auf; der Vater wanderte 1938 in die USA aus. Von ihm hat Hella Pick seitdem nichts mehr gehört.

Die Situation der Juden in Österreich verschlechterte sich mit dem Beginn des von Adolf Hitler ausgerufenen "Anschlusses" des Landes an Deutschland stark. Im Frühling 1939 kam Hella Pick mit einem der Kindertransporte nach London, wo sie von einer britischen Familie aufgenommen wurde. Drei Wochen später gelang es auch ihrer Mutter, nach London auszureisen. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern, bis es den beiden möglich war, wieder zusammen zu wohnen.

Hella Pick blickt in ihrer Autobiographie Unsichtbare Mauern auf ein langes und ereignisreiches Leben zurück. Der Untertitel Die abenteuerliche Reise einer der größten politischen Journalistinnen zu den Gipfeln und Abgründen der Zeitgeschichte trifft zum größten Teil das, was Pick ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch vermittelt: Durch Fleiß, Beharrlichkeit und - wie sie selbst zugibt - einer guten Portion Glück nimmt Pick viele Hürden in ihrem Leben.

Höhere Schulbildung und das spätere Studium waren nur durch Stipendien und Zuschüsse möglich, da Picks Mutter nur wenig Geld verdiente. 1947 schloss sie ihr Studium ab und wollte unbedingt bei den Vereinten Nationen arbeiten. Doch die Quotierung nach dem Herkunftsland der Bewerber verhinderte diesen Wunsch. Später, nachdem sie sich dem Journalismus zugewendet hatte, wurde ihr klar, dass sie bei der UNO nicht glücklich geworden wäre.

1948 erhielt Hella Pick die britische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitete in Wien, Paris und Afrika und schrieb ab 1961 als Korrespondentin für die britische Tageszeitung The Guardian aus Washington und New York, war jedoch in der ganzen Welt unterwegs. Viele bekannte Persönlichkeiten, die sie beruflich kennenlernte, wurden zu ihren Freunden. Ihre Gesprächspartner waren z. B. John F. Kennedy, Lech Wałęsa, Nicolae Ceaușescu oder Willy Brandt. Picks Reportagen sind am Puls der Zeit und die Ereignisse, über die sie bis zu ihrem Ausscheiden beim Guardian 1996 geschrieben hat, sind Bestandteile des kollektiven Gedächtnisses. Die Dekolonisierung afrikanischer Staaten ab Mitte der 1940-er Jahre, der Kalte Krieg und die Gründung der "Bewegung der Blockfreien Staaten" 1961, die Invasion von Indien in Goa und die damit einhergehende Glaubwürdigkeitskrise der UNO im selben Jahr, die Watergate-Affäre um US-Präsident Nixon bis zum Zerfall der Sowjetunion und dem Beginn der Jugoslawienkriege Anfang der 1990-er Jahre sowie der Brexit: Hella Pick war vor Ort und hat darüber berichtet.

Nach 35 Jahren beim Guardian hat sich Pick neu orientiert und u a. eine Biographie über den sog. "Nazijäger" Simon Wiesenthal geschrieben. Sie, die ihre jüdische Identität lange Zeit verdrängt hatte, beschreibt ein nächtliches Gespräch mit Willy Brandt 1971, dessen Wirkung sie als "kathartisch" bezeichnet: Erst dann schaffte sie es, mit Deutschland nicht automatisch den Nationalsozialismus zu verbinden.

Neben der Journalistin gibt es natürlich die Privatperson Hella Pick. Eine wesentliche Rolle nimmt in ihrem Leben ihre Mutter ein, die sich ununterbrochen um ihre in der Weltgeschichte herumreisende Tochter Sorgen machte und auch nicht davor zurückschreckte, sich beim Chefredakteur des Guardian zu beschweren. Pick schrieb ihr über viele Jahre täglich, um die Mutter ein Stück weit am eigenen Leben teilhaben zu lassen.
Die Mutter, die sich für ihr Kind einen guten Mann, ein festes Zuhause und Kinder wünschte, bewertete die Liebesbeziehungen der Tochter skeptisch - zu Recht, wie sich später herausstellen sollte. Für Hella Pick steht ihr Freundeskreis anstelle einer eigenen Familie.

Lesen?

In Unsichtbare Mauern schreibt Hella Pick, wo und wie es ihr gelungen ist, eben diese Mauern einzureißen. Nur beim Trauma, ein Flüchtlingskind zu sein, ist ihr das nicht gelungen. Die Unsicherheit, ob sie selbst gut genug ist, hat sie ihr Leben lang begleitet. Und das, obwohl sie sich in einer damals starken Männerdomäne behauptet hat. 
Hella Picks Autobiographie ist spannend, macht aber auch an vielen Stellen nachdenklich. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter das Goldene Ehrenkreuz der Republik Österreich und den Commander of the British Empire.

Unsichtbare Mauern ist 2022 im Czernin Verlag erschienen und kostet als Hardcover 28 Euro.

Sonntag, 25. Juni 2023

# 398 - Der Fassadenkletterer - eine deutsch-polnische Geschichte

Mona ist Schwester, Mutter einer erwachsenen Tochter
und Tochter eines Vaters, über dessen Vergangenheit sie kaum etwas weiß - und steht sich zu oft selbst im Weg. Der Kontakt zu Bruder Richard ist schwierig, Tochter Alisa ist von ihrer Mutter und deren Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit überwiegend genervt. Einen Partner hat Mona nicht; ihre Beziehungen zu Männern beginnen euphorisch und versickern dann. Man kann vermuten, dass Mona Angst vor zu engen Bindungen hat.

Das Leben der Drei könnte in den gewohnten Bahnen und Konstellationen weitergehen, aber dann klingelt eines Tages Monas Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist Piotr, der Sohn von Dariusz, des früher besten Freunds ihres verstorbenen Vaters Martin, aus Poznań (früher: Posen). Piotr hat im Nachlass seines Vaters Briefe gefunden, die sie, Mona, sicher interessieren würden. Mona ist sofort Feuer und Flamme und beschließt, nach Poznań zu reisen und sich vor Ort ein Bild zu machen. Sie überredet Richard und Alisa, sie zu begleiten, und gemeinsam Nachforschungen in Polen anzustellen. Dass sich die Wege der Drei schon bald nach ihrer Ankunft trennen werden, ahnen sie nicht. In Der Fassadenkletterer schickt Angela Schmidt-Bernhardt ein ungleiches Trio nach Polen und damit in ein Land, über das viele Deutsche trotz der direkten Nachbarschaft sehr wenig wissen.

Die gemeinsam begonnene Reise in die Vergangenheit bringt nicht nur Licht in das Leben, das Martin vor seiner Auswanderung von Poznań nach Deutschland geführt hat, sondern bringt sie auch einem Stück polnischer Geschichte näher: Im Juni 1956 kam es zum Posener Arbeiteraufstand, an dem 100.000 Menschen teilnahmen und in dessen Verlauf die polnische Armee auf die eigenen Bürger schoss. Fast 60 Menschen starben, etwa 600 wurden verletzt. Dieser Aufstand hatte zahlreiche Parallelen zum Volksaufstand in der DDR und Ost-Berlin am 17. Juni 1953, über ihn ist außerhalb Polens jedoch kaum etwas bekannt. Martin und Dariusz waren damals mitten drin, aber auch Martins Schwester Hanka und Dariusz' Schwester Małgorzata.

Lesen?

Angela Schmidt-Bernhardt hat in ihrem Roman die Fragen gestellt, die viele von uns beschäftigen: Woher komme ich? Wie wurde meine Familie so, wie ich sie kenne? Und letztlich: Wie beeinflusst es mein Leben, wenn ich Dinge über einen geliebten Menschen erfahre, die dunkle Schatten auf meine Erinnerungen an ihn werfen? Der Fassadenkletterer ist ein Roman über Familie, Liebe, Freundschaft, Zusammenhalt und die Probleme, die es damit geben kann. Und natürlich über polnische Geschichte. Schmidt-Bernhardt hat daraus einen sehr lesenswerten Roman gemacht, an dessen Ende ein neuer Anfang steht.

Der Fassadenkletterer ist 2023 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Klappenbroschur 22,90 Euro.




Freitag, 16. Juni 2023

397 - Das stille Verschwinden einer Lebensform - ausgezeichnet mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2023

Ewald Frie ist Professor für Neuere Geschichte und seit
knapp zwei Wochen Preisträger des Deutschen Sachbuchpreises 2023. Für das Schreiben seines Bestsellers Ein Hof und elf Geschwister hat ihm sicher sein Beruf geholfen, aber auf jeden Fall sein familiärer Hintergrund: Frie (Jg. 1962) und ist das neunte von elf (überlebenden) Kindern, die zwischen 1944 und 1969 geboren wurden. Die Familie bewirtschaftete einen Hof in der Bauerschaft Horst bei Nottuln. Der Vater war ein im Münsterland geachteter Rinderzüchter. Für eines seiner rotbunten Tiere gewann er 1950 auf der Westfalenschau in Münster eine Auszeichnung. Rotbunte Rinder geben etwas weniger Milch als ihre schwarzbunten Verwandten, sie haben jedoch mehr und besseres Fleisch als diese. Danach richtete sich damals die Züchtung aus.

Frie blickt auf eine Kindheit und Jugend zurück, in der viele Umbrüche stattgefunden haben. Da ihm jedoch bewusst ist, dass der Zeitpunkt seiner Geburt seine Sicht auf die Familiengeschichte sowie die Veränderungen in der Landwirtschaft entscheidend beeinflusst, hat er sich im Sommer 2020 auf den Weg gemacht und alle seine Geschwister - vier Schwestern und sechs Brüder - interviewt. Wie wuchsen sie als Bauernkinder auf? Was hat ihren Alltag bestimmt? Welche der ihnen aufgetragenen Arbeiten machten sie gern und welche empfanden sie als schlimm? Wie war der Kontakt zu den Nachbarn und wie der zum Dorf? Was haben sie damals vermisst? Worauf blicken sie positiv zurück?

Die Antworten der Geschwister sowie das Ergebnis einer gründlichen Recherche ergeben ein Bild der drastischen Veränderungen in der Landwirtschaft, die hier exemplarisch für den Hof Frie und die Bauerschaft dargestellt werden, sich aber sehr ähnlich in ganz Deutschland abgespielt haben. Am deutlichsten wird dies mit einem Blick zurück in die 1950-er und 1960-er Jahre: Kam die bäuerliche Verwandtschaft zu Besuch, war ein Rundgang durch den Rinderstall, bei dem die Männer fachsimpelten, immer üblich. Die Frauen sahen sich zeitgleich die eingeweckte Obst- und Gemüseernte an, die die Regale füllte.

Frie stellt auch fest, dass der Beruf des Bauern in dieser Zeit sehr viel öffentlicher war: Eine repräsentative Umfrage ergab 1955, dass das Melken auf dem fünften Platz der Tätigkeiten stand, die die Menschen sich zutrauten - nach Radfahren, Suppe kochen, schwimmen und stricken, aber vor Auto fahren. Welche Kuh wird heute noch von Hand gemolken? Auf Hoffesten steht manchmal eine Holzkuh, an der man sich ausprobieren kann. Das hat mit der Realität nichts mehr zu tun. Die Verbraucher haben kein konkretes Bild mehr von der Arbeit der Bauern und sich von der Landwirtschaft entfremdet. 
Vor etwa 60 Jahren sahen jedoch auch diejenigen, die mit der Landwirtschaft nichts zu tun hatten, Bauern arbeiten, vielfach noch lange mithilfe von Pferden oder Kühen, die den Pflug zogen. Das Berufsbild war insgesamt öffentlicher als heute.

Das Buch veranschaulicht, wie sich die Lebenswelt der Bauern nach und nach veränderte. Hatte man zuerst noch Personal, wurde dies mit der fortschreitenden Technisierung nicht mehr benötigt. Es kam der Zeitpunkt, an dem nur noch Familienmitglieder auf dem Hof arbeiteten. Die Anschaffung eines Traktors zog Folgeinvestitionen nach sich. Um den Hof zu modernisieren, wäre der Bau neuer Wirtschaftsgebäude nötig gewesen. Doch Vater Frie war dazu 1960 nicht mehr bereit: Er war nun fünfzig Jahre alt. Ewald Frie weist auf dessen starke körperliche Belastung nach Jahrzehnten in der Landwirtschaft hin: "Seine beste Zeit lag hinter ihm. Seinem Körper waren die harten Arbeitsjahre bereits anzusehen." Frie sen. registrierte, dass sich die Anforderungen an die Rinderzucht verändert hatten: Fleisch wurde weniger wichtig, nun war die Milchmenge das bedeutendste Kriterium, um die Qualität eines Tieres zu beurteilen. Fries Erfahrungen und Kenntnisse hatten sich überholt.

Aus dem, was Fries Geschwister über ihr Leben auf dem elterlichen Hof erzählen, wird sehr deutlich, wie sehr sich ihre Wahrnehmung unterschied aufgrund ihres Alters und welchen Einfluss die fortschreitenden gesellschaftlichen Veränderungen auf ihren Alltag hatten. Beurteilten die älteren die Gefriergenossenschaft, bei der sich mehrere Landwirte Gefriertruhen teilten, als Fortschritt, wurde sie von den jüngeren amüsiert belächelt. Auch das Verhältnis zu den Dorfbewohnern gestaltete sich je nach Alter der Brüder und Schwestern unterschiedlich.

Ewald Frie betrachtet auch die Lebensumstände der Bäuerinnen und deren Kinder bis in die 1970-er Jahre hinein, die gelinde gesagt hart waren. Fries Bruder Kaspar, der einige Jahre in einem kirchlichen Internat verbrachte, beschrieb, wie seine Sommerferien verliefen: "Sommerferien - du kamst nach Hause, umziehen, arbeiten. So. Und es gab ja keinen Tag, wo du nichts machen musstest, und nachher waren die Ferien zu Ende, wieder zum Internat."
Bevor Wasserleitungen in die Wohnhäuser und Ställe verlegt wurden, war es die Aufgabe der Bäuerinnen, die Tiere zu tränken. Eine Untersuchung über diese Zeit stellt fest, dass eine Bauersfrau täglich 461 Liter Wasser trug. Der gerade Gang war damals ein Anzeichen für ein auskömmliches Leben.

Auch der Hof Frie wurde moderner, aber nicht modern genug. Weniger Einnahmen führten zu geringeren Investitionen. Die Geschwister spürten immer wieder den Geldmangel, vor allem die jüngeren, die eine stärkere Verbindung zum Dorf hatten und sich eher mit anderen Kindern verglichen. Es zeichnete sich ab, dass der Hof in seiner bisherigen Form nicht mehr lange bestehen würde. Das hatte selbstverständlich für alle Kinder Konsequenzen.

Lesen?

Ich kenne die Landwirtschaft vor dem Umbruch nur aus den Erzählungen meiner Eltern, die in einer ähnlichen Umgebung wie die Frie-Geschwister aufgewachsen sind, wenn auch nicht in Nordrhein-Westfalen. Als ich ein Kind war, habe ich erlebt, wie die letzten Schweine aus dem Stall meiner Großmutter abgeholt wurden. Deshalb hat mich das, was Ewald Frie in seinem Buch Ein Hof und elf Geschwister schildert, sehr interessiert. 

Was Frie beschreibt, trifft der Untertitel seines Buches genau: Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben. Mit diesem Abschied geht der Untergang einer eigenen Lebensanschauung sowie eines Familienmodells innerhalb eines Berufsstands einher, mit allen Vor- und Nachteilen. Ein Hof und elf Geschwister hätte ebenso in anderen Teilen Deutschlands angesiedelt sein können, die Entwicklung ist überall ganz ähnlich verlaufen.

Das Buch hat seine Entstehung übrigens der Corona-Pandemie zu verdanken: Da Institute und Archive 2020 geschlossen wurden, musste Frie andere Projekte auf Eis legen und konnte sich um dieses kümmern. Man kann seine Zeit schlechter nutzen, als ein so interessantes Werk zu verfassen, das sogar noch den Deutschen Sachbuchpreis bekommen hat.

Ein Hof und elf Geschwister ist 2023 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet als gebundenes Buch 23 Euro, als E-Book 17,99 Euro sowie als Hörbuch 18,95 Euro.

 


Freitag, 9. Juni 2023

# 396 - Chemieunterricht im Kochstudio

Elizabeth Zott ist Chemikerin. Damit könnte eigentlich
vieles gesagt sein, aber das ist es nicht. Der Haken ist: Zotts Geschichte beginnt in Bonnie Garmus' Debütroman Eine Frage der Chemie Anfang der 1950-er Jahre an einer Universität in Kalifornien. Die USA sind damals hinsichtlich der Frauenrechte sehr konservativ. Die ideale Frau sieht ihre Erfüllung in einer Heirat und der Erziehung von Kindern, das Heim hat sauber und die Mägen der Familienmitglieder haben voll zu sein. Wenn eine Frau überhaupt berufstätig ist, dann nur in untergeordneten und schlecht bezahlten Positionen.

Doch Elizabeth Zott, die die Welt nur unter logischen Gesichtspunkten beurteilt, leuchtet dieses Lebenskonzept nicht ein. Sie hat einen Master-Abschluss in Chemie und sieht ihren Platz im Labor einer Hochschule. Die für die Karriere wichtige Promotion hat sie nicht erreicht, weil sie den Versuch ihres akademischen Betreuers, sie zu vergewaltigen, durch effektive Gegenwehr verhindern konnte. Da ihr der Übergriff ihres Doktorvaters von offizieller Seite nicht geglaubt wird, wird ihr die Zulassung zum Promotionsprogramm entzogen.

Elizabeth Zott ist überaus scharfsinnig und geht trotz aller Rückschläge unverdrossen davon aus, dass das menschliche Handeln nur rational bestimmt sein sollte. Dass sie so zur Außenseiterin wird, nimmt sie in Kauf. Ihr Leben ändert sich deutlich, als sie zufällig den brillanten Chemiker Calvin Evans kennenlernt, der bereits mehrmals für den Nobelpreis nominiert wurde. Sie setzen sich über alle Konventionen hinweg und leben als unverheiratetes Paar zusammen. Calvin möchte Elizabeth heiraten, aber die junge Frau ist auch hier konsequent: Sobald sie Calvins Frau ist, würde sie seinen Nachnamen annehmen müssen und wäre als Mrs Evans nur noch ein Anhängsel ihres Mannes, aber keine eigenständige Person mehr.

Elizabeth wird schwanger. Doch bei einem Unfall kommt Calvin mit nur 28 Jahren ums Leben, bevor die gemeinsame Tochter geboren wird. Die Hochschulleitung schwingt die Moralkeule und entlässt Elizabeth, weil man keine unverheiratete Schwangere im Kollegium duldet. Mit der Geburt der kleinen Mad ist Elizabeth eine alleinerziehende mittellose Mutter.

Durch einen Zufall lernt sie Walter Pine, den Produzenten von Nachmittagssendungen im örtlichen Fernsehstudio, kennen, der sie überredet, der Mittelpunkt einer täglichen Kochshow zu werden. Elizabeth hat Schwierigkeiten, sich in dieser Rolle zu sehen, aber irgendwoher muss ja das Geld kommen. Zu ihrer und Walters Überraschung wird die ungewöhnliche Sendung "Essen um sechs" zum Quotenhit, obwohl sich Elizabeth nicht an das für sie vorgesehene Skript hält. Anstatt nur lächelnd in den Töpfen zu rühren, erklärt sie dem Publikum, welche chemischen Prozesse für das Gelingen der Gerichte verantwortlich sind. Anstelle einer Schürze trägt sie einen Laborkittel. Am Ende einer jeden Sendung sagt sie in die Kamera: "Kinder, deckt den Tisch. Eure Mutter braucht einen Moment für sich." Klar, dass das nicht jedem gefällt. Die Misogynie lauert hinter jeder Ecke. Als Elizabeth dann noch beiläufig erwähnt, dass sie Atheistin ist, bricht etwas über sie herein, was man heute als Shitstorm bezeichnen würde.

Lesen?

Eine Frage der Chemie ist sehr unterhaltsam und spannend geschrieben, sorgt jedoch oft dafür, dass sich beim Lesen der Blutdruck erhöht. Wir reden zu Recht oft und anhaltend darüber, welchen Ungerechtigkeiten heutige moderne Frauen ausgesetzt sind - trotz einer mehr als 100-jährigen Emanzipationsgeschichte. Aber das, was Elizabeth Zott hier widerfährt, ist eine Aneinanderreihung von Zumutungen, die nichts anderes zum Ziel haben, als kluge Frauen wie sie klein zu halten und mundtot zu machen. 

Habe ich gerade "Lesen" geschrieben? Ich habe das Buch nicht gelesen, sondern gehört. Das Hörbuch ist bei Osterwoldaudio, einem Imprint von Hörbuch Hamburg, erschienen und wird von Luise Helm großartig gesprochen. Das wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2023 in der Kategorie "Beste Unterhaltung" honoriert.

Eine Frage der Chemie ist 2022 als Buch im Piper Verlag zum Preis von 24 Euro erschienen. Das Hörbuch kostet 16,95 Euro, das E-Book 19,99 Euro.

Hinweis: Die Kombination aus kochen und Chemie gab es in der Bücherkiste vor einiger Zeit bereits mit dem Sachbuch Was uns schmeckt und was dahinter steckt, das von der promovierten Chemikerin Nikola Schwarzer geschrieben wurde. Auch dieses Buch ist sehr empfehlenswert.

Montag, 5. Juni 2023

# 395 - Gespräche voller Erkenntnisse

Der Publizist und Schriftsteller Max Dax hat Erfahrung
darin, sich mit einer besonderen Gesprächsführung auf Augenhöhe mit seinen Interviewpartnerinnen und -partnern zu begeben und ihnen zahlreiche Informationen zu entlocken. 1992 gab er das erste Exemplar der Zeitschrift "Alert" heraus, das wie sein von Andy Warhol veröffentlichtes Vorbild "Interview" darauf setzte, die Interviewten nicht zu provozieren und keine Dissonanzen entstehen zu lassen. "Alert" gab es immerhin zwölf Jahre auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt.

Dax' Buch Dreißig Gespräche (veröffentlicht 2008) wurde zu einem Interview-Klassiker. Mit Was ich sah, war die freie Welt knüpft er daran an und stellt erneut Interviews mit mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vor. 
Für den Einstieg wird jedoch Dax befragt. Die Publizistin und Autorin Katarina Holländer befragt ihn in einem per E-Mail geführten Interview u. a. nach seiner Motivation für die Gespräche und deren besonderem Wesen.   

Die spezielle Atmosphäre offenbart sich jedoch schon gleich beim ersten Interview, das Dax 2021 mit Horst Scheuer geführt hat. Scheuer ist ein insbesondere in Wien bekannter Gastronom, der dort und in Berlin mehrere Lokale betrieben hat, die zu Publikumsmagneten wurden. Dax' Fragen sind durch Wohlwollen geprägt, ohne dass sich der Autor anbiedern würde. Sie sind wie ein Schubs, den man einem Ball gibt, und bringen den interviewten Scheuer zum Erzählen - auch über die eigentliche Fragestellung hinaus. Schnell fallen die ersten Namen: Michel Würthle, Ingrid und Oswald Wiener sowie ihre Tochter Sarah (genau, die Fernsehköchin). Ihnen wird man in diesem Buch noch gesondert begegnen, und sowohl sie wie auch alle anderen Interviewpartnerinnen und -partner werden sich Dax öffnen und viel von sich preisgeben.

Der Untertitel des Buches 24 Gespräche über die Vorstellungskraft weist darauf hin, was alle, die hier zwischen 2001 und 2021 zu Wort gekommen sind, in ihrem Leben angetrieben hat: die Vorstellung dessen, was sein könnte und was sie erreichen könnten.
Der Kanon Verlag bewirbt das Buch auf seiner Homepage unter anderem mit diesem Satz: "
Max Dax verführt 24 weltberühmte und prägende Künstler: innen unserer Zeit zu den überraschendsten Antworten." Tatsächlich sind es ein paar mehr, denn in einem Fall handelt es sich nicht um ein Interview, sondern in einer Oral History tauschen sich u. a. der Schauspieler Bruno Brunnet, der Künstler Günter Brus, die Gastronomen Stephan Landwehr und Michael Würthle sowie das Ehepaar Wiener und ihre Töchter über das einst in Berlin legendäre Lokal "Exil" aus, in dem etliche Promis wie z. B. David Bowie, Quincy Jones oder Max Frisch ab 1972 ein und aus gingen. Amüsant liest sich der kurze Hinweis auf Christo: Der damals noch unbekannte Verpackungskünstler war gerührt, als ihm Sarah Wiener seinen Nachtisch einpackte.

Dax' Hinweis auf "weltberühmte" Künstler im Untertitel stimmt vermutlich nur, wenn man sich wie er seit Jahrzehnten in der Kunst- und Kulturszene bewegt. Mir waren selbstverständlich Grace Jones, Yoko Ono oder Björk bekannt. Namen wie Joe Zawinul, Mimmo Siclari oder Irmin Schmidt machten mich jedoch ratlos. Zum Glück lassen sich solche Bildungslücken in Sekundenschnelle beheben: Der Österreicher Zawinul war einer der einflussreichsten Jazz-Musiker des letzten Jahrhunderts, der Italiener Siclari hat Lieder der kalabresischen Mafia, der 'Ndrangheta, seit den 1970-er Jahren auf Musik-Kassetten eingesungen, und Irmin Schmidt ist einer der Gründer der 1968 gegründeten Avantgarde-Band CAN, die vor allem in den 1960-er und 1970-er Jahren ihre Erfolge hatte.

Die Interviews mit ihnen zu lesen, ist für sich genommen schon spannend. Doch es ist wirklich hilfreich, parallel zur Lektüre die Musik der Künstler zu hören und in ihre Zeit einzutauchen. Das gilt beispielsweise auch für Tony Bennett, mit dem sich Dax 2015 unterhalten hat. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den 1926 geborenen Sänger und Entertainer in meiner Jugend als Interpreten von, nun ja, Kitsch wahrgenommen habe. Tatsächlich gehört er zu den bekanntesten Jazz-Interpreten der Welt und hat mit Lady Gaga zwei Alben aufgenommen (2014 und 2021). Ein gemeinsamer Auftritt der beiden im Jahr 2021 war gleichzeitig auch Bennetts letzter: Seine 2016 diagnostizierte Alzheimer-Erkrankung lässt es nicht mehr zu, weiterhin musikalisch tätig zu sein.

Lesen?

Was ich sah, war die freie Welt ist so etwas wie eine Entführung. Bekannte Persönlichkeiten öffnen sich Dax gegenüber auf eine andere Weise, als man es von Interviews der (Boulevard-)Presse gewohnt ist. Man reist mit ihnen Jahrzehnte in der Kulturgeschichte zurück und erhält Informationen über Zusammenhänge und Hintergründe, die man woanders noch nicht gelesen hat. An dieser Stelle wiederhole ich meinen Tipp, parallel zum Lesen die jeweils genannte Musik zu hören.

Was ich sah, war die freie Welt ist 2022 im Kanon Verlag Berlin erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro.

Tipp: Noch mehr Interviews von und mit Max Dax gibt es hier.