Montag, 6. Juni 2022

# 350 - Butter, Tote und gesellschaftliche Normen - alles in einem Roman

Manako Kajii ist dick, selbstsüchtig und wird
beschuldigt, drei Männer getötet zu haben. Die Tötungsart ist höchst merkwürdig: Die Frau, die mithilfe von Internet-Partnerportalen ihre späteren Partner kennenlernte, kocht leidenschaftlich gern. Dabei spart sie nicht an Kalorien: Butter gehört zu ihren liebsten Zutaten, und das reichhaltige fettige Essen soll den Männern den Garaus gemacht haben. Zumindest indirekt. Ganz direkt hat sie vom Vermögen der Verblichenen profitiert.

Rika Machida ist auf den ersten Blick das genaue Gegenteil: Die Journalistin achtet penibel darauf, sehr schlank zu bleiben, hat einen Freund, der wie sie mit seiner Arbeit sehr eingespannt ist, und will beruflich weiterkommen. Die beiden Frauen treffen im Roman Butter der japanischen Schriftstellerin Asako Yuzuki aufeinander, und was als Recherche für eine mehrteilige Interview-Serie über die mutmaßliche Mörderin Manako angelegt ist, entwickelt sich nach und nach in eine andere unerwartete Richtung.

Rikas Versuche, die Angeklagte im Untersuchungsgefängnis zu befragen, scheitern zunächst. Erst als die Journalistin auf Manakos Bedingung eingeht, deren Gerichte nachzukochen, kommt es zu mehreren Begegnungen im Besucherraum. Rikas anfängliche Abneigung gegen die Frau, der es egal zu sein scheint, was andere über ihre Figur und ihren Lebensstil denken, weicht einer gewissen Faszination. Sie wird von Manako nicht nur dazu gebracht, ungewohntes Essen zuzubereiten und zu verzehren, sondern sie lässt sich von der Gefangenen auch an Orte schicken, die deren Lebensweg geprägt haben. Rika erkennt erst spät, dass sie manipuliert wird. Während ihrer Recherche wird sie jedoch auch mit einem traumatischen Ereignis aus ihrer Kindheit konfrontiert, dem sie sich erst jetzt stellt.

Butter erzählt nicht nur die Geschichte einer Mörderin, sondern Asako Yuzuki nutzt die Figur der Rika sowie ihrer besten Freundin Reiko dazu, deutliche Kritik am japanischen Gesellschaftsmodell zu üben: Von Frauen wird nicht nur erwartet, dass sie schlank und gepflegt sind, sondern sich dem immensen beruflichen Leistungsdruck ebenso beugen wie Männer - sogar, wenn sie eine Familie haben. Sobald sie verheiratet sind, sollten sie sich allerdings beruflich im Hintergrund halten; wenn das erste Kind geboren ist, wird das Leben der Frauen im Idealfall allein von der Familie bestimmt. Das scheint tatsächlich nötig zu sein, denn Männer werden in diesem Roman als derart unselbständig beschrieben, dass sie sich nicht selbst eine Mahlzeit zubereiten können und ohne eine Frau an ihrer Seite verwahrlosen. Dass es sich dabei auch um moralische Verwahrlosung handeln kann, schildert Yuzuki mit einer Episode aus Manakos Kindheit, in der ein Kinderschänder im Mittelpunkt steht.

Wie nebenbei lernt man nicht nur, wie bestimmte Gerichte zubereitet werden, sondern auch, wie sich die Menschen in Japan im Winter in ihren Wohnungen vor der Kälte schützen. Tipp: Eine Heizung, wie wir sie kennen, ist dort nicht üblich.

"Enjokōsai" ist ein Phänomen, das uns auch hier nicht fremd ist. Das Wort bedeutet "Aushilfsbegleitung" und meint, dass sich Oberstufenschülerinnen von älteren wohlhabenden Männern aushalten lassen - sehr oft spielt dabei der Sex eine große Rolle. Enjokōsai ist zwar mittlerweile verboten, wird aber gesellschaftlich toleriert. Es spielt in der Handlung des Romans zwar nur eine untergeordnete Rolle, wirft aber ein weiteres Schlaglicht auf die japanischen Moralvorstellungen.

Lesen?

Wer japanische Literatur kennenlernen möchte oder sich bereits dafür begeistert, sollte Butter unbedingt lesen. Es hilft, die wiederkehrenden japanischen Ausdrücke nachzuschlagen, um sich besser in die Handlung hineinzuversetzen. Ich weiß jetzt beispielsweise, worum es sich bei einem Kotatsu handelt.

Butter ist 2022 im Blumenbar Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 23 Euro.

Sonntag, 29. Mai 2022

# 349 - Gier - Wo ist die Grenze?

Vor einigen Wochen hatte ich hier bereits ein Buch
vorgestellt, das in einer neuen Reihe des Hirzel Verlags erschienen ist, die sich mit den Todsünden beschäftigt. Die Journalistin und Autorin Barbara Streidl hat sich in ihrem Essay mit der Gier auseinandergesetzt und verrät im Untertitel, worum es ihr geht: Wenn genug nicht genug ist zielt auf die Probleme, die dann entstehen, wenn Menschen - salopp gesagt - den Hals nicht voll kriegen können.

Ist die Gier eine Sünde, die für einen bestimmten Menschenschlag typisch ist oder kennen wir das maßlose Verhalten in allen Bevölkerungsgruppen? Wer sich und sein Verhalten kritisch hinterfragt, wird feststellen, dass er selbst ebenfalls hier und da zur Gier neigt. Sei es das Super-Sonderangebot an der Fleischtheke oder die Billigkleidung aus Fernost: Menschen, die solche Güter kaufen, nehmen hin, dass Tiere unter unwürdigsten Bedingungen leben und getötet werden und Arbeiterinnen und Arbeiter unter Verhältnissen Geld verdienen, die man seinem ärgsten Feind nicht zumuten würde. Aber viele Menschen verhalten sich dabei wie dreijährige Kinder: Was ich nicht sehe, existiert nicht. Und greifen zu.

Auch durch die Berichterstattung der Medien kann man den Eindruck gewinnen, dass das Heil in immer mehr Wachstum liegt: Steigen Bruttosozialprodukt und Bruttoinlandsprodukt, freuen sich Unternehmen und Wirtschaftsforschungsinstitute; zeigt der Trend abwärts, senken sie unheilvoll den Daumen. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer Warnung, die schon vor 50 Jahren von renommierten Wissenschatlern ausgesprochen wurde, jedoch in der Kakophonie der vielen anderen Nachrichten unterzugehen scheint: In seinem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" zeigt der Club of Rome sehr deutlich auf, dass das Mantra des immerwährenden Wirtschaftswachstums aus verschiedenen Gründen nicht nur Unfug ist, sondern unser Leben schlechter macht.

Streidl bewertet auch die auf der Gier beruhenden Skandale der letzten Jahrzehnte: Da sind beispielsweise die österreichischen Winzer, die ihren Wein mit Glykol gestreckt hatten, die fortschreitende Gentrifizierung in den Städten oder die Hedgefonds, die Firmen nur aufkaufen, um sie auszuschlachten. Hinter allem steckt die grundsätzliche Haltung, dass es ein 'Genug' nicht gibt. Das 'Mehr' ist das, was zählt; der Verzicht ist nicht populär.

Nachdenklich macht ein Kapitel, das mit "Wie viele Sklaven halten Sie?" betitelt ist. Es geht um das System, das die Menschen in Gewinner und Verlierer des globalen Kapitalismus' einteilt: Auf der einen Seite sind die, die sich am (günstigen) Konsum von Technikartikeln, Flugreisen oder Billigkleidung erfreuen - auf der anderen diejenigen, die keine andere Wahl haben, als dieses System zu mickrigen Löhnen am Laufen zu halten. Doch was steckt hinter diesem ständigen Konsum? Streidl zitiert hier die Philosophin Caroline Krüger, die in unserem Konsumverhalten eine Eskalation von Wünschen und Erwartungen sieht: Es mangelt am Innehalten, um sich zu fragen: Habe ich nicht längst genug?

Lesen?

Gier zeigt deutlich auf, wo die menschliche Maßlosigkeit anzutreffen ist und was sie anrichtet. Wer das Buch gelesen hat, kommt nicht mehr an der Frage vorbei, ob das eigene Konsumverhalten von Notwendigkeit oder doch eher von Überfluss geprägt ist. Kaufen wir etwas, weil wir es tatsächlich brauchen, oder weil es z. B. in unserem Freundeskreis "angesagt" ist oder wir mit dem Kauf eine innere Leere füllen? Mit etwas Selbstkritik lässt sich das wahrscheinlich beantworten.

Eine Stelle gab es allerdings, die mich irritiert hat: Streidl sieht im Lebenswandel vieler Rockstars eine ausgeprägte Gier nach Aufmerksamkeit, Erfolg und Drogen und bezieht sich auf den sog. "Club 27". Damit sind bekannte Musikerinnen und Musiker gemeint, die schon mit 27 Jahren an den Folgen ihres ausschweifenden Lebensstils gestorben sind. Dazu gehören u. a. Amy Winehouse, Jimi Hendrix und Janis Joplin. Alle waren drogensüchtig, sodass mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass sie auch psychisch krank waren. Unter diesen Vorzeichen fällt es mir schwer, das Verhalten von kranken Menschen als Gier zu bezeichnen.

Gier ist 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 15 Euro sowie als E-Book 13,90 Euro.


Freitag, 20. Mai 2022

# 348 - Finnland ist der Nabel der Welt!

Der Bestsellerautor Tuomas Kyrö gilt in seiner Heimat
als Garant für humorvolle und etwas abgedrehte Bücher. Sein Roman Kunkku ist da keine Ausnahme.

"Kunkku" bedeutet auf Deutsch "Der König", und genau der steht im Mittelpunkt des Romans: Kalle XIV. Penttinen von Finnland. Das Land im hohen Norden Europas gilt in der ganzen Welt als vorbildlich und einflussreich, in vielen Bereichen hat es die Nase vorn.

Das Problem ist nur: Der Vater des 1947 geborenen Kalle ist früh verstorben, sodass der lebenslustige Prinz viel eher als ihm lieb ist zum König gekrönt wird. Und das bedeutet: Alles, was ihm im Leben am besten gefällt - Frauen mit großen Brüsten, Autos und das Tennisspiel - findet ab sofort am besten gar nicht mehr statt. Oder so, dass der Hofmarschall die schlimmsten Ausschweifungen vertuschen kann.

Der König will im Grunde nur die schönen Seiten des Königslebens auskosten - eben die oben genannten. Ein großes Problem ist sein Charakter: Er ist zwar ein erwachsener Mann, hat aber das Gemüt eines pubertierenden 15-Jährigen. In seinem Gehirn geht es manchmal drunter und drüber, zu oft trifft er die falschen Entscheidungen.

Als er die estnische Schauspielerin Sofi kennenlernt, wendet sich zunächst alles zum Guten. Die Beziehung lässt sich gut an, doch dann merkt Sofi, dass ihr Kalles Gesellschaft zu eintönig ist. Noch bevor sie sich von ihm trennt, wird sie schwanger. Kalles starker Samen hat alle Hindernisse - aka Verhütung - überwunden. Und da das ungeborene Kind ja nicht irgendein Kind, sondern die spätere Thronfolgerin oder der Thronfolger wird, kommt nur eine Hochzeit der beiden jungen Leute infrage.

Der Roman erzählt abwechselnd das chaotische Leben des finnischen Königs und das von Pena, einem älteren finnischen Sozialhilfeempfänger, dem die Frau davongelaufen ist. Schnell wird deutlich, dass es um zwei Lebensabschnitte von ein und derselben Person geht: Die Regentschaft von Kalle XIV. Penttinen von Finnland hat ein abruptes Ende genommen. Die Naivität des Königs, sein Hang zum Fremdgehen und seine Sprunghaftigkeit haben das einst großartige finnische Königshaus zum Einsturz gebracht.

Lesen?

Kunkku ist eine humorvolle Gesellschaftssatire um einen König, dessen Leben "zufällig" Ähnlichkeit mit dem eines tatsächlich existierenden nordeuropäischen Monarchen hat, der ein Jahr früher als Kyrös fiktive Figur in einem Land westlich von Finnland zur Welt kam. Mit leichter Hand wird nebenbei die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu geschrieben: Die Rote Armee Fraktion wird Ende der 1970-er Jahre zur stärksten Fraktion des schwedischen Parlaments und läutet den Niedergang des Landes bis zur völligen Bedeutungslosigkeit ein. 
Finnland entwickelt sich seit den 1950-er Jahren zu einem multikulturellen Staat, der mit Gegenden wie Chinatown in Kuopio oder Klein-Ghana in Vantaa Touristenströme anzieht. In der Film- und Musikbranche ist das Land international führend.
Pünktlich zur Jahrtausendwende rücken Europa und Asien näher zusammen und gründen die Euro-Asiatische Union. Die Gründungsmitglieder sind Frankreich, Deutschland, Japan, China und das vereinigte (!) Korea. Durch die enge kulturelle und wirtschaftliche Verflechtung sollen Kriege und Handelsstreitigkeiten verhindert werden. 

Und dann ist da auch noch John F. Kennedy, der für Tuomas Kyrö noch lange nicht tot ist, sondern Kalle XIV. immer wieder beratend zur Seite steht. Gute Aussichten, oder?

Kunkku ist ein Lesetipp für alle, die etwas für schrägen Humor und absurde Geschichten übrig haben. Das Buch ist 2014 bei Hoffmann & Campe erschienen und kostet 25 Euro. Mir lag die Paperback-Ausgabe aus dem Verlag Bastei Lübbe vor, die 2016 erschienen und nur noch antiquarisch zu bekommen ist.


Samstag, 14. Mai 2022

# 347 - Wie geht's weiter? 50 Jahre nach dem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome

Der Journalist Franz Alt und der Wissenschaftler Ernst
Ulrich von Weizsäcker engagieren sich seit vielen Jahren für den Umwelt- und Klimaschutz. Mit Der Planet ist geplündert melden sie sich erneut zu Wort.

Es ist allerdings keineswegs so, dass die beiden Experten das Buch gemeinsam geschrieben hätten. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat zu den 200 Seiten lediglich 14 beigesteuert, in denen er erklärt, worum es sich beim Club of Rome, dessen Co-Präsident er einige Jahre war, handelt und inwieweit die Prognosen dieses Expertengremiums eingetroffen sind. Sie wurden in einer Studie zusammengefasst, die 1972 unter dem Titel "Die Grenzen des Wachstums, Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit" veröffentlicht wurden. Es handelte sich dabei um einen Ausblick, wie sich die Weltwirtschaft unter Berücksichtigung verschiedener Szenarien entwickeln wird. "Die Grenzen des Wachstums" erregte weltweite Aufmerksamkeit und wurde ein Jahr nach der Veröffentlichung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Franz Alts Schwerpunkt liegt ganz klar auf der Nutzung der Sonnenenergie als unerschöpfliche Ressource. Genau wie den Wind gibt es das Sonnenlicht im Überfluss. Alt erteilt sowohl der Kernkraft als auch der Kernfusion eine Absage und ist ein großer Fan von nachhaltigen Energieprojekten, an denen die Bürgerinnen und Bürger beteiligt sind.
Er beklagt die sich verschärfende weltweite Knappheit von Wasser und dessen Kommerzialisierung, kritisiert das Wachsen der Müllberge, begründet die Notwendigkeit einer Verkehrswende und dringt auf einen wirksameren Tierschutz. Die benannten Probleme und Missstände sind nicht neu und werden seit Langem diskutiert, sie aber so komprimiert präsentiert zu bekommen, sorgt für eine besondere Eindringlichkeit. 

Allerdings geht es Alt nicht nur darum, anklagend den Finger zu heben: Er zeigt Wege auf, die wir beschreiten müssen, um unseren Planeten zu retten. Ein Beispiel ist die Kreislaufwirtschaft (Cradle-to-Cradle-Prinzip), die das Ziel hat, dass keine Materialien verloren gehen und nach dem Nutzungsende eines Produkts weiter- oder wiederverwendet werden können.

Franz Alt streift auch das Thema Aufrüstung und Krieg. Er spricht sich klar gegen ein Wettrüsten aus und baut auf eine Verständigung unter den Staaten, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Allerdings wurden die letzten Arbeiten an Der Planet ist geplündert bereits im Januar 2022, also vor dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, fertiggestellt. In einem Interview, das Alt am 1. März 2022 mit dem WDR geführt hat, räumt er jedoch ein, dass sich seine Haltung hierzu angesichts dieser Ereignisse verändert hat.

Das Buch ist geprägt von Alts Nähe zum christlichen Glauben und seiner Affinität zur Spiritualität. Vielleicht ist dies seine Kraftquelle, die ihn dazu befähigt hat, über Jahrzehnte hinweg sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und immer wieder an verantwortliche Personen in Politik und Wirtschaft zu appellieren, sich für die Rettung der Erde und damit der Menschheit einzusetzen. Die Botschaft des Club of Rome ist 50 Jahre alt. Weitere 50 Jahre haben wir nicht mehr, um die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu retten.

Lesen?

Der Planet ist geplündert ist ein Parcours durch die drängendsten Themen unserer Zeit. Wie groß die Dringlichkeit ist zu handeln, wird überdeutlich. Schon deshalb ist das Buch zu empfehlen. Ich hätte mir jedoch ein Quellenverzeichnis gewünscht, um einzelne Angaben besser nachvollziehen oder mehr darüber erfahren zu können. Das angefügte Literaturverzeichnis ist interessant, aber kein Ersatz.

Der Planet ist geplündert ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als Hörbuch 19,99 Euro.

Nachtrag: Das Buch hat einen aufmerksameren Lektor verdient, dem die Doppelung eines Absatzes aufgefallen wäre.

Samstag, 7. Mai 2022

# 346 - Psychothriller, der mit den Ängsten vor der Digitalisierung spielt

Jo Ferguson ist 33, freie Journalistin, geschieden und
pleite. Zum Glück hilft ihr ihre wohlhabende beste Freundin Tabitha aus der Patsche und lässt sie umsonst in ihrer Wohnung im angesagten Londoner Viertel Camden wohnen. Tabitha ist sehr viel beruflich unterwegs, sodass sich die beiden Frauen nicht stören. Wegen ihrer häufigen Abwesenheit hat Tabitha ihr Zuhause mit reichlich digitaler Technik ausgestattet, um ungebetenen Besuchern keine Chance zu geben. Das Smart-Home-System entspricht dem aktuellen Stand der Technik, lässt sich selbstverständlich aus der Ferne steuern und ist so lernfähig, dass der Assistent "Electra" sich schnell auf die Menschen, die regelmäßig mit ihm kommunizieren, einstellen kann. Ein Traum?

In seinem Psychothriller Die Stimme zeigt der britische Bestsellerautor S. K. Tremayne, wie sich die Bestandteile eines digitalen Haushalts praktisch verselbständigen. Jo, die so gut wie immer allein in der Wohnung ist, wird von Electra unvermittelt auf ein Ereignis angesprochen, das etliche Jahre zurückliegt: "Ich weiß, was du getan hast. Ich kenne dein Geheimnis. Ich weiß, was du mit dem Jungen gemacht hast. Wie seine Augen weggerutscht sind. Ich weiß alles." Jos Erinnerung an diesen Tag, den sie mit Tabitha auf einem Festival verbracht hat, sind furchtbar. So furchtbar, dass die beiden Freundinnen sich damals versprachen, niemandem von den Ereignissen zu erzählen. Woher also weiß Electra davon?

Schon bald merkt Jo, dass dies erst der Anfang einer Entwicklung ist, in deren Verlauf sich ihre Existenz in ihre Einzelteile auflöst. Wenn sie bislang dachte, am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen zu sein, wird sie nun eines Besseren belehrt. Nicht nur das Smart-Home-System scheint sich gegen sie verschworen zu haben, sondern sogar Jos Social-Media-Account führt ein Eigenleben und beleidigt und erniedrigt ausgerechnet die Menschen, die ihr am wichtigsten sind. Auch von ihrem Mail-Konto werden Nachrichten verschickt, die darauf abzielen, ihren Angehörigen und Freunden zu schaden und Jo als ein Mensch mit einer Persönlichkeitsstörung aussehen zu lassen. Doch sie kann sich nicht erinnern, all diese Posts und Mails geschrieben und abgesendet zu haben.
Um sie herum wird es immer einsamer.

Jo fühlt, dass sie immer öfter nicht weiß, was ihrer Fantasie entspringt und was real ist. Wird sie verrückt wie ihr Vater, der sich am Ende das Leben genommen hat? Wäre der Tod nicht auch für sie der Weg, diesem Wahnsinn zu entkommen? Oder gibt es einen Menschen, der sie so sehr hasst, dass er sie auf diese perfide Weise vernichten will?

Lesen?

Die Stimme ist ein spannend inszenierter Thriller, der Fans der häuslichen Digitalisierung nachdenklich machen kann. Die Möglichkeiten, sein Leben auf diese Weise unterstützen zu lassen, bergen Gefahren, die viele Nutzer gern ausblenden - weil die Vorteile den Alltag so bequem machen. 

Das Buch ist spannend bis zum Schluss, und Jo erfährt Dinge über einen geliebten Menschen, die sie vielleicht lieber nicht gewusst hätte.

Die Stimme ist 2020 bei Droemer Knaur erschienen und kostet als Paperback 16,99 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 29. April 2022

# 345 - Der Ausbruch aus einem Glaubensgefängnis

365 Verbote und 248 Gebote enthält die Thora. Die Sekte der Satmarer Juden hält sich besonders streng daran: Welcher Fuß darf beim morgendlichen Aufstehen zuerst vom Bett auf den Boden gesetzt werden? In  welcher Reihenfolge werden die Schuhe zugebunden und geschnürt? Was darf am Schabbat auf keinen Fall gemacht werden? In praktisch allem, was den Alltag ausmacht, befindet sich die Gemeinschaft auf dem Stand des 18. Jahrhunderts. Die engen Vorgaben, die für Außenstehende absurd wirken, haben einen Grund, den der Rabbi Akiva Weingarten in seinem Buch Ultraorthodox - mein Weg erklärt.

Weingarten wurde 1984 als ältestes von zehn Kindern in eine ultraorthodoxe chassidische Familie der Satmarer hineingeboren, die sich völlig der Hingabe an die strengen Glaubensgrundsätze verschrieben hat. Die Gemeinschaft lebt zwar in Lakewood (New Jersey) inmitten anderer Menschen, schottet sich aber durch ihre Regeln und nicht zuletzt ihre eigene Sprache von der Außenwelt ab: Das Jiddisch wirkt wie eine Mauer, die kein Goyim (Nicht-Jude) durchdringen kann.

Je älter Akiva Weingarten wurde, desto mehr Pflichten und Regeln musste er erfüllen. Wie sehr ihn das belastete, wird an seiner Wortwahl deutlich: Mehrmals beschreibt er in seinem Buch die Vielzahl an Mizwot und Erwartungen, die an ihn gestellt wurden, als "Gebirge". Das Gefühl, religiös vergewaltigt zu werden, wurde übermächtig; Weingarten spürte, dass er seinen Glauben verloren hatte und empfand Trauer und Einsamkeit. Seine unglückliche arrangierte Ehe verstärkte die Trostlosigkeit. Er beschloss, die Gemeinschaft zu verlassen und in Deutschland neu anzufangen.

Lesen?

Im Oktober 2020 habe ich hier die beiden Bücher Unorthodox und Überbitten von Deborah Feldman vorgestellt. Auch Feldman wuchs in einer Satmarer-Gemeinschaft in New York auf, heiratete, bekam ein Kind - und ertrug die Enge dort nicht mehr, die für Frauen noch ausgeprägter ist als für Männer. Wie in der Gemeinschaft üblich, hatten weder Feldman noch Weingarten einen anerkannten Schulabschluss. Beide betraten bei ihrer Abkehr von der Sekte eine völlig andere Welt, die nach Regeln funktionierte, die ihnen fremd waren - und haben jeweils ihren persönlichen Weg gefunden. Weingarten ist heute Rabbiner in Dresden und Basel. 

Nach dem Lesen von Feldmans Büchern zu erfahren, wie es mit Weingarten einem Mann in einer sehr ähnlichen Situation ergangen ist, ist hochinteressant. Weingarten schreibt offen und schnörkellos; die Nöte, in denen er sich befunden hat, sind unmittelbar nachzuempfinden. Ultraorthodox - mein Weg ist ein Buch, das ich in einem "Rutsch" durchgelesen habe.

Ultraorthodox - mein Weg ist im März 2022 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro.

Freitag, 22. April 2022

# 344 - Liebe geht durch den Magen

Maryse Condé wurde 1937 auf der zu Guadeloupe gehörenden Insel Grande-Terre geboren und gehört zu den wichtigsten französischsprachigen Schriftstellerinnen. Sie wuchs mit sieben älteren Geschwistern auf. Ihre Eltern waren gut situierte Bildungsbürger, die es sich leisten konnten, Hauspersonal zu beschäftigen. Schon früh war Condés liebster Ort die Küche, in der eine der Angestellten das Essen für die Familie zubereitete. Doch ihre kaltherzige Mutter kommentierte die Bemühungen ihrer Tochter mit den verächtlichen Worten: "Nur Dummköpfe begeistern sich fürs Kochen." Diese Haltung begegnet der Autorin und Professorin im Laufe ihres Lebens immer wieder: Freunde und Bekannte haben häufig Schwierigkeiten damit, die Intellektuelle mit der leidenschaftlichen Köchin in Einklang zu bringen.

Die Kränkung der Mutter saß tief, konnte Maryse Condé aber nicht vom Kochen abhalten. Sie studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne, veröffentlichte mehrere Bücher und übernahm Professuren an einigen Hochschulen, blieb ihrer Leidenschaft am Herd jedoch immer treu. Anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches Mets et Merveilles sagte sie 2015: "Avec la littérature, la cuisine est la passion qui domine ma vie." - "Kochen ist neben der Literatur die Leidenschaft, die mein Leben bestimmt."

Jetzt ist das Buch unter dem Titel Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen auf Deutsch erschienen. Maryse Condé beschreibt in 20 Kapiteln ihre Reisen in die unterschiedlichsten Länder. Viele von ihnen erfolgten auf Einladung von Hochschulen oder kulturellen Einrichtungen und immer spielte das Essen, das ihr und ihrem meistens mitreisenden Ehemann serviert wurde, eine große Rolle. Man kann durchaus sagen, dass Condés Bewertung einer Reise zu einem großen Teil von der Qualität der jeweiligen dort servierten Mahlzeiten abhing.

Der Buchtitel und das Coverfoto sind irreführend: Sie suggerieren, dass es sich hier um ein Kochbuch oder zumindest ein Buch handelt, das sich schwerpunktmäßig mit dem Kochen beschäftigt. Das ist jedoch nur zum Teil richtig. Condé benennt zahlreiche typische Landesgerichte, die sie während ihrer Reisen kennengelernt hat, und beurteilt deren Zubereitung. Sie schreibt auch über ihre Versuche, das eine oder andere Gericht nachzukochen, sodass ihre Vorliebe nicht zu übersehen ist. Sehr oft geht es jedoch um ihre Schwierigkeiten, von anderen Menschen akzeptiert zu werden: In New York begreift sie, dass sie trotz ihrer Hautfarbe nicht Teil der afro-amerikanischen Community sein kann; in Indien wird sie wegen ihres ungewohnten Äußeren von Einheimischen auf der Straße ausgelacht und traut sich kaum noch aus dem Hotel.

Maryse Condé benennt auch ihre Schwächen, die sie zum Teil nur schwer überwinden kann: Es fällt ihr beispielsweise schwer, die Homosexualität ihres Sohnes zu akzeptieren und sie ist irritiert, als sie eine in New Orleans lebende Hochschuldozentin kennenlernt, die ihr von ihrer Beziehung mit einer Frau erzählt.

Je weiter man sich dem Ende des Buches nähert, desto mehr verfestigt sich der Eindruck, dass sich Maryse Condé mit ihm von ihrem Publikum verabschieden will. In Kapitel 15 ist erstmals von einer fortschreitenden Erkrankung die Rede, die ihr immer mehr von ihrer Kraft und Mobilität raubt. Als ihr das Gehen zu schwer fällt, entschließt sich Condé sogar, ihr Ferienhaus in ihrer Heimat zu verkaufen, um sich wegen der besseren medizinischen Versorgung nur noch in Paris und New York aufzuhalten.

Lesen?

Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen lädt dazu ein, sich Maryse Condé nicht nur kulinarisch zu nähern, sondern sie auch als Persönlichkeit mit einem bewegten und oft schweren Leben kennenzulernen. Die Besonderheit ihres Gesamtwerks und ihrer Erzählkunst wurden 2018 mit dem alternativen Literaturnobelpreis, der in diesem Jahr einmalig vergeben wurde, honoriert. Der Hintergrund dieser Auszeichnung war ein Skandal in der Schwedischen Akademie, der dazu führte, dass damals die Verleihung des regulären Nobelpreises für Literatur ausgesetzt wurde (mehr dazu: hier). Leseempfehlung!

Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen ist im März 2022 im Litradukt Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 24 Euro. Der Litradukt Verlag ist nach eigenen Angaben der einzige deutschsprachige Verlag mit einem Schwerpunkt auf karibischer Literatur.


Sonntag, 10. April 2022

# 343 - Syrien - aus der Ferne betrachtet

Seit nun schon elf Jahren befindet sich Syrien im
Bürgerkrieg. Er wurde durch die gewaltsam niedergeschlagenen Proteste gegen den immer noch amtierenden Präsidenten Baschar al-Assad ausgelöst. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen starben mehr als 350.000 Zivilisten, etwa 5,6 Millionen Syrerinnen und Syrer sind aus ihrem Heimatland geflohen - alte und junge Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollten. Die Bedrohung besteht bis heute, ein Ende ist nicht abzusehen.

Djuman Badran ist im Roman Unser Haus dem Himmel so nah von Shahla Ujayli die Hauptperson. Sie ist promovierte Anthropologin und hat sich vor dem Krieg in der jordanischen Hauptstadt Amman in Sicherheit gebracht. Djuman führt die Leserinnen und Leser durch etwa 100 Jahre syrische Geschichte, indem sie auf Menschen trifft, die sie bereits kennt oder die neu in ihr Leben treten. Vom Krieg in ihrer Heimat und dessen Auswirkungen auf die Bevölkerung erfährt sie in Telefonaten mit ihrer in ihrer Geburtsstadt Raqqa gebliebenen Familie und über die Auswertung von Statistiken. Sie leidet mit ihrem Vater und ihren Geschwistern, die ihr von den Taten des IS berichten, aber als Djuman erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist, überlagern ihre Angst um das eigene Leben und die schmerzhafte Therapie die Nachrichten von zu Hause.

Ihr steht Nasser al-Amiri zur Seite. Djuman hat den Klimaforscher auf einem Flug von Tunesien nach Amman kennengelernt, und nach einer langsamen und vorsichtigen Annäherung werden sie ein Paar. Nasser hat syrische Wurzeln, sein Großvater war Rechtsanwalt in Aleppo, bevor er aus politischen Gründen nach Damaskus zog. Nasser lebt zum Zeitpunkt des Kennenlernens in Abu Dhabi.

Unser Haus dem Himmel so nah ist kein Roman, der stringent eine Geschichte erzählt. Es ist ein Roman über zahlreiche Menschen aus dem arabischen Raum, die es wegen politischer Krisen in ihren Heimatländern in die ganze Welt zieht. Sie verlassen ihr Zuhause, um irgendwo anders eine Zukunft und ein neues "Haus" aufzubauen. Informationen werden über Dialoge oder Monologe transportiert, wodurch die jeweiligen Personen besser kennen gelernt werden.

Man wird beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sehr viel von Shahla Ujaylis eigener Geschichte in dieses Buch eingeflossen ist. Dieser Eindruck entsteht nicht nur durch die genaue Darstellung der einzelnen Menschen, sondern auch den Umstand, dass die Autorin in einem akademisch geprägten Umfeld aufgewachsen ist, das dem in ihrem Roman sehr ähnlich ist. Sogenannte "einfache Leute" kommen so gut wie gar nicht vor.

Lesen?

Trotz dieser etwas eingeschränkten Sichtweise ist Unser Haus dem Himmel so nah ein empfehlenswertes Buch. Shahla Ujayli ermöglicht insbesondere den Leserinnen und Lesern unseres eigenen Kulturkreises kulturelle und historische Einblicke, die Nachrichten oder Geschichtsbücher in dieser Form nicht vermitteln können.  

Unser Haus dem Himmel so nah ist in der vorliegenden deutschen Übersetzung von Christine Battermann 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro. Der Roman stand auf der Shortlist für den International Prize of Arabic Fiction.

Freitag, 1. April 2022

# 342 - Wut - Nicht unbedingt die Wurzel der Zerstörung

Der Hirzel Verlag widmet sich in einer neuen Buchreihe
den sogenannten Todsünden. Zeitgleich mit dem Titel Gier erschien Wut - Mut zum Zorn. Die Ärztin und Journalistin Johanna Kuroczik hat sich einem emotionalen Zustand gewidmet, der uns sehr befremdet, wenn wir ihn bei anderen Menschen wahrnehmen.

Kuroczik sieht sich die Wut von allen Seiten an. Sie wirft einen langen Blick zurück in die Geschichte der Menschheit und stellt Ausbrüche von Zorn (der eigentlichen Todsünde) schon bei Gott fest: Der tobende und Angst machende Gott nimmt die Position eines strafenden Vaters ein, während Jesus' Zorn nicht länger als unbedingt nötig aufflackert, um sich dann in eine positive Energie zu verwandeln, die Gutes tut.
Wer übrigens glaubt, dass die sieben Todsünden aus der Bibel stammen, erfährt, dass hierbei (wieder mal) ein Papst seine Finger im Spiel hatte.

Selbstverständlich ist auch den modernen Menschen unserer Zeit die Wut nicht fremd. Johanna Kuroczik berichtet von Studien, die sich mit dem Bruder des Zorns, dem Jähzorn, beschäftigen, und stellt einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden fest: Im Gegensatz zur Wut lässt sich der Jähzorn nicht kontrollieren. Wer aber dessen Wurzeln kennt, kennt auch Strategien, damit umzugehen.

Wut (oder Zorn) hat ihren Ursprung in unserem Gehirn. Um das verständlich zu machen, stellt die Autorin die aktuellen Erkenntnisse aus der Hirnforschung vor und macht deutlich, dass es für einen Wutausbruch nicht den einen Grund, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren gibt. Ein leicht reizbarer Mensch macht es sich zu einfach, sich mit dem Verweis auf seine Gene aus der Verantwortung zu ziehen.

Kann Wut auch eine positive Wirkung haben? Und richtet sie sich nur gegen diejenigen, die man ohnehin nicht leiden kann? Auf diese Fragen gibt Johanna Kuroczik einfache und verständliche Antworten, die man vor dem Lesen ihres Buches möglicherweise nicht so deutlich gesehen hätte.

Wut wird gesellschaftlich sogar unterschiedlich wahrgenommen, wenn sie bei Männern oder Frauen beobachtet wird: Ein wütender Mann wird eher als durchsetzungsstark empfunden als eine aus der Haut fahrende Frau. Aber woher kommen diese rational nicht nachvollziehbaren Bewertungen?

Das nachfolgende Zitat Johanna Kurocziks befindet sich zwar nicht am Ende ihres Buches, kann aber gut als Fazit dienen:
"Gefühle erfüllen einen Zweck - sonst hätte die Evolution sie längst abgeschafft. Wut im gesunden Maße ist ein integraler Bestandteil des Menschsein. Es gibt kein Leben ohne Zorn." (Seite 120)

Lesen?

Wut - Mut zum Zorn ist trotz des Buchtitels keine Aufforderung, sein Leben als wandelnder Hochofen zu verbringen, sondern wirft einen klaren und sachlichen Blick auf eine Emotion, die tatsächlich Gutes bewirken, aber ungebremst für viel Zerstörung sorgen kann. Eine sehr interessante Lektüre, die ein neues Licht auf diese Todsünde wirft.

Wut - Mut zum Zorn ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 15 Euro (Klappenbroschur).

Freitag, 25. März 2022

# 341 - Ein Krimi aus einer "untergegangenen" Landschaft

Karin Joachim hat nach mehreren 2014 und 2015
erschienen Ratgeberbüchern 2016 mit Krähenzeit ihren ersten Krimi veröffentlicht. Sie lebt im Ahrtal und kennt die Gegend wie ihre Westentasche. Was lag da näher, als ihren ersten Kriminalfall dort spielen zu lassen?

Krähenzeit ist der Auftakt einer bislang vierbändigen Reihe, in deren Mittelpunkt die Kölner Kriminaltechnikerin Jana Vogt steht. Jana hat im Zuge von Ermittlungen, die im Buch nicht weiter erläutert werden, ein traumatisches Erlebnis erlitten und den ohnehin geplanten zweiwöchigen Urlaub in Ahrweiler nun bitter nötig. Ihr Airedale Terrier Usti weicht dabei nicht von ihrer Seite. Doch man ahnt es schon: Janas Wunsch nach Entspannung muss warten. Bei einem Spaziergang in den Weinbergen findet sie einen Toten. Schnell ist klar, dass es sich um einen in Ahrweiler wohnenden Hobbyhistoriker handelt.

Jana ist natürlich klar, dass sie als Beamtin des Landes Nordrhein-Westfalen bei Ermittlungen, die sich mit einem Mordfall in Rheinland-Pfalz beschäftigen, nichts verloren hat. Aber sie kann einfach nicht anders und überlegt gemeinsam mit Hauptkommissar Clemens Wieland von der Mordkommission Koblenz, was es mit diesem Mord auf sich haben könnte. Es wird immer deutlicher, dass das örtliche Kloster Marienthal eine wichtige Rolle spielt - und Jana spürt nicht nur, dass sie verfolgt wird, sondern jemand bricht sogar in ihr Hotelzimmer ein und stiehlt ein Buch, das sich mit der Geschichte des Klosters beschäftigt.

Es soll nicht bei diesem einen Toten bleiben. Schon vier Tage später wird ein Kölner Antiquitätenhändler von seiner Frau ermordet in seinem Geschäft aufgefunden. Jemand hat ihn mit einer Krähenskulptur erschlagen. Soll das ungewöhnliche Tatwerkzeug ein Hinweis sein? Und gibt es eine Verbindung zu der Ermordung des Mannes in Ahrweiler?

Jana folgt ihrem Instinkt und ihrer Kombinationsgabe. Die gute Nase ihres Hundes ist da ebenfalls sehr hilfreich. Usti wird es zum Schluss auch zu verdanken sein, dass sein Frauchen die Ermittlungen überlebt.

Lesen?

Krähenzeit ist ein spannender Lokal-Krimi, dem man die Liebe der Autorin zum Ahrtal anmerkt - das nach dem verheerenden Hochwasser im Juli 2021 anders als damals aussehen dürfte. Karin Joachim hat einen flüssigen Schreibstil, sodass das Buch eine rundum gelungene Unterhaltung bietet.

Krähenzeit ist 2016 im Gmeiner Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 12 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.