Sonntag, 16. April 2023

# 389 - Die Wiederentdeckung einer verloren geglaubten Autorin

Der Roman Mistral ist keine Neuerscheinung im
eigentlichen Sinn. Maria Borrély hat ihn bereits 1930 unter dem Titel Sous le vent veröffentlicht, nachdem der spätere Literatur-Nobelpreisträger André Gide ihn dem Verlag Gallimard empfohlen hatte.

Borrély hat die Handlung in einem idyllischen Dorf in der Haute-Provence Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Die Menschen führen ein karges und arbeitsreiches Leben, das sich an der Natur sowie am Lauf der Jahreszeiten ausrichtet und manchmal auch vom Aberglauben geprägt ist. Der Mistral, ein aus Nordwesten kommender starker und kalter Fallwind, beeinflusst das Leben der Menschen deutlich. Er tritt das ganze Jahr über auf, bleibt oft mehrere Tage lang und zerrt an den Nerven der Einheimischen. Man sagt, dass manche von ihm verrückt werden.

Die Natur und das Wetter sind die wesentlichen Einflüsse auf die Handlung, in deren Mittelpunkt die junge Marie steht. Diese Ausrichtung wird auch in der Beschreibung Maries deutlich: "Ihre Augen haben die Farbe des schönen wilden Lavandins. Die Bewegung ihrer Taille, ihrer Schultern, ist wie das Wiegen einer jungen Birke im Wind, dem sie mit der geschmeidigen Kraft ihrer Lenden standhält."

Marie übernimmt als älteste Tochter alle Aufgaben im Haushalt, um ihre Mutter zu entlasten. Auf Schulbildung wurde bei ihr kein Wert gelegt, im Dorf ist sie für ihr heiteres Wesen bekannt. Maries Leben verläuft in gewohnten Bahnen, an Männern hatte sie bisher kein Interesse. Das ändert sich schlagartig, als sie den gutaussehenden Olivier kennenlernt, der im Nachbarort als Knecht in der Ölmühle arbeitet. Sie verliebt sich und meint zu erkennen, dass Olivier ihre Gefühle erwidert. Als Marie von ihm heimlich geküsst wird, steht ihr Herz in Flammen. Doch diese Liebe steht unter keinem guten Stern.

Lesen?

Mistral ist ein Roman voller Poesie und wilder Romantik, ohne dabei kitschig zu sein. Maria Borrély zeichnet sehr genau das Dorfleben nach und flicht immer wieder ihre eigene Lebensanschauung ein, die für die damalige Zeit enorm fortschrittlich war. Maries hundertjährigem Onkel legt sie diese Worte in den Mund: "Man hat die Erde kaputt gemacht, das Klima verändert. Es regnet immer weniger. Die Quellen versiegen. [...] Und jetzt erkennt man Valvachères nicht mehr. Es ist ein Haufen Geröll, den die Flüsse ausgespien haben und die Sonne röstet. [...] Unser Plateau ist allen Winden preisgegeben. Und so wird die Natur hier mehr zerstört als an anderen Orten."

Dieser Onkel wird außerdem - ebenfalls vor fast einhundert Jahren sehr ungewöhnlich - als Vegetarier beschrieben, der die Grausamkeit der schlachtenden Bauern verachtet.

Die Übersetzerin Amelie Thoma erzählt im Nachwort, wie sie Sous le vent wiederentdeckt hat: In ihrem Urlaubsort Puimoisson, dem Schauplatz des Romans, sah sie in einer Vitrine der Dorfkneipe einige Bücher eines regionalen Kleinverlags - darunter auch Maria Borrélys Werk. Thoma erkannte das Potenzial des Romans und machte sich auf die Suche nach einem Verlag, der ihn in einer deutschen Übersetzung herausbringen würde. Ihre Mühe war erfolgreich. Zum Glück.

Mistral ist 2023 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Sonntag, 9. April 2023

# 388 - Die Geschichte um Gretchen geht weiter

 Vor wenigen Wochen habe ich hier den Roman Stay
away from Gretchen
 von Susanne Abel vorgestellt, nun wollte ich wissen, wie die Geschichte weitergeht. Mit ihrem Buch Was ich nie gesagt habe spinnt die Autorin den Faden weiter und leuchtet einen weiteren Part der Geschichte der Kölner Familie Monderath aus.

Greta - oder Gretchen - spielt nach wie vor eine wichtige Rolle, doch nun rückt Tom Monderaths Vater Konrad stärker in den Fokus. Konrad war niedergelassener Gynäkologe und hatte zu seinem Sohn ein schlechtes Verhältnis, als dessen Pubertät begann. Tom hat sich zwar immer wie jemand gefühlt, der in der Familie ein Stück weit am Rand stand, hatte dafür aber keine Erklärung. 

Susanne Abel baut auch die Handlung dieses Romans auf zwei Zeitebenen auf: Sie beginnt mit dem Jahr 1933, in dem der fünfjährige Konrad von einem Tag auf den anderen seinen Vater Wilhelm verliert. Seine Mutter Ida ist mit dem dritten Kind hochschwanger und auf die Zuverlässigkeit von Konrads zwölfjährigem Bruder Franz angewiesen. Zur Familie gehören noch Idas Eltern und Wilhelms in Berlin lebender Bruder Heinrich, ein Gynäkologe, zu dem es aber nur wenig Kontakt gibt.

Wilhelms Tod ist der Beginn einer Kette von Heimsuchungen, die die Familie ereilt. Susanne Abel erzählt vom Aufstieg des Nationalsozialismus', dem Franz begeistert verfällt, der einsetzenden Judenverfolg und den Bücherverbrennungen. Mit Kriegsbeginn wird Franz eingezogen und 1943 getötet. Konrads Schwester Lizzy wird 1933 mit dem Down Syndrom geboren und neun Jahre später zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Da sie von den Nazis als Mensch ohne Wert eingestuft wird, wird sie ein Jahr später getötet - offiziell verstarb sie an einer Lungenentzündung, der standardmäßig verwendeten "Diagnose" nach der Ermordung von behinderten Menschen.

Während Konrads Einsatz als Flakhelfer wird Köln 1943 massiv bombardiert. Seine Mutter und die Großeltern kommen dabei ums Leben. 
Mit 15 Jahren wird Konrad im Schnelldurchlauf zum Soldaten ausgebildet, gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft und muss zusammen mit etlichen anderen Kriegsgefangenen auf einer Baumwollplantage in Mississippi arbeiten. Deutschland wird er erst zwei Jahre später wiedersehen und muss dann mit gerade mal 18 Jahren und ohne Angehörige versuchen, in Köln Fuß zu fassen.

Die zweite Zeitebene setzt 2016 ein. Der bekannte Kölner TV-Nachrichtenmoderator Tom Monderath erfährt von einem älteren Halbbruder, der in den Niederlanden lebt. Die beiden Männer lernen sich kennen und sind über ihre große Ähnlichkeit verblüfft. Die demente Greta hält den "Familienzuwachs" sogar für ihren verstorbenen Mann Konrad. Mithilfe der Fernsehassistentin Jenny spüren die Brüder weitere Halbgeschwister auf. Was hat sich in der Praxis von Konrad zugetragen? War Toms Vater der Samenspender für alle Halbgeschwister?

Lesen?

Susanne Abel baut auch in diesem Roman die Handlung entlang von historischen Fakten auf und schildert beispielsweise, dass die künstliche Befruchtung damals nicht nur dem Zweck diente, ungewollt kinderlosen Paaren zu helfen, sondern sich in ihr das nationalsozialistische Gedankengut fortsetzte: Wertvollere Menschen sollten sich fortpflanzen können, um nicht von sozial schwachen Menschen, die sich angeblich massenhaft vermehrten, zahlenmäßig überrollt zu werden. 

Während beide Zeitstränge langsam aufeinander zu laufen, erleben Greta und Konrad sowie Tom Ereignisse, die bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent sind wie z. B. den Kniefall von Willy Brandt vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau, den Bau der Berliner Mauer, den Besuch von John F. Kennedy in Berlin oder den Tod von Prinzessin Diana. So ermöglicht das Buch einen Eindruck, inwieweit der Lauf der Geschichte das Schicksal einer Familie bestimmt hat - wie auch zahllose andere Schicksale.

Wie schon nach dem Lesen von Stay away from Gretchen drängt sich auch bei diesem Roman die Frage auf, wie viel von Susanne Abels eigener Familiengeschichte in Was ich nie gesagt habe eingeflossen ist. Tatsächlich hat Abel erlebt, wie die Demenzerkrankung ihrer Mutter lange verdrängte Erinnerungen nach oben gespült hat, sodass sie eine neue Seite an ihr kennengelernt hat. 

Wer die Bücher gelesen hat, kommt zu dem Schluss: Leute, redet miteinander. Auch über die Vergangenheit, auch über möglicherweise Unbequemes.

Was ich nie gesagt habe ist 2022 bei der dtv Verlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Sonntag, 2. April 2023

# 387 - Rechte Richter - Nur Einzelfälle oder Gefahr für den Rechtsstaat?

Kaum mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung der
ersten Auflage seines Buches Rechte Richter sah der promovierte Volljurist und Journalist Joachim Wagner die Notwendigkeit einer Erweiterung um rd. 90 Seiten. Seit der Veröffentlichung der ersten Auflage 2021 hat Wagner Entwicklungen beobachtet, die ihn dazu veranlasst haben, das Themenspektrum seines Buches auszuweiten. Gibt es eine Unterwanderung des deutschen Rechtssystems durch AfD-nahe Richter, Staatsanwälte und Schöffen? Was hat es mit einem Staatsanwalt auf sich, der Angeklagte auf den Koran schwören lässt und ist das überhaupt zulässig? Wie stark ist die AfD in Richterwahlausschüssen vertreten?

Wagner vermeidet es, die haupt- und ehrenamtlichen Richterinnen und Richter sowie Staatsanwältinnen und
 -anwälte unter Generalverdacht zu stellen. Er greift Einzelfälle heraus, die deutlich zeigen, dass man bei manchen zur Judikative gehörenden Personen durchaus daran zweifeln kann, ob sie sich noch auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung befinden.

Da ist der Staatsanwalt aus Gera, der gegen Kunstaktivisten ein Verfahren wegen des Bildens einer kriminellen Vereinigung anstrengte, nachdem der AfD-Politiker Björn Höcke diese nur einen Tag zuvor öffentlich als "kriminelle und terroristische Vereinigung" bezeichnet hatte. Andere Staatsanwaltschaften stellten ähnliche Verfahren bald ein, dieser Staatsanwalt hielt die Ermittlungen sechzehn Monate lang am Leben, bis das thüringische Justizministerium eingriff. Der Vorgang rückte den Staatsanwalt in den Mittelpunkt weiterer Nachfragen seitens der Medien. Ergebnis: Er hatte Geld an die AfD gespendet und war schon unter seinen Kommilitonen als "Jura-Nazi" bekannt. 

Da sind aber auch Gerichtsurteile, die eindeutig rassistische und volksverhetzende Wahlplakate verharmlosen, oder zwei Landesverfassungsgerichte (Verfassungsgerichtshöfe Bayern und Baden-Württemberg), an denen ehrenamtliche Richterinnen und Richter mit einem AfD-Parteibuch tätig sind. Das ist keine Banalität, denn die Verfassungsgerichte der Länder entscheiden beispielsweise über Wahlprüfungsentscheidungen, Volksabstimmungen oder die Auslegung der Landesverfassung und somit die Basis dessen, was unsere Demokratie ausmacht.

Wagner wirbt dafür, schon dann genau hinzusehen, wenn eine juristische Karriere im Staatsdienst noch ganz am Anfang ist: bei der Einstellung von Referendarinnen und Referendaren. Das Bundesverfassungsgericht hat sich bereits entsprechend positioniert: In einem Urteil aus dem Jahr 1977 macht es deutlich, dass es sich verbietet, "Bewerber, die darauf ausgehen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen, in die praktische Ausbildung zu übernehmen". Während in mehreren Bundesländern in diesem Sinne verfahren und rechtsextremistischen Bewerbern der Zugang zum Referendariat verweigert wurde, sah man den Sachverhalt beim Verfassungsgerichtshof Sachsen in einem konkreten Fall anders und ermöglichte einem aktiven rechtsextremen Nachwuchsjuristen, der in mehreren Bundesländern zurückgewiesen worden war, den Vorbereitungsdienst. Begründung der Richterinnen und Richter: Eine Zurückweisung ist nicht mit der sächsischen Verfassung vereinbar, weil sie die Grundrechte der freien Berufswahl und der freien Wahl der Ausbildungsstätte verletzen würde - eine Haltung, die im Gegensatz zu der o. g. Rechtsauffassung des Bundesverfassungsgerichts steht.

Wohin so eine Handhabung führen kann, hat das Land Berlin erlebt, als es vergeblich versuchte, eine rechtsextreme Richterin aus dem Landesdienst zu entfernen. Eine juristische Tür öffnete sich erst, als die Richterin im Zuge der Verhaftung von mehreren sog. Reichsbürgern im Dezember 2022 ebenfalls festgenommen worden war: Die Beteiligung an der Vorbereitung eines Staatsstreichs rechtfertigte nun ihre Suspendierung.

Die aktualisierte Buchfassung widmet sich auch der Corona-Pandemie. Wagner beschreibt zum Beispiel ihre Zuständigkeit überschreitende Amtsrichter, ein Netzwerk aus Corona-kritischen Richtern und Staatsanwälten sowie eine politisch motivierte Auswahl von Gutachtern bei Gerichtsverfahren.

Nicht zu unterschätzen ist die Rolle von Schöffen, die in Gerichtsverfahren gemeinsam mit Berufsrichtern zu Urteilen kommen. Sie werden auf kommunaler Ebene vorgeschlagen und für fünf Jahre von einem Schöffenwahlausschuss am zuständigen Amtsgericht gewählt. Eine Eignungsprüfung wird nicht durchgeführt, eine Überprüfung der Verfassungstreue ist bislang ebenfalls nicht üblich. Kein Wunder, dass die AfD ihre Mitglieder öffentlich dazu ermuntert, sich um ein solches Ehrenamt zu bewerben. Rechte sprechen Recht, und es wird kaum etwas dagegen unternommen. Das Thema ist gerade aktuell, weil in diesem Jahr deutschlandweit Schöffenwahlen für die Amtszeit 2024 bis 2028 stattfinden.

Lesen?

Joachim Wagner hat sehr genau hingeschaut und die Auswirkungen, die AfD-Richter auf die deutsche Rechtsprechung haben, akribisch dokumentiert. Der Jurist kritisiert deutlich die bislang vorherrschende Haltung der Berufsrichterinnen und -richter, wonach eine kleine Zahl von AfD-Mitgliedern in deren Reihen kein Problem darstellt, um das man sich Sorgen machen müsste. Wagner plädiert dafür, genauer hinzusehen und jedes Gerichtsurteil, das Züge rechter Gesinnung trägt, als das zu sehen, was es ist: ein Schritt mehr zu einem Staat, dessen Bürgerinnen und Bürger ihrer Richterschaft nicht mehr vertrauen und Zweifel an deren neutraler Rechtsfindung haben. 

Rechte Richter verdeutlicht, wohin die Rechtsprechung abdriftet, wenn nicht rechtzeitig geeignete Maßnahmen ergriffen werden, die eine Vereinnahmung der Gerichte durch AfD-nahe haupt- und ehrenamtliche Richterinnen und Richter verhindern.

Die erweiterte zweite Auflage von Rechte Richter ist 2023 im Berliner Wissenschafts-Verlag erschienen und kostet 29 Euro.

Sonntag, 26. März 2023

# 386 - Sörensen ermittelt weiter

Sörensen am Ende der Welt ist der dritte Teil der
bislang vierbändigen Krimireihe von Sven Stricker, in der der gleichnamige Kriminalhauptkommissar aus Hamburg sein Leben im abgelegenen nordfriesischen Katenbüll wieder auf die Reihe bekommen will. Was keiner wissen soll: Er wurde im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht dorthin strafversetzt, sondern hat selbst um die Versetzung gebeten. Sörensen erhofft sich ein ruhiges Leben, um seine Angststörung zu überwinden.

Was schon in den ersten beiden Bänden nicht gelang, findet in diesem Buch seine Fortsetzung. Seitdem Sörensen in Katenbüll angekommen ist, häufen sich die Mordfälle. An beschauliche Ruhe ist da nicht zu denken. Diesmal findet der örtliche Tankstellenpächter auf seiner Hunderunde einen Toten im Koog, in dessen Brust ein Schraubenzieher steckt. Die Aufzeichnungen der Videokameras in der Tankstelle zeigen, dass der Angestellte Ole vermutlich der Letzte war, der das Mordopfer lebend gesehen hat. Aber ist der junge Mann, der demnächst Vater wird, auch der Täter?

Im Gegensatz zu den Ermittlungen in der Großstadt setzen die Beamten der kleinen Katenbütteler Polizeistation nicht nur Indizien zusammen, sondern fügen ihrer Arbeit eine wichtige Zutat hinzu: ihr Bauchgefühl. Auf dem platten Land kennt man sich, und Sörensen und seine Kollegin Jennifer Holstenbeck sind sich einig: Der Ole war das nicht. Die Nachforschungen ergeben, dass der Tote sich gemeinsam mit seiner Frau und seinem Bruder auf das Ende der Weltordnung vorbereitet hatte. Dessen Wohnhaus ist eine Mischung aus Hochsicherheitsgebäude und Warenlager. Zu allem Überfluss heftet sich ein freier Journalist an Sörensens Fersen, der eine Story wittert, die er teuer an Deutschlands größte Zeitungen verkaufen kann. 

Lesen?

Sven Stricker ist ein Krimi gelungen, der seine Leserinnen und Leser auf mehreren Ebenen packt. Der Mordfall - der nicht der einzige bleiben wird - ist spannend und hat eine überraschende Auflösung. Sörensens psychische Probleme werden sensibel und glaubhaft beschrieben, und Stricker legt dem Polizisten norddeutsch gefärbte Sätze in den Mund, die ihn noch authentischer wirken lassen. 

Sörensen erinnert manchmal an die Figur des Kriminalinspektors Columbo: Beide stellen häufig Fragen, deren Sinn sich erst später erschließt, und vermitteln ihrem Gegenüber den Eindruck, für dumm verkauft werden zu können. Das stellt sich immer dann als Irrtum heraus, wenn alle Erkenntnisse zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.
Sörensen ist zwar Single, aber auch ein Familienmensch - wenn ihm nicht ständig die Angststörung im Weg stehen würde. Seine Lebensgefährtin hat sich von ihm getrennt, die gemeinsame Tochter lebt bei ihr in Hamburg. Sörensen vermisst sie jeden Tag. Und dann ist da noch Sörensens Vater, zu dem der Polizist bislang kaum Kontakt hatte. Der Senior hat seinem Sohn etwas zu sagen, das sich auf ihr Verhältnis auswirken wird. Unbedingte Leseempfehlung!

Sörensen am Ende der Welt ist 2021 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 11 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Tipp: In der ARD Audiothek können die ersten drei Sörensen-Krimis als Hörspiel aufgerufen werden. In der Hauptrolle spricht Bjarne Mädel, der auch in der Verfilmung des ersten Sörensen-Krimis Sörensen hat Angst den Part des Kriminalhauptkommissars übernommen hat.

Freitag, 17. März 2023

# 385 - Flucht, Rassismus, Nationalsozialismus und Liebe - und die Frage nach der Vererbung von Erinnerungen

Mit Stay away from Gretchen ist Susanne Abel ein Roman gelungen, an dem man nur den Titel kritisieren kann. Der hätte mich fast davon abgehalten, das Buch zu lesen, weil ich dahinter "Kitsch" vermutet hatte.

Greta Schönaich - eben jenes Gretchen - wächst in Ostpreußen auf. Als Achtjährige erlebt sie den Kriegsbeginn sowie die Euphorie und die Siegesgewissheit, die die meisten Erwachsenen um sie herum haben. Mit ihrer Schwester teilt sie die Verehrung für Adolf Hitler, den die beiden Mädchen wie einen Popstar anhimmeln. Nur ihr Opa, der als Soldat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hat, kann der Situation nichts Gutes abgewinnen. 

Gretas Vater Otto, ein glühender Nazi, wird 1940 eingezogen; der Rest der Familie, der außer dem Mädchen noch aus den Großeltern, der Mutter und der älteren Schwester Fine besteht, flieht im Januar 1945 nach Westen. Auf der Flucht wird die Familie auseinandergerissen und trifft sich erst im Mai 1946 bei Verwandten in Heidelberg wieder. Der Vater findet seine Familie nach langer Gefangenschaft in Russland erst 1952 wieder. 

Die Stadt wird ihre neue Heimat. Gretas Lebensweg nimmt eine drastische Wendung, als sie in Heidelberg einen dort stationierten amerikanischen Soldaten kennenlernt, in den sie sich verliebt. Dass er nach der nationalsozialistischen Rassenlehre ein Untermensch ist, ist ihr gleichgültig. Die Folgen dieser Liebe sollen ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen.

2015 - im Hier und Jetzt

Susanne Abel belässt es nicht dabei, die Geschichte der Schönaichs zu erzählen, sondern springt immer wieder rund siebzig Jahre in die Zukunft. Hier steht zunächst der prominente Kölner TV-Nachrichtenmoderator Thomas "Tom" Monderath im Mittelpunkt. Er ist Single, hat immer mal wieder One-Night-Stands und lebt ansonsten im Takt der Nachrichtenlage. Seine 84-jährige Mutter Greta ist verwitwet und lebt allein in der Wohnung, in der Tom aufgewachsen ist. Die Seniorin sieht ihren Sohn vor allem dann, wenn sie abends den Fernseher anschaltet. Der Kontakt zu ihm ist ziemlich spärlich. 

Das ändert sich schlagartig, als die alte Dame seltsame Dinge tut. Tom schiebt den Gedanken, dass sich da möglicherweise Probleme auftun könnten, die sein egozentrisches Leben aus dem Lot bringen, zur Seite. Aber die Diagnose des Arztes ist eindeutig: Seine Mutter leidet an Alzheimer. Je mehr sie sich geistig aus der Gegenwart entfernt, umso stärker rückt die Vergangenheit in den Vordergrund. Als Tom in ihrer Wohnung ein Foto findet, auf dem ein afroamerikanischer Soldat abgebildet ist, bemerkt er die Reaktion seiner Mutter: Sie wird so emotional, wie er sie nie kennengelernt hat und behauptet, dieser Mann sei sein Vater. Tom beginnt mithilfe einer Kollegin, Nachforschungen anzustellen und lernt seine Mutter von einer ganz neuen Seite kennen.

Lesen?

Stay away from Gretchen erzählt eine von tragischen und traumatischen Erlebnissen geprägte Lebensgeschichte. Susanne Abel beschreibt die Folgen des nationalsozialistischen Rassenwahns und die gesellschaftliche Ausgrenzung der deutschen Frauen, die von afroamerikanischen US-Soldaten schwanger wurden. Ihre Kinder wurden als minderwertig angesehen, vielen Müttern wurden sie zwangsweise weggenommen, um dann zur Adoption freigegeben zu werden.

Doch auch innerhalb der US-Armee wurde die Rassentrennung vollzogen. Afroamerikanische GIs bekamen den Rassenhass zu spüren und wurden oft wie Fußabtreter behandelt. 

Das Thema Flucht und Vertreibung wird in Abels Roman immer wieder angesprochen, wenn beispielsweise Bezüge zu der Fluchtbewegung im Jahr 2015, als zwei Millionen Menschen auf dem Land- und Seeweg in die EU flohen, hergestellt werden. Weder damals noch heute waren geflüchtete Menschen in den Orten, in denen sie Zuflucht suchten, willkommen.

Das Buch greift zudem Erkenntnisse im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen auf. Mit fortschreitender Demenz vergessen die Menschen, worüber sie ihr Leben lang schweigen wollten. Es ist häufig so, als würde sich eine Tür öffnen, hinter der die Vergangenheit jahrzehntelang fest verschlossen gewesen war. Abel arbeitet auch Forschungsergebnisse in ihre Handlung ein, wonach Erfahrungen und Erlebnisse, die in einer Generation gemacht wurden, durch eine Art "genetisches Gedächtnis" an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden.

Fazit: Lesen? Ja!

Stay away from Gretchen ist 2021 bei der dtv Verlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 10. März 2023

# 384 - Ein "Nachschlag" zum Weltfrauentag

Nach dem Weltfrauentag ist vor dem Weltfrauentag. Ich will nicht falsch verstanden werden: Um die Gleichberechtigung von Frauen zu erreichen, ist noch reichlich Luft nach oben. Der Gender Pay Gap oder die viel zu hohe Zahl der Femizide sind nur zwei Beispiele dafür, dass immer noch, nach mehr als 100 Jahren Frauenbewegung, jede Menge zu tun ist, um eine tatsächliche Gleichstellung zu erreichen. Spätestens, wenn ich dann alle Jahre wieder am 8. März sogar von konservativen Politikern "Alles Gute zum Internationalen Frauentag" lese, weiß ich, dass das nichts für mich ist. Wer Frauen 364 Tage im Jahr geringschätzig behandelt, kann sich das Gesülze am Frauentag sparen.

Deshalb habe ich beschlossen, mich weder in meiner Bücherkiste noch auf meinem zweiten Blog an diesem Tag zu äußern. In den letzten Jahren habe ich das getan und gemerkt, dass das meinem Blutdruck nicht gutgetan hat. Also Schluss damit.

Ich bleibe aber selbstverständlich am Thema dran, was sich auch immer wieder bei der Buchauswahl für die Bücherkiste niederschlägt. Vor Kurzem bin ich auf zwei sehr interessante Titel gestoßen, die ich Euch nun gern vorstellen möchte.

Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Ein Zimmer für sich allein

Virginia Woolf hat das Essay bereits 1929 unter dem
Titel A Room Of One's Own veröffentlicht. Es geht auf zwei Vorträge zurück, die Woolf ein Jahr zuvor vor Studentinnen der Cambridge University gehalten hat. Die jungen Frauen studierten an zwei Colleges, die eigens als männerfreie Lernorte gegründet worden waren. Das Thema der Vorträge: "Frauen und Literatur". Die Schriftstellerin rang mit sich, was darunter zu verstehen sei: Literatur über Frauen? Literatur von Frauen? Oder etwas ganz anderes? Sie entschied sich, über die zwei grundlegenden Voraussetzungen zu sprechen, die Menschen zum Schreiben brauchen: genug Geld und einen eigenen Platz zum Arbeiten.

Virginia Woolf bedient sich in ihrem Essay eines literarischen Tricks: Anstelle von sich selbst und ihrer eigenen Wahrnehmung zu sprechen, wenn es um die alltägliche Ungleichbehandlung von Frauen gegenüber Männern geht, lässt sie die fiktive Figur "Mary" für sich sprechen. Mary erlebt, was Woolf anprangert: Frauen dürfen nur in Begleitung eines Mannes die Universitätsbibliothek betreten, und ein örtliches Frauencollege muss um seine Existenz bangen, wenn nicht bald genügend Spenden eingesammelt werden können. Marys Fazit: Während männliche Bildung mit viel Aufwand gefördert wird, müssen Frauen um ihre soziale Stellung und ihr finanzielles Überleben kämpfen.

Die junge Frau will herausfinden, was der Grund für die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern ist. Die Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs, die British Library in London, erscheint Mary als die richtige Anlaufstelle für ihr Anliegen. Doch sie wird enttäuscht: Alle Schriften, die sich mit Frauen beschäftigen, wurden von Männern geschrieben. Frauen waren Objekte, die man beobachtete und analysierte, sie nahmen jedoch nicht selbst die Rolle der Forschenden ein.

53 Jahre nach Virginia Woolfs Tod erschien in einer großen deutschen Wochenzeitung ein Essay über die Schriftstellerin. Es beginnt mit diesen Worten: "Sie war eine frigide Frau - und hatte ein Verhältnis mit ihrem Schwager, mit ihrem homosexuellen Kollegen Lytton Strachey und ihrer lesbischen Kollegin Sackville-West, als sie schon glücklich verheiratet war." Mehr muss man nicht wissen, um einen Eindruck davon zu haben, wie der damals bekannte Literaturkritiker Raddatz auf das Leben einer sehr viel bekannteren Schriftstellerin schaute und dass eine solche Einleitung unwidersprochen abgedruckt wurde.

Das Essay wird unter beiden oben genannten Titeln von unterschiedlichen Verlagen vertrieben. Da das gesamte Werk von Virginia Woolf seit dem 1. Januar 2012 gemeinfrei ist, reißt die Serie der deutschen "Neuübersetzungen" nicht ab.

Mary Beard: Frauen & Macht

Knapp 90 Jahre nach Virginia Woolfs Essay ist dieses
Buch der britischen Altphilologin und Cambridge-Professorin Mary Beard erschienen: Frauen & Macht. Beard beschäftigt sich darin mit der Frage, warum Frauen immer noch um Gleichberechtigung und Respekt ringen müssen und wie sie (von Männern) zum Schweigen gebracht werden.

Mary Beard geht weit in der Zeit zurück. Sie erläutert, dass die Rollenzuschreibungen ("Frauen können nicht...", "Frauen sind nur geschaffen für..." etc.) ihre Wurzeln in den großen Schriften der römischen und griechischen Antike haben. Insbesondere im antiken griechischen Theater kommen Frauen nicht gut weg, sobald sie in irgendeiner Form mit Macht in Berührung kommen: Entweder sie handeln, wie es ein Mann tun würde, oder sie missbrauchen ihren Einfluss. Die Verbindung von Macht und Frauen gilt als unnatürlich und nicht angebracht. Und immer geht es um das Recht zu sprechen, das Frauen schon damals oft verwehrt wurde.

Es sind die antiken Werke, die viele schon aus der Schule kennen, die Frauen per se einen niedrigeren Status als Männern zuweisen. Beard führt beispielhaft die Odyssee von Homer oder die Metamorphosen von Ovid an. Auch der Satz "Orator est vir bonus dicendi peritus" - "Ein Redner ist ein tüchtiger, im Reden erfahrener Mann" - lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wie sinnvoll man es in der damaligen Gesellschaft fand, wenn Frauen ihre Stimme erhoben. 

Aber jetzt sind wir im 21. Jahrhundert und alles ist viel besser - oder? Nein, wie Beard anhand von Beispielen nachweist. Ob es sich um den Versuch, eine US-Senatorin 2017 während einer Sitzung mundtot zu machen oder die bis heute geltenden Protokolle und Regeln des britischen Unterhauses aus dem 19. Jahrhundert handelt: Frauen wird immer noch zu oft das Recht verwehrt, sich zu äußern. Mary Beard belässt es nicht bei der Beschreibung dieses Missstands, sondern sie schlägt vor, wie diesem heute begegnet werden kann.

Frauen & Macht ist 2018 im S. Fischer Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 13 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Lesen?

Keine Frage, beide Bücher sind absolut lesenswert, und zwar nicht nur für Frauen. Es ist völlig inakzeptabel, dass sich immer noch Männer in der Öffentlichkeit herabsetzend über Frauen äußern, ihnen de facto den Mund verbieten und das praktisch nicht kommentiert wird.
Heute fast vergessen sind die Ansichten des "Literaturpapstes" Reich-Ranicki. Als 1977 der erste Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt stattfand, kommentierte er den Vortrag der Schriftstellerin Karin Struck so: "
„Wen interessiert, was eine Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen.“ Noch im Jahr 2000 behauptete er zum wiederholten Mal, Frauen könnten keine Romane schreiben. Ihre Domäne sei die Lyrik und sie müssten mit dem Schreiben aufhören, sobald sie Kinder bekämen. Warum? "Fragen Sie einen Gynäkologen!" Sein 2002 erschienener 20-bändiger Literaturkanon enthält folgerichtig kein einziges Werk einer Frau.

Zum Schluss noch ein bisschen Statistik, die belegt, dass es Frauen in der Welt der Literatur nach wie vor schwer haben: Zwei Drittel der veröffentlichten Bücher stammen von Männern; Buchrezensionen in der Presse oder im Radio werden überwiegend von Männern und ebenfalls überwiegend über Titel von Autoren erstellt. Das habe ich übrigens im Buch Frauen Literatur - abgewertet, vergessen, wiederentdeckt von Nicole Seifert gelesen.



Freitag, 3. März 2023

# 383 - Ein Roman, der ein Jahrhundert ukrainischer Geschichte erzählt

Lisa Weeda wurde in den Niederlanden geboren und
hatte sich lange nicht mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Sie wusste, dass ihre Großmutter Aleksandra aus der Ukraine stammte, im Zweiten Weltkrieg 1942 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam, später in den Niederlanden geheiratet hatte und dort geblieben war. Erst vor einigen Jahren begann sich die Autorin für ihre Familiengeschichte bis zurück zu ihrem Urgroßvater zu interessieren - eine Geschichte, die sich in der Ostukraine, Russland, Deutschland und den Niederlanden abspielte. Sie erfuhr, dass sie von Donkosaken abstammte, die sich bereits im 15. Jahrhundert zusammenschlossen.

In ihrem Debütroman Aleksandra lässt Weeda mit einer Mischung aus Fiktion und realen Begebenheiten ihre Ich-Erzählerin Lisa im Jahr 2018 nach Lugansk reisen. Ihre Großmutter Aleksandra hatte sie beauftragt, das Grab ihres Neffen Kolja zu suchen, der drei Jahre zuvor verschwunden war. Die Erzählerin hat etwas Besonderes im Gepäck: ein Sticktuch, auf dem mit schwarzem und rotem Faden die Lebenslinien der einzelnen Familienmitglieder nachempfunden waren. Die roten Linien stehen für das Leben, die schwarzen für den Tod. Dieses Tuch soll auf Koljas Grab gelegt werden, da Aleksandra fühlt, dass dieser sonst keine Ruhe findet.

Am Grenzübergang von der Ukraine zur sog. Volksrepublik Lugansk, die 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektiert wurde, scheitert Lisa am Wachsoldaten, der sie partout nicht passieren lassen will. In einem günstigen Moment rennt sie in ein Getreidefeld, um ihr Ziel zu erreichen und den Wunsch der Großmutter zu erfüllen. Als sie stolpert, fällt sie auf die Stufen eines plötzlich auftauchenden Palasts mit gigantischen Ausmaßen und trifft dort auf ihren schon lange verstorbenen Urgroßvater Nikolaj, der sie durch die zahllosen hohen Räume des Gebäudes führt. 

Dieser "Palast der verlorenen Donkosaken" erinnert an Josef Stalins hochfliegende Pläne aus den 1930-er Jahren, in Moskau einen "Palast der Sowjets" zu bauen, der mit einer Höhe von 415 Metern alle Gebäude auf der Welt überragen und von der Großartigkeit der Sowjetunion überzeugen sollte. 

Nikolaj zeigt seiner Urenkelin etliche Palasträume und leitet sie auf diese Weise durch die kollektiven Erinnerungen der Familie sowie die Historie der Ukraine und Russlands. Die Zeit unter Stalin, als Nikolaj und seine Frau Anna wie viele andere Bauern ihre Ernte hergeben mussten und später sogar enteignet wurden, die Qualen des Holodomors Anfang der 1930-er Jahre oder der Einmarsch der Nationalsozialisten in die Ukraine waren nur einige der prägenden Ereignisse, die die Familie vor schwere Prüfungen stellte und auseinander riss.
Diese so verpackten Begebenheiten verknüpft Lisa Weeda mit den Erzählungen ihrer Großmutter und dem, was im Zusammenhang mit der Annexion der Volksrepublik Lugansk, in deren Wirren Kolja verschwand, passierte.

Lesen?

Aleksandra ist ein vielschichtiger Roman, der seine Leser und Leserinnen auf fast jeder Seite mit historischen Informationen versorgt. Lisa Weeda hat eindrucksvoll dargestellt, wie sehr Menschen durch politische Entscheidungen hin und her geworfen werden können wie Laub im Wind, ohne eine Chance zu haben, ihre Lage aktiv zu verbessern. 

Lisa Weede hat der Handlung erfreulicherweise einen Familienstammbaum vorangestellt, der sich über fünf Generationen erstreckt. Das ist sehr hilfreich, um sich zurechtzufinden, da einzelne Vornamen in mehreren Generationen vorkommen, was ziemlich verwirrend sein kann.

Der im Roman verwendete Leitspruch der Donkosaken spiegelt wider, wie die Ukrainer mit den Angriffen Russlands umgehen: "Wir sterben lieber frei als versklavt" macht deutlich, dass Aufgeben die letzte Option ist.

Lisa Weeda hat acht Jahre an ihrem Buch geschrieben. Aufgrund der Faktenfülle wäre mir sehr recht gewesen, wenn sie sich nicht auf rund 280 Seiten beschränkt, sondern der gesamten Darstellung mehr Raum gelassen hätte.

Aleksandra war 2022 in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg und wurde mit De Bronzen Uil, dem Preis für das beste niederländisch-sprachige Debüt, ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des niederländischen Libris-Literaturpreises.

Der Roman erschien am 24. Februar 2023 zum ersten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine im Kanon Verlag und kostet 25 Euro.

Samstag, 18. Februar 2023

# 382 - Ein Filmfestival wird zur tödlichen Veranstaltung

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist der sechste
Band einer Krimi-Reihe, in der die Schriftstellerin Margarete von Schwarzkopf ihre Hauptfigur, die Kunsthistorikerin Anna Bentorp, als Laien-Ermittlerin tätig werden lässt.

Anna hat ein untrügliches Gespür dafür, wenn an einer Sache etwas faul ist. Freunde nennen sie deshalb "Miss Marple". Sie ist aber auch ein großer Filmfan, und als ihre Freundin Marianne sie einlädt, als Jurymitglied an einem exklusiven Filmfestival im beschaulichen Eifel-Dorf Angerrath teilzunehmen, das sie gemeinsam mit ihrem Mann auf die Beine gestellt hat, nimmt Anna das Angebot gern an.

Die Jury soll zwar aus aktuellen Filmen die Sieger auswählen, doch der eigentliche Leckerbissen der Veranstaltung ist etwas für eingefleischte Cineasten: Die Tochter des jüdischen Regisseurs Leopold Welfenstein, der 1937 unter ungeklärten Umständen in einem Londoner Filmstudio ums Leben kam, wird aus den USA anreisen und ein Fragment des verschollenen letzten Films ihres Vaters im Gepäck haben. Die Kinowelt ist sich darin einig, dass Welfenstein einer der besten Filmemacher seiner Zeit war, und so sollen auch seine bekannten Werke in Angerrath gezeigt werden.

In dem dem kleinen Ort findet sich ein Publikum ein, das sich die Welt des Films zu eigen gemacht hat: Vom wohlhabenden Sammler von Kinodevotionalien bis zum Betreiber eines kleinen, aber feinen Filmmuseums ist eine bunte Gästemischung vor Ort.

Doch der Frieden soll nicht lange dauern. Ein Filmjournalist, der nicht nur in Angerrath als Querulant von sich reden gemacht hat, wird überfallen und schwer verletzt. Dann verschwindet der Filmstreifen aus dem Zimmer von Welfensteins Tochter. Anna vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem Tod des Regisseurs vor über achtzig Jahren gibt. Ihre Ahnung wird durch weitere Todesfälle untermauert, die im Zusammenhang mit dem verschwundenen Film zu stehen scheinen.

Der Krimi blickt immer wieder in die Zeit der 1930-er Jahre zurück. Während Chief Inspector Howell nicht daran zweifelt, dass sich Welfenstein umgebracht hat, ist sich sein Assistent Kinley da nicht so sicher. Trotz des Verbots seines Vorgesetzten, sich um die Angelegenheit zu kümmern, ermittelt der junge Polizist auf eigene Faust weiter. Im Mittelpunkt seiner Nachforschungen steht dabei die damals sehr einflussreiche Familie Carr, die um jeden Preis die Veröffentlichung von Welfensteins Film verhindern will, obwohl dieser ihn auf deren Wunsch bereits stark verfremdet hat. Was haben die Carrs zu verbergen und wie kommt es, dass sich in ihrer Familie die Todesfälle im Jahr 1900 häufen? Und waren die Unfälle, die weitere Menschen aus Welfensteins Umfeld das Leben kosteten, tatsächlich nur Unglücke oder steckten dahinter eiskalt geplante Morde?

Lesen?

In Das Geheimnis des dunklen Hauses lässt Margarete von Schwarzkopf ihre Protagonisten nicht nur wegen zahlreicher Mordfälle ermitteln, sondern wirft auch einen Blick in die deutsche Geschichte der 1930-er und 1940-er Jahre, als Menschen aus Angst vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Deutschland verließen. Darunter waren zahlreiche jüdische Künstler und Wissenschaftler. In ihrem Buch sind Fiktion und Elemente aus dem eigenen Leben der Autorin und Journalistin miteinander verwoben und ergeben ein spannendes und stimmiges Gesamtwerk. Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann wären es die zahlreichen Personen, die die Handlung beeinflussen und manchmal für etwas Unübersichtlichkeit sorgen.

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist 2022 im Emons Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 15 Euro.

Freitag, 10. Februar 2023

# 381 - Eine Jugend auf Mallorca während der Franco-Diktatur

José Carlos Llop ist der wichtigste zeitgenössische
Schriftsteller Mallorcas. Sein Buch Der Bericht 'Guillermo Stein' erschien in Spanien bereits 1995 unter dem Titel El informe Stein und wurde 2008 mit dem Prix Ecureuil de Littérature Etrangère für den besten in Spanien veröffentlichten Roman ausgezeichnet. Und das, obwohl es sich um einen Titel mit nur rund 90 Seiten handelt. Was macht das Buch so besonders?

Der Kurzroman spielt im Sommer 1968 in Palma de Mallorca. Der Erzähler Pablo Ridorsa ist Schüler im Jesuitenkolleg. Spanien hat bewegte Jahrzehnte hinter sich: Die Ausrufung der 2. Republik, die Kirchenverfolgung durch die neue Verfassung, die Folgen des Spanischen Bürgerkriegs sowie die Diktatur unter General Franco wirken sich auch auf das Leben auf Mallorca aus. Doch man spricht nicht gern über die Vergangenheit und verdrängt die Flecken auf der weißen Weste seiner nächsten Angehörigen.

Der Sommer 1968 ist einer der regenreichsten der Insel. Mitten im Schuljahr taucht plötzlich ein neuer Schüler im Kolleg auf: Guillermo Stein. An ihm ist alles seltsam und geheimnisvoll, und Stein selbst tut nichts, um diesen Eindruck zu entkräften. Im Gegenteil: Er erzählt von seinem Vater, der Kontakt zu einflussreichen Faschisten hatte, trägt buntere Kleidung als die anderen und fährt auch im strömenden Regen mit dem Fahrrad zum Unterricht - als Einziger und mit einem auffälligen roten Regenmantel. Außerdem tritt er so auf, als ginge ihn alles um ihn herum gar nichts an. Die Neugier der anderen Jungen ist geweckt und es entsteht der Plan, möglichst viel über Stein herauszufinden und in einem Bericht zusammenzufassen.

Ridorsa, der bei seinen Großeltern aufwächst, freundet sich mit Stein an. Bei einem Besuch in Steins Zuhause fällt ihm der große Unterschied zum Haus der Großeltern auf: Während Stein im damals vornehmen Viertel El Terreno wohnt, haben Ridorsas Großeltern ihr Quartier innerhalb der Stadtmauern noch nie verlassen. Ridorsa registriert, dass die beiden alten Leute auf den Namen Stein angespannt reagieren und spürt, dass Steins Anwesenheit etwas ins Rollen bringt. Und tatsächlich kommen am Ende des Buches einige Wahrheiten ans Licht, die für etliche emotionale Erschütterungen sorgen - und Ridorsa begreifen lassen, warum sich seine Eltern nicht mehr auf Mallorca sehen lassen.

Lesen?

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist mir auf der Frankfurter Buchmesse 2022 aufgefallen, als der Ehrengast Spanien zahlreiche deutsche Übersetzungen spanischer Bücher vorgestellt hat. José Carlos Llop verwebt in seinem Roman die fiktiven Ereignisse in einem Jesuitenkolleg in Palma mit der Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. 

Die zunächst noch eher kindliche Neugier der Jungen gegenüber ihrem neuen mysteriösen Mitschüler verändert sich in dem Moment, als aus Gerüchten und Vermutungen Wahrheiten werden und sie von den Verfehlungen ihrer nächsten Verwandten erfahren: Denunzierungen und Verrat taugen nun mal nicht für Heldenerzählungen. 

Ridorsa wird zum ersten Mal mit seiner erwachenden Männlichkeit konfrontiert und verliebt sich. Und sein geheimnisvoller Freund, der schon bald wieder abreist, hat die letzten Jahre seines Lebens vor sich. 

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist ein interessanter Blick in spanische Verhältnisse in den 1960-er Jahren und es lohnt sich, das ein oder andere, was uns aus der Landesgeschichte nicht bekannt ist, nachzulesen.

Der Roman ist 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18,80 Euro.


Samstag, 4. Februar 2023

# 380 - Wie viel Black Power ist im Wahlkampf noch übrig?

Pleasantville ist nach Black Water Rising der zweite
Roman, in dem der Anwalt und frühere Black-Power-Aktivist Jay Porter die zentrale Rolle spielt. In seinem Leben hat sich viel verändert: Vor einem Jahr ist seine geliebte Frau verstorben, seitdem ist er alleinerziehender Vater eines zehnjährigen Sohnes und einer 15-jährigen Tochter. Die Trauer lähmt ihn so, dass er eine sich schon ein Jahr hinziehende Sammelklage gegen ein Chemieunternehmen endlich beenden und dann mithilfe der Einnahmen in Rente gehen will. Doch es kommt anders.

Pleasantville: Das ist ein Stadtteil von Houston, der 1948 gegründet wurde und vor allem Afroamerikaner anzog, weil sie sich dort legal ein eigenes Haus kaufen durften. Das Viertel zeichnete sich durch seinen großen Zusammenhalt, sein bürgerschaftliches Engagement und seine ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung von bis zu 90 Prozent aus. Aber auf die Idylle fielen Schatten: Nachdem in der Nähe eine Autobahn gebaut worden war, zog es zahlreiche Industrieunternehmen an den Rand von Pleasantville. 1995 brannte dort ein Chemielager, viele Menschen mussten aus ihren Häusern evakuiert werden. Dieses Ereignis greift Locke auf, um ein Buch zu schreiben, das gleichzeitig Krimi und Polit-Thriller ist.

1996, zum Zeitpunkt der Wiederwahl von Bill Clinton als US-Präsident, findet in Houston der Wahlkampf für die Stichwahl für das Bürgermeisteramt statt. Mit Alex Hathorne hat erstmals ein Afroamerikaner die Chance, diese Position zu erringen. Alex hat dabei drei Vorteile, die seine Wahl absichern könnten: Sein Vater Sam ist das Oberhaupt einer der Gründerfamilien von Pleasantville und hat beinahe den Status eines inoffiziellen Bürgermeisters, Alex selbst ist dort lange  Polizeichef gewesen und nicht zuletzt tritt er für die Demokraten an, die bislang hier immer die Nase vorn hatten. 

Seine Konkurrentin ist die republikanische Strafverteidigerin Sandy Wolcott, die ehrgeizig und weiß ist. Ihr Wahlkampf wird so aggressiv geführt, dass Alex' Vorsprung langsam dahinschmilzt. Doch dann wird die 15-jährige Alicia vermisst. Die wenigen Menschen, die sie zuletzt an einer Straßenecke in der Nähe eines Brachgeländes gesehen haben, hatten den Eindruck, dass sie auf jemanden gewartet hatte. Außerdem trug sie ein T-Shirt, an dem die Wahlkämpfer der Hathorne-Kampagne zu erkennen sind.

Einige Zeit zuvor sind bereits zwei Mädchen im selben Alter verschwunden und Tage später ermordet aufgefunden worden. Beide Fälle konnten nicht aufgeklärt werden. Hat derselbe Täter auch diesmal zugeschlagen? Tatsächlich wird Alicias Leiche gefunden, doch einige Details unterscheiden diesen Mord von den beiden anderen.

Schnell fällt der Verdacht auf Neal Hathorne, Axels Neffe und Wahlkampfchef. Doch der beteuert seine Unschuld. Da einige Indizien gegen ihn sprechen, wird er angeklagt und Jay beauftragt, Neal anwaltlich zu vertreten. Widerwillig übernimmt er das Mandat. Als sich diese Nachricht herumspricht, wird in Jays Kanzlei eingebrochen, er wird zusammengeschlagen und jemand durchwühlt seine Garage. Wer immer dahintersteckt, hat das Gegenteil dessen bewirkt, was er vermutlich wollte: Anstatt das Mandat niederzulegen, ist nun das Interesse des Anwalts geweckt. Er setzt mit seinem kleinen Helferkreis alles daran, den Mord an Alicia aufzuklären und herauszufinden, inwieweit die Politik hier ihre Finger im Spiel hat.

Lesen?

Pleasantville ist ein ungewöhnliches Buch, das viele verschiedene Themen miteinander verbindet. Zu sagen, es sei ein Krimi, wird ihm nicht gerecht. Attica Locke schafft es erneut, ihre Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft hinsichtlich des Umgangs mit der afroamerikanischen Bevölkerung einzubringen. Gleichzeitig beschreibt sie die Mechanismen, die seit Mitte der 1990-er Jahre dazu führen, dass die amerikanische Mittelschicht ausgehöhlt und das Wahlsystem und damit die Demokratie ad absurdum geführt werden. Das gelingt ihr mit diesem spannenden, aber nicht moralisierenden Buch.
Attica Locke gewann für Pleasantville 2016 den Harper Lee Prize for Legal Ficition.

Pleasantville ist 2022 im Polar Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.