Die Literaturwissenschaftlerin Carina Heer vereint in ihrem Buch Teufelsweiber die Biografien von 100 Frauen, die alles andere als langweilig waren. Dabei geht es ihr jedoch nicht nur um die Guten unter den Frauen, die etwas getan haben, das der Welt zugute kommt. Heer nimmt sich auch Frauen vor, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnen will.
Ganz bewusst springt sie dabei in der Weltgeschichte vor und zurück und nimmt auch auf die ethisch-moralische Bewertung des Lebens von so mancher Frau keine Rücksicht. Was die beschriebenen Frauen gemeinsamen haben, ist der unbedingte Wille, ihr Ziel zu erreichen, auch wenn dafür große Opfer gebracht werden müssen.
Carina Heer widmet jeder Einzelnen zwischen zwei und fünf Buchseiten und streicht heraus, was sie ausgemacht hat. Da geht es dann z. B. um die Zarin Katharina II. ("Die Große"), die keine Skrupel kannte, wenn sie Macht er- und behalten wollte.
Es geht auch um Adele Spitzeder, die 1869 eine Privatbank gründete, die nur den Zweck hatte, ein Schneeballsystem am Leben zu halten. Sie nutzte die Gier ihrer Kunden aus, um ihren eigenen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Das konnte - man ahnt es bereits - nicht ewig gutgehen.
Und dann ist da auch noch die Regisseurin Leni Riefenstahl. Sie musste sich zeit ihres Lebens den Vorwurf gefallen lassen, die Nationalsozialisten im Dritten Reich mit ihren propagandistischen Filmen unterstützt zu haben. Dieses Image konnte sie für den Rest ihres über 100-jährigen Lebens nicht mehr abstreifen.
Lesen?
Carina Heer zeigt mit ihren schlaglichtartigen Beschreibungen der Schicksale von sehr unterschiedlichen 100 Frauen, dass diese in jedem Fall das Zeug hatten, es mit den Männern aufzunehmen - im Guten wie im Schlechten. Doch die Lebensgeschichten verdeutlichen auch, dass es in allen Zeiten der Menschheit oft nicht so einfach war, eine Frau zu sein - egal, aus welcher sozialen Schicht man stammte. Aufgrund der Kürze der einzelnen Biografien können diese aber eben auch nur eines sein: Schlaglichter. Deshalb kann Teufelsweiber auch als Einladung verstanden werden, sich die Biografie der einen oder anderen Frau ausführlicher anzusehen.
Das Buch ist in einem lockeren und humorvollen Tonfall geschrieben. Dieser führt allerdings auch dazu, dass so manche Lebensgeschichte etwas unkritisch daherkommt: Beispielsweise fällt die Kritik am Wirken und Einfluss von Leni Riefenstahl sehr dünn aus; die im großen Stil begangenen Betrügereien von Adele Spitzeder führten zu einer Selbstmordwelle verzweifelter Menschen, was im Text mit nur einem kurzen Satz erwähnt wird.
Teufelsweiber ist im Benevento Verlag als gebundene Ausgabe zum Preis von 24 Euro erschienen. Unter dem Titel Wahre Rebellinnen wurde es im Goldmann Verlag herausgegeben und kostet 10 Euro.
Dieses Buch ist mir zufällig über den Weg gelaufen.
Es erschien 1941 zum ersten Mal und wurde 2019 bei 'Aufbau digital' neu veröffentlicht: Die Väter des 1964 verstorbenen Autors Willi Bredel. Der Roman ist der erste Teil der Trilogie "Verwandte und Bekannte".
Im Mittelpunkt steht die Hamburger Arbeiterfamilie Hardekopf mit dem Familienoberhaupt Johann Hardekopf. Johann stammt aus Bochum, doch weil ihm die Stadt als zu grau erscheint, reist er durch Deutschland. Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg beginnt, wird er schon kurz nach Kriegsbeginn verwundet und in ein Lazarett nach Pirmasens gebracht. Zu diesem Zeitpunkt versucht er bereits, die traumatischen Erinnerungen an die Kämpfe und einen toten französischen Soldaten, den er mit seinem Bajonett erstochen hat, zu verarbeiten.
Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett sind sich die Soldaten einig, dass der Krieg nun bald vorbei sein müsse: Alle französischen Armeen konnten geschlagen werden, nun hätte von Paris aus die Heimreise angetreten werden können. Aber Paris wird weiterhin belagert, man ist dort noch lange nicht bereit, aufzugeben. Aus der Ferne beobachtet Hardekopf den Fortgang des Krieges. Er kann nicht glauben, was er sieht: Der französische Kaiser ist gefangengenommen, nun kämpfen Franzosen gegen Franzosen.
Doch es kommt für Hardekopf noch schlimmer: Einige flüchtige Kommunarden des revolutionären Pariser Stadtrats, die im Zuge des Krieges versucht hatten, eine sozialistische Verwaltung zu installieren, werden eines Nachts von einer deutschen Division aufgegriffen. Hardekopf bekommt den Auftrag, sie den Versaillern in Vincennes zu übergeben und begreift in seiner Unbedarftheit nicht, dass er sie damit dem sicheren Tod ausliefert. Die Hinrichtung der Kommunarden erlebt er entsetzt mit und erfährt, dass einer von ihnen Eisengießer gewesen ist - wie er selbst. Der Mann hatte ihn unterwegs immer wieder auf Französisch gebeten, ihn laufen zu lassen, zu Hause warteten seine Frau und seine drei Kinder.
Hardekopf wird dieses Erlebnis sein Leben lang nicht vergessen und sich bei jeder Erinnerung daran schuldig fühlen. Das Kriegsjahr hat ihn gründlich verändert. Was er in dieser Zeit erlebt hat, wird er für sich behalten.
Doch dann erfährt er, dass August Bebel, der wegen seines Eintretens für die Pariser Kommunarden in Festungshaft gesessen hat, in Bochum sprechen wird. Bebels Rede wird der Beginn für Hardekopfs Begeisterung für die Sozialdemokratie.
1879 verschlägt es Hardekopf nach Hamburg. Er ist von der Stadt sofort begeistert und findet Arbeit als Eisengießer auf einer Werft. Kaum in der Hansestadt angekommen, trifft er auf den Trauerzug von 30.000 Menschen, der sich anlässlich des Todes von August Geib formiert hat. Geib gehörte zu den Gründern der Arbeiterbewegung und war einer der bekanntesten Hamburger Sozialdemokraten. Für Johann Hardekopf ist es, als würde sich ihm eine Tür öffnen. Die Sozialdemokratie wird für ihn zu einer Leidenschaft, die bis zu seinem Tod anhält. Auch seine Kinder und seine Frau werden später mit einbezogen.
Doch Hardekopf erkennt, dass die Sozialdemokratie seinen Kindern und Schwiegerkindern weniger wichtig ist als ihm. Die größte Enttäuschung seines Lebens erfährt er, als der Kaiser 1914 die Mobilmachung verkündet: Die SPD organisiert zunächst noch Kundgebungen, stimmt dann aber Kriegskrediten zu.
Lesen?
Die Väter ist auch für diejenigen Leser interessant, die mit der Sozialdemokratie nichts anfangen können. Willi Bredel hat vieles aus der eigenen Biografie in seinem Roman verarbeitet und mit dem Eisengießer Johann Hardekopf eine Figur geschaffen, deren Lebensweg für den vieler anderer Menschen aus der Arbeiterklasse um die Jahrhundertwende steht. Der Roman entstand 1941 im Moskauer Exil und gilt als das beste Werk der Trilogie, die noch aus den Büchern Die Söhne und Die Enkel besteht.
Willi Bredel war in der DDR zehn Jahre Mitglied im ZK der SED und der Kulturkommission. Sein Eintreten für den Sozialismus in der DDR war so kompromisslos, dass er sich 1957 von seinem Freund Walter Janka, dem damaligen Leiter des Aufbau-Verlags, nach dessen Verurteilung wegen 'Boykotthetze' öffentlichkeitswirksam abwendete. Die 'Boykotthetze' war nach Artikel 6 der ersten DDR-Verfassung eine Straftat. Wer danach verurteilt wurde, verlor das aktive und passive Wahlrecht und durfte keine leitende berufliche oder Parteiposition mehr wahrnehmen. Janka hatte die Absetzung von Walter Ulbricht, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und freie Wahlen gefordert.
Das zu wissen, trägt dazu bei, Die Väter und den Autor einzuordnen. Lesenswert bleibt das Buch allemal.
Die Väter ist als E-Book für 8,99 Euro erhältlich oder kann über die Onleihe ausgeliehen werden.
Im Mittsommer wird es in Schweden während der "Weißen Nächte" nie wirklich dunkel. Doch für Lelle Gustavsson ist vor drei Jahren ein Licht erloschen, als seine Tochter Lina spurlos verschwand, nachdem er sie an der Bushaltestelle abgesetzt hatte. In ihrem Debütroman Dunkelsommer widmet sich Stina Jackson sowohl der Verzweiflung eines Vaters als auch dem Umfeld, in dem sich die Hauptfiguren befinden.
Auf der Suche
Dies ist der dritte Mittsommer, in dem Lelle die hellen Nächte nutzt, um nach seiner Tochter zu suchen. Er lebt in Norrland, dem nördlichsten Teil Schwedens, in dem sich zahllose einsame bewohnte oder unbewohnte Häuser befinden und viele Wege irgendwo im Nichts enden. Lelles Ehe ist wegen Linas Verschwinden in die Brüche gegangen, jetzt lebt er das Leben eines einsamen Wolfes und verwahrlost zusehends.
Dann kommt eine neue Schülerin an das Gymnasium, an dem Lelle als Lehrer arbeitet. Die 17-jährige Meja hat es im Schlepptau ihrer psychisch labilen Mutter Silje in die Gegend verschlagen. Auf der Suche nach einem geregelten Leben ist Silje mit ihrer Tochter bei Torbjörn, der in der Nachbarschaft auch unter dem Spitznamen "Porno-Björn" bekannt ist und in einem verfallenen Holzhaus mitten im Wald lebt, eingezogen. Meja ist eine Situation wie diese schon gewohnt: Sie kann nicht mehr zählen, wie oft ihre Mutter neue Beziehungen eingegangen ist, wegen denen sie immer wieder umgezogen sind.
Meja lernt am See nahe Torbjörns Haus Carl-Johan Brandt kennen. Er ist der jüngste von drei Brüdern und lebt mit ihnen und seinen Eltern auf einer einsamen Farm. Sein Vater Birger hegt gegen den schwedischen Staat ein so großes Misstrauen, dass er seine Familie darauf einegschworen hat, sich auf die nächste Krise vorzubereiten und völlig autark zu leben. Meja und Carl-Johan verlieben sich ineinander und schon kurze Zeit später zieht das junge Mädchen bei den Brandts ein. Doch dann verschwindet erneut ein Mädchen, diesmal vom Campingplatz. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und Lina ist verblüffend.
Wie war's?
Dunkelsommer folgt den Stereotypen, die man von schwedischen Krimis oder Thrillern bereits kennt: Hier ist es zwar nicht der Kommissar, der sich gehen lässt, Kette raucht und sich aufführt wie ein Prolet, sondern ein getriebener Vater, aber die Parallelen sind offensichtlich. Stina Jackson hat Lelles dauerhafte psychische Ausnahmesituation sehr gut beschrieben, zeichnet dann aber eine Handlung, in der viel Vorhersehbares passiert. Die einzelnen Personen wirken so, als hätte man sie auf ein Gleis gesetzt, auf dem sie sich unbeirrt vorwärts bewegen.
Jacksons Schreibstil ermöglicht ein schnelles Lesen. Das heißt allerdings auch, dass nichts passiert, das es Wert wäre, darüber nachzudenken. Man kann diesen Thriller leicht konsumieren, muss aber nicht überlegen, ihn ein zweites Mal zu lesen.
Das Buch hat unter seinem Originaltitel Silvervägen 2018 den Preis der 'Swedish Crime Writers' Academy' als bester schwedischer Kriminalroman gewonnen. Damit reiht er sich ein in eine Autorenliste, der auch Henning Mankell, Stieg Larsson, Håkan Nesser oder Åke Edwardson angehören. Damit dürfte der kommerzielle Erfolg gesichert sein.
Dunkelsommer ist 2019 in der deutschen Ausgabe bei Goldmann erschienen und kostet broschiert 15 Euro, als E-Book 12,99 Euro sowie als MP3-Hörbuch (3 CD) 12,45 Euro.
Melissa Dreyer ist die Hauptfigur im Roman Stummer Wechsel von Karin Nohr. Sie als ambitioniert zu bezeichnen, wäre eine große Untertreibung. Die promovierte Leiterin eines Gymnasiums scheint nur zwei wirkliche Leidenschaften zu kennen: ihren Beruf, durch den sie sich Achtung und Anerkennung erworben hat, und den Chor, in dem sie dank ihres außergewöhnlichen Soprans eine wichtige Rolle inne hat. Doch nicht nur der Gesang treibt die Frau jede Woche pünktlich zur Probe, sondern vor allem der charismatische Chorleiter Herbert Michaelis. Melissa ist in ihn verliebt und glaubt, zwischen sich und dem Mann eine Seelenverwandtschaft zu erkennen.
Doch dann tritt Marie Baumgarten als neues Mitglied in den Chor ein. Als sich Harald für die junge Frau interessiert, bricht Melissa tief verletzt den Kontakt zu ihm und ihre Mitarbeit im Chor abrupt ab und verfällt in eine persönliche Krise, unter der auch ihre Arbeit in der Schule leidet. Ihre äußerst loyale Schulsekretärin Anja Miljes hält ihr die Stange, was vor allem durch deren intime (und geheime) Beziehung zu Schulrat Jürgen Pönsgen gut gelingt. Als dann ein zunächst Unbekannter Melissa zu Hause mit einem Messer niedersticht, nimmt ihr Leben eine radikale Wendung.
Dass Karin Nohr promovierte Psychologin und Psychoanalytikerin ist, merkt man ihrem Roman an. Die Hauptfiguren, die zum Teil über Eigenschaften verfügen, die sie dem Leser zunächst suspekt oder unseriös erscheinen lassen, lassen im Laufe der Handlung gewissermaßen ihre Hüllen fallen. Man erkennt, welche Last aus der Vergangenheit sie mit sich herumtragen und wie sie von ihnen nahestehenden Menschen verletzt wurden. Ihnen ist gemeinsam, dass sich jede auf eigene Weise mit ihrem Schicksal arrangiert, sich aber niemand professionelle Hilfe geholt hat.
Stummer Wechsel ist spannend geschrieben und bekommt durch Nohrs Humor einen unverwechselbaren Stil. Am Ende des Romans fragt man sich unwillkürlich, welche Lasten aus der Vergangenheit sich bis heute auf das eigene Verhalten und den Lebensweg auswirken und was sich hinter der Fassade unserer Mitmenschen verbergen mag. Die Redewendung, die der Titel dieser Rezension ist, gibt einen Hinweis darauf. Lesen!
Stummer Wechsel ist im Größenwahn Verlag erschienen und kostet in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 15 Euro, als gebundenes Buch 21,90 Euro und als E-Book 9,99 Euro.
Bei diesem Buch ist es schwer zu entscheiden, ob die
schönen Grafiken und Kalligrafien oder die Sprichwörter im Mittelpunkt stehen. Für Marokkanische Sprichwörter hat der Donata Kinzelbach Verlag beides zu einer perfekten Auswahl zusammengefügt.
Dieses Buch hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Einige Frauen, die in Marokko unter problematischen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen lebten, hatten sich zu einem Alphabetisierungskurs entschlossen. Sie wollten eigenständiger werden, selbst Busfahrpläne lesen können und ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen. Der Alphabetisierungskurs wurde von der Zakoura-Stiftung durchgeführt. Die private Stiftung wurde 1997 gegründet und fördert die Bildung von Kindern, die Ausbildung junger Menschen und die Eigenständigkeit von Frauen. Sie war die erste Organisation in Marokko, die an Frauen Mikrokredite vergab, ähnlich wie die Grameen-Bank in Indien.
Die Kursteilnehmerinnen wurden gebeten, Sprichwörter aufzuschreiben, die in ihnen besondere Gefühle auslösen oder in ihren Familien benutzt werden. Sie sammelten Sprichwörter, die ihnen gefielen oder über die sie sich ärgerten. Die Sätze wurden anschließend nach den Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander geordnet.
Parallel zu dieser Aktion wurde in 15 Dörfern, die über ganz Marokko verteilt waren, ein Kalligrafie-Wettbewerb ausgelobt. Es galt, das Dorf zu finden, in dem die meisten künstlerisch begabten Frauen lebten. Die arabische Kalligrafie zählt als Kunstform und ist im Islam entstanden. Sie gilt als die ästhetische Seite der islamischen Religion. Es wird oft behauptet, die arabische Kalligrafie sei wegen des islamischen Bilderverbots entstanden. Doch ob von einem Bilderverbot überhaupt die Rede sein kann, ist selbst unter Fachleuten umstritten.
Es ist hilfreich, das zu wissen, bevor man sich diesem Buch zuwendet. Wie schön es aufgemacht ist, zeigen diese Bilder. Es geht los mit Sprichwörtern, die Ehemänner über Frauen sagen:
"Wenn man Frauen die Geschäfte lenken lässt, so ist das, als ließe man dem Maultier die Zügel los." Da muss man nicht lange raten, in welche Kategorie dieser Satz aus der Sicht der Frauen fällt. Glücklicherweise haben sich viele Marokkanerinnen mithilfe der Zakoura-Stiftung auf den Weg gemacht.
Der zweite Spruch fällt milder aus: "Der Stock ist nur dann dein Freund, wenn er dich beim Überqueren des Flusses stützt."
Hier ist ein Auszug aus dem Kapitel, in dem es um Sprichwörter geht, die Frauen missfallen. Mit diesem geht es los: "Eine Frau und eine Eselin behandle nicht als Gäste, sondern sorge dafür, dass sie sich an die Arbeit machen." Als Frau hebt man bei solchen Worten mindestens missbilligend die Augenbrauen - um sich dann daran zu erinnern, dass diese Haltung weit verbreitet war, auch im christlichen Raum. Allerdings wurde das nicht so deutlich formuliert.
"Wer seinen Kopf in den Trog steckt, riskiert Schnabelhiebe abzubekommen", heißt der zweite Satz auf der Seite.
Und hier kommen zwei der Lieblingssprichwörter der Frauen: "Wer mich liebt, liebt mich wie ich bin, nicht nur, wenn ich geschminkt bin, sondern sogar dann, wenn ich mit Ruß verschmiert bin." Das wünscht sich wohl jede(r).
Es geht weiter mit diesem Sprichwort: "Wer nicht sein Leid zum Ausdruck bringt, der ist schlecht beraten - und zwar vom Satan selbst." Oder um es europäisch kurz zu sagen: Lass es raus.
Marokkanische Sprichwörter ist ein Buch für die Seele: Manche Sprichwörter machen nachdenklich, andere amüsieren. Die Illustrationen mit ihren Kalligrafien versetzen die Leser gedanklich in den Orient. Eine Auszeit, die vielen gerade jetzt in der Zeit von Covid-19 willkommen sein dürfte.
Marokkanische Sprichwörter ist 2011 erschienen und für 24 Euro direkt beim Verlag Donata Kinzelbach oder bei jedem örtlichen Buchhändler erhältlich.
Diese Frauen haben an dem Alphabetisierungskurs der Zakoura-Stiftung teilgenommen:
Mitte Januar 2020 hatte ich hier bereits zwei Bücher aus dem Verlag Donata Kinzelbach vorgestellt. Im heutigen Buch geht es um ein Stück der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Algerien in der jüngsten Vergangenheit durchgemacht hat.
In dem Buch Im Aufbruch, herausgegeben von dem algerischen Dichter Amin Khan, versammeln sich 19 Texte von zum Teil namhaften algerischen Dichtern, Schriftstellern, Journalisten und/oder Wissenschaftlern. Alle beschäftigen sich mit den seit Februar 2019 in Algier stattfindenden Demonstrationen, an denen zehntausende Menschen teilnehmen.
Zunächst ging es um den Protest gegen die am 12. September 2019 geplante Präsidentschaftswahl. Es wurde zwar zwischenzeitlich klar, dass der an der Macht hängende greise und gesundheitlich schwer angeschlagende bisherige Präsident Bouteflika nun doch nicht mehr kandidieren würde, aber das änderte wenig am Zorn der Algerier.
Schon viel zu lange fühlten sie sich ausgebootet. Diejenigen, die den Staat repräsentierten, haben nicht zugunsten des Volkes gehandelt, sondern zugunsten der eigenen Taschen. Junge Algerier haben entweder kaum eine Chance auf eine Berufsausbildung oder können den erworbenen Hochschulabschluss im eigenen Land nicht nutzen. Viele von ihnen haben im Laufe der Jahre versucht, der bodenlosen Hoffnungslosigkeit in der eigenen Heimat durch die Flucht übers Mittelmeer zu entgehen.
Die Texte handeln nicht nur von der Wut gegen die Regierung. Es geht auch um die Achtung, die die Älteren nun den Jungen entgegenbringen, weil diese Proteste organisieren und eine Veränderung erreichen wollen. Auch das, was in der algerischen unruhigen und gewaltsamen Geschichte, insbesondere seit Ende der 1980-er Jahre, passierte, wirkt bis heute in den Menschen nach. So berichtet zum Beispiel der Arzt Farid Chaoui von schwer traumatisierten Patienten quer durch alle Altersgruppen, die aus einer bestimmten Region kommen, die am meisten unter Gewalt und Terrorismus zu leiden hat.
Die algerische Protestbewegung ist seit mehr als einem Jahr aktiv und verschafft sich Gehör. Aktuell wird sie durch Covid-19 gestoppt. Wie es mit ihr und dem Land weitergeht, wenn die Pandemie vorbei ist, weiß heute keiner.
Im Aufbruch ist als Taschenbuch erschienen und kostet 22 Euro.
Über dieses Buch habe ich irgendwo gelesen, dass es nur von Frauen rezensiert wird. Ich konnte es kaum glauben und habe versucht, die Rezension eines Mannes zu finden. Fehlanzeige. Diejenigen Männer, die gelesen oder gehört werden, scheinen sich für die andere Hälfte der Menschheit nicht zu interessieren.
Die britische Journalistin Caroline Criado-Perez beschreibt in Unsichtbare Frauen, wie es kommt, dass unsere Welt an den Frauen vorbei kreiert wird. Und merkt an, dass uns Frauen das selbst oft gar nicht (mehr) auffällt, weil wir es nicht anders kennen. Wenn man die Beispiele liest, anhand derer sie diese Situation erläutert, kann einem als Frau durchaus der Hals anschwellen.
Da sind die Dinge, die lediglich unbequem sind wie zum Beispiel Smartphones, die für eine durchschnittliche Frauenhand zu groß sind. Da hört es - man ahnt es bereits - aber noch lange nicht auf. Die übliche Bürotemperatur ist für Frauen zu kalt, Sicherheitstest für Autos werden fast ausschließlich mit männlich konstruierten Dummys durchgeführt, medizinische Forschungen ignorieren spezifische weibliche Besonderheiten wie z. B. die Menstruation, die Menge an Muskel- und Fettgewebe oder das Schmerzempfinden. Die Folge ist, dass Frauen ständig größeren Lebensrisiken ausgesetzt sind. Ein Beispiel: Sie erleiden als Fahrerinnen bei einem Verkehrsunfall eher schwere Verletzungen oder werden getötet als Männer. Die Ingenieure, die mit der Konzeptionierung der Fahrgastzelle beschäftigt sind, gehen in aller Regel davon aus, dass Frauen in der überwiegenden Zeit, die sie in einem Auto sitzen, dies als Beifahrerinnen tun. Daher ist der Platz für den Fahrer für männliche Bedürfnisse optimiert: Die Position der Sicherheitsgurte ist nicht an die weiblichen Brüste angepasst, der Abstand zwischen Sitz und Pedalen für Frauen nicht optimal - woran auch ein Vorschieben des Sitzes nichts ändert, weil dann die Sitzhaltung ungünstig ist.
Richtig irritierend wird es, wenn es um die Erforschung von Erkrankungen geht, unter denen nur Frauen leiden. Das prämenstruelle Syndrom (PMS) beispielsweise, das den meisten Frauen in schöner Regelmäßigkeit eine breite Palette verschiedener Schmerzen beschert, ist in der Welt der Wissenschaft etwa so von Interesse wie ein mit den Ohren wackelndes Pferd. Die allgemeinen Ratschläge sind banal und helfen vielen Frauen nicht weiter.
Frauen sind stärker durch Epidemien beeinträchtigt, tragen - wie schon vor Jahrzehnten - die Hauptlast bei der unbezahlten Familien- und Krankenpflege und sind stärker Gewalt ausgesetzt als Männer.
Caroline Criado-Perez hat ihr Buch in Kapitel wie z. B. 'Am Arbeitsplatz' oder 'Öffentliches Leben' eingeteilt und bildet so das ganze Spektrum von Frauenleben ab. Sie hat sich durch so viele Studien und wissenschaftliche Aufsätze gelesen, dass ihr Quellenverzeichnis 70 Buchseiten umfasst.
Immer wieder räumt sie ein, bei manchen Fragestellungen auf Material zurückgreifen zu müssen, das bereits einige Jahre alt ist. Zu einigen Themen wurden Forschungsreihen angekündigt, die aber nicht durchgeführt oder schnell wieder eingestellt wurden.
Die Autorin stellt allerdings klar, dass sie nicht davon ausgeht, dass diese zulasten der Frauen gehende massive Datenlücke mit Absicht existiert. Sie blickt zurück und stellt fest, dass diese Gender Data Gap praktisch schon immer existiert hat. Lebensläufe von Männern gelten im Allgemeinen als repräsentativ für ihre Zeit. Dieses Bewusstsein ist so fest verankert, dass Männer unausgesprochen die Selbstverständlichkeit und Frauen so etwas wie eine Abweichung davon sind.
Criado-Perez zitiert Simone de Beauvoir mit einer Äußerung aus dem Jahr 1949: "Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst: Sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen. [...] Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: Sie ist das Andere."
Wer sich jetzt noch fragt, ob man den Feminismus 2020 tatsächlich noch braucht, sollte dieses Buch lesen. Und die Männer, die glauben, dass die Wahrnehmung und Berücksichtigung von Frauen Frauensache sei, sollten darüber nachdenken, wie es ihnen gefällt, ihre Partnerinnen, Mütter, Schwestern und andere Frauen, die ihnen wichtig sind, in einem Umfeld zu sehen, das deren Interessen und Bedürfnisse hintanstellt und sie gefährdet.
Ich habe in einem sozialen Netzwerk die Reaktion eines Mannes auf dieses Buch gelesen. Er schrieb ironisch, dass es unter diesen Umständen ja ein Wunder sei, dass Frauen im Durchschnitt länger lebten als Männer. Ja, das tun sie. Aber weil die Medizin sie als Frauen im Stich lässt, verbringen sie die letzten zwölf Jahre ihres Lebens bei schlechter Gesundheit.
Unsichtbare Frauen ist bei btb erschienen und kostet in der broschierten Ausgabe 15 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.
Caroline Criado-Perez wurde 2013 zum Human Rights Campaigner of the Year und 2015 zum Officer of the Order of the British Empire (OBE) ernannt.
Mit Todesfalle setzt die amerikanische Autorin Karen Rose ihre sog. Baltimore-Reihe fort. Der Einstieg hat alles, was ein guter Thriller braucht: Die elfjährige Jazzie findet ihre Mutter in der Wohnung auf dem Boden liegend vor - erschlagen, das Gesicht bis fast zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Täter ist noch da und sucht fluchend in den Schränken nach Wertgegenständen. Jazzie ist klar, welches Schicksal ihr blüht, wenn er sie hier entdecken sollte: Sie kennt ihn und seine Brutalität nur zu gut. Das Mädchen versteckt sich hinter einem Sessel und hofft, nicht von ihm gefunden zu werden.
Jazzie trifft gemeinsam mit ihrer 5-jährigen Schwester Janie einen Monat später auf die 23-jährige Taylor Dawson. Taylor hat ihr Psychologie-Studium beendet und ein Praktikum als Therapeutin auf der Farm Healing Hearts with Horses in Hunt Ville, Baltimore, begonnen. Dort soll den beiden Mädchen dabei geholfen werden, mit ihrem traumatischen Erlebnis fertig zu werden.
Taylor hat jedoch nicht in erster Linie der Job dazu bewogen, sich auf die 3.000 Kilometer lange Reise aus dem heimatlichen Kalifornien nach Baltimore zu machen. Sie ist auf der Suche nach einer bestimmten Person, von der sie hofft, sie auf der Farm zu finden. Was sie nicht weiß: Diese Person hat selbst die letzten 20 Jahre immer wieder versucht, sie zu finden. Kann man Taylor trauen?
Karen Rose lässt die Wege von Jazzie und Taylor miteinander kreuzen. Das führt dazu, dass beide in das Visier des brutalen Mörders geraten, der innerhalb kürzester Zeit mehrere Menschen tötet. In seinen Augen sind sie nur Kollateralschäden, die dazu dienen, sein wahres Ziel zu erreichen.
Lesen?
Das Buch ist bereits der fünfte Teil der Baltimore-Reihe. Deshalb ist die Vielzahl der Personen, die an der Handlung beteiligt und den Lesern der vorigen Bände geläufig sind, manchmal etwas unübersichtlich. Karen Rose flicht in die zwei Tage, während der sich die Ermittlungsarbeit der Polizei und die Jagd des Killers auf Taylor und Jazzie abspielt, noch eine Liebesgeschichte ein. Das ist für diesen kurzen Zeitraum ziemlich gedrängt. Die seelische Achterbahn, die sich da bei einigen Personen abspielt, und ihre gleichzeitige Fähigkeit, trotzdem noch überwiegend unaufgeregt und vernünftig zu reagieren, ist etwas unglaubwürdig.
Todesfalle ist ein Buch, das zur Unterhaltung gelesen werden kann. Nicht mehr und nicht weniger. Zu große Erwartungen sollte man nicht haben.
Der Titel ist bei Knaur erschienen und kostet broschiert 16,99 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.
Ausnahmsweise schreibe ich diesmal nicht über ein Buch, sondern über ein ausgefallenes Großereignis: die Leipziger Buchmesse. Vom 12. bis zum 15. März 2020 sollte sie gehen. Viele Buchfans hatten sich auf die Messe gefreut, Verlage sich einen Umsatzschub erhofft. Insbesondere für die kleineren von ihnen ist die Absage bitter. Aber dann kam das, was in den Medien undeutlich als "das Corona-Virus" bezeichnet wird, als gäbe es nur eines davon.Nun heißt das Virus offiziell "SARS-CoV 2" und die von ihm verursachte Krankheit "Covid-19". Hier steht ein bisschen mehr darüber.
Mittlerweile sind die Menschen aufgrund des medialen Trommelfeuers so verunsichert, dass Hamsterkäufe getätigt werden. Handseife ist genau wie Toilettenpapier, Nudeln oder Lebensmittel in Dosen so begehrt, dass die Regale in manchen Supermärkten große Lücken aufweisen. Apotheker haben oft kein Desinfektionsmittel mehr. Mir wurde sogar erzählt, dass es Leute gibt, die sich auf Krankenhausfluren herumdrücken und sich dort beim Toilettenpapier und dem Handdesinfektionsmittel bedienen. Ziemlich erbärmlich ist das, was manche da abliefern, kaum, dass ihnen ein kleines Krisenlüftchen um die Nase weht. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert, wenn wir irgandwann mal eine echte Krise haben sollten.
Wegen Covid-19 wurde neun Tage vor ihrem geplanten Start die Leipziger Buchmesse abgesagt. Zum Zeitpunkt der Absage war ich zufällig in Leipzig und habe mir die Stadt angesehen. Wer Leipzig besser kennt, dem sagt wahrscheinlich die "Runde Ecke" etwas. Das ist eine Gedenkstätte in der Innenstadt, die anhand von Originalexponaten zeigt, wie die Stasi es geschafft hat, die Bevölkerung zu überwachen, zu unterdrücken und einzuschüchtern. Sehr interessant, der Besuch lohnt sich. Die Gedenkstätte befindet sich in den Räumen der Stasi-Bezirksverwaltung, wo auch ein Büro oder eine Zelle für Untersuchungshäftlinge gezeigt werden.
Auf einem Tisch in der Nähe des Eingangs lag dieser Flyer. Die Gedenkstätte hatte für die Buchmesse ein eigenes umfangreiches Programm unter dem Motto "Leipzig liest" vorbereitet, das darin ausführlich vorgestellt wurde. Unter diesem Motto tun das zu jeder Buchmesse zahleiche Veranstalter außerhalb des Messegeländes.
Für die ersten drei Messetage waren sechs bis sieben Termine für Lesungen vorgesehen, am letzten Tag sollte eine Matinee-Lesung stattfinden. So ein Programm auszuarbeiten, den Termin vorzubereiten etc. ist sehr aufwendig. Die Enttäuschung, dann alles vergeblich getan zu haben, muss beim Planungsteam riesengroß gewesen sein.
Doch gleich neben dem Flyer lag ein Informationsblatt. Mit seiner leuchtend gelben Farbe war es nicht zu übersehen. "Leipzig liest doch" war es übertitelt und teilte mit, dass alle Termine wie geplant stattfinden würden. Aus diesen Worten spricht eine "Jetzt erst recht"-Mentalität, der Wunsch, sich nicht so einfach unterkriegen zu lassen. Ich werde dann leider nicht mehr in Leipzig sein. Ich wünsche den Machern der "Runden Ecke" aber, dass ihre Veranstaltungsreihe ein Erfolg und ihre Mühe nicht vergeblich gewesen sein wird. Trotz Covid-19.
Marion Gräfin Dönhoff war lange Jahre Herausgeberin und Chefredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT und eine einflussreiche Publizistin, die mit den Mächtigsten ihrer Zeit Kontakt hatte und mit vielen von ihnen befreundet war. Gleichzeitig wurde ihre eine etwas unterkühlte Aura nachgesagt. Die Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMMA, Alice Schwarzer, hat noch zu Lebzeiten Dönhoffs eine Biografie über sie geschrieben: Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben.
Marion Dönhoff wurde 1909 als jüngstes von sieben Kindern auf Schloss Friedrichstein in der Nähe von Königsberg geboren. Entgegen der damals üblichen Gepflogenheiten bestand sie darauf, das Gymnasium zu besuchen - als einziges Mädchen. So durchsetzungsstark, wie ihr Leben begonnen hatte, sollte es auch weitergehen. Alice Schwarzer hat im Laufe eines Jahres in zahlreichen Gesprächen mit Dönhoff sowie deren Angehörigen und Freunden viele kleine Puzzlestücke zusammengetragen, die sich in diesem Buch zu einem Bild zusammenfügen.
Die Biografie zeigt, unter welchen Umständen Marion Dönhoff die Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und den 2. Weltkrieg in Ostpreußen erlebt hat. Schwarzer schildert, dass es da einen kurzen Moment in Dönhoffs Leben gab, in dem dieser die Vorstellung, Sozialismus und Nationalismus miteinander zu verbinden, attraktiv erschien. Sie erlebte Adolf Hitler dann, als er in einer Schule eine Rede hielt:
"Er trat auf, tobte, geiferte und redete, wie ich fand, viel Unsinn. Angewidert kam ich zurück und erklärte (..): 'Ohne mich! Mit denen nie!'"
In dieser Zeit beobachtet sie, dass nur wenige Menschen wussten, was eine Demokratie ausmacht: "Alle hatten nur noch einen Wunsch: den starken Mann am Ruder zu sehen."
Unter abenteuerlichen Umständen musste Marion Dönhoff im Januar 1945 Ostpreußen in Richtung Westen verlassen. 1.200 Kilometer legte sie in klirrender Kälte auf ihrem Pferd zurück, bevor sie in Westfalen ankam. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch eine ganze Reihe Menschen verloren, die ihr wichtig waren: Ihr Bruder und ihre Neffen waren im Krieg gefallen, mehrere Freunde wurden als Verschwörer im Zusammenhang mit dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Dönhoff hatte sie unterstützt und es nur ihrem Glück zu verdanken, nicht selbst verhaftet worden zu sein. Die Witwen der Hingerichteten erhielten einige Tage später eine Rechnung über die 'Gebühr für die Todesstrafe' und die 'Kosten der Vollstreckung'. Die vielen schlimmen und existenziellen Erfahrungen hatten das Wesen von Dönhoff verändert, sie war hart geworden.
Alice Schwarzer beschreibt den Weg Marion Dönhoffs nach Hamburg in die Redaktion der ZEIT. Dönhoff berichtet über die Nürnberger Prozesse, die Demontage der Industriebetriebe und den Grund, der sie dazu veranlasste, sich kurzzeitig von der ZEIT abzuwenden: Einer der Mitbegründer und Chefredakteur der Wochenzeitung, Richard Tüngel, fand nichts dabei, dass der Staatsrechtler Carl Schmitt, ein seit 1933 aktives Mitglied der NSDAP, dort Artikel schrieb. Hier wird erneut ihr starke Abneigung gegen den Nationalsozialismus deutlich, der sie ihr ganze Leben lang schreibend Ausdruck gegeben hat.
Man wundert sich zunächst etwas, dass einer bekannten Feministin wie Alice Schwarzer so viel daran lag, sich biografisch einem Menschen wie Marion Dönhoff zuzuwenden, die vom Feminismus nie viel gehalten hat. Im zweiten Teil des Buches findet man ein Interview aus dem Jahr 1995, in dem Schwarzer ihre eigene Verwunderung darüber formuliert hat:
"Es sieht so aus, als würde unser Buch bald erscheinen. Meinen Sie nicht, dass einige Leute erstaunt gucken werden, wenn unserer beider Namen auf einem Buchdeckel stehen?" - Antwort Dönhoff: "Sicher ist das so. Aber das ist mir wurscht."
Wer Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben gelesen hat, erfährt nicht nur viel über die 2002 verstorbene Journalistin, sondern bekommt einen tiefen Blick in die deutsche Geschichte. Das Buch wird zum Schluss durch eine Auswahl an von Dönhoff zwischen 1950 und 1995 für die ZEIT verfassten Artikeln abgerundet, in denen sich sehr deutlich erkennen lässt, welche Themen sie bewegt haben.
Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben hat mir als vom Verlag Kiepenheuer & Witsch herausgegebenes E-Book vorgelegen. Der Titel wurde zuerst 1996 und dann erneut 2017 veröffentlicht. Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich, das gebundene Buch kostet 17,95 Euro und das Taschenbuch 9,99 Euro.