Dienstag, 12. April 2016

# 46 - Schwedische Schwermut

Die Geschichte einer schwedischen Kleinfamilie

 

In Die Raben erzählt Tomas Bannerhed über das Leben einer Bauernfamilie in Småland in den 1970-er Jahren: Im Mittelpunkt steht der zu Beginn des Buchs 12-jährige Klas, der wie ein Gefangener seines eigenen Lebens wirkt. Seine sehr guten Schulnoten interessieren seinen Vater Tom Agne Georgsson ebensowenig wie sein großes Interesse an der Natur, insbesondere an Vögeln. Und Klas weiß fast alles über die Vögel in seiner Heimat: Er kennt ihre Gewohnheiten, ihre Rufe und die Routen der Zugvögel. So oft es geht, streift er mit dem Fernglas in der Hand durch die Umgebung und beobachtet die Tiere. Für seinen Vater ist das nur eine Form der Drückebergerei, um der schweren Feldarbeit aus dem Weg zu gehen.

Wolken ziehen über der Familie auf

 

Klas schwankt immer wieder in seiner Haltung gegenüber seinem Vater. Der vom Leben gezeichnete Mann hat nie etwas anderes als das einfache Leben und die Landarbeit kennengelernt und stellt sich vor, dass sein älterer Sohn Klas den Hof übernehmen soll, wenn er alt genug dazu ist. Doch der kleine Familienbetrieb steht wirtschaftlich bereits am Abgrund. Die Schuld gibt der Vater regelmäßig dem Wetter. Aber sein Sohn hat kein Interesse daran, das entbehrungsreiche Leben seines Urgroßvaters, Großvaters und Vaters zu führen - auf diese bäuerliche Ahnenreihe weist ihn Agne gern hin, doch er erreicht damit das Gegenteil dessen, was er beabsichtigt.

Die Mutter ist es, die den Familienfrieden mit aller Kraft aufrecht erhält. Sie ist nicht zufrieden mit ihrem eintönigen Leben, das von der Haus- und der Feldarbeit bestimmt wird und in dem es fast keinen Platz für Freiheiten und Heiterkeit gibt. Sie ist der ruhende Pol nicht nur für Klas und Agne, sondern auch für Klas' jüngeren Bruder Göran. Die Mutter nimmt auch wahr, dass sich ihr Mann immer mehr überfordert fühlt und versucht ständig, ihn zu beruhigen. Doch der gleitet immer mehr in den Wahnsinn ab und entwickelt sich zu einer Gefahr nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie. 
Klas empfindet das Verhalten seines Vaters immer stärker als Bedrohung und beginnt, sich wieder nachts einzunässen. Als er erfährt, dass bereits der Großvater psychisch krank gewesen ist und sich umgebracht hat, beginnt er auch bei sich, nach Anzeichen von Wahnsinn zu suchen.

Schwierige Einschätzung

 

Beim Lesen von Die Raben hatte ich zwiespältige Empfindungen: Da sind einerseits die poetische Sprache und der genaue Blick auf Details, die es dem Leser ermöglichen, sich vollkommen in den jungen Klas einzufühlen. Aber es gibt auch den fast durchgehend sehr präsenten Eindruck, dass über der Familie ständig ein dickes Federkissen liegt, das ein normales Leben erschwert und das sich - je nach der augenblicklichen Verfassung des Vaters - jederzeit auf die Menschen legen und ihnen auf ihrem Hof die Luft zum Atmen nehmen kann. Die Handlung läuft schließlich auf ein Ereignis zu, das die Situation der Familie völlig ändert.

Die Raben ist in der deutschsprachigen Ausgabe 2015 im btb Verlag erschienen. Tomas Bannerhed hat für die schwedische Originalausgabe, die 2011 unter dem Titel "Korparna" erschienen ist, im selben Jahr den in Schweden renommierten August-Preis erhalten - interessanterweise in der Kategorie 'Fiction'. 
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Die Raben kann als gebundenes Buch zum Preis von 21,99 € gekauft werden. Die Kindle- sowie die epub-Edition kosten jeweils 17,99 €.
 

Freitag, 8. April 2016

# 45 - Ein Abschied

Ein Buch über Liebe, Geduld und Gedankenlosigkeit

 

Heute geht es um das Buch Sechs Jahre von Charlotte Link. Die für ihre Kriminalromane bekannte Schriftstellerin hat sich auf ein ihr bislang völlig fremdes Terrain gewagt - vor allem, weil sie es ihrer Schwester versprochen hatte.

Eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffnungsschimmern und Hoffnungslosigkeit

 

Anfang 2006 wird bei Charlotte Links Schwester Franziska im Alter von 41 Jahren Darmkrebs diagnostiziert. Die Situation wird von den Ärzten als kritisch eingeschätzt: Sie befürchten, dass bereits die Lymphknoten und das Bauchfell befallen sein könnten. Die Behandlung mit Chemotherapie, Bestrahlung und anschließender Operation beginnt praktisch sofort. Was jetzt so wirken mag, als hätte Charlotte Link das Wechselspiel der unterschiedlichen Therapieformen auf ein ganzes Buch ausgedehnt, ist falsch. Das Schreiben ist ihr Weg, sich mit dem langsamen Sterben ihrer ihr sehr nahestehenden Schwester auseinanderzusetzen und den Verlust zu verarbeiten.

Bereits als junge Frau war Franziska zum ersten Mal an Krebs erkrankt: Sie litt unter Morbus Hodgkin, einer sehr seltenen Erkrankung des lympathischen Systems, die mithilfe von Chemo- und Strahlentherapie gut heilbar ist, wenn sie früh erkannt wird. So war es auch bei Franziska: 17 Jahre lang galt sie als krebsfrei, doch der dann auftretende Darmkrebs soll nicht zu ihrem Hauptproblem werden. Was ihr in den nächsten Jahren zu schaffen machen wird, sind die Vernarbungen auf der Lunge, die Jahrzehnte zuvor im Zuge der Morbus-Hodgkin-Therapie entstanden sind: Sie beginnen, sich auszubreiten und die Lungenkapazitäten allmählich dramatisch zu reduzieren. Franziska wird sechs Jahre mit allen nur erdenklichen Höhen und Tiefen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen erleben. Sie klammert sich an ihr Leben und will sehen können, wie ihre Kinder aufwachsen.

Menschlichkeit und Empathie - oft vergeblich gesucht

 

Innerhalb des ersten dieser sechs schweren Jahre stellen drei Ärzte unabhängig vomeinander Diagnosen, die alle mit Prognosen über Franziskas noch zu erwartende Lebenszeit einhergehen und sich später als falsch erweisen. Diese Diagnosen werden mit Attributen wie "Sie leben Ende des Jahres nicht mehr" oder "Nichts zu machen!" versehen und zum Teil so gefühlskalt und gnadenlos vorgetragen, dass sie in der Patientin schwere seelische Erschütterungen hervorrufen. Für psychisch labilere Menschen als es Charlotte Links Schwester war, können solche Situationen der Anlass für einen Suizid sein. Doch auch das Verhalten des Pflegepersonals in einer der beschriebenen Kliniken eignet sich nicht dazu, Menschen die Angst vor dem Klinikaufenthalt zu nehmen.

Die Familie trifft jedoch bei ihrer Suche nach geeigneten Behandlungsmethoden auch auf sehr gute Mediziner, die so sind, wie sie sich jeder Patient wünscht: kompetent, geduldig und einfühlsam. In den Krankenhäusern, in denen sie tätig sind, geht auch das Pflegepersonal sehr fürsorglich mit den Patienten um. Möglicherweise gibt es hier einen Zusammenhang.

Kann man solch ein Buch überhaupt bewerten?

 

Ich habe vereinzelte Rezensionen gelesen, in denen Charlotte Link vorgeworfen wurde, das Schicksal der Schwester und damit der ganzen Familie für ihr Buch auszuschlachten. Auch, dass es noch viele andere Menschen gibt, die genauso leiden wie Franziska, aber deren Schicksal nicht öffentlich wird, weil sie nicht prominent sind, wurde kritisiert. Prominenz hat jedoch hier einen großen Voteil: Die Stimme einer bekannten Person wird gehört, sie kann ihren Einfluss in der Öffentlichkeit und auf Entscheidungsträger nutzen. So war es auch hier: Noch während sie ihr Buch schrieb, wurde Charlotte Link bereits von zwei Kliniken um Lesungen gebeten. Den beiden Krankenhäusern ging es um den Umgang mit Schwerstkranken bzw. die Spätfolgen der Strahlentherapie. Die Medizin hat in den letzten Jahren das Dilemma einer klassischen Krebstherapie erkannt: Auch wenn die Erkrankung bei einem Patienten besiegt werden kann, kann er sich auch nach vielen Jahren seines Lebens nicht sicher sein.

Sechs Jahre ist ein - naturgemäß - sehr emotionales Buch, das die Hilflosigkeit, in der unzählige Schwerstkranke und ihre Angehörigen stecken, zeigt. Es ist aber auch ein Buch voller Hoffnung und der Botschaft, in einer schweren Situation erst dann aufzugeben, wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind. Es ist kein Buch, bei dem man nach dem Lesen der letzten Zeile nahtlos zum Tagesgeschehen zurückkehren kann.

Sechs Jahre wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist beim Blanvalet Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €. Die Kindle- und epub-Edition ist für 8,99 €, das Taschenbuch für 9,99 € und die Audio-CD für 14,99 € erhältlich.

Sonntag, 3. April 2016

Der März: Hörbuch, Heimwerken und ganz verschiedene Flüchtlinge


 

Sprechende Tiere und zugedröhnte Journalisten waren im März kein Problem!

 

 

Mindestens die Hälfte des Monats habe ich mich hier Büchern gewidmet, die inhaltlich ziemlich abgefahren waren. Es ging am 4. März los mit

Hit & Run von Doug Johnstone. Dass sich die Hauptfigur, der Lokaljournalist Billy Blackmore, bei seinem Lebenswandel überhaupt noch auf den Beinen halten und sogar Auto fahren kann, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Er schafft es in seinem desolaten Zustand, sich nach dem üblen Auftakt, der mit einem Toten endet, in immer ausweglosere Situationen zu reiten. Ein guter Plot, der durch seinen vorhersehbaren Ausgang leider enorm verliert. Darum reicht es meiner Meinung nach nur für 





Zu diesem Thriller gibt es auch einen Buchtrailer!

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Mit dem Buch vom 11. März hatte ich gehofft, einen richtig spannenden Thriller lesen zu können. Immerhin ist der Autor der bekannte Wolfgang Hohlbein: Mörderhotel wartete mit unzähligen Litern fließendem und spritzendem Blut, abgetrennten Körperteilen und weiteren Scheußlichkeiten auf. Da das allein noch nicht für echte Spannung, sondern allenfalls für Ekel sorgt, vergebe ich auch für dieses Buch nur







Der Buch- und Medienblog hat zum Erscheinen des Buchs ein Interview mit Wolfgang Hohlbein geführt.

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Das erste echte Highlight im März war ausgerechnet ein Selbstmach-Buch. Normalerweise mache ich einen mittelgroßen Bogen um Bücher dieses Typus, aber dieses ist eine Ausnahme: In Repair Café haben die sechs Autoren in Worten ud Bildern zusammengefasst, was sie in ihrer seit ein paar Jahren stattfindenden Veranstaltung in Stuttgart zusammen mit den Besuchern reparieren konnten. Das Buch gibt viele absolut alltagstaugliche Hinweise, wie man so manche Dinge, die man eventuell wegen eines kleinen Defekts wegwerfen würde, wieder auf Vordermann bringen kann. Für diesen Lichtblick gebe ich






Das Repair Café Stuttgart ist mittlerweile noch professioneller, aber dennoch weiterhin ehrenamtlich aktiv. Informationen stellt die sehr gut gemachte Homepage zur Verfügung.

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Am 18. März habe ich euch ein Hörbuch vorgestellt, das von Cathlen Gawlich sehr gut präsentiert wurde: Heilige Kuh ist das erste Buch von David Duchovny, der bislang als Schauspieler vor allem in Fernsehserien sehr erfolgreich war. Es ist so etwas wie eine moderne Fabel, in der der Autor eine ganze Reihe von Botschaften transportiert. Es geht um Massentierhaltung und -schlachtung, Würde und Achtung und noch einiges mehr. In der Hauptrolle ist eine sprechende Kuh, die von anderen ebenfalls sprechenden Tieren mehr oder weniger gut unterstützt wird. Etwa ab der Hälfte fand ich die Handlung anstrengend und es hat mich etwas Ausdauer gekostet, bis zum Ende durchzuhalten. Darum reicht es leider nur für






David Duchovny hat sich in einem Interview den Fragen zu seinem Erstlingswerk gestellt:




  


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Weil ich hier bereits über einen Roman mit dem Plot "arme Flüchtlinge treffen auf reiche Touristen"  (siehe unter Boat People) geschrieben hatte, hat mich interessiert, wie Merle Kröger mit ihrem als Krimi bezeichneten Buch Havarie diesen Faden aufnehmen würde. Fazit: Es ist schon wegen seiner Sprache ein sehr ungewöhnliches Buch, das meiner Meinung nach auch kein Krimi ist, aber sie hat dieses Szenario sehr treffend dargestellt. Sie legt dabei nicht nur den Fokus auf das traurige Schicksal der Flüchtlinge, sondern zeigt, dass auch in den Leben der Menschen, die den Flüchtlingen begegnen, so einige Haken und Ösen sind. Dafür gibt es







Merle Kröger hat im September für ihr Buch den Krimi-Preis von Radio Bremen und in diesem Jahr den Deutschen Krimipreis gewonnen.

Ich hoffe, euch hat meine kleine Rückschau gefallen und freue mich über eure Kommentare. 




Freitag, 1. April 2016

# 44 - Eine Atombombe auf dem Weg nach Schweden

Weltgeschichte humorvoll verpackt

 

Ich habe beim ersten Buch von Jonas Jonasson "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" etliche Male gelacht und mich auf seinen zweiten Roman Die Analphabetin, die rechnen konnte gefreut. Die Kombination aus Weltgeschichte und skurrilem Humor hatte mich damals bestens unterhalten.

Afrika als Wiege des Weltgeschehens

 

1961 wird in einem Slum im südafrikanischen Soweto Nombeko Mayeki geboren. Ihr Schicksal der ewigen Armut scheint von Anfang an besiegelt zu sein. Tatsächlich wird sie ihren Vater nie kennenlernen, der ihre Mutter bereits verlassen hat, als Nombeko nichts weiter als eine befruchtete Eizelle war. Die Mutter wiederum betrauert ihr Schicksal mithilfe von Medikamenten. Als Nombeko im Alter von fünf Jahren beginnt, wie viele andere als Latrinentonnenträgerin zu arbeiten und sich dadurch das Familieneinkommen erhöht, erweitert sich das Repertoire der Mutter auf Alkohol und andere Suchtmittel. Die finanzielle Situation der beiden verbessert sich durch Nombekos Einkommen also nicht. Fünf Jahre später stellt sie ihrer Mutter ein Ultimatum: Sie soll entweder aufhören, das Geld zu verschwenden oder sich eine andere Lösung überlegen. Gesagt, getan: Kurz danach stirbt die Mutter, und Nombeko muss ihr Geld mit niemandem mehr teilen. Doch das Kind ist keine typische Zehnjährige, sondern fällt schon früh durch sein Rechentalent und seine Cleverness auf. So schafft Nombeko es auch, einen Mann, der ihr an die Wäsche will, nicht nur davon abzuhalten, sondern ihn mit einer Drohung dazu zu bringen, ihr Lesen beizubringen. Die Phase, in der Nombeko Analphabetin ist, nimmt also in der Handlung nur einen sehr kleinen Teil ein. Als der Mann unerwartet zu Tode kommt, wird sie auf einen Schlag wohlhabend: Ihr war schon lange das verdächtige Funkeln im Mund ihres Lesementors aufgefallen, und bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Zahnfüllungen des Toten als Diamanten. Getreu dem Motto "Wo etwas ist, da ist auch noch mehr", findet sie im Haus des Mannes unter dem Linoleumbelag des Fußbodens eine noch größere Menge Diamanten, die sie sich in ihre einzige Jacke einnäht. 

Die eigene Sichtweise eines Apartheidregimes

 

Nombeko kann sich nicht lange über ihren Fund freuen: Der stockbesoffene Ingenieur  Engelbrecht van der Westhuizen überfährt sie mit seinem Auto auf dem Gehweg. Eigentlich sollte die Schuldfrage klar sein, doch die Apartheid hatte ihre eigenen Gesetze: Schwer verletzt wird sie vor Gericht gestellt und mit einer abstrusen Begründung dazu verurteilt, das gegen sie verhängte Bußgeld innerhalb von sieben Jahren bei Westhuizen als Putzfrau abzuarbeiten. Ihre Diamanten verschweigt sie wohlweislich. Ihr Plan, bei der erstbesten Gelegenheit zu fliehen, erledigt sich kurz nach der Verurteilung: Westhuizen ist der für das geheime südafrikanische Atomwaffenprogramm verantwortliche Ingenieur und lebt und arbeitet in Pelindaba - einem hermetisch abgeschotteten Forschungsgelände, das von Wärtern und Wachhunden kontrolliert und mit Starkstromzäunen gesichert wird. Doch der Aufenthalt hat eine positive Seite: Nombeko hat Zugang zur dortigen Bibliothek und erwirbt sich im Laufe der Jahre so viel Wissen, dass sie für den völlig unfähigen Ingenieur zu einer unentbehrlichen Stütze wird. Immer wieder gelingt es ihr, Westhuizens Unkenntnis zu vertuschen und so seinen Kopf zu retten - und ihren eigenen gleich mit, weil sie als Geheimnisträgerin keine Stunde mehr zu leben hätte, wenn die Dummheit ihres Chefs aufflöge. Selbstverständlich weiß er das nicht zu würdigen, weil er in seinem rassistischen Schwarz-Weiß-Denkmuster verhaftet ist.

Der Wahnwitz hat Methode

 

Ohne zu viel verraten zu müssen kann gesagt werden, dass Nombeko zwar mehr als sieben Jahre in Pelindaba bleibt, aber es ihr gelingt, mithilfe von zwei israelischen Geheimagenten zu fliehen. Israel ist zwischenzeitlich Südafrikas Atombomben-Kooperationspartner geworden. Doch bei der Bombenproduktion unterläuft Westhuizen ein nicht mehr zu tilgender Fehler: Statt der von der Regierung geforderten sechs hat er versehentlich sieben Atombomben bauen lassen. Doch da ändert sich die Situation: Der ANC bekommt politischen Aufwind, und der weiße Präsident Botha will auf keinen Fall, dass bei einem eventuellen Machtwechsel der neuen schwarzen Regierung Atomwaffen in die Hände fallen. Also ordnet er die Zerstörung der sechs Exemplare an, deren Existenz bekannt ist und verpackt dies als Selbstmarketing-Aktion. Doch nun hat Ingenieur Westhuizen ein Problem: Wohin mit der siebten Bombe?

Hier kommt wieder Nombeko ins Spiel. Sie will nach Schweden fliehen, und bittet die drei Chinesinnen in der Poststelle von Pelindaba, mit denen sie befreundet ist, um einen Gefallen: Sie sollen ein Paket mit zehn Kilogramm von Nombekos heißgeliebtem getrockneten Antilopenfleisch an die israelische Botschaft in Stockholm und eine größere Kiste zusammen mit den Diplomatenpoststücken nach Jerusalem senden. Doch so einfach soll es nicht werden, sich der überzähligen Atombombe zu entledigen.

Als politischer Flüchtling kommt Nombeko in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Stockholm und lernt dort zufällig den gleichaltrigen Holger Qvist kennen, der dort gerade Bettdecken und Kissen ausliefert. Holger hat einen gleichnamigen Zwillingsbruder, der als der Erstgeborene der beiden gilt und nur deshalb als einziger bei seiner Geburt dem Standesamt gemeldet wurde: Ihr Vater Ingmar war ein glühender Republikaner, der dem staatlichen und vom Königshaus dominierten System zutiefst misstraute und seine Söhne immer abwechselnd zur Schule schickte. Die "gewonnene" Zeit nutzte er, um seinen Nachwuchs in der richtigen Gesinnung zu unterrichten, damit sie nach seinem Tod in seine Fußstapfen treten und das Königshaus weiter bekämpfen können. Die Afrikanerin und der eigentlich nicht existierende Schwede kommen sich näher.

Erinnerung an den alten Wein in neuen Schläuchen

 

So gern ich Jonassons erstes Buch gelesen habe, so wenig habe ich dieses bis zum Schluss durchgehalten. Der Autor hält sich zwar an die Fakten der damaligen Weltpolitik, wobei die meisten Protagonisten ihr Fett abkriegen; die Wendungen werden im Laufe der Handlung jedoch immer abstruser und ähneln in ihrer Struktur so sehr dem "Hundertjährigen", dass ich angefangen habe, mich zu langweilen. Jonasson hat das Prinzip seines durchschlagenden Erstlingserfolgs kurzerhand ein weiteres Mal angewendet - nur der Ausgangspunkt und die Figuren wurden neu "eingekleidet". Das hat mich nicht überzeugt und wird mich eher nicht dazu bringen, Jonassons drittes Buch zu lesen, wenn es denn eines geben sollte.

Die Analphabetin, die rechnen konnte ist bereits im November 2013 erschienen und als Hardcover für 19,99 € erhältlich. Die Kindle- und die epub-Ausgabe kosten je 15,99 €, die Audio-Edition 7,99 €.

Freitag, 25. März 2016

# 43 - Schlauchboot trifft Kreuzfahrtschiff

Vier Schiffe und elf Schicksale

 

Das Thema Flüchtlinge und ihre Konfrontation mit Touristen gab es in diesem Blog bereits: Mit "Boat People" von Roland Künzel hatte ich im Januar ein Buch vorgestellt, das diese Konstellation aufgegriffen hat. Doch so augenscheinlich diese Übereinstimmung zum heutigen Titel sein mag, so deutlich wird der Unterschied schon nach den ersten Seiten: Havarie von Merle Kröger nimmt sich der ganzen Tragik an, die in der Situation der Flüchtlinge liegt, die in Seelenverkäufern über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Doch die Autorin lenkt den Blick auch auf andere Personen, die in irgendeiner Weise mit ihnen in Kontakt kommen.

Das Mittelmeer als Treffpunkt der Welt

 

Das drittgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt, die "Spirit of Europe", fährt mit 5.000 Menschen über das Mittelmeer. Unter ihnen ist auch Marwan Fakhouri, ein syrischer Arzt, der aus Aleppo geflohen ist und nun als Illegaler in der Bordwäscherei arbeitet. Doch es gibt eine Komplikation: Fakhouri bricht zusammen, und die sichtlich überforderte Bordärztin diagnostiziert eine Hirnblutung. Der Patient müsste sofort ins Krankenhaus. Doch Nikhil Mehta, der Sicherheitschef, spielt gedanklich die Alternativen durch: Der nächste Hafen Palma de Mallorca wird erst am nächsten Morgen erreicht, das ist zu spät. Die andere Option ist, einen Hubschrauber anzufordern und den Kranken nach Alicante oder Almería zu transportieren und dort operieren zu lassen. Das zöge hohe Kosten und deswegen zwangsläufig die Kritik der Konzernleitung nach sich. Seine Karriere wäre beendet, er könnte seine Familie in Indien nicht mehr unterstützen. Klar ist nur: Der Syrer muss runter von Bord, irgendwie. Mehta findet eine Lösung. Da begegnet die "Spirit of Europe" einem Schlauchboot mit Flüchtlingen in Seenot.

Im Hafen von Oran (Algerien) legt der unter irischer Flagge fahrende Frachter "Siobhan" ab. Der ukrainische Chef-Ingenieur Oleksij Lewtschenko steht an der Reling und beobachtet ein Boot der Küstenwache, das an der Mole festmacht. Ein nasses Bündel wird an Land geworfen. Lewtschenko ist klar, worum es sich dabei handelt: Um einen Toten, der aus dem Mittelmeer geborgen wurde, einen Flüchtling.

Dies sind nur zwei von elf Personen, auf die Merle Kröger in ihrem Buch den Blick wie durch ein Brennglas richtet. Alle haben eines gemeinsam: In ihren Biographien befinden sich Brüche, die sie durch ihr ganzes Leben begleiten. Das gilt für die gutsituierte Passagierin Sybille Malinowski, die in einem fortgeschrittenen Stadium an der Parkinson-Krankheit leidet und in ihrer Kindheit im 2. Weltkrieg Flucht und Vertreibung erlebt hat ebenso wie für den philippinischen Bordmusiker Joseph Quezón, der sich heimlich durch Prostitution Geld dazuverdient. Die Autorin lässt das Kreuzfahrtschiff, den Frachter, ein Seenotrettungsschiff und ein Schlauchboot, das mit anfangs 12 algerischen Flüchtlingen auf dem Weg in eine bessere Zukunft besetzt ist, einander auf dem Mittelmeer begegnen. Oft, aber nicht immer siegt bei diesen Begegnungen das Geld über die Menschlichkeit.


Ein klassischer Krimi?

Der Argument Verlag, der Havarie herausgebracht hat, hat den Titel in seine Reihe der "Ariadne Kriminalromane" eingefügt. Auch die Wochenzeitschrift DIE ZEIT führte ihn in der KrimiZEIT auf dem 3. Platz. Ich kann diese Zuordnung nicht nachvollziehen, erst recht nicht vor dem Hintergrund der Gedanken, die sich die ZEIT selbst 2010 über das, was einen Krimi ausmacht, gemacht hat. Es gibt zwei Tote, und über die Todesursache der einen Person herrscht bis zum Ende des Buches Unklarheit. Aber Tote allein machen noch keinen Krimi aus.
Merle Kröger hat für ihren Roman (diese Bezeichnung geht fast immer) einen ungewöhnlichen Sprachstil gewählt. Sie arbeitet mit kurzen, prägnanten Sätzen, die die Szenen auf den Punkt bringen. Als etwas irritierend habe ich die englischen Einsprengsel empfunden, die den jeweiligen Personen vermutlich eine coole Aura geben sollten. 
Die Personen werden dem Leser authentisch nahegebracht, sodass man sich auch in die Entscheidungszwänge der Handelnden hineinversetzen kann, ohne ihr Tun unbedingt gutheißen zu müssen. Havarie ist ein lesenswertes Buch, das seinen Lesern die Komplexität des brandaktuellen Flüchtlingsthemas etwas näherbringt. 

Merle Kröger ist auch als Filmproduzentin tätig und hat Havarie als Film herausgebracht. Die Premiere fand Anfang Februar im Rahmen der Berlinale statt.

Die gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) kostet 15,-- €, die epub- oder Kindle-Edition 9,99 €.


Vielen Dank!

Das Buch Havarie wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung
 



 

Freitag, 18. März 2016

# 42 - Schauspieler lässt Kuh reisen

 Auswandern leicht gemacht

 

Heute stelle ich euch zum ersten Mal ein Hörbuch vor. Ich bin eigentlich eher ein Fan von "richtigen" Büchern, aber als ich Heilige Kuh bekam, hat mich interessiert, was dahintersteckt. Es stammt von David Duchovny, der als Schauspieler durch seine Hauptrollen in "Akte X" und "Californication" bekannt geworden ist. Dass er vor seiner Karriere als Schauspieler einen Abschluss in Literaturwissenschaften an der renommierten Princeton University erworben hat, dürften nur wenige wissen.

Kuh trifft auf Realität

 

Die 3-jährige Kuh Elsie lebt ein  ziemlich geruhsames Leben auf einer Farm in den USA, wo sie die Zeit mit ihrer besten Freundin Mallory schwatzend und wiederkäuend verbringt. Beiden ist gemeinsam, dass ihre Mütter ohne Ankündigung verschwanden und sie nicht wissen, wo sie sich jetzt aufhalten. Das wundert sie jedoch nicht besonders, weil sie es so auch bei allen anderen Kühen beobachtet haben und für den normalen Lauf der Dinge halten. Doch eines Tages trabt Elsie am Haus ihres Bauern gerade dann vorbei, als dort im Wohnzimmer im Fernsehen eine Dokumentation über die Massenschlachtungen in Schlachthöfen gezeigt wird. Sie ist entsetzt und kann das Gesehene kaum verkraften. Ihrer Freundin erzählt sie nichts davon. Bei einem weiteren TV-Besuch vor dem Wohnzimmerfenster erfährt Elsie, dass Kühe in Indien nicht geschlachtet, sondern als heilige Tiere verehrt und gepflegt werden. Indien wird zu ihrem Traumland, und Elsie beschließt zu fliehen und künftig dort zu leben. Doch unter den Tieren auf einem Bauernhof bleibt auch das größte Geheimnis nicht geheim. So kommt es, dass sich ihr auch Shalom, ein zum Judentum konvertiertes Schwein, und der Truthahn Tom anschließen wollen. Deren Ziele sind jedoch ganz andere. Shalom möchte den Rest seines Lebens in Israel verbringen, wo sein Fleisch verschmäht wird, während es Tom in die Türkei zieht: Ist die Namensgleichheit zwischen den englischen Bezeichnungen für Truthahn und Türkei - "Turkey"- nicht Beweis genug, dass es ihm dort gutgehen wird? Aber zunächst brauchen sie einander, um die Flucht in die Welt außerhalb der Farm zu wagen.

Transport von Botschaften 

 

Nach allem, was ich über David Duchovny gelesen habe, ist er kein konsequenter Vegetarier, würde jedoch selbst kein Essen, das aus Fisch oder Fleisch besteht, zubereiten. Das, was er seinen Lesern vermitteln will, spricht die Kuh Elsie für ihn aus: Es ist grundsätzlich in Ordnung, dass sowohl Tiere als auch Menschen einander (fr)essen, wenn es tatsächlich dazu dient, den Nahrungsbedarf zu decken. Dass für die Massenproduktion von Fleisch die Tiere jedoch unter unwürdigen Umständen leben und sterben müssen, wird scharf verurteilt. Elsie wird auch nicht müde, immer wieder für gegenseitige Toleranz zu werben und spricht den Hörer dabei auch direkt an. Diesen Botschaften werden die meisten Menschen zustimmen, sie sind jedoch nicht neu und taugen meiner Meinung nach innerhalb dieser Handlung nicht dazu, jemanden zum Nachdenken zu bewegen.

Die Sprecherin Cathlen Gawlich ist Schauspielerin und hat Heilige Kuh nicht einfach nur vorgelesen, sondern den beteiligten Tieren - darunter auch ein Bombenspürhund mit kölschem Dialekt und ein Kamel, das als Model in der Werbung für eine Zigarettenmarke berühmt geworden ist - Leben eingehaucht. Sie gibt jedem Tier eine andere Klangfarbe und lässt Shalom Jiddisch sprechen und Tom im östereichischen Dialekt psychologische Betrachtungen à la Sigmund Freud vortragen. Aber wie das nun mal so ist: Jedes Buch ist Geschmackssache, und was zu Beginn noch amüsant war, begann mir im Laufe des Zuhörens auf die Nerven zu gehen. Wie gut die Übersetzung von Timur Vernes war, kann man nur beurteilen, wenn man den Originaltext gelesen hat. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass eine Geschichte, die von einem Amerikaner geschrieben wird und in den USA ihren Anfang nimmt, an das deutsche Publikum angepasst wird, indem z. B. auf Theo Lingen verwiesen wird. Auch der Sprachstil, der vermutlich besonders jugendlich wirken soll, macht das Zuhören anstrengend. 
David Duchovny hat mir als Schauspieler gut gefallen, als Autor hat er mich leider nicht überzeugt.

Heilige Kuh ist als Hörbuch bei der hörverlag erschienen und kostet 14,99 € (3 CDs). Die gebundene Ausgabe ist zum Preis von 16,99 €, das Taschenbuch für 9,99 € und die Kindle- sowie die epub-Edition für 13,99 € erhältlich.
Das Hörbuch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Mittwoch, 16. März 2016

# 41 - Gegen die Verschwendung von Ressourcen

Was kaputt ist, wird neu gekauft? Das ist jetzt vorbei

 

In vielen Städten etabliert sich eine Idee, die zunehmend mehr Anhänger findet: das Repair Café. Die Bezeichnung kann auch eine andere sein, aber das Konzept ist immer gleich: Menschen, die handwerkliche Kenntnisse haben, bieten anderen Menschen, die mit kaputten Geräten oder Gebrauchsgegenständen zu ihnen kommen, unentgeltlich ihre Hilfe bei der Reparatur dieser defekten Dinge an. Das ist auch der Hintergrund für das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte: Repair Café von Sylvia Keck, Tobias Koßbiel und weiteren vier Beteiligten.

Weil mir das Buch so gut gefallen hat, möchte ich es euch hier zeigen, auch wenn es vor dem Hintergrund der bisherigen Rezensionen etwas aus dem Rahmen fällt.

Die Idee hinter dem Buch

 

Im Mai 2014 hat ein Team aus sechs Personen erstmals in Stuttgart ein Repair Café angeboten. Wegen des großen Zulaufs wird die Veranstaltung nun jeden Monat durchgeführt. Diesem Team ging es nicht nur einfach darum, Defektes zu reparieren, sondern sich auch gegen die Verschwendung von Ressourcen und die sog. geplante Obsoleszenz, also die Begrenzung der Haltbarkeit von Gebrauchsgütern während des Produktionsprozesses, zu wenden. Die Entstehung von Kontakten war ein weiterer schöner Effekt.

Reparatur eines Beistelltisches

Die Autoren haben das Buch übersichtlich in die Kapitel
  • Textil,
  • Holz,
  • Elektronik und 
  • Alles ohne Kabel
aufgeteilt. Jedes Kapitel beginnt mit den Basics, die grundlegende Kenntnisse sowie einige Tricks vermitteln. Danach folgen je 7-10 typische Defekte wie z. B. das Austauschen eines Reißverschlusses an einem Kleidungsstück oder der Elektrolyt-Kondensatoren in einem FRITZ!Box-Router. Am Ende der Kapitel werden unter der Rubrik "Funny Facts" einige amüsante Begebenheiten aus dem Stuttgarter Repair Café zum Besten gegeben.

Praktisches wird anschaulich vermittelt

 

Wieder fahrtüchtige Holzeisenbahn nach einem doppelten Achsbruch
Die Anleitungen sind sehr verständlich formuliert, sodass sich auch Reparatur-Anfänger zurechtfinden. Mit zahlreichen Fotos wird das Erklärte noch zusätzlich anschaulich erläutert.



Johanna Hochrein, eine der Autorinnen, unterstützt eine Besucherin
 
Wer sich bislang nicht getraut hat, selbst Hand anzulegen, wird mit diesem praktischen Buch sehr gut unterstützt. Es richtet sich vor allem an Leser, die mit Reparaturen bisher eher zurückhaltend umgegangen sind und sich nicht zugetraut haben, defekte Gegenstände wieder gebrauchsfertig zu machen.

Repair Café ist im frechverlag erschienen (ISBN 978-3-7724-7565-8) und kostet 17,99 €. Ich bedanke mich beim Verlag, der mir die Fotos zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 11. März 2016

# 40 - Check-in ohne Wiederkehr

Massenhaftes, zähes Morden ist an der Tagesordnung

 

Seit mehr als 30 Jahren ist er mit dem Schreiben erfolgreich, 43 Millionen Mal wurden seine Bücher verkauft, aber ich habe bislang keines von ihm gelesen. Das hat sich in dieser Woche geändert: Die Rede ist von Wolfgang Hohlbein, und ich stelle euch heute sein neuestes Buch Mörderhotel vor.

Nachhilfe für mittelalterliche Folterknechte

 

Der promovierte Arzt Herman Webster Mudgett besitzt ein riesiges Hotel in Chicago, das von seinem Freund Henry Holmes geleitet wird. Auch dieser ist Arzt, die beiden Männer kennen sich seit ihrer Studienzeit. Als im Jahr 1893 die 19. Weltausstellung in Chicago stattfindet, wirkt sich das auf die ohnehin spärlichen Besucherzahlen des Hotels fast nicht aus. Es kommen jedoch interessante Gäste: Arlis Christen und der von ihr engagierte Privatdetektiv Frank Geyer wollen sich auf die Suche nach Arlis' Schwester Endres machen, die seit geraumer Zeit verschwunden ist. Sehr schnell findet Geyer heraus, dass Endres für Holmes gearbeitet hat und hat so eine erste Spur. Doch von seiner Auftraggeberin weiß er auch, dass sie von ihrer Schwester zahlreiche Briefe erhalten hatte, in denen sie davon schrieb, sich verliebt zu haben - in einen Herrn Mudgett, der von Beruf Arzt sei. Arlis Christen und Peter Geyer haben noch keine Ahnung, in welch tödlicher Gefahr sie sich befinden.

Leichen pflastern seinen Weg...

 

Herman Mudgett ist ein skrupelloser Mörder, der schon in seiner Kindheit den, wie er es nennt, "Pakt mit der Dunkelheit" geschlossen hat. In seiner Vorstellung wird er vom Tod dabei beobachtet, wie er Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug quält und glaubt, dass der Tod seine Methoden auch bewerten würde. Doch es wird schon auf den ersten Seiten klar, dass Mudgett nichts anderes ist als ein Psychopath mit extrem ausgeprägten sadistischen Zügen. Wenn es darum geht, einen Menschen geplant umzubringen, wird ihm von seinem willigen Helfer William Peizel assistiert, einem Kerl mit der Figur eines Mittelgebirges, der vorher im örtlichen Schlachthof für die Drecksarbeit zuständig war. In Mudgetts Folterkeller, versteckt im Kellergewölbe des Hotels, ist alles bestens darauf ausgerichtet, dass dort in aller Ruhe und völlig unbemerkt die Opfer gequält werden können. Der Keller ist schalldicht, die Toten werden wahlweise im Säurebad aufgelöst oder in einem eigens angefertigten Ofen verbrannt. Die Foltermethoden sind bis ins Kleinste perfektioniert: Als Arzt weiß Mudgett, was besonders weh tut und wie man das Sterben so lange wie möglich ausdehnt. Er ist intelligent und selbstsicher, spürt jedoch, dass der Privatdetektiv Geyer dabei ist, ihm auf die Spur zu kommen. Er setzt Peizel darauf an, sich um den Mann zu "kümmern".

Mordlust schon im Kindesalter

 

Mudgett wird 1860 in Gilmanton, einem Kaff in New Hampshire, geboren und wächst bei seinen strenggläubigen Eltern auf. Besonders sein Vater legt bei dem Begriff "Gottesfurcht" den Schwerpunkt auf den zweiten Teil des Wortes. Das Leben des Jungen ist geprägt von Schule, Arbeit und dem Kirchgang einschließlich der Sonntagsschule. Im Alter von fünf Jahren wird er von zwei Zehnjährigen verprügelt, doch es gelingt ihm, sich zum Schluss so erfolgreich so wehren, dass die beiden Verletzungen davontragen, die nie mehr ganz ausheilen sollen. Schon damals spürt er die Mordlust, kann sie aber noch niederringen. Doch fünf Jahre später gelingt ihm das nicht mehr, und die beiden Jungen, mit denen er sich zwischenzeitlich angefreundet hatte, werden seine ersten Mordopfer. Herman gelingt es jedoch, den Verdacht auf den Indianer Tohorse zu lenken, der sich auf der Durchreise in Gilmanton aufgehalten hat. Ein Jahr später wird Tohorse trotz seiner Unschuldsbeteuerungen zum Tode verurteilt. Schon das Kind Herman war also kein Mensch, den man unbedingt ins Herz schließen würde.

Wie war's?

 

Angesichts dessen, dass es sich bei Wolfgang Hohlbein um einen Autor handelt, der über reichlich Schreiberfahrung und Wissen, wie man einen Spannungsbogen aufbaut, verfügt, war ich von Mörderhotel ziemlich enttäuscht. Echte Spannung habe ich vergebens gesucht, gefunden habe ich eher das Gruseln: Die Mord- und Folterszenen wurden im wahrsten Sinne des Wortes regelrecht ausgeschlachtet. Die Handlung orientiert sich grob an der Mordserie des US-Serienmörders Herman Mudgett, der eine unbekannte Zahl von Menschen getötet hat - Schätzungen schwanken zwischen mehreren Dutzend und deutlich mehr als 200 Opfern. Er wurde 1896 hingerichtet. 
Sehr schade fand ich, dass es auch etliche Fehler gab, die ein aufmerksamer Lektor hätte finden sollen: So stimmte beispielsweise eine Kapitelüberschrift nicht - die Handlung in diesem Abschnitt geschah fünf Jahre später, als es dort angegeben war. Auch im weiteren Text ergibt sich ein Fehler bei den zeitlichen Abständen. Und was mich besonders stört, war hier häufig vertreten: Etliche Male gab es Wortwiederholungen innerhalb von zwei Zeilen, auch wurden für vergleichbare Zustände immer dieselben Worte oder Wendungen benutzt. Ich habe irgendwann die Stellen, in denen etwas "vor Dreck starrte" überlesen. Auch die "Agonie" wurde sehr oft bemüht. Vielleicht bin ich da zu kleinlich, aber das hier ist nicht das Erstlingswerk eines Newcomers, sondern das Buch eines Vielschreibers, von dem ich einfach mehr erwartet hatte. 
Dass ein Verlag ein Buch außerdem so gestaltet, dass sich beim Lesen des Textes auf dem Schutzumschlag des Rätsels Lösung ergibt, habe ich bei diesem Thriller zum ersten Mal erlebt. Ein Buch, das sich selbst spoilert.
Ich glaube nicht, dass ich in der nächsten Zeit einen weiteren Titel von Wolfgang Hohlbein lesen werde.

Ich bedanke mich bei bloggdeinbuch, wo mir dieses Buch zur Verfügung gestellt wurde. Mörderhotel kann beim Verlag Bastei Lübbe bestellt oder in jeder Buchhandlung zum Preis von 22,-- € gekauft werden (Hardcover). Die Audio-CD ist für 13,99 € erhältlich, die Kindle-Edition und die epub-Ausgabe kosten je 16,99 €.
 

Freitag, 4. März 2016

# 39 - Macht einen Bogen um Rote-Bete-Schnaps

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich sein Leben zu versauen...

 

..., und der Roman Hit & Run von Doug Johnstone gibt für die, die noch unschlüssig sind, erste Hinweise. Die Brüder Billy und Charlie Blackmore sowie Billys Freundin Zoe fahren in Edinburgh in einer Sommernacht von einer Party kommend nach Hause. Sie sitzen im alten roten Micra, der früher der verstorbenen Mutter der Brüder gehört hat, sind richtig gut drauf und bis zum Hals voll mit Rote-Bete-Schnaps und Drogen. Billy sitzt am Steuer, bestaunt den Sternenhimmel, die Drei fühlen sich, als könnten sie die Welt aus den Angeln heben. Doch dann kracht es und etwas, das sie im Dunkeln nicht erkennen können, prallt auf die Windschutzscheibe, rutscht über das Autodach und bleibt auf der Straße liegen.

Die eine Sekunde, die das Leben verändert

 

Man ahnt es bereits: Billy hat nicht "etwas", sondern einen Menschen angefahren. Einige Meter hinter dem Micra liegt ein Mann auf dem Asphalt, und Charlie, ein junger Krankenhausarzt, stellt mit einem geübten Griff an dessen Handgelenk seinen Tod fest. Billy will die Polizei rufen, aber sein Bruder hindert ihn daran: Seine eigene Approbation als Arzt wäre verloren, wenn im Zuge von Ermittlungen herauskäme, dass er sich selbst und seinen Bruder mit Aufputschmitteln, Opiaten, Barbituraten und Benzodiazepinen aus den Arzneischränken des Krankenhauses versorgt hat. Auch die Karrieren von Billy und Zoe wären beendet, bevor sie richtig begonnen hätten: Billy hat erst vor einem Monat eine Stelle als Kriminalreporter beim Evening Standard angetreten, und Zoe arbeitet ebenfalls als Nachwuchsjournalistin. Und so werfen sie die Leiche kurzerhand eine nahe gelegene Böschung hinunter.
Der Micra ist auf den ersten Blick fast unbeschädigt. Nur ein kleiner Riss auf der Frontscheibe und ein paar kaum zu erkennende Dellen im Blech deuten auf den Unfall hin.
Es dauert nur wenige Stunden, bis der Tote gefunden und Billy von seiner Kollegin Rose aufgefordert wird, sich zusammen mit ihr um den Fall zu kümmern. Der Tote ist in Edinburgh kein Unbekannter: Es handelt sich um Frank Whitehouse, einen wohlhabenden Unternehmer, dem illegale Machenschaften nachgesagt werden. Die Polizei geht zunächst von einem Selbstmord aus. Das ändert sich, als der Obduktionsbericht des Gerichtsmediziners vorliegt: Aufgrund der Art der Verletzungen kommt nur ein Zusammenstoß mit einem Kraftfahrzeug infrage. Kurz darauf werden in der Umgebung des Leichenfundortes Lacksplitter gefunden, die auf ein rotes, mehr als zehn Jahre altes Fahrzeug schließen lassen. 

Die Schlinge zieht sich zu

 

Wenn es eine Meisterschaft darin gäbe, sich selbst durch dämliches Verhalten immer mehr in die Bredouille zu bringen, wäre Billy Blackmore ein heißer Anwärter auf einen der vorderen Plätze. Er vernebelt sich sein Hirn, indem er sich ständig an Charlies geklauten Chemikalien vergreift und sie mit Alkohol hinunterspült, selbstverständlich nichts isst, so gut wie gar nicht schläft, seinen Sexualtrieb an der falschen Frau auslässt und sich in Situationen bringt, in die er durch pure Selbstüberschätzung gelangt. Das kann nicht gutgehen und tut es auch nicht. Die Situation eskaliert, es gibt noch weitere Tote und eine Entführung.

Doug Johnstone hat seine Hauptfigur Billy Blackmore durch ein Gefühlschaos gesteuert und sie auch körperlich sehr leiden lassen. Leider ist das Ende trotz aller Irrungen und Wirrungen zu vorhersehbar. Das, was sich zwischen dem Entschluss, den Unfall zu verheimlichen und Fahrerflucht zu begehen und dem Ende des Thrillers abspielt, wirkt deshalb wie eine Aneinanderreihung von Handlungsschleifen, die den Leser aber nicht an seiner Ahnung, wie das Finale aussehen könnte, ernsthaft zweifeln lassen. So verpufft trotz des ansonsten sehr guten Plots ein Teil der Spannung.

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Hit & Run kann beim btb-Verlag bestellt oder in jeder Buchhandlung zum Preis von 9,99 € gekauft werden (Taschenbuch). Die Kindle-Edition und die epub-Ausgabe kosten je 8,99 €.
 

Montag, 29. Februar 2016

Diese Bücher gab es hier im Februar

Ziemlich bunt gemischt

 

Gleich das erste Buch dieses Monats war so etwas wie ein Paukenschlag: Der Distelfink von Donna Tartt widmet sich dem wechselhaften Leben eines Jungen aus New York über einen Zeitraum von 14 Jahren. Langweilig? Keine Spur! Theo Decker macht so viel durch, dass es noch für zwei weitere Leben reichen würde. Ich finde dieses Buch sehr lesenswert und gebe darum 
























Wer mehr wissen möchte: Ijoma Mangold hat im Youtube-Kanal von ZEIT Online ebenfalls über diesen Roman gesprochen.
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Für den Rest des Monats hatten die Self-Publisher die Nase vorn. Den Anfang machte hier Jens Thaele mit dem Titel  Vom Yin und Yang der digitalen Revolution. Der Autor ist Nachrichtentechnik- und Wirtschaftsingenieur und erklärt seinen Lesern verständlich und gut nachvollziehbar, was es mit der sog. digitalen Revolution auf sich hat und wie sich jeder Einzelne ihre Vorteile zunutze machen kann. Für dieses Buch gebe ich

  



















Weitere Informationen über das Buch und seinen Autor gibt es auf der Homepage von Jens Thaele.
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Am 19. Februar  lag der Schwerpunkt mit Der Pfauenfedernmord von Ulrike Busch auf der Unterhaltung: Eine Clique trifft sich wie jedes Jahr im Sommer in Kampen auf Sylt, doch diesmal sollen dieses Ereignis nicht alle Teilnehmer überleben. Hauptkommissar Knudsen und Kommissar Zander ermitteln in diesem Cosy-Krimi mit viel Lokalkolorit. Das Buch ist gut gemachte Unterhaltung und bekommt deshalb 





















Von Ulrike Busch sind noch weitere Bücher erschienen, in die sie auf ihrer Autorenseite Einblick gibt.
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Am letzten Wochenende bildete Eine Liebe im Schatten der Krone der Autorin Bettina Pecha den Schlusspunkt unter diesen Monat. Das Buch ist Fans von historischen Romanen auf jeden Fall zu empfehlen und beleuchtet einige Jahre der Regentschaft der schottischen Königin Maria I., die besser unter dem Namen Maria Stuart bekannt ist. Der Roman hält sich an die historischen Fakten und lässt sich gut lesen. Daher bekommt er 




















Auch Bettina Pecha hat eine Autorenhomepage und verrät dort Details über ihre Romane sowie deren historische Hintergründe. 


Schon in wenigen Tagen geht es mit dem nächsten Buch weiter, und ich freue mich, euch einen spannenden Roman vorstellen zu können. Wir sehen uns am Freitag!