Donnerstag, 1. April 2021

# 284 - Raus ins Grüne! So gemütlich lebt es sich in einem Schrebergarten

Sebastian Lehmann hatte nach 20 Jahren in Berlin
ebenso wie seine Freundin die Nase voll vom ständigen Trubel der Großstadt und den zahllosen Baustellen im eigenen Viertel. Wahrscheinlich wird man, wenn man auf die 40 zugeht, empfindlicher und hat ein größeres Ruhebedürfnis.

Die Lösung scheint dem Paar ganz einfach zu sein: Ein Schrebergarten muss her! Ruhe und Erholung inmitten der Natur, mit dem Zwitschern der Vögel und dem leisen Säuseln des Windes als einzige harmoniestiftende Geräuschquellen. Das ist der Einstieg für sein Buch Das hatte ich mir grüner vorgestellt.

Lehmann erstellt eine Liste mit Kriterien, die das künftige Refugium erfüllen muss und schon kann die Suche nach einem geeigneten Garten losgehen. Blöd nur, dass auf diese originelle Idee auch viele andere Stadtflüchtlinge gekommen sind. Deshalb muss der Suchradius etwas ausgedehnt werden. Und tatsächlich: Nach einigen Misserfolgen ergibt sich die Möglichkeit, ein Gartengrundstück in einer sehr kleinen Kolonie auf dem platten mecklenburgischen Land zu kaufen. Das benachbarte Dorf bietet außer einer Straße keine Infrastruktur, der bereits vorhandene Bungalow schreit nach einer Sanierung und der eigentliche Garten hat in den vergangenen Jahren die Gelegenheit genutzt, sich frei zu entfalten.

Doch Lehmann, dem alles Handwerkliche bislang fremd war, sieht die Gesamtsituation als zu bewältigende Herausforderung an und kauft die Parzelle. Nebenbei stellt sich heraus, dass er nicht nur körperlichen Arbeiten sondern auch rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit einem Immobilienkauf ahnungslos gegenübersteht. Irgendwie wird es schon werden - das ist seine Herangehensweise allen Dingen gegenüber, die ihm fremd sind.

Mit Humor beschreibt der frischgebackene Hobbygärtner die Probleme, die sich im Laufe des ersten Gartenjahres auftun: Für ihn völlig überraschend realisiert er, dass die Gartenkolonie so weit draußen nicht an ein öffentliches Abwassernetz angeschlossen ist. Gerade noch rechtzeitig erreicht er eine Firma, die ihm seine Sammelgrube leerpumpt. Auch die Renovierung des Bungalows wirft Probleme auf: Der Boden ist uneben, die Veranda morsch und zum Entsetzen des Paares haben sich im Haus Spinnen gemütlich eingerichtet.

Die Illusion von entspannten Wochenenden im Liegestuhl zerplatzt ziemlich schnell, weil ein Problem das andere ablöst. Aber zum Glück ist da der Gartennachbar Heinz, der ganzjährig Feinrippunterhemden trägt und immer mit dem passenden Kommentar zur Stelle ist. Ohne seine Tipps wäre Lehmann möglicherweise bei seinem Versuch, ein Freizeit-Landei zu werden, krachend gescheitert.

Lesen?

Sebastian Lehmann ist Buchautor, Poetry Slammer und Kleinkünstler. Dass es in diesem Buch also eher um die lustigen Seiten des gärtnerischen Scheiterns als um die Heldentaten eines Großstädters gehen würde, war klar. Etliche Szenen sind wirklich witzig, andere leider aber klischeehaft: Ob es Heinz' Feinrippunterhemd, die eigene verkrampfte Anpassung an den örtlichen "Dresscode" oder das kontinuierliche Nichtwissen ist - das Gefühl, das schon mal irgendwo anders gelesen zu haben, wird bei jedem Kapitel stärker. Das hatte ich mir grüner vorgestellt ist nette Unterhaltung für einen Tag am Meer, auf dem Balkon oder ja, auch im Schrebergarten. Und zum Schluss wird dort, wo bislang eine olle Tanne gestanden hat, was gepflanzt? Genau, ein Apfelbaum.

Das hatte ich mir grüner vorgestellt ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur-Ausgabe 13 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Nachtrag: Es gibt Dinge, die mich bei Büchern ärgern, unabhängig von Verlag oder Autor/in. Dazu gehören Mängel beim Korrektorat, sodass es sich beim Lesen so anfühlt, als würde ich quasi beim Gehen mit dem Fuß hängenbleiben. Da wird dann die heisere zu einer heißeren Nachtigall oder "die ehemaligen Sozialdemokraten spuckten nur noch als seelenlose Gespenster ganz hinten in meinem Kopf herum."

An der Stelle kann man eventuell noch sagen, dass das schon mal passieren kann. Aber wenn auch der Imperativ falsch gebildet wird ("breche" statt "brich" oder "sehe" statt "sieh"), habe ich bei einem Verlag, der im Bereich der Taschenbücher zu den umsatzstärksten gehört, kein Verständnis mehr.



Freitag, 26. März 2021

# 283 - Fritz und Emma - Wie ein Satz alles verändert

1947: Der 20-jährige Fritz Draudt kommt aus der Kriegsgefangenschaft in sein Heimatdorf Oberkirchbach in der Pfalz zurück. Doch von dem, was einmal sein Zuhause war, ist nichts mehr übrig: Bei einem Bombentreffer kamen seine Eltern und sein jüngerer Bruder ums Leben, das Elternhaus fiel zu einem Schutthaufen zusammen. Doch da ist die gleichaltrige Emma Hillese: Sie und Fritz wurden 1927 fast gleichzeitig geboren und sind sich so nahe, dass sie für den Rest ihres Lebens zusammenbleiben wollen. Dieser Einstieg könnte der Beginn eines kitschigen Liebesromans mit jeder Menge Schmalz und Herzeleid sein, aber Barbara Leciejewski lässt es in ihrem Roman Fritz und Emma glücklicherweise nicht soweit kommen.

Emma ist Fritz eine große Stütze. Die Liebe zueinander motiviert ihn, an die Zukunft zu glauben und nährt seine Hoffnung, das Furchtbare, das er im Krieg getan und gesehen hat, irgendwann zu vergessen. Er beginnt, das zerstörte Haus für sie beide wieder aufzubauen und das Paar legt einen Hochzeitstermin fest. Aber dann passiert etwas zwischen ihnen, das ihre intensive Verbindung zerstört. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, den tiefen Riss, der sich zwischen ihnen aufgetan hat, zu kitten. Emma verbietet Fritz, jemals wieder Kontakt zu ihr zu haben. Beide gehen getrennte Wege, heiraten und werden Eltern, weichen einander aber in den nächsten Jahrzehnten konsequent aus, obwohl sie weiterhin im selben Dorf leben. 

Zu Ostern 2019 übernimmt der junge Pfarrer Jakob Eichendorf die Oberkirchbacher Gemeinde, seine Frau Marie ist für die Dorfbewohner ab sofort die "Frau Pfarrer". Marie hat nur ihrem Mann zuliebe dem Wechsel in das 820-Seelen-Dorf zugestimmt, sie fühlt sich dort schnell einsam und vom normalen Leben abgehängt. Das wird zunächst auch nicht besser, als sie sich lustlos an den Planungen für die 750-Jahr-Feier des Dorfes beteiligt: Was soll man denn schon planen, wenn das Geld an allen Ecken und Enden fehlt und die Dorfbewohner so lebenslustig und kontaktfreudig sind wie ein Schwarm toter Fische? Doch ihr Interesse ist geweckt, als sie von der Feindschaft zwischen Emma und Fritz hört, die nun schon seit 70 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Was damals vorgefallen ist, weiß allerdings niemand so genau. Ist es möglich, dass man die beiden alten Leute nach so langer Zeit wieder zusammenbringen kann?

Lesen?

Barbara Leciejewski lenkt den Blick auf die Sprachlosigkeit der Generation von Emma und Fritz, die die Menschen oft bis zu ihrem Lebensende beibehalten haben. Die Kriegserlebnisse der Soldaten und auch der Zivilisten haben, wie man heute weiß, auch für die nächsten Generationen Folgen.

Die Entwicklung von Oberkirchbach von einem Ort des Zusammenhalts zu einer fast nicht mehr existierenden Gemeinschaft steht stellvertretend für viele andere Dörfer, die heute von vielen neu zugezogenen Menschen nur deshalb bewohnt werden, weil das Bauland dort bezahlbar ist. Der Roman stellt die Frage, ob sich daran etwas ändern und sich eine Dorfgemeinschaft wieder herstellen lässt, und gibt darauf eine Antwort.

Fritz und Emma ist ein sehr berührendes Buch, das für mich vor allem eine Botschaft hat: Hört auf euer Herz und erstickt eure Gefühle nicht in einem sturen Schweigen. Das Sprichwort "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" mag hier und da ganz passend sein, aber sicher nicht allgemeingültig.

Fritz und Emma ist im Ullstein Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur-Ausgabe 14,99 Euro sowie als E-Book 7,99 Euro.


Freitag, 19. März 2021

# 282 - Grüner wird's heute nicht mehr

Warum widmet man sich ausgerechnet der Farbe Grün?
Darauf gibt der Autor des Buches Grün, Prof. em. Hermann J. Roth, zwar keine Antwort, aber wenn man sich auf seiner Homepage umsieht, erkennt man schnell, dass ihm neben seinem Fachgebiet, der Pharmazie, auch die Kunst wichtig ist. Roth sieht in der Wissenschaft auch immer die Ästhetik.

Sein Buch trägt den Untertitel Das Buch zur Farbe. Dieses Konzept wird sowohl inhaltlich verfolgt als auch ästhetisch konsequent durchgehalten. Nicht nur der Einband ist in Grün gehalten, sondern ebenso der Schnitt, die Seitenränder sowie Überschriften, Seitenzahlen und Verweise.

Roth durchstreift praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens, in denen die Farbe, mit der gemeinhin Leben und Hoffnung assoziiert wird, vorkommt: In sechzehn Kapiteln erläutert er nicht nur die Herkunft des Wortes, sondern sieht sich in den Naturwissenschaften, der Medizin und Pharmazie, der Politik oder der Literatur um. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie oft und wofür der Begriff 'Grün' verwendet wird. Da geht es um den Grünen Strahl (ein Phänomen, das beim Sonnenuntergang entsteht), das Grünkreuz (das nichts Positives an sich hat), die Grünen Drogen (Drogen, die das Wort 'Grün' in ihrer Bezeichnung führen, wie z. B. Grünes Pflaster) oder die Grüne Hochzeit. Im letzten Kapitel 'Grüner Omnibus' finden sich Begriffe, die sich thematisch nicht einem der vorangegangenen Kapitel zuordnen lassen. Dazu gehören beispielsweise das 'feindliche Grün' aus dem Straßenverkehr oder die Grüne Fee als poetische Bezeichnung für Absinth.

Jedes Kapitel ist mit Fotos oder Zeichnungen von (überwiegend) grünen Tieren, Menschen, Gebäuden oder Gegenständen illustriert. Nach der letzten Seite fragt man sich, ob sich Roth wohl noch weiteren Farben widmen wird. Grün ist ein sehr interessantes und unterhaltsames Buch. Leseempfehlung!

Grün ist 2021 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro.

Freitag, 12. März 2021

# 281 - Auftakt einer Krimireihe in Deutschlands Norden

Mit ihrem Krimi Nordwesttod startet Svea Jensen eine neue Krimireihe um den Leiter der Polizeidienststelle St. Peter-Ording Hendrik Norberg und die bayerische LKA-Beamtin Anna Wagner. 

Anna Wagner hat sich beim LKA in München mit Vermisstenfällen beschäftigt. Als jemand gesucht wird, der in Kiel eine ähnliche Stelle aufbauen soll, nimmt sie die Gelegenheit wahr: Der Scheidungskrieg mit ihrem Ex-Mann lässt die Aussicht auf räumlichen Abstand verlockend erscheinen. Doch sie ist kaum in Kiel angekommen, als sie wegen eines Vermisstenfalls in St. Peter-Ording sofort dorthin geschickt wird. Einige Tage zuvor ist die 32-jährige Tochter einer wohlhabenden Hotelbetreiberin vermisst gemeldet worden.

Vor Ort trifft Anna auf den Polizeibeamten Hendrik Norberg. Der verwitwete Vater von zwei Söhnen hat wegen seiner Kinder auf eine Beförderung zum Leiter einer Mordkommission verzichtet, um nach dem Tod ihrer Mutter für sie da sein zu können. Norberg befindet sich bei Annas Ankunft in einem psychisch angeschlagenen Zustand: Zu der Trauer um seine Frau kommt die Sorge um die beiden Söhne sowie die Frustration um die verpasste berufliche Chance. Seine Eingewöhnung als Dienststellenleiter in dem Urlaubsort verläuft entsprechend holprig, die Zusammenarbeit mit Anna beginnt in einer distanzierten Atmosphäre.

Die Ermittlungen um den Vermisstenfall ergeben, dass die Frau zu ihrer Mutter und ihrer Schwester kein gutes Verhältnis hatte. Das lag vor allem an den Plänen der Mutter, im Ort weitere Hotelneubauten zu errichten. Die Vermisste war seit Jahren in der Seehundstation in Friedrichskoog beschäftigt und betrachtete die Expansionspläne als aggressiven Eingriff in die Natur. Um weitere Hotelneubauten an der Nordseeküste zu verhindern, hatte sich die junge Frau einer Gruppe von Umweltschützern angeschlossen. Liegt darin der Grund für ihr Verschwinden? Oder hatte sie vielleicht sogar Feinde?

Und dann ist da noch ein weiterer Fall, den zwei Norberg unterstellte Beamte wieder aufgreifen wollen: Etwa zeitgleich zum Vermisstenfall hat sich auf einer wenig befahrenen Straße am Ortsrand ein Unfall ereignet, bei dem ein junger Mann und ein Kind getötet wurden. Die beiden waren auf einem Mofa unterwegs gewesen und offenbar von einem Autofahrer überfahren worden, der sich anschließend nicht um sie gekümmert hatte. Die Nachforschungen der zwei Polizisten bringen auch für die Suche nach der verschwundenen Frau eine erstaunliche Wende.

Lesen?

Nordwesttod ist ein Cosy-Krimi, der gute Unterhaltung bietet. Wie es einem ersten Teil einer Reihe oft anhaftet, werden die wichtigsten Personen sehr ausführlich vorgestellt und beschrieben, was etwas zulasten der eigentlichen Falllösung geht. Auch der Lokalkolorit kommt nicht zu kurz, sodass man merkt, wie sehr der Autorin Norddeutschland am Herzen liegt.

Nordwesttod ist 2021 im Verlag Harper Collins erschienen und kostet als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.

Nachtrag: Svea Jensen ist das Pseudonym von Angelika Waitschies. Sie schreibt auch unter ihrem zweiten Pseudonym Angelika Svensson. Wer mehr über sie wissen will, wird auf ihrer Homepage fündig.

Freitag, 5. März 2021

# 280 - Es ist alles so optimal hier

Theresa Hannig hat mit ihrem Debütroman Die Optimierer einen Blick in unsere Zukunft geworfen. 

Wir sind im Jahr 2052 und Deutschland ist kaum noch wiederzuerkennen: Die Europäische Union gibt es seit 2031 nicht mehr, Deutschland ist nun Mitglied der BEU, der 'Bundesrepublik Europa'. Zur BEU gehören außerdem Norwegen, Polen, Dänemark, Östereich, Frankreich, die Benelux-Länder sowie die Schweiz. Um die BEU wurde ein Grenzzaun gezogen, um die Flüchtlingsströme - insbesondere aus dem armen Italien - draußen zu halten. Das neu eingeführte Gesellschaftssystem wird als 'Optimalwohlökonomie' bezeichnet, und mit technischen Neuerungen, die angeblich zum Wohl und der Bequemlichkeit der Menschen eingeführt wurden, werden die Bürger nicht nur überwacht, sondern bis in den Schlaf hinein manipuliert. Dagegen ist 1984 von Aldous Huxley Kinderkram.

Im Mittelpunkt steht Samson Freitag. Er ist Anfang dreißig, lebt mit seiner Freundin in München und ist erfolgreicher Lebensberater. Seine Arbeit besteht darin, Bürger aufzusuchen und anhand eines standardisierten Kriterienkatalogs herauszufinden, für welche Tätigkeit an welchem Arbeitsplatz sie sich am besten eignen. Wer sich von ihm beraten lässt, muss seiner Empfehlung für mindestens zehn Jahre Folge leisten, bevor ein erneuter Termin bei der Lebensberatung möglich ist. Die übliche Grußformel "Jeder an seinem Platz!" passt da genau zum System.

Freitag ist ein Vorzeigebürger, der alles richtig machen will und die neue Gesellschaftsordnung voll und ganz unterstützt. Auf seine Eltern, die der Optimalwohlökonomie sehr skeptisch gegenüberstehen und sich immer wieder ihre kleinen Schlupflöcher suchen, blickt er mit einer Mischung aus Unverständnis und Sorge. Warum wollen sie nicht verstehen, dass die Regierung das Beste für alle will?

Neben weit verzweigten Überwachungsstrukturen zeichnet sich das Leben durch eine Reihe von Vorgaben aus. Der Verzehr von echtem Fleisch ist streng verboten; der Internetzugang ist zensiert; ein Privatauto ist nur wenigen verdienten Bürgern - darunter auch Freitag - vorbehalten, alle anderen nutzen Bahnen, Segways, Fahrräder oder sog. Kommunalautos, die sich selbst steuern; immer mehr humanoide Roboter, die kaum noch von echten Menschen zu unterscheiden sind, übernehmen im öffentlichen und privaten Bereich Aufgaben; die Partnersuche wird mithilfe der Volksdatenbank abgewickelt; klassische Schreibutensilien wie Notizbücher oder Füllfederhalter sind nostalgische Relikte aus einer fernen Vergangenheit. 

Freitags ausgeprägtes bürokratisches Pflichtgefühl hat dazu geführt, dass er fast 1.000 Sozialpunkte auf seinem persönlichen Bürgerkonto hat. Er hat sie sich durch Wohltaten und das obsessive Schreiben von Korrekturvermerken verdient. Sobald er die 1.000-Punkte-Marke erreicht hat, kann er mit einer Beförderung rechnen und auf weitere Privilegien hoffen. Freitag sieht eine glänzende Zukunft vor sich.

Aber dann kommt der Tag, an dem sich sein Leben von Grund auf ändern soll. Freitag beendet die Lebensberatung einer jungen Frau damit, dass er sie zur Kontemplation vorsieht. Damit bekommt sie bis zum nächsten Beratungstermin ein bedingungsloses Grundeinkommen, darf aber keinem Beruf nachgehen. Freitag hält sich bei seiner Entscheidung strikt an die Vorgaben und ist felsenfest davon überzeugt, auch hier richtig gehandelt zu haben. Doch schon zwei Tage später ist die Frau tot: Aus Verzweiflung über ihr Schicksal hat sie sich das Leben genommen. Für seine Vorgesetzten bei der Lebensberatung ist klar, dass Freitags Beratung fehlerhaft war und er für den Suizid verantwortlich ist. Er wird vom Dienst suspendiert. 

Der Verlust des angesehenen Berufs ist der Beginn einer unheilvollen Entwicklung. Freitags Freundin trennt sich von ihm, bei einem Besuch bei seinen Eltern servieren ihm diese einen echten Braten, um ihm eine Freude zu machen, und als ob das nicht schon reichen würde, schreibt Freitag einen Korrekturvermerk, in dem er einen bekannten Politiker eines Betrugs beschuldigt. Seine Sozialpunkte schmelzen zusammen wie Schnee im Sonnenlicht und binnen drei Tagen nach der Beratung der jungen Frau hat er den Status eines sog. Piretisten - eines Menschen, der in der sozialen Hierarchie auf der untersten Stufe steht und dem einige Bürgerrechte aberkannt wurden.

Lesen?

Die Optimierer zeichnet eine Welt, die von Technik dominiert wird und die Bürger in vorgegebene Handlungs- und Zukunftsschablonen zwängt. Absolut angepasstes Wohlverhalten wird belohnt, Fehler oder mangelnder Einsatz werden sanktioniert - dieses Prinzip gilt bereits heute in China. Das Land kann jedoch hinsichtlich der technischen Überwachungsmöglichkeiten bei Theresa Hannig Nachhilfe nehmen, die beschreibt, was hier tatsächlich denkbar und möglich wäre. 

Warum ein solches System, in dem individuelle Freiheiten nichts mehr gelten, von den meisten Menschen hingenommen wird, erklärt Hannig damit, dass diese mit einer bescheidenen Karriere, einem schönen Urlaub und ein bisschen Wohlstand zufrieden sind, das Wohl des Staates ihnen aber gleichgültig ist.

Hannig greift Themen auf, die seit Jahren diskutiert werden, und spinnt den Faden weiter: Klimawandel, Flüchtlinge, Wohlstand und Wirtschaftswachstum hängen miteinander zusammen. Sind politische Systeme wie die Optimalwohlökonomie Möglichkeiten, diese Probleme zu überwinden? Und führt eine vollständige Video- und Audioüberwachung der Bevölkerung zu mehr Sicherheit?

Samson Freitags Weg als sozialer Aussätziger nimmt einen Verlauf, den er sich wenige Tage zuvor nicht hätte vorstellen könnte. Das Ende des Romans ist konsequent, aber bis kurz vor dem Schluss dennoch überraschend. Die Optimierer ist ein spannend geschriebenes Buch, das uns nachdenklich machen sollte.

Die Optimierer ist 2017 im Bastei Lübbe Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.

Freitag, 26. Februar 2021

# 279 - Mittagsstunde ... und andere Rituale auf dem Dorf

Dörte Hansen hat sich mit ihrem Buch Mittagsstunde nach ihrem Erfolgsroman Altes Land wieder in ein Dorf begeben. Diesmal jedoch nicht in das Hamburger Umland mit seinen Obstbäumen, sondern nach Schleswig-Holstein in die Nähe von Husum. Das fiktive Dorf Brinkebüll liegt in der friesischen Geest, einer dünn besiedelten und kargen Landschaft.

Im Mittelpunkt steht Ingwer Feddersen. Der promovierte Archäologe ist in Brinkebüll als Enkel des Gastwirtehepaars Ella und Sönke Feddersen aufgewachsen, hat auf dringendes Anraten des Dorfschullehrers das Gymnasium besucht und ist zum Studieren nach Kiel gegangen. Damit hat er sich gegen die Tradition entschieden, denn für Sönke Feddersen war es eigentlich klar gewesen, dass Ingwer mal den Gasthof übernehmen würde. So wie schon sein eigener Vater, Großvater und Urgroßvater es getan hatten. Tradition verpflichtet schließlich. 

Aber jetzt ist der Junge, der mittlerweile schon fast 50 ist, weit weg und arbeitet als Dozent an der Kieler Uni. Das an sich ist für Sönke schon seltsam genug, aber Ingwer hat auch keine eigene Familie, sondern lebt bereits seit einer Ewigkeit in einer WG mit einer Frau und einem Mann in seinem Alter. Wenn das jetzt nicht wirklich eigenartig ist, was dann sonst?

Aber Sönke und Ella sind nun alt geworden, schon über 90, und Ingwer nimmt sich 2012 ein Sabbatjahr, um die beiden Alten eine Weile zu pflegen und zu überlegen, was aus der Gaststätte werden soll. Sönke ist geistig hellwach, aber körperlich gebrechlich, während Ellas Verstand stark abgebaut hat. Sie lebt immer mehr in der Vergangenheit. 

Ihre Tochter Marret, "die Verdreihte", ist schon seit vielen Jahren verschwunden. Niemand weiß, was aus ihr geworden ist. Marret war das, was man heute als verhaltensauffällig bezeichnen wurde, und Ingwer dämmert erst nach und nach, was es mit der Familiengeschichte der Feddersens eigentlich auf sich hat.

Dörte Hansen befindet sich jedoch nicht nur in der Gegenwart, sondern erklärt in zahlreichen Rückblicken, wie das Dorf mit seinen Bewohnern wurde, was es heute ist, und was es ausmacht. Schützen- und Gesangsvereine spielen keine Rolle, wohl aber die vielen Teppiche, unter die der ganze soziale Unrat gekehrt wurde; das, was nicht jeder wissen durfte und worüber man am besten niemals sprach. Da sind die Kuckuckskinder, die verkorksten Ehen, Väter, die ihre Kinder gewohnheitsmäßig grün und blau schlagen und die Veränderungen, die auch vor einem verschlafenen Nest wie Brinkebüll nicht haltmachen.

Die Flurbereinigung von 1964 gab den Anstoß für eine ganze Reihe von Veränderungen: Vermesser kamen nach Brinkebüll, die kleinen Felder wurden zu größeren zusammengelegt und die alte schadhafte Dorfstraße wurde durch eine glatte Durchfahrtsstraße ersetzt, die sogar eine Mittellinie bekam. Dafür mussten viele alte Kastanien weichen. Das Dorf erhielt dadurch einen anderen Charakter, zog Neubürger an, die sich am Ortsrand ihre Häuschen bauten und erfuhr eine Wandlung, die den Alteingesessenen zwar nicht gefiel, die sie aber nicht aufhalten konnten. Die althergebrachten Strukturen lösten sich auf und andere entstanden. Ob sie besser waren, ist eine ganz andere Frage.

Die Handlung wird begleitet vom Soundtrack der 1960-er und 1970-er Jahre. Ingwer Feddersen hört die Musik von Neil Young, wenn er zur Ruhe kommen will, und die einzelnen Kapitel sind nach Songs aus den alten Zeiten von Brinkbüll - von Interpreten von Manuela über Janis Joplin und Bob Dylan bis zu Roland Kaiser - benannt.

Lesen?

Dörte Hansen widmet sich in ihrem Roman nicht nur den Einwohnern von Brinkebüll mit ihren Marotten und Geheimnissen, sondern auch der Frage, was die junge Generation der alten schuldig ist. Haben die Nachkommen eine Verpflichtung gegenüber den Alten, weil die sich in ihrer Kindheit und Jugend um sie gekümmert haben?

Darüber hinaus werden mit der Flurbereinigung nicht nur deren Folgen für einzelne Menschen im Dorf geschildert, sondern die Autorin beschäftigt sich auch mit den Auswirkungen dieser weitgreifenden Maßnahme für die Natur und die Struktur Deutschlands. Mithilfe der Flurbereinigungen sollte während der Jahre des deutschen Wirtschaftswunders erreicht werden, dass kleine und schlecht zu erreichende Äcker so umstrukturiert wurden, dass es am Ende des Prozesses nur noch große Felder gab, die sich für moderne Landmaschinen eigneten. Dafür wurden natürliche Hecken gerodet, Bäche stillgelegt oder umgeleitet und Feuchtgebiete trockengelegt. Das Sterben der kleinen Höfe begann und das Artensterben gleich mit.

Mittagsstunde ist ein sehr einfühlsam geschriebenes Buch. Das, was lange im Verborgenen geblieben war, wird von Dörte Hansen oft nur angedeutet: mit einem Nebensatz oder einer im Suff herausgerutschten Bemerkung. Die Atmosphäre bekommt durch zahlreiche plattdeutsche Dialoge viel Authentizität, sodass das Ende des Romans nach der letzten Seite viel zu früh kommt. Das Bild über die Vergangenheit der Dorfbewohner setzt sich erst nach und nach zusammen, vieles kommt einem bekannt vor. Brinkebüll: Der Name steht stellvertretend für viele Dörfer. Klare Leseempfehlung!

Mittagsstunde ist 2018 im Penguin Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 19. Februar 2021

# 278 - Wenn eine Sprache verstummt, stirbt auch eine Kultur

Dieses Buch ist ein echtes Highlight für alle, die sich für Sprachen begeistern können und hat kaum Ähnlichkeit mit den Atlanten, die wir aus unserer Schulzeit kennen: In ihrem Atlas der verlorenen Sprachen begibt sich Rita Mielke auf alle Kontinente und stellt beispielhaft jeweils einige Sprachen vor, die bereits untergegangen oder nur noch wenigen Menschen geläufig sind.

Mielke hat 50 Sprachen ausgewählt, und man erfährt nicht nur statistische Daten wie deren Verbreitungsgebiet oder die Zahl der Sprecher, sondern auch viele interessante Besonderheiten.

Da ist zum Beispiel Khosian. Die Sprache ist in Botswana, Namibia, Angola und Südafrika beheimatet. Sie erschien den Europäern, die seit dem 17. Jahrhundert dabei waren, den Kontinent zu unterwerfen, so fremdartig, dass sie sie als "Hottentott" bezeichneten. Die Redewendung "Das sieht hier aus wie bei den Hottentotten" geht also auf die Kolonialzeit zurück und bewertet alles Fremdartige als minderwertig. Khosian bestand ursprünglich nur aus Schnalz- und Klicklauten, erst seit 1982 gibt es ein afrikanisches Referenzalphabet. 
Eine traurige Berühmtheit erlangte die 1789 geborene Sklavin Sarah Baartman, die wegen ihrer Sprache und ihres Aussehens im Alter von 20 Jahren nach Europa gebracht und dort zur Schau gestellt wurde. Auch ihr viel zu früher Tod in Frankreich konnte nicht dazu führen, sie als Mensch und nicht nur als Ausstellungsstück zu sehen.

Aus dem alten China stammt die ausgestorbene Sprache Nushu. Sie war eine ausschließlich von Frauen verwendete Geheimsprache und hatte ihren Ursprung in der Provinz Hunan. Nushu diente nicht nur der Kommunikation, sondern stand symbolisch für den Versuch, sich aus der männlich verordneten Unmündigkeit und Unselbstständigkeit zu befreien, die Frauen von Bildung ausschloss und sie ans Haus band - nicht zuletzt wegen ihrer traditionell gebundenen Lotusfüße, die das Gehen zur Qual machten. Die Kenntnisse des Nushu-Schreibens und -Sprechens wurden von einer Generation zur anderen weitergegeben, immer unter den Vorzeichen der absoluten Geheimhaltung.

Rita Mielke vermittelt nicht nur ihr Wissen um die Sprachen, sondern beleuchtet auch, in welchem politischen, gesellschaftlichen und/oder ökonomischen Kontext sie entstanden und untergegangen sind. Atlas der verlorenen Sprachen ist also nicht nur ein "Sprachbuch", sondern auch eine Quelle vieler historischen Begebenheiten und Entwicklungen, die zum Verständnis von Sprachentwicklungen nötig sind. 

Die Illustrationen von Hanna Zeckau veranschaulichen die Darstellungen und machen das Buch "rund".

Lesen?

Na klar! Der Atlas der verlorenen Sprachen ist auch für diejenigen sehr gut verständlich, die sich bislang noch nicht näher mit diesem Thema beschäftigt haben und dürfte auch für Experten einige Überraschungen bereithalten.

Atlas der verlorenen Sprachen ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro.

Freitag, 12. Februar 2021

# 277 - Was wäre passiert, wenn Hitler Facebook genutzt hätte?

Steile These oder lohnendes Gedankenexperiment?
Maik Fielitz und Holger Marcks stellen diese Überlegung, die 2019 vom britischen Komiker Sacha Baron Cohen geäußert wurde, an den Anfang ihres Buches Digitaler Faschismus. Cohen hatte seinerzeit eine Rede vor der Anti-Defamation League (ADF) gehalten, in der er diese These vertreten hat: 

"Hätte es Facebook in den 1930-er Jahren gegeben, hätte es Hitler für seine Lösung der Judenfrage werben lassen."

Fielitz und Marcks teilen diese Ansicht, weil in den letzten Jahren zu beobachten gewesen ist, wie prinzipienlos sich Facebook verhalten hat. Zuckerberg hat seit 2016 immer wiederholt, man solle vorsichtig damit sein, die Plattformen als Schiedsrichter über die Wahrheit anzusehen. Eine Sichtweise, über die man geteilter Meinung sein kann.

In acht Kapiteln schildern die Autoren, wie das Internet, das zu Beginn als Hort des Informations- und Meinungsaustauschs sowie Bereicherung für die Demokratie gesehen wurde, sich zu einem wirkungsvollen Instrument entwickelt hat, Menschen zu manipulieren. Dabei wird mit verschiedenen Methoden gearbeitet, die von der stetigen dramatischen Wiederholung von Ereignissen und dem Schüren von Panik bis zum Gaslighting reichen. Ein bekanntes Gaslighting-Beispiel ist hier die Aussage der früheren Sprecherin von Ex-US-Präsident Trump, Kellyanne Conway, die im Zusammenhang mit der angeblich riesigen Menschenmenge, die 2017 die Amtseinführung des 45. Präsidenten vor der National Mall in Washington beobachtet hat, von "alternativen Fakten" gesprochen hatte. Ihre Formulierung war der Beginn einer einzigartigen Kette von Lügen, die Trumps gesamte Amtszeit geprägt haben und die vor allem durch die Verbreitung auf Internetplattformen ihre Wirkung entfaltet haben.

Doch sieht es in Deutschland besser aus? Auch hier machen sich vor allem rechte Gruppierungen - allen voran die AfD - das Internet zunutze. Messenger-Gruppen, YouTube oder Facebook-Gruppen bieten ein breites Spektrum, um Falschnachrichten oder Halbwahrheiten, ausgestattet mit emotionalen Triggern, unter die Menschen zu bringen. Hier wird nichts auf den Wahrheitsgehalt untersucht, sondern die sog. 'Nachrichten' werden in schneller Folge verbreitet. Die immer besseren Video- und Bildbearbeitungstechniken verleihen vermeintlichen Nachrichten Glaubwürdigkeit und werden immer mehr dazu verwendet, Personen zu denunzieren, in denen ihnen Aussagen in den Mund gelegt oder Handlungen zugeschrieben werden, die sie nie gesagt bzw. getan haben.

Die Autoren sehen eine Aushöhlung der Demokratie und bemerken immer mehr Rufe nach einer Regulierung. Vorgaben müssen jedoch den "faschistischen Dynamiken im Netz entgegenwirken ohne selbst die Demokratie zu schwächen". (S. 203) Wie das gehen kann, machen Fielitz und Marcks mit ihren Vorschlägen deutlich.

Lesen?

Dass die sozialen Medien für Rechtsextreme ein beliebtes Betätigungsfeld sind, ist zunächst einmal nichts Neues mehr. Was dieses Buch allerdings lesenswert macht, ist die anschauliche Erläuterung der verschiedenen Mechanismen und Manipulationsmöglichkeiten, die das Internet für eine wirkungsvolle Meinungsmache mithilfe von Fake News bereithält. In Digitaler Faschismus wird deren ganze Palette dargestellt, sodass man als Leser wie die beiden Autoren nur zu dem Schluss kommen kann, dass hier etwas passieren und eingegriffen werden muss.

Digitaler Faschismus ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.

Nachtrag: Hier gibt es weitere Informationen über das Buch, u. a. die Zusammenfassung von drei Kapiteln in Illustrationen.

Freitag, 5. Februar 2021

# 276 - Ein Reisebericht der ersten Touristin auf Mallorca

Wer schon einmal auf Mallorca war, hat wahrscheinlich auch das Bergdorf Valldemossa im Tramuntana-Gebirge besucht. Die Hauptattraktion des Ortes ist das ehemalige Kartäuserkloster, in dem die französische Schriftstellerin George Sand mit ihren beiden Kindern und dem polnischen Komponisten Frédéric Chopin den Winter 1838/1839 verbrachte. Ihre Eindrücke hat Sand 1842 in ihrem Buch Un Hiver à Majorque geschildert, das unter dem deutschen Titel Ein Winter auf Mallorca mehrfach herausgegeben wurde. Das Buch gilt als Klassiker der Reiseliteratur.

Die Vier wollten das anstrengende Leben in Paris für ein paar Jahre hinter sich lassen und erhofften sich eine wohltuende Wirkung des mallorquinischen Klimas auf die Rheumaerkrankung des Sohnes und die Lungenerkrankung des Komponisten. Doch das, was sie auf der Insel während ihres viermonatigen Aufenthalts erlebten, hat ihnen so zugesetzt, dass sie schließlich fast schon fluchtartig die Rückreise antraten.

Man kann sich allerdings darüber wundern, mit welchen Vorstellungen insbesondere George Sand auf die Insel gereist ist. Sie und Chopin gelten als die ersten Touristen Mallorcas, eine nennenswerte Infrastruktur gab es nicht, die Dampfschiff-Verbindung zwischen Palma und Barcelona war erst wenige Jahre zuvor eingerichtet worden. Sie fanden kein Hotel, kamen kurzzeitig in einem leerstehenden Herrenhaus in Establiments in der Nähe von Palma unter, das sie aber dann abrupt räumen mussten, weil der Eigentümer befürchtete, bei Chopins Erkrankung könnte es sich um Tuberkulose handeln - was, wie sich später herausstellte, richtig war.

Auf der Suche nach einer neuen Unterkunft wurden sie im schon damals vom Kartäuserorden aufgegebenen Kloster von Valldemossa fündig. Das Dorf verfügt jedoch über ein eigenes Mikroklima, sodass die Temperaturen im Sommer dort angenehmer sind als in den niedrigeren Lagen Mallorcas, der Winter kann dort allerdings sehr ungemütlich werden und erinnert mit seiner Kälte, dem Wind und den gelegentlichen Schneefällen an die norddeutsche Tiefebene. Das alles wussten weder Sand noch Chopin.

Ihnen war auch nicht klar, wie provokant ihr Auftreten und Lebensstil auf die Einheimischen wirken mussten: Diese sahen eine Patchworkfamilie mit einem unverheirateten Paar, eine Frau in Männerkleidung und die Verweigerung, am Sonntagsgottesdienst teilzunehmen. Ihnen schlug die Ablehnung und das Misstrauen der Landbevölkerung entgegen, die auf dieses Anderssein mit großer Zurückhaltung und dem Verkauf von Lebensmitteln zu Wucherpreisen reagierte. 

Entsprechend schlecht kamen sowohl die Bauern als auch die Adeligen auf der Insel in Sands Reisebeschreibung weg. Den Bauern spricht sie die Fähigkeit zum Denken ab und bescheinigt ihnen Planlosigkeit, dem Adel fehlen hingegen Stil, Bildung und ein gewisses Maß an Durchsetzungsvermögen.  

Sand bricht jedoch in große Euphorie aus, wenn es um die Beschreibung der Naturschönheit Mallorcas geht. Dichtern und Malern empfiehlt sie mehrmals, sich von ihr inspirieren zu lassen.

Mit keinem Wort erklärt sie jedoch, bei wem es sich um den Begleiter handelt, er wird nur als "der Patient" bezeichnet. Erst 1855 kommt sie mit der Veröffentlichung von "Die Geschichte meines Lebens" wieder auf Chopin und ihre gemeinsame Zeit auf Mallorca zu sprechen und schildert dort das Verhalten des Komponisten und das Fortschreiten seiner Erkrankung.

Lesen?

Es ist an vielen Stellen des Buches kaum zu glauben, dass sich eine Frau, die zur damaligen Bildungselite gezählt hat, zu solch einem Abenteuer hat hinreißen lassen und sich praktisch ohne Vorbereitung mit zwei kranken Menschen auf diese Reise begeben hat. Ihre Beschreibung ist gerade dann, wenn von den Einheimischen die Rede ist, oft sehr gnadenlos und einseitig, aber sicher hat jede subjektive Aussage einen wahren Kern. Mallorca war vor mehr als 180 Jahren einfach nicht darauf vorbereitet, Fremde zu beherbergen und zu versorgen. Der Blick in die Vergangenheit ist schon deshalb interessant, weil die Insel heute zu den beliebtesten Urlaubszielen zählt und jedes Jahr von ca. 14 Millionen Touristen besucht wird. George Sand hat zudem einen so lockeren Schreibstil, dass das Lesen nicht langweilig wird.

Ein Winter auf Mallorca lag mir als E-Book in der neuesten Übersetzung von Hermann Lindner aus dem Jahr 2016 vor. Es enthält neben dem ungekürzten Text mehrere zeitgenössische Illustrationen, einen Auszug aus Sands Buch Die Geschichte meines Lebens ("Der Winter auf Mallorca"), den "Brief eines heimgekehrten Reisenden an einen häuslichen Freund" (von George Sand an einen Herrn namens François) und Anmerkungen zu Leben und Werk der Schriftstellerin.
Das Buch ist bei dtv digital erschienen und kostet 14,99 Euro.


Nachtrag: Das Herrenhaus, in dem die Familie zuerst gewohnt hat, gibt es noch. Es befindet sich in Privatbesitz, wird aber leider nicht gepflegt. Hier geht es zu einem kurzen Bericht: 
Hier froren George Sand und Frédéric Chopin zuerst (mallorcamagazin.com)

Freitag, 29. Januar 2021

# 275 - Das Gesicht Europas

Der Biologe Bernd-Jürgen Seitz hatte 2017 mit Das Gesicht Deutschlands ein beeindruckendes Buch herausgebracht, nun hat er das Blickfeld erweitert und mit dem Titel Das Gesicht Europas nachgelegt.

In vier Kapiteln widmet sich Seitz nicht nur einer Beschreibung der geologischen, klimatischen und ökologischen Bedingungen des Kontinents, sondern erläutert Begriffe und Zusammenhänge und macht praktische Vorschläge, wie der Rückgang der Artenvielfalt mit relativ wenig Aufwand gestoppt werden kann. Die Inhalte sind leicht verständlich aufbereitet und richten sich sowohl an Leser mit wenigen Vorkenntnissen als auch an solche, die sich bereits mit der Thematik beschäftigt haben.

Der Abschnitt Landschaften und Lebensräume beschäftigt sich mit einer ausführlichen Betrachtung der Lebensräume Wald, Wasser, Wüste, Grasland, Kulturland sowie Bergland und macht seine Leser auf deren genaue Beschaffenheit und ihre Besonderheiten aufmerksam. Zum Verständnis der Landschaften gehört dabei unbedingt das Wissen um ihre Geschichte.

Im darauffolgenden Kapitel wird jeder dieser Lebensräume genau unter die Lupe genommen: Haben wir noch irgendwo in Europa Wildnis? Sollen auch Kulturlandschaften geschützt werden und wer tut das überhaupt? 

Im letzten Teil stellt Seitz die einzelnen Länder Europas anhand einiger statistischer Daten sowie ihrer Landschaften und Lebensräume vor. Er leitet es sehr treffend mit einem Zitat des Forschungsreisenden Alexander von Humbold ein: Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die sich die Welt nicht angeschaut haben.

Das Buch wird sehr anschaulich durch zahlreiche Fotos wie zum Beispiel diese ergänzt:

Litauen: Der Mittelpunkt Europas


Grabenbuchzone in Island



Eisernes Tor an der rumänisch-serbischen Grenze



Schilfernte am Neusiedler See (Österreich, 1996)



Kuhrische Nehrung mit Haff


Lesen?

Klare Leseempfehlung. Mir ist kein anderes Buch bekannt, das seinen Lesern Europa aus dieser Perspektive so anschaulich nahebringt wie dieses.

Das Gesicht Europas ist 2020 bei wbg Theiss, einem Inprint der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG), erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 50 Euro sowie als E-Book 39,99 Euro.

Ich bedanke mich beim Verlag, der mir die Fotos zur Verfügung gestellt hat.