Freitag, 3. März 2023

# 383 - Ein Roman, der ein Jahrhundert ukrainischer Geschichte erzählt

Lisa Weeda wurde in den Niederlanden geboren und
hatte sich lange nicht mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Sie wusste, dass ihre Großmutter Aleksandra aus der Ukraine stammte, im Zweiten Weltkrieg 1942 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam, später in den Niederlanden geheiratet hatte und dort geblieben war. Erst vor einigen Jahren begann sich die Autorin für ihre Familiengeschichte bis zurück zu ihrem Urgroßvater zu interessieren - eine Geschichte, die sich in der Ostukraine, Russland, Deutschland und den Niederlanden abspielte. Sie erfuhr, dass sie von Donkosaken abstammte, die sich bereits im 15. Jahrhundert zusammenschlossen.

In ihrem Debütroman Aleksandra lässt Weeda mit einer Mischung aus Fiktion und realen Begebenheiten ihre Ich-Erzählerin Lisa im Jahr 2018 nach Lugansk reisen. Ihre Großmutter Aleksandra hatte sie beauftragt, das Grab ihres Neffen Kolja zu suchen, der drei Jahre zuvor verschwunden war. Die Erzählerin hat etwas Besonderes im Gepäck: ein Sticktuch, auf dem mit schwarzem und rotem Faden die Lebenslinien der einzelnen Familienmitglieder nachempfunden waren. Die roten Linien stehen für das Leben, die schwarzen für den Tod. Dieses Tuch soll auf Koljas Grab gelegt werden, da Aleksandra fühlt, dass dieser sonst keine Ruhe findet.

Am Grenzübergang von der Ukraine zur sog. Volksrepublik Lugansk, die 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektiert wurde, scheitert Lisa am Wachsoldaten, der sie partout nicht passieren lassen will. In einem günstigen Moment rennt sie in ein Getreidefeld, um ihr Ziel zu erreichen und den Wunsch der Großmutter zu erfüllen. Als sie stolpert, fällt sie auf die Stufen eines plötzlich auftauchenden Palasts mit gigantischen Ausmaßen und trifft dort auf ihren schon lange verstorbenen Urgroßvater Nikolaj, der sie durch die zahllosen hohen Räume des Gebäudes führt. 

Dieser "Palast der verlorenen Donkosaken" erinnert an Josef Stalins hochfliegende Pläne aus den 1930-er Jahren, in Moskau einen "Palast der Sowjets" zu bauen, der mit einer Höhe von 415 Metern alle Gebäude auf der Welt überragen und von der Großartigkeit der Sowjetunion überzeugen sollte. 

Nikolaj zeigt seiner Urenkelin etliche Palasträume und leitet sie auf diese Weise durch die kollektiven Erinnerungen der Familie sowie die Historie der Ukraine und Russlands. Die Zeit unter Stalin, als Nikolaj und seine Frau Anna wie viele andere Bauern ihre Ernte hergeben mussten und später sogar enteignet wurden, die Qualen des Holodomors Anfang der 1930-er Jahre oder der Einmarsch der Nationalsozialisten in die Ukraine waren nur einige der prägenden Ereignisse, die die Familie vor schwere Prüfungen stellte und auseinander riss.
Diese so verpackten Begebenheiten verknüpft Lisa Weeda mit den Erzählungen ihrer Großmutter und dem, was im Zusammenhang mit der Annexion der Volksrepublik Lugansk, in deren Wirren Kolja verschwand, passierte.

Lesen?

Aleksandra ist ein vielschichtiger Roman, der seine Leser und Leserinnen auf fast jeder Seite mit historischen Informationen versorgt. Lisa Weeda hat eindrucksvoll dargestellt, wie sehr Menschen durch politische Entscheidungen hin und her geworfen werden können wie Laub im Wind, ohne eine Chance zu haben, ihre Lage aktiv zu verbessern. 

Lisa Weede hat der Handlung erfreulicherweise einen Familienstammbaum vorangestellt, der sich über fünf Generationen erstreckt. Das ist sehr hilfreich, um sich zurechtzufinden, da einzelne Vornamen in mehreren Generationen vorkommen, was ziemlich verwirrend sein kann.

Der im Roman verwendete Leitspruch der Donkosaken spiegelt wider, wie die Ukrainer mit den Angriffen Russlands umgehen: "Wir sterben lieber frei als versklavt" macht deutlich, dass Aufgeben die letzte Option ist.

Lisa Weeda hat acht Jahre an ihrem Buch geschrieben. Aufgrund der Faktenfülle wäre mir sehr recht gewesen, wenn sie sich nicht auf rund 280 Seiten beschränkt, sondern der gesamten Darstellung mehr Raum gelassen hätte.

Aleksandra war 2022 in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg und wurde mit De Bronzen Uil, dem Preis für das beste niederländisch-sprachige Debüt, ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des niederländischen Libris-Literaturpreises.

Der Roman erschien am 24. Februar 2023 zum ersten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine im Kanon Verlag und kostet 25 Euro.

Samstag, 18. Februar 2023

# 382 - Ein Filmfestival wird zur tödlichen Veranstaltung

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist der sechste
Band einer Krimi-Reihe, in der die Schriftstellerin Margarete von Schwarzkopf ihre Hauptfigur, die Kunsthistorikerin Anna Bentorp, als Laien-Ermittlerin tätig werden lässt.

Anna hat ein untrügliches Gespür dafür, wenn an einer Sache etwas faul ist. Freunde nennen sie deshalb "Miss Marple". Sie ist aber auch ein großer Filmfan, und als ihre Freundin Marianne sie einlädt, als Jurymitglied an einem exklusiven Filmfestival im beschaulichen Eifel-Dorf Angerrath teilzunehmen, das sie gemeinsam mit ihrem Mann auf die Beine gestellt hat, nimmt Anna das Angebot gern an.

Die Jury soll zwar aus aktuellen Filmen die Sieger auswählen, doch der eigentliche Leckerbissen der Veranstaltung ist etwas für eingefleischte Cineasten: Die Tochter des jüdischen Regisseurs Leopold Welfenstein, der 1937 unter ungeklärten Umständen in einem Londoner Filmstudio ums Leben kam, wird aus den USA anreisen und ein Fragment des verschollenen letzten Films ihres Vaters im Gepäck haben. Die Kinowelt ist sich darin einig, dass Welfenstein einer der besten Filmemacher seiner Zeit war, und so sollen auch seine bekannten Werke in Angerrath gezeigt werden.

In dem dem kleinen Ort findet sich ein Publikum ein, das sich die Welt des Films zu eigen gemacht hat: Vom wohlhabenden Sammler von Kinodevotionalien bis zum Betreiber eines kleinen, aber feinen Filmmuseums ist eine bunte Gästemischung vor Ort.

Doch der Frieden soll nicht lange dauern. Ein Filmjournalist, der nicht nur in Angerrath als Querulant von sich reden gemacht hat, wird überfallen und schwer verletzt. Dann verschwindet der Filmstreifen aus dem Zimmer von Welfensteins Tochter. Anna vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem Tod des Regisseurs vor über achtzig Jahren gibt. Ihre Ahnung wird durch weitere Todesfälle untermauert, die im Zusammenhang mit dem verschwundenen Film zu stehen scheinen.

Der Krimi blickt immer wieder in die Zeit der 1930-er Jahre zurück. Während Chief Inspector Howell nicht daran zweifelt, dass sich Welfenstein umgebracht hat, ist sich sein Assistent Kinley da nicht so sicher. Trotz des Verbots seines Vorgesetzten, sich um die Angelegenheit zu kümmern, ermittelt der junge Polizist auf eigene Faust weiter. Im Mittelpunkt seiner Nachforschungen steht dabei die damals sehr einflussreiche Familie Carr, die um jeden Preis die Veröffentlichung von Welfensteins Film verhindern will, obwohl dieser ihn auf deren Wunsch bereits stark verfremdet hat. Was haben die Carrs zu verbergen und wie kommt es, dass sich in ihrer Familie die Todesfälle im Jahr 1900 häufen? Und waren die Unfälle, die weitere Menschen aus Welfensteins Umfeld das Leben kosteten, tatsächlich nur Unglücke oder steckten dahinter eiskalt geplante Morde?

Lesen?

In Das Geheimnis des dunklen Hauses lässt Margarete von Schwarzkopf ihre Protagonisten nicht nur wegen zahlreicher Mordfälle ermitteln, sondern wirft auch einen Blick in die deutsche Geschichte der 1930-er und 1940-er Jahre, als Menschen aus Angst vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Deutschland verließen. Darunter waren zahlreiche jüdische Künstler und Wissenschaftler. In ihrem Buch sind Fiktion und Elemente aus dem eigenen Leben der Autorin und Journalistin miteinander verwoben und ergeben ein spannendes und stimmiges Gesamtwerk. Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann wären es die zahlreichen Personen, die die Handlung beeinflussen und manchmal für etwas Unübersichtlichkeit sorgen.

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist 2022 im Emons Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 15 Euro.

Freitag, 10. Februar 2023

# 381 - Eine Jugend auf Mallorca während der Franco-Diktatur

José Carlos Llop ist der wichtigste zeitgenössische
Schriftsteller Mallorcas. Sein Buch Der Bericht 'Guillermo Stein' erschien in Spanien bereits 1995 unter dem Titel El informe Stein und wurde 2008 mit dem Prix Ecureuil de Littérature Etrangère für den besten in Spanien veröffentlichten Roman ausgezeichnet. Und das, obwohl es sich um einen Titel mit nur rund 90 Seiten handelt. Was macht das Buch so besonders?

Der Kurzroman spielt im Sommer 1968 in Palma de Mallorca. Der Erzähler Pablo Ridorsa ist Schüler im Jesuitenkolleg. Spanien hat bewegte Jahrzehnte hinter sich: Die Ausrufung der 2. Republik, die Kirchenverfolgung durch die neue Verfassung, die Folgen des Spanischen Bürgerkriegs sowie die Diktatur unter General Franco wirken sich auch auf das Leben auf Mallorca aus. Doch man spricht nicht gern über die Vergangenheit und verdrängt die Flecken auf der weißen Weste seiner nächsten Angehörigen.

Der Sommer 1968 ist einer der regenreichsten der Insel. Mitten im Schuljahr taucht plötzlich ein neuer Schüler im Kolleg auf: Guillermo Stein. An ihm ist alles seltsam und geheimnisvoll, und Stein selbst tut nichts, um diesen Eindruck zu entkräften. Im Gegenteil: Er erzählt von seinem Vater, der Kontakt zu einflussreichen Faschisten hatte, trägt buntere Kleidung als die anderen und fährt auch im strömenden Regen mit dem Fahrrad zum Unterricht - als Einziger und mit einem auffälligen roten Regenmantel. Außerdem tritt er so auf, als ginge ihn alles um ihn herum gar nichts an. Die Neugier der anderen Jungen ist geweckt und es entsteht der Plan, möglichst viel über Stein herauszufinden und in einem Bericht zusammenzufassen.

Ridorsa, der bei seinen Großeltern aufwächst, freundet sich mit Stein an. Bei einem Besuch in Steins Zuhause fällt ihm der große Unterschied zum Haus der Großeltern auf: Während Stein im damals vornehmen Viertel El Terreno wohnt, haben Ridorsas Großeltern ihr Quartier innerhalb der Stadtmauern noch nie verlassen. Ridorsa registriert, dass die beiden alten Leute auf den Namen Stein angespannt reagieren und spürt, dass Steins Anwesenheit etwas ins Rollen bringt. Und tatsächlich kommen am Ende des Buches einige Wahrheiten ans Licht, die für etliche emotionale Erschütterungen sorgen - und Ridorsa begreifen lassen, warum sich seine Eltern nicht mehr auf Mallorca sehen lassen.

Lesen?

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist mir auf der Frankfurter Buchmesse 2022 aufgefallen, als der Ehrengast Spanien zahlreiche deutsche Übersetzungen spanischer Bücher vorgestellt hat. José Carlos Llop verwebt in seinem Roman die fiktiven Ereignisse in einem Jesuitenkolleg in Palma mit der Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. 

Die zunächst noch eher kindliche Neugier der Jungen gegenüber ihrem neuen mysteriösen Mitschüler verändert sich in dem Moment, als aus Gerüchten und Vermutungen Wahrheiten werden und sie von den Verfehlungen ihrer nächsten Verwandten erfahren: Denunzierungen und Verrat taugen nun mal nicht für Heldenerzählungen. 

Ridorsa wird zum ersten Mal mit seiner erwachenden Männlichkeit konfrontiert und verliebt sich. Und sein geheimnisvoller Freund, der schon bald wieder abreist, hat die letzten Jahre seines Lebens vor sich. 

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist ein interessanter Blick in spanische Verhältnisse in den 1960-er Jahren und es lohnt sich, das ein oder andere, was uns aus der Landesgeschichte nicht bekannt ist, nachzulesen.

Der Roman ist 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18,80 Euro.


Samstag, 4. Februar 2023

# 380 - Wie viel Black Power ist im Wahlkampf noch übrig?

Pleasantville ist nach Black Water Rising der zweite
Roman, in dem der Anwalt und frühere Black-Power-Aktivist Jay Porter die zentrale Rolle spielt. In seinem Leben hat sich viel verändert: Vor einem Jahr ist seine geliebte Frau verstorben, seitdem ist er alleinerziehender Vater eines zehnjährigen Sohnes und einer 15-jährigen Tochter. Die Trauer lähmt ihn so, dass er eine sich schon ein Jahr hinziehende Sammelklage gegen ein Chemieunternehmen endlich beenden und dann mithilfe der Einnahmen in Rente gehen will. Doch es kommt anders.

Pleasantville: Das ist ein Stadtteil von Houston, der 1948 gegründet wurde und vor allem Afroamerikaner anzog, weil sie sich dort legal ein eigenes Haus kaufen durften. Das Viertel zeichnete sich durch seinen großen Zusammenhalt, sein bürgerschaftliches Engagement und seine ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung von bis zu 90 Prozent aus. Aber auf die Idylle fielen Schatten: Nachdem in der Nähe eine Autobahn gebaut worden war, zog es zahlreiche Industrieunternehmen an den Rand von Pleasantville. 1995 brannte dort ein Chemielager, viele Menschen mussten aus ihren Häusern evakuiert werden. Dieses Ereignis greift Locke auf, um ein Buch zu schreiben, das gleichzeitig Krimi und Polit-Thriller ist.

1996, zum Zeitpunkt der Wiederwahl von Bill Clinton als US-Präsident, findet in Houston der Wahlkampf für die Stichwahl für das Bürgermeisteramt statt. Mit Alex Hathorne hat erstmals ein Afroamerikaner die Chance, diese Position zu erringen. Alex hat dabei drei Vorteile, die seine Wahl absichern könnten: Sein Vater Sam ist das Oberhaupt einer der Gründerfamilien von Pleasantville und hat beinahe den Status eines inoffiziellen Bürgermeisters, Alex selbst ist dort lange  Polizeichef gewesen und nicht zuletzt tritt er für die Demokraten an, die bislang hier immer die Nase vorn hatten. 

Seine Konkurrentin ist die republikanische Strafverteidigerin Sandy Wolcott, die ehrgeizig und weiß ist. Ihr Wahlkampf wird so aggressiv geführt, dass Alex' Vorsprung langsam dahinschmilzt. Doch dann wird die 15-jährige Alicia vermisst. Die wenigen Menschen, die sie zuletzt an einer Straßenecke in der Nähe eines Brachgeländes gesehen haben, hatten den Eindruck, dass sie auf jemanden gewartet hatte. Außerdem trug sie ein T-Shirt, an dem die Wahlkämpfer der Hathorne-Kampagne zu erkennen sind.

Einige Zeit zuvor sind bereits zwei Mädchen im selben Alter verschwunden und Tage später ermordet aufgefunden worden. Beide Fälle konnten nicht aufgeklärt werden. Hat derselbe Täter auch diesmal zugeschlagen? Tatsächlich wird Alicias Leiche gefunden, doch einige Details unterscheiden diesen Mord von den beiden anderen.

Schnell fällt der Verdacht auf Neal Hathorne, Axels Neffe und Wahlkampfchef. Doch der beteuert seine Unschuld. Da einige Indizien gegen ihn sprechen, wird er angeklagt und Jay beauftragt, Neal anwaltlich zu vertreten. Widerwillig übernimmt er das Mandat. Als sich diese Nachricht herumspricht, wird in Jays Kanzlei eingebrochen, er wird zusammengeschlagen und jemand durchwühlt seine Garage. Wer immer dahintersteckt, hat das Gegenteil dessen bewirkt, was er vermutlich wollte: Anstatt das Mandat niederzulegen, ist nun das Interesse des Anwalts geweckt. Er setzt mit seinem kleinen Helferkreis alles daran, den Mord an Alicia aufzuklären und herauszufinden, inwieweit die Politik hier ihre Finger im Spiel hat.

Lesen?

Pleasantville ist ein ungewöhnliches Buch, das viele verschiedene Themen miteinander verbindet. Zu sagen, es sei ein Krimi, wird ihm nicht gerecht. Attica Locke schafft es erneut, ihre Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft hinsichtlich des Umgangs mit der afroamerikanischen Bevölkerung einzubringen. Gleichzeitig beschreibt sie die Mechanismen, die seit Mitte der 1990-er Jahre dazu führen, dass die amerikanische Mittelschicht ausgehöhlt und das Wahlsystem und damit die Demokratie ad absurdum geführt werden. Das gelingt ihr mit diesem spannenden, aber nicht moralisierenden Buch.
Attica Locke gewann für Pleasantville 2016 den Harper Lee Prize for Legal Ficition.

Pleasantville ist 2022 im Polar Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.


Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Freitag, 20. Januar 2023

# 378 - Das Leben einer Kriegsreporterin in einem Roman

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. hat die Schriftstellerin und Kriegsreporterin Gabriele Riedle ihr Buch genannt. Und damit keine Missverständnisse aufkommen, über das, was die Leserinnen und Leser erwarten können, lautet der Untertitel: Eine Art Abenteuerroman.

Diese sehr vage Bezeichnung trifft es genau: Dieses Buch ist kein Roman im üblichen Sinne, weil es sich bei seinem Inhalt kaum um Fiktion handelt. Gabriele Riedle hat ihre namenlose Ich-Erzählerin in die Rolle einer Kriegsreporterin schlüpfen lassen und lässt diese schildern, was ihr Berufsleben prägt.

Der rote Faden ist der Tod ihres britischen Kollegen Tim Hetherington, der 2011 im libyschen Misrata von einer Granate getötet wurde. Die Trauer um ihn ist deutlich zu spüren, Riedle hatte mit ihm für eine "Geo"-Reportage in Liberia zusammengearbeitet. Von Hetheringtons Tod hat die Erzählerin an einem sonnigen Apriltag 2011 im Radio erfahren, die nächste Meldung war die über das Wetter. Zu ihm kehren die Ausführungen immer wieder zurück.

Gabriele Riedle hat einen sehr besonderen Erzählstil gewählt. Die Gedanken mäandern oft von einem Thema zum nächsten, oft passen auf eine Buchseite nur zwei Sätze. Sie beschreibt das Leben von Kriegsberichterstattern und -fotografen auf eine Weise, auf die vor allem ein Attribut passt: atemlos.

Da ist der Chefredakteur eines Nachrichtenmagazins, der die Reporter in ein Krisengebiet schickt und sich von ihnen wünscht, sie mögen an die Leser denken. Was er damit meint? Unklar. Manchmal ist das auch egal, weil der Chefredakteurssessel bedenklich wackelt, wenn die Auflage sinkt. Und dann "rief auch der Neue uns hinterher, wir sollten einfach immer nur sagen, was ist, und natürlich sollten wir dabei an die Leser denken."

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist ein Blick hinter die Reportagen. Wir erahnen, was sich in Redaktionen abspielt, und erfahren, wie es ist, ständig unter Lebensgefahr von dem zu berichten, was die Auftraggeber in Hamburg, Manhattan oder sonstwo erwarten. Wir erfahren auch, dass die Welt der Kriegsberichterstattung von Männern dominiert wird, dass es hier Besonnene und Wichtigtuer gibt und Janusköpfigkeit sowohl in den fernen Krisengebieten Afghanistans oder Liberias als auch in den westlichen Chefredaktionen existiert.

Lesen?

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist ein sehr schnelles und teilweise hektisches Buch. Bei all dem, was inhaltlich vermittelt wird, wird jedoch deutlich, dass Gabriele Riedle offenbar nichts mehr erschüttern kann. Sie schreibt beispielsweise mit Ironie über die Chefredaktionen, mit Belustigung über die Taliban, die sich in ihren eigenen strengen Vorschriften verheddern, doch auf alles fällt eine gute Portion Zynismus. Die größten Schwierigkeiten hatte ich jedoch mit ihrem Schreibstil, mit dem ich am besten durch oberflächliches, schnelles Lesen umgehen konnte. Als ich das Buch zur Seite gelegt habe, zeigte mir der E-Book-Reader an, dass ich 80 Prozent geschafft hatte. Auf das letzte Fünftel habe ich verzichtet.

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist 2022 in der Buchreihe "Die andere Bibliothek" im Aufbau Verlag erschienen und kostet 24 Euro, als E-Book 16,99 Euro. Es stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.

Freitag, 13. Januar 2023

# 377 - In 80 Büchern um die Welt?

Vermutlich soll der Buchtitel In 80 Büchern um die Welt auf Jule Vernes Werk In 80 Tagen um die Welt anspielen. Doch während Phileas Fogg sein Ziel, einmal um die Welt zu reisen, tatsächlich haarscharf nach 80 Tagen erreichte, verfehlt dieses Buch das gesetzte Ziel knapp: In 78 kurzen zwei- bis sechsseitigen Texten stellen 55 literarische Fachfrauen und -männer Bücher der Weltliteratur vor, die sich mit dem Reisen über kurze oder sehr lange Distanzen beschäftigen.

Es geht allerdings nicht nur um Reisen, die zum Spaß gemacht werden. Das vom britischen Literaturprofessor John Sutherland herausgegebene Buch greift auch Werke auf, in denen es um Migration, Flucht und höchste Not geht. In 80 Büchern um die Welt ist in vier Abschnitte aufgeteilt, die die Beiträge chronologisch sortieren. Es beginnt mit der Vorstellung von Homers Odyssee (725-675 v. Chr.), setzt sich fort mit Laura in der Prärie von Laura Ingalls Wilder (1935) oder John Steinbecks Früchte des Zorns (1939), beschreibt Lolita von Vladimir Nabokov (1955) und endet im letzten Kapitel mit Lincoln Highway von Amor Towles (2021).

Warum gerade diese 55 Titel ausgewählt wurden, bleibt etwas im Dunklen. Zwar erläutert der Lektor John McMurtrie in der Einleitung, welche "drei Kriterien maßgeblich" gewesen seien - "Erstens muss es sich um ein literarisches Werk handeln [...]; zweitens sollte jedes Buch eine Reise enthalten, die zu realen und nicht imaginären Orten führt [...]" -, das dritte Kriterium bleibt er jedoch schuldig. 
Trotzdem ist die Auswahl eine gute Mischung aus Bekanntem und (fast) Unbekanntem, sodass die kurzen Texte zum Lesen der vollständigen Romane einladen.

Ein Highlight sind die zahlreichen Illustrationen: Fotos, historische Karten oder Zeichnungen geben einen guten Eindruck davon, in welchem zeitlichen Kontext die jeweiligen Bücher erschienen sind.

Lesen?

In 80 Büchern um die Welt ist ein sehr gutes Buch zum Schmökern: Es erinnert an Romane, die man vor vielen Jahren gelesen und nur noch undeutlich in Erinnerung hat und gibt Hinweise auf Titel, die man sich noch vornehmen kann. Die Illustrationen runden den positiven Bucheindruck ab.
Sehr schade ist allerdings, dass Autorinnen deutlich unterrepräsentiert sind. Unter den sechs "Tipps zum Weiterlesen" finden sich dann leider nur noch Autoren.

Hinweis: Diese Ausgabe hat keine Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Buch, das 2011 im Thiele & Brandstätter Verlag veröffentlicht wurde und nur noch antiquarisch erhältlich ist.

In 80 Büchern um die Welt ist 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 29 Euro.

Dienstag, 20. Dezember 2022

# 376 - Culture-Clash: Ein Alman feiert selten allein

Kurz vor Weihnachten muss es ein Buch sein, das sich mit dem Fest der Liebe beschäftigt, in diesem Fall ein Hörbuch. In diesem Herbst kam das Debüt der Autorin Aylin Atmaca heraus: In Ein Alman feiert selten allein begleitet ihre Hauptfigur Elif zum ersten Mal ihren Freund Jonas zu dessen Eltern. Aber die beiden machen sich nicht nur auf den Weg, damit sich Elif ihren Schwiegereltern in spe vorstellen kann, sondern auch, um mit etlichen weiteren Verwandten von Jonas gemeinsam Heiligabend zu feiern. 

Elif kennt deutsche Bräuche nur in dem Maße, in dem man sie daran teilhaben ließ. Sie weiß, dass ein Weihnachtsbaum, gutes Essen und Geschenke üblich sind, alles andere ist ihr fremd. Ihre eigene Familie hat den Brauch, einen Baum aufzustellen, groß aufzutafeln und sich gegenseitig zu beschenken, übernommen. Wenn alle beisammen waren, ging es dabei immer laut und fröhlich zu. Dass Heiligabend und Weihnachten in deutschen Familien völlig anders begangen werden, kam ihr nie in den Sinn.

Nun ist sie also bei den Neubauers eingeladen und muss feststellen, dass sie sich alles ganz anders vorgestellt hat. Mutter Neubauer beginnt schon im September mit dem Verschicken der Weihnachtskarten und ruft für die Planung des Heiligen Abends eine WhatsApp-Gruppe ins Leben. Elif lernt, dass nichts dem Zufall überlassen und das Fest nach einem fein ausgearbeiteten Ablaufplan vorbereitet wird.

Und dann kommt der große Tag. Elif ist bemüht, bei der Familie einen möglichst guten Eindruck zu machen und allen denkbaren Fettnäpfchen auszuweichen. Aber schon nach wenigen Stunden merkt sie, dass sie nicht nur vom detaillierten Zeitkorsett, sondern auch von scheinbar harmlosen Bemerkungen, die sich auf ihren Migrationshintergrund beziehen, überfordert ist. Dass sie sich nicht wie sie selbst verhält und obendrein ihr Freund als "Sohn des Hauses" in Verhaltensmuster zurückfällt, die sie bislang nicht an ihm kannte, gibt ihr den Rest.

Die Situation eskaliert derart, dass die Beziehung der jungen Leute auf der Kippe zu stehen scheint. Doch Elif wird in einem ruhigen Moment auch bewusst, dass sie das, was sie Jonas ankreidet, ihren eigenen Eltern gegenüber ebenfalls praktiziert: Auch sie hat vor ihnen Geheimnisse und gaukelt bei Familientreffen vor, eine brave Tochter ohne Laster zu sein. "Wir sind für immer die Kinder unserer Eltern - ob wir wollen oder nicht", resümiert sie zum Schluss.

Lesen?

In Ein Alman feiert selten allein nimmt sich Aylin Atmaca sehr überspitzt die deutschen Bräuche rund um Heiligabend und Weihnachten sowie die Vorurteile, die Menschen mit ihrem persönlichen Hintergrund immer noch entgegenschlagen - immerhin 67 Jahre nach dem Abschluss des ersten Anwerbeabkommens mit Italien und 61 Jahre nach dem Abkommen mit der Türkei -, vor. Was die Hauptfigur Elif erlebt, ist ein Hardcore-Heiligabend, wie ich ihn von niemandem kenne und auch niemandem wünsche.

Elif hat mit ihrer Schöpferin viel gemeinsam: Beide wurden als Kinder von aus der Türkei stammenden Eltern in Deutschland geboren und sind zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Beide haben wegen ihrer nicht-deutschen Herkunft Verletzungen erfahren. Auch das klingt im Buch immer wieder an.

Der Roman hat viel Humor und einen lockeren Schreibstil. Sollte er jedoch der Versuch gewesen sein, den Deutschen mit ihren Feiertagsbräuchen den Spiegel vorzuhalten, ist das nicht gelungen, weil die Überzeichnung zu stark ausgefallen ist. Atmacas Kritik an Stereotypen, denen sie immer wieder ausgesetzt ist, kann ich hingegen gut nachvollziehen.

Ein Alman feiert selten allein ist 2022 bei Harper Collins erschienen und kostet als Taschenbuch 16 Euro, als E-Book 13,99 Euro sowie als Hörbuch (gelesen von Sandra Voss) 12,99 Euro.


Freitag, 16. Dezember 2022

# 375 - Eine Frau - ein besonderer Blick auf die verstorbene Mutter

Im April 1986 stirbt Annie Ernaux' Mutter im Alter von 80 Jahren in einem Altenheim in der Nähe von Paris. Zwei Jahre hat sie dort gelebt - dement und hilfsbedürftig.

Knapp zwei Wochen später schreibt Ernaux in Eine Frau auf, was das besondere Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter geprägt hat. Zehn Monate benötigt sie, um ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend zu Papier zu bringen, aber auch, um über das oft angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis zu schreiben, das die beiden Frauen verband.

Die Eltern stammten aus sozial einfachen Verhältnissen und wollten, dass es ihr Kind einmal besser hat als sie. Dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Aufstieg ist, war insbesondere der Mutter klar. Damit das gelingt, sollte es bei einem Kind bleiben. Das erste Kind der Eltern stirbt 1938 an Diphtherie, 1940 wird Annie geboren. Obwohl das Geld knapp ist, ermöglichen die Eltern ihrer Tochter den Besuch guter Schulen. Das Kind Annie weiß genau, mit welchem Anliegen sie sich an den Vater oder die Mutter wenden muss: "Er ging mit mir auf den Jahrmarkt, in den Zirkus, in Filme mit Fernandel, er brachte mir Radfahren bei und welches Gemüse im Garten wuchs. Mit ihm hatte ich Spaß, mit ihr 'unterhielt ich mich'. Sie war die dominante Figur, das Gesetz."

Annie Ernaux beschreibt sehr genau und prägnant, wie sich das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter verändert, als die Tochter vom Kind zur Jugendlichen wird. Durch deren Unterstellung, die Tochter würde mit dem Erstbesten ins Bett gehen und sich schwängern lassen, erzeugt die Mutter ungewollt eine Distanz. Ernaux empfindet bei dem Gedanken an ihre Mutter in dieser Zeit eine so deutliche Mutlosigkeit, dass sie eine Parallele zieht zu "afrikanischen Müttern, die ihren Töchtern die Arme auf dem Rücken festhalten, während eine Beschneiderin ihnen die Klitoris entfernt".

Spätestens mit dem Beginn des Studiums wird spürbar, dass sich Ernaux und ihre Eltern in verschiedenen Welten bewegen und einander kaum noch etwas zu sagen haben. An der Uni lernt die junge Frau ihren späteren Ehemann kennen, der aus einem Elternhaus stammt, in dem Bildung etwas Selbstverständliches ist. Ihr wird der soziale Unterschied zwischen ihren Eltern und Schwiegereltern sowie insbesondere den beiden Müttern immer deutlicher.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters zieht die Mutter in das Haus ihrer Tochter ein, in dem diese mit ihrem Mann und den zwei Söhnen lebt. Es ist keine Überraschung, dass sich dabei Konflikte ergeben: Die Erwartungen von Mutter und Tochter an das gemeinsame Zusammenleben sind nur schwer in Einklang zu bringen. Nach wenigen Jahren zieht die Mutter zurück in ihre Heimatstadt Yvetot.

Dann stellt Ernaux fest, dass sich ihre Mutter verändert. Sie wird immer verwirrter, und nach einiger Zeit wird bei ihr die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert. Ernaux holt die alte Frau zu sich, muss aber feststellen, dass sie mit deren Pflege auf Dauer überfordert ist. Es bleibt nur die Unterbringung in einem Pflegeheim.

Lesen?

Wer schon ein Elternteil verloren hat, kann sehr viel von dem nachempfinden, worüber Ernaux geschrieben hat. Das Verhältnis zu den Eltern - nicht nur zur Mutter - ändert sich im Laufe des Lebens. Dazu gehört auch, dass sich die Beziehungen oft umkehren, wenn die alten Eltern mit ihren Kräften am Ende sind oder eine Demenz beginnt, das Leben zu beherrschen: Während früher die Eltern (meistens) als Menschen erlebt wurden, die so schnell nichts umhaut, nehmen sie im Alter oft de facto die Rolle von Kindern ein, die von ihren eigenen Kindern Unterstützung erhoffen.

Annie Ernaux hat nicht nur diesen Rollenwechsel sehr genau beschrieben, sondern auch das wechselhafte Verhältnis zu ihrer Mutter, die durch von unterschiedlichen sozialen Status geprägten Leben und Konflikte der beiden Frauen sowie ihren eigenen  Trauerprozess, der mit der letzten Zeile des Buches nicht zu Ende war. Das alles in einer schnörkellosen Sprache, die die Leserschaft direkt anspricht.

Eine Frau wurde in der Originalfassung Une femme 1987 veröffentlicht. 1993 und 2007 wurden die deutschen Titel Das Leben einer Frau bzw. Gesichter einer Frau herausgebracht. 
Die aktuelle Übersetzung aus dem Jahr 2019 erschien im Suhrkamp Verlag. Die gebundene Ausgabe kostet 20 Euro, das E-Book 11,99 Euro und das Taschenbuch 12 Euro.

Annie Ernaux erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur.


Freitag, 9. Dezember 2022

# 374 - Kaputte Wörter - kann da noch etwas repariert werden?

In Matthias Heines Buch Kaputte Wörter? kreist alles um die Frage, ab wann ein Wort so "kaputt" ist, dass man es auf keinen Fall weiterhin verwenden darf. Doch woran kann man erkennen, ob ein Wort noch gebrauchsfähig ist?

Heine erläutert das anschaulich an 78 Begriffen von "Abtreibung" bis "Zwerg". Ihnen ist gemeinsam, dass ihre Benutzung durch einen Sprecher oft dazu führt, dass sein Gesprächspartner sich nicht über den gesagten Inhalt, sondern über die Verwendung des "kaputten" Wortes erregt. Die eigentliche Botschaft des Sprechers gerät dabei völlig in den Hintergrund.

Diskussionen um den richtigen Gebrauch der Sprache sind in Deutschland nichts Neues. Schon im 17. Jahrhundert wandten sich die deutsche Aristokratie und das Bildungsbürgertum gegen das Einsickern von französischen Begriffen und die Entstehung der sog. Alamodesprache.
Während des Ersten Weltkriegs tat sich mit dem Allgemeinen Deutschen Sprachverein eine Art Tugendwächter hervor, der die seiner Meinung nach falsche Verwendung von Begriffen wie z. B. Billett anstelle von Fahrkarte mit Vaterlandsverrat gleichsetzte.

Die Sprachdiskussionen, die heute geführt werden, haben allerdings einen anderen Hintergrund. Heute verschaffen sich gesellschaftliche Gruppen Gehör, die bislang ignoriert oder marginalisiert wurden und für sich die Art und Weise beanspruchen, wie man über sie spricht.
Hinzu kommt, dass durch die Veränderung der Medienlandschaft in den letzten zwanzig Jahren ein falsches und/oder unbedachtes Wort deutlich mehr Reichweite hat: Wer früher z. B. das N-Wort am Kneipentresen aussprach, löste nur ein Augenrollen aus. Heute haben Äußerungen durch die sozialen Medien ein Mehrfaches an Publikum - und führen schnell zu einem verbalen Flächenbrand.
Und dann ist da noch ein Phänomen, das Heine als German linguistic angst bezeichnet. Nach seiner Beobachtung haben speziell Deutsche eine große Angst vor falscher Sprache. Ein Indiz dafür sind die Begriffe Sprachkritik und Unwort. Sie gibt es in der Bedeutung, wie wir sie kennen, nur in der deutschen Sprache; ähnliche Begriffe wie z. B. language criticism bzw. non word treffen nicht den Kern der Sache.

Lesen?

Kaputte Wörter? bietet eine Fülle von Einsichten. Matthias Heine beleuchtet jedes einzelne Wort sehr genau, indem er nicht nur seinen Ursprung und Gebrauch erläutert, sondern auch die Gründe, die zu der Kritik an ihm geführt haben. Jedes Kapitel schließt mit einer persönlichen Einschätzung des Autors ab.

Viele der von Heine gewählten Wörter waren mir als "kaputt" bekannt. Neu war mir jedoch die Diskussion um beispielsweise "Altes Testament", "Schamlippen" oder "bester Freund". 
Matthias Heine bezieht zwar immer Stellung, betont aber, dass sein Buch ein Beitrag zur Sprachdiskussion sein soll, er aber niemandem seine Sichtweise aufzwingen will. Das ist ihm gelungen.

Kaputte Wörter? ist 2022 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.