Samstag, 8. Mai 2021

# 289 - Igor Levit: Nicht einfach "nur ein Pianist"

Wer sich für Musik interessiert, wird seinen Namen schon einmal gehört haben; wer sich insbesondere für klassische Klaviermusik interessiert, kommt an ihm praktisch nicht vorbei: Der Pianist Igor Levit hat sich in der Musikwelt längst einen Namen gemacht und lockt auf der ganzen Welt viele Menschen in seine Konzerte.

Der Journalist Florian Zinnecker hat Igor Levit ein Konzertjahr lang begleitet. Es gab persönliche Treffen, Telefonate und E-Mails. Hin und wieder habe ich in Feuilletons gelesen, bei dem so entstandenen Buch Hauskonzert handele es sich um eine Biografie. Man kann angesichts Levits Alter (34) und des relativ kurzen Zeitraums, in dem sich der Kontakt zwischen Levit und Zinnecker abgespielt hat (Dezember 20019 bis August 2020), durchaus anderer Meinung sein.

Was das Buch aber auf jeden Fall ist: ein Porträt, das sich nicht nur mit dem erfolgreichen Musiker Igor Levit beschäftigt, sondern auch mit dessen Persönlichkeit. Levit blickt zurück auf sein Leben, in dem sich seine Kindheit als große Leerstelle erweist: Wie er sich in seiner Geburtsstadt Gorki gefühlt hat, wie seine ersten Lebensjahre verlaufen sind - Levits Erinnerungen an viele Dinge sind nur verschwommen und werden von denen seiner Mutter Elena ergänzt.

Präsent sind hingegen die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit. Freundschaften entstehen, verfestigen sich und werden beendet - durch den Tod oder weil die jeweiligen Wege auseinandergehen.

Levits künstlerischer Erfolg war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viele Rückschläge markierten seinen sich über etliche Jahre hinziehenden Aufstieg in die Musikelite. Seine musikalische Ausbildung erhielt er überwiegend an der renommierten Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, wo er seit 2019 auch eine Professur inne hat.

Die Musik nimmt ohne Frage einen großen Teil von Levits Leben ein. Der Pianist ist jedoch auch ein politischer Mensch, der sich immer wieder über seinen Twitter-Account zu Antisemitismus und Rassismus äußert. Das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht, sondern auch reichlich Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.
Vielen Menschen wurde er erst durch seine Aktivitäten dort bekannt: Als mit dem Beginn der Pandemie sich im März 2020 auch die Türen der Konzertsäle auf unbestimmte Zeit schlossen, entschied sich Levit spontan zu seinen Hauskonzerten auf Twitter. Das erste fand am 12. März statt, er spielte die Waldsteinsonate von Beethoven. 80.000 Menschen haben live zugesehen. 52 Hauskonzerte waren es, das letzte gab es am 4. Mai 2020. Diese Konzerte, die mithilfe von Smartphones übertragen wurden, waren für Igor Levit wichtig, weil er auf diese Weise vor Publikum spielen konnte und einen Grund hatte, sich ans Klavier zu setzen.

Die Pandemie ist für Levit wie für jeden anderen Künstler eine große Katastrophe. Es geht nicht nur um fehlende Einkünfte, sondern auch um die große Leere, die sich auf die Psyche niederschlägt. Seine Rettung sind die Menschen, die ihm nahestehen, und die Musik, die er vor Publikum spielt.
Levit neigt zu spontanen Entschlüssen, und aus einer Laune heraus beschloss er, die Vexations des französischen Komponisten Erik Satie zu spielen: ein Thema und zwei Variationen, die sich 840 Mal wiederholen. Das Stück symbolisiert für Levit die Leere, die durch die Schließung der Konzertsäle und den gleichgültigen Umgang der verantwortlichen Politiker damit entstanden ist. Das Spielen dieses monotonen Stücks dauerte vierzehneinhalb Stunden und ist für den Pianisten wie eine Vertonung der Schmerzensschreie der Kunst.

In Hauskonzert kommt man Igor Levit sehr nah. Das gelingt noch besser, wenn man während des Lesens die Stücke hört, die ihm wichtig sind. 

Lesen?

Um sich für Igor Levit zu interessieren, muss man kein Fan von Klaviermusik sein. Das Buch gibt nicht nur Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern auch in unsere Gesellschaft, in der es Menschen gibt, die andere wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft angreifen und bedrohen. Levit musste sogar erleben, dass sich ein bekannter deutscher Musikkritiker mit antisemitischen Zwischentönen über die Art des Pianisten, Beethoven zu spielen, äußerte und sich dabei eines im Nationalsozialismus verbreiteten Narrativs bediente, wonach jüdische Künstler außerhalb der deutschen geschichtlichen Gemeinsamkeit aufgewachsen und deshalb nicht zu einer eigenen Schöpfung in der Lage sind, sondern die wahre Kunst nur nachahmen. Diese Äußerung stammt aus einem Aufsatz von Richard Wagner aus dem Jahr 1850. Levit wird (glücklicherweise) nicht müde, gegen diese Entwicklung Stellung zu beziehen. Leseempfehlung!

Hauskonzert  ist 2021 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Freitag, 30. April 2021

# 288 - Eine neue Insel entsteht: Was kann man nicht alles daraus machen...

Armin Strohmeyr hat sich in seinem neuesten Buch Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume einem Ereignis gewidmet, das im Juli 1831 stattgefunden hat: der "Geburt" einer neuen Insel.

Die Vulkaninsel erhob sich damals mit viel Dampf, Brodeln und reichlich Schwefelgestank vor der sizilianischen Ortschaft Sciacca aus dem Meer und wurde praktisch sofort zur Projektionsfläche unterschiedlichster Wünsche und Begehrlichkeiten.

Für den örtlichen Pastor hatte hier der Teufel seine Hände im Spiel, der deutsche Geologe Friedrich Hoffmann sah in dem neuen Eiland ein großartiges Forschungsobjekt. Er war es auch, der die Insel nach dem sizilianischen König Ferdinand II. benannte: Ferdinandea. Er war zufällig mit seinem französischen Kollegen Constant Prévost vor Ort und beide verfolgten das seltene Schauspiel 50 Kilometer vor Sizilien.

Aber sollten sie gehofft haben, ihre Forschungen in Ruhe durchführen zu können, wurden sie schon bald enttäuscht. Ein britischer Kapitän legte an und machte mit dem Aufpflanzen des Union Jack Ansprüche des Vereinigten Königreichs geltend. Er gab der Insel nach einem Lord der Admiralität den Namen 'Graham'.

Auch aus Frankreich kam ein Schiff mit der Absicht, sich den auch nach dem Ende der großen Eruptionen immer noch unruhigen Haufen aus Vulkangestein unter den Nagel zu reißen. Die Franzosen kreierten mit 'Giulia' den dritten Namen für die Insel. Dieser sollte an den Monat Juli erinnern, in dem sie entstanden ist.

Nicht nur militärisch-strategische Gründe sorgten dafür, dass in Sciacca ein ungewohnter touristischer Boom einsetzte. Der französische König Louis-Philippe I. kam, ohne Ferdinandea überhaupt gesehen zu haben, auf die Idee, von deren mutmaßlich vorhandenen Heilquellen zu profitieren und sie zu einem Kurort zu machen. Die Vorstellung eines neuen Vichy im Mittelmeer begeisterte ihn. Doch als sich bereits die ersten Kurgäste eingefunden hatten und sich auch die Presse für das Thema interessierte, machte der Geologe Hoffmann eine Entdeckung, die alles änderte.

Lesen?

Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume ist ein sehr gelungener historischer Roman. Strohmeyr schafft es elegant, die vielen verschiedenen Figuren so zu platzieren, dass nie der Überblick verloren geht. Darüber hinaus zeichnet er anhand dieses Ereignisses, wie sehr der menschliche Jahrmarkt der Eitelkeiten dazu beiträgt, kleine Wünsche zu großen Visionen anschwellen zu lassen und dabei die Realität mit ihren unschönen und unbequemen Nuancen ein Stück weit außen vor zu lassen. Leseempfehlung!

Ferdinandea - Die Insel der verlorenen Träume ist 2021 beim Südverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch mit Lesebändchen 24 Euro.

gemeinfreies Bild, das Ferdinandeas Entstehung zeigt;  Link:
Ferdinandea – Wikipedia

 



Freitag, 23. April 2021

# 287 - Ernstfall Liebe? Kein Kitsch, sondern aus dem Leben erzählt

Auch wenn der Titel des Romans Die Liebe im Ernstfall das nahelegen könnte: Bei diesem Buch der Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien handelt es sich nicht um einen klassischen Liebesroman mit den (gewohnt) kitschigen Einschlägen. Wenn es den Begriff 'Lebensroman' gäbe, würde er hier passen.

Krien schreibt über fünf Frauen, die etwa so alt sind wie sie selbst: geboren in den 1970-er Jahren in der DDR, nach der Wende mit völlig anderen Bedingungen konfrontiert und damit der Notwendigkeit, sich neu zurechtzufinden.
Jeder dieser Frauen ist ein eigenes Kapitel gewidmet, alle haben ihren Lebensmittelpunkt in Leipzig und trotz ihrer Unterschiedlichkeit haben sie gemeinsam, dass ihre Lebensläufe Brüche aufweisen, die sie zu Richtungsänderungen zwingen.

Alle Fünf sind miteinander verbunden, sei es durch Verwandtschaft, Freundschaft oder aufgrund der Tatsache, dass die eine die Patientin der anderen ist. Gemeinsam ist den meisten von ihnen auch der Wunsch nach einer stabilen Partnerschaft. Dafür nehmen sie einige Dinge in Kauf, die nichts mit einer Beziehung auf Augenhöhe zu tun haben: Eine der Frauen widerspricht nicht, als ihr künftiger Ehemann beschließt, dass sie künftig in einem Loft wohnen würden. Erst mit ihrer Schwangerschaft willigt er widerstrebend in einen Umzug eine 'normale' Wohnung ein. Da werden Egoismen ertragen oder klein geredet, oft enden Streitigkeiten mit Versöhnungssex. Nur eine der Frauen, eine Ärztin, hat andere Prioritäten: Ihr wichtigstes Lebewesen ist ihr Pferd, Männer sind nur für flüchtige Beziehungen da, nachdem man sie sich auf einer Dating-Plattform ausgewählt hat.

Der Roman erzählt davon, wie sich Menschen näherkommen, zu Paaren werden und irgendwann einer von ihnen des anderen überdrüssig wird oder sich von ihm entfremdet. Fremd zu gehen ist dann der Weg der Männer, auf die Belastungen in der festen Beziehung zu reagieren. Aber Daniela Krien schreibt auch darüber, dass Menschen durch die Vergangenheit (Kindheit, Eltern etc.) ebenso wie die Gegenwart geformt werden und sich so viele ihrer Verhaltensweisen erklären lassen.

Beim Lesen drängt sich häufig die Vermutung auf, dass Krien viel aus ihrem eigenen Leben in ihren Roman hat einfließen lassen. Eine der Frauen verliert ihre acht Monate alte Tochter wenige Tage nach einer Impfung. Eine Obduktion ergibt, dass das Kind nicht als Folge der Impfung, sondern am plötzlichen Kindstod verstorben ist. Die Autorin hat selbst eine sehr ähnliche Erfahrung machen müssen: Eine ihrer Töchter erlitt einen Impfschaden und wird ihr Leben lang so schwer behindert sein, dass sie nicht ohne Betreuung auskommt. 

Alle fünf Frauen müssen eine Entscheidung treffen: Wie wichtig ist ihnen eine Familie? Stehen eigene Kinder der Selbstverwirklichung entgegen? Um jeden Entschluss wird gerungen, und es geht auch um die Frage, inwieweit der Verlauf eines Lebens Schicksal ist oder durch eigene Entscheidungen gelenkt wird.

Lesen?

Trotz aller Probleme, denen sich die Frauen stellen, ist der Roman nicht düster, sondern hat durch Kriens besonderen Schreibstil eine Leichtigkeit, die das Interesse an den Schicksalen der Frauen bis zum Schluss aufrecht erhält. Über allem steht der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern sich dem Leben zu stellen. Das macht das Buch sehr lesenswert.

Die Liebe im Ernstfall ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 16. April 2021

# 286 - Eine zerstörte Kindheit in den 1970-ern

Der belgische Schriftsteller Dimitri Verhulst lässt in seine Romane viel aus seiner eigenen Biografie einfließen. Das ist in seinem 2011 erschienen Buch Die letzte Liebe meiner Mutter nicht anders.

Der Roman spielt in den 1970-er Jahren, als die Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein hatten und wie man mit Problemen umging, sich deutlich von den heutigen unterschieden.
Im Mittelpunkt steht der elfjährige Jimmy. Seine Mutter Martine hat sich von ihrem Mann, einem gewalttätigen Säufer, der seinen Lohn in die nächste Kneipe trug, getrennt und ist schon kurze Zeit später eine neue Beziehung eingegangen: Wannes Impens ist Arbeiter bei VW, findet aber, dass er irgendwie nicht zu den einfachen Leuten dort gehört. Er zieht rasch bei Martine ein und lässt so das Leben bei seinen Eltern hinter sich. Dass zu der neuen Partnerschaft auch ein Kind gehört, nimmt er zunächst hin, entwickelt sich für ihn allerdings immer mehr zu einem Ärgernis. Daraus, dass er Jimmy für einen Störfaktor hält, macht Wannes keinen Hehl.

Martine sehnt sich nach einer bürgerlichen Normalität und blendet Wannes' unschöne Eigenschaften kurzerhand aus. Er ist für sie eine Art Erlöser, der sie aus der Armut in ein besseres Leben führt. Da liegt der Gedanke an einen gemeinsamen Urlaub nah, und Wannes bucht für die kleine Patchworkfamilie eine einwöchige Busreise in den Schwarzwald. Unterwegs ist er bemüht, den Mitreisenden eine heile Familie vorzugaukeln und schärft Jimmy ein, ihn nur mit "Vater" anzusprechen. Dem Jungen ist jedoch sonnenklar, dass er in der Gunst seines wahrscheinlich künftigen Stiefvaters nicht höher als eine Waldameise steht, und ignoriert Wannes' Ansagen. Zwischen den beiden wächst eine Feindschaft heran, die während des Urlaubs ihren Höhepunkt findet, als Jimmy in eine lebensgefährliche Situation gerät. Und dann trifft die schwangere Martine eine Entscheidung, die Jimmys Leben von Grund auf verändert und über die sich Wannes gefreut haben wird. Der Umstand, dass der Junge wie das Abbild seines Vaters aussieht, dürfte zu der verhängnisvollen Entwicklung beigetragen haben.

Lesen?

Verhulst schildert sehr authentisch das Leben der sog. "kleinen Leute" in Belgien während der 1970-er Jahre, das sich in Deutschland ganz ähnlich abgespielt hat. Alles, was den Anschein einer heilen Familie trüben könnte, wurde unter den Teppich gekehrt und der Wunsch, sich etwas leisten zu können, war immer präsent. Vorurteile waren durch praktisch nichts zu erschüttern, was insbesondere bei der Schilderung der Busfahrt durch das Steuerparadies Luxemburg mit seinen überteuerten Raststätten-Toiletten und Frankreich mit seinen Zollbeamten, die sich nach dem Verzehr eines schlechten Essens an den Touristen rächten, indem sie deren Autos akribisch durchsuchten, deutlich wird.

Die Handlung ist dann aber ziemlich abrupt an ihrem Ende angekommen, als Verhulst lässig die nächsten achtzig Jahre überspringt und auf den nun 91-jährigen Jimmy blickt. Kurz vor dem Ende seines Lebens kommt es zu einer Begegnung, auf die er seit Jahrzehnten gewartet hatte.

Lesen? Ja, denn das einzige, was man an diesem Roman vermisst, ist ein längerer Blick auf Jimmys Leben nach dem Schwarzwaldurlaub.

Die letzte Liebe meiner Mutter ist 2011 erstmals als E-Book im Luchterhand Verlag erschienen (siehe Coverfoto) und kostet 7,99 Euro. 2013 wurde bei btb eine broschierte Ausgabe zum Preis von 8,99 Euro herausgegeben.

Freitag, 9. April 2021

# 285 - Wie menschlich kann ein Schimpanse sein?

T.C. Boyles neuester Roman Sprich mit mir spielt im Jahr 1978. Die junge Studentin Aimee Villard führt ein zurückgezogenes und unaufgeregtes Leben. Das ändert sich, als sie zufällig eine Fernseh-Gameshow einschaltet, in der der Wissenschaftler Guy Schermerhorn mit dem Schimpansen Sam auftritt.

Guy ist Professor an der UCSM in San Marcos, 100 Meilen südlich von L. A. Er behauptet, Schimpansen das Sprechen mittels Gebärden beibringen zu können und will das nun mit dem TV-Auftritt beweisen. Sam ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt und wurde für den Auftritt wie ein Mensch eingekleidet. 

In der Uni stößt Aimee zufällig auf einen Aushang, mit dem Guy nach studentischen Hilfskräften für sein Projekt sucht. Aimees Interesse ist geweckt. Bislang hatte sich Guys Frau mit engagiert, aber nachdem sie ihn verlassen hat, gibt es auf seiner Forschungsranch ein Personalproblem. 

Sam muss ununterbrochen betreut werden, um ihn daran zu hindern, um sich herum ein Chaos anzurichten. Die Sorge, dass die zierliche Aimee mit dieser Aufgabe überfordert sein könnte, erweist sich schon bei ihrem Vorstellungstermin als unbegründet: Der Schimpanse ist sofort von ihr begeistert und sucht sie selbst aus.

In der folgenden Zeit intensiviert sich ihr Verhältnis: Sam verliebt sich in Aimee und beansprucht sie Tag und Nacht, die Studentin hingegen hat mit dem neuen Job ihren persönlichen Lebenssinn gefunden. Sams Fähigkeit, sich mit Gebärden zu artikulieren, ist bemerkenswert: Er ist in der Lage, Bedürfnisse zu formulieren, hat aber auch begriffen, dass gutes Benehmen zu Belohnungen führt. Seine Erkenntnisse setzt er gern ein, wenn es nötig ist.

Sam hat an seine Artgenossen praktisch keine Erinnerung. Er wurde seiner in Freiheit lebenden Mutter noch als Baby entrissen, nachdem man sie mit einem Betäubungspfeil handlungsunfähig gemacht hatte. Deshalb sieht sich der Schimpanse in der Gesellschaft von Aimee, Guy und anderen studentischen Hilfskräften als einer von ihnen. Seine Andersartigkeit ist ihm nicht bewusst.

Als das Forschungsprojekt in Schwierigkeiten gerät, verlangt Guys Vorgesetzter, Professor Moncrief, dessen Beendigung und Sams Rückgabe an ihn als seinen Eigentümer. Das Schicksal des Schimpansen scheint besiegelt zu sein: Er ist für den Laborkäfig mitten unter anderen Schimpansen vorgesehen und wird später an ein anderes Labor weiterverkauft werden. Die Zeit in der verdreckten Schimpansenanlage erlebt Sam als traumatisch, zumal er sich mit seinen Artgenossen nicht verständigen kann. Für ihn sind sie alle nur schwarze Käfer.

In dieser für Sam kritischen Situation offenbart sich die unterschiedliche Sichtweise von Guy und Aimee: Für den Professor dient das Projekt mit Sam in erster Linie dazu, die eigene fachliche Reputation zu vermehren, dafür nimmt er die Einschränkungen seines Privatlebens in Kauf. Aimee hat zu dem Schimpansen jedoch eine emotionale Beziehung aufgebaut, sodass sie sich für sein Wohlergehen und seinen Schutz verantwortlich fühlt. Deshalb ist ihr auch bewusst, von wessen Seite Sam die größte Gefahr droht: Moncrief betrachtet Sam als eine Sache, mit der er umgehen kann, wie er es für richtig hält. Aimee beschließt, Sam mit einer waghalsigen Aktion vor einem Schicksal als Labortier zu bewahren.

Lesen?

Boyle beschäftigt sich in seinem Buch mit mehreren Fragen: Wie vermessen ist es, ein Wesen nach den eigenen Vorstellungen zu formen und ihm seinen Willen aufzuzwingen? Und ist es vorstellbar, dass Sam nicht nur Erlerntes anwenden, sondern auch abstrahieren kann? Die Beschreibung des Schimpansen legt nahe, dass er dem Menschen ähnlicher ist als seinen Artgenossen. Sogar eine religiöse Komponente kommt ins Spiel, als es darum geht, ob Sam eine Seele nach unseren Vorstellungen haben und deshalb getauft werden könnte.

Man staunt beim Lesen über Sams Fähigkeiten, ärgert sich über Guys Egoismus und Moncriefs Brutalität und verfolgt fasziniert, wie Aimee versucht, Sam vor einem traurigen Schicksal zu bewahren. Man wünscht den beiden eine glückliche Fügung und hat gleichzeitig Zweifel, ob und wie Aimees Plan gelingen kann. Klare Leseempfehlung.

Sprich mit mir ist 2021 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro, als E-Book 18,99 Euro sowie als Hörbuch 19,99 Euro (MP3-CD) bzw. 17,95 Euro (Download).

Donnerstag, 1. April 2021

# 284 - Raus ins Grüne! So gemütlich lebt es sich in einem Schrebergarten

Sebastian Lehmann hatte nach 20 Jahren in Berlin
ebenso wie seine Freundin die Nase voll vom ständigen Trubel der Großstadt und den zahllosen Baustellen im eigenen Viertel. Wahrscheinlich wird man, wenn man auf die 40 zugeht, empfindlicher und hat ein größeres Ruhebedürfnis.

Die Lösung scheint dem Paar ganz einfach zu sein: Ein Schrebergarten muss her! Ruhe und Erholung inmitten der Natur, mit dem Zwitschern der Vögel und dem leisen Säuseln des Windes als einzige harmoniestiftende Geräuschquellen. Das ist der Einstieg für sein Buch Das hatte ich mir grüner vorgestellt.

Lehmann erstellt eine Liste mit Kriterien, die das künftige Refugium erfüllen muss und schon kann die Suche nach einem geeigneten Garten losgehen. Blöd nur, dass auf diese originelle Idee auch viele andere Stadtflüchtlinge gekommen sind. Deshalb muss der Suchradius etwas ausgedehnt werden. Und tatsächlich: Nach einigen Misserfolgen ergibt sich die Möglichkeit, ein Gartengrundstück in einer sehr kleinen Kolonie auf dem platten mecklenburgischen Land zu kaufen. Das benachbarte Dorf bietet außer einer Straße keine Infrastruktur, der bereits vorhandene Bungalow schreit nach einer Sanierung und der eigentliche Garten hat in den vergangenen Jahren die Gelegenheit genutzt, sich frei zu entfalten.

Doch Lehmann, dem alles Handwerkliche bislang fremd war, sieht die Gesamtsituation als zu bewältigende Herausforderung an und kauft die Parzelle. Nebenbei stellt sich heraus, dass er nicht nur körperlichen Arbeiten sondern auch rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit einem Immobilienkauf ahnungslos gegenübersteht. Irgendwie wird es schon werden - das ist seine Herangehensweise allen Dingen gegenüber, die ihm fremd sind.

Mit Humor beschreibt der frischgebackene Hobbygärtner die Probleme, die sich im Laufe des ersten Gartenjahres auftun: Für ihn völlig überraschend realisiert er, dass die Gartenkolonie so weit draußen nicht an ein öffentliches Abwassernetz angeschlossen ist. Gerade noch rechtzeitig erreicht er eine Firma, die ihm seine Sammelgrube leerpumpt. Auch die Renovierung des Bungalows wirft Probleme auf: Der Boden ist uneben, die Veranda morsch und zum Entsetzen des Paares haben sich im Haus Spinnen gemütlich eingerichtet.

Die Illusion von entspannten Wochenenden im Liegestuhl zerplatzt ziemlich schnell, weil ein Problem das andere ablöst. Aber zum Glück ist da der Gartennachbar Heinz, der ganzjährig Feinrippunterhemden trägt und immer mit dem passenden Kommentar zur Stelle ist. Ohne seine Tipps wäre Lehmann möglicherweise bei seinem Versuch, ein Freizeit-Landei zu werden, krachend gescheitert.

Lesen?

Sebastian Lehmann ist Buchautor, Poetry Slammer und Kleinkünstler. Dass es in diesem Buch also eher um die lustigen Seiten des gärtnerischen Scheiterns als um die Heldentaten eines Großstädters gehen würde, war klar. Etliche Szenen sind wirklich witzig, andere leider aber klischeehaft: Ob es Heinz' Feinrippunterhemd, die eigene verkrampfte Anpassung an den örtlichen "Dresscode" oder das kontinuierliche Nichtwissen ist - das Gefühl, das schon mal irgendwo anders gelesen zu haben, wird bei jedem Kapitel stärker. Das hatte ich mir grüner vorgestellt ist nette Unterhaltung für einen Tag am Meer, auf dem Balkon oder ja, auch im Schrebergarten. Und zum Schluss wird dort, wo bislang eine olle Tanne gestanden hat, was gepflanzt? Genau, ein Apfelbaum.

Das hatte ich mir grüner vorgestellt ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur-Ausgabe 13 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Nachtrag: Es gibt Dinge, die mich bei Büchern ärgern, unabhängig von Verlag oder Autor/in. Dazu gehören Mängel beim Korrektorat, sodass es sich beim Lesen so anfühlt, als würde ich quasi beim Gehen mit dem Fuß hängenbleiben. Da wird dann die heisere zu einer heißeren Nachtigall oder "die ehemaligen Sozialdemokraten spuckten nur noch als seelenlose Gespenster ganz hinten in meinem Kopf herum."

An der Stelle kann man eventuell noch sagen, dass das schon mal passieren kann. Aber wenn auch der Imperativ falsch gebildet wird ("breche" statt "brich" oder "sehe" statt "sieh"), habe ich bei einem Verlag, der im Bereich der Taschenbücher zu den umsatzstärksten gehört, kein Verständnis mehr.



Freitag, 26. März 2021

# 283 - Fritz und Emma - Wie ein Satz alles verändert

1947: Der 20-jährige Fritz Draudt kommt aus der Kriegsgefangenschaft in sein Heimatdorf Oberkirchbach in der Pfalz zurück. Doch von dem, was einmal sein Zuhause war, ist nichts mehr übrig: Bei einem Bombentreffer kamen seine Eltern und sein jüngerer Bruder ums Leben, das Elternhaus fiel zu einem Schutthaufen zusammen. Doch da ist die gleichaltrige Emma Hillese: Sie und Fritz wurden 1927 fast gleichzeitig geboren und sind sich so nahe, dass sie für den Rest ihres Lebens zusammenbleiben wollen. Dieser Einstieg könnte der Beginn eines kitschigen Liebesromans mit jeder Menge Schmalz und Herzeleid sein, aber Barbara Leciejewski lässt es in ihrem Roman Fritz und Emma glücklicherweise nicht soweit kommen.

Emma ist Fritz eine große Stütze. Die Liebe zueinander motiviert ihn, an die Zukunft zu glauben und nährt seine Hoffnung, das Furchtbare, das er im Krieg getan und gesehen hat, irgendwann zu vergessen. Er beginnt, das zerstörte Haus für sie beide wieder aufzubauen und das Paar legt einen Hochzeitstermin fest. Aber dann passiert etwas zwischen ihnen, das ihre intensive Verbindung zerstört. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, den tiefen Riss, der sich zwischen ihnen aufgetan hat, zu kitten. Emma verbietet Fritz, jemals wieder Kontakt zu ihr zu haben. Beide gehen getrennte Wege, heiraten und werden Eltern, weichen einander aber in den nächsten Jahrzehnten konsequent aus, obwohl sie weiterhin im selben Dorf leben. 

Zu Ostern 2019 übernimmt der junge Pfarrer Jakob Eichendorf die Oberkirchbacher Gemeinde, seine Frau Marie ist für die Dorfbewohner ab sofort die "Frau Pfarrer". Marie hat nur ihrem Mann zuliebe dem Wechsel in das 820-Seelen-Dorf zugestimmt, sie fühlt sich dort schnell einsam und vom normalen Leben abgehängt. Das wird zunächst auch nicht besser, als sie sich lustlos an den Planungen für die 750-Jahr-Feier des Dorfes beteiligt: Was soll man denn schon planen, wenn das Geld an allen Ecken und Enden fehlt und die Dorfbewohner so lebenslustig und kontaktfreudig sind wie ein Schwarm toter Fische? Doch ihr Interesse ist geweckt, als sie von der Feindschaft zwischen Emma und Fritz hört, die nun schon seit 70 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Was damals vorgefallen ist, weiß allerdings niemand so genau. Ist es möglich, dass man die beiden alten Leute nach so langer Zeit wieder zusammenbringen kann?

Lesen?

Barbara Leciejewski lenkt den Blick auf die Sprachlosigkeit der Generation von Emma und Fritz, die die Menschen oft bis zu ihrem Lebensende beibehalten haben. Die Kriegserlebnisse der Soldaten und auch der Zivilisten haben, wie man heute weiß, auch für die nächsten Generationen Folgen.

Die Entwicklung von Oberkirchbach von einem Ort des Zusammenhalts zu einer fast nicht mehr existierenden Gemeinschaft steht stellvertretend für viele andere Dörfer, die heute von vielen neu zugezogenen Menschen nur deshalb bewohnt werden, weil das Bauland dort bezahlbar ist. Der Roman stellt die Frage, ob sich daran etwas ändern und sich eine Dorfgemeinschaft wieder herstellen lässt, und gibt darauf eine Antwort.

Fritz und Emma ist ein sehr berührendes Buch, das für mich vor allem eine Botschaft hat: Hört auf euer Herz und erstickt eure Gefühle nicht in einem sturen Schweigen. Das Sprichwort "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" mag hier und da ganz passend sein, aber sicher nicht allgemeingültig.

Fritz und Emma ist im Ullstein Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur-Ausgabe 14,99 Euro sowie als E-Book 7,99 Euro.


Freitag, 19. März 2021

# 282 - Grüner wird's heute nicht mehr

Warum widmet man sich ausgerechnet der Farbe Grün?
Darauf gibt der Autor des Buches Grün, Prof. em. Hermann J. Roth, zwar keine Antwort, aber wenn man sich auf seiner Homepage umsieht, erkennt man schnell, dass ihm neben seinem Fachgebiet, der Pharmazie, auch die Kunst wichtig ist. Roth sieht in der Wissenschaft auch immer die Ästhetik.

Sein Buch trägt den Untertitel Das Buch zur Farbe. Dieses Konzept wird sowohl inhaltlich verfolgt als auch ästhetisch konsequent durchgehalten. Nicht nur der Einband ist in Grün gehalten, sondern ebenso der Schnitt, die Seitenränder sowie Überschriften, Seitenzahlen und Verweise.

Roth durchstreift praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens, in denen die Farbe, mit der gemeinhin Leben und Hoffnung assoziiert wird, vorkommt: In sechzehn Kapiteln erläutert er nicht nur die Herkunft des Wortes, sondern sieht sich in den Naturwissenschaften, der Medizin und Pharmazie, der Politik oder der Literatur um. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie oft und wofür der Begriff 'Grün' verwendet wird. Da geht es um den Grünen Strahl (ein Phänomen, das beim Sonnenuntergang entsteht), das Grünkreuz (das nichts Positives an sich hat), die Grünen Drogen (Drogen, die das Wort 'Grün' in ihrer Bezeichnung führen, wie z. B. Grünes Pflaster) oder die Grüne Hochzeit. Im letzten Kapitel 'Grüner Omnibus' finden sich Begriffe, die sich thematisch nicht einem der vorangegangenen Kapitel zuordnen lassen. Dazu gehören beispielsweise das 'feindliche Grün' aus dem Straßenverkehr oder die Grüne Fee als poetische Bezeichnung für Absinth.

Jedes Kapitel ist mit Fotos oder Zeichnungen von (überwiegend) grünen Tieren, Menschen, Gebäuden oder Gegenständen illustriert. Nach der letzten Seite fragt man sich, ob sich Roth wohl noch weiteren Farben widmen wird. Grün ist ein sehr interessantes und unterhaltsames Buch. Leseempfehlung!

Grün ist 2021 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro.

Freitag, 12. März 2021

# 281 - Auftakt einer Krimireihe in Deutschlands Norden

Mit ihrem Krimi Nordwesttod startet Svea Jensen eine neue Krimireihe um den Leiter der Polizeidienststelle St. Peter-Ording Hendrik Norberg und die bayerische LKA-Beamtin Anna Wagner. 

Anna Wagner hat sich beim LKA in München mit Vermisstenfällen beschäftigt. Als jemand gesucht wird, der in Kiel eine ähnliche Stelle aufbauen soll, nimmt sie die Gelegenheit wahr: Der Scheidungskrieg mit ihrem Ex-Mann lässt die Aussicht auf räumlichen Abstand verlockend erscheinen. Doch sie ist kaum in Kiel angekommen, als sie wegen eines Vermisstenfalls in St. Peter-Ording sofort dorthin geschickt wird. Einige Tage zuvor ist die 32-jährige Tochter einer wohlhabenden Hotelbetreiberin vermisst gemeldet worden.

Vor Ort trifft Anna auf den Polizeibeamten Hendrik Norberg. Der verwitwete Vater von zwei Söhnen hat wegen seiner Kinder auf eine Beförderung zum Leiter einer Mordkommission verzichtet, um nach dem Tod ihrer Mutter für sie da sein zu können. Norberg befindet sich bei Annas Ankunft in einem psychisch angeschlagenen Zustand: Zu der Trauer um seine Frau kommt die Sorge um die beiden Söhne sowie die Frustration um die verpasste berufliche Chance. Seine Eingewöhnung als Dienststellenleiter in dem Urlaubsort verläuft entsprechend holprig, die Zusammenarbeit mit Anna beginnt in einer distanzierten Atmosphäre.

Die Ermittlungen um den Vermisstenfall ergeben, dass die Frau zu ihrer Mutter und ihrer Schwester kein gutes Verhältnis hatte. Das lag vor allem an den Plänen der Mutter, im Ort weitere Hotelneubauten zu errichten. Die Vermisste war seit Jahren in der Seehundstation in Friedrichskoog beschäftigt und betrachtete die Expansionspläne als aggressiven Eingriff in die Natur. Um weitere Hotelneubauten an der Nordseeküste zu verhindern, hatte sich die junge Frau einer Gruppe von Umweltschützern angeschlossen. Liegt darin der Grund für ihr Verschwinden? Oder hatte sie vielleicht sogar Feinde?

Und dann ist da noch ein weiterer Fall, den zwei Norberg unterstellte Beamte wieder aufgreifen wollen: Etwa zeitgleich zum Vermisstenfall hat sich auf einer wenig befahrenen Straße am Ortsrand ein Unfall ereignet, bei dem ein junger Mann und ein Kind getötet wurden. Die beiden waren auf einem Mofa unterwegs gewesen und offenbar von einem Autofahrer überfahren worden, der sich anschließend nicht um sie gekümmert hatte. Die Nachforschungen der zwei Polizisten bringen auch für die Suche nach der verschwundenen Frau eine erstaunliche Wende.

Lesen?

Nordwesttod ist ein Cosy-Krimi, der gute Unterhaltung bietet. Wie es einem ersten Teil einer Reihe oft anhaftet, werden die wichtigsten Personen sehr ausführlich vorgestellt und beschrieben, was etwas zulasten der eigentlichen Falllösung geht. Auch der Lokalkolorit kommt nicht zu kurz, sodass man merkt, wie sehr der Autorin Norddeutschland am Herzen liegt.

Nordwesttod ist 2021 im Verlag Harper Collins erschienen und kostet als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.

Nachtrag: Svea Jensen ist das Pseudonym von Angelika Waitschies. Sie schreibt auch unter ihrem zweiten Pseudonym Angelika Svensson. Wer mehr über sie wissen will, wird auf ihrer Homepage fündig.

Freitag, 5. März 2021

# 280 - Es ist alles so optimal hier

Theresa Hannig hat mit ihrem Debütroman Die Optimierer einen Blick in unsere Zukunft geworfen. 

Wir sind im Jahr 2052 und Deutschland ist kaum noch wiederzuerkennen: Die Europäische Union gibt es seit 2031 nicht mehr, Deutschland ist nun Mitglied der BEU, der 'Bundesrepublik Europa'. Zur BEU gehören außerdem Norwegen, Polen, Dänemark, Östereich, Frankreich, die Benelux-Länder sowie die Schweiz. Um die BEU wurde ein Grenzzaun gezogen, um die Flüchtlingsströme - insbesondere aus dem armen Italien - draußen zu halten. Das neu eingeführte Gesellschaftssystem wird als 'Optimalwohlökonomie' bezeichnet, und mit technischen Neuerungen, die angeblich zum Wohl und der Bequemlichkeit der Menschen eingeführt wurden, werden die Bürger nicht nur überwacht, sondern bis in den Schlaf hinein manipuliert. Dagegen ist 1984 von Aldous Huxley Kinderkram.

Im Mittelpunkt steht Samson Freitag. Er ist Anfang dreißig, lebt mit seiner Freundin in München und ist erfolgreicher Lebensberater. Seine Arbeit besteht darin, Bürger aufzusuchen und anhand eines standardisierten Kriterienkatalogs herauszufinden, für welche Tätigkeit an welchem Arbeitsplatz sie sich am besten eignen. Wer sich von ihm beraten lässt, muss seiner Empfehlung für mindestens zehn Jahre Folge leisten, bevor ein erneuter Termin bei der Lebensberatung möglich ist. Die übliche Grußformel "Jeder an seinem Platz!" passt da genau zum System.

Freitag ist ein Vorzeigebürger, der alles richtig machen will und die neue Gesellschaftsordnung voll und ganz unterstützt. Auf seine Eltern, die der Optimalwohlökonomie sehr skeptisch gegenüberstehen und sich immer wieder ihre kleinen Schlupflöcher suchen, blickt er mit einer Mischung aus Unverständnis und Sorge. Warum wollen sie nicht verstehen, dass die Regierung das Beste für alle will?

Neben weit verzweigten Überwachungsstrukturen zeichnet sich das Leben durch eine Reihe von Vorgaben aus. Der Verzehr von echtem Fleisch ist streng verboten; der Internetzugang ist zensiert; ein Privatauto ist nur wenigen verdienten Bürgern - darunter auch Freitag - vorbehalten, alle anderen nutzen Bahnen, Segways, Fahrräder oder sog. Kommunalautos, die sich selbst steuern; immer mehr humanoide Roboter, die kaum noch von echten Menschen zu unterscheiden sind, übernehmen im öffentlichen und privaten Bereich Aufgaben; die Partnersuche wird mithilfe der Volksdatenbank abgewickelt; klassische Schreibutensilien wie Notizbücher oder Füllfederhalter sind nostalgische Relikte aus einer fernen Vergangenheit. 

Freitags ausgeprägtes bürokratisches Pflichtgefühl hat dazu geführt, dass er fast 1.000 Sozialpunkte auf seinem persönlichen Bürgerkonto hat. Er hat sie sich durch Wohltaten und das obsessive Schreiben von Korrekturvermerken verdient. Sobald er die 1.000-Punkte-Marke erreicht hat, kann er mit einer Beförderung rechnen und auf weitere Privilegien hoffen. Freitag sieht eine glänzende Zukunft vor sich.

Aber dann kommt der Tag, an dem sich sein Leben von Grund auf ändern soll. Freitag beendet die Lebensberatung einer jungen Frau damit, dass er sie zur Kontemplation vorsieht. Damit bekommt sie bis zum nächsten Beratungstermin ein bedingungsloses Grundeinkommen, darf aber keinem Beruf nachgehen. Freitag hält sich bei seiner Entscheidung strikt an die Vorgaben und ist felsenfest davon überzeugt, auch hier richtig gehandelt zu haben. Doch schon zwei Tage später ist die Frau tot: Aus Verzweiflung über ihr Schicksal hat sie sich das Leben genommen. Für seine Vorgesetzten bei der Lebensberatung ist klar, dass Freitags Beratung fehlerhaft war und er für den Suizid verantwortlich ist. Er wird vom Dienst suspendiert. 

Der Verlust des angesehenen Berufs ist der Beginn einer unheilvollen Entwicklung. Freitags Freundin trennt sich von ihm, bei einem Besuch bei seinen Eltern servieren ihm diese einen echten Braten, um ihm eine Freude zu machen, und als ob das nicht schon reichen würde, schreibt Freitag einen Korrekturvermerk, in dem er einen bekannten Politiker eines Betrugs beschuldigt. Seine Sozialpunkte schmelzen zusammen wie Schnee im Sonnenlicht und binnen drei Tagen nach der Beratung der jungen Frau hat er den Status eines sog. Piretisten - eines Menschen, der in der sozialen Hierarchie auf der untersten Stufe steht und dem einige Bürgerrechte aberkannt wurden.

Lesen?

Die Optimierer zeichnet eine Welt, die von Technik dominiert wird und die Bürger in vorgegebene Handlungs- und Zukunftsschablonen zwängt. Absolut angepasstes Wohlverhalten wird belohnt, Fehler oder mangelnder Einsatz werden sanktioniert - dieses Prinzip gilt bereits heute in China. Das Land kann jedoch hinsichtlich der technischen Überwachungsmöglichkeiten bei Theresa Hannig Nachhilfe nehmen, die beschreibt, was hier tatsächlich denkbar und möglich wäre. 

Warum ein solches System, in dem individuelle Freiheiten nichts mehr gelten, von den meisten Menschen hingenommen wird, erklärt Hannig damit, dass diese mit einer bescheidenen Karriere, einem schönen Urlaub und ein bisschen Wohlstand zufrieden sind, das Wohl des Staates ihnen aber gleichgültig ist.

Hannig greift Themen auf, die seit Jahren diskutiert werden, und spinnt den Faden weiter: Klimawandel, Flüchtlinge, Wohlstand und Wirtschaftswachstum hängen miteinander zusammen. Sind politische Systeme wie die Optimalwohlökonomie Möglichkeiten, diese Probleme zu überwinden? Und führt eine vollständige Video- und Audioüberwachung der Bevölkerung zu mehr Sicherheit?

Samson Freitags Weg als sozialer Aussätziger nimmt einen Verlauf, den er sich wenige Tage zuvor nicht hätte vorstellen könnte. Das Ende des Romans ist konsequent, aber bis kurz vor dem Schluss dennoch überraschend. Die Optimierer ist ein spannend geschriebenes Buch, das uns nachdenklich machen sollte.

Die Optimierer ist 2017 im Bastei Lübbe Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.