Freitag, 18. Juni 2021

# 295 - Wie werden wir in Zukunft leben und sterben?

Seitdem Menschen eine Vorstellung davon haben, dass es außer dem Hier und Jetzt auch noch eine Zukunft gibt, machen sie sich darüber Gedanken. Unsere Welt hält schon jetzt viele Möglichkeiten bereit, sich das Leben durch immer mehr Technik einfacher und komfortabler zu machen und Probleme aus dem Weg zu räumen. Doch wie weit dürfen Menschen gehen? 

Die britische Journalistin und Dokumentarfilmerin Jenny Kleeman hat sich in ihrem 2020 erschienen Buch Sex Robots & Vegan Meat: Adventures at the Frontier of Birth, Food, Sex and Death dieser Frage angenommen und einen Streifzug durch die kleinen und großen Labore dieser Welt unternommen. 2021 ist ihr Buch unter dem Titel Roboterland - Wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden auf Deutsch erschienen.

Kleeman hat ihr Buch in vier Abschnitte aufgeteilt. Im ersten Teil geht es um die Entwicklung von Sexrobotern, die das, was man heute im Allgemeinen unter Sex Dolls versteht, weit übertreffen. Wenn die Entwickler dieser KI-gestützten Puppen recht behalten, werden Sexroboter nicht nur wie echte Menschen aussehen und sich wie sie anfühlen, sondern auch in der Lage sein, ihre Eigentümer auf ihre Art kennenzulernen. Damit sind nicht nur deren sexuelle Vorlieben gemeint, sondern auch ihr Lebensumfeld. Eine Sexpuppe der Zukunft soll mit "ihrem" Menschen Gespräche führen können, die sich nicht auf banale und vorprogrammierte Antworten begrenzen. Sie soll für die Kommunikation auf Informationen zurückgreifen können, die sie bereits über ihren Eigentümer gesammelt hat. Man kann hier ruhig von "den Eigentümern" sprechen, ohne jemanden zu benachteiligen: Sexpuppen werden fast ausschließlich von Männern gekauft. Wundert man sich darüber, dass sich viele der heutigen Kunden Sexpuppen wünschen, die widerspruchslos die Hausarbeit erledigen und ihnen jederzeit zur Verfügung stehen?

Im zweiten Teil beschäftigt sich Kleeman mit der Zukunft des Essens, speziell mit dem Verzehr von Fleisch und Fisch. Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass tierische Nahrung für die Klimaentwicklung, den Bestand unserer Ressourcen und unsere Gesundheit alles andere als ein Hauptgewinn ist. In den Supermarktregalen finden sich heute immer mehr Produkte, die auf der Basis von pflanzlichen Bestandteilen wie z. B. Soja oder Erbsen tierische Lebensmittel imitieren. Ein in Niedersachsen ansässiger Wursthersteller, der 2019 zu den Top 10 seiner Branche gehörte, vermarktet seine vegetarischen und veganen Produkte so erfolgreich, dass er seit dem Sommer 2020 mit diesen mehr Umsatz macht als mit seinen klassischen Wurstprodukten.
Aber dass da noch eine Menge mehr geht, zeigt Kleeman anhand ihrer Beobachtungen, die sie bei ihren Besuchen in mehreren Laboren gemacht hat. Dort wird auf der Basis von tierischen Zellen Fleisch oder Fisch gezüchtet - für alle, die sich mit den Ersatzprodukten nicht zufrieden geben wollen. Die Idee des körperlosen Fleisches ist nicht neu, wird aber heute immer stärker perfektioniert. Die, die das tun, nennen ihr Produkt "Clean Meat", weil es nicht mit dem Geruch oder der Existenz von Fäkalien in Verbindung gebracht wird und dem Konsumenten kein Blut entgegentropft. Nicht zuletzt wird das Gewissen entlastet, da für dieses Kunstfleisch fast kein Tier leiden und geopfert werden musste.
Aber ist solch ein Aufwand wirklich nötig? Ist es nicht viel einfacher, auf diese aufwendige Kunstfleisch und -fisch-Entwicklung zu verzichten und gleich auf pflanzliche Ernährung umzusteigen? Ja, das wäre es. Aber in einem Interview, das Kleeman mit Bruce Friedrich, dem Geschäftsführer eines Think Tanks für die Marktbereiche Clean Meat und Fleisch auf Pflanzenbasis, führt, wird eine menschliche Schwäche deutlich, die leider nicht von der Hand zu weisen ist: die Fähigkeit des Verdrängens. Er erklärt, dass bereits seit Jahrzehnten immer wieder über die Schädlichkeit der industriellen Landwirtschaft aufgeklärt wird, aber 98 bis 99 Prozent der Menschen ihre Ernährung trotz der negativen Folgen für die Umwelt, Gesundheit und den Tierschutz nicht verändern. Friedrichs Empfehlung lautet darum: "Geben wir den Menschen, was sie wollen, doch kürzen wir die schädlichen Effekte heraus." Doch man ahnt es schon: Auch Clean Meat kommt nicht ganz ohne Tierleid aus.

Im dritten Kapitel geht es um die menschliche Fortpflanzung, genauer: um die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter, in der ein Fötus außerhalb des Körpers der Mutter heranwächst. Wie das so ist mit neuen Technologien, hat auch dieses als Ektogenese bezeichnete Verfahren neben den guten auch seine Schattenseiten. Frühchen, die unter den heute üblichen Bedingungen keine oder nur eine geringe Überlebenschance haben und bei denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie unter lebenslangen Beeinträchtigungen zu leiden haben, könnten sich in einer künstlichen Gebärmutter unter optimierten Bedingungen körperlich besser entwickeln. Doch schon gibt es erste Forderungen, Föten auch dann ihren Müttern zu entnehmen und sie sich per Ektogenese entwickeln zu lassen, wenn die Frauen als nicht ausreichend gesund angesehen werden oder man ihren Lebenswandel als nicht angemessen für eine Schwangere beurteilt. Auch, was es für Frauen bedeutet, auf diese Weise ein Kind zu bekommen, ohne eine Schwangerschaft zu durchleben, beleuchtet Kleeman sowohl aus feministischer Sicht als auch aus der Perspektive der Arbeitgeber - denen es in erster Linie um den Erhalt der Arbeitskraft der Frau geht. 

Im letzten Kapitel schildert Kleeman den womöglich künftigen Weg, den Menschen gehen könnten, wenn sie ihr Leben beenden wollen. Am Beispiel der 1997 in Australien gegründeten Organisation Exit International verdeutlicht sie deren grundsätzlich andere Sichtweise auf das Sterben und die Beweggründe, die dazu führen können, dass Menschen das eigene Leben beenden wollen. Deren Gründer Philip Haig Nitschke genügt der Wille eines Menschen zum Sterben; auf die Gründe, die zu dem Todeswunsch geführt haben, kommt es ihm nicht an. Das unterscheidet diese Organisation wesentlich von dem hier bekannteren schweizerischen Sterbehilfeverein Dignitas, der nach eigenen Angaben nur hilft, wenn ein Mensch unter einer sicher tödlich verlaufenden Erkrankung, nicht beherrschbaren Schmerzen oder einer unzumutbaren Behinderung leidet. So vage diese Voraussetzungen auch formuliert sind, so bilden sie wenigstens eine Art Entscheidungsgerüst.
Exit International wird von Nitschke dominiert, der sich im Laufe der Jahre immer neue Selbsttötungsmethoden überlegt hat. Wenn sie einen Showeffekt bieten, umso besser. Nitschkes Motive sind unklar: Vordergründig will er helfen, im Interview verwendet er jedoch das Vokabular eines Unternehmenschefs: Da ist dann von einem "erheblichen Wachstum" oder von Europa als einem "interessanten Großraum" die Rede. 

Lesen?

Der Originaltitel von Jenny Kleemans Buch trifft seinen Inhalt besser als der deutsche: Die Autorin hat Situationen erlebt, die abenteuerlich anmuten. Sie hat nicht nur die Protagonisten der "schönen neuen Welt" und deren Kunden befragt, sondern sich auch die Produkte näher angesehen - bis hin zur Verkostung von künstlich hergestelltem Fleisch.

Kleeman hat den Stil einer Reportage gewählt. Das hat den Vorteil, dass die Leser hautnah dabei sind, wenn eine Sexdoll-Werkstatt oder ein Forschungslabor besichtigt wird, in dem eine künstliche Gebärmutter mit einem Schafsfötus darin gezeigt wird. Hin und wieder streut sie Personenbeschreibungen ein, die ich überflüssig finde, die aber auch nicht vom Kernthema ablenken.

Im Epilog betont Jenny Kleeman, dass es noch keine der vorgestellten Innovationen zur kommerziellen Marktreife gebracht hat, man aber in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren damit rechnen muss. Es wird deutlich, dass alle diese Entwicklungen die Gesellschaft verändern werden - die meisten von ihnen wahrscheinlich zum Nachteil von Frauen.
Leseempfehlung!

Roboterland - Wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro.


Freitag, 11. Juni 2021

# 294 - Der große Sommer - eine Geschichte vom Erwachsenwerden in den 1980-ern

Ewald Arenz hat mit Der große Sommer einen
Coming-of-Age-Roman geschrieben, der in einem Jahr spielt, in der der 1965 geborene Arenz genauso alt war wie seine Hauptfigur Friedrich "Frieder" Büchner: 1981. 

1981 war das Jahr, in dem die SALT II-Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion scheiterten und das Wettrüsten neu Fahrt aufnahm. Eine Zeit der Unsicherheit und der Sorge, wann und wie diese Entwicklung ein Ende nehmen würde.

Was da in der Welt vorgeht, spielt für Frieder jedoch keine große Rolle. Er durchlebt seine eigene, ganz private Unsicherheit: Der Gymnasiast ist in der 9. Klasse gescheitert und kann seinen Verbleib in der Schule nur sichern, indem er die Nachprüfungen besteht. Seine Eltern eröffnen ihm, dass er nicht wie in den letzten Jahren mit ihnen und seinen Geschwistern ans Meer fahren, sondern die ganzen Sommerferien zum Lernen bei den Großeltern verbringen wird. Der Großvater ist ein angesehener Professor für Bakteriologie und streng mit sich und seinen Mitmenschen. Im Gegensatz zum Alltag in der eigenen achtköpfigen Familie erwarten Frieder dort Ruhe, ein geregelter Tagesablauf und Aufsicht. Frieder fügt sich und hakt die nächsten sechs Wochen im Geiste als gelaufen ab.

Doch die Zeit entwickelt sich völlig anders als gedacht. Frieder lernt im Freibad die gleichaltrige Beate kennen, die seine erste große Liebe wird. Die beiden verbringen die Nachmittage und Abende mit Frieders Schwester Alma und seinem besten Freund Johann. Im Gegensatz zu allem anderen, was für Frieder bislang passte und es jetzt nicht mehr tut - die Schule, die Schallplatten im Kinderzimmer, die Eltern - passt diese Gemeinschaft hundertprozentig.

Johann ist der, der den Takt vorgibt und vorschlägt, was man unternehmen könnte. Er ist auch der, der am coolsten wirkt und so, als könnte ihn nichts erschüttern. Doch mitten in den Ferien gibt es ein Ereignis, das seine Seele völlig aus der Bahn wirft. Sein für die Clique verändertes Verhalten ist irritierend und führt dazu, dass die Freundschaften plötzlich auseinanderbrechen und kein Stein auf dem anderen bleibt. 

Doch nicht nur in dieser Situation erweist sich der anfangs so skeptisch betrachtete Großvater als verlässlicher und pragmatischer Helfer, der um sein Handeln nicht viel Aufhebens macht. Frieder beginnt, seinen Blick auf ihn zu verändern.

Durch einen Zufall stößt er im Haus seiner Großeltern auf ein Tagebuch seiner Großmutter aus dem Jahr 1948. Er liest darin und erfährt Dinge aus der Familiengeschichte, die ihm bislang unbekannt waren. Manches, was er bislang nicht verstanden hatte, kann er nun nachvollziehen und in einem neuen Licht sehen. Auch das ist eine Zäsur mit Folgen.

Lesen?

Ich bin nur ein Jahr jünger als Ewald Arenz. Deshalb weckt vieles von dem, was er schreibt, Erinnerungen an meine eigene Jugend und das Lebensgefühl, das ich mit dieser Zeit verbinde. Hier spüre ich, dass jemand weiß wovon er schreibt und nicht Sekundärquellen heranziehen muss, bevor er den ersten Satz formuliert.

Arenz belässt es nicht dabei, seine Hauptfigur diesen einen Sommer erleben zu lassen. Er zeigt auch den erwachsenen Frieder, der regelmäßig auf den Friedhof seiner Heimatstadt geht, um ein bestimmtes Grab aufzusuchen. Dabei wird deutlich, dass Frieder nicht völlig mit sich im Reinen ist: Heute ist so ein Tag. Ein Tag, an dem ich mich frage, ob aus dem Jungen von damals dieser Mann werden musste, der zu früh aufwacht und überlegt, ob er sein Leben noch richtig lebt. (Seite 39)

Der Tod ist ein Motiv, das sich durch den Roman zieht. Frieder wird sehr nachdenklich, als er eigentlich nur seine Schwester, die in einem Altenheim arbeitet, dort besuchen will. Unvorbereitet findet er sich in einem Zimmer wieder, in dem sich eine alte Frau in der letzten Phase des Sterbens befindet und eine Schwester ihm und Alma genau erklärt, welche Anzeichen auf den nahen Tod hindeuten. Ihm wird zum ersten Mal klar, was der Tod bedeutet und dass sich die Erde danach weiterdreht.

Der letzte Sommer hat viele lebensfrohe und komische Facetten, wird aber immer wieder von Nachdenklichkeit und einem Hauch Melancholie durchweht. Leseempfehlung!

Der letzte Sommer ist 2021 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 4. Juni 2021

# 293 - Die Schnüfflerin

Anne von Vaszary hat mit Die Schnüfflerin ihren ersten Krimi veröffentlicht. Im Mittelpunkt steht die 23-jährige Berlinerin Ninella-Pritilata Buck, die von allen nur Nina genannt wird. 

Nina ist bislang irgendwie durch ihr Leben geschlingert. Sie hat die Schule abgebrochen und sich mit kleinen Jobs über Wasser gehalten. Von ihrer Mutter wurde sie schon früh an die Oma weitergereicht, die immer versucht hat, den Spagat zwischen ihrem Beruf als selbstständige Hebamme und der Erziehung ihrer Enkelin zu schaffen. Die Oma, die immer die einzige Konstante für Nina war, ist seit fünf Jahren tot. Ihr Vater ist in Ninas Leben der große Unbekannte, über dessen Identität sich die Mutter ausschweigt. Die junge Frau fühlt sich allein und haltlos.

Aber schlimmer geht bekanntlich immer. Nina hat einen One-Night-Stand mit dem großmäuligen Aufreißer Ricky und wird prompt von ihm schwanger. Sie hat nichts dagegen, eine Familie zu gründen, aber doch bitte nicht mit diesem Spinner!

Als sie sich mit ihm in einem Restaurant verabredet, um ihm die frohe Botschaft mitzuteilen, hält ein merkwürdiger Geruch Nina davon ab, ihr Essen zu probieren. Durch die Schwangerschaft ist ihr Geruchssinn extrem sensibel geworden. Doch alle Gäste um sie herum - auch Ricky - fangen schon nach dem ersten Bissen an, nach Luft zu ringen und um ihr Leben zu kämpfen. Wie sich später herausstellt, wurde den Gerichten Zyankali beigemischt.

Da Nina als einzige ihr Essen nicht angerührt hat, wird sie für die Polizei automatisch zur Hauptverdächtigen. Doch Kommissar Koller, der für seine unkonventionellen Ermittlungsmethoden berüchtigt ist, spannt Nina für seine Zwecke ein. Er verfolgt gemeinsam mit ihr zahlreiche Spuren und nutzt ihren ausgeprägten Geruchssinn aus - wohl wissend, dass sie nur mitmacht, um ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.

Nina beeindruckt Koller immer wieder mit ihren logischen Schlussfolgerungen. Aber sein Misstrauen bleibt: Hat sie wirklich nichts mit dem Fall zu tun? Oder war sie tatsächlich nur zur falschen Zeit am falschen Ort?

Nina hat nicht nur gegen Kollers immer wieder aufflammende Zweifel an ihrer Unschuld zu kämpfen, sondern spürt, dass sie ihr Leben endlich in Ordnung bringen muss. Durch unerwartete Ereignisse erfährt sie, auf wen sie sich wirklich verlassen kann.

Lesen?

Nina ist in diesem Cosy-Krimi eine sympathische Protagonistin, die sich trotz aller Rückschläge nicht entmutigen lässt. Sie macht Die Schnüfflerin wegen ihrer Fähigkeiten zu einem ungewöhnlichen Buch und trägt dazu bei, dass das Interesse am Fortgang des Falls bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Leseempfehlung!

Die Schnüfflerin ist 2020 im Knaur Verlag erschienen und kostet sowohl als Taschenbuch als auch als E-Book 9,99 Euro.



Freitag, 28. Mai 2021

# 292 - Eine Sammlung zauberhafter und bedeutungsvoller Wörter aus aller Welt

Der New Yorker Psychologe David Tripolina hat nicht nur ein Faible für sein Fachgebiet, sondern beschäftigt sich auch mit Sprache. Genauer: mit ungewöhnlichen Begriffen. "Panda" heißt auf Isländisch Bambusbjörn zeigt die nach Ansicht Tripolinas "schönsten Wörter der Welt".

Keine Frage: Die Auswahl kann nur subjektiv sein, das gibt der Autor auch zu. Doch er hat sich tatsächlich auf allen Kontinenten umgesehen und sein Buch nicht nur alphabetisch gegliedert, sondern auch einzelne Themenschwerpunkte gesetzt. 

Einer meiner Favoriten ist der Abschnitt "Höhepunkte aus dem deutschen Schimpfwörterbuch von 1838". Beim 'Bettbrunzer' steht mir sofort eine Person vor Augen, die jede Nacht viel Schuld am Klimawandel auf sich lädt. Bei der 'Arschkröte' muss es sich um eine Mutation handeln und beim 'Ofenpudel' um einen bemitleidenswerten Hund, der schleunigst gerettet werden sollte.

Beim Lesen wird deutlich, wie sehr Begriffe, die im ersten Moment lustig sind, etwas über die Mentalität der Menschen in einem Land aussagen.
'Bakku-Shan' gehört dazu: Dieser japanische Begriff steht für "ein hübsches Mädchen, solange man es nur von hinten sieht". Interessant daran: Es handelt sich um ein Kunstwort, das sich aus dem englischen "back" ("hinten") und dem deutschen "schön" ableitet. In Deutschland würde man sich keine Freunde machen, wenn man eine Frau offen so abwertend beschreiben würde. In Japan ist die Gesellschaft von einer Gleichberechtigung der Geschlechter allerdings weit entfernt: Der im März 2021 veröffentlichte Global Gender Gap Report des World Economic Forum sieht Japan auf dem 120. Rang bei 156 bewerteten Ländern. Damit ist das Land das Schlusslicht unter den G7-Staaten.

Auch der aus Korea stammende Begriff 'Eomchina' lässt tief blicken. Mit ihm ist eine Person gemeint, die eine Mutter ihrem Kind als gutes Beispiel für Leistung und Erfolg anführt. Das soll der Motivation dienen, führt aber, wenn man sich hier ein bisschen in das Thema einliest, eher zu Frustration - zumal auch in Korea der schulische und berufliche Erfolg stark von der sozialen Herkunft beeinflusst werden.

'Kalsarikannit' beschreibt einen (angeblichen) Trend in Finnland, sich allein und nur mit der Unterhose bekleidet zu betrinken. Dieses Wort hat einen bitteren Beigeschmack: Seitdem das Land seine Alkoholgesetzgebung 2018 gelockert hat, steigt die Zahl der durch Alkohol verursachten Todesfälle an. Bevor die Alkoholsteuer in Estland in mehreren Schritten angehoben wurde, florierte auf den Fähren zwischen Helsinki und Tallinn der finnische Alkoholtourismus. Jetzt hat sich das Geschehen nach Lettland verlagert.

Von reichlich Geduld und Gelassenheit zeugt der schwedische Begriff 'Tidsoptimist'. Unter einem Zeitoptimisten wird eine Person verstanden, die sich zwar um Pünktlichkeit bemüht, aber trotzdem ständig zu spät kommt, weil sie glaubt, dass sie mehr Zeit zur Verfügung hat als es tatsächlich der Fall ist. Tja, ich erkenne mich wieder ... Auf nach Schweden.

Im Land des Polarlichts wurde 2014 ein Begriff zum schönsten Wort des Jahres gewählt: Mit 'Ljósmóðir' ist in Island eine Hebamme gemeint. Wörtlich heißt der Begriff aber 'Lichtmutter'. Strahlt dieses Wort nicht jede Menge Wärme und Wertschätzung aus?

Lesen?

"Panda" heißt auf Isländisch Bambusbjörn ist ein sehr unterhaltsames Buch, das seine Leser oft zum Schmunzeln und Staunen bringt. Ich hätte allerdings gern mehr über die Herkunft und Entstehung der einzelnen Wörter gewusst, was hier leider zu kurz kam.

Wer das Buch kauft, sollte wissen, dass es an einigen Stellen Überschneidungen mit Tripolinas Buch Einzigartige Wörter gibt, das 2017 im Riva Verlag erschienen ist.

"Panda" heißt auf Isländisch Bambusbjörn ist 2021 bei Yes Publishing erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 9,99 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.


Nachtrag: Wer sich für das oben zitierte Deutsche Schimpfwörterbuch von 1839 interessiert, kann es sich hier ansehen.


Freitag, 21. Mai 2021

# 291 - Ein Lesebuch über Vögel, das Überraschendes übers Singen, Fliegen und Balzen bereithält

Alle Vögel sind schon da? Nicht ganz, aber immerhin 24
sieht sich Cord Riechelmann in seinem Buch Vögel näher an. Vom Albatros über die Amsel, den Fettschwalm, den Knutt, den Leierschwanz bis zum Zaunkönig: Die Vögel sind rund um den Globus verteilt und verfügen über beeindruckende und teils skurril wirkende Gewohnheiten.

Vögel ist kein Lehrbuch, das die Systematik dieser Tiere behandelt. Begriffe wie 'Ornithologie' oder 'Landwirbeltiere' kommen nicht vor. Es geht Riechelmann eher um die Faszination, die die Tiere durch ihren Gesang und/oder ihre beeindruckenden Flugleistungen auf den Menschen ausüben.

Da geht es zum Beispiel um die Anpassungsfähigkeit von Vogelarten an eine sich verändernde Umwelt, aber auch um das genaue Gegenteil: Albatrosse sind wegen des Plastikmülls in den Meeren, durch die für sie gefährliche Hochseefischerei und den Klimawandel in ihrem Bestand bedroht. Der Umstand, dass sie sich auch unter günstigen Bedingungen nur sehr langsam vermehren, hat dazu geführt, dass sich die Populationen von drei der zwölf Albatrosarten während der letzten vierzig Jahre um zwischen vierzig und sechzig Prozent verringert haben.

Riechelmann greift auch Ungewöhnliches aus der Vogelwelt auf. So beschreibt er gar nicht so seltene homosexuelle Flamingos, die sich um verlassene oder unterversorgte Küken kümmern, oder die ungewöhnliche Methode der männlichen Laubenvögel, die Weibchen von sich zu überzeugen: Die Hähne bauen für die Balz spezielle Lauben, die sie reich und oft farblich abgestimmt dekorieren. Am einen Ende der Laube führen sie ihren Balztanz auf, während die Auserwählte ihnen vom anderen Ende aus dabei zusieht. Wenn die Zeremonie vorbei ist, entscheidet sich das Weibchen aufgrund der Kombination aus der Laube, deren Dekoration und dem Tanz des Männchens für oder gegen ihren Bewerber.

Die Beschreibungen der einzelnen Vogelarten werden durch Texte angereichert, in denen es zum Beispiel um die Frage geht, ob eine ganzjährige Fütterung von Vögeln sinnvoll ist oder ob sich zur Vogelbestimmung Fotos oder Zeichnungen besser eignen.

Das Buch ist mit zahlreichen Zeichnungen verschiedener Vogelarten illustriert, viele stammen aus der Feder des amerikanischen Ornithologen John James Audobon. Audobon erschuf zwischen 1827 und 1838 435 lebensgroße Aquarelle von in Nordamerika lebenden Vögeln, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit und Detailgenauigkeit berühmt wurden. Die Aquarelle kann man sich hier und hier ansehen.

Auch der oben abgebildete Flamingo stammt aus dieser Sammlung. Seine Haltung ist jedoch unnatürlich: Weil die Größe des Tieres mit gerecktem Hals die üblichen Dimensionen der Drucktafeln übertraf, wurde er von Audobon in dieser Position gemalt, um den Druck zu ermöglichen.

Lesen?

Vögel bietet jede Menge Überraschungen und ist für alle, die sich für Vögel interessieren, zu empfehlen. Es ist ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann. 

Der Titel ist 2021 im Dudenverlag erschienen und kostet 16 Euro.


Samstag, 15. Mai 2021

# 290 - Recht und Gerechtigkeit sind manchmal schwer vereinbar

Der Göttinger Anwalt Markus Thiele hat mit seinem Roman Die Wahrheit der Dinge versucht, dem Konflikt auf die Spur zu kommen, dem sich die Rechtsprechung immer wieder ausgesetzt sieht: Sind Urteile, die sich streng an die gesetzlichen Vorgaben halten, immer gerecht?

Thiele lässt seine Hauptfigur Frank Petersen, einen ambitionierten Richter am Hamburger Landgericht, dieser Frage nachgehen. Petersen war von der Richtigkeit seiner Urteile immer überzeugt. Erst in letzter Zeit musste er erleben, dass einige von ihnen vom Bundesgerichtshof zurückverwiesen wurden. Für ihn ist jedes einzelne gekippte Urteil eine persönliche Niederlage.

Das sture Festhalten an den Paragraphen sorgt auch in Petersens Ehe immer wieder für Auseinandersetzungen. Seine Frau Britta hält ihn für einen rechthaberischen Klugscheißer mit lebensfremden Ansichten. Sie hat die Konsequenzen gezogen und sich mit dem gemeinsamen Sohn vorläufig ausquartiert, nachdem sich Petersens letztes Urteil gegen den Vater der Freundin seines Sohnes richtete. Hätte er die Übernahme des Prozesses nicht wegen Befangenheit ablehnen können?

Petersen beginnt, sich und seine Einstellung zum Recht zu hinterfragen und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Im Oktober 2010 hat am Hamburger Strafgericht die Nebenklägerin Corinna Maier den Angeklagten kurz vor der Urteilsverkündung erschossen. Der Richter damals: Frank Petersen.

Corinna Maier hat ihre Gefängnisstrafe abgesessen und Petersen beschließt, sie von dort abzuholen und sich der Vergangenheit zu stellen.

Lesen?

Markus Thiele greift für die Handlung zwei Fälle auf, die die Menschen in Deutschland stark beschäftigt haben und viele heftige Diskussionen nach sich zogen: Die Tötung des Mörders von Anna Bachmeier durch ihre Mutter Marianne Bachmeier während der Verhandlung im Lübecker Landgericht (1981) und die Ermordung des angolanischen Vertragsarbeiters Amadeu António Kiowa in Eberswalde durch Nazis (1990). Thiele hat diese Fälle mit der Person Corinna Maiers verwoben und verdeutlicht, dass die Diskussion darum, was unseren Rechtsstaat ausmacht, noch lange nicht zu Ende ist. Die Schwierigkeit, Recht zu sprechen und dabei gerecht zu sein, wird Berufsrichter immer begleiten. Leseempfehlung!

Die Wahrheit der Dinge ist 2021 im Benevento Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Anmerkung: Ich will nicht verschweigen, dass es beim Lesen des Romans einen Moment gab, an dem ich ihn fast aus der Hand gelegt hätte. Der Grund: Ich habe ein Problem damit, wenn Szenen unglaubwürdig oder sachlich falsch dargestellt werden. 

Hier zeigte sich die Unglaubwürdigkeit ausgerechnet in der Hauptfigur des ambitionierten Richters Petersen: Im Gespräch mit der Gerichtspräsidentin schildert er seine momentane Verunsicherung und bietet an, das Gericht zu verlassen. "Wie müsste ich das anstellen? Ich bin Beamter. Kann ich einfach kündigen? Wie geht so etwas vor sich?", fragt er seine Vorgesetze auf Seite 29. Es ist nicht vorstellbar, dass ein Richter (Petersen) und ein Rechtsanwalt (Thiele) nicht wissen, dass ein Richter - trotz vieler Überschneidungen - kein Beamter ist. Ein Richter ist im Gegensatz zu einem Beamten gem. Art. 97 Grundgesetz unabhängig und keinen Weisungen unterworfen. Was passiert, wenn das nicht der Fall ist, kann man in verschiedenen Staaten wie z. B der Türkei beobachten.

Kündigen können weder Beamte noch Richter. Sie können ihren Dienstherrn um Entlassung bitten, der diesem Wunsch dann entspricht oder eben nicht.

Der Gerichtspräsidentin ist sonnenklar, dass Richter Petersen eine Auszeit benötigt, die möglicherweise mit dem üblichen Jahresurlaub nicht abgedeckt ist. Großzügig kramt sie im Gespräch mit ihm ein Formblatt hervor, mit dem dieser Sonderurlaub beantragen kann. "Stellen Sie einen Antrag! Genügen sechs Monate? Oder lieber ein Jahr?" (S. 80) Wer jetzt vor Neid erblasst, weil einer privilegierten Berufsgruppe scheinbar alles in den Allerwertesten geblasen wird, der kann sich sofort beruhigen: Unter den Sonderurlaubsverordnungen in Deutschland gibt es keine einzige, die es ermöglicht, dass das Personal beim Bund und den Ländern auf Staatskosten per Sonderurlaub monatelang entspannen kann. Petersens Chefin wird etwas später (S. 82) konkret: "Gönnen Sie sich eine Pause, Frank. Sechs Monate, fürs Erste. [...] Wir machen was auf Gesundheit, dann behalten Sie Ihre Bezüge." Ja, solche Vorgesetzten wünscht sich jeder, oder? 

Möglicherweise erscheint meine Kritik dem/der einen oder anderen Leser/in kleinlich. Aber ich habe immer wieder erlebt, dass sich das nebenbei erworbene Wissen aus Romanen sehr festsetzt und dazu beiträgt, Situationen oder Sachverhalte falsch einzuschätzen. 

Samstag, 8. Mai 2021

# 289 - Igor Levit: Nicht einfach "nur ein Pianist"

Wer sich für Musik interessiert, wird seinen Namen schon einmal gehört haben; wer sich insbesondere für klassische Klaviermusik interessiert, kommt an ihm praktisch nicht vorbei: Der Pianist Igor Levit hat sich in der Musikwelt längst einen Namen gemacht und lockt auf der ganzen Welt viele Menschen in seine Konzerte.

Der Journalist Florian Zinnecker hat Igor Levit ein Konzertjahr lang begleitet. Es gab persönliche Treffen, Telefonate und E-Mails. Hin und wieder habe ich in Feuilletons gelesen, bei dem so entstandenen Buch Hauskonzert handele es sich um eine Biografie. Man kann angesichts Levits Alter (34) und des relativ kurzen Zeitraums, in dem sich der Kontakt zwischen Levit und Zinnecker abgespielt hat (Dezember 20019 bis August 2020), durchaus anderer Meinung sein.

Was das Buch aber auf jeden Fall ist: ein Porträt, das sich nicht nur mit dem erfolgreichen Musiker Igor Levit beschäftigt, sondern auch mit dessen Persönlichkeit. Levit blickt zurück auf sein Leben, in dem sich seine Kindheit als große Leerstelle erweist: Wie er sich in seiner Geburtsstadt Gorki gefühlt hat, wie seine ersten Lebensjahre verlaufen sind - Levits Erinnerungen an viele Dinge sind nur verschwommen und werden von denen seiner Mutter Elena ergänzt.

Präsent sind hingegen die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit. Freundschaften entstehen, verfestigen sich und werden beendet - durch den Tod oder weil die jeweiligen Wege auseinandergehen.

Levits künstlerischer Erfolg war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viele Rückschläge markierten seinen sich über etliche Jahre hinziehenden Aufstieg in die Musikelite. Seine musikalische Ausbildung erhielt er überwiegend an der renommierten Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, wo er seit 2019 auch eine Professur inne hat.

Die Musik nimmt ohne Frage einen großen Teil von Levits Leben ein. Der Pianist ist jedoch auch ein politischer Mensch, der sich immer wieder über seinen Twitter-Account zu Antisemitismus und Rassismus äußert. Das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht, sondern auch reichlich Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.
Vielen Menschen wurde er erst durch seine Aktivitäten dort bekannt: Als mit dem Beginn der Pandemie sich im März 2020 auch die Türen der Konzertsäle auf unbestimmte Zeit schlossen, entschied sich Levit spontan zu seinen Hauskonzerten auf Twitter. Das erste fand am 12. März statt, er spielte die Waldsteinsonate von Beethoven. 80.000 Menschen haben live zugesehen. 52 Hauskonzerte waren es, das letzte gab es am 4. Mai 2020. Diese Konzerte, die mithilfe von Smartphones übertragen wurden, waren für Igor Levit wichtig, weil er auf diese Weise vor Publikum spielen konnte und einen Grund hatte, sich ans Klavier zu setzen.

Die Pandemie ist für Levit wie für jeden anderen Künstler eine große Katastrophe. Es geht nicht nur um fehlende Einkünfte, sondern auch um die große Leere, die sich auf die Psyche niederschlägt. Seine Rettung sind die Menschen, die ihm nahestehen, und die Musik, die er vor Publikum spielt.
Levit neigt zu spontanen Entschlüssen, und aus einer Laune heraus beschloss er, die Vexations des französischen Komponisten Erik Satie zu spielen: ein Thema und zwei Variationen, die sich 840 Mal wiederholen. Das Stück symbolisiert für Levit die Leere, die durch die Schließung der Konzertsäle und den gleichgültigen Umgang der verantwortlichen Politiker damit entstanden ist. Das Spielen dieses monotonen Stücks dauerte vierzehneinhalb Stunden und ist für den Pianisten wie eine Vertonung der Schmerzensschreie der Kunst.

In Hauskonzert kommt man Igor Levit sehr nah. Das gelingt noch besser, wenn man während des Lesens die Stücke hört, die ihm wichtig sind. 

Lesen?

Um sich für Igor Levit zu interessieren, muss man kein Fan von Klaviermusik sein. Das Buch gibt nicht nur Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern auch in unsere Gesellschaft, in der es Menschen gibt, die andere wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft angreifen und bedrohen. Levit musste sogar erleben, dass sich ein bekannter deutscher Musikkritiker mit antisemitischen Zwischentönen über die Art des Pianisten, Beethoven zu spielen, äußerte und sich dabei eines im Nationalsozialismus verbreiteten Narrativs bediente, wonach jüdische Künstler außerhalb der deutschen geschichtlichen Gemeinsamkeit aufgewachsen und deshalb nicht zu einer eigenen Schöpfung in der Lage sind, sondern die wahre Kunst nur nachahmen. Diese Äußerung stammt aus einem Aufsatz von Richard Wagner aus dem Jahr 1850. Levit wird (glücklicherweise) nicht müde, gegen diese Entwicklung Stellung zu beziehen. Leseempfehlung!

Hauskonzert  ist 2021 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Freitag, 30. April 2021

# 288 - Eine neue Insel entsteht: Was kann man nicht alles daraus machen...

Armin Strohmeyr hat sich in seinem neuesten Buch Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume einem Ereignis gewidmet, das im Juli 1831 stattgefunden hat: der "Geburt" einer neuen Insel.

Die Vulkaninsel erhob sich damals mit viel Dampf, Brodeln und reichlich Schwefelgestank vor der sizilianischen Ortschaft Sciacca aus dem Meer und wurde praktisch sofort zur Projektionsfläche unterschiedlichster Wünsche und Begehrlichkeiten.

Für den örtlichen Pastor hatte hier der Teufel seine Hände im Spiel, der deutsche Geologe Friedrich Hoffmann sah in dem neuen Eiland ein großartiges Forschungsobjekt. Er war es auch, der die Insel nach dem sizilianischen König Ferdinand II. benannte: Ferdinandea. Er war zufällig mit seinem französischen Kollegen Constant Prévost vor Ort und beide verfolgten das seltene Schauspiel 50 Kilometer vor Sizilien.

Aber sollten sie gehofft haben, ihre Forschungen in Ruhe durchführen zu können, wurden sie schon bald enttäuscht. Ein britischer Kapitän legte an und machte mit dem Aufpflanzen des Union Jack Ansprüche des Vereinigten Königreichs geltend. Er gab der Insel nach einem Lord der Admiralität den Namen 'Graham'.

Auch aus Frankreich kam ein Schiff mit der Absicht, sich den auch nach dem Ende der großen Eruptionen immer noch unruhigen Haufen aus Vulkangestein unter den Nagel zu reißen. Die Franzosen kreierten mit 'Giulia' den dritten Namen für die Insel. Dieser sollte an den Monat Juli erinnern, in dem sie entstanden ist.

Nicht nur militärisch-strategische Gründe sorgten dafür, dass in Sciacca ein ungewohnter touristischer Boom einsetzte. Der französische König Louis-Philippe I. kam, ohne Ferdinandea überhaupt gesehen zu haben, auf die Idee, von deren mutmaßlich vorhandenen Heilquellen zu profitieren und sie zu einem Kurort zu machen. Die Vorstellung eines neuen Vichy im Mittelmeer begeisterte ihn. Doch als sich bereits die ersten Kurgäste eingefunden hatten und sich auch die Presse für das Thema interessierte, machte der Geologe Hoffmann eine Entdeckung, die alles änderte.

Lesen?

Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume ist ein sehr gelungener historischer Roman. Strohmeyr schafft es elegant, die vielen verschiedenen Figuren so zu platzieren, dass nie der Überblick verloren geht. Darüber hinaus zeichnet er anhand dieses Ereignisses, wie sehr der menschliche Jahrmarkt der Eitelkeiten dazu beiträgt, kleine Wünsche zu großen Visionen anschwellen zu lassen und dabei die Realität mit ihren unschönen und unbequemen Nuancen ein Stück weit außen vor zu lassen. Leseempfehlung!

Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume ist 2021 beim Südverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch mit Lesebändchen 24 Euro.

gemeinfreies Bild, das Ferdinandeas Entstehung zeigt;  Link:
Ferdinandea – Wikipedia

 



Freitag, 23. April 2021

# 287 - Ernstfall Liebe? Kein Kitsch, sondern aus dem Leben erzählt

Auch wenn der Titel des Romans Die Liebe im Ernstfall das nahelegen könnte: Bei diesem Buch der Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien handelt es sich nicht um einen klassischen Liebesroman mit den (gewohnt) kitschigen Einschlägen. Wenn es den Begriff 'Lebensroman' gäbe, würde er hier passen.

Krien schreibt über fünf Frauen, die etwa so alt sind wie sie selbst: geboren in den 1970-er Jahren in der DDR, nach der Wende mit völlig anderen Bedingungen konfrontiert und damit der Notwendigkeit, sich neu zurechtzufinden.
Jeder dieser Frauen ist ein eigenes Kapitel gewidmet, alle haben ihren Lebensmittelpunkt in Leipzig und trotz ihrer Unterschiedlichkeit haben sie gemeinsam, dass ihre Lebensläufe Brüche aufweisen, die sie zu Richtungsänderungen zwingen.

Alle Fünf sind miteinander verbunden, sei es durch Verwandtschaft, Freundschaft oder aufgrund der Tatsache, dass die eine die Patientin der anderen ist. Gemeinsam ist den meisten von ihnen auch der Wunsch nach einer stabilen Partnerschaft. Dafür nehmen sie einige Dinge in Kauf, die nichts mit einer Beziehung auf Augenhöhe zu tun haben: Eine der Frauen widerspricht nicht, als ihr künftiger Ehemann beschließt, dass sie künftig in einem Loft wohnen würden. Erst mit ihrer Schwangerschaft willigt er widerstrebend in einen Umzug eine 'normale' Wohnung ein. Da werden Egoismen ertragen oder klein geredet, oft enden Streitigkeiten mit Versöhnungssex. Nur eine der Frauen, eine Ärztin, hat andere Prioritäten: Ihr wichtigstes Lebewesen ist ihr Pferd, Männer sind nur für flüchtige Beziehungen da, nachdem man sie sich auf einer Dating-Plattform ausgewählt hat.

Der Roman erzählt davon, wie sich Menschen näherkommen, zu Paaren werden und irgendwann einer von ihnen des anderen überdrüssig wird oder sich von ihm entfremdet. Fremd zu gehen ist dann der Weg der Männer, auf die Belastungen in der festen Beziehung zu reagieren. Aber Daniela Krien schreibt auch darüber, dass Menschen durch die Vergangenheit (Kindheit, Eltern etc.) ebenso wie die Gegenwart geformt werden und sich so viele ihrer Verhaltensweisen erklären lassen.

Beim Lesen drängt sich häufig die Vermutung auf, dass Krien viel aus ihrem eigenen Leben in ihren Roman hat einfließen lassen. Eine der Frauen verliert ihre acht Monate alte Tochter wenige Tage nach einer Impfung. Eine Obduktion ergibt, dass das Kind nicht als Folge der Impfung, sondern am plötzlichen Kindstod verstorben ist. Die Autorin hat selbst eine sehr ähnliche Erfahrung machen müssen: Eine ihrer Töchter erlitt einen Impfschaden und wird ihr Leben lang so schwer behindert sein, dass sie nicht ohne Betreuung auskommt. 

Alle fünf Frauen müssen eine Entscheidung treffen: Wie wichtig ist ihnen eine Familie? Stehen eigene Kinder der Selbstverwirklichung entgegen? Um jeden Entschluss wird gerungen, und es geht auch um die Frage, inwieweit der Verlauf eines Lebens Schicksal ist oder durch eigene Entscheidungen gelenkt wird.

Lesen?

Trotz aller Probleme, denen sich die Frauen stellen, ist der Roman nicht düster, sondern hat durch Kriens besonderen Schreibstil eine Leichtigkeit, die das Interesse an den Schicksalen der Frauen bis zum Schluss aufrecht erhält. Über allem steht der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern sich dem Leben zu stellen. Das macht das Buch sehr lesenswert.

Die Liebe im Ernstfall ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 16. April 2021

# 286 - Eine zerstörte Kindheit in den 1970-ern

Der belgische Schriftsteller Dimitri Verhulst lässt in seine Romane viel aus seiner eigenen Biografie einfließen. Das ist in seinem 2011 erschienen Buch Die letzte Liebe meiner Mutter nicht anders.

Der Roman spielt in den 1970-er Jahren, als die Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein hatten und wie man mit Problemen umging, sich deutlich von den heutigen unterschieden.
Im Mittelpunkt steht der elfjährige Jimmy. Seine Mutter Martine hat sich von ihrem Mann, einem gewalttätigen Säufer, der seinen Lohn in die nächste Kneipe trug, getrennt und ist schon kurze Zeit später eine neue Beziehung eingegangen: Wannes Impens ist Arbeiter bei VW, findet aber, dass er irgendwie nicht zu den einfachen Leuten dort gehört. Er zieht rasch bei Martine ein und lässt so das Leben bei seinen Eltern hinter sich. Dass zu der neuen Partnerschaft auch ein Kind gehört, nimmt er zunächst hin, entwickelt sich für ihn allerdings immer mehr zu einem Ärgernis. Daraus, dass er Jimmy für einen Störfaktor hält, macht Wannes keinen Hehl.

Martine sehnt sich nach einer bürgerlichen Normalität und blendet Wannes' unschöne Eigenschaften kurzerhand aus. Er ist für sie eine Art Erlöser, der sie aus der Armut in ein besseres Leben führt. Da liegt der Gedanke an einen gemeinsamen Urlaub nah, und Wannes bucht für die kleine Patchworkfamilie eine einwöchige Busreise in den Schwarzwald. Unterwegs ist er bemüht, den Mitreisenden eine heile Familie vorzugaukeln und schärft Jimmy ein, ihn nur mit "Vater" anzusprechen. Dem Jungen ist jedoch sonnenklar, dass er in der Gunst seines wahrscheinlich künftigen Stiefvaters nicht höher als eine Waldameise steht, und ignoriert Wannes' Ansagen. Zwischen den beiden wächst eine Feindschaft heran, die während des Urlaubs ihren Höhepunkt findet, als Jimmy in eine lebensgefährliche Situation gerät. Und dann trifft die schwangere Martine eine Entscheidung, die Jimmys Leben von Grund auf verändert und über die sich Wannes gefreut haben wird. Der Umstand, dass der Junge wie das Abbild seines Vaters aussieht, dürfte zu der verhängnisvollen Entwicklung beigetragen haben.

Lesen?

Verhulst schildert sehr authentisch das Leben der sog. "kleinen Leute" in Belgien während der 1970-er Jahre, das sich in Deutschland ganz ähnlich abgespielt hat. Alles, was den Anschein einer heilen Familie trüben könnte, wurde unter den Teppich gekehrt und der Wunsch, sich etwas leisten zu können, war immer präsent. Vorurteile waren durch praktisch nichts zu erschüttern, was insbesondere bei der Schilderung der Busfahrt durch das Steuerparadies Luxemburg mit seinen überteuerten Raststätten-Toiletten und Frankreich mit seinen Zollbeamten, die sich nach dem Verzehr eines schlechten Essens an den Touristen rächten, indem sie deren Autos akribisch durchsuchten, deutlich wird.

Die Handlung ist dann aber ziemlich abrupt an ihrem Ende angekommen, als Verhulst lässig die nächsten achtzig Jahre überspringt und auf den nun 91-jährigen Jimmy blickt. Kurz vor dem Ende seines Lebens kommt es zu einer Begegnung, auf die er seit Jahrzehnten gewartet hatte.

Lesen? Ja, denn das einzige, was man an diesem Roman vermisst, ist ein längerer Blick auf Jimmys Leben nach dem Schwarzwaldurlaub.

Die letzte Liebe meiner Mutter ist 2011 erstmals als E-Book im Luchterhand Verlag erschienen (siehe Coverfoto) und kostet 7,99 Euro. 2013 wurde bei btb eine broschierte Ausgabe zum Preis von 8,99 Euro herausgegeben.