Freitag, 6. November 2020

# 264 - Zwei Seelen bei Nacht

Mit Unsere Seelen bei Nacht hat Kent Haruf einen sehr sensiblen und im besten Sinne zu Herzen gehenden Roman geschrieben. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, die den Mut finden, ihrem eingefahrenen Leben eine neue Wendung zu geben.

Die 70-jährige Addie lebt allein in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, dem Schauplatz aller Romane des US-Autors. Sie ist schon lange verwitwet und fühlt sich einsam. Eines Tages entschließt sie sich dazu, einen Häuserblock weiter bei Louis zu klingeln. Louis ist im selben Alter, ebenfalls verwitwet und alleinlebend. Zu seinem Erstaunen macht ihm Addie einen ungewöhnlichen Vorschlag: Sie wünscht sich, dass er ab und zu bei ihr übernachtet. Es geht ihr nicht um Sex, sondern um seine Gesellschaft und gute Gespräche, die sich am besten im Dunkel der Nacht führen lassen.

Louis willigt ein und kommt beim ersten Mal über die Hintertür in Addies Haus. Doch die Seniorin protestiert: Es passiert schließlich nichts Unrechtes, das verheimlicht werden müsste, also solle Louis doch die Vordertür benutzen. Schon an dieser Stelle möchte man applaudieren und die beiden unterstützen: Genießt den Rest eures Lebens und lasst euch das, was euch guttut, nicht von "den Leuten" madig machen.

Diesem Credo folgen die beiden dann tatsächlich, was Louis etwas schwerer fällt als Addie. Sie zeigen sich gemeinsam in der Öffentlichkeit und verbringen irgendwann nicht nur die Nächte, sondern auch immer mehr von den Tagen miteinander. Ihre zunächst platonische Beziehung wird immer romantischer, und da sie einander absolute Ehrlichkeit versprochen haben, erzählen sie sich im Schutz der Dunkelheit auch die unschönen Dinge, die ihnen im Leben widerfahren sind. Die emotionale Nähe nimmt zu, das Vertrauen zwischen ihnen wächst. 

Doch natürlich bleibt ihre Zweisamkeit in Holt nicht unbemerkt: Bekannte machen mal mehr, mal weniger deutliche Bemerkungen, die meisten haben für die beiden kein Verständnis. Doch Addie und Louis gelingt es, mit diesen Vorbehalten gelassen umzugehen.

Einige Monate später scheint die Ehe von Addies Sohn Gene am Ende zu sein. Um weiter seinen Beruf ausüben zu können, bringt er seinen sechsjährigen Sohn Jamie zu seiner Oma. Louis wird bald zu dessen väterlichem Freund und die Drei bilden den Sommer über eine harmonische Gemeinschaft, in der dann auch noch ein Hund aus dem Tierheim ein Zuhause findet.

Aber Gene ist das "Treiben" des verliebten Paares ein Dorn im Auge, ebenso wie Louis' Tochter Holly, die die Beziehung als 'peinlich' bezeichnet. Das Recht, das sie selbstverständlich für sich fordert - ihr eigenes Leben ohne Bevormundungen zu leben -, spricht sie ihrem Vater ab. Mit ihren Vorhaltungen hat sie allerdings keinen Erfolg.

Gene dagegen setzt seine Mutter mit einer emotionalen Erpressung unter Druck, um die Situation in seinem Sinn zu verändern. Addie und Louis, die bis dahin autark und selbstbestimmt gelebt haben, werden auf das Niveau von fremdbestimmten Kindern zurückgeworfen.

Lesen?

Auf jeden Fall! Kent Haruf ist es gelungen, einfühlsam zu schildern, wie sich Addie und Louis langsam aneinander herantasten und ihre Partnerschaft an Tiefe gewinnt. Er macht seinen Lesern unaufdringlich deutlich, dass jeder Mensch eine einzigartige Persönlichkeit mit all ihren Stärken und Schwächen ist. 

Das würde schon genügen, um ein wirklich gutes Buch zu schreiben. Doch dann ist da noch der feine Humor des Schriftstellers, der sich in kleinen Momenten wie diesem zeigt: Nach dem plötzlichen Tod von Addies betagter Nachbarin Ruth, zu der das Paar einen guten Kontakt hatte, verkauft deren Nichte als Alleinerbin das Haus. Die Nichte hatte sich nie um Ruth gekümmert und legt keinen Wert darauf, die Urne mit der Asche ihrer Tante zu bekommen. Addie nimmt die Urne an sich und verstreut Ruth' Asche gemeinsam mit Louis nachts um zwei im Garten hinter dem Haus der Verstorbenen - in dem bereits die neuen Eigentümer wohnen.

An einer Stelle nimmt Haruf in einem Dialog zwischen Addie und Louis seine eigenen Bücher auf die Schippe: Die beiden finden die Handlungen darin ziemlich weit hergeholt, besonders in dem Buch, in dem zwei alte Viehzüchter ein schwangeres Mädchen bei sich aufnehmen. Großartig!

Unsere Seelen bei Nacht ist 2017 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als Taschenbuch 13 Euro.

Samstag, 31. Oktober 2020

# 263 - Eine öffentliche Familie

Anna-Louisa ist mit ihrer Jugendliebe Arthur verheiratet
und hat mit ihm eine zweieinhalbjährige Tochter. Gerade hat sie ihren Job als Lektorin in einem Berliner Buchverlag gekündigt, um als Influencerin mit ihrem Mama-Blog voll durchzustarten. Ständig postet sie Fotos von sich und ihrer Familie bei Instagram. Die Zukunft liegt rosarot vor ihr. Was in Martin Krists Psychothriller Niemand wird vergeben so harmlos und harmonisch beginnt, wird schnell zu einer existenzbedrohenden Situation eskalieren.

Auf dem Weg zu einer wichtigen Party läuft ihr Ziggy, ein alter Kumpel, den sie seit 15 Jahren nicht gesehen hat, über den Weg. Er ist kaum wiederzuerkennen: Früher machte er sich über Leute lustig, die ihren Wohlstand zeigten, jetzt steht er vor Anna-Louisa wie aus dem Ei gepellt. Über seinen aktuellen Beruf gibt er allerdings nur zögernd Auskunft. 

Kurz nach diesem Zusammentreffen schickt jemand der jungen Frau eine Botschaft auf ihr Smartphone: Diese Nachricht ist dein Tod. Wenig später wird Ziggy nur ein paar Meter weiter ermordet. In der Hand hält er eine von Annas Visitenkarten. Sein Tod ist der Wendepunkt für Annas kleine Familie, ihr gutes Leben scheint in seine Einzelteile zu zerfallen. Anna weiß immer weniger, wem sie noch trauen kann. Sie wird durch die Presse in den Mord hineingezogen, verliert einen lukrativen Blogger-Vertrag und wird Opfer eines Internet-Shitstorms. Jetzt rächt sich, dass sie ihr Leben öffentlich gemacht hat. Was Anna nicht ahnt: Der Schlüssel zu Ziggys Ermordung und allem, was ihr noch widerfahren soll, liegt in ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Und sie wird lernen, dass die, die sie glaubte gut zu kennen, gefährliche Geheimnisse hatten.

Lesen?

Wer spannende Thriller mag, ist bei Martin Krist auf jeden Fall gut aufgehoben. Er hat einen mitreißenden Schreibstil und erzeugt in diesem Thriller auch dadurch eine authentische Stimmung, indem er einzelne bekannte Songtexte einflicht oder ganz in Social-Media-Manier mit Hashtags arbeitet. 

Niemand wird vergeben ist 2020 über neopubli erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro sowie als E-Book 3,99 Euro.

Mittwoch, 21. Oktober 2020

# 262 - Das Haus, das immer leerer wird

Mit Das Haus hat Olivia Monti einen Krimi veröffentlicht, der in seiner Grundstruktur an Agatha Christies Titel And Then There Were None erinnert, in dem nach und nach Menschen ermordet werden. Die Handlung wird von einer Bewohnerin eines Mietshauses, einer Parapsychologin, die gerade an einem Buch über das Gedächtnis von Orten und Gegenständen arbeitet, erzählt.

In dem Haus leben sehr unterschiedliche Personen, die sich zum Teil nur vom Sehen kennen und in der Mehrheit Singles sind. Man kommt nicht besser oder schlechter miteinander aus als in jedem anderen x-beliebigen Mehrparteienhaus. Das, was die Gemeinschaft lose zusammenhält, sind die monatlichen Zusammenkünfte auf der Dachterrasse von Leonardo Zimmermannn, der zu diesen Anlässen Champagner und Häppchen spendiert. Es kommen immer alle bis auf den syrischen Medizinstudenten, der erst vor Kurzem in die Wohnung gegenüber von Zimmermann eingezogen ist. Dessen Zurückhaltung stachelt die übrigen Bewohner zu wilden Spekulationen über seinen wahren Hintergrund an und die Spekulationen reichen von "Der lebt auf unsere Kosten" bis zu "Er wird bestimmt vom IS bezahlt".

Kurz nach seinem Einzug liegt der junge Mann tot vor der Haustür. Seine Verletzungen weisen auf einen Sturz aus großer Höhe hin. Ist er von seiner Dachterrasse gesprungen oder hat ihn jemand heruntergestoßen? Im Haus mischt sich die Erschütterung einiger Bewohner mit der Gleichgültigkeit der anderen. Wer jedoch glaubt, dass mit dem Abtransport der Leiche und dem Ausräumen der Wohnung durch die Eltern des Studenten wieder die gewohnte Ruhe einkehren würde, irrt: In kurzen Abständen werden weitere Nachbarn tot aufgefunden, die meisten von ihnen starben, nachdem jemand nachgeholfen hatte. Sogar ein kleiner Hund muss dran glauben. Die Hausbewohner diskutieren untereinander, wer von ihnen die Nachbarn auf dem Gewissen haben könnte: Jeder verdächtigt jeden, und bei genauem Hinsehen haben alle merkwürdige Eigenschaften oder Gewohnheiten, die vielleicht ein Hinweis auf das Böse sein können.

Dann wird Zimmermann in einen Unfall verwickelt, der tödlich hätte ausgehen können: Jemand hatte sich an den Bremsleitungen seines Autos zu schaffen gemacht. Muss er weiterhin um sein Leben fürchten? Und schließlich wird tatsächlich eine Nachbarin verhaftet, die im Haus bislang anderer Taten verdächtigt wurde, aber hinsichtlich der Mordfälle nicht unbedingt zu den Top-Favoriten gehörte. Doch letztlich führt ein Stromausfall zum Täter.

Lesen?

Olivia Monti hat in ihr Buch sehr gut Themen eingeflochten, die uns alle immer wieder beschäftigen: Vorurteile, Rassismus, Altersarmut und die Erkenntnis, dass man sich mehr umeinander kümmern sollte. Im Unterschied zu klassischen Krimis nimmt die Polizei jedoch nur eine Nebenrolle ein: Die Beamten kommen nur dann, wenn sie von den Bewohnern gerufen werden. Von ihrer eigentlichen Ermittlungsarbeit erfährt man nichts; die Ursachen, die zum Tod der Nachbarn geführt haben, werden nur auf Nachfrage mitgeteilt. Erst als die Lage eskaliert, zieht ein Polizist in eine der Wohnungen ein, um die Situation besser im Blick zu haben. 

Die Lösung des Falls ist überraschend, greift aber ein anderes gesellschaftliches Thema auf, das immer wieder diskutiert wird. Welches, sei an dieser Stelle nicht verraten. Was allerdings stört, sind die parapsychologischen Exkurse der Erzählfigur, die immer wieder eingestreut werden, jedoch nichts mit der Aufklärung der Todesfälle zu tun haben. Es hilft, ein persönliches Interesse daran zu haben; wer es nicht hat, kann diese Passagen einfach überspringen, ohne etwas von der Handlung zu verpassen.

Das Haus wurde 2020 über neobooks veröffentlicht und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 Euro sowie als Taschenbuch 7,99 Euro.

Montag, 19. Oktober 2020

# 261 - Ein Leben im Paradies...?

Zoë Beck wirft mit ihrem neuesten Buch Paradise City einen Blick in eine Zukunft, in der der optimierte Mensch das höchste Ziel der Regierung ist. 

Im Mittelpunkt steht die freie Journalistin Liina, die für eine Nachrichtenagentur arbeitet, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlt. Presse- und Meinungsfreiheit sind in dieser Zukunft keine Selbstverständlichkeit mehr, sodass die Mitarbeiter immer vorsichtig sein müssen.

Für Liina gilt das umso mehr, weil sie als Trägerin eines transplantierten Herzens ständig durch eine Gesundheits-App überwacht wird, die ihr sagt, wann es Zeit ist zu schlafen, zu essen, bestimmte Medikamente zu nehmen oder ins Krankenhaus zu kommen. Ihre journalistischen Recherchen führt sie undercover durch und versucht dabei, keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Liina kennt nichts anderes als dieses Leben in der modernen Gesellschaft: Die Hauptstadt Deutschlands ist jetzt Frankfurt, das mit den umliegenden Städten zu einer Metropole mit zehn Millionen Einwohnern angeschwollen ist. Berlin ist nur noch ein Ausflugsziel für historisch Interessierte, und der Klimawandel hat dazu geführt, dass die Meeresspiegel angestiegen sind und die Küsten an Nord- und Ostsee überschwemmt wurden. Im sogenannten Hinterland wurde die Natur sich selbst überlassen. Das gilt ebenso für die dort lebenden Menschen, die so etwas wie die Outlaws der durchorganisierten und überwachten Gesellschaft und der Regierung ein Dorn im Auge sind.

Zu reisen gilt als nicht erstrebenswert: Es ist zu teuer und wegen der Visabeschaffung zu aufwendig. Wer fremde Länder kennenlernen will, sieht sich deshalb zu Hause eine Computersimulation an.

Einige Dinge, die Zoë Beck in ihrem Zukunftsentwurf nennt, wirken gar nicht mehr so weit entfernt. Da ist beispielsweise das Smartcase, ohne das der moderne Bürger nicht mehr auskommt: Mit ihm weist man sich aus, bezahlt, verwaltet seine Zugangsberechtigungen und gibt Ärzten und Kliniken den Zugriff auf seine Gesundheitsdaten. Auch Nachrichten werden über das Gerät ausgetauscht. Schon bald soll es Modelle geben, die unter die Haut implantiert werden können.

Liina wird von ihrem Chef Yassin mit einem belanglos erscheinenden Auftrag in die Uckermark, eine Gegend fern der gewohnten Zivilisation, geschickt. Sie soll über einen Todesfall recherchieren: Eine Frau wurde von Schakalen angegriffen und tödlich verletzt. Es ist nicht der erste mysteriöse Todesfall in dieser Gegend.

Während sie dort ist, stürzt Yassin vor einen in den Bahnhof einfahrenden Zug und fällt ins Koma. War es ein Unfall oder hat ihn jemand auf die Gleise gestoßen? Fast zeitgleich wird die hin und wieder für die Agentur arbeitende Kaya tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Hat sie sich tatsächlich umgebracht oder wurde sie ermordet, weil sie zu unbequem gewesen ist? Haben sie und Yassin an einem Projekt gearbeitet, über das sie mit niemandem gesprochen haben?

Je mehr Liina herausfindet, umso deutlicher wird, wie sehr die Gesundheits-App, die Todesfälle in der Uckermark, die Tode von Yassin und Kaya und nicht zuletzt Liinas Erkrankung zusammenhängen. Und dann ist da auch noch Liinas frühere Freundin Simona, die für die Entstehung der Gesundheits-App verantwortlich ist und offenbar mit einem Programmierungsfehler hadert: Die App funktioniert auf der Annahme, dass die Nutzer gesund und produktiv sind und hat mit der Zeit gelernt, dass weniger gesunde Menschen entsorgt werden müssen. Liina weiß immer weniger, wem sie noch trauen kann und befindet sich am Ende in einer lebensgefährlichen Situation.

Lesen?

Zoë Beck hat mit Paradise City einen spannenden Thriller geschrieben, der nur auf den ersten Blick in einer entfernten Zukunft spielt. Tatsächlich ist die Technik weit genug entwickelt, dass die - überwiegend freiwillig hergegebenen - Daten der Menschen sich zur Überwachung der Bevölkerung eignen. Der Schritt zu einem Überwachungsstaat ist dann nicht mehr so weit.
Das Buch zeigt auch, wie groß die Bereitschaft der Menschen ist, sich in Krisenzeiten von einem "starken Staat" leiten zu lassen und dafür viel von der eigenen Privatsphäre aufzugeben. Leseempfehlung!

Paradise City ist 2020 erschienen und kostet als Taschenbuch 16 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.



Samstag, 10. Oktober 2020

# 260 - Darüber spricht der Bundestag

Dieses Buch ist aus einem Projekt mehrerer Redakteure von ZEIT ONLINE hervorgegangen, mit dem herausgefunden werden sollte, zu welchem Zeitpunkt und wie oft die Abgeordneten bestimmte Begriffe verwendet haben und wie sich die Wortwahl im Laufe der Zeit verändert hat. Maßgeblich ist hier nicht die absolute, sondern die relative Wortzahl pro 100.000 Wörter. 

Vorweg ein paar Zahlen, die die Dimension verdeutlichen: Es geht hier um mehr als 200 Millionen Wörter, die im Laufe von 4.216 Budestagssitzungen zwischen 1949 (erste Bundestagssitzung) und 2019 (letzte Sitzung vor der Sommerpause) protokolliert wurden. Es geht auch darum, herauszufinden, ob sich der Eindruck, das Parlament beschäftige sich nur mit wenigen Themen intensiver und mit anderen gar nicht, stimmt. Und letztendlich geht es außerdem darum, inwieweit die Bundestagsdebatten ein Spiegel ihrer Zeit waren und sind. 

Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt, die jeweils mit Betrachtungen über häufig in den Parlamentsdebatten verwendeten Wörtern gefüllt sind. Die Benennungen der Kapitel soll(t)en den Leserinnen und Lesern Orientierung bieten, schrammen jedoch knapp an diesem Ziel vorbei, weil es ihnen an Trennschärfe fehlt. So beschäftigt sich das erste Kapitel Politische Herausforderungen beispielsweise mit der Atomkraft, dem Kalten Krieg oder dem Antisemitismus; im zweiten Kapitel Gesellschaftlicher Wandel geht es dann u. a. um die Rolle und Stellung der Frauen in der Gesellschaft oder die Ausgestaltung der Heimarbeit, die im Bundestag später unter dem Schlagwort "Telearbeit" und danach unter dem Begriff "Homeoffice" diskutiert wurde. Es erschließt sich nicht unbedingt, warum Themen dem einen oder anderen Kapitel zugeordnet wurden.

Abseits solcher Überlegungen hält das Buch eine Menge interessante Fakten bereit. Da geht es zum Beispiel um die Häufung des Begriffes "Angst" in Zusammenhang mit dem Begriff "Atomwaffen". Wie bei allen untersuchten Wörtern wurde auch hier ein Kurvendiagramm erstellt, aus dem die Entwicklung der Häufigkeit der Nennungen sowie der Zusammenhang zwischen den beiden Begriffen hervorgeht. Dazu gehört immer auch eine ausführliche Erläuterung des entsprechenden historischen Hintergrunds. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Die Grafik zeigt die mit Abstand meisten Nennungen des Begriffs "Atomwaffen" in den Bundestagsprotokollen im Jahr 1958. Damals wurde bekannt, dass Bundeskanzler Adenauer und Verteidigungsminister Strauß - getreu ihrer Vorstellung, dass Abschreckung den Frieden sichert - die Anschaffung von Atomwaffen planten und dies mit der Begründung, es handele sich um "eine Weiterentwicklung der Artillerie", verharmlosten.

Wie sich die Bedeutung von Szenarien und Problemen in der Wortwahl niederschlägt, ist immer wieder zu beobachten. Ein gutes Beispiel sind die Debatten über das Klima: Mitte der 1980-er Jahre begann die parlamentarische Debatte mit dem Wort "Klimakatastrophe", versiegte in den folgenden Jahren jedoch nach und nach. Die Weltklimakonferenz, die 1999 in Bonn ausgerichtet wurde, gab dem Thema neuen Schub, nun aber war es - in Anlehnung an den weltweit verwendeten Begriff "climate change" - der "Klimawandel", über den im Bundestag gesprochen wurde. 2007 hat dessen Verwendung unter den Parlamentariern ihren Höchststand erreicht, nachdem der Weltklimarat IPCC seinen vierten Sachstandsbericht veröffentlicht hatte, in dem es um den von Menschen gemachten Klimawandel und seine Folgen ging.

Zum Schmunzeln ist das vierte Kapitel Der parlamentarische Sprachgebrauch: Hier geht es darum, wie die Abgeordneten verbal miteinander umgingen oder ob sich in ihren Zitaten, mit denen sie ihre Reden schmücken, ein bestimmtes Bildungsniveau widerspiegelt. Seit 1986 wurde immerhin 32 Mal über "Arschlöcher" und "Ärsche" gesprochen, in den seltensten Fällen war damit jedoch eine Beleidigung verbunden, sondern ein Zitat oder eine gängige Redewendung. Wenn man sein Missfallen über andere Abgeordnete in die passenden Worte fassen will, sind "Trottel" und "Idiot" beliebter, weil Nettigkeiten auf diesem Niveau nach der Geschäftsordnung noch nicht als zu ahndende Beleidigungen gelten, "Arschloch" hingegen schon.

Der Buchtitel ist die gekürzte Fassung einer Beschimpfung, die der Abgeordnete Joschka Fischer 1984 dem Bundestagspräsidenten Richard Stücklen entgegengeschleudert hat: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!" Diese Attacke hatte kein formales Nachspiel: Stücklen hatte Fischer kurz zuvor des Saals verwiesen, das Mikrofon war bereits abgeschaltet und die Sitzung unterbrochen. Deshalb findet sich dieser Satz in keinem Parlamentsprotokoll.

Lesen?

Das Buch eignet sich für alle, die sich für Politik und politische Entwicklungen interessieren. Aber auch, wenn man auf diesem Gebiet bislang eher desinteressiert war, bietet Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind..." eine gute Möglichkeit, hinsichtlich politischer Diskussionen einen roten Faden zu finden und so besser zu verstehen, wie und vor welchem Hintergrund Bundestagsentscheidungen zustande gekommen sind. Das Buch ist ein interessanter Blick nicht nur in die Vergangenheit des Bundestags, sondern auch in die deutsche Gesellschaft.
 
Es schließt mit einem Ausspruch des CDU-Abgeordneten Hans Hermann Dichgans vom 25. Oktober 1967: "Nun, ich möchte hier leidenschaftlich für das Recht der Abgeordneten eintreten, Unsinn zu reden. (Heiterkeit und Beifall.) Es ist eines der Grundrechte des Parlaments."  Diesen Eindruck kann man als Bürger immer wieder bekommen.

Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind..." ist im September 2020 im DUDEN-Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 16 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.
 
Nachtrag: Hier hat ZEIT ONLINE den Zugriff auf die Datenbank bereitgestellt. Und hier wurden die Bundestagsprotokolle der 18. Legislaturperiode (2013-2017) durchsuchbar aufbereitet und zur Verfügung gestellt (Projekt der Open Knowledge Foundation Deutschland).

Freitag, 2. Oktober 2020

# 259 - Ein unorthodoxes Leben

Diese beiden Bücher von Deborah Feldman sollten nicht getrennt voneinander beurteilt werden, weil sie inhaltlich zu dicht beieinander sind: Unorthodox (erschienen 2016) und Überbitten (erschienen 2017). In beiden schreibt Feldman über den Menschen, den sie am besten kennt und den sie neu kennenlernen musste: sich selbst. 

Deborah Feldman wächst in der ultraorthodoxen chassidischen Satmarer-Sekte auf. Weil ihr Vater kaum imstande ist, sich selbst zu versorgen, und ihre Mutter mit Sack und Pack verschwunden ist, als die Tochter noch ein kleines Kind war, wird sie von den Großeltern aufgenommen. Die Satmarer leben in Williamsburg, einem Stadtteil des New Yorker Stadtbezirks Brooklyn. Sie sind ganz unter sich und folgen den von ihrem Rabbi gemachten Regeln. Diese Regeln sind äußerst streng und engen vor allem die Frauen ein.

Schon als Achtjähriger fällt Feldman auf, dass den Mädchen und Frauen Wissen vorenthalten wird: Sie beteiligen sich nicht an Gesprächen mit den Männern und gehen auf Mädchenschulen, in denen nur das vermittelt wird, was die künftigen Ehefrauen und Mütter wissen müssen, um ihre Aufgabe zu erledigen. Die Isolation mitten in der Millionenstadt New York wird durch eine Reihe von Verboten zementiert: Die Sprache der Gemeinde ist Jiddisch, Englisch gilt als unrein. Bücher zu lesen ist ebenfalls verboten, wenn es sich nicht um die Tora handelt. Die Ernährung unterliegt der Überwachung des Rabbis, die Milch für Milchprodukte darf nur unter der Aufsicht eines religiös sehr bewanderten Juden gemolken werden. Das Singen ist ab dem zwölften Geburtstag nicht mehr erlaubt. Es reiht sich Verbot an Verbot, Feldman lebt in ihrer Kindheit und Jugend wie in einem Käfig, an dessen Gitterstäbe sie ununterbrochen stößt. Gefühle zu zeigen ist verpönt, stattdessen wird jedes Familienmitglied danach bewertet, wie strikt es die zahllosen Regeln einhält.

Deborah Feldman lebt von Beginn an mit einer Schuld, die sie sich nicht selbst aufgeladen hat. Ihre aus Ungarn stammende Großmutter hat als Einzige in ihrer Familie den Holocaust überlebt, in der Gemeinde finden sich viele Menschen mit einem ähnlichen Schicksal. Um sich posthum an Hitler zu rächen, zeugen die Satmarer so viele Kinder wie möglich. Die Großmutter versäumt nicht, ihre Enkelin darauf hinzuweisen, dass diese nur deshalb lebt, weil die alte Frau überlebt hat. Eine perfide Strategie, einem schuldlosen Menschen Schuldgefühle einzupflanzen.

Feldman wird mit 17 Jahren mit dem sechs Jahre älteren Eli verkuppelt, dem sie bis zum Tag ihrer Hochzeit nur drei Mal begegnet ist. Ihre Ehe gerät in jeder Hinsicht zum Desaster: menschlich, sexuell, religiös. Die Hoffnung, dass eine Ehe gleichbedeutend mit mehr Freiheiten sein könnte, zerschlägt sich: Gebärfähige Ehefrauen haben religiöse Pflichten einzuhalten, was insbesondere Elis Familie wichtig ist. Die junge Frau baut psychisch und physisch ab, und der unreife Eli beginnt fremdzugehen. 

Als sie 19 ist, wird Feldman Mutter eines Sohnes. Fast gleichzeitig schreibt sie sich heimlich bei einem College für ein Literaturstudium ein und trägt außerhalb von Williamsburg moderne Kleidung. Der Abnabelungsprozess von ihrem Mann und der Sekte mündet schließlich darin, dass Feldman ihren Mann nach fünf Jahren Ehe verlässt - rechtzeitig genug, um ihrem Sohn die streng religiöse Erziehung, die im Alter von drei Jahren beginnt, zu ersparen. Sie tut dies in dem Wissen, dass sie für den normalen Arbeitsmarkt ohne einen gültigen Schulabschluss und ohne einen Beruf uninteressant ist. Eine weitere Hürde ist die ihr fremde Welt, in der sie nun leben wird: mit unbekannten Verhaltenscodes und Werten. Mit der Hilfe einer Freundin schafft sie es, mit 23 ihren ersten Verlagsvertrag abzuschließen - für Unorthodox, ein Buch, das sich in den USA zu einem Bestseller entwickeln wird.

Lesen?

Unorthodox vermittelt nicht nur das schwierige Sektenleben, von dem sich Deborah Feldman eingepfercht gefühlt hat. Es geht in ihrer chronologischen Autobiographie auch um weitere Aspekte: Da ist die prüde Erziehung durch die Großeltern, die dazu führte, dass ihre Enkelin nichts über die Sexualität ihres Körpers wusste, aber auch Feldmans Beobachtungen, wie sich das arme Williamsburg nach und nach durch Gentrifizierung veränderte. Sie berichtet auch, wie herzlos und emotional grausam mit Familienangehörigen umgegangen wird, die dem dauernden Druck nicht standhalten und einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Deborah Feldman gibt den Leserinnen und Lesern ihres Buches zum Schluss eine Botschaft mit auf den Weg: Wenn irgendwer versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.
Sie hatte diesen Mut und hat ihn mit dem Ausschluss aus ihrer Familie bezahlt.
 
 
Mit Überbitten hat Deborah Feldman ihr erstes Buch
fortgesetzt. Sie beschließt, sich gemeinsam mit ihrem Sohn auf die Spuren ihrer Großmutter zu begeben, weil diese der einzige Mensch war, der sich ihr positiv zugewandt hatte. Feldman fühlt sich von Europa angezogen und weiß, dass ihr ihre Zukunft einiges abverlangen wird: Sie hört von Menschen, die einen ähnlichen Weg eingeschlagen und sich verzweifelt das Leben genommen haben. 

Bevor sie sich auf ihre Reise begibt, blickt sie auf ihr zurückgelassenes Leben zurück und stellt fest, wie sehr sich die Mitglieder ihrer Sekte abgeschottet haben. So sehr, dass die Häufung von schweren Erkrankungen auf Inzest zurückzuführen sein könnte. Die Gemeinde reagierte darauf mit einem Programm, mit dem die Erbgesundheit ihrer Mitglieder im heiratsfähigen Alter festgestellt wurde.

Als in der Schule allen die Aufgabe gestellt, einen Familienstammbaum zu erstellen, erfährt Feldman bei ihren Recherchen erstmals, welche Rolle Europa in der Familiengeschichte spielt und dass ihre Mutter aus Deutschland stammte. Die gewonnenen Informationen sollen die Grundlage für ihre Reise durch Europa werden, auf der sie vor allem auf der Suche nach ihrer eigenen Identität ist.

Die junge Frau beginnt ihre Selbst-Suche mit einem Roadtrip durch die USA und lernt viele verschiedene Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenskonzepten kennen. Sie reist mit ihrem Sohn immer wieder in europäische Länder und beschäftigt sich intensiv mit europäischer Literatur. Das Gefühl des langsamen Ankommens wird stärker und sie merkt, dass ihre wahren Wurzeln in Europa sind. Feldman setzt ihre Nachforschungen über ihre Vorfahren, die sie als 14-jährige Schülerin begonnen hatte, fort und stößt auf erstaunliche Erkenntnisse. Ihre Reise endet in Berlin, wo sie sich mit ihrem Kind niederlässt und spürt, dass sich für sie ein Kreis geschlossen hat: Das Jiddische hat große Ähnlichkeit mit der deutschen Sprache und ein Teil ihres Stammbaums besteht aus einer deutschen Verwandtschaft.

Aber das Ankommen in Berlin verläuft nicht ohne Rückschläge: Mit den Stolpersteinen kann sie nichts anfangen und auf einem ehemaligen jüdischen Friedhof ist heute ein Kinderspielplatz. Das schockierendste Erlebnis hat Feldman jedoch bei einem Schwimmbadbesuch: Sie sieht einen Neonazi, dessen Körper mit eindeutigen Tattoos einschließlich einer Skizze des KZ Auschwitz und der Aufschrift "Jedem das Seine" bedeckt ist und der sich unbehelligt dort aufhält. Der Mann ist Kreistagsabgeordneter der NPD und wird wegen seines "Auftritts" angeklagt. Doch Feldman empfindet den Prozess als Show, das Urteil fällt mild aus.

In einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung erläutert Deborah Feldman den Titel ihres Buches. "Überbitten" geht auf das jüdische Wort "iberbeten" zurück. Damit ist ein Ritual gemeint, mit dem man sich prophylaktisch auch für die Verfehlungen und Verletzungen entschuldigt, von denen man nichts weiß, die man aber begangen haben könnte. Es dient dazu, Gott gnädig zu stimmen und ist eine Versöhnung, bei der nichts besprochen wird. Mit jedem "Iberbeten" wird ein Teil der Schuld gelöscht.
 

Lesen?

Überbitten ist gleichzeitig Fortsetzung und Ergänzung von Unorthodox. Schon das ist eine Empfehlung. Das Buch bietet jedoch einen noch größeren Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt Feldmans, weshalb beide Titel gelesen werden sollten.

Unorthodox ist als gebundenes Buch beim Secession Verlag erschienen, jedoch nur noch antiquarisch erhältlich. Das beim btb Verlag erschienene Taschenbuch kostet 10 Euro.
Die gebundene Ausgabe von Überbitten ist ebenfalls im Secession Verlag erschienen und kostet 28 Euro. Das im btb Verlag veröffentlichte Taschenbuch ist für 12 Euro erhältlich.


Freitag, 25. September 2020

# 258 - Abgebrochen: Das Restaurant hat für mich nicht geöffnet

Auf dieses Buch bin ich zufällig gestoßen. Das Thema
sprach mich an, und als ich las, dass es 2016 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden ist, habe ich zugegriffen.


Im Restaurant - Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne von Christoph Ribbat betrachtet das Phänomen Restaurant aus allen erdenklichen Perspektiven, die mit ihm zusammenhängen und unternimmt eine Zeit- und Stilreise durch die Welt der Speisegaststätten und Nobel-Gourmettempel. Er hat sein Buch in vier Kapitel unterteilt und streut immer wieder Anekdoten aus Küchen und Gasträumen in seine Betrachtungen ein. Doch was Ribbat mit 'Eine Geschichte' im Buchtitel andeutet, ist dieses Werk gerade nicht: Es wird keine Geschichte erzählt, die ihren roten Faden in der Chronologie der Ereignisse hätte; Ribbat springt in der Zeitgeschichte vor und zurück, oft wird sogar innerhalb eines Abschnitts nicht klar, auf wen oder was sich das eben Geschriebene gerade bezieht: Dass es sich beispielsweise bei Julius Behlendorff nicht um den Inhaber eines Nobelrestaurants gehandelt hat, erschließt sich mir erst im Nachhinein. Das ist auch mein eigener Fehler, weil der Autor mit der Nummerierung seiner Quellen indirekt einen Hinweis darauf gegeben hat. Aber das Quellenverzeichnis nimmt mit 25 Seiten etwa zehn Prozent des gesamten Buches ein und ich gebe zu, dass mir das ständige Blättern zu lästig ist.


Vermutlich sollte es das Interesse steigern, wenn manche Episoden zunächst abrupt enden und dann an anderer Stelle fortgesetzt werden. Mit dieser Methode fällt es jedoch nicht leicht, die losen Enden später wieder aufzunehmen, sodass der erwähnte rote Faden noch mürber wird. Da dies nicht nur mit einer, sondern zeitgleich mit mehreren Handlungssträngen passiert, ist das Lesen manchmal anstrengend.


Doch Ribbat zeigt auch, was das Restaurant ebenfalls ausmacht: Da geht es dann zum Beispiel um die aufopferungsvolle Selbststudie einer Studentin in Chicago im Jahr 1917, die in verschiedenen Lokalen jobbt und ihre deprimierenden Erkenntnisse über das Arbeitsleben des Restaurantpersonals zusammenfasst; auch auf Prominente in der Küche und an den gedeckten Tischen wird verwiesen, die Bandbreite reicht hier von Wolfgang Siebeck und Eckart Witzigmann bis zu James Baldwin und auch Joseph Goebbels. Durch das Buch weht so auch immer wieder eine Kritik an den Verhältnissen in der Gastronomie und dem teilweise unangenehmen Umgang der Gäste mit dem Restaurantpersonal. An einer Stelle wird ein kurzer Blick auf einen der durch die NSU verübten Morde geworfen: Ein Freund der Familie bringt den Leichnam des Getöteten in sein Heimatdorf in der Osttürkei. Der Bezug zum Thema Restaurant: Dieser Freund betreibt in Rostock einen Kebap-Grill, außerdem hält es der Bruder des Mordopfers im Dorf nicht mehr aus und kellnert in Antalya. Mehr erfährt der Leser hierzu nicht, sodass der Eindruck haften bleibt, dass der kurze Exkurs auf jeden Fall in das Buch hinein sollte.


Lesen?

Die Art, sich der Geschichte des Restaurants und aller weiterer Facetten der Gastronomie zu widmen, hat mich nicht angesprochen. Die oft sehr kurzen Schlaglichter und das ständige Wechseln von Zeit und Ort machen das Lesen ermüdend. Auf Seite 161 habe ich das Buch zugeklappt.


Im Restaurant - Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne ist 2016 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe beim Verlag 19,95 Euro, im Buchversand jedoch nur noch 4,99 Euro. Das Taschenbuch wird für 12 Euro angeboten.

Freitag, 18. September 2020

# 257 - Vom Martials-Arts-Kämpfer zum treusorgenden Familienvater?

Vor seiner Heirat mit Sarah hatte Daniel sein Geld mit Martial-Arts-Kämpfen in ganz Kanada und "Dienstleistungen" für einen alten Freund seines Vaters, den Gangster Clayton aus dem Stamm der Mohawk, verdient. Doch er hat seiner Frau versprochen, damit aufzuhören und sich das selbst fest vorgenommen. Die Geburt seiner Tochter bestärkt diesen Entschluss. Seitdem jobbt Daniel als Schweißer und Tagelöhner, seine Frau arbeitet in einem Altenheim. Was in Kevin Hardcastles Krimi Im Käfig noch halbwegs harmlos daherkommt, soll sich schon bald förmlich hochschaukeln.

Das halbwegs bürgerliche Leben hat seinen Preis: Die kleine Familie kommt gerade so über die Runden und lebt in kargen Verhältnissen. Dann passieren zwei Dinge fast gleichzeitig: Daniels Schweißgerät wird gestohlen und sein Arbeitgeber beschäftigt ihn zunächst nur noch halbtags und dann gar nicht mehr. Daniel beginnt wieder im Gym zu trainieren und kommt zu seiner alten Form zurück. 

Aus dem gelegentlichen Trainig entwickelt sich mehr: Daniel hofft, mit seinen Kampfprämien seine Familie ernähren zu können und bietet Clayton eine Wette auf den nächsten Kampf an. Daniel ist sich sicher, wieder zu gewinnen, aber er hat nicht mit der Hinterhältigkeit des Mafiabosses gerechnet, der den Ringrichter besticht. Der Kampf geht für Daniel offiziell verloren, nun hat Clayton ihn in der Hand.

Als ob das nicht schon genug Ärger ist, macht sich Daniel schnell Claytons Neffen Aaron Tarbell zum Feind, einen gewissenlosen und mordsüchtigen Verbrecher, der Menschen aus nichtigstem Anlass brutal umbringt. Als dieser aus Rachsucht Sarah ermordet, bricht ein blutiges Inferno los.

Lesen?

Man muss kein Experte für Martial Arts sein, um dieses Buch zu mögen. Die eingestreuten Fachbegriffe können unkundige Leser ignorieren. Hardcastle schildert in einer eindringlichen und nichts beschönigenden Sprache den täglichen Überlebenskampf der kleinen Familie, der von viel Liebe, aber auch einer Mischung aus Zweckoptimismus und Verzweiflung, getränkt mit reichlich Alkohol, geprägt ist. Trotz ihrer schwierigen Situation bewahren sich Sarah und Daniel immer ihren Stolz und treten füreinander und für ihre Tochter ein, die der Mittelpunkt ihres Lebens ist. Hardcastle schildert viele gewalttätige Szenen, benutzt diese aber nicht als Vehikel für einen Spannungsaufbau.

Vier Jahre hat Kevin Hardcastle an Im Käfig gearbeitet, bis er mit seinem Buch zufrieden war. Eine Zeit, die sich gelohnt hat.

Im Käfig ist 2019 im Polar Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.

Sonntag, 13. September 2020

# 256 - Der Blick ins Oval Office aus der ersten Reihe

Je näher die US-Wahl am 3. November 2020 rückt, umso mehr Menschen, die dem amtierenden Präsidenten auf die eine oder andere Weise nahe stehen oder standen, veröffentlichen ein Buch mit ihrer Sicht auf ihn. Nicht immer ist klar, was die Autorinnen und Autoren dazu bewogen hat, doch bei John Bolton gibt es hinsichtlich seiner Motivation keinen Zweifel. 

Bolton hat sich aus "kleinen" Verhältnissen hochgearbeitet und ist sein Leben lang für die Republikanische Partei eingetreten. Schon im Alter von 16 Jahren engagierte er sich für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater, während der Amtszeiten von Ronald Reagan und Bush sen. und jun. hatte er mehrere verantwortugsvolle Positionen in der US-Administration inne. Als er im April 2018 als Nationaler Sicherheitsberater in Trumps Dienst eintrat, war er im 70. Lebensjahr und damit in einem Alter, in dem andere ihr Leben genießen. Das kam für ihn jedoch nicht infrage: Er wollte noch mitmischen und hat auch Trump gegenüber immer wieder betont, dass er nur an zwei Positionen Interesse hat: der des Außenministers und der des Nationalen Sicherheitsberaters.

Zum Zeitpunkt seiner Amtsübernahme hat Bolton sicher nicht damit gerechnet, was ihn in den nächsten Monaten erwarten würde. Er beschreibt mit beinahe buchhalterischer Genauigkeit, was sich während seiner 519 Amtstage in der Welt an politisch Bedeutsamem zugetragen hat und wie seiner Ansicht nach damit hätte umgegangen werden müssen, aber nicht wurde. Während Bolton sich zu Beginn noch über das administrative Chaos um den Präsidenten herum wundert, seine Grundhaltung diesem gegenüber aber grundsätzlich positiv ist, beginnt die Stimmung irgendwann zu kippen. Bolton registriert, dass Trumps Entscheidungen, wie die USA mit den globalen Krisenherden umgehen sollten, nicht auf Fakten und Erfahrungen beruhen, sondern fast durchgehend einem Impuls entspringen: Was heute gilt, kann schon morgen überholt sein. Die wichtigste Richtschnur bei der Entscheidungsfindung ist nicht das Wohl des amerikanischen Volkes, sondern der Nutzen für die eigene Wiederwahl.

Dass Donald Trump nicht über nennenswerte geographische oder historische Kenntnisse verfügt, ist nichts Neues. Auch seine Zuneigung zu Autokraten wie Putin oder Kim Jong-Un sowie sein ambivalentes Verhältnis zum chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping ist schon häufig in den Medien geschildert worden. Aus Boltons Sicht, der diese Zuneigung nicht teilt, hat sich der US-Präsident von ihnen immer am Nasenring herumführen lassen, ohne deren wahre Absichten zu verstehen. Bolton schildert Ereignisse, die belegen, wie gleichgültig Trump demokratische Prozesse und der diplomatische und - als letztes Mittel - militärische Umgang mit Krisen sind. Seine Denkweise ist von Dogmen geprägt, die sich gebetsmühlenartig wiederholen: "Warum sind wir da?", wenn er registriert, dass sich US-Truppen im Ausland befinden, oder "die EU ist schlimmer als China, nur kleiner", was sich immer anbietet, wenn es warum auch immer um einen EU-Mitgliedsstaat geht oder den Staatenbund als Ganzes. Ebenfalls bekannt ist sein gestörtes Verhältnis zu Frauen in Machtpositionen.

Bolton muss sich wie Don Quijote beim Kampf gegen die Windmühlenflügel vorgekommen sein, wenn  immer dann, wenn sich ein für die USA günstiger Regierungswechsel im Ausland abzeichnete (Iran, Venezuela, Syrien), seine Vorschläge für eine militärische Intervention ignoriert wurden. Der Grund für Trumps Ablehnung lag jedoch nicht darin, die amerikanischen Soldaten schützen oder einen Krieg verhindern zu wollen; er wurde stets von einem isolationistischen Leuchtturmdenken geleitet, dem die Erkenntnis, dass kein Land auf der Welt für sich allein steht, völlig fremd ist.
Bolton litt zusehends auch unter dem Chaos, das der Präsident ständig verursachte, und war befremdet von dessen Rachsucht, die auch diejenigen Menschen einschloss, die ihm nicht mehr schaden konnten.

Bolton zeichnet in Der Raum, in dem alles geschah ein Bild des amtierenden US-Präsidenten, das niemanden überraschen dürfte, der das Weltgeschehen in den letzten Jahren ein bisschen verfolgt hat. Mutmaßlich unfreiwillig gibt er seinen Lesern jedoch auch Einblick in seine eigene Persönlichkeit. Die Welt hatte, als Bolton zum Nationalen Sicherheitsberater ernannt wurde, bereits seit über einem Jahr dem erratischen und egomanischen Treiben Trumps zusehen müssen. Da wirkt Boltons Wunsch, in dieser Regierung etwas bewirken zu können, sehr naiv. Die Erkenntnis, dass Trump nicht auf seine besten Berater hört, sondern auf die Person, mit der er zuletzt gesprochen hat, ist Bolton relativ früh gekommen. Er muss sich im Rückblick selbst fragen, warum er fast eineinhalb Jahre trotzdem in der Rolle des Zuträgers geblieben ist. Nicht zuletzt wirkt auch seine Weigerung, vor dem Untersuchungsausschuss auszusagen, der im Rahmen des Amtsenthebungsverfahrens gegen Trump eingerichtet wurde, unglaubwürdig. Wäre es nicht die Gelegenheit gewesen, sich dieses unfähigen Präsidenten zu entledigen? Oder spielten dabei eigene wirtschaftliche Überlegungen hinsichtlich der Buchveröffentlichung eine Rolle?

Sehr unangenehm wirkt auch das Schwarz-Weiß-Denken, in dem sich Trump und Bolton gar nicht so unähnlich sind. Es ist überall üblich, dass sich politische Gegner in der Öffentlichkeit nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen. Das Ausmaß der Verachtung, das Bolton jedoch sämtlichen demokratischen Politikern entgegenbringt, ist symptomatisch für die derzeitige politische Situation in den USA: Da wird nicht mehr debattiert, sondern der Gegner in die Nähe von Kriminellen gerückt und regelrecht verteufelt. Die fragwürdige Politik unter republikanischen Präsidenten, an der Bolton maßgeblich beteiligt war, wird nicht angesprochen. Ein derart vergiftetes Klima schadet jedem Land.

Verärgert beschreibt Bolton viele Male, wie sich Trump von Beratern beeinflussen ließ und vergisst dabei, dass er das ebenso versucht hat - wenn auch immer öfter vergeblich. Der Bürokratie bringt der Ex-Sicherheitsberater viel Verachtung entgegen: Die Bedenken des damaligen Finanzministers sind ihm zu kleinlich, der Wunsch des Außenministers nach Verhandlungen ist lästig. In vielen Situationen wirkt er persönlich beleidigt.
Die Presse kommt bei Bolton sehr schlecht weg: Wo immer Reporter auftauchen, bezeichnet er sie als "Pressemeute" oder "Pressemob"; als Teil einer demokratischen  Kultur sieht er die Medien nicht. 

Bolton schreibt in seinem Buch sinngemäß, das erste Jahr als Nationaler Sicherheitsberater sei ihm wie zehn Jahre vorgekommen. Man glaubt das unbesehen.

Der Raum, in dem alles geschah ist 2020 bei Das Neue Berlin erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro sowie als E-Book 18 Euro.

Zu diesem Buch hatte die Agentur Literaturtest eine Blogtour veranstaltet, die mit diesem Beitrag begann.

Anmerkung: Wer mehr über das Sterben der Demokratie vor allem in den USA erfahren möchte, kann hier weiterlesen.


 

Samstag, 5. September 2020

# 255 - Meissener Porzellan ist immer begehrt

Johann Friedrich von Allmen ist durch eine Erbschaft zu Reichtum gekommen. Doch die Titelfigur des Romans Allmen und die Erotik von Martin Suter ist zwar gut darin, das Geld mit vollen Händen auszugeben, aber schlecht im Geldverdienen. Glücklicherweise gibt es da aber Carlos, der für Allmen sowohl Hausangestellter als auch Geschäftspartner bei der auf der Wiederbeschaffung von Kunstwerken spezialisierten Agentur 'Allmen International Inquiries' ist, als auch dessen Partnerin Maria, die für die dringend nötige Bodenständigkeit in diesem Haushalt sorgt. Das Paar lebt illegal in der Schweiz.

Wenn die Schulden zu groß werden, wird Allmen in der Wahl, diesem Zustand abzuhelfen, nicht zimperlich. Und so erwischt ihn der Wachmann Krähenbühler beim Stehlen eines Farbergé-Eis aus einer Vitrine der literarischen Gesellschaft Sternwald. Da der Vorgang auf Krähenbühlers Smartphone per Video festgehalten ist, ist Allmen nun erpressbar. Diesen Umstand nutzt Krähenbühler, um Allmen von einem Geschäft zu "überzeugen": Seine Firma 'Allsecur' sorgt für das Verschwinden von Wertgegenständen und Allmens Agentur für deren wundersames Auftauchen.

Krähenbühler ist zu Ohren gekommen, dass in den Räumen der Firma 'Loginew International Transports & Relocation' eine wertvolle Sammlung mit Stücken aus altem Meissener Porzellan lagert. Vor allem diejenigen mit anzüglichen Motiven sind selten und unter Sammlern begehrt. Die Sicherheitsvorkehrungen des Lagerhauses sind allerdings lückenhaft, sodass Allmen und Carlos in der Not zu Dieben werden und einige Porzellanmodelle stehlen. Als der Eigentümer der Sammlung stirbt, wird dessen Enkelin Jasmin Alleinerbin - eine hübsche junge und nun auch reiche Frau, die in einer strengen Sekte keusch und fern von allem Weltlichen erzogen wurde. Der eitle Allmen verliert schon bei der ersten Begegnung sein Herz an sie. Was sind schon fünfundzwanzig Jahre Altersunterschied, wenn endlich die Richtige vor einem steht? Und was ist dagegen einzuwenden, Liebe und Wohlstand miteinander zu verknüpfen?

 

Lesen?

Allmen und die Erotik ist der fünfte Band rund um den veramten Lebemann Johann Friedrich von Allmen, einem Gentleman der alten Schule. Das Buch ist kein Krimi mit einem ausgeprägten Spannungsbogen oder gar viel Gewalt, sondern eher leicht und humorvoll, wobei die Handlung durch die Eigenarten der Hauptfiguren ihre Würze erhält. Für gute Unterhaltung ist gesorgt, zumal das Ende eine echte Überraschung bereithält.

Allmen und die Erotik  ist 2018 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book (epub) 10,99 Euro.