Sonntag, 2. Juli 2023

# 399 - Unsichtbare Mauern - Die Autobiographie einer der wichtigsten politischen Journalistinnen

Hella Pick wurde als Kind jüdischer Eltern 1929 in
Wien geboren. Die Familie führte bis zur Scheidung der Eltern ein bürgerliches Leben, diese trennten sich jedoch, als ihre Tochter drei Jahre alt war. Hella wuchs bei ihrer Mutter auf; der Vater wanderte 1938 in die USA aus. Von ihm hat Hella Pick seitdem nichts mehr gehört.

Die Situation der Juden in Österreich verschlechterte sich mit dem Beginn des von Adolf Hitler ausgerufenen "Anschlusses" des Landes an Deutschland stark. Im Frühling 1939 kam Hella Pick mit einem der Kindertransporte nach London, wo sie von einer britischen Familie aufgenommen wurde. Drei Wochen später gelang es auch ihrer Mutter, nach London auszureisen. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern, bis es den beiden möglich war, wieder zusammen zu wohnen.

Hella Pick blickt in ihrer Autobiographie Unsichtbare Mauern auf ein langes und ereignisreiches Leben zurück. Der Untertitel Die abenteuerliche Reise einer der größten politischen Journalistinnen zu den Gipfeln und Abgründen der Zeitgeschichte trifft zum größten Teil das, was Pick ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch vermittelt: Durch Fleiß, Beharrlichkeit und - wie sie selbst zugibt - einer guten Portion Glück nimmt Pick viele Hürden in ihrem Leben.

Höhere Schulbildung und das spätere Studium waren nur durch Stipendien und Zuschüsse möglich, da Picks Mutter nur wenig Geld verdiente. 1947 schloss sie ihr Studium ab und wollte unbedingt bei den Vereinten Nationen arbeiten. Doch die Quotierung nach dem Herkunftsland der Bewerber verhinderte diesen Wunsch. Später, nachdem sie sich dem Journalismus zugewendet hatte, wurde ihr klar, dass sie bei der UNO nicht glücklich geworden wäre.

1948 erhielt Hella Pick die britische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitete in Wien, Paris und Afrika und schrieb ab 1961 als Korrespondentin für die britische Tageszeitung The Guardian aus Washington und New York, war jedoch in der ganzen Welt unterwegs. Viele bekannte Persönlichkeiten, die sie beruflich kennenlernte, wurden zu ihren Freunden. Ihre Gesprächspartner waren z. B. John F. Kennedy, Lech Wałęsa, Nicolae Ceaușescu oder Willy Brandt. Picks Reportagen sind am Puls der Zeit und die Ereignisse, über die sie bis zu ihrem Ausscheiden beim Guardian 1996 geschrieben hat, sind Bestandteile des kollektiven Gedächtnisses. Die Dekolonisierung afrikanischer Staaten ab Mitte der 1940-er Jahre, der Kalte Krieg und die Gründung der "Bewegung der Blockfreien Staaten" 1961, die Invasion von Indien in Goa und die damit einhergehende Glaubwürdigkeitskrise der UNO im selben Jahr, die Watergate-Affäre um US-Präsident Nixon bis zum Zerfall der Sowjetunion und dem Beginn der Jugoslawienkriege Anfang der 1990-er Jahre sowie der Brexit: Hella Pick war vor Ort und hat darüber berichtet.

Nach 35 Jahren beim Guardian hat sich Pick neu orientiert und u a. eine Biographie über den sog. "Nazijäger" Simon Wiesenthal geschrieben. Sie, die ihre jüdische Identität lange Zeit verdrängt hatte, beschreibt ein nächtliches Gespräch mit Willy Brandt 1971, dessen Wirkung sie als "kathartisch" bezeichnet: Erst dann schaffte sie es, mit Deutschland nicht automatisch den Nationalsozialismus zu verbinden.

Neben der Journalistin gibt es natürlich die Privatperson Hella Pick. Eine wesentliche Rolle nimmt in ihrem Leben ihre Mutter ein, die sich ununterbrochen um ihre in der Weltgeschichte herumreisende Tochter Sorgen machte und auch nicht davor zurückschreckte, sich beim Chefredakteur des Guardian zu beschweren. Pick schrieb ihr über viele Jahre täglich, um die Mutter ein Stück weit am eigenen Leben teilhaben zu lassen.
Die Mutter, die sich für ihr Kind einen guten Mann, ein festes Zuhause und Kinder wünschte, bewertete die Liebesbeziehungen der Tochter skeptisch - zu Recht, wie sich später herausstellen sollte. Für Hella Pick steht ihr Freundeskreis anstelle einer eigenen Familie.

Lesen?

In Unsichtbare Mauern schreibt Hella Pick, wo und wie es ihr gelungen ist, eben diese Mauern einzureißen. Nur beim Trauma, ein Flüchtlingskind zu sein, ist ihr das nicht gelungen. Die Unsicherheit, ob sie selbst gut genug ist, hat sie ihr Leben lang begleitet. Und das, obwohl sie sich in einer damals starken Männerdomäne behauptet hat. 
Hella Picks Autobiographie ist spannend, macht aber auch an vielen Stellen nachdenklich. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter das Goldene Ehrenkreuz der Republik Österreich und den Commander of the British Empire.

Unsichtbare Mauern ist 2022 im Czernin Verlag erschienen und kostet als Hardcover 28 Euro.

Sonntag, 25. Juni 2023

# 398 - Der Fassadenkletterer - eine deutsch-polnische Geschichte

Mona ist Schwester, Mutter einer erwachsenen Tochter
und Tochter eines Vaters, über dessen Vergangenheit sie kaum etwas weiß - und steht sich zu oft selbst im Weg. Der Kontakt zu Bruder Richard ist schwierig, Tochter Alisa ist von ihrer Mutter und deren Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit überwiegend genervt. Einen Partner hat Mona nicht; ihre Beziehungen zu Männern beginnen euphorisch und versickern dann. Man kann vermuten, dass Mona Angst vor zu engen Bindungen hat.

Das Leben der Drei könnte in den gewohnten Bahnen und Konstellationen weitergehen, aber dann klingelt eines Tages Monas Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist Piotr, der Sohn von Dariusz, des früher besten Freunds ihres verstorbenen Vaters Martin, aus Poznań (früher: Posen). Piotr hat im Nachlass seines Vaters Briefe gefunden, die sie, Mona, sicher interessieren würden. Mona ist sofort Feuer und Flamme und beschließt, nach Poznań zu reisen und sich vor Ort ein Bild zu machen. Sie überredet Richard und Alisa, sie zu begleiten, und gemeinsam Nachforschungen in Polen anzustellen. Dass sich die Wege der Drei schon bald nach ihrer Ankunft trennen werden, ahnen sie nicht. In Der Fassadenkletterer schickt Angela Schmidt-Bernhardt ein ungleiches Trio nach Polen und damit in ein Land, über das viele Deutsche trotz der direkten Nachbarschaft sehr wenig wissen.

Die gemeinsam begonnene Reise in die Vergangenheit bringt nicht nur Licht in das Leben, das Martin vor seiner Auswanderung von Poznań nach Deutschland geführt hat, sondern bringt sie auch einem Stück polnischer Geschichte näher: Im Juni 1956 kam es zum Posener Arbeiteraufstand, an dem 100.000 Menschen teilnahmen und in dessen Verlauf die polnische Armee auf die eigenen Bürger schoss. Fast 60 Menschen starben, etwa 600 wurden verletzt. Dieser Aufstand hatte zahlreiche Parallelen zum Volksaufstand in der DDR und Ost-Berlin am 17. Juni 1953, über ihn ist außerhalb Polens jedoch kaum etwas bekannt. Martin und Dariusz waren damals mitten drin, aber auch Martins Schwester Hanka und Dariusz' Schwester Małgorzata.

Lesen?

Angela Schmidt-Bernhardt hat in ihrem Roman die Fragen gestellt, die viele von uns beschäftigen: Woher komme ich? Wie wurde meine Familie so, wie ich sie kenne? Und letztlich: Wie beeinflusst es mein Leben, wenn ich Dinge über einen geliebten Menschen erfahre, die dunkle Schatten auf meine Erinnerungen an ihn werfen? Der Fassadenkletterer ist ein Roman über Familie, Liebe, Freundschaft, Zusammenhalt und die Probleme, die es damit geben kann. Und natürlich über polnische Geschichte. Schmidt-Bernhardt hat daraus einen sehr lesenswerten Roman gemacht, an dessen Ende ein neuer Anfang steht.

Der Fassadenkletterer ist 2023 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Klappenbroschur 22,90 Euro.




Freitag, 16. Juni 2023

397 - Das stille Verschwinden einer Lebensform - ausgezeichnet mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2023

Ewald Frie ist Professor für Neuere Geschichte und seit
knapp zwei Wochen Preisträger des Deutschen Sachbuchpreises 2023. Für das Schreiben seines Bestsellers Ein Hof und elf Geschwister hat ihm sicher sein Beruf geholfen, aber auf jeden Fall sein familiärer Hintergrund: Frie (Jg. 1962) und ist das neunte von elf (überlebenden) Kindern, die zwischen 1944 und 1969 geboren wurden. Die Familie bewirtschaftete einen Hof in der Bauerschaft Horst bei Nottuln. Der Vater war ein im Münsterland geachteter Rinderzüchter. Für eines seiner rotbunten Tiere gewann er 1950 auf der Westfalenschau in Münster eine Auszeichnung. Rotbunte Rinder geben etwas weniger Milch als ihre schwarzbunten Verwandten, sie haben jedoch mehr und besseres Fleisch als diese. Danach richtete sich damals die Züchtung aus.

Frie blickt auf eine Kindheit und Jugend zurück, in der viele Umbrüche stattgefunden haben. Da ihm jedoch bewusst ist, dass der Zeitpunkt seiner Geburt seine Sicht auf die Familiengeschichte sowie die Veränderungen in der Landwirtschaft entscheidend beeinflusst, hat er sich im Sommer 2020 auf den Weg gemacht und alle seine Geschwister - vier Schwestern und sechs Brüder - interviewt. Wie wuchsen sie als Bauernkinder auf? Was hat ihren Alltag bestimmt? Welche der ihnen aufgetragenen Arbeiten machten sie gern und welche empfanden sie als schlimm? Wie war der Kontakt zu den Nachbarn und wie der zum Dorf? Was haben sie damals vermisst? Worauf blicken sie positiv zurück?

Die Antworten der Geschwister sowie das Ergebnis einer gründlichen Recherche ergeben ein Bild der drastischen Veränderungen in der Landwirtschaft, die hier exemplarisch für den Hof Frie und die Bauerschaft dargestellt werden, sich aber sehr ähnlich in ganz Deutschland abgespielt haben. Am deutlichsten wird dies mit einem Blick zurück in die 1950-er und 1960-er Jahre: Kam die bäuerliche Verwandtschaft zu Besuch, war ein Rundgang durch den Rinderstall, bei dem die Männer fachsimpelten, immer üblich. Die Frauen sahen sich zeitgleich die eingeweckte Obst- und Gemüseernte an, die die Regale füllte.

Frie stellt auch fest, dass der Beruf des Bauern in dieser Zeit sehr viel öffentlicher war: Eine repräsentative Umfrage ergab 1955, dass das Melken auf dem fünften Platz der Tätigkeiten stand, die die Menschen sich zutrauten - nach Radfahren, Suppe kochen, schwimmen und stricken, aber vor Auto fahren. Welche Kuh wird heute noch von Hand gemolken? Auf Hoffesten steht manchmal eine Holzkuh, an der man sich ausprobieren kann. Das hat mit der Realität nichts mehr zu tun. Die Verbraucher haben kein konkretes Bild mehr von der Arbeit der Bauern und sich von der Landwirtschaft entfremdet. 
Vor etwa 60 Jahren sahen jedoch auch diejenigen, die mit der Landwirtschaft nichts zu tun hatten, Bauern arbeiten, vielfach noch lange mithilfe von Pferden oder Kühen, die den Pflug zogen. Das Berufsbild war insgesamt öffentlicher als heute.

Das Buch veranschaulicht, wie sich die Lebenswelt der Bauern nach und nach veränderte. Hatte man zuerst noch Personal, wurde dies mit der fortschreitenden Technisierung nicht mehr benötigt. Es kam der Zeitpunkt, an dem nur noch Familienmitglieder auf dem Hof arbeiteten. Die Anschaffung eines Traktors zog Folgeinvestitionen nach sich. Um den Hof zu modernisieren, wäre der Bau neuer Wirtschaftsgebäude nötig gewesen. Doch Vater Frie war dazu 1960 nicht mehr bereit: Er war nun fünfzig Jahre alt. Ewald Frie weist auf dessen starke körperliche Belastung nach Jahrzehnten in der Landwirtschaft hin: "Seine beste Zeit lag hinter ihm. Seinem Körper waren die harten Arbeitsjahre bereits anzusehen." Frie sen. registrierte, dass sich die Anforderungen an die Rinderzucht verändert hatten: Fleisch wurde weniger wichtig, nun war die Milchmenge das bedeutendste Kriterium, um die Qualität eines Tieres zu beurteilen. Fries Erfahrungen und Kenntnisse hatten sich überholt.

Aus dem, was Fries Geschwister über ihr Leben auf dem elterlichen Hof erzählen, wird sehr deutlich, wie sehr sich ihre Wahrnehmung unterschied aufgrund ihres Alters und welchen Einfluss die fortschreitenden gesellschaftlichen Veränderungen auf ihren Alltag hatten. Beurteilten die älteren die Gefriergenossenschaft, bei der sich mehrere Landwirte Gefriertruhen teilten, als Fortschritt, wurde sie von den jüngeren amüsiert belächelt. Auch das Verhältnis zu den Dorfbewohnern gestaltete sich je nach Alter der Brüder und Schwestern unterschiedlich.

Ewald Frie betrachtet auch die Lebensumstände der Bäuerinnen und deren Kinder bis in die 1970-er Jahre hinein, die gelinde gesagt hart waren. Fries Bruder Kaspar, der einige Jahre in einem kirchlichen Internat verbrachte, beschrieb, wie seine Sommerferien verliefen: "Sommerferien - du kamst nach Hause, umziehen, arbeiten. So. Und es gab ja keinen Tag, wo du nichts machen musstest, und nachher waren die Ferien zu Ende, wieder zum Internat."
Bevor Wasserleitungen in die Wohnhäuser und Ställe verlegt wurden, war es die Aufgabe der Bäuerinnen, die Tiere zu tränken. Eine Untersuchung über diese Zeit stellt fest, dass eine Bauersfrau täglich 461 Liter Wasser trug. Der gerade Gang war damals ein Anzeichen für ein auskömmliches Leben.

Auch der Hof Frie wurde moderner, aber nicht modern genug. Weniger Einnahmen führten zu geringeren Investitionen. Die Geschwister spürten immer wieder den Geldmangel, vor allem die jüngeren, die eine stärkere Verbindung zum Dorf hatten und sich eher mit anderen Kindern verglichen. Es zeichnete sich ab, dass der Hof in seiner bisherigen Form nicht mehr lange bestehen würde. Das hatte selbstverständlich für alle Kinder Konsequenzen.

Lesen?

Ich kenne die Landwirtschaft vor dem Umbruch nur aus den Erzählungen meiner Eltern, die in einer ähnlichen Umgebung wie die Frie-Geschwister aufgewachsen sind, wenn auch nicht in Nordrhein-Westfalen. Als ich ein Kind war, habe ich erlebt, wie die letzten Schweine aus dem Stall meiner Großmutter abgeholt wurden. Deshalb hat mich das, was Ewald Frie in seinem Buch Ein Hof und elf Geschwister schildert, sehr interessiert. 

Was Frie beschreibt, trifft der Untertitel seines Buches genau: Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben. Mit diesem Abschied geht der Untergang einer eigenen Lebensanschauung sowie eines Familienmodells innerhalb eines Berufsstands einher, mit allen Vor- und Nachteilen. Ein Hof und elf Geschwister hätte ebenso in anderen Teilen Deutschlands angesiedelt sein können, die Entwicklung ist überall ganz ähnlich verlaufen.

Das Buch hat seine Entstehung übrigens der Corona-Pandemie zu verdanken: Da Institute und Archive 2020 geschlossen wurden, musste Frie andere Projekte auf Eis legen und konnte sich um dieses kümmern. Man kann seine Zeit schlechter nutzen, als ein so interessantes Werk zu verfassen, das sogar noch den Deutschen Sachbuchpreis bekommen hat.

Ein Hof und elf Geschwister ist 2023 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet als gebundenes Buch 23 Euro, als E-Book 17,99 Euro sowie als Hörbuch 18,95 Euro.

 


Freitag, 9. Juni 2023

# 396 - Chemieunterricht im Kochstudio

Elizabeth Zott ist Chemikerin. Damit könnte eigentlich
vieles gesagt sein, aber das ist es nicht. Der Haken ist: Zotts Geschichte beginnt in Bonnie Garmus' Debütroman Eine Frage der Chemie Anfang der 1950-er Jahre an einer Universität in Kalifornien. Die USA sind damals hinsichtlich der Frauenrechte sehr konservativ. Die ideale Frau sieht ihre Erfüllung in einer Heirat und der Erziehung von Kindern, das Heim hat sauber und die Mägen der Familienmitglieder haben voll zu sein. Wenn eine Frau überhaupt berufstätig ist, dann nur in untergeordneten und schlecht bezahlten Positionen.

Doch Elizabeth Zott, die die Welt nur unter logischen Gesichtspunkten beurteilt, leuchtet dieses Lebenskonzept nicht ein. Sie hat einen Master-Abschluss in Chemie und sieht ihren Platz im Labor einer Hochschule. Die für die Karriere wichtige Promotion hat sie nicht erreicht, weil sie den Versuch ihres akademischen Betreuers, sie zu vergewaltigen, durch effektive Gegenwehr verhindern konnte. Da ihr der Übergriff ihres Doktorvaters von offizieller Seite nicht geglaubt wird, wird ihr die Zulassung zum Promotionsprogramm entzogen.

Elizabeth Zott ist überaus scharfsinnig und geht trotz aller Rückschläge unverdrossen davon aus, dass das menschliche Handeln nur rational bestimmt sein sollte. Dass sie so zur Außenseiterin wird, nimmt sie in Kauf. Ihr Leben ändert sich deutlich, als sie zufällig den brillanten Chemiker Calvin Evans kennenlernt, der bereits mehrmals für den Nobelpreis nominiert wurde. Sie setzen sich über alle Konventionen hinweg und leben als unverheiratetes Paar zusammen. Calvin möchte Elizabeth heiraten, aber die junge Frau ist auch hier konsequent: Sobald sie Calvins Frau ist, würde sie seinen Nachnamen annehmen müssen und wäre als Mrs Evans nur noch ein Anhängsel ihres Mannes, aber keine eigenständige Person mehr.

Elizabeth wird schwanger. Doch bei einem Unfall kommt Calvin mit nur 28 Jahren ums Leben, bevor die gemeinsame Tochter geboren wird. Die Hochschulleitung schwingt die Moralkeule und entlässt Elizabeth, weil man keine unverheiratete Schwangere im Kollegium duldet. Mit der Geburt der kleinen Mad ist Elizabeth eine alleinerziehende mittellose Mutter.

Durch einen Zufall lernt sie Walter Pine, den Produzenten von Nachmittagssendungen im örtlichen Fernsehstudio, kennen, der sie überredet, der Mittelpunkt einer täglichen Kochshow zu werden. Elizabeth hat Schwierigkeiten, sich in dieser Rolle zu sehen, aber irgendwoher muss ja das Geld kommen. Zu ihrer und Walters Überraschung wird die ungewöhnliche Sendung "Essen um sechs" zum Quotenhit, obwohl sich Elizabeth nicht an das für sie vorgesehene Skript hält. Anstatt nur lächelnd in den Töpfen zu rühren, erklärt sie dem Publikum, welche chemischen Prozesse für das Gelingen der Gerichte verantwortlich sind. Anstelle einer Schürze trägt sie einen Laborkittel. Am Ende einer jeden Sendung sagt sie in die Kamera: "Kinder, deckt den Tisch. Eure Mutter braucht einen Moment für sich." Klar, dass das nicht jedem gefällt. Die Misogynie lauert hinter jeder Ecke. Als Elizabeth dann noch beiläufig erwähnt, dass sie Atheistin ist, bricht etwas über sie herein, was man heute als Shitstorm bezeichnen würde.

Lesen?

Eine Frage der Chemie ist sehr unterhaltsam und spannend geschrieben, sorgt jedoch oft dafür, dass sich beim Lesen der Blutdruck erhöht. Wir reden zu Recht oft und anhaltend darüber, welchen Ungerechtigkeiten heutige moderne Frauen ausgesetzt sind - trotz einer mehr als 100-jährigen Emanzipationsgeschichte. Aber das, was Elizabeth Zott hier widerfährt, ist eine Aneinanderreihung von Zumutungen, die nichts anderes zum Ziel haben, als kluge Frauen wie sie klein zu halten und mundtot zu machen. 

Habe ich gerade "Lesen" geschrieben? Ich habe das Buch nicht gelesen, sondern gehört. Das Hörbuch ist bei Osterwoldaudio, einem Imprint von Hörbuch Hamburg, erschienen und wird von Luise Helm großartig gesprochen. Das wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2023 in der Kategorie "Beste Unterhaltung" honoriert.

Eine Frage der Chemie ist 2022 als Buch im Piper Verlag zum Preis von 24 Euro erschienen. Das Hörbuch kostet 16,95 Euro, das E-Book 19,99 Euro.

Hinweis: Die Kombination aus kochen und Chemie gab es in der Bücherkiste vor einiger Zeit bereits mit dem Sachbuch Was uns schmeckt und was dahinter steckt, das von der promovierten Chemikerin Nikola Schwarzer geschrieben wurde. Auch dieses Buch ist sehr empfehlenswert.

Montag, 5. Juni 2023

# 395 - Gespräche voller Erkenntnisse

Der Publizist und Schriftsteller Max Dax hat Erfahrung
darin, sich mit einer besonderen Gesprächsführung auf Augenhöhe mit seinen Interviewpartnerinnen und -partnern zu begeben und ihnen zahlreiche Informationen zu entlocken. 1992 gab er das erste Exemplar der Zeitschrift "Alert" heraus, das wie sein von Andy Warhol veröffentlichtes Vorbild "Interview" darauf setzte, die Interviewten nicht zu provozieren und keine Dissonanzen entstehen zu lassen. "Alert" gab es immerhin zwölf Jahre auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt.

Dax' Buch Dreißig Gespräche (veröffentlicht 2008) wurde zu einem Interview-Klassiker. Mit Was ich sah, war die freie Welt knüpft er daran an und stellt erneut Interviews mit mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vor. 
Für den Einstieg wird jedoch Dax befragt. Die Publizistin und Autorin Katarina Holländer befragt ihn in einem per E-Mail geführten Interview u. a. nach seiner Motivation für die Gespräche und deren besonderem Wesen.   

Die spezielle Atmosphäre offenbart sich jedoch schon gleich beim ersten Interview, das Dax 2021 mit Horst Scheuer geführt hat. Scheuer ist ein insbesondere in Wien bekannter Gastronom, der dort und in Berlin mehrere Lokale betrieben hat, die zu Publikumsmagneten wurden. Dax' Fragen sind durch Wohlwollen geprägt, ohne dass sich der Autor anbiedern würde. Sie sind wie ein Schubs, den man einem Ball gibt, und bringen den interviewten Scheuer zum Erzählen - auch über die eigentliche Fragestellung hinaus. Schnell fallen die ersten Namen: Michel Würthle, Ingrid und Oswald Wiener sowie ihre Tochter Sarah (genau, die Fernsehköchin). Ihnen wird man in diesem Buch noch gesondert begegnen, und sowohl sie wie auch alle anderen Interviewpartnerinnen und -partner werden sich Dax öffnen und viel von sich preisgeben.

Der Untertitel des Buches 24 Gespräche über die Vorstellungskraft weist darauf hin, was alle, die hier zwischen 2001 und 2021 zu Wort gekommen sind, in ihrem Leben angetrieben hat: die Vorstellung dessen, was sein könnte und was sie erreichen könnten.
Der Kanon Verlag bewirbt das Buch auf seiner Homepage unter anderem mit diesem Satz: "
Max Dax verführt 24 weltberühmte und prägende Künstler: innen unserer Zeit zu den überraschendsten Antworten." Tatsächlich sind es ein paar mehr, denn in einem Fall handelt es sich nicht um ein Interview, sondern in einer Oral History tauschen sich u. a. der Schauspieler Bruno Brunnet, der Künstler Günter Brus, die Gastronomen Stephan Landwehr und Michael Würthle sowie das Ehepaar Wiener und ihre Töchter über das einst in Berlin legendäre Lokal "Exil" aus, in dem etliche Promis wie z. B. David Bowie, Quincy Jones oder Max Frisch ab 1972 ein und aus gingen. Amüsant liest sich der kurze Hinweis auf Christo: Der damals noch unbekannte Verpackungskünstler war gerührt, als ihm Sarah Wiener seinen Nachtisch einpackte.

Dax' Hinweis auf "weltberühmte" Künstler im Untertitel stimmt vermutlich nur, wenn man sich wie er seit Jahrzehnten in der Kunst- und Kulturszene bewegt. Mir waren selbstverständlich Grace Jones, Yoko Ono oder Björk bekannt. Namen wie Joe Zawinul, Mimmo Siclari oder Irmin Schmidt machten mich jedoch ratlos. Zum Glück lassen sich solche Bildungslücken in Sekundenschnelle beheben: Der Österreicher Zawinul war einer der einflussreichsten Jazz-Musiker des letzten Jahrhunderts, der Italiener Siclari hat Lieder der kalabresischen Mafia, der 'Ndrangheta, seit den 1970-er Jahren auf Musik-Kassetten eingesungen, und Irmin Schmidt ist einer der Gründer der 1968 gegründeten Avantgarde-Band CAN, die vor allem in den 1960-er und 1970-er Jahren ihre Erfolge hatte.

Die Interviews mit ihnen zu lesen, ist für sich genommen schon spannend. Doch es ist wirklich hilfreich, parallel zur Lektüre die Musik der Künstler zu hören und in ihre Zeit einzutauchen. Das gilt beispielsweise auch für Tony Bennett, mit dem sich Dax 2015 unterhalten hat. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den 1926 geborenen Sänger und Entertainer in meiner Jugend als Interpreten von, nun ja, Kitsch wahrgenommen habe. Tatsächlich gehört er zu den bekanntesten Jazz-Interpreten der Welt und hat mit Lady Gaga zwei Alben aufgenommen (2014 und 2021). Ein gemeinsamer Auftritt der beiden im Jahr 2021 war gleichzeitig auch Bennetts letzter: Seine 2016 diagnostizierte Alzheimer-Erkrankung lässt es nicht mehr zu, weiterhin musikalisch tätig zu sein.

Lesen?

Was ich sah, war die freie Welt ist so etwas wie eine Entführung. Bekannte Persönlichkeiten öffnen sich Dax gegenüber auf eine andere Weise, als man es von Interviews der (Boulevard-)Presse gewohnt ist. Man reist mit ihnen Jahrzehnte in der Kulturgeschichte zurück und erhält Informationen über Zusammenhänge und Hintergründe, die man woanders noch nicht gelesen hat. An dieser Stelle wiederhole ich meinen Tipp, parallel zum Lesen die jeweils genannte Musik zu hören.

Was ich sah, war die freie Welt ist 2022 im Kanon Verlag Berlin erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro.

Tipp: Noch mehr Interviews von und mit Max Dax gibt es hier.

Sonntag, 28. Mai 2023

# 394 - Stella Goldschlag, die Greiferin der Nazis

Vor etwas mehr als vier Jahren habe ich hier über das Buch Stella von Takis Würger geschrieben. Der Roman wurde damals breit diskutiert, weil er einen wahren Kern - junge Jüdin verrät andere Juden an die Gestapo, um die eigenen Eltern zu retten - enthält, Würger aber eine fiktive Liebesgeschichte zwischen der "Greiferin" und einem lebensfremden Schweizer drumherum gebastelt hatte, was von vielen Leserinnen und Lesern als unangemessen empfunden wurde. 

Bereits 1993 wurde die erste Fassung des autobiografischen Buches Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte vom Steidl Verlag herausgebracht. Der Journalist und Autor Peter Wyden, der 1923 als Kind jüdischer Eltern in Berlin geboren wurde und vor seiner Emigration in die USA Peter Weidenreich hieß, hat sich hierfür viel Zeit genommen und sowohl eigene Erinnerungen an Stella Goldschlag als auch Informationen von Zeitzeugen und aus historischen Quellen verwendet, um ein möglichst genaues Bild der Frau zu zeichnen, die auch dann, als ihre Eltern nicht mehr zu retten waren, nicht damit aufgehört hat, allein oder in Begleitung eines anderen Greifers durch Berlins Straßen zu streifen und Juden an die Gestapo auszuliefern. Dabei hatte sie auch keine Skrupel, Freunde zu verraten.

Wyden lernte Stella kennen, als sie in den 1930-er Jahren gemeinsam die Leonore-Goldschmidt-Schule in Berlin besuchten. Die Nazis hatten sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte von den staatlichen Schulen ausgeschlossen. Deshalb gründete die jüdische Pädagogin Leonore Goldschmidt in Berlin eine Privatschule, um die Schulbildung der jüdischen Kinder und Jugendlichen sicherzustellen. Wyden war zu diesem Zeitpunkt elf, Stella zwölf Jahre alt. Schon damals fiel sie durch ihre außergewöhnliche Erscheinung auf: Sie sah gut aus, war intelligent, hatte etliche Begabungen und konnte Menschen um den Finger wickeln. Ihre Eltern waren nicht vermögend, sodass Stella nur mithilfe eines Stipendiums die Schule besuchen konnte. Doch was sie mehr störte als die Mittellosigkeit ihre Familie war ihr Jüdischsein. Sie hasste diese Tatsache und war froh, dass sie wegen ihrer blonden Haare und blauen Augen meistens für eine Arierin gehalten wurde.

Stella wurde von ihren Eltern wie eine Prinzessin behandelt. Sie war ihr einziges Kind und stand zu Hause immer im Mittelpunkt. Aber deren zögerliches Verhalten angesichts der im Nationalsozialismus immer deutlicher werdenden Gefahr für alle Juden führte dazu, dass ihnen der Weg zu einer Flucht ins Ausland versperrt war. Die Eltern Weidenreich hingegen hatten die Zeichen der Zeit jedoch richtig gedeutet; insbesondere Peter Wydens Mutter hatte früh gedrängt, alles zu versuchen, um rechtzeitig Deutschland zu verlassen. Das gelang 1937, wofür Wyden seiner Mutter sein Leben lang dankbar war und dies auch in seiner Widmung formulierte:
"Für Helen. Wenn sie Hitler nicht richtig eingeschätzt hätte, wäre ich jetzt nicht hier."

Kurz nach Kriegsende wurde Wyden als US-Soldat in Berlin stationiert und erfuhr dort von den drei Prozessen gegen Stella Goldschlag. Das, was er hörte, schien nicht von seinem Bild von Stella zu passen, das er aus der gemeinsamen Schulzeit hatte. Sein Interesse war geweckt und er machte sich auf eine Spurensuche.

Lesen?

Man merkt dem Buch Wydens Bemühungen an, Stellas Verhalten möglichst objektiv zu beurteilen und sie nicht anzuprangern. Es wird sehr deutlich, dass es ihm um die Beantwortung der Frage ging, wie weit jeder gehen würde, um sich oder die Menschen, die einem am Herzen liegen, zu retten. Wyden beschäftigte sich jedoch auch mit den Opfern von Stellas Verrat und befragte Überlebende. Dabei erlebte er allerdings nicht nur Verbitterung und Vorwürfe, sondern auch Verständnis. Manche nahmen Stella sogar in Schutz und berichteten von Situationen, in denen die junge Frau Menschen nicht an die Gestapo ausgeliefert hatte und dafür ein persönliches Risiko eingegangen war.

Peter Wyden arbeitet zwei Aspekte deutlich heraus: Stellas Tun ist ethisch-moralisch nicht eindeutig schwarz oder weiß gewesen, und der Nationalsozialismus war kein abstraktes Gebilde, das über die Menschen gekommen ist, sondern wurde von Menschen, die in diesem System "funktionierten", am Leben erhalten. Jedes noch so kleine Rädchen trug dazu bei, die gesamte "Maschine" am Laufen zu halten. Wer Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte gelesen hat, dem wird klar, dass die dunkle Zeit des Nationalsozialismus' und seiner Folgen nie vergessen werden darf.

Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte ist in der mir vorliegenden Ausführung 2021 neu im Steidl Verlag Göttingen in der Reihe 'Steidl Pocket' herausgegeben worden und kostet 16,80 Euro.
Das Buch enthält ein Vorwort von Christoph Heubner (Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees), 41 Schwarz-Weiß-Fotos, ein umfangreiches Personenverzeichnis sowie ein Register.

Peter Wyden verstarb 1998 in den USA.
Stella Goldschlag beging 1994 Suizid, nachdem sie im Alter viele Jahre in völliger Zurückgezogenheit verbracht hatte. Wyden hatte sie an ihrem Wohnort in Deutschland drei Mal besucht, um ihre Version der Geschichte zu erfahren. Er traf auf eine Frau, die vor allem damit beschäftigt war, sich selbst leid zu tun.





Freitag, 19. Mai 2023

# 393 - Tödliche Irrwege

Charlotte Ford und Danielle Reeves waren mal dicke
Freundinnen, als beide noch in Houston aufs College gingen. Jede machte schon damals ihr eigenes Ding: Charlotte, weil ihre schmerzgeplagte Mutter bis zu ihrem Tod wegen der vielen Medikamente nicht in der Lage war, sich um irgendetwas zu kümmern, schon gar nicht um ihre Tochter; Danielle, die bei ihrer reichen Mutter lebte, diese jedoch so viel arbeitete, dass sie glaubte, Liebe mit Geld ausgleichen zu können. Melissa Ginsburg hat in ihrem ersten Krimi Sunset City komplexe Beziehungsstrukturen zu einer feinen Handlung verwoben.

Als Charlottes Mutter gestorben war, trudelten noch eine ganze Weile deren Medikamente ein. Die beiden Teenager testeten die Medikamente an sich selbst, was sie nicht nahmen, vertickten sie. Das Leben war locker und leicht - wenn man es verstand, sich etwas vorzumachen.

Im Gegensatz zu Charlotte schaffte Danielle den Absprung nicht und rutschte tief in die Sucht hinein. Sie wurde heroinsüchtig und musste für eine längere Zeit ins Gefängnis. Der Kontakt zwischen ihnen riss ab.

Doch dann treffen sich die beiden nach Jahren wieder. Während sich in Charlottes Leben nicht viel getan hat - nach wie vor lebt sie in der Wohnung der Mutter und arbeitet als Barista -, hört sich das, was Danielle zu erzählen hat, spannender an: Die junge Frau verdient ihr Geld mit Pornos und hat einen Freundeskreis, der aus Leuten besteht, die ebenfalls in der Branche arbeiten.

Zwei Tage nach dem Wiedersehen steht Detective Ash vom Houston Police Department vor Charlottes Tür und teilt ihr mit, dass Danielle ermordet wurde. Vielleicht wäre abgeschlachtet das bessere Wort. Doch wer hat die Freundin so sehr gehasst? Wer konnte der immer gut gelaunten und hübschen Frau das antun? Charlotte versinkt so sehr in ihrer Trauer um die Freundin und die Zeit, die sie noch zusammen hätten haben können, dass sie wissen will, wie Danielle gelebt hat. Sie taucht ein in die Welt der Pornodarsteller, Süchtigen und Dealer und ist dabei, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Charlotte gleitet von einem Drogenrausch zum nächsten und rutscht in Sexabenteuer, die sie sich vorher nicht hätte ausmalen können. Aber in ihren lichten Momenten registriert sie, wie das, was ihr Danielles "Freunde" erzählen, zu dem passt, was sie selbst wahrnimmt - oder eben nicht. Sie zieht ihre Schlüsse, doch Detective Ash verfolgt eine andere Spur. Dann droht die Situation zu kippen.

Lesen?

Sunset City wird von zahlreichen Szenen im Sonnenuntergang getragen, der jedoch keine Romantik erzeugt, sondern eher zu einer diffusen Atmosphäre beiträgt. Diese passt genau zu dem Leben, das die Hauptpersonen führen: immer nur eine handbreit vom nächsten Joint oder den nächsten Pillen entfernt, die die eigenen Probleme für eine Weile in den Hintergrund treten lassen. Das Leben ist zerbrechlich, der Tod lauert in Houstons dunklen Ecken. Melissa Ginsburg lässt daran von der ersten Seite an keinen Zweifel. Wer mal etwas anderes lesen will als einen Krimi, in dessen Mittelpunkt die Polizei steht, aber trotzdem nicht auf Spannung verzichten möchte, dem kann dieses Buch empfohlen werden.

Sunset City ist in der deutschen Übersetzung von Kathrin Bielfeldt 2023 im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 17 Euro.

Dienstag, 16. Mai 2023

# 392 - Angekommen: ein neues Leben in Deutschland nach der Flucht aus Iran

Die 1952 in Iran geborene Mahshid Najafi lebt seit
1985 im hessischen Offenbach, einer Stadt mit einem für deutsche Verhältnisse hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. In ihrem Buch Wie Mond und Sonne schreibt sie sehr anschaulich, aus welchen Gründen sie ihre Heimatstadt Isfahan verlassen und vor fast vierzig Jahren ein neues Leben in Deutschland begonnen hat.

Najafi wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und verlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Sie beschreibt sehr plastisch ihre Wohnumgebung und den Umgang der einzelnen Familienmitglieder miteinander sowie die Beziehung mit ihrem ersten festen Freund als junge Studentin in Schiras, die in ihre erste Hochzeit mündete. Sie reiste mit ihrem Mann 1975 in die USA, um dort ihr Studium fortzusetzen. Dort erfuhr sie nur wenig von dem, was sich in ihrer Heimat politisch abspielte. Durch eine Schah-kritische Studentenorganisation gelangte sie an Informationen über die diktatorische Monarchie, über die religiös motivierten Aktivitäten des damals noch im Exil lebenden Ajatollahs Ruhollah Chomeini erfuhr sie in den USA jedoch nichts.

Doch Najafi entschied sich, etwas für ihr Land tun zu wollen und kehrte vier Jahre später nach Iran zurück. Sie engagierte sich in einer linken politischen Gruppe. Um sich vor Verrat und Verfolgung zu schützen, legte sie sich einen Decknamen zu. Ihr Traum war Freiheit und Chancengleichheit für alle. Unter der Schah-Diktatur wurden Frauen benachteiligt, unter Chomeini mussten kritische Bürgerinnen und Bürger damit rechnen, hingerichtet zu werden - so, wie es Najafis Schwager ergangen ist.

Schließlich erkannten Mahshid Najafi und ihr zweiter Ehemann, dass für sie nur die Flucht infrage kommt, wenn sie weiter ohne Repressalien und Angst leben und arbeiten wollten. Nach kurzen Aufenthalten in Istanbul und den USA kam das Ehepaar im Winter 1985/86 in Frankfurt an. Nach einigen Wohnortwechseln ließ es sich in Offenbach nieder.

Lesen?

Mahshid Najafi schreibt sehr offen und authentisch über ihr Leben. Ihr ist bewusst, unter welch privilegierten Bedingungen sie in Iran gelebt hat. In ihrer Anfangszeit in Deutschland hat sie in eher ärmlichen Verhältnissen gewohnt, was sie jedoch in Kauf genommen hat. 

Die Gruppe der Exil-Iraner verfügte über einen guten Zusammenhalt, der ihr und ihrer Familie - Najafi und ihr Mann haben zwei Kinder - in schwierigen Situationen oft weitergeholfen hat. Obwohl das Ehepaar bei seiner Flucht ursprünglich davon ausging, irgendwann in die Heimat zurückzukehren, blieb es in Deutschland.

Mahshid Najafi lernte Deutsch und brachte sich über etliche Ehrenämter vielfach in die deutsche Gesellschaft ein. Sie setzt sich für Integration und den Abbau von Fremdenfeindlichkeit ein und war Betriebsrätin, Ausländerbeauftragte und Stadtverordnete. Für ihr vielfältiges und jahrzehntelanges Engagement wurde sie im Januar 2023 mit dem Integrationspreis der Stadt Offenbach ausgezeichnet.

Wie Mond und Sonne enthält zahlreiche Farb- und Schwarzweiß-Fotos. Leider sind ihnen keine Erläuterungen beigefügt, sodass sich nicht immer erschließt, was genau dokumentiert wird.

Die Autorin schließt ihr Buch mit einem Nachwort, in dem sie etwas klarstellt:
"Meine Autobiografie soll auch ein Dokument gegen das Vergessen sein. Denn kein Exilant verlässt sein Geburtsland aus freiem Willen. Es gibt entweder gesellschaftliche, politische oder ökonomische Probleme, die auch meist zusammenhängen. So gibt es im Iran heute Menschen, die ihre eigenen Organe verkaufen, damit sie ihre Kinder ernähren können."

Wie Mond und Sonne ist 2022 im Verlag Donata Kinzelbach Mainz erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro.


Dienstag, 9. Mai 2023

# 391 - Kindheit auf Teneriffa

Die spanische Autorin Andrea Abreu hat mit So
forsch, so furchtlos
einen Debütoman geschrieben, der nicht nur in ihrer Heimat Begeisterung auslöste, wo sie seitdem zu den besten einheimischen Schriftstellern gezählt wird.

Schauplatz ist die Heimat Abreus, die Kanareninsel Teneriffa. Die Kanaren sind für Touristen ein Versprechen des ewigen Frühlings: Milde Temperaturen locken sie an die langen Strände, wo Hotelanlagen für einen angenehmen Urlaub sorgen. Doch diese Kulisse hat nichts mit dem Leben der Einheimischen zu tun, die die Hotels allenfalls als Service- oder Putzpersonal von innen sehen.

Die Handlung beginnt am ersten Tag der Sommerferien. Von Anfang an ist klar, dass sich die nächsten Monate zäh dahinziehen würden.
Zwei zehnjährige Mädchen stehen im Mittelpunkt des Romans. Beide kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und wohnen dort, wohin es keinen Urlauber verschlägt: in einem Dorf, dessen Häuser sich an den Hängen des Vulkans Teide förmlich stapeln. Isora, die sich als frühreif gibt, nennt ihre Freundin, die hier als Ich-Erzählerin auftritt, nur Sis. Wann immer es ihre Zeit zulässt, kleben sie fast aneinander und wünschen sich das, was für die Touristen selbstverständlich ist: im Bikini im Meer zu schwimmen und im Sand zu liegen. Aber das Meer ist für sie unerreichbar fern und bleibt bis zur letzten Seite ein Wunschtraum.

Die Freundschaft der beiden ist nicht auf Augenhöhe: Sis bewundert Isora für ihre Unerschrockenheit und ihr Draufgängertum. "Und ich wollte so sein wie sie, so forsch, so furchtlos", lässt sie die Leserinnen und Leser schon auf den ersten Seiten wissen. Doch was das einfache Leben der Freundinnen prägt, ist eine Art von Maßlosigkeit, die zu den einfachen Lebensverhältnissen zu passen scheint. Isora und Sis sprechen nicht einfach nur, sie pöbeln und fluchen wie die Bierkutscher. Sie sind nicht dezent, wenn ihnen etwas unangenehm ist, sondern Isora "pulte sich die Unterhose aus der Poritze". Sie essen nicht, sondern fressen. Fäkalsprache ist für sie normal und selbstverständlich.

Aber was Sis an Isora als Zeichen von Stärke zu erkennen glaubt, ist tatsächlich das Gegenteil. "Ich will mir das Leben nehmen, ich will sterben", hört Sis ihre Freundin mehrmals sagen. Aber kurz danach rennen sie gemeinsam durchs Dorf und der Satz ist vergessen. Bis zum nächsten Mal. Und auch Isoras Bulimie fällt niemandem auf: Das Mädchen erbricht sich nach jeder Mahlzeit und findet sich zu dick. Doch in der Welt der Erwachsenen ist jeder mit etwas beschäftigt: Geld verdienen, den Haushalt machen und was eben noch so anfällt. Sis und Isora wachsen auf wie herrenlose junge Welpen. Die besondere Situation, auf die der Roman zuläuft, sieht man allerdings nicht unbedingt kommen.

Lesen? 

So forsch, so furchtlos ist kein typischer Coming-of-Age-Roman, sondern beinhaltet eine große Portion Sozial- und Gesellschaftskritik. Das von Abreu beschriebene Milieu ist ihr gut bekannt, sie ist selbst darin aufgewachsen und kann deshalb besonders authentisch von der melancholischen Atmosphäre des Bergdorfs, dem Aberglauben der alten Frauen und der Gottesfürchtigkeit schreiben. Ob die ununterbrochene Benutzung von Fäkalsprache und Derbheit etwas mit der Lebenswirklichkeit von Zehnjährigen in einem kanarischen Dorf zu tun hat, ist möglich, aber an manchen Stellen schwer vorstellbar. 

Der Roman ist 2020 unter dem Originaltitel Panza de burro erschienen, was wörtlich übersetzt "Eselsbauch" heißt. Damit sind die besonderen Wolkenformationen in höheren Lagen der Kanarischen Inseln gemeint, von denen auch in So forsch, so furchtlos immer wieder die Rede ist und die das Dorf oft wie in eine kühle und feuchte Watteschicht einwickeln. 

So forsch, so furchtlos ist 2022 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Montag, 1. Mai 2023

Anstelle einer Buchbesprechung: So war die Leipziger Buchmesse 2023

In dieser Woche ist mein Lesepensum im Vergleich zu sonst eher gering ausgefallen. Der Grund: Ich war am Wochenende in Leipzig und habe die Buchmesse besucht - seit der coronabedingten Absage 2020 die erste nach dem offiziellen Ende der Pandemie. Wie war's?

Ich bin nicht zum ersten Mal zur "LBM" gefahren, wusste also, was mich in etwa erwartet und worauf ich mich einstellen muss. Aber wie das so ist mit vermeintlichen Sicherheiten, lösen sie sich manchmal gern in Rauch auf. Das war auch hier so.

Wir sind am Messe-Freitag, dem zweiten Messetag, angereist, kamen in unserem Hotel aber so spät an, dass wir darauf verzichtet haben, für zwei Stunden Messebesuch zum Gelände zu fahren. "Ist doch kein Problem", dachten wir. "Wir haben morgen den ganzen Tag Zeit und am Sonntag auch noch ein paar Stunden." Ein Trugschluss.

Als wir uns am Samstag auf der Autobahn dem Messegelände näherten, wies die Navigationsapp auf ein Problem hin. Schon etliche Kilometer vor der Abfahrt zur Messe war die Straße rot markiert: Stau, angeblich zwölf Minuten Zeitverlust. Na ja, damit kann man leben. Auf eine andere Route auszuweichen, konnte man sich ohnehin schenken: Alle anderen Zufahrtsstrecken waren ebenfalls rot auf der Karte eingefärbt. Also Stillstand. Zwanzig Meter fahren. Stillstand. Fahren. Die angekündigten zwölf Minuten schien der Algorithmus ausgewürfelt zu haben, so weit weg waren sie von der Wirklichkeit.

Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Die Autoschlange setzte sich nach der Autobahnausfahrt nahtlos bis zu den Messeparkplätzen fort. Die waren schon rappelvoll. Aber wir wollten zum Presseparkplatz, hatten schon die Parkberechtigung hinter die Windschutzscheibe gelegt und waren verhalten optimistisch. In der Warteschlange vor der Schranke beobachteten wir das Gespräch des Parkplatzwächters mit dem Fahrer des Autos vor uns. Der fuhr kurz darauf dorthin zurück, woher er gekommen war: auf die Straße. Immer noch klingelte es nicht bei uns. "Na, da wollte wohl einer einen 'alternativen' Parkplatz ausprobieren", lästerten wir.

Dann standen wir an der Pole-Position - direkt vor der Schranke. Doch der junge Mann mit der Sicherheitsweste klärte uns auf: "Hier ist nichts zu machen. Die Fahrzeuge stapeln sich schon! Der Park&Ride-Parkplatz ist auch schon voll. Die Besucher-Parkplätze auch." Unsere Idee, in der Nähe einer Straßenbahnhaltestelle zu parken und mit Öffis zum Messegelände zu fahren verpuffte in dem Moment, in dem wir mehrere Bahnen gesehen hatten: Zwischen die einzelnen Fahrgäste passte kein Blatt Papier. 

Wir haben uns dann entschieden, die nächsten Stunden im Panometer zu verbringen. Dort wird gerade das 360°-Panoramabild New York 9/11 des Künstlers Yadegar Asisi gezeigt. Schon 2018 musste dieser Ort als Alternative zur Buchmesse "herhalten", weil ein Schneechaos über Leipzig hereingebrochen war.

Start mit Verzögerung

Unser Messebesuch begann am Samstag um 16 Uhr, zwei Stunden vor der Schließung. Da ich einigen unabhängigen Verlagen meinen Besuch angekündigt hatte, wollte ich auf Nummer sicher gehen und war dort zuerst.

Vom Verlag Donata Kinzelbach habe ich hier schon mehrmals berichtet. Seit nun schon 38 Jahren gibt die Verlegerin Literatur aus dem Maghreb, also den nordafrikanischen Staaten Tunesien, Algerien, Marokko sowie der West-Sahara, heraus. Im Laufe der Jahre hat sich die Bandbreite etwas erweitert: Der Verlag bietet nun auch einige Titel von Autorinnen und Autoren anderer Nationalitäten an, der Maghreb bleibt jedoch der Schwerpunkt. 
Für ihre Verdienste hinsichtlich der Vermittlung zwischen Kulturen und Kulturkreisen erhielt Donata Kinzelbach vor 15 Jahren sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande. 
In Kürze werde ich in der Bücherkiste den autobiografischen Titel Wie Mond und Sonne der iranischen Autorin Mahshid Najafi vorstellen, die 1985 gemeinsam mit ihrem Mann aus ihrer Heimat nach Deutschland geflüchtet ist und im Januar 2023 für ihre ehrenamtlichen Bemühungen um Integration und Demokratie mit dem Integrationspreis der Stadt Offenbach ausgezeichnet wurde.

Auch diesmal habe ich beim Polar Verlag vorbeigeschaut, dessen Krimis ich seit einigen Jahren mit Begeisterung lese. Ihr werdet hier bald noch mehr über ihn finden, und damit sind nicht (nur) weitere Rezensionen gemeint. Demnächst werde ich den in diesem Jahr auf Deutsch erschienenen Krimi Sunset City von Melissa Ginsburg vorstellen.

Margarita Stein, die Leiterin der Anthea Verlagsgruppe, habe ich während der Frankfurter Buchmesse 2022 kennengelernt. Sie gibt Bücher von bemerkenswerten Autorinnen und Autoren heraus, darunter das des Gewinners des Europäischen Literaturpreises 2021. Sie hat mir den Roman Der Fassadenkletterer von Angela Schmidt-Bernhardt ans Herz gelegt. Ein Anruf aus Polen reißt eine Frau aus ihrem bisherigen Leben: Der beste Freund ihres Vaters hinterließ einen Stapel Briefe, in denen sich interessante Informationen über ihren eigenen Vater befanden. Was hat ihr Vater ihr verschwiegen?

In der Bücherkiste wurden bereits sieben Titel aus dem erst vor drei Jahren gegründeten Kanon Verlag vorgestellt - ein deutliches Indiz dafür, wie gut mir gefällt, was dort veröffentlicht wird. Das nächste Kanon-Buch wird "Was ich sah, war die freie Welt" des Publizisten Max Dax sein. In seinen 24 Gesprächen über die Vorstellungskraft interviewt er zum Beispiel Yoko Ono, Grace Jones oder Isabella Rossellini. Ich bin sehr gespannt.

Am Samstag hatten wir noch etwa zwei Stunden Zeit, bevor wir die Heimreise angetreten haben. Das genügte für einen Überblick über das Angebot des diesjährigen Gastlandes Österreich. Ein Buch hatte es mir besonders angetan: Die 1929 in Wien geborene jüdische politische Journalistin Hella Pick schreibt in ihrem autobiografischen Buch Unsichtbare Mauern (erschienen im Czernin Verlag, Wien) über ihre Flucht nach England 1939 und ihren Werdegang zu einer der renommiertesten Journalistinnen. Sie war für die BBC tätig und reiste für die Zeitung The Guardian um die Welt. Pick wurde für ihr Lebenswerk mit britischen, österreichischen und deutschen Preisen ausgezeichnet. Ich freue mich darauf, das Buch zu lesen.

Am Stand des Steidl Verlags, dessen Name österreichisch klingt, der aber in Göttingen zu Hause ist, haben wir zuerst die tollen Foto-Bände bewundert. Doch dann bin ich über das Buch Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte gestolpert. Stella? Nachdem ich mich bei einer Standmitarbeiterin erkundigt hatte, wurde meine Vermutung bestätigt: Es handelt sich tatsächlich um dieselbe Person, über die der Autor Takis Würger seinen 2019 veröffentlichten Roman Stella geschrieben hat. Es war damals sicher eines der am kontroversesten diskutierten Bücher des Jahres, das ich auch hier in der Bücherkiste besprochen habe. Der Autor und Journalist Peter Wyden war ein Mitschüler Stella Goldschlags und ist der Geschichte um ihren massenhaften Verrat von Jüdinnen und Juden an die Nationalsozialisten nachgegangen. Sein Buch basiert auf Fakten, was es von Würgers Roman unterscheidet.

Fazit

Die Leipziger Buchmesse hat wieder viele spannende Titel bereitgehalten, und ich habe mich sehr über die guten Gespräche an den Ständen gefreut. 
Der Wermutstropfen war die katastrophale Verkehrs- und Parkplatzsituation am Messe-Samstag. Möglicherweise war die Messeleitung von diesem Ansturm selbst überrascht, man weiß es nicht. Das sollte sich jedoch nicht wiederholen, denn die Messebesucher sollen das Gelände am Ende eines Tages mit einem guten Gefühl verlassen. Schließlich sind sie das, was die Branche dringend braucht: Buchkäuferinnen und -käufer.