Mittwoch, 22. Mai 2019

Gewonnen, gewonnen, gewonnen!

[WERBUNG, unbezahlt und ohne Absprache mit dem Beworbenen] 

Es ist schon ein paar Wochen her, aber jetzt komme ich endlich dazu, euch von einem Gewinnspiel zu erzählen, das die Buchhandlung Böhnert im April durchgeführt hat. Es lief über das soziale Netzwerk mit dem blauen F und ich wurde von einer guten Bekannten darauf hingewiesen.

Carsten Böhnert hatte ein buntes Bücherpaket zusammengestellt, in dem für die ganze Familie etwas dabei ist. Der Buchhändler hatte mit diesem tollen Foto für sein Gewinnspiel geworben:
© Carsten Böhnert, Buchhandlung Böhnert
Und was war genau drin?
  • Mein absoluter Favorit ist das große Buch Landleben von Wolf-Rüdiger Marunde. Es ist Ende der 1980-er Jahre zum ersten Mal erschienen, in dieser Neuausgabe haben sich die Bände 1 bis 3 versammelt. Der Verlag gibt an, das Buch sei für Leser ab acht Jahren, aber ich finde, es eignet sich für alle, die Marundes Humor mögen. Also auch für mich mit meinen mehr als 50 Jahren.
  • Auch Unterwegs von Achill Moser war in dem sehr schweren Paket dabei. Sogar in einer signierten Ausgabe. Der Weltenbummler Moser war zusammen mit seinem Sohn Aaron unterwegs. Ihr Motto: Der Weg ist das Ziel. Ihre Reise führte sie u. a. in die äthiopische Vulkanwüste Danakil und auf die schottische Insel Bass Rock, die von mehr als 200.000 Basstölpeln bewohnt wird.
  • Die Autorin Erin Beaty ist mir bislang unbekannt gewesen. Zu meinem Gewinn gehörte ihr Roman Liebe und Lügen. Das Buch ist der zweite Teil der Serie 'Kampf um Demora', die als Trilogie angelegt ist. Es geht um die junge Sage, die nicht, wie es der in Demora üblichen Sitte entspricht, einen ihr unbekannten Mann heiraten will. Ihr Ausweg ist, selbst als Kupplerin unterwegs zu sein und zehn adelige junge Frauen auf ihrem Weg zum Verkupplungsball zu bespitzeln. Zu Sages Plan gehörte allerdings nicht, sich zu verlieben. Als Tutorin des Königshofs wird sie beauftragt, den Soldaten das Lesen beizubringen. Das ist die Gelegenheit, ihrem Liebsten endlich nahe zu sein.
  • Für junge Leser sind die zwei Bücher aus der Lesemaus-Reihe das Richtige: Die Feriengeschichten für starke Kinder und die Silben-Geschichten für Jungs sind ein prima Einstieg.
  • Last but not least lag dem Gewinn-Paket auch ein Pocket-Rätselblock bei, der sich an 10-12-Jährige richtet.
Der Buchgewinn war eine riesige Überraschung, zumal ich normalerweise zu denen gehöre, die bei Verlosungen in die Röhre schauen. Nochmals ganz herzlichen Dank an Carsten Böhnert und die nette Dame in der Laatzener Filiale, die mir das Paket gut gelaunt mit den Worten "Ich freue mich so, dass es hier bei uns abgeholt wird" überreicht hat. Danke!
 

Sonntag, 19. Mai 2019

# 197 - Mein Ausflug in die Welt der "Frauenbücher"

Auf das heutige Buch bin ich auf Umwegen gestoßen.
Normalerweise hätte ich mich nicht dafür interessiert. Aber ich hatte zufällig eine Talkshow gesehen, in der die Gäste erzählten, wie sie selbst dem Bösen in sich begegnet sind. Unter ihnen war Wiebke Lorenz, deren Psyche als Folge jahrelanger Belastungen und Schicksalsschläge verrückt gespielt hatte, sodass sie sich selbst nicht mehr über den Weg traute.

Wiebke Lorenz wurde als Bestsellerautorin vorgestellt. Mir sagte der Name allerdings gar nichts. Wie konnte es sein, dass mir noch nie Titel von ihr aufgefallen waren, obwohl ich mich doch viel mit Büchern beschäftige? Es war davon die Rede, dass sie mehrere Millionen Titel verkauft hatte. Doch dann kam der entscheidende Hinweis: Sie ist Teil eines Autorenduos, deren andere Hälfte ihre Schwester Frauke Scheunemann ist. Zusammen sind die beiden 'Anne Hertz'. Blöd nur, dass mich das immer noch nicht schlauer machte. 
Mithilfe einer Suchmaschine und eines Alles-was-für-dein-Leben-mutmaßlich-wichtig-ist-Versenders lichtete sich der Nebel: Unter dem Namen Anne Hertz wurden bereits viele Romane veröffentlicht, die ganz allgemein unter dem Label "Frauenliteratur" laufen. Kein Wunder, dass mir Anne Hertz nichts sagte, ich lese normalerweise keine Romane, die in diese Richtung gehen. Aber mich hat nun interessiert, wie und was die Schwestern genau schreiben. Bei der Onleihe fand ich zwar kein Buch von, aber wenigstens eines mit ihnen: Kerstin Gier hat 2011 eine Anthologie herausgegeben, in der sich neben einer von ihr verfassten Kurzgeschichte auch Beiträge von zwölf Autorinnen und zwei Autoren finden. Die Mütter-Mafia und Friends - Das Imperium schlägt zurück heißt sie. Auf dem Cover sind u. a. die Arme und Beine eines Babys in einem Kinderwagen zu sehen, das mit der einen Hand ein Laserschwert schwingt und seine Mutter auf Trab hält. An dieser Stelle war ich erstaunt, dass auch Männer in diesem Genre zu finden sind. Einer der Beiträge, eine Geschichte, die über das Stilmittel einer E-Mail-Unterhaltung geführt wird, stammt von Anne Hertz.

Also ran an das Buch. Knapp 270 Seiten sind schnell gelesen. Zwischen den einzelnen Geschichten hat Kerstin Gier Unterhaltungen auf der 'Homepage der Mütter-Society' eingeflochten, wo sich eine Handvoll Mütter mit gegenseitigen "Freundlichkeiten" oder auch gefühlsduseligen Anwandlungen beglückt und die jeweils letzte Story bewertet.
Um es ehrlich zu sagen: Ich habe das Buch mit sehr gemischten Gefühlen begonnen und in dieser Stimmung auch gelesen. Es werden reichlich Szenen aus dem Familienalltag von Frauen aufgegriffen, deren Kinder noch relativ jung sind und die sich mit ihren Männern, Schwiegermonstern und Institutionen herumplagen, die ihnen das Leben sauer machen. Ich kann mich in viele Dinge sehr gut hineinversetzen, weil ich sie so oder so ähnlich selbst erlebt habe. Die meisten der Kurzgeschichten habe ich in einem Rutsch durchgelesen und weiß schon jetzt, gut zwei Wochen nach dem Lesen der letzten Seite, nur noch ungefähr, was darin stand. Sucht euch aus, ob das ein Indikator für die Qualität des Buches oder mein schlechtes Gedächtnis ist.
Während der Lektüre habe ich mir allerdings ein paar Notizen gemacht und einige Stellen markiert. Daran arbeite ich mich jetzt entlang. 

Ich schicke jetzt mal voraus, dass ich mich immer ärgere, wenn Autoren Dinge schreiben, die schlecht recherchiert sind. Nennt mich kleinlich, aber ich hasse das.
Birgit Fuchs beispielsweise schreibt in Mama la Bamba über die dreifache Mutter Christine Sperling, die mit einer egozentrischen Mutter gesegnet ist. Ausgerechnet an Christines Geburtstag droht der eigentlich austarierte Zeitplan zu Staub zu zerfallen. In Fuchs' Erzählung wurde Christine mit überhöhter Geschwindigkeit in einem Tunnel geblitzt. Nun klingelt ein Wachtmeister an ihrer Haustür, um zu prüfen, ob es sich bei der Frau auf dem Blitzerfoto tatsächlich um Christine handelt. Erstens: Es gibt seit knapp 40 Jahren bei der Polizei keine Wachtmeister mehr. Zweitens: Dass ein Polizist so etwas tut, ist, gelinde gesagt, äußerst unwahrscheinlich. Wer beim Rasen geblitzt und nicht unmittelbar danach von der Polizei gestoppt wird, bekommt per Post einen Anhörungsbogen. Aber diese kleine Episode ist für Fuchs nötig, damit sich der Wachtmeister und Christines verschrobene Mutter kennenlernen und verlieben können. Der Wachtmeister setzt sich dann auch noch mit Christines Mutter gemütlich zum Tee zusammen. Ja, sicher. Das Leben eines Polizisten wimmelt nur so von Mußestunden. Der Wachtmeister mutiert ein paar Seiten weiter zum Kommissar. Ist auch zu empfehlen; das Gehalt eines damaligen Wachtmeisters ist bedeutend schlechter als das eines Kommissars.
Christines erster Termin an ihrem Geburtstag führt sie in den Kindergarten. Beim Anblick der Erziehrin Frau Raps, die in der Gruppe von Christines Sohn, die passenderweise 'Bienchengruppe' heißt, tätig ist, rutscht ihr das Herz in die Hose. Warum? Sie tritt doch nicht nach einem beruflichen Schnitzer vor ihren Chef, von dem sie die Kündigung befürchtet! Da stimmt versöhnlich, dass sie Frau Raps und ihrer Kollegin dann doch noch die Meinung geigt. 

Weiter geht's mit Anne Hertz und ihrer Story 'Mit freundlichen Grüßen'. Hier spielt sich die gesamte Handlung über den Austausch von E-Mails ab. Im Kern geht es darum, dass Eltern von der Klassenlehrerin verlangen, ihrer Tochter eine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums zu schreiben. Als die Situation eskaliert und einige unappetitliche Geheimnisse ans Licht kommen, appelliert der von den Eltern hinzugezogene Anwalt an die Dienstherreneigenschaft des Rektors, um die gewünschte Empfehlung zu erreichen. Dumm nur, dass ein Schulleiter keine Dienstherreneigenschaften hat. Ein Dienstherr ist eine sog. juristische Körperschaft des öffentlichen Rechts, die selbstständig Beamte einstellen darf. Also zum Beispiel das Land Sachsen-Anhalt oder die Stadt München. Ein Schulleiter kann selbst keine Beamten einstellen, ist aber der Dienstvorgesetzte der Lehrkräfte seiner Schule. Das zu wissen, hatte ich erwartet, weil eine der Schwestern von Anne Hertz Volljuristin ist. Aber die meisten Zeitungen vermitteln das ebenfalls falsch und bezeichnen beispielsweise einen Ministerpräsidenten oder den Bundespräsidenten als Dienstherrn.

Mehrere der Geschichten sind so unglaubwürdig, dass ich mich unwillkürlich frage, welches Bild die Autorinnen von ihren Leserinnen haben. Da sind Mütter, die zu Hause Struktur ins Familienchaos bringen, aber sich nicht trauen, in einem Hotel darum zu bitten, an einen anderen Tisch gesetzt zu werden, weil sie sich nicht mit einer fremden übergriffigen Schwiegermutter belasten wollen. Oder eine gestresste Mutter, die im Familienurlaub um eigene Zeit bittet und durch eine Verkettung saublöder selbst verschuldeter Umstände sich von einem blutjungen Kindermädchen dazu bringen lässt, die Ferienwohnung ihrer wohlhabenden Arbeitgeber auf Hochglanz zu bringen. 

Die einzigen guten Geschichten sind die, die von den beiden Autoren Matthias Sachau ('Das Günther-Prinzip') und Maximilian Buddenbohm ('Das Schwein') stammen. Dort spielen Väter, die sich für ihr Versagen schämen und ungewollt zum Vorbild werden bzw. ihr Bestes für ihr Kind geben wollen, die Hauptrolle. Männer, schreibt mehr Frauenromane, dann lese auch ich sie. Bis auf Weiteres werde ich aber einen Bogen um alle Bücher machen, in denen Frauen als verhuscht und völlig verpeilt dargestellt werden. Und es wäre super, wenn Fakten eine größere Rolle spielen würden; das würde zeigen, dass die Leserinnen (und vielleicht auch Leser) ernst genommen und als denkende Wesen wahrgenommen werden.

Freitag, 10. Mai 2019

# 196 - Lanzarote oder der Weg zur Erkenntnis

Henning und Theresa reisen mit ihren beiden noch
kleinen Kindern über Weihnachten und Silvester nach Lanzarote. Oberflächlich betrachtet geht es ihnen gut: Sie haben Freude an ihren Berufen, keine finanziellen Sorgen und die Kinder sind zwar manchmal anstrengend, aber vermutlich nicht mehr als andere Kinder auch. Aber was ein unbeschwerter Urlaub unter kanarischer Sonne hätte werden können, ist von einer Missstimmung zwischen den Eheleuten überschattet.

Neujahr - ein Blick in die Vergangenheit

 

Am Neujahrstag beschließt Henning spontan, eine Radtour zu machen. Sein Ziel: der Atalaya-Vulkan. Er vergisst, Proviant oder Geld mitzunehmen und merkt nach einer Weile, dass er anfängt, an seine Grenzen zu geraten: Er kämpft mit dem Wind, dem schweren Leihrad, gegen den Durst und die Steigung der Straße. Aber noch viel mehr kämpft er gegen ES, das ihn schon seit zwei Jahren quält. ES schleicht sich immer wieder an und wirft ihn nieder, sorgt für Herzrasen, lähmende Angst und beeinträchtigt das Familienleben. ES steht zwischen Henning und Theresa und belastet die Beziehung zu den Kindern. ES sind Panikattacken, die Henning auflauern und ihn in die Knie zwingen.

Während der Radtour lässt Henning seinen Gedanken freien Lauf, während er sich immer weiter dem auf der Strecke zum Vulkan liegenden Dorf Femés nähert. Sein Verhältnis zu seiner Frau und den Kindern, eine verstörende Beobachtung während des Silvesterdinners am Vorabend und sein ungewöhnlich inniges Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester Luna spielen eine Rolle. Er versucht, sein Leben positiv zu bewerten, aber auf allem liegt der dunkle Schleier seiner psychischen Probleme.

In Femés spürt er, dass dort etwas ist, das ihn anzieht. Er folgt dem inneren Drang, seine Fahrt fortzusetzen, verlässt das Dorf und blickt kurze Zeit später zurück: Die Häuser liegen jetzt unter ihm, aber obwohl er in diesem Moment sicher ist, hier nie zuvor gewesen zu sein, bringt die Aussicht etwas in ihm zum Klingen. Er erkennt den Ort wieder, der Anblick aus dieser Perspektive ist ihm vertraut. Aber wie kann das sein?


Lesen?

 

Neujahr ist eine Reise in die Vergangenheit und erzählt davon, wie sehr uns Ereignisse beeinflussen können, an die wir uns nicht mehr aktiv erinnern können. Der Roman erzählt auch, wie schwer es sein kann, sich dieser Vergangenheit zu stellen, er handelt vom Schweigen derer, die besser hätten erzählen sollen und davon, dass es ein Weg sein kann, mithilfe einer radikalen Maßnahme zu versuchen, sein Leben wieder ins Lot zu bringen. Auch, wenn diese Maßnahme sehr schmerzhaft ist. 
Neujahr zeigt aber auch, wie trügerisch Erinnerungen und Eindrücke sein können, die man für gesichert gehalten hat.
Juli Zeh schildert all das in einer bidhaften und eindringlichen Sprache, die ihre Leser mitnimmt: sowohl in die karge Landschaft Lanzarotes als auch ins winterliche Deutschland; Letzteres allerdings nur kurz.

Neujahr ist bei Luchterhand erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 15,99 Euro.

 

 

Freitag, 3. Mai 2019

# 195 - Tödliche Hotelbewertungen?

Ulrike Busch ist auf unterhaltsame Krimis von der
Nordseeküste spezialisiert, und auch Mordsverrat ist dort angesiedelt. Das Ermittlerteam Tammo Anders und Fenna Stern, das für Buschs Leserschaft nicht unbekannt und auch privat ein Paar ist, hat es zwischenzeitlich dienstlich von Ostfriesland nach Husum verschlagen. 

Wurde die Hotelerbin ermordet?

 

Die Hotelerbin Jessica Leverenz wird von zwei Angestellten tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Geschäftsfrau, die Jahre zuvor das renommierte Hotel Blaue Möwe in St. Peter Ording gemeinsam mit ihrer Schwester Clarissa geerbt hat, war stark medikamentenabhängig, sodass zunächst der Verdacht einer versehentlichen Vergiftung oder eines Suizids besteht. Doch die Gerichstmedizinerin äußert noch vor Ort den Verdacht, dass die Frau ermordet wurde. Je länger die Ermittlungen fortschreiten, desto größer wird der Kreis der für die Tat infrage kommenden Personen: Steckt Jessicas Freund Lukas Harzog dahinter? Es ist im Ort ein offenes Geheimnis, dass der Betreiber von mehreren Hotelbewertungsportalen einzelne Häuser zu Unrecht mit falschen Beurteilungen überzieht und von Hoteliers für deren Löschung ein saftiges Honorar kassiert. Nicht nur deshalb ist er in der örtlichen Branche unbeliebt, sondern auch wegen seiner gefühllosen und kaltschnäuzigen Art. Musste Jessica sterben, weil sie zu viel über seine Machenschaften wusste?
Oder die Schwester der Toten? Sie hat sich oft über Jessica geärgert und befürchtet, deren Lebenswandel könnte sich ungünstig auf den Ruf der Blauen Möwe auswirken.
Aber auch die Angestellten, die Jessica gefunden haben, geraten in den Fokus der Ermittler. Die langjährige rechte Hand von Clarissa Leverenz, Ella Kluck, benimmt sich bei der Befragung durch das Ermittlerteam merkwürdig. Weiß sie mehr über die Todesumstände von Jessica, als sie zugibt? 
Das Zimmermädchen Carina da Silva reinigt nicht nur die Gästezimmer, sondern auch die Privatwohnungen der Schwestern; immer allein. Auch sie scheint Informationen zurückzuhalten.
Ein Motiv hätte auch eine ortsansässige Hoteliersfamilie gehabt, die unter den vernichtenden Bewertungen auf Harzogs Plattformen leidet. Könnte sie Jessica Leverenz auf dem Gewissen haben, um Harzog gewissermaßen über einen Umweg zu treffen?
Nach und nach wird außerdem deutlich, dass sich mehr Personen einen Zugang zur Wohnung des Mordopfers hätten verschaffen können, als Anders und Stern es zu Beginn ihrer Befragungen gesagt worden war.

Die Ermittlungen nehmen eine neue Wendung, als Lukas Harzog plötzlich nicht mehr auffindbar ist. Ist er vor den beiden Beamten geflohen oder ist ihm etwas zugestoßen? Und auch der Portier der Blauen Möwe, die seit Jahrzehnten gute Seele des Hauses, ist verschwunden, nachdem ihm von seiner Chefin Diebstahl vorgeworfen wurde. Der Fall wird zusehends mysteriöser. Nicht nur dienstlich müssen sich sich Anders und Stern etlichen Herausforderungen stellen, sondern auch privat gibt es eine wichtige Entscheidung, die sie gemeinsam treffen müssen und die die Handlung durchzieht.

Mordsverrat ist gut gemachte Krimi-Unterhaltung vor einer authentischen Nordsee-Kulisse. Leser, die die Gegend um Husum und die Halbinsel Eiderstedt aus eigener Anschauung kennen, werden vieles in Ulrike Buschs Buch wiedererkennen.

Mordsverrat kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als E-Book 3,99 Euro.

Freitag, 26. April 2019

# 194 - Dem Krieg entkommen?

Der Schriftsteller Arno Geiger ist bereits mit Es geht uns gut auf diesem Blog vertreten und hat 2005 für den Roman den ersten Deutschen Buchpreis bekommen. Mit seinem für den Deutschen Buchpreis 2018 nominierten Roman Unter der Drachenwand begibt er sich in die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs.

Endsieg oder Untergang?

 

Im Mittelpunkt des Romans steht der fast 24-jährige Soldat Veit Kolbe. Er wird direkt nach dem Abitur zum Kriegsdienst eingezogen, in Russland mittelschwer verwundet und zur Erholung nach Hause nach Wien geschickt. Fünf Jahre sind seit seiner Abreise vergangen. Er lehnt aufgrund seiner Erfahrungen den Krieg strikt ab, was ihn in Konflikt mit seinen Eltern bringt. Die Jahre als Soldat betrachtet er als vergeudete Zeit. Um der angespannten Atmosphäre zu Hause zu entgehen, flüchtet er sich Anfang 1944 in den Wohnort seines Onkels, nach Mondsee. Er kommt bei einer zänkischen Vermieterin in einem Dachzimmer unter, direkt nebenan wohnt die junge Darmstädterin Margot mit ihrem Säugling, die sich hier in Sicherheit gebracht hat. 

Es herrscht an fast allem Mangel, aber Veit kann sich hier erholen. Er versucht erfolglos, mit der Lehrerin Margarete Bildstein, die eine Wiener Mädchengruppe in die Kinderlandverschickung ins Lager Schwarzindien begleitet, anzubandeln und verliebt sich schließlich in die mit einem Soldaten verheiratete Margot.
Je länger der Krieg dauert, desto ungeduldiger wird Veit. Für ihn ist klar, dass der Krieg bereits verloren und dessen Ende eine Frage der Zeit ist. Es laut auszusprechen, ist aber nicht zu empfehlen. Veit hofft, dass er nicht erneut an die Front muss und ist kreativ darin, seinen Aufenthalt in Mondsee auszudehnen. Doch seine Anwesenheit in dem kleinen Ort, der fern ist von allen Bomben und Gräueln, erfährt einen dramatischen Höhepunkt, bei dem der junge Mann zum Mörder wird.

Was es in dieser Zeit heißt, nicht den Mund zu halten, erlebt Veit bei seinem Nachbarn, der nur "der Brasilianer" genannt wird. Es ist zwar nur von "H." und "dem F." die Rede, aber der Bruder der grantigen Zimmerwirtin macht keinen Hehl daraus, dass er von den Nazis nichts hält; ganz im Gegensatz zu seiner Schwester und seinem Schwager. Seine offenen Worte haben schon bald Konsequenzen.
Immer wieder kommt auch der aus Wien stammende Jude Oskar Meyer zu Wort, der versucht, seine Familie zu retten und doch zu oft falsche Entscheidungen trifft. Ihn hat es genauso wie Veit Kolbe, Margot, Margarete Bildstein und einige andere Personen im Buch gegeben. In den Nachbemerkungen zeichnet Arno Geiger ihre Lebensläufe nach, soweit das nach so langer Zeit noch möglich war.

Lesen?


Den Anstoß für Unter der Drachenwand gab der Zufallsfund einer umfangreichen Korrespondenz von Kindern, Eltern und Behörden, in der es um die Kinderlandverschickung ins Lager Schwarzindien ging. Das historische Material wurde von Geiger zu einem authentischen Roman verwoben, der mit seiner klaren Sprache überzeugt. Lesen? Ja!

Der Roman kostet gebunden 26 Euro, als E-Book 19,99 Euro und in der Taschenbuchausgabe 12,90 Euro.
 

Samstag, 20. April 2019

# 193 - Medizinskandale in Deutschland

Da ich selbst in meinem Leben viel Kontakt zu Ärzten hatte und eine geraume Zeit in Krankenhäusern verbracht habe, hat mich dieses Buch interessiert. Geschädigt statt geheilt: Große deutsche Medizin- und Pharmaskandale von Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt dokumentiert eine ganze Reihe von Skandalen aus der BRD und der DDR, deren umfassende Aufbereitung und Darstellung vor allem der ausdauernden Recherche der Autoren zu verdanken ist. Sie schreiben über fast vergessene medizinische Dramen wie das Lübecker Impfunglück von 1930, dem etwa 70 Säuglinge zum Opfer fielen, und bekannte Skandale, die monate- oder sogar jahrelang die Medien beschäftigt haben. Der Fall von Gustl Mollath, der zu Unrecht über sieben Jahre in der Psychiatrie festgehalten wurde, erschüttert ebenso wie der unfassbare Umgang der Kliniken, in denen der mordende Krankenpfleger Niels Högel sein tödliches Unwesen trieb. 

16 Skandale werden von den Autoren sehr genau geschildert. Immer wieder kommt zwischen den Zeilen ihre Fassungslosigkeit angesichts der langen Dauer, in denen beispielsweise verunreinigte Impfdosen gegeben wurden (Anti-D-Impfungen in der DDR) oder die Schädlichkeit eines Medikaments vom Hersteller ausdauernd geleugnet wurde (Contergan-Skandal), zum Ausdruck. Auch die langen Prozesse mit einem insbesondere für die geschädigten Patienten unsicheren Ausgang werden von ihnen kritisiert.
Mich hat das Kapitel über den OP-Roboter Robodoc besonders interessiert, der ab Mitte der 1990-er Jahre in erster Linie bei Hüftprothesen-OPs eingesetzt wurde. Damals hat man auch mir den Vorschlag gemacht, mich solch einem Robodoc-Eingriff zu unterziehen, was ich, nachdem ich eine Menge darüber gelesen hatte, dankend abgelehnt habe. Wie ich nicht erst seit der Lektüre dieses Buches weiß, war das eine gute Entscheidung.

Lesen?

Roloff und Henke-Wendt schreiben über die Pharma- und Medizinskandale so, dass es auch für Laien verständlich ist. Das Buch kann keine vollständige Aufzählung aller Skandale dieser Branche sein; ohne mich früher näher damit beschäftigt zu haben, fallen mir noch weitere Vorkommnisse ein, die durchaus das Zeug zu einem Skandal gehabt hätten. 
Auch wenn man am Ende des Buches angesichts der zum Teil ungeheuerlichen Vorgänge ein mulmiges Gefühl haben könnte, sollte das nicht dazu führen, dass man grundsätzlich das Vertrauen in die Medizin verliert: Wie überall gibt es großartige Vertreter ihres Berufsstandes und solche, die man am liebsten in ein Kämmerlein schließen und den Schlüssel wegwerfen möchte, damit diese Leute kein weiteres Unheil anrichten können. Wer damit umgehen kann, für den ist Geschädigt statt geheilt eine sehr interessante Lektüre, die Patienten auch dazu anregen kann, sich umfassend zu informieren, bevor sie einer Behandlung zustimmen, und alles zu hinterfragen, was ihnen unklar geblieben ist. Das ist heute viel einfacher als vor zwanzig oder dreißig Jahren, als es noch kein Internet gab.

Geschädigt statt geheilt ist 2018 im S. Hirzel Verlag erschienen und kostet als Taschenbuchausgabe 22 Euro.

Freitag, 12. April 2019

# 192 - Lange Gespräche mit Gott

Axel Hacke ist den Lesern der Süddeutschen Zeitung
als Kolumnist bekannt. Wer seine Bücher gelesen hat, weiß, dass seine Geschichten von absurden Begebenheiten nur so wimmeln. Da macht Die Tage, die ich mit Gott verbrachte keine Ausnahme.

Gott hat Selbstzweifel

 

Hackes Erzähler ist verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Wenn er tagsüber in seinem Büro ist, hat er Gesellschaft von seinem Büroelefanten. Das handliche Tier war früher in seinem Kopf, wo es ihn vom Arbeiten abgehalten hat. Deshalb hat er ihn kurzerhand dort herausgeholt. Seitdem folgt ihm der Büroelefant beinahe auf Schritt und Tritt, unsichtbar für alle anderen.

Eines Tages sitzt der Erzähler auf einer Bank vor einem Wohnhaus, als sich ein älterer Herr neben ihm Platz nimmt. Aus einem offenen Fenster über ihnen ist ein Streit zu hören. In einer plötzlichen Bewegung schubst der Alte den Erzähler von der Bank, auf die nur einen Augenblick später ein großer Globus prallt, der aus dem geöffneten Fenster geworfen worden ist. Ohne den Einsatz des Seniors hätte der Erzähler von der schweren Kugel erschlagen werden können. Mit diesem Ereignis beginnt der Kontakt zwischen den beiden Männern.
Der alte Herr gibt schon bald zu, dass er derjenige ist, der hier auf der Erde als "Gott" bezeichnet wird. Aber der Erzähler erkennt bald, dass seine Vorstellung von Gott, dem Allmächtigen, ein paar Schönheitsfehler hat. Zunächst zeigt der Alte mit ein paar unterhaltsamen Tricks, was er so drauf hat, aber wenig später geht es ans Eingemachte. Er bringt seinen Gesprächspartner dazu, über sich, sein Leben und sein Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater nachzudenken. Dabei bleibt es aber nicht: Gott ist mit sich selbst alles andere als im Reinen, er hadert mit der Entwicklung seiner Schöpfung. Irgendwie ist alles so anders gekommen, als er es sich einmal vorgestellt hatte. Und das, obwohl die Welt, wie wir sie kennen, nicht seine erste war!
Gott ist auch mit dem Verhalten der Menschen ihm gegenüber unzufrieden. Reden sie, wenn sie beten, wirklich zu ihm oder nicht doch eher mit sich selbst? Haben sie an ihm wirklich Interesse?
Auch mit dem Selbstbild, das die Menschen von sich haben, ist er nicht zufrieden. Sie sind schließlich nur ein Nebenprodukt seiner Schöpfung und nehmen sich jetzt viel zu wichtig. "Eines Tages werdet ihr weg sein, aber die Welt wird es immer noch geben", stößt Gott prophetisch aus. 

Lesen?


Das ist nicht die einzige philosophische Betrachtung, die Hacke Gott sagen lässt. Es wird auch um die Notwendigkeit des (augenscheinlich) Bösen gehen, die Gleichgültigkeit, die Überwindung der Angst und den Wert der Freiheit. Jede dieser Überlegungen kommt federleicht daher und ist von Hackes typischem Humor durchzogen. Die Tage, die ich mit Gott verbrachte ist ein im Kern heiteres Buch, das man nach dem Lesen lächelnd, aber auch nachdenklich zuklappt.


Die Tage, die ich mit Gott verbrachte wurde mit sehr schönen Zeichnungen von Michael Sowa illustriert. Das Buch ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen und kostet in der gebundenen Ausführung 18 Euro, als Audio-CD 6,46 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 14,99 Euro.

Samstag, 6. April 2019

# 191 - China im Strudel der Gewalt

China und seine Geschichte sind aus unserer Perspektive von einem Hauch
des Geheimnisvollen umweht. Wer sich nicht intensiv mit der Vergangenheit des riesigen Reichs beschäftigt hat, hat meist nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sich dort vor 150 oder 200 Jahren ereignet hat.
Ganz anders ist das mit Stephan Thome. Er hat u. a. Sinologie studiert und mit einer Dissertation promoviert, in der das konfuzianische Denken eine zentrale Rolle spielte. Thome lebt seit etlichen Jahren in Taipeh. Mit seinem vierten Buch Gott der Barbaren widmet er sich in Romanform dem China des 19. Jahrhunderts. Der Roman schaffte es 2018 bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

China auf dem absteigenden Ast?

 

Gott der Barbaren ist der Versuch, eine ereignisreiche Zeit, die vom Niedergang der Qing-Dynastie, ihrer Konfrontation mit der religiös-politischen Taiping-Bewegung und den beiden Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt war, in Romanform zu schildern. Das Buch wird von den Erlebnissen des fiktiven Charakters Philipp Johann Neukamp, einem Zimmermannssohn aus dem Märkischen, der Tagebuch schreibt und dem Leser seine Erlebnisse berichtet, durchzogen.

Neukamp hat eigentlich vor, nach Amerika auszuwandern. Zufällig trifft er auf den Missionar Karl Gützloff, der ihn dazu bringt, den christlichen Glauben in China zu verbreiten. Gützloff hat es gegeben; er betrieb in China eine Missionsschule, in der Chinesen zum christlichen Glauben bekehrt werden und diesen dann verbreiten sollten.
Neukamp ist jedoch nur mäßig erfolgreich. Im Verlauf der Handlung irrt er durch das Land und wirkt eher wie ein Spielball der Ereignisse, aber nicht wie jemand, der sein Leben aktiv in die Hand nimmt. Er lernt den Mystiker Hong Xiuquan kennen, der sich für Jesus' jüngeren Bruder hält und später den Taiping-Aufstand anführen wird. Dieser Bürgerkrieg gehörte mit seinen 30 Millionen Toten zu den blutigsten Kriegen der Menschheitsgeschichte. Neukamp erliegt zunächst dem charismatischen Sektenführer und wird für eine Weile in den Aufstand mit hineingezogen. Hong war durch Visionen und eine Bibel, die er von einem amerikanischen protestantischen Pfarrer bekommen hat, zum Christentum gekommen. Neukamp wird ihm im Verlauf des Buches immer wieder begegnen.

Eine weitere wichtige Figur, die das Geschehen aus britischer Perspektive beurteilt, ist Lord Elgin. Auch ihn hat es gegeben, er war u. a. Sonderkommissar für China. Als die Qing-Regierung sich nach dem Ende der ersten Phase des Zweiten Opiumkrieges weigerte, die mit den Briten vereinbarten Bedingungen einzuhalten und die britischen Verhandlungspartner folterte, ordnete Lord Elgin einen Rachefeldzug an, der in der Zerstörung des Alten Sommerpalastes in Peking mündete. Die Anlage gilt als ein architektonisches Meisterwerk, sodass Lord Elgin bis heute in China für diese Tat als Barbar gilt. Er wird im Roman als Mensch beschrieben, der dem chinesischen Volk mit großem Unverständnis und reichlich Ignoranz und Arroganz begegnet. Warum sollte man mit Männern verhandeln, die wie Frauen in Kleidern herumlaufen? Gleichzeitig fühlte er sich jedoch von vielem, was er im Grunde ablehnte, auf seltsame Weise angezogen. Ein Beispiel für diese ambivalente Haltung ist der "goldene Lotus": Der Begriff beschrieb die gebundenen Füße der chinesischen Frauen, die damals üblich waren. Der Sonderbotschafter verachtete einerseits diese Verstümmelung, die die Frauen daran hinderte, normal zu gehen, konnte aber andererseits seinen Blick nicht von ihnen abwenden.

Und dann ist da noch eine Person, die im China dieser Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat: General Zeng Guofan. Er war der Anführer der Hunan-Armee, die aus Freiwilligen bestand und den kaiserlichen Truppen zu Hilfe geeilt ist, als diese sich als zu schwach erwiesen, um den Taiping-Rebellen noch etwas entgegenzusetzen. Zeng gehörte zu den gebildetsten Menschen des Landes, wurde jedoch wegen seiner Erfolge und seines Status' von manchen als Gefahr angesehen. Der General wird von Thome als ambivalente Persönlichkeit beschrieben: Er legte zwar Wert auf Kultur und Menschlichkeit, nahm aber 1864 den Tod von 100.000 Menschen in Kauf, als die von den Taiping-Rebellen eroberte Stadt Tianjing (heute: Nanjing) von seiner Hunan-Armee zurückerobert wurde.

Lesen?


Thome transportiert in seinem Roman das gegenseitige Unverständnis der aufeinandertreffenden Kulturen und erklärt, wie eine irritierend falsch ausgelegte und übersetzte Bibel gepaart mit dem - nicht nur in China betriebenen - missionarischen Eifer der Europäer es vermochte, eine fatale Entwicklung ins Rollen zu bringen, an deren Ende zahllose Tote und ein zerrüttetes Land standen. Für Leser, die sich (wie ich) mit dieser Epoche der chinesischen Geschichte jedoch bislang nicht beschäftigt haben, wird es schwer, den Überblick zu behalten. Thome hat sein Buch um ein Personenregister ergänzt, das insbesondere bei den einander sehr ähnelnden chinesischen Namen sehr hilfreich ist. Der Gott der Barbaren ist mit einer Menge Details angefüllt, zugunsten der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Handlung wäre aber oft weniger mehr gewesen. Trotz dieser Einschränkung ist es für alle, die sich für die chinesische Geschichte interessieren und bereit sind, sich ein bisschen durch die mehr als 700 Seiten durchzubeißen, ein lesenswertes Buch.

Die damaligen Ereignisse werfen ihre Schatten bis in die heutige Zeit. Sie werden in chinesischen Schulen, Museen etc. als die 100 Jahre der nationalen Demütigung bezeichnet, die von der Kommunistischen Partei beendet wurden. In diesem Kontext steht auch die Niederschlagung des Volksaufstands auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz mit 2.600 Toten und 7.000 Verletzten im Jahr 1989: Die Demonstrationen wurden als unpatriotisches Verhalten und als Folge einer schlechten Erziehung betrachtet. 
Weitere Hinweise auf die Hintergründe des Romans gibt ein Interview, das der Deutschlandfunk mit Stephan Thome geführt hat.

Gott der Barbaren ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 25 Euro, als Kindle- oder epub-Ausgabe 21,99 Euro sowie als Taschenbuch 14 Euro.

 

Dienstag, 2. April 2019

Welt-Kinderbuchtag - ein Blick zurück

Seit 1967 wird an jedem 2. April der Internationale Kinderbuchtag begangen. Dieser Blog ist nicht gerade als erste Adresse bekannt, wenn es um Empfehlungen für Kinderbücher ging, aber ich habe mich erinnert, was mich begeistert hat, als ich selbst noch ein Kind war, und welche Bücher ich mit meinen Kindern angesehen oder ihnen vorgelesen habe.

Damals: Bücher in den 1960-er und 1970-er Jahren

 


Ich konnte schon sehr früh lesen. Nicht weil meine Eltern all ihren Ehrgeiz dort hineingelegt hätten oder ich die intellektuelle Überfliegerin gewesen wäre, sondern weil es Phasen in meinem Leben gab, die lesend am besten zu überstehen waren. Woran ich mich sehr gern erinnere, sind die Bücher, in denen der Igel Mecki die Hauptrolle spielte. Mit dem Pinguin Charly, dem Schrat und den sieben Goldhamstern,

die immer wieder gerettet werden mussten, hat er praktisch die ganze Welt bereist. Sprachlich waren die Bücher so, wie es damals üblich war: Am Titel des Buches "Mecki bei den Negerlein" stieß sich früher niemand. Das kam erst später. Ich glaube, ich habe heute noch ungefähr zehn Mecki-Bände. Jeden Band habe ich mehrmals gelesen.

Ganz klare Favoriten waren auch die Bücher von Astrid Lindgren. Nur Karlsson vom Dach war mir unsympathisch, aber Pippi als Kontrast zu den eigentlich kreuzbraven Geschwistern Annika und Tommy war super.

Später zählten Krabat von Otfried Preußler und Die unendliche Geschichte von Michael Ende zu meinen Lieblingsbüchern. Und ich bekenne, auch wenn jetzt manche vor Entsetzen vom Stuhl fallen sollten: Ich war ein echter Fan von Hanni & Nanni. In meinem Mädchen-Bücherregal standen alle Bände! Irgendwann habe ich die Serie allerdings auf dem Flohmarkt verhökert. Meine Begeisterung hat damals nur in einer bestimmten Zeit gehalten. Die anderen Bücher habe ich immer noch und habe auch nicht vor, mich von ihnen zu trennen.

Kinderbücher in den 1990-er Jahren und Anfang der 2000-er Jahre

 


Was damals für kleine Kinder vor dem eigentlichen Vorlesealter total angesagt war, waren die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch. Szenen, die ein Kind auch aus dem eigenen Alltag kennt, waren da zeichnerisch umgesetzt und jedes einzelne Bild mit zahllosen Personen und Details angefüllt. Meine Kinder fanden das sehr spannend, ganz nebenbei war das gemeinsame Angucken eine gute Konzentrationsübung.  



In den 1990-ern hat Markus Osterwalder einen großen Erfolg mit Büchern der Figur Bobo Siebenschläfer gehabt. Ob dieser Erfolg angehalten hat, weiß ich nicht. Alle Kinder um uns herum und auch meine eigenen waren als Dreijährige hin und weg von diesem gezeichneten Tier. Ich war für jeden Tag dankbar, an dem die beiden nicht daraus vorgelesen haben wollten. Kurz: Ich habe das Vieh gehasst. Wo die drei Bobo-Bücher abgeblieben sind, weiß ich nicht. Mögen sie mir nie wieder über den Weg laufen.


Richtig, richtig toll waren die Bücher von Sven Nordqvist mit dem alten, grantelnden Pettersson und seinem cleveren Kater Findus. In der schwedischen Einöde gehen sich die beiden zwar hin und wieder auf die Nerven, aber letztendlich sind sie einander die besten Freunde. Unvergessen das Buch Morgen, Findus, wird's was geben, in dem sich Pettersson den Fuß verstaucht und keinen Weihnachtsbaum schlagen kann. Doch da wird flugs einer selbst gebastelt. In unserem Regal standen mehrere Bücher dieser Reihe, und ich könnte jetzt nicht sagen, welches das beste von ihnen ist.


Sehr amüsant und auf eine besondere Weise liebevoll war die Buchreihe rund um Mama Muh. Unverkennbar war wieder Sven Nordqvist am Werk, hier gibt es aber nur tierische Hauptfiguren. Mama Muh mag sich nicht mit dem ihr zugedachten Leben als Milchlieferantin abfinden und kommt auf immer neue Ideen, die sie tatkräftig und unerschrocken umsetzt. Selbstverständlich kann eine Kuh zum Beispiel ein Baumhaus bauen oder wie die Kinder, die sie den ganzen Tag beobachtet hat, rutschen. Ihr Freund Krähe beäugt sie zu Anfang immer skeptisch, ist dann aber immer zur Stelle, wenn Mama Muh Unterstützung braucht. 

Harry Potter löste hier nur gedämpfte Begeisterung aus. Ich habe meinen Kindern die ersten drei Teile vorgelesen, dann hatten sie genug vom Zauberschüler. 

Mein Sohn wurde dann ein großer Fan von Die Chroniken von Narnia von Clive S. Lewis. Als ich ihm alle sieben Bände vorgelesen und den allerletzten Satz beendet hatte, sagte er: "Noch mal!" Ein besseres Kompliment kann ein Kinderbuch doch nicht bekommen, oder? 

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit!

Sonntag, 31. März 2019

# 190 - Einmal Bosnien und zurück

Der Bosnienkrieg hat die Welt von 1992 bis 1995 in
Atem gehalten. Unvergessen sind die grausamen Gemetzel wie in Srebrenica, die nicht nur gegen Soldaten, sondern auch gegen Zivilisten gerichtet waren und von den anwesenden Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen nicht gestoppt wurden. Erst das Ende 1995 geschlossene Friedensabkommen von Dayton beendete den Kriegszustand.

2001 macht sich Juli Zeh auf den Weg nach Bosnien-Herzegowina. Ihr einziger Begleiter: ihr Hund Othello, der wie sie unterwegs eine Menge auszuhalten hat.
In ihrem 2002 erschienenen Buch Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien beschreibt Juli Zeh, wie sie versucht, die selbst gestellten Fragen zu beantworten. Eine davon heißt: Wer hasst wen und wie sehr? Es ist eine Frage, die ihr dabei helfen soll, den wahren Hintergründen, die den Krieg ausgelöst haben, auf den Grund zu gehen. Die Antworten, die sie von den Menschen, denen sie auf ihrer Reise zufällig begegnet, haben eine Gemeinsamkeit: Die Erklärung der Weltpresse, dahinter habe ein ethnischer Konflikt gestanden, wird ganz überwiegend für Unsinn gehalten. Die genannten Gründe könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein.

Das Land ist zerstört, manches wurde wieder aufgebaut, anderes blieb in Trümmern. Mittendrin ist die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh, die ihre Reise so beginnt wie jemand, der im Freibad auf dem Zehn-Meter-Brett steht und sich kurz vor dem Sprung einen Ruck gibt: ziemlich kurzentschlossen und - so scheint es - ohne größere Vorbereitungen. Wie wenig Bosnien-Herzegowina als touristisches Ziel gilt, merkt sie bereits im Reisebüro an der Reaktion der Angestellten: "Was wollen Sie da? Da ist doch Krieg!" Der Versuch, bei einem der größten deutschen Autovermieter für einen Monat ab Sarajevo einen Pkw zu mieten, scheitert an den horrenden Kosten: 3.500 $ werden verlangt. Vermutlich geht man in dem Unternehmen davon aus, dass man das Fahrzeug angesichts des Reiseziels auf die Verlustliste setzen muss.

Der Roadtrip beginnt zunächst mit einer Zugfahrt, die von Wien über das slowenische Maribor nach Zagreb führt. Dort bekommt sie von einem Freund eines Freundes eine Kurzinfo in bosnischer Staats- und Gesellschaftskunde und Verhaltenstipps. Später, auf dem Weg nach Sarajevo, erfindet sie eine neue Sprache, um mit den Kommunikationsschwierigkeiten fertig zu werden: Endepol ist eine Mischung aus Englisch, Deutsch und Polnisch, erweist sich im Laufe der Reise aber nicht immer als zuverlässige Verständigungshilfe. Sie macht Halt in Jajce, einer Kleinstadt, deren Bevölkerung sich infolge des Bosnienkrieges neu zusammenstzte. Weitere Stationen sind Mostar, Sarajevo, Pale, Fojnica, Čapljina, Tuzla, Srebrenica, Travnik, Banja Luka, Zagreb und einige kleinere Orte, die hier praktisch unbekannt sind. Innerhalb Bosnien-Herzegowinas legt sie die Strecken mit einem Auto zurück. Die Namen der meisten Städte, die sie besucht, sind hier durch die damalige Berichterstattung in den Nachrichten bekannt.

Juli Zeh verbringt körperlich anstrengende Wochen in Bosnien-Herzegowina. Eine für Touristen geeignete Infrastruktur gibt es nicht, Unterkünfte findet sie unterwegs eher zufällig, ihre Ernährung ist - gelinde gesagt - ungesund. Sie lässt sich treiben und entschließt sich oft spontan, die eine oder andere Richtung einzuschlagen. In den größeren Städten erlebt sie eine andere Stimmung als in den kleinen Ortschaften: Während die Städter sich offen geben und abends gepflegt durch das Zentrum flanieren, ist in den Kleinstädten und Dörfern der Wiederaufbau noch nicht weit gekommen und der Krieg in den Köpfen der Menschen noch deutlich präsenter.


Da Juli Zeh als Deutsche zur sog. "intrenational crowd" gehört, ist das Orgaisieren eines SFOR-Ausweises kein Problem. Dieser Ausweis erweist sich etliche Male als Türöffner. Das schützt sie aber nicht vor der fast allgegenwärtigen Gefahr, Opfer einer Mine zu werden. Besonders bewusst wird ihr das, als auf einer Bergkuppe bei Mostar einen großes aus Steinen gelegtes "H" irrtümlich als Zeichen für "Helikopter" interpretiert. Erst bei näherem Hinsehen wird Zeh klar, dass es sich um ein großes "M" handelt und sie sich mitten in einem abgesperrten Minengebiet befindet.

Lesen?

Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien ist in mehrerer Hinsicht ein lesenswertes Buch. Juli Zeh hat keinen der üblichen Reisebrichte geschrieben, sondern ihre Beobachtungen notiert: über die Menschen, das, was der Krieg mit ihnen gemacht hat und nicht zuletzt über sich selbst. Sie haucht auch dem, was auf den ersten Blick tot wirkt, noch Leben ein und verzichtet bei aller Empathie darauf, von ihrem vom Krieg geschundenen Reiseland ein Bild des Entsetzens zu zeichnen. Lesen!

Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien ist in der mir vorliegenden Ausgabe bei Schöffling & Co. erschienen. Die Taschenbuchausgabe kostet 10 Euro, die epub- oder Kindle-Edition 9,99 Euro. Das gebundene Buch ist nur noch antiquarisch zu bekommen.