Freitag, 22. April 2022

# 344 - Liebe geht durch den Magen

Maryse Condé wurde 1937 auf der zu Guadeloupe gehörenden Insel Grande-Terre geboren und gehört zu den wichtigsten französischsprachigen Schriftstellerinnen. Sie wuchs mit sieben älteren Geschwistern auf. Ihre Eltern waren gut situierte Bildungsbürger, die es sich leisten konnten, Hauspersonal zu beschäftigen. Schon früh war Condés liebster Ort die Küche, in der eine der Angestellten das Essen für die Familie zubereitete. Doch ihre kaltherzige Mutter kommentierte die Bemühungen ihrer Tochter mit den verächtlichen Worten: "Nur Dummköpfe begeistern sich fürs Kochen." Diese Haltung begegnet der Autorin und Professorin im Laufe ihres Lebens immer wieder: Freunde und Bekannte haben häufig Schwierigkeiten damit, die Intellektuelle mit der leidenschaftlichen Köchin in Einklang zu bringen.

Die Kränkung der Mutter saß tief, konnte Maryse Condé aber nicht vom Kochen abhalten. Sie studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne, veröffentlichte mehrere Bücher und übernahm Professuren an einigen Hochschulen, blieb ihrer Leidenschaft am Herd jedoch immer treu. Anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches Mets et Merveilles sagte sie 2015: "Avec la littérature, la cuisine est la passion qui domine ma vie." - "Kochen ist neben der Literatur die Leidenschaft, die mein Leben bestimmt."

Jetzt ist das Buch unter dem Titel Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen auf Deutsch erschienen. Maryse Condé beschreibt in 20 Kapiteln ihre Reisen in die unterschiedlichsten Länder. Viele von ihnen erfolgten auf Einladung von Hochschulen oder kulturellen Einrichtungen und immer spielte das Essen, das ihr und ihrem meistens mitreisenden Ehemann serviert wurde, eine große Rolle. Man kann durchaus sagen, dass Condés Bewertung einer Reise zu einem großen Teil von der Qualität der jeweiligen dort servierten Mahlzeiten abhing.

Der Buchtitel und das Coverfoto sind irreführend: Sie suggerieren, dass es sich hier um ein Kochbuch oder zumindest ein Buch handelt, das sich schwerpunktmäßig mit dem Kochen beschäftigt. Das ist jedoch nur zum Teil richtig. Condé benennt zahlreiche typische Landesgerichte, die sie während ihrer Reisen kennengelernt hat, und beurteilt deren Zubereitung. Sie schreibt auch über ihre Versuche, das eine oder andere Gericht nachzukochen, sodass ihre Vorliebe nicht zu übersehen ist. Sehr oft geht es jedoch um ihre Schwierigkeiten, von anderen Menschen akzeptiert zu werden: In New York begreift sie, dass sie trotz ihrer Hautfarbe nicht Teil der afro-amerikanischen Community sein kann; in Indien wird sie wegen ihres ungewohnten Äußeren von Einheimischen auf der Straße ausgelacht und traut sich kaum noch aus dem Hotel.

Maryse Condé benennt auch ihre Schwächen, die sie zum Teil nur schwer überwinden kann: Es fällt ihr beispielsweise schwer, die Homosexualität ihres Sohnes zu akzeptieren und sie ist irritiert, als sie eine in New Orleans lebende Hochschuldozentin kennenlernt, die ihr von ihrer Beziehung mit einer Frau erzählt.

Je weiter man sich dem Ende des Buches nähert, desto mehr verfestigt sich der Eindruck, dass sich Maryse Condé mit ihm von ihrem Publikum verabschieden will. In Kapitel 15 ist erstmals von einer fortschreitenden Erkrankung die Rede, die ihr immer mehr von ihrer Kraft und Mobilität raubt. Als ihr das Gehen zu schwer fällt, entschließt sich Condé sogar, ihr Ferienhaus in ihrer Heimat zu verkaufen, um sich wegen der besseren medizinischen Versorgung nur noch in Paris und New York aufzuhalten.

Lesen?

Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen lädt dazu ein, sich Maryse Condé nicht nur kulinarisch zu nähern, sondern sie auch als Persönlichkeit mit einem bewegten und oft schweren Leben kennenzulernen. Die Besonderheit ihres Gesamtwerks und ihrer Erzählkunst wurden 2018 mit dem alternativen Literaturnobelpreis, der in diesem Jahr einmalig vergeben wurde, honoriert. Der Hintergrund dieser Auszeichnung war ein Skandal in der Schwedischen Akademie, der dazu führte, dass damals die Verleihung des regulären Nobelpreises für Literatur ausgesetzt wurde (mehr dazu: hier). Leseempfehlung!

Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen ist im März 2022 im Litradukt Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 24 Euro. Der Litradukt Verlag ist nach eigenen Angaben der einzige deutschsprachige Verlag mit einem Schwerpunkt auf karibischer Literatur.


Sonntag, 10. April 2022

# 343 - Syrien - aus der Ferne betrachtet

Seit nun schon elf Jahren befindet sich Syrien im
Bürgerkrieg. Er wurde durch die gewaltsam niedergeschlagenen Proteste gegen den immer noch amtierenden Präsidenten Baschar al-Assad ausgelöst. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen starben mehr als 350.000 Zivilisten, etwa 5,6 Millionen Syrerinnen und Syrer sind aus ihrem Heimatland geflohen - alte und junge Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollten. Die Bedrohung besteht bis heute, ein Ende ist nicht abzusehen.

Djuman Badran ist im Roman Unser Haus dem Himmel so nah von Shahla Ujayli die Hauptperson. Sie ist promovierte Anthropologin und hat sich vor dem Krieg in der jordanischen Hauptstadt Amman in Sicherheit gebracht. Djuman führt die Leserinnen und Leser durch etwa 100 Jahre syrische Geschichte, indem sie auf Menschen trifft, die sie bereits kennt oder die neu in ihr Leben treten. Vom Krieg in ihrer Heimat und dessen Auswirkungen auf die Bevölkerung erfährt sie in Telefonaten mit ihrer in ihrer Geburtsstadt Raqqa gebliebenen Familie und über die Auswertung von Statistiken. Sie leidet mit ihrem Vater und ihren Geschwistern, die ihr von den Taten des IS berichten, aber als Djuman erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist, überlagern ihre Angst um das eigene Leben und die schmerzhafte Therapie die Nachrichten von zu Hause.

Ihr steht Nasser al-Amiri zur Seite. Djuman hat den Klimaforscher auf einem Flug von Tunesien nach Amman kennengelernt, und nach einer langsamen und vorsichtigen Annäherung werden sie ein Paar. Nasser hat syrische Wurzeln, sein Großvater war Rechtsanwalt in Aleppo, bevor er aus politischen Gründen nach Damaskus zog. Nasser lebt zum Zeitpunkt des Kennenlernens in Abu Dhabi.

Unser Haus dem Himmel so nah ist kein Roman, der stringent eine Geschichte erzählt. Es ist ein Roman über zahlreiche Menschen aus dem arabischen Raum, die es wegen politischer Krisen in ihren Heimatländern in die ganze Welt zieht. Sie verlassen ihr Zuhause, um irgendwo anders eine Zukunft und ein neues "Haus" aufzubauen. Informationen werden über Dialoge oder Monologe transportiert, wodurch die jeweiligen Personen besser kennen gelernt werden.

Man wird beim Lesen den Eindruck nicht los, dass sehr viel von Shahla Ujaylis eigener Geschichte in dieses Buch eingeflossen ist. Dieser Eindruck entsteht nicht nur durch die genaue Darstellung der einzelnen Menschen, sondern auch den Umstand, dass die Autorin in einem akademisch geprägten Umfeld aufgewachsen ist, das dem in ihrem Roman sehr ähnlich ist. Sogenannte "einfache Leute" kommen so gut wie gar nicht vor.

Lesen?

Trotz dieser etwas eingeschränkten Sichtweise ist Unser Haus dem Himmel so nah ein empfehlenswertes Buch. Shahla Ujayli ermöglicht insbesondere den Leserinnen und Lesern unseres eigenen Kulturkreises kulturelle und historische Einblicke, die Nachrichten oder Geschichtsbücher in dieser Form nicht vermitteln können.  

Unser Haus dem Himmel so nah ist in der vorliegenden deutschen Übersetzung von Christine Battermann 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro. Der Roman stand auf der Shortlist für den International Prize of Arabic Fiction.

Freitag, 1. April 2022

# 342 - Wut - Nicht unbedingt die Wurzel der Zerstörung

Der Hirzel Verlag widmet sich in einer neuen Buchreihe
den sogenannten Todsünden. Zeitgleich mit dem Titel Gier erschien Wut - Mut zum Zorn. Die Ärztin und Journalistin Johanna Kuroczik hat sich einem emotionalen Zustand gewidmet, der uns sehr befremdet, wenn wir ihn bei anderen Menschen wahrnehmen.

Kuroczik sieht sich die Wut von allen Seiten an. Sie wirft einen langen Blick zurück in die Geschichte der Menschheit und stellt Ausbrüche von Zorn (der eigentlichen Todsünde) schon bei Gott fest: Der tobende und Angst machende Gott nimmt die Position eines strafenden Vaters ein, während Jesus' Zorn nicht länger als unbedingt nötig aufflackert, um sich dann in eine positive Energie zu verwandeln, die Gutes tut.
Wer übrigens glaubt, dass die sieben Todsünden aus der Bibel stammen, erfährt, dass hierbei (wieder mal) ein Papst seine Finger im Spiel hatte.

Selbstverständlich ist auch den modernen Menschen unserer Zeit die Wut nicht fremd. Johanna Kuroczik berichtet von Studien, die sich mit dem Bruder des Zorns, dem Jähzorn, beschäftigen, und stellt einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden fest: Im Gegensatz zur Wut lässt sich der Jähzorn nicht kontrollieren. Wer aber dessen Wurzeln kennt, kennt auch Strategien, damit umzugehen.

Wut (oder Zorn) hat ihren Ursprung in unserem Gehirn. Um das verständlich zu machen, stellt die Autorin die aktuellen Erkenntnisse aus der Hirnforschung vor und macht deutlich, dass es für einen Wutausbruch nicht den einen Grund, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren gibt. Ein leicht reizbarer Mensch macht es sich zu einfach, sich mit dem Verweis auf seine Gene aus der Verantwortung zu ziehen.

Kann Wut auch eine positive Wirkung haben? Und richtet sie sich nur gegen diejenigen, die man ohnehin nicht leiden kann? Auf diese Fragen gibt Johanna Kuroczik einfache und verständliche Antworten, die man vor dem Lesen ihres Buches möglicherweise nicht so deutlich gesehen hätte.

Wut wird gesellschaftlich sogar unterschiedlich wahrgenommen, wenn sie bei Männern oder Frauen beobachtet wird: Ein wütender Mann wird eher als durchsetzungsstark empfunden als eine aus der Haut fahrende Frau. Aber woher kommen diese rational nicht nachvollziehbaren Bewertungen?

Das nachfolgende Zitat Johanna Kurocziks befindet sich zwar nicht am Ende ihres Buches, kann aber gut als Fazit dienen:
"Gefühle erfüllen einen Zweck - sonst hätte die Evolution sie längst abgeschafft. Wut im gesunden Maße ist ein integraler Bestandteil des Menschsein. Es gibt kein Leben ohne Zorn." (Seite 120)

Lesen?

Wut - Mut zum Zorn ist trotz des Buchtitels keine Aufforderung, sein Leben als wandelnder Hochofen zu verbringen, sondern wirft einen klaren und sachlichen Blick auf eine Emotion, die tatsächlich Gutes bewirken, aber ungebremst für viel Zerstörung sorgen kann. Eine sehr interessante Lektüre, die ein neues Licht auf diese Todsünde wirft.

Wut - Mut zum Zorn ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 15 Euro (Klappenbroschur).

Freitag, 25. März 2022

# 341 - Ein Krimi aus einer "untergegangenen" Landschaft

Karin Joachim hat nach mehreren 2014 und 2015
erschienen Ratgeberbüchern 2016 mit Krähenzeit ihren ersten Krimi veröffentlicht. Sie lebt im Ahrtal und kennt die Gegend wie ihre Westentasche. Was lag da näher, als ihren ersten Kriminalfall dort spielen zu lassen?

Krähenzeit ist der Auftakt einer bislang vierbändigen Reihe, in deren Mittelpunkt die Kölner Kriminaltechnikerin Jana Vogt steht. Jana hat im Zuge von Ermittlungen, die im Buch nicht weiter erläutert werden, ein traumatisches Erlebnis erlitten und den ohnehin geplanten zweiwöchigen Urlaub in Ahrweiler nun bitter nötig. Ihr Airedale Terrier Usti weicht dabei nicht von ihrer Seite. Doch man ahnt es schon: Janas Wunsch nach Entspannung muss warten. Bei einem Spaziergang in den Weinbergen findet sie einen Toten. Schnell ist klar, dass es sich um einen in Ahrweiler wohnenden Hobbyhistoriker handelt.

Jana ist natürlich klar, dass sie als Beamtin des Landes Nordrhein-Westfalen bei Ermittlungen, die sich mit einem Mordfall in Rheinland-Pfalz beschäftigen, nichts verloren hat. Aber sie kann einfach nicht anders und überlegt gemeinsam mit Hauptkommissar Clemens Wieland von der Mordkommission Koblenz, was es mit diesem Mord auf sich haben könnte. Es wird immer deutlicher, dass das örtliche Kloster Marienthal eine wichtige Rolle spielt - und Jana spürt nicht nur, dass sie verfolgt wird, sondern jemand bricht sogar in ihr Hotelzimmer ein und stiehlt ein Buch, das sich mit der Geschichte des Klosters beschäftigt.

Es soll nicht bei diesem einen Toten bleiben. Schon vier Tage später wird ein Kölner Antiquitätenhändler von seiner Frau ermordet in seinem Geschäft aufgefunden. Jemand hat ihn mit einer Krähenskulptur erschlagen. Soll das ungewöhnliche Tatwerkzeug ein Hinweis sein? Und gibt es eine Verbindung zu der Ermordung des Mannes in Ahrweiler?

Jana folgt ihrem Instinkt und ihrer Kombinationsgabe. Die gute Nase ihres Hundes ist da ebenfalls sehr hilfreich. Usti wird es zum Schluss auch zu verdanken sein, dass sein Frauchen die Ermittlungen überlebt.

Lesen?

Krähenzeit ist ein spannender Lokal-Krimi, dem man die Liebe der Autorin zum Ahrtal anmerkt - das nach dem verheerenden Hochwasser im Juli 2021 anders als damals aussehen dürfte. Karin Joachim hat einen flüssigen Schreibstil, sodass das Buch eine rundum gelungene Unterhaltung bietet.

Krähenzeit ist 2016 im Gmeiner Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 12 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.

Freitag, 18. März 2022

# 340 - Alls över Plattdüütsch

Plattdeutsch, Plattdüütsch oder kurz 'Platt' kenne ich
aus meiner Kindheit. Meine Eltern sprachen mit ihren Eltern und Geschwistern sowie den Menschen aus ihrem Heimatort im Weserbergland immer Platt. An uns Kinder wurde das nicht direkt weitergegeben und hätte uns dort, wo wir aufgewachsen sind, auch nicht weitergeholfen.

Das Plattdeutsche erzeugt in mir so etwas wie ein Heimatgefühl, obwohl ich es so gut wie nicht sprechen kann; das Verstehen klappt aber meistens. Deshalb hat mich sehr interessiert, was Reinhard Goltz in seinem Buch Plattdeutsch - vom Klönen und Schnacken darüber zu sagen hat.

Goltz ist seit 20 Jahren Sprecher des Bundesrates für Niederdeutsch - wie das Plattdeutsche in wissenschaftlichen Kreisen bezeichnet wird - und hat zahlreiche Bücher auf Platt veröffentlicht. In 48 Kapiteln hat er sich dem Plattdeutschen von allen Seiten genähert: Man erfährt viel über die Grammatik, die Herkunft zahlreicher Begriffe, die unterschiedlichen Varianten des Platts in deutschen Städten oder Regionen sowie eine Menge Anekdoten über das Plattdeutsche. 

Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass ich selbst Begriffe verwende, die aus dem Plattdeutschen stammen: So sage ich z. B. 'Trecker' anstatt 'Traktor' oder 'Döneken', wenn ich 'Blödsinn' meine.
Reinhard Goltz hat sich auch Beispiele für plattdeutsche Lieder angesehen: 'Dat du mien Leevsten büst' ist so etwas wie eine Hymne des Plattdeutschen. Das schreibt der Autor und ich empfinde das ebenso. Dieses Lied ist mir immer wieder begegnet, eine der schönsten Versionen ist beim Chorexperiment des NDR entstanden, das ihr hier sehen und hören könnt - mit Text.

Ganz nebenbei erfährt man beim Lesen viel über die Geschichte der Hanse, den Piraten Störtebeker (und die Bedeutung seines Namens) oder die niederdeutsche Herkunft von Familiennamen. Und noch etwas Vertrautes, aber lang Vergessenes ist mir hier wieder begegnet: Das Gedicht des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Bislang war mir nicht aufgefallen, dass darin nur die wörtliche Rede auf Platt formuliert ist, denn diese Sätze haben sich mir eingeprägt, seitdem ich das Gedicht in der Schule kennengelernt habe: "Junge, wiste 'ne Beer?" - "Lütt Dirn, kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn." Der alte Herr von Ribbeck stirbt, aber auf seinem Grab wächst ein Birnbaum, und eine flüsternde Stimme fordert die Kinder auf, sich eine Birne zu nehmen.

Plattdeutsch - vom Klönen und Schnacken wird auch an anderer Stelle zu einer Reise in die Vergangenheit: Die volkstümlichen Stücke des Hamburger Ohnsorg-Theaters wurden und werden auf Platt aufgeführt und waren früher als Fernsehübertragungen ziemlich beliebt.
Goltz verweist auch auf die plattdüütschen Radiosendungen, die von norddeutschen Sendeanstalten ausgestrahlt werden. Auch da kenne ich eine noch aus meiner Kindheit: 'Hör mal 'n beten to' ist seit mehr als 60 Jahren Teil des Programms von NDR 1. 

Lesen?

Auf jeden Fall, wenn man sich für Sprachen und insbesondere für Plattdüütsch interessiert!

Plattdeutsch - vom Klönen und Schnacken ist im März 2022 im Duden Verlag erschienen und kostet 12 Euro.

Freitag, 11. März 2022

# 339 - Die Wiederentdeckung eines einst bekannten spanischen Reporters

Manuel Chaves Nogales war in den 1920-er, 1930-er und 1940-er Jahren einer der bekanntesten und herausragendsten spanischen Journalisten. Er wurde 1897 in Sevilla geboren und starb 1944 im Exil in London. Rückblickend kann man sagen, dass er zu den ersten narrativen Journalisten gehörte.

Chaves Nogales war ein liberal denkender Mensch, der aufgrund seiner Haltung Feinde sowohl im kommunistischen als auch faschistischem Lager hatte: Die seit 1931 existierende Zweite Spanische Republik wurden von diesen beiden politischen Strömungen scharf attackiert. Ihr Ende wurde 1936 durch einen Staatsstreich gegen die linke demokratisch gewählte Regierung eingeläutet, der von einem rechtsgerichteten General angeführt worden war und später in den Spanischen Bürgerkrieg mündete.

Für die 1930 in Madrid gegründete Zeitung Ahora arbeitete Chaves Nogales ab 1931 als Direktor und berichtete in seinen Vor-Ort-Reportagen aus der ganzen Welt. Seine Texte telegrafierte er Wort für Wort nach Spanien. Auch für damalige Verhältnisse waren die Artikel sehr ausführlich, für heutige ohnehin. Als die Regierung Madrid verließ, ging Chaves Nogales ins Exil nach Paris, das er wenige Jahre später verließ, als sich die deutschen Truppen auf die französische Hauptstadt zu bewegten. London wurde für seine letzten Lebensjahre Chaves Nogales' Heimat.

Mit dem Ende von Ahora 1939 verschwand Manuel Chaves Nogales in der Wahrnehmung der spanischen Bevölkerung. Eine liberale Presse existierte in Spanien nicht mehr. Die Leserschaft der Ahora hatte keinen Zugriff auf seine Reportagen, die nun in Zeitungen und Zeitschriften außerhalb Spaniens abgedruckt wurden. So wurde der Journalist im Laufe der Zeit vergessen. Erst eine Forschungsarbeit der Professorin María Isabel Cintas Guillén führte dazu, dass man sich in Spanien nicht nur mit der Person des Journalisten Manuel Chaves Nogales, sondern auch mit seinen Reportagen beschäftigte, um Teile der spanischen Geschichte, insbesondere die Zeit des Franco-Regimes, aufzuarbeiten.

Das Buch Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer beschäftigt sich mit einer Reise von Manuel Chaves Nogales im Jahr 1934. Der Journalist begleitete eine kleine spanische Expeditionsgruppe in die marokkanische Enklave Ifni, die den Auftrag hatte, dort die spanische Kolonialisierung zu realisieren. Vor Ort ging er einem Gerücht nach, das mit einem Trauma des spanischen Militärs zusammenhängt, dem "Desaster von Annual". In Spanien wurde damals immer wieder kolportiert, dass dort noch 300 spanische Soldaten von Berbern gefangen gehalten werden. Chaves Nogales entlarvte dieses Gerücht als "politisches Spiel mit der Leichtgläubigkeit", wie es der Übersetzer und Verleger Frank Henseleit in seiner ausführlichen Einführung beschreibt.

Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer enthält drei Reportagen des einst bekannten Journalisten: Neben dem über die Gefangenen berichtet der Spanier über die Kolonisierung von Ifni sowie über seine Bruchlandung auf dem Weg dorthin. Alle Artikel wurden aus den jeweiligen Original-Zeitungsartikeln von Henseleit übersetzt und mit dem Zeitungskopf der Ahora ausgestattet. Der erste Artikel stammt vom 10. Januar 1934 und kann hier im Original nachgelesen werden.

Manuel Chaves Nogales tat das, was wir uns auch heute von Journalisten wünschen: Er ging auf Menschen zu, war mittendrin im Geschehen, stellte kritische Fragen und nahm seine Leserschaft mit - in fremde Länder ebenso wie in seine Gedanken. Das alles fasste er in verständliche Worte und ausführliche Artikel, die umfassend informierten.

Lesen?

Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer verdient unbedingt eine Leseempfehlung. Alles, was Leserinnen und Leser für das geschichtliche Verständnis benötigen, um Chaves Nogales' Artikel zu verstehen, steht in Frank Henseleits Einführung. 

Das Buch ist 2021 im Kupido Verlag erschienen und kostet 24,80 €. Unter dem Verlagslink findet ihr einen Buch-Teaser mit weiteren interessanten Informationen über Manuel Chaves Nogales. Der Verlag beginnt mit dieser Veröffentlichung eine Reihe über die Werke des spanischen Journalisten.

Sonntag, 6. März 2022

338 - Dystopie mit Auffangnetz

John Ironmonger hat sich in seinem 2019 erschienenen Buch Der Wal und das Ende der Welt die Frage gestellt, wie es sein würde, wenn die Welt von einem extrem gefährlichen Virus bedroht werden würde. Nein, kein Corona-, sondern ein extrem gefährlicher Grippevirus ist es, der die Menschheit existenziell bedroht.

Ironmonger wurde durch  ein Forschungsprojekt auf die Idee zu seinem Buch gebracht, von dem er 2014 erfahren hatte. Der an der University of Wisconsin-Madison beschäftigte Wissenschaftler Yoshihiro Kawaoka hatte auf der Grundlage des Erregers der Spanischen Grippe eine besonders aggressive Virusmutation entwickelt, die dem menschlichen Immunsystem entgehen kann. Das Projekt war sehr umstritten und Kawaoka hat wegen der Gefährlichkeit der neuen Virusmutation seine Forschungsergebnisse nicht veröffentlicht. Das Ergebnis seiner Arbeit liegt seitdem in einem Hochsicherheitslabor.

Die Hauptperson des Romans ist Jason "Joe" Haak, ein junger Mathematiker, der als Analyst bei einer Investmentbank arbeitet. Um besonders erfolgreich bei Leerverkäufen von Aktien zu sein, entwickelt Joe das Programm "Cassie", das Krisen in einem begrenzten Zeitraum berechnen und vorhersagen kann. Doch dann scheint Cassie zu versagen, der Bank entstehen Millionenverluste. Joe verlässt fluchtartig seinen Arbeitsplatz.

Verzweifelt fährt er ziellos umher, bis die Straße in dem kleinen abgelegenen Fischerdorf St. Piran in Cornwall endet. Hier geht Joe nackt in den Atlantik, um seinem irdischen Dasein ein Ende zu machen. Doch der Plan geht nicht auf: Durch die Welle, die ein auftauchender Finnwal verursacht, wird er an den Strand gespült. Joe überlebt, doch einen Tag später wird ein Finnwal an den Strand von St. Piran gespült, der nicht aus eigener Kraft zurück ins Meer kommt. Joe motiviert die Dorfbewohner, das Tier mit vereinten Kräften zu retten, und wird für die Einheimischen zum Helden.

Joe lässt der Gedanke an Cassie jedoch keine Ruhe und er wählt sich in das Programm ein. Was er dort sieht, lässt Böses ahnen: Ein offenbar sehr aggressiver Grippevirus hat seine Wanderung um die Erde angetreten. Joe ist sofort klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis auch in den Dörfern Cornwalls die ersten Menschen erkranken und sterben würden. Er beschließt, Vorsorge zu treffen und sein ganzes Vermögen einzusetzen, um die Menschen in St. Piran vor diesem Schicksal zu retten. Cassie kann zwar Ereignisse und ihre Auswirkungen bewerten, nicht aber, wie sich Menschen in Notlagen verhalten. Liegt hierin eine Chance?

Lesen?

John Ironmonger nimmt sowohl bei Thomas Hobbes' Leviathan, der biblischen Geschichte "Jona und der Wal" als auch dem Buch "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" des Pulitzer-Preisträgers Jared Diamond Anleihen. Er macht sich darüber Gedanken, inwieweit es noch einen gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt, wenn eine riesige Katastrophe über uns hereinbricht.

St. Piran hält zusammen, obwohl die 307 Bewohnerinnen und Bewohner keine homogene Gemeinschaft sind. Ironmonger erzählt von Geheimnissen, ungewöhnlichen Fähigkeiten einzelner Menschen und - das darf wohl nicht fehlen - der Liebe. Es geht in seinem Buch um Ethik und Moral sowie den unbedingten Willen, das eigene Leben und das der Mitmenschen zu erhalten.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung möchte ich nicht abgeben. Der Roman gehört zwar zu der Sorte, die man zur Hand nimmt und erst nach dem Lesen der letzten Seite wieder weglegt; dennoch empfinde ich ihn in der Gesamtschau als zu weichgespült und in weiten Teilen vorhersehbar. Das Ende, das sich Ironmonger für seinen Helden Joe überlegt hat, habe ich als unglaubwürdig und merkwürdig empfunden. Der Wal und das Ende der Welt ist so etwas wie eine Dystopie light.

Der Roman ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als Hörbuch 9,99 Euro.

 

Samstag, 19. Februar 2022

# 337 - Das Schweigen am Fjord

Die dänische Schriftstellerin Stine Pilgaard war in Deutschland bislang unbekannt, aber das dürfte sich mit ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch Meter pro Sekunde ändern.

Eine namenlose Ich-Erzählerin zieht mit ihrem ebenfalls namenlosen Freund und dem gemeinsamen kleinen Sohn für ein Jahr von Kopenhagen in das Dorf Velling. Der Freund hat dort eine Stelle als Lehrer bei der örtlichen Heimvolkshochschule bekommen, die auch die Wohnung der kleinen Familie stellt.

Velling liegt in Westjütland beschaulich an einem Fjord, hat weniger als 300 Einwohner, deren Häuser sich mit zum Teil großen Abständen längs der Durchgangs- und der wenigen Seitenstraßen verteilen. Es gibt eine Kirche, ein Lebensmittelgeschäft, zwei Schulen und jede Menge Gegend: Landwirtschaft und Windräder prägen das Bild rund um den Ort. Würden nicht hier und da ein paar Hecken oder Baumgruppen wachsen, würde sich der Blick irgendwo am Horizont verlieren. 

Für die junge Mutter ist das Leben in Velling ein Kulturschock. Kopenhagen war laut und lebhaft, die Menschen in Velling sprechen nur formal gesehen ihre Sprache: Im Alltag spürt die Erzählerin bei jeder Begegnung mit den Einheimischen, das sie anders ist. Sie muss sich mithilfe ihres Freundes ein ganz anderes Kommunikationsverhalten antrainieren und begreift, dass nicht jedes zufällige Treffen beim Einkaufen in ein geistig anspruchsvolles Gespräch münden sollte. Genauer: keines. Wer das Klischee über das Gesprächsverhalten der Norddeutschen kennt, weiß, was ich meine.

Die Begegnung mit dem in Dänemark populären Journalisten Anders Agger wird für die Erzählerin zu einem Highlight. Er gibt ihr wertvolle Hinweise, wie sie mit den Menschen in Westjütland kommunizieren sollte, um nicht anzuecken: Die Gemeinschaft ist wichtig, es sollen die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede thematisiert werden und Sex ist absolut tabu.

Und noch etwas macht der Erzählerin zu schaffen: Kaum angekommen, spürt sie das Ausmaß der sozialen Kontrolle der Dorfgemeinschaft. Insbesondere die Leiterin der Heimvolkshochschule erweist sich darin als eine Meisterin. Als sie erfährt, dass das junge Paar nicht verheiratet ist, kommentiert sie das mit den Worten: "Dann schau zu, dass sich das ändert." Ähnlich pragmatisch und konservativ geht sie mit den Themen Kindstaufe ("Da reden wir noch drüber") und Namensfindung für das Baby um und greift sofort zum Telefon, als es darum geht, der Erzählerin eine Stelle zu verschaffen.

Letzteres erweist sich als Glücksgriff, denn aufgrund dieser Intervention bekommt die junge Mutter bei der örtlichen Tageszeitung eine Stelle als "Kummerkasten". So öde und merkwürdig sie das Dorfleben findet, so sehr füllt sie diese neue Tätigkeit aus. Die anonymen Zuschriften der Leserinnen und Leser decken deren gesamte Gefühls- und Lebenswelt ab: Da ist zum Beispiel der Lehrer, der ein heimliches Verhältnis mit einer volljährigen Schülerin hat, oder eine verheiratete Frau, die in der Nähe eines anderen Mannes weiche Knie bekommt. Alle erhalten ausführliche und einfühlsame Antworten, die immer auch Anekdoten oder Erlebnisse der Erzählerin enthalten.

Ohne Auto ist man in Velling aufgeschmissen. Deshalb nimmt die Erzählerin Fahrstunden, die ihren wechselnden Fahrlehrern eine Menge Geduld und Selbstbeherrschung abverlangen. Auch das ist in das soziale Umfeld eingebettet und wird kommentiert und beobachtet. Nur unnötig viele Worte werden nicht gemacht. Die Stille der Menschen passt zu der der Landschaft, in der sie verwurzelt sind.

Letztendlich ist das Leben in der dänischen Einöde doch nicht so trostlos, wie es zunächst den Anschein hatte. Mit viel Witz erzählt Stine Pilgaard von den Sorgen und Nöten der kleinen Familie, wie es sie auch woanders gibt: der Kritik der Tagesmutter an der Kleidung und der Länge der Fingernägel des namenlosen Sohnes, der Eifersucht der Erzählerin gegenüber den Schülerinnen, die für ihren gutaussehenden Freund schwärmen, oder der beharrlichen Angewohnheit des kleinen Sohnes, jedes Ding mit dem Kommentar "Muuuh!" zu bedenken.

Pilgaard führt ein weiteres Element in ihren Roman ein, das vermutlich eher die dänischen Leserinnen und Leser begeistern dürfte: Sie textet Lieder aus dem Liederbuch der Heimvolkshochschulen so um, dass sie zu ihrer eigenen Lebenssituation passen. Da es diese ausgeprägte Tradition der in Dänemark verbreiteten Heimvolkshochschulen in Deutschland nicht gibt, lenkt das eher ab. 
Ich habe gelesen, dass der renommierte Übersetzer dieses Buches, Hinrich Schmidt-Henkel, am Ende des Buches erläutert, was es mit den Heimvolkshochschulen auf sich hat. Da es diesen Abschnitt im Hörbuch nicht gibt, kann hier oder hier nachgelesen werden, was es mit dieser Schulform auf sich hat.

Lesen?

Meter pro Sekunde ist das in Dänemark erfolgreichste Buch der letzten Jahre, wofür Stine Pilgaard mit dem Literaturpreis De Gyldne Laurbær ausgezeichnet wurde. Für das Verständnis hilft es, sich ein paar Kenntnisse über die dänischen Heimvolkshochschulen und ihre Bedeutung für die Bildung der Bevölkerung anzueignen. Um zu ermessen, in welcher Landschaft der Roman spielt, ist ein Blick darauf mithilfe eines bekannten Online-Routenplaners hilfreich.
Obwohl ich normalerweise einen Bogen um Hörbücher mache, hat mich dieses besonders überzeugt: Es wird von der Schauspielerin Caroline Peters (bekannt aus der Serie Mord mit Aussicht) gelesen, die das wirklich großartig macht. Nur das Singen der Lieder hat sie sich verkniffen, sie werden von ihr in einem Summton vorgetragen.

Meter pro Sekunde ist im Februar 2022 im Kanon Verlag erschienen und kostet sowohl als gebundenes Buch sowie als Hörbuch-Ausgabe (Laufzeit ca. sechs Stunden) 23 Euro.

Sonntag, 13. Februar 2022

# 336 - Das Tagebuch des Manfred Krug

Manfred Krug kennt man in Westdeutschland vor
allem aus dem Tatort und der Serie Liebling Kreuzberg. Auch der DDR-Film Spur der Steine
, in dem Krug 1966 die Hauptrolle des Zimmermanns und Vorarbeiters Hannes Balla spielte, und der schon bald nach dem Kinostart verboten wurde, war in der BRD bekannt.

Fast pünktlich zu Krugs 85. Geburtstag, den er am 8. Februar begangen hätte, ist dieses Buch erschienen: Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997. Der Zeitraum mag kurz erscheinen, doch in diesen beiden Jahren gab es im Leben des Schauspielers einige der einschneidendsten Ereignisse seines Lebens.

Einiges ist allgemein bekannt: Krug als Werbeikone der Telekom, Krug als Hauptdarsteller in den beiden oben genannten TV-Serien oder Krug als erfolgreicher Autor von Abgehauen, einer Abrechnung mit dem System der DDR. Der breiten Öffentlichkeit dürfte jedoch sein über viele Jahre geführtes privates Doppelleben neu sein: Mit seiner Frau Ottilie hatte er drei Kinder, mit einer Kollegin eine uneheliche Tochter. Es gelang ihm lange, die Beziehung geheim zu halten: Ottilie und Manfred Krug bewohnten in Westberlin gemeinsam eine Mietwohnung, direkt gegenüber hatte er eine weitere Wohnung angemietet, sein 'Atelier'. Dass ihr Mann dort seine Geliebte traf, erfuhr Ottilie Krug zufällig, als sie in der Zweitwohnung nachsehen wollte, ob dort noch ein Stück Butter im Tiefkühlschrank ist. Anstelle der Butter fand sie auf dem Ledersessel eine junge Frau in Unterwäsche vor. Das Baby auf dem Fußboden nahm sie gar nicht wahr. Vor 20 Jahren tauchte das Thema kurz in der deutschen Presse auf, um dann in der Versenkung zu verschwinden. Bis heute.

Manfred Krug schlägt in seinen Tagebüchern einen hemdsärmeligen und manchmal schnoddrigen Ton an. So, wie das Publikum ihn zum Beispiel in Interviews erlebt hat, gibt er sich auch in seinen niedergeschriebenen Gedanken. Immer wieder schimmert aber auch der sensible Mensch durch: Mit dem 1997 verstorbenen Jurek Becker verband Krug eine enge Freundschaft. Die beiden Männer standen sich sowohl privat und beruflich nah, und Krug beschreibt seine Gefühle, die er angesichts der sich verschlechternden Gesundheit seines Freundes (Becker litt an Darmkrebs) und bei dessen Beisetzung hatte.

25 Jahre ist es her, dass Manfred Krug die Tagebucheinträge machte. Beim Lesen wird deutlich, wie sehr sich einige Dinge, die den heutigen Umgang der Menschen miteinander ausmachen, geändert haben. Da geht es beispielsweise um Worte, die der Schauspieler ganz selbstverständlich benutzte wie das N-Wort oder den Begriff "türken" sowie seinen Blick auf hübsche Frauen, die im Buch namentlich genannt werden, weil sie "schöne Titten" oder einen "hübschen Hintern" haben. Für Krug waren das alltägliche Aussprüche, er betonte ausdrücklich, kein Rassist zu sein.

Krug war, so legt es sein Tagebuch nahe, ein Mensch mit vielen Facetten. Über das ein oder andere kann man sich durchaus wundern: Er wurde durch einen Fernsehbeitrag auf das Schicksal von polnischen Frauen aufmerksam, die in einem KZ inhaftiert gewesen sind, und beschloss sofort, für sie Geld zu spenden. Allerdings musste vorher eine Möglichkeit geschaffen werden, die Spende steuerlich geltend zu machen. An dieser und weiteren Stellen wird deutlich, dass Krug dem Staat mit Vorbehalten gegenüber stand.

Manfred Krug nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, seine Skepsis oder gar Verachtung auszudrücken. Die Menschen aus der Werbebranche, mit denen er für die Produktion von Fernseh- oder Radiospots Kontakt hatte, hielt er nicht für besonders fähig. Bei praktisch jedem Werbeprojekt griff Krug ein und schrieb den Text um, bis er ihm gefiel. Kompromisse ging er dabei nicht ein. Auch so mancher Drehbuchautor (mit Ausnahme von Jurek Becker) kam bei ihm nicht gut weg.
Mit Verachtung schrieb Krug über den "Ekelprollo-Darsteller" Tom Gerhardt, als dessen Film Ballermann 6 1997 in die Kinos kam: "Man muss Deutschland sehr lieben, wenn man die Deutschen lieben will. [...] Großer Erfolg in den Kinos. Echt würg, eh."

Das zentrale Ereignis, das Krug den Boden unter den Füßen weggezogen hat, war sein Schlaganfall im Sommer 1997. Er beschreibt genau, wo er sich in diesem Augenblick befand, wer bei ihm war und was er empfand. Nach dem Krankenhaus- folgte ein längerer Reha-Aufenthalt, den Krug fast hinter verschlossenen Türen verbrachte, um den draußen lauernden Reportern kein Material zu liefern.

Was machte den Menschen Manfred Krug noch aus? Man erfährt etwas über eines seiner liebsten Hobbys (über den Flohmarkt gehen und Trödel kaufen), seine innige Liebe zu seiner unehelichen Tochter (verbunden mit der Reue, vom Aufwachsen seiner älteren Kinder so wenig mitbekommen zu haben) und seine tief sitzende Unsicherheit: Nach jeder Folge einer TV-Serie waren ihm die Einschaltquoten und Marktanteile sehr wichtig, ebenso die gute Position seines Buches Abgehauen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Doch Krug stellt dabei fest: "Aber es sind nicht Viele, die sich außer mir freuen." 

Lesen?

Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997 ist ein Dokument der Zeitgeschichte, weil es zahlreiche Ereignisse wieder aufleben lässt, die nach und nach in Vergessenheit geraten sind. Allerdings ist das Buch voll mit Namen, die viele wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Ein Register, um die Bedeutung der Personen kurz zu erklären, wäre hier hilfreich gewesen. Mir sind z. B. noch die Namen Harald Juhnke (Schauspieler), Horst Jankowski (Jazzmusiker, Bandleader), Prof. Julius Hackethal (Mediziner), Horst Tappert (Schauspieler), Walter Momper (früherer Regierender Bürgermeister von Berlin) oder Rudolf Bahro (DDR-Dissident) geläufig, aber jüngeren Menschen wohl kaum. Viele andere Personen kennen wahrscheinlich diejenigen, die in der DDR gelebt haben, mir haben viele Namen jedoch nichts gesagt. 

An etlichen Stellen blitzt Manfred Krugs trockener Humor auf, etwa wenn er das Phänomen, dass Hamburger um 21 Uhr die Gaststätten verlassen und nach Hause eilen, als "hamburgische Selbstkasernierung" bezeichnet oder über die erste Folge der seichten Fernsehserie Klinik unter Palmen nur schreibt: "War sicher ein schöner Drehort."

Tagebücher sind etwas sehr Intimes. Die meisten Menschen wollen nicht, dass sie von anderen gelesen werden. Hätte Manfred Krug der Veröffentlichung seiner eigenen Tagebücher zugestimmt? In seinen Erinnerungen an den Tag seines Schlaganfalls schrieb er, dass er unbedingt wollte, dass sein Computer ausgeschaltet wird: "Niemand sollte meine Notizen lesen, das war mir das Wichtigste." Doch ein halbes Jahr später schien er seine Meinung geändert zu haben: "Sollte ich schneller wegsterben als erhofft, und sollte sich ein Verlag finden, der diese Notizen drucken will, so wäre es gut, wenn ein ordentlicher Schreiber das Ganze ein bißchen einköcheln würde." Genau das wurde gemacht.

Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997 ist 2022 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro. Mit einem Nachwort der Lektorin Krista Maria Schädlich, die alle Bücher Manfred Krugs betreute.

Freitag, 4. Februar 2022

# 335 - So wird sich Deutschland bis 2050 verändert haben, wenn wir nichts dagegen unternehmen

Letzte Woche wurde hier ein Buch vorgestellt, in dem es um einen Ausblick auf die Welt im Jahr 2030 ging, heute reicht der Blick noch weiter: Toralf Staud und Nick Reimer schauen in ihrem Buch Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird noch weiter in die Zukunft.

Womit müssen wir in knapp 30 Jahren rechnen? Wie wird sich das Klima in Deutschland bis dahin verändert haben und welche Folgen hat das genau für unser Leben? Staud ist Journalist und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Klimawandel; Reimer hat Energieverfahrenstechnik studiert, lehrt an der Universität Lüneburg und erhielt vor einigen Jahren den Otto-Brenner-Preis für seinen Blog Klimaluegen-detektor.de.

Wer heute in den sonnigen Süden fährt, um sich dort die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, kann sich das in Zukunft sparen: Das Durchschnittswetter in Hamburg wird sein wie das heute in Pamplona, in Berlin wird man sich 2050 fühlen wie heute in Toulouse. Ist das nicht prima? Man kann sich die weiten Wege in den Sommerurlaub sparen und bekommt auch in Norddeutschland bequem einen Sonnenbrand.

Nein, diese Aussichten sind nicht das, was wir uns wünschen. Während es im Südwesten Deutschlands bis zum Jahr 2000 an etwa 30 Tagen im Jahr Temperaturen von mehr als 25° C gab, werden es in 30 Jahren 80 Tage sein. Dort wird es Höchsttemperaturen von 45° C geben. Für obdachlose Menschen wird man im Sommer Kühlräume benötigen, Altenheime werden nicht mehr ohne Klimaanlagen auskommen.

Diese und alle weiteren Prognosen haben sich die Autoren nicht aus den Fingern gesogen. Ihre Darstellung basiert auf zahlreichen Studien und Gesprächen mit Wissenschaftlern. Reimer und Staud haben sich u. a. mit Fachleuten für Wasserwirtschaft, beim Deutschen Wetterdienst, Botanikern, Agrar- und Forstwissenschaftlern, Verkehrs- und Energieexperten, Feuerwehrleuten, Soziologen, Klimaforschern und Ökonomen unterhalten und sie nach ihren Einschätzungen befragt.

Auch hinsichtlich der zu erwartenden Niederschläge zeichnen die beiden Autoren ein Zukunftsszenario, von dem wir bereits beispielsweise mit der Überflutung des Ahrtals im Sommer 2021 einen Vorgeschmack bekommen haben. Im Winter wird es viel regnen, im Sommer wenig, dann jedoch vermehrt als Starkregen: Das Wasser reißt Menschen in den Tod und richtet hohe Sachschäden an, aber unsere Grundwasserreservoirs werden kaum aufgefüllt, weil die Wassermengen nicht von den Böden aufgenommen werden können. Die daraus entstehende Wasserknappheit zieht Konflikte nach sich, die sich z. B. zwischen der Industrie, der Landwirtschaft und den privaten Verbrauchern abspielen werden. Ebenso werden starke Stürme immer alltäglicher.

Auch hinsichtlich der öffentlichen Infrastruktur wird es Probleme geben: Da es viel mehr heiße Tage mit sehr hohen Temperaturen geben wird, muss deutlich häufiger mit Zugausfällen wegen verformter Schienen gerechnet werden. Dass an Hitzetagen auch Straßenbeläge schmelzen, haben wir bereits vereinzelt gesehen und werden es künftig immer häufiger erleben.

Reimer und Staud erläutern die Auswirkungen des Klimawandels auch auf weitere Bereiche: Es wird starke Veränderungen im Tourismus geben, wir müssen mit mehr Waldbränden rechnen, 30 % der in Deutschland heimischen Pflanzenarten sind bedroht. 

Eine Fülle von Fakten dient als Grundlage für dieses Buch. Das, was wir beim Lesen als schockierend empfinden, hat jedoch leider nichts mit Übertreibung oder Fiktion zu tun, sondern es ist genau das, was uns erwartet.

Was können wir tun, um diese Entwicklung zu verhindern? Können wir überhaupt noch etwas aufhalten, quasi das Ruder herumreißen? 
Für manches ist es tatsächlich bereits zu spät. Die Menschheit hat so viele Treibhausgase emittiert, dass es zu einer im Vergleich zum Jahr 1881 um etwa 2° C höheren Durchschnittstemperatur gekommen sein wird. Da könnte man natürlich fragen: Ist der Kampf gegen den Klimawandel dann nicht schon verloren? Hat es überhaupt noch Sinn, die bisherige Lebensweise zu verändern?

Das größte Hindernis, wenn es um Verhaltensveränderungen geht, sind wir selbst. Menschen halten gern am Gewohnten fest und können nur schlecht langfristig denken. Wenn es darum geht, das eigene Verhalten an veränderte Gegebenheiten anzupassen, neigen wir dazu, diesen Umstand zu ignorieren und allerlei Gründe herbei zu fabulieren, um an unserer bisherigen Lebensweise festzuhalten.
Ein weiteres Problem, wenn es um Klimaschutzmaßnahmen geht, ist das Verhalten von Politikern: Das, was da eigentlich angestoßen werden müsste, um einen Einfluss auf das Klima zu haben, ist für die Bürgerinnen und Bürger unbequem und darum unpopulär. Die Erfolge von Programmen oder Einschnitten zeigen sich erst dann, wenn diejenigen Verantwortlichen, die sie angestoßen haben, gar nicht mehr an der Macht sind. Das macht sie heute unattraktiv. Und das trotz der eindringlichen Warnung der WHO, dass es bis zum Ende dieses Jahrhunderts mehr Menschen geben wird, die wegen des Klimawandels als aufgrund von Infektionskrankheiten gestorben sind.
Nicht zuletzt ist es die schleichende Entwicklung des Klimawandels, die nicht so plötzlich daherkommt wie eine Pandemie mit in die Höhe schießenden Infektions- und Todeszahlen. Da kann man sich eine ganze Weile einreden, dass "alles nicht so schlimm" ist.

In 14 Kapiteln wird in Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird jeder Bereich unseres Lebens unter die Lupe genommen. Spoiler: Wir werden unser Land in 30 Jahren nicht wiedererkennen, in wirklich jedem Bereich werden sich die Verhältnisse grundlegend verschlechtern. Die beiden Autoren nehmen in ihrer Einleitung bereits vorweg, was nach ihrer Einschätzung und der der o. g. Experten unbedingt nötig ist: "Strenger Klimaschutz rettet also zumindest noch etwas Stabilität. Man könnte sagen, er sichert unser Zuhause, unser Eigentum, unsere Städte. Oder noch kürzer: Klimaschutz bewahrt Heimat. Wer verhindern will, dass Deutschland sich noch stärker verändert, als in diesem Buch geschildert, muss sofort mit dem schärfsten Klimaschutz anfangen, den er sich überhaupt vorstellen kann."

Lesen?

Dieses Buch sollte wirklich jede/r lesen! Es ist sehr gut verständlich, die Schlussfolgerungen wurden sehr gut nachvollziehbar erläutert.

Deutschland 2050  - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird ist 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.